Überraschend tiefgründige Romantasy
Darkthorn Archives 1: Bite the BrideIch habe dieses Buch zunächst ohne große Erwartungen begonnen, eigentlich ausschließlich wegen des Covers und weil es mir auf Social Media immer wieder begegnet ist. Der Einstieg fiel mir überraschend ...
Ich habe dieses Buch zunächst ohne große Erwartungen begonnen, eigentlich ausschließlich wegen des Covers und weil es mir auf Social Media immer wieder begegnet ist. Der Einstieg fiel mir überraschend leicht: Ich war schnell in der Geschichte drin und fand mich rasch in der Handlung zurecht.
Als ich dann jedoch genauer gelesen habe, dass es sich um eine spicy Fantasy Rom-Com im Schottland der 1920er Jahre handelt, wurde ich ehrlich gesagt skeptisch. Aktuell bin ich kein großer Fan von plumpen Spicy-Büchern, bei denen der Fokus stark auf expliziten Szenen liegt. Umso positiver war meine Überraschung, denn genau das ist hier nicht der Fall.
Erzählperspektive & Schreibstil
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Catherine und Ethan erzählt. Mir persönlich hat Catherines Perspektive etwas besser gefallen, vor allem in Bezug auf ihre Gedankenwelt und die Dialoge. Ethans Sicht war zwar ebenfalls interessant, wirkte stellenweise aber etwas distanzierter.
Der Schreibstil ist insgesamt angenehm, bildlich und stellenweise überraschend poetisch. Kritiken, dass die 1920er Jahre sprachlich nicht exakt eingefangen seien, kann ich nur bedingt nachvollziehen. Für ein Fantasybuch muss meiner Meinung nach keine historische Perfektion herrschen. Im Gegenteil: Besonders bei Ethan ist mir eine etwas gehobenere Sprache aufgefallen, die gut zu seiner Herkunft und seinen Kreisen passt und einen schönen Kontrast zu Catherines Alltag bildet.
Hörbuchproduktion & Sprecherleistung
Die Hörbuchproduktion hat mir insgesamt sehr gut gefallen, insbesondere durch das gelungene Zusammenspiel der beiden Sprecher:innen. Ein großes Lob möchte ich dabei Yeşim Meisheit aussprechen, die Catherines Perspektive mit unglaublich viel Gefühl und Intensität vorträgt. Gerade in den romantischen und emotionalen Szenen bringt sie so viel Emotion hinein, dass man sich Catherine sehr nahe fühlt und tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen kann. In Kombination mit dem ohnehin poetischen und klangvollen Schreibstil entstehen hier sehr eindringliche Momente, die niemals plump wirken, sondern vielmehr atmosphärisch und berührend sind. Für mich fühlte es sich stellenweise fast so an, als wäre ich nicht nur Zuhörerin, sondern stille Beobachterin von Catherines Innerstem.
Auch die männliche Sprecherstimme empfand ich als sehr angenehm und ruhig, was gut zur eher zurückhaltenden Art von Ethan passt. Zwar hat mich Catherines Stimme emotional etwas stärker abgeholt, dennoch ergänzen sich beide Sprecher hervorragend und sorgen für ein stimmiges, hochwertiges Hörerlebnis.
Atmosphäre & Setting
Das 1920er-Jahre-Setting in Kombination mit Fantasy-Elementen fand ich ausgesprochen gelungen. Der Flair ist atmosphärisch, mystisch und bildhaft beschrieben. Neben Vampirelementen gibt es weitere Fantasiewesen, was der Welt zusätzliche Tiefe verleiht. Auch die Nebencharaktere, insbesondere Catherines Freundinnen bekommen Raum zur Entfaltung und wirken nicht wie bloßes Beiwerk. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Handlung & Charaktere
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Studentin Catherine Campbell, deren Leben durch ein äußerst ungünstiges Missgeschick eine völlig unerwartete Wendung nimmt: Sie wird mit dem Bibliothekar Ethan Hawthorne verheiratet. Besonders spannend ist dabei, dass Catherine Vampire aus tiefster Überzeugung hasst, was der Beziehung von Beginn an eine starke innere und äußere Spannung verleiht.
Catherine habe ich als Figur als besonders interessant empfunden. Sie ist stur, eigensinnig und widersetzt sich bewusst Regeln und Anweisungen, nicht aus Trotz, sondern weil sie ihren eigenen Weg gehen und Fehler selbst machen möchte. Während Catherine ihren freien Willen kompromisslos verteidigt, steht ihr mit Ethan ein deutlich zurückhaltenderer Charakter gegenüber, der viel beobachtet, schützt und im Hintergrund agiert. Auch wenn ich zu ihm insgesamt eine etwas größere Distanz hatte als zu Catherine, konnte ich in den Momenten aus seiner Perspektive, besonders wenn es um sie ging, sehr gut nachvollziehen, was er für sie empfindet und warum er so handelt. Gerade diese Gegensätzlichkeit hat die Beziehung für mich glaubwürdig und emotional gemacht.
Was mir sehr gefallen hat: Die Geschichte nimmt sich Zeit. Die Annäherung der beiden fühlt sich authentisch und organisch an. Es gibt zwar zu Beginn eine intime Szene, doch danach rückt der Fokus klar auf Dynamik, Tension, Dialoge und gemeinsame Erlebnisse. Genau dadurch konnte ich eine starke emotionale Verbindung zu den Figuren aufbauen.
Romance & „Spice“
Entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen ist der Romance-Anteil sehr gefühlvoll und nicht aufdringlich umgesetzt. Besonders positiv hervorheben möchte ich, dass in den romantischen Szenen der Fokus sehr klar auf Catherines Wahrnehmung und Empfindungen gelegt wird. Die Wortwahl bleibt dabei stets zurückhaltend, gefühlvoll und atmosphärisch-poetisch, ohne überzogen oder derb zu wirken, was für mich viel zur emotionalen Tiefe und zur Authentizität der Beziehung beigetragen hat. Besonders gut gefallen hat mir, dass nicht jede intime Situation bis ins Detail ausgeschrieben wird, sondern teilweise bewusst ausgeblendet und zum nächsten Morgen übergangen wird. Dadurch wirkt alles deutlich romantischer und weniger plakativ.
Kritik & Fazit
Etwa zur Mitte des Buches hatte ich kurz das Gefühl, dass es ein potenzielles Fünf-Sterne-Buch werden könnte. Gegen Ende ließ diese Begeisterung etwas nach, auch weil einige Fragen offenblieben und mich der Abschluss emotional nicht ganz so stark abgeholt hat. Dennoch sehe ich eine mögliche Vorbereitung auf die Folgebände.
Ein klarer Kritikpunkt für mich: Eine Rom-Com ist dieses Buch definitiv nicht. Es gibt zwar einzelne Situationen, in denen Catherine sehr stur ist, aber wirklichen Humor im klassischen Rom-Com-Sinne habe ich hier kaum gesehen.
Trotzdem bleibt unterm Strich ein sehr positives Fazit:
Ich bin von Skepsis zu echter Überraschung gelangt. Bite the Bride bietet mehr Tiefe, Atmosphäre und emotionale Entwicklung, als ich erwartet hätte, und macht definitiv neugierig auf die Fortsetzung.