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Veröffentlicht am 26.11.2019

Absurd und originell

Die Ewigkeit in einem Glas
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Ich fange mit dem an, wodurch sich das Buch am meisten auszeichnet und das ist seine eigentümliche Sprache. „Die Ewigkeit in einem Glas“ hatte von Anfang an einen so einnehmenden und gleichzeitig irritierenden ...

Ich fange mit dem an, wodurch sich das Buch am meisten auszeichnet und das ist seine eigentümliche Sprache. „Die Ewigkeit in einem Glas“ hatte von Anfang an einen so einnehmenden und gleichzeitig irritierenden Schreibstil, dass ich mir nicht sicher war, ob es 1. genau meinen Geschmack trifft und eine kreative und sprachgewaltige Abwechslung ist oder 2. mich mit Fortschreiten der Geschichte zu Tode nerven würde. Ersteres war zum Glück der Fall. Es fällt mir nicht leicht, die Ausdrucksweise von Jess Kidd in Worte zu fassen. Erzählt wird die Geschichte im Präsens und in der dritten Person - von einem allwissenden Erzähler scheinbar, der sich subtil über die Geschichte und die meisten Protagonisten lustig macht. Er kommentiert mit Klammern, Ausrufezeichen, Kursivierungen; zuweilen wird der Leser direkt adressiert wie auf S. 33: „Schau nach oben“.

So gut mir die Sprache eigentlich auch gefallen hat, muss ich doch einiges kritisieren - an der Übersetzung. Die beiden Übersetzer haben nämlich leider eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die vielleicht den absurd-amüsanten Stil von Jess Kidd unterstützen sollten, wobei sie leider übers Ziel hinausgeschossen sind. Englische Wörter werden teilweise direkt ins Deutsche übertragen ohne Rücksicht auf das Sprachregister: „miraculous“ ist im Englischen ein ganz normales Wort, die Wahl von „mirakulös“ (S. 20) auf Deutsch liest sich aber sehr befremdlich. Bei Sätzen wie „Die Apothekerinnung ist immer noch fassungslos.“ (S. 156) weiß man hingegen überhaupt nicht, was gemeint ist und ob es sich um einen Fehler oder ein weiteres sprachliches Hirngespinst handelt. Ein weiteres Beispiel: „Ihr dreht sich das Herz im Leibe herum.“ (S. 86). Ich finde, dass das Werk schon im Original seltsam genug ist und man nicht an der fein abgestimmten Ausdrucksweise der Autorin hätte herumpfuschen sollen.

Darüber hinaus hat mir alles andere sehr gut gefallen. Das Buch ist sowohl spannend erzählt als auch geschickt konstruiert mit Rückblicken und einer Geschichte in der Geschichte, die der entführten Christabel erzählt wird. Aus diesen Schnipseln setzt sich Schritt für Schritt ein Gesamtbild der Entführung und von Bridies Vergangenheit zusammen. Die Figuren waren interessant und glaubwürdig, wenn sie auch teilweise grotesken Karikaturen ähnelten, denn fast jeder in dem Buch wird als irgendwie unansehnlich beschrieben. Auch Bridie ist zwar nicht unattraktiv, hat dafür aber einen skandalös-schlechten Kleidungsstil. Möglicherweise soll sich in dieser allgegenwärtigen Hässlichkeit das schmutzige London des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. In jedem Fall passte das zur Geschichte und besonders von den Nebenfiguren habe ich einige ins Herz geschlossen. Die romantischen Gefühle, die sich im Verlauf des Buches zwischen Bridie und einer weiteren Figur entwickeln, werden unglaublich schön beschrieben, wenn sie auch für den Leser (aber in gewisser Weise auch für Bridie selbst) aus dem Nichts kommen. Der Verlauf dieser Romanze hat mich zu Tränen gerührt. Ergänzt wird die tolle Erzählung durch obskure Informationen zu Medizingeschichte und Mythologie. Herrliche Situationskomik lockert die tragischen und teilweise grausamen Geschehnisse auf.

