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Veröffentlicht am 06.05.2021

Die Geschichte einer italienischen Rebellin

Die Rebellion der Alfonsina Strada
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„Die Rebellion der Alfonsina Strada“ erzählt auf wunderbare und literarisch äußerst ansprechende Art und Weise die Geschichte eines ganz besonderen Lebens, geprägt von Kampf, Missgunst, unendlicher Kraft, ...

„Die Rebellion der Alfonsina Strada“ erzählt auf wunderbare und literarisch äußerst ansprechende Art und Weise die Geschichte eines ganz besonderen Lebens, geprägt von Kampf, Missgunst, unendlicher Kraft, Anstrengung und doch ganz einzigartigen Momenten und Erlebnissen.

Alfonsina Strada wird 1891 in ärmlichsten Verhältnissen in Castelfranco als eines von vielen (Pflege-) Kindern in eine Bauernfamilie hineingeboren. Von Anfang an ist ihr Leben bestimmt durch das Motiv des Kampfes - gegen Hunger, gegen Kälte, gegen Ungerechtigkeit, Intoleranz und vor allem gegen veraltete, anachronistische Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Mit zehn Jahren beginnt Alfonsina mit dem Fahrradfahren, eine Tätigkeit, die von nun an alle Entscheidungen ihres Lebens dominieren soll. Nur beim Radfahren verspürt sie das sehnsuchtsvolle Gefühl der Freiheit, der Weite und der unendlichen Möglichkeiten.
Sie kämpft sich durch alle Widerstände und findet in ihrem ersten Ehemann glücklicherweise einen Unterstützer und Förderer, der sie so sein lässt, wie sie möchte.
Auch wenn aufgrund der Krankheit Luigis diese Liebe nicht den erhofften glücklichen Verlauf nimmt, ebnet sie dennoch ihren Lebensweg.
Alfonsina gelingt es, an verschiedenen von Männern dominierten Radrennen teilzunehmen, ist zu hervorragenden Leistungen fähig, gewinnt dadurch nicht nur verschiedene zum Überleben notwendige Preise, sondern auch nach und nach wachsende Anerkennung. Ihr Erfolg gipfelt in der Teilnahme als erste und einzige Frau am Giro d’Italia, dem wichtigsten Radrennen Italiens.

Die Geschichte dieses Romans ist umrahmt vom letzten Lebenstag der Alfonsina Strada. Sie versinkt immer wieder in Erinnerungen, die ihren Lebensweg beschreiben und ihre fantastische Geschichte dem Leser Schritt für Schritt offenbaren.
Gleichermaßen werden auch die Symbolik und damit einhergehende Kraft des Besenstiels, ein essentielles Motivs des Romans, erst am Ende des Buches aufgeklärt.

Die Autorin hat die Zauberkraft, wunderschöne Bilder zur Beschreibung von Dingen, Situationen, Gefühlen und Erzählungen zu nutzen.
Ebenso gelingt es ihr, auf den Punkt passende Intertextualität zu integrieren, um so auf einer Metaebene das Erzählte zu verstärken.
So verweist sie zum Beispiel auf Seite 23 auf Dantes „Göttliche Komödie“, ohne dieses Werk explizit zu benennen. Oder auch die Wahl des Filmes, den Alfonsina mehrfach gemeinsam mit Antonia im Kino anschaut, ist aufgrund der Geschichte, die darin erzählt wird, thematisch passend gewählt.
Die Darstellung der italienischen Gesellschaft und Kultur ist so anschaulich und pointiert gelungen, dass man nicht nur eine Reise in das Leben der Alfonsina Strada unternimmt, sondern ebenso in das Italien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sei es durch den Nord-Süd-Konflikt (dargestellt in der Kindheitserzählung Antonias) oder auch mithilfe verschiedener genannter Lieder und Filme.
Bestürzt ist man als Leser bei der schonungslosen Konfrontation mit dem italienischen Rollenverständnis der Frau. Dass Alfonsina beim Beschreiten ihres persönlichen Weges und der Erfüllung ihrer Träume, mehrfach als „Irre“ bezeichnet wird, zeigt den verzweifelten Versuch, das Unbekannte, Unvertraute, das, was ängstigt und Unsicherheit, da Veränderung, mit sich bringt, pauschal und unreflektiert zu verurteilen.
Mit der Darstellung der Moralpredigt des Priesters, der die eine Aufgabe einer Frau klar zu formulieren versucht und dabei in seiner Argumentation Bezug auf Cesare Lombroso nimmt, zeigt Simona Baldelli intertextuell die Lächerlichkeit dieses Monologes auf. Denn Lombroso, der auch durch seine „These des geborenen Verbrechers“ als ernsthafter Wissenschaftler nur schwerlich anzunehmen ist, erscheint mit hier als eine gute Wahl in der Metaebene.

