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Veröffentlicht am 14.08.2022

Für Uninformierte

Selenskyj
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Steven Derix, Journalist und ehemaliger Korrespondent für Russland, die Ukraine und Weißrussland und Marina Shelkunova, Rechercheurin und Unterstützerin von Organisationen für Menschenrechte in Russland ...

Steven Derix, Journalist und ehemaliger Korrespondent für Russland, die Ukraine und Weißrussland und Marina Shelkunova, Rechercheurin und Unterstützerin von Organisationen für Menschenrechte in Russland haben eine Biographie über Selenskyj geschrieben.
Diese umfasst im wesentlichen den Zeitraum nach seinem Jurastudium bis heute; Kindheit und Jugend werden auf wenigen Seiten zusammengefasst.
Das Buch ist gut und schnell lesbar.
Neben einer Beschreibung des ukrainischen Präsidenten werden immer wieder politische Entwicklungen der jeweiligen Jahre mit eingeflochten, so dass Selenskyjs Leben in die Geschichte seines Landes eingebettet wird.
Die Informationen für das Buch haben die Autoren den Quellen von Zeitungsartikeln, Originalberichten von Nachrichtenagenturen, Interviews und Literatur in Ukrainisch, Russisch und anderen Sprachen entnommen; auch Videomaterial wurde ausgewertet. Es wurde kein Interview mit Selenskyj oder einer ihm nahestehenden Person geführt. Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis, welches die ukrainischen und russischen Quellen in kyrillischer Schrift wiedergibt und somit nur für den Kenner slawischer Sprachen zu gebrauchen ist.
Der Mensch Selenskyj bleibt für mich weitgehend im Dunkeln. Erfahren habe ich, was Dritte über ihn denken und wie er auf diese wirkt. Da ich online zwei Tageszeitungen und eine weitere gelegentlich papierhaft lese, war ich über den Lebensweg Selenskyjs informiert; wirklich Neues habe ich nicht erfahren. Seine Jahre als Komiker waren mir im Detail nicht so bekannt.
Ich hatte mir von dem Buch mehr erwartet und kann es eher Leser:Innen empfehlen, die sich mit Selenskyj bisher wenig beschäftigt haben und das ändern möchten.
Für mich sind es 3 Sterne.

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Veröffentlicht am 14.08.2022

Die Abenteurerin

Die Aufrechte
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Claudius Crönert hat sich mit dem Leben von Felicitas von Reznicek beschäftigt. Herausgekommen ist ein Roman, der sich an ihr Leben im dritten Reich anlehnt, aber an einigen Stellen mit Ideen des Autors ...

Claudius Crönert hat sich mit dem Leben von Felicitas von Reznicek beschäftigt. Herausgekommen ist ein Roman, der sich an ihr Leben im dritten Reich anlehnt, aber an einigen Stellen mit Ideen des Autors gefüllt wurde.
Das Buch ist bei Gmeiner erschienen, ist gewichtig und wird von einem schwarz weiß Photo von Felicitas (Fee) beherrscht.
Es soll ein Roman aus dem Widerstand sein, auf der Rückseite steht 'Zivilcourage in einer düsteren Zeit'. Ich war sehr gespannt auf das Buch, vor allem da ich von Felicitas noch nie gehört hatte, obwohl ich mich mit dem Widerstand im 3. Reich ein bisschen auskenne.