Alles in allem eine gelungene Gothic Novel.

Veröffentlicht am 16.10.2019

Eine unerwartete Wendung nach der anderen

Meine wunderbare Frau
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Dieses Buch ist ein spannendes und intelligent konstruiertes Thriller-Debüt von Samantha Downing, deren zweiter Thriller 2020 (auf Englisch) erscheint.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass man es ...

Dieses Buch ist ein spannendes und intelligent konstruiertes Thriller-Debüt von Samantha Downing, deren zweiter Thriller 2020 (auf Englisch) erscheint.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass man es aus Täterperspektive liest. Der Erzähler und seine Frau ermorden Frauen. Die Motive hierfür sind komplex und werden nur nach und nach aufgedeckt. Ich konnte mir zunächst schwer vorstellen, dass so eine Geschichte konstant die Spannung aufrechterhalten kann. Dass es trotzdem gelingt, liegt an dem Schreibstil der Autorin und ihrer gelungenen Wahl der ersten Person Singular als Erzählperspektive, mit Präsens als Erzähltempus und mit schlichten, meist kurzen Sätzen, die das Ganze so authentisch und mitreißend wie möglich machen. So frisch und klar wie die Sprache sind auch die Charakterisierungen, man findet hier wenig Klischees. Besonders der Erzähler ist eine interessante, glaubwürdige Figur. Er beschreibt seinen Alltag, das Familienleben, das Planen und Durchführen der Verbrechen sachlich, aber sehr intensiv. Man kann ihn kaum für sein Verhalten verurteilen, stattdessen nimmt man die Erzählung einfach so hin. Die Geschichte lebt von dem Nervenkitzel, den der Gedanke verursacht, dass ganz normale Menschen die abscheulichsten Geheimnisse haben könnten und man eben nicht in seine Nachbarn oder sogar Freunde und Familie hineinsehen kann. Dagegen kommt das Buch fast gänzlich ohne blutige Beschreibung der Taten oder Tatorte aus, die Grausamkeit wird stets nur angedeutet. Der Horror spielt sich hier auf einer anderen Ebene, der der zwischenmenschlichen Beziehungen, ab. Hierzu passt, dass sogar Millicent für den Erzähler genauso undurchsichtig bleibt wie für die Leser, obwohl die beiden eine liebevolle Beziehung führen.

An dieser Stelle eine Anmerkung zum Cover: Ich finde es gelungen, man erkennt in der Mimik der Frau Millicent wieder. Was mich aber sehr stört: Immer und immer wieder wird im Buch beschrieben, dass sie rote Haare hat (wie auf dem englischen Cover auch dargestellt). Die Frau auf dem deutschen Cover ist aber eindeutig blond. Einerseits ist es nur eine Kleinigkeit, aber andererseits finde ich es umso weniger verständlich, dass man dann bei der Wahl des Models von der Beschreibung im Buch so bewusst abweicht. Wie viel mehr Aufwand wäre es gewesen eine rothaarige Frau abzubilden?

So gut mir das Buch insgesamt gefallen hat, gibt es doch noch weitere kleine Kritikpunkte. Überwiegend war die Handlung intelligent konstruiert, immer wieder gab es unerwartete Wendungen, die der Geschichte neue Facetten gegeben haben. Die Auswirkungen des Handelns des Paars auf verschiedene Menschen in ihrem Umfeld zeigen, dass die Autorin sich intensiv Gedanken gemacht hat, bevor sie das Buch geschrieben hat. Dennoch gibt es auch immer wieder Schwächen in den Plänen und kleinere Logikfehler. Am meisten haben mich die allerletzten Sätze des Buches gestört, die nochmal eine Wendung enthalten, die schockieren soll, aber für mich nicht richtig glaubwürdig war. Ich kann hier natürlich nichts dazu verraten, aber ich finde, dass die Person, um die es geht, für ihr Handeln über die ganze Geschichte hinweg etwas gegensätzliche Motive hatte und nachdem man das Gefühl hatte, dass es das eine war, das sie angetrieben hat, wird dann doch wieder das andere ins Spiel gebracht, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Außerdem hat man einige große Offenbarungen lange vorausgeahnt. Sprachlich haben immer wieder kleinere Übersetzungsfehler gestört, z.B. auf S. 410f.: "Ich sehe mir die Bilder an, die ich vom Haus gemacht habe." Im Original muss "that I have taken" gestanden haben, was ambig ist; hier ist aber eindeutig gemeint, dass die Bilder aus dem Haus mitgenommen wurden.