Alfonsinas rebellische Reaktion auf die Beschimpfungen zeigt ihre Resilienz und ihre unendliche Energie, getragen von der klaren Überzeugung von dem, was für sie wichtig im Leben ist:
„Ihr seid doch die Bekloppten!“ […] „Weil ihr euch nicht mal vorstellen könnt, wie schön es ist, etwas einfach nur aus Freude zu tun statt aus Zwang.“ (S. 58)

Dieser Roman bietet das, was Antonia in ihren sich erinnernden Gedanken gefühlvoll formuliert. Die Geschichte der Alfonsina Strada hat „[…] die Fantasie geformt […]. Das war ein Glück, denn so […] [lernt man], über den Horizont hinauszublicken.“ (S. 92)

Für mich persönlich übernehme ich vor allem ein Zitat als Orientierung für meinen Lebensweg:
„Man kann immer noch weiter gehen. Denn wenn man es am wenigsten erwartet, hält das Leben Überraschungen und Erfolge für einen bereit.“ (S. 312)

Wenn man den Worten Maria Ebner von Eschenbachs Glauben schenkt, dass das Lesen ein großes Wunder sei, so habe ich bei der Lektüre der „Rebellion der Alfonsina Strada“ von Simona Baldelli ein solches Wunder erlebt.
Ein meinem Verständnis nach einzigartiges Buch, voller Bildkraft, auf den Punkt passender Intertextualität und einer Geschichte von einer bewundernswert starken Frau, die sich in einer frauenfeindlichen und anachronistischen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem nicht enden wollenden Kampf ihres Lebens stellt, alle Tiefpunkte mit Mut und Kraft überwindet und dabei zeigt, dass es sich lohnt, für seine Träume alles zu riskieren.

Ich bin begeistert nach dieser Lektüre, sowohl in sprachlicher, gestalterischer als auch inhaltlicher Sicht und kann voller Überzeugung eine klare Leseempfehlung aussprechen.

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Veröffentlicht am 18.03.2021

Ein Familienroman, der sehr viel möchte, aber leider nur wenig erreicht

Geteilte Träume
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„Geteilte Träume“, ein Roman, der auch mich innerlich zerrissen und eben „geteilt“ hat. Einerseits eine für mich äußerst spannende und interessante Thematik, andererseits jedoch eine Lektüre, die mich ...

„Geteilte Träume“, ein Roman, der auch mich innerlich zerrissen und eben „geteilt“ hat. Einerseits eine für mich äußerst spannende und interessante Thematik, andererseits jedoch eine Lektüre, die mich vor zahlreiche, auch emotionale, Herausforderungen gestellt hat.
Betitelt als ein „großer DDR-Familienroman“ wird die Geschichte von Ingke erzählt, die 1992 nach einer behüteten und glücklichen Kindheit in einer großen Familie plötzlich erfährt, dass sie in der DDR als Säugling von ihren Eltern adoptiert wurde.
Mit extremen Gefühlen des Zorns und Unverständnis macht sich die junge Frau nun auf die Suche nach ihren wirklichen Wurzeln und erfährt auf diesem Wege zahlreiche und sehr unterschiedliche Lebensgeschichten von Menschen, die ihr seit ihrer jüngsten Kindheit vertraut sind und im Laufe des Romans auch von weiteren, die sie auf ihre Suche kennenlernen darf.
So springt der Leser von Lebensbericht zu Lebensbericht. Allen Geschichten gemein ist die dominant negative Darstellung des Alltags in der DDR. Historisch fundiert recherchiert, gleichen die einzelnen Erzählungen einer Abarbeitung aller Vergehen des DDR-Regimes. Schicksale geprägt von Verfolgung, Bespitzelung und Bestrafung. Sicherlich aus historischer Perspektive absolut begründet und nachvollziehbar, scheint jedoch die Gesamtdarstellung der Geschichten durch die persönlichen Erfahrungen der Autorin in hohem Maße negativ vorgeprägt zu sein. Jede Person, die nur ansatzweise an das DDR-System glaubt, wird in meinen Augen belächelt und nicht wirklich ernst genommen. Diese negative Darstellung erscheint mir definitiv zu einseitig, um das komplexe Bild der DDR wirklich authentisch und differenziert darzustellen.
Auch wirken die von Kapitel zu Kapitel aneinandergereihten Lebensgeschichten zum Teil wie eine Abarbeitung bzw. Darstellung historischer Ereignisse und Hintergründe, unter denen der emotionale Anteil des Erzählten meiner Meinung nach leidet.
Prinzipiell lässt sich festhalten, dass ich leider in dieser Geschichte nie wirklich angekommen bin, was ich zutiefst bedaure und mir auch nicht wirklich allumfassend erklären kann.
Eine mögliche Begründung sehe ich in der sprachlichen Gestaltung des Buches. Oft finde ich Redewendungen, die nicht wirklich passend sind oder immer wieder wirken auf mich auch vereinzelte Zeilen und Worte gestelzt und daher unecht. Ebenso sind für mich die emotionalen Phasen des Buches meist so formuliert, dass sie mich nicht wirklich tiefgründig ergreifen.
Einen weiteren Grund sehe ich in dem schon erwähnten dominant negativen Bild des Lebens in der DDR.
Auch das plötzliche und so überaus glückliche Ende ist für mich unrealistisch und scheint so, als ob ein überstürzter Abschluss gefunden werden musste.

Fazit: Es ist überaus bewundernswert, einen solchen gut recherchierten, detailreichen und daher komplexen Roman zu schreiben – hierfür Respekt meinerseits an die Autorin!
Aber prinzipiell kann ich abschließend zusammenfassen, dass die von mir beschriebenen Kritikpunkte am Roman die Freude an der Lektüre leider jedoch sehr einschränken.

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