Felicitas von Reznicek ist die Tochter des Dirigenten und Komponisten Emil Nikolaus (EN) von Reznicek. Sie wuchs in Künstlerkreisen auf und wurde Journalistin.
1933 wird die jüdische Abstammung ihrer Mutter ein Problem, als Fees Bruder einen Ariernachweis erbringen muss. Er ist 1930 in die Partei eingetreten; das alles führt fast zum familiären Zerwürfnis.
Da Fee für und mit ihrem Vater viel reisen darf, bietet sie sich als Kurier für Informationen an. Sie lernt Rudolf Pechel, der im Widerstand tätig war und 1942 verhaftet wurde, kennen und beginnt für ihn zu arbeiten. Mit Fritz Wiedemann, Adjudant Adolf Hitlers beginnt sie ein Verhältnis. Dessen Frau lebt nicht in Berlin, so dass es Gelegenheit für Treffen gibt. Wiedemann ist kein Kind von Traurigkeit und hat mindestens mit einer weiteren Frau eine lange andauernde Beziehung. Als er Hitlers Vertrauen verliert, wird er ins Ausland abgeschoben (Generalkonsul in San Francisco) und distanziert sich in der Folge von Hitler und vom Regiem.
Das Buch behandelt Fees familiäre Umstände, ihre Tätigkeit im Widerstand, das Verhältnis zu Wiedemann und lässt viele Einblicke in das tägliche Leben während des 2. Weltkrieges zu.
Der Roman lässt sich trotz des schwierigen Themas sehr gut lesen und hat mich von Anfang an mitgenommen. Mir fehlte ein Inhaltsverzeichnis und greifbare Kapitelüberschriften. Mit Fee als Person bin ich nicht warm geworden. Sie hat als ausgebildete Journalistin das Handwerkszeug, ihr Leben während der Nazi Diktatur im rechten Licht erscheinen zu lassen. Ich denke, dass ihren Handlungen häufiger der Reiz des Abenteuers zugrunde lag als ein hoher moralischer Kompass. Zudem deutet sich im Buch an, daß die Aktivitäten nicht unbedingt von Erfolg gekrönt waren. Umso schwerer lässt sich das alles recherchieren.
Für mich wäre es besser gewesen, wenn es Fee als Person so nicht gegeben hätte; da auch ihr Bild auf dem Titel ist und viele Details ihres Lebens stimmen, konnte ich mich von ihr nicht lösen. Trotzdem:
Wer statt vieler Lehrbücher eine verdichtete, gut recherchierte Beschreibung eines möglichen Lebens im dritten Reich lesen möchte, der wird dieses Buch sehr gut finden. Von mir gibt es 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 10.08.2022

Nonne 2.0

Matrix
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Marie, lebenslang in Liebe ihrer Halbschwester, Eleonore von Aquitanien verbunden, wird von dieser quasi vom Hof verbannt und als Priorin eines Klosters eingesetzt. Dieses Kloster ist bettelarm, die Nonnen ...


Marie, lebenslang in Liebe ihrer Halbschwester, Eleonore von Aquitanien verbunden, wird von dieser quasi vom Hof verbannt und als Priorin eines Klosters eingesetzt. Dieses Kloster ist bettelarm, die Nonnen und Laienschwestern überleben nicht alle die harte Arbeit und den Hunger. Das Kloster ist in der Gegend verrufen; das merkt Marie bei der Anreise.
Im Kloster selbst wird sie nicht begeistert empfangen, nur ihre 'Mitgift' ist von Interesse.
Durch das ganze Buch hindurch wird Marie für ihr Aussehen gegängelt. Ob Königin oder Kaiserin, Nonne oder andere, ständig erfahren wir, dass Marie nicht im Mindesten dem gewünschten Frauenbild entspricht: sie ist zu groß, zu schwer, zu hässlich.
Also besinnt sich Marie auf ihre Kompetenzen und nutzt ihre Gaben wie ihr Händchen fürs Geld, ihre Kreativität, ihre imposante Erscheinung und kräftige Konstitution. Das Kloster wird unter ihrer Führung sehr vermögend, die Zahl der Nonnen verzehnfacht sich und so ist ihre Berufung zur Äbtissin eine logische Konsequenz. In der Folge setzt sie Projekte um, von denen eines futuristisch anmutet.
Überhaupt ist Marie eine 'moderne ' Frau; sie fordert und fördert die ihr anvertrauten Frauen und lässt sie Ergebnisse erzielen, die man in dieser Zeit nur Männern zugetraut hat.
Dabei spielen Männer in diesem Buch fast keine Rolle und wenn treten sie negativ in Erscheinung. So suchen die Frauen, auch für ihre körperlichen Bedürfnisse, bei einander Erfüllung.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und den Lebensweg von Marie mit Interesse verfolgt. Die Beziehung zu ihrer Halbschwester führt durch das ganze Buch und löste bei mir vielfältige Emotionen aus. Für mich ist es das erste Buch, in welchem die indirekte Rede so durchgehend eingesetzt wurde; fand ich spannend. Groff hat immer mal witzige Formulierungen gefunden, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Ich habe der Autorin die Darstellung des klösterlichen Lebens abgenommen und bin überrascht, dass ich es durchgehend interessant beschrieben fand. Den Bucheinband finde ich nach Abschluss des Buches sehr passend; nur den Bezug zum Titel konnte ich für mich nicht herstellen, obwohl das Wort im Buch fällt.
Ich kann das Buch all denen empfehlen, die sich mit einer starken Frau beschäftigen möchten, die fern ab der tradierten Rolle ihren Weg geht. Für mich klare 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 05.08.2022