Dennoch empfehle ich das Buch gerne weiter und freue mich schon auf den nächsten Thriller der Autorin, den ich aber vielleicht lieber im Original lesen werde.

Veröffentlicht am 30.09.2019

Im Westen nichts Neues...

Ein anderer Takt
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Was mich am meisten an dem Buch überrascht hat: Es ist 1962 erschienen. Die Wiederentdeckung des Werks hat sich aber gelohnt, denn man nimmt nur bedingt wahr, dass es in einer anderen Zeit spielt als heute. ...

Was mich am meisten an dem Buch überrascht hat: Es ist 1962 erschienen. Die Wiederentdeckung des Werks hat sich aber gelohnt, denn man nimmt nur bedingt wahr, dass es in einer anderen Zeit spielt als heute. Zu ähnlich sind die Probleme, wenn sie auch an der Oberfläche anders scheinen als damals. Tatsächlich gewinnt man fast den Eindruck, dass durch die Bemühungen der letzten Jahre, eine möglichst inklusive Gesellschaft mit respektvollem Umgang miteinander zu erschaffen, nur wieder Öl ins Feuer des alten Konfliktes gegossen wurde: des Konfliktes zwischen "Weißen" und "Farbigen" - Kategorien, die eigentlich völlig sinnlos sind, da sie eine Homogenität suggerieren, die nicht existiert. Die Ähnlichkeiten sind auch darum so frappierend, weil der Autor als Setting nicht die Zeit gewählt hat, in der es noch Sklaverei in den USA gab, sondern eine Zeit, in der diese eigentlich schon abgeschafft war, in der sich aber viele Dinge kaum bis gar nicht geändert hatten. Gleichberechtigung musste noch erkämpft werden und wo sie auf dem Papier besteht, ist sie teilweise auch heute noch nicht in Köpfen und Herzen der Menschen angekommen.

Die Geschichte wird ausschließlich aus der Sicht der weißen Bewohner von Sutton erzählt, wobei diejenigen ausgewählt wurden, die der farbigen Bevölkerung gegenüber positiv eingestellt sind. Es kommen auch Tagebucheinträge und Briefe vor. Die Erzählweise ist so intim, so authentisch, dass man sich in jede Figur gut hineinversetzen kann und sich über jedes Puzzlestück ihres Lebens und diverse auftauchende Querverbindungen freut. Das Buch ist spannend zu lesen, obwohl gar nicht so viel passiert. Auch die Figur des Tucker Caliban ist gekonnt geschrieben, er bleibt unnahbar und kaum verständlich, irgendwie vage. Das passt dazu, dass Tucker selbst nicht versteht, was ihn antreibt. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal und er tut einfach das, was sich richtig anfühlt.

Ich finde, dass das Buch eine wertvolle Aussage enthält, nicht einmal primär zu dem Verhältnis von "Weißen" und "Farbigen", im Großen und Ganzen geht es für mich auch um das Verhältnis von privilegierter Schicht und Unterschicht. Die gesamte farbige Bevölkerung des fiktiven Staates macht es Tucker gleich und wandert aus - und die Weißen bleiben zurück mit viel mehr Land als sie bebauen können und wirtschaftlichen Konsequenzen, die kaum absehbar sind. Einigen besserverdienenden Mitgliedern der Gesellschaft würde es durchaus nicht schaden, einmal darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn sie auf z.B. Reinigungskräfte, die gesamte Dienstleistungsbranche verzichten und entsprechende Arbeiten selbst verrichten müssten.

Eines hat mich aber leider gestört: Das Buch hat ein Nachwort, in dem die Lebensgeschichte des Autors von dessen Tochter kurz umrissen wird. Dieses hat mir gut gefallen. Das Vorwort hingegen war nur bedingt nützlich. Zum einen finde ich es nicht zweckdienlich, einen Text mit Spoilern an den Anfang eines Buches zu setzen, obwohl das meistens so gemacht wird. Solche Texte gehören ans Ende. Zum anderen haben mich die ganzen persönlichen Erfahrungen der Autorin des Vorworts mit Kelleys Büchern nicht interessiert. Stattdessen wäre es für deutsche Leser weitaus nützlicher, ein wenig historischen Kontext vermittelt zu bekommen, und zwar systematischer, als es im Buch der Fall war, und nicht so sehr auf den Autor fokussiert, da die entsprechende Zeit je nach Schule kaum behandelt wird. Dafür hätte man auf die biografischen Informationen, die sich mit dem Nachwort der Tochter decken, besser verzichtet. Es ist schlichtweg schade, dass dieses Buch lange in Vergessenheit geraten war. Ohne eine sinnvolle Aufbereitung, die einem möglichst breiten Publikum einen Zugang zum Buch ermöglichen, wird dies allerdings vermutlich nach der Publikation erneut passieren.

Veröffentlicht am 30.09.2019

Wichtiges Thema unterhaltsam aufbereitet

Klartext: Impfen! - Ein Aufklärungsbuch zum Schutz unserer Gesundheit
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Die beiden Autoren stellen das Problem im Vorwort sehr treffend dar: Das Thema „Impfen“ sorgt seit einiger Zeit für sehr emotionale, hitzige Diskussionen, wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. ...

Die beiden Autoren stellen das Problem im Vorwort sehr treffend dar: Das Thema „Impfen“ sorgt seit einiger Zeit für sehr emotionale, hitzige Diskussionen, wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Der Grund dafür ist, dass es dabei um Kinder geht und man als Eltern natürlich nur das Beste für sie will, andererseits auch nicht mehr dem Arzt blind vertrauen möchte. Letzteres ist sicherlich ein guter Trend, es ist aber gar nicht leicht, verlässliche, seriöse Informationen zu finden, vor allem, weil der Büchermarkt von Impfskeptiker-Literatur geflutet wird und auch online viele Gruselgeschichten über Impfschäden kursieren. Die Gegenseite ist wie so oft viel lauter und deswegen auch so überzeugend. Man kennt kaum noch Menschen, die an den entsprechenden Krankheiten leiden oder litten, eben weil über Jahrzehnte die Herdenimmunität so gut funktioniert hat, deswegen fragen sich durchaus auch gebildete Menschen, ob Impfskepsis nicht angebracht ist. Mangelndes Einfühlungsvermögen von Ärzten, die Sorgen einfach abtun, treibt verunsicherte Eltern erst recht in die Arme der Impfkritiker.

Die kritische Haltung ist eine gesunde Lebenseinstellung, aber: Ein paar Stunden im Internet können nicht ein Medizinstudium ersetzen. Es ist nicht möglich, den Nutzen einer Impfung durch eigene Erkenntnisse abzuschätzen. Die Autoren dieses Buches aber zeigen, wie man transparente, verlässliche, fundierte Informationen von der neumodischen Panikmacherei im Internet trennen kann. Jedes Kapitel wird mit einer kurzen Beschreibung eingeleitet, was man daraus mitnehmen soll. Es wird z.B. auf einzelne Impfungen eingegangen, in einem Kapitel wird aber auch die Geschichte des Impfens erzählt. Dieses Kapitel war für mich vielleicht das interessanteste und enthielt viele überraschende Fakten.