Ein Psychogramm

Mutters Lüge
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Nach einer begeisterten Rezension einer anderen Leserin wollte ich das Buch unbedingt kennenlernen. Marta wächst im kommunistischen Polen mit ihrem Zwillingsbruder Tomek bei ihrer allein erziehenden Mutter ...

Nach einer begeisterten Rezension einer anderen Leserin wollte ich das Buch unbedingt kennenlernen. Marta wächst im kommunistischen Polen mit ihrem Zwillingsbruder Tomek bei ihrer allein erziehenden Mutter auf. Die Drei verlassen illegal das Land und ziehen nach Deutschland. Marta bemüht sich um die deutsche Sprache und möchte unbedingt Ärztin werden; wir werden in ihre Bemühungen gut eingebunden. Am Ende des Buches ist sie niedergelassene Psychaterin in der Schweiz; bis dort hin ist es ein langer und beschwerlicher Weg. Marta hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter und als an deren Grab eine alte Freundin der Mutter, plötzlich eine völlig andere Lebensgeschichte andeutet, brechen sich bei Marta tiefe und alte Emotionen und Ängste eine Bahn.
Ich finde die Beschreibung Polens vor der Wende sehr interessant; manches hat mich an die DDR erinnert, die ich kurz nach der Wende für einige Jahre kennenlernen durfte. Meine Wahrnehmung von Polen, dort habe ich 1997/1998 gearbeitet, unterscheidet sich natürlich gänzlich von Hürlimanns Beschreibungen aus der Zeit vor 1984; umso spannender für mich.
Ich konnte das Buch gut lesen und finde den Lebensweg von Marta interessant und spannend. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie ein Buch über eine Frau gelesen habe, die so anders ist als ich. Ob es an der Kindheit in Polen mit den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen oder der Vaterlosigkeit, dem emotionslosen Verhältnis zur Mutter, familiärer Veranlagung zur Schwermut oder die Summe dieser Dinge ist kann ich nicht beurteilen; Fakt ist, ich verstehe kaum eine ihrer emotionalen Beschreibungen und auch einige der Handlungen nicht. Auffällig ist für mich, dass sie ihre eigenen Befindlichkeiten sehr präzise beschreiben kann, man aber wenig bis gar nichts über die Menschen um sie herum erfährt. Sie selbst fühlt sich z.B. ständig benachteiligt, nicht wahrgenommen, beschämt usw.; die Menschen um sich herum
behandelt sie aber nicht besser. Da ist der Zwillingsbruder schwul... muss er ihr aber in der Schwulendisco sagen: hat sie bis dato nicht gemerkt. Ihre Mutter verbirgt ein großes Geheimnis mit körperlichen Auswirkungen; hat sie nie gemerkt; wohlgemerkt als Ärztin. Der Zwillingsbruder meldet sich nach 7 Jahren; sie hatte wohl aber auch nicht zum Hörer gegriffen. Mein Empfinden war durchgehend, dass sie hohe Ansprüche an andere hat, die sie selbst aber nicht erfüllen kann. Außerdem gibt es für sie nur eine angemessene Reaktion anderer auf Erzählungen oder Erkrankungen von ihr; jede Abweichung davon sieht sie kritisch und verunsichert sie. Geschweige denn, dass sie es spannend findet, wenn andere anders denken oder handeln. Sie scheint eine erfolgreiche Psychaterin gewesen zu sein ( lt. Homepage ist sie nur noch für alte Patienten tätig und auch nicht mehr in Langzeittherapie); es fällt mir schwer mir vorzustellen, wie sie sich auf andere einlassen kann. Ihre Sprache ist selten ausgeglichen, eher extrem in beide Richtungen: polnische Landsleute, die in Berlin Discounter leerkaufen, 'beschämen sie
unsäglich'; 'enttäuscht und ohnmächtig' vernichtet sie einen Vordruck; 'das erschütterte mich mehr, als ich in diesem Moment begriff'. Oder eben 'berühren Bilder ihre Seele', 'kribbelt es in ihrer Magengegend, stark, unbekannt, angenehm', 'im unsäglichen Glücksgefühl schweigend'; 'rief ich begeistert'.
Ich tat mich schwer mit dem emotionalen Auf und Ab.
Wer die Lebensgeschichte einer emotional gebeutelten Frau, die zielstrebig ihren Weg verfolgt und dabei schonungslos in ihr Innerstes blicken lässt lesen möchte, wird hier bestens bedient. Wer sich wünscht, dass die ärztliche Ausbildung mit Fachrichtung Psychatrie zur Selbstreflektion führt, der wird enttäuscht. Marta ist am Ende des Buches noch genauso bei sich, wie am Anfang. Es ist ein Psychogramm einer Frau, die trotz ihres Berufes und der Aufarbeitung mit diesem Buch noch einen langen Weg vor sich hat.


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Veröffentlicht am 26.07.2022

Ein Kleinod

Dienstmädel in Bella Italia
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In diesem hübschen kleinen Buch lässt Sabine Peer die Geschichte von 5 verschiedenen Südtirolerinnen aufleben, die in den 50ern zum Arbeiten nach Italien gegangen sind. Sie waren als Haushälterinnen, ...


In diesem hübschen kleinen Buch lässt Sabine Peer die Geschichte von 5 verschiedenen Südtirolerinnen aufleben, die in den 50ern zum Arbeiten nach Italien gegangen sind. Sie waren als Haushälterinnen, Kindermädchen, Köchin oder auch als alles gleichzeitig tätig. Die reichen Familien haben 'ihre Mädchen ' sehr unterschiedlich gut behandelt. Vom eigenen Zimmer über Zimmer mit mehreren anderen Angestellten bis hin zum Bett im Kleinkinderschlafzimmer war alles dabei. Das eine Mädchen gehört quasi zur Familie, die andere wird zur Leibeigenen.
Peer findet eine Sprache, die der oft kurzen schulischen Bildung gerecht wird und den Leser:innen das Gefühl gibt, mit den jungen Frauen am gleichen Tisch gesessen zu haben.
Bis zu diesem Buch waren meine Kenntnisse über die politische Situation Südtirols wirklich schmal. Es ist sehr interessant, wenn auch diese Themen in den Lebensbildern auftauchen.
Mich hat das Buch in verschiedener Hinsicht nachdenklich gemacht: wie traurig, daß manche südtiroler Familie froh war, die Kinder auf diesem Wege 'los' zu sein: eine Esserin weniger. Wie ausbeutend die reichen Familien zum Teil waren. Wie wacker sich die jungen Frauen in der fremden Umgebung geschlagen haben. Die große Bedeutung des sonntäglichen Kirchgangs; ob als vertraute Routine oder vielleicht auch spirituelle Unterstützung. Die Bescheidenheit der Frauen finde ich berührend.
Das Buch ist flüssig geschrieben und ich bin ein bisschen traurig, das es so schnell gelesen ist. Mit den schwarzweiß Photos der Dienstmädchen ist es sehr ansprechend gestaltet.
Es ist ein schönes Geschenk und ich werde es für diesen Zweck jetzt gleich 2x erwerben.
Für mich 5 Sterne.

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