Die Autoren sprechen systematisch Impfmythen und Argumente der Impfgegner an und entkräften diese auf verständliche, aber nicht belehrende, sondern sehr sympathische Weise und stellenweise sogar mit Humor, überwiegend mit Gegenargumenten oder Fakten. Man erfährt z.B., dass Impfungen das Immunsystem genauso trainieren wie Impfskeptiker behaupten, dass eine Krankheit es tut, allerdings mit weniger Risiken. Tatsächlich schwächt eine Masernerkrankung sogar nachweislich auf längere Zeit das Immunsystem. Ganz hinten gibt es sogar jeweils für Deutschland, Österreich und die Schweiz Übersichten, wann welche Impfung gemacht werden sollte usw. Insgesamt ist das Buch einfach voll mit hilfreichen Informationen rund ums Impfen.

Hier meine einzige Kritik und das, obwohl mir persönlich das Buch wirklich gefallen hat: Hin und wieder liest man auch einen Satz wie „Das ist einfach kompletter Unsinn“ (S. 48). In solchen Fällen befürchte ich, dass eine weniger emotionale Einschätzung seriöser gewirkt hätte. Allgemein wäre es überzeugender gewesen, wenn die Autoren jeden ihrer Fakten in einer Fußnote mit einer konkrete Quelle belegt und nicht nur eine Auswahlbibliographie am Ende des Buches zur Verfügung gestellt hätten, aber die Frage ist, ob Leser das Buch dann nicht als zu wissenschaftlich empfinden würden. Ein wenig problematisch finde ich jedenfalls, dass sie oft erwähnen, dass etwas durch Studien widerlegt worden ist, dann aber meist nicht die konkrete Studie nennen und auch nicht im Einzelnen die kausalen Zusammenhänge erklären. Besser wäre es gewesen, das verfügbare medizinische Wissen auf laiengerechte Weise aufzubereiten, damit man als Leser selbst zu der Erkenntnis kommen kann: „Ah, okay, das kann ja dann nur so sein.“

Ein großes Lob aber für diese Aussage, die ich einfach hier hervorheben muss, weil sie auf alle aktuellen Diskussionen zutrifft, egal, um welches Thema es geht: „Leider gibt es auch auf Seiten der Impfbefürworter ziemliche Klugscheißer. Sie greifen in höhnischem Ton die Vertreter der Gegenseite an. Das ist einerseits zu verstehen, [… a]ndererseits kann der Genuss an Rechthaberei, der manchmal herauszuhören ist, auch genau die abschrecken, die man eigentlich überzeugen möchte.“ (S. 63)

Man sieht in diesem Buch sehr deutlich, dass die Impfskepsis, die 2019 von der WHO zu einer der zehn großen Bedrohungen der globalen Gesundheit erklärt wurde, nur Teil eines größeren Problems ist, nämlich eines generellen Anstiegs von „Anti-Wissenschaft“, zu der z.B. auch die Leugnung von Klimawandel gehört. Ich bin ein bisschen skeptisch, ob dieses Buch diejenigen erreicht, die es am nötigsten haben, weil sie vielleicht gar nicht auf die Idee kommen das Buch in die Hand zu nehmen oder es bewusst meiden werden. Ich kann es aber nur empfehlen, weil es sich nicht nur angenehm liest, sondern auch ein sehr wichtiges und aktuelles Problem auf eine Weise aufschlüsselt, die am Ende keine andere Schlussfolgerung zulässt als: Wer sein Kind liebt, der lässt es impfen. Danke an meine Eltern, dass sie das getan haben.

Veröffentlicht am 25.07.2021

Mehr Kentucky als Krimi

Unbarmherziges Land
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"Unbarmherziges Land" ist mehr Kentucky als Krimi, eher eine Charakterstudie einer Region und ihrer Bevölkerung als tatsächlich eine spannende Ermittlung.
Das wird schon dadurch deutlich, dass die eigentliche ...

"Unbarmherziges Land" ist mehr Kentucky als Krimi, eher eine Charakterstudie einer Region und ihrer Bevölkerung als tatsächlich eine spannende Ermittlung.
Das wird schon dadurch deutlich, dass die eigentliche Ermittlerin, Linda Hardin, im Klappentext angepriesen als "erster weiblicher Sheriff des Countys", den Fall niemals ohne ihren Bruder Mick hätte lösen können und die ganze Zeit nur darauf warten muss, dass dieser ihr Ermittlungshäppchen vor die Füße schmeißt, damit sie dann jemanden offiziell vernehmen oder verhaften kann. Ich habe es von Anfang an befürchtet und die Befürchtung hat sich sehr schnell bestätigt.

Linda wendet sich überhaupt erst an ihren Bruder, weil sie als erster weiblicher Sheriff sowohl bei den Vorgesetzten als auch bei der alteingesessenen Bevölkerung aneckt - das, obwohl sie selbst in der Region geboren und aufgewachsen ist. Ihr Bruder hat dagegen vom Militär her Erfahrung in der Ermittlungsarbeit und als Mann einen anderen Draht zu den Menschen, also kann er ein bisschen aushelfen. Insofern erwartet man aber von dem Buch, dass Linda eine mindestens genauso wichtige Rolle spielt wie Mick und dass sie sich am Ende gegen alle Feinde durchsetzt, den Fall löst und mehr respektiert wird. Es wird jedoch schnell klar, dass der eigentliche Protagonist des Buches Mick ist. Mick und seine Fast-Alkoholsucht, Mick und seine kaputte Ehe, Mick und sein Fortbleiben vom Militärdienst. Mick und seine wahnsinnig coolen Survival- und Kampf-Skills, mit denen sich niemand messen kann. Zum Ende des Buches hin gerät sogar der Mord, um den es eigentlich geht, gänzlich in den Hintergrund. Die Auflösung hat mich absolut unbefriedigt zurückgelassen und auch die Auflösung des Ehekonfliktes schien mir einfach nur seltsam. Aber kann eine Ermittlung überhaupt noch spannend sein, wenn der Held nach der Hälfte des ohnehin nicht sehr langen Buches und ohne jegliche Möglichkeit für die Leser, bei dem Fall mitzurätseln, verkündet: "Ist okay, ich weiß wer's war"?

Dazu muss ich aber sagen, dass das Buch eine fantastische Cover-Gestaltung hat, wenn man von dem üblichen Unding des Tropen-Verlags absieht, den Strichcode auch vorne auf das Buch zu drucken. Es fängt genau die Atmosphäre der Geschichte ein, das wilde Kentucky, dunkler Wald, strahlender Nachthimmel. Alle Naturbeschreibungen habe ich sehr genossen. Die Einblicke in das Leben in Kentucky waren auch gelungen und spannend. Mir hat die Ausgestaltung der Figuren gefallen, sowohl ihre Beschreibung als auch die wörtliche Rede. An dem Schreibstil des Autors kann ich nichts aussetzen, technisch liest sich das Buch hervorragend. Ein kleines Extra waren hin und wieder eingestreute Einblicke in das Innere der Figuren, nachdem Mick, aus dessen Sicht überwiegend erzählt wird, bereits nicht mehr (oder noch nicht) mit ihnen interagiert hat. Sie haben das Porträt der Region abgerundet. Aber was sagt es über den Respekt des Autors für seine zweite Hauptfigur (Linda) aus, dass sie nicht nur zur Nebenfigur degradiert wurde, sondern auch noch die uninteressanteste von allen ist? Ich habe sogar das rückwärts gehende Huhn, das mittendrin einen charmanten Gastauftritt hat, wärmer und präsenter in Erinnerung als die angebliche Ermittlerin in diesem Mordfall.

Ich wollte eigentlich vier Sterne geben, weil die Lektüre Spaß gemacht hat, auch wenn das Buch nicht so war, wie ich es erwartet hatte. Das Ende hat mir die Geschichte aber noch einmal richtig versaut. Ich habe das Gefühl, dass man eine Fortsetzung erwarten kann, aber ich glaube nicht, dass ich die lesen möchte. Empfehlenswert ist "Unbarmherziges Land" aber irgendwie dennoch, für die Einblicke in eine Ecke der USA, die sonst nicht so viel in der Literatur vorkommt und für mal eine andere Art von Nostalgie.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere