Profilbild von Friederike221b

Friederike221b

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Friederike221b ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Friederike221b über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.10.2019

Witzig, sommerlich, ausgeflippt

My First Love
0

Cassidy Caster ist eine typische Tanja-Voosen-Protagonistin: Etwas ausgeflippt, eigensinnig, eine tolle Freundin und in der Blüte ihrer Teenagerjahre. Ich habe mich sofort zuhause gefühlt, als Cassidy ...

Cassidy Caster ist eine typische Tanja-Voosen-Protagonistin: Etwas ausgeflippt, eigensinnig, eine tolle Freundin und in der Blüte ihrer Teenagerjahre. Ich habe mich sofort zuhause gefühlt, als Cassidy begann zu erzählen. Und zu erzählen. Und zu erzählen. Cassidy erzählte wirklich viel die ersten 100 Seiten. Insgesamt hat Cassidy mehr erzählt, als tatsächlich passiert ist, für mich fühlte es sich zwar nicht nach Info-Dumping an, weil Tanja Voosen einfach zu gut schreibt, aber es machte mir den Einstieg in das Buch doch recht schwer. Ich wollte nicht innerhalb von 200 Seiten alles wissenswerte über Cassidys Familie, die Newfort High, ihre beste Freundin Lorn und den Schlussmach-Service lernen. Es war demotivierend, immer nur von Dingen in der Vergangenheit zu lernen und so habe ich im Schnitt genauso viel Lesezeit für den Einstieg in das Buch gebraucht, wie für den ganzen Rest der Geschichte. Ab einem gewissen Punkt nimmt die Handlung dann durchaus Fahrt auf, aber bis dahin hat es für mich etwas zu lange gedauert.

Zu dem etwas zähen Einstieg hat auch der Klappentext beigetragen, denn es dauerte ewig bis man zur versprochenen Wette zwischen Cassidy und Colton kam. Die Handlung trat bis dahin ziemlich auf der Stelle, auch wenn es witzig erzählt war. Eine Sache, die mich am lesen gehalten hat, waren die unterschiedlichen Themen, die angesprochen wurden. Cassidy ist eben ein typischer Teenager, da beschäftigen sie mehr Dinge in ihrem Leben, als nur die erste große Liebe und das fand ich toll. Es wurden ein paar Nebenhandlungen mit einer Tiefe geschrieben, die ich so nicht erwartet hatte und es war wunderschön und bestärkend zu lesen, dass Cassidys Freundschaft zu Lorn genauso wichtig, wenn nicht wichtiger war, als ihr verliebt sein. Freunde und Familie verschwinden nicht, sobald Cassidy sich über ihre Gefühle klar wird, sondern sind die Punkte, die sie erden.

Auch der Schlussmach-Service ist nicht halb so abgedroschen, wie es klingen mag. Denn meistens hilft Cassidy Mädchen (aber auch Jungs), die unglücklich sind, deren Beziehungen toxisch geworden sind und dabei redet sie mit ihnen viel über Mut und Selbstvertrauen. Cassidy beendet nicht einfach Beziehungen, sondern baut traurige und verletzte Menschen wieder auf. Das Empowerment, das durch den Schlussmach-Service entstand, hat sogar mich erreicht und viele wichtige Dinge zur Unabhängigkeit, Respekt und Selbstwertgefühl wurden gesagt.

„Nun zur Schlussmach-Hilfe. Mein Grandpa braucht dich.“ […] „Unsere Nachbarin will an seinen Kaktus.“


Da ich die Bücher von Tanja Voosen schon seit einer Weile lese, bin ich der Meinung eine definitive Veränderung von ihren Impress-Romanen zu diesem hier festzustellen. Das las sich wie ein neues Level an Tanja-Voosen-Buch, wo mehr gut ausgearbeitete Figuren vorhanden waren, mehr Handlung und Tiefe, mehr Drumherum. Es gab auch mehr Abenteuer und spannende Aktionen, die Welt der Stadt Newfort war so schön und detailliert ausgearbeitet und durch Cassidys Abenteuerlust bekam man davon auch viel zu sehen.

Eines von Cassidys Hobbies ist es nämlich neue Dinge auszuprobieren. Sie ist Meisterin darin kostenlose Schnupperkurse oder Rabattaktionen zu finden, damit kompensiert sie das geringe Einkommen ihrer Familie. Dadurch geht man mit ihr eben Minigolfen, Campen, Reiten. Die Handlung war wirklich abenteuerlich und abwechslungsreich und zwischendrin gab es dann die Liebesgeschichte, die ich lesen wollte. Ich mag es immer, wenn es eine gewisse Hate-to-Love-Chemie gibt und die hatten Colton und Cassidy auf jeden Fall. An manchen Stellen fand ich es ein wenig kitschig, ich bin einfach kein Freund von großen Liebesbeteuerungen, wenn man nicht einen gewissen Zeitraum zusammen gewesen ist.

Ein gebrochenes Herz, ist ein Herz, das geliebt wurde.


Wenn ich den Anfang ein bisschen langsam fand, dann ging das Ende umso schneller. Mir ist immer noch ein bisschen schwindelig, wenn ich an alles denke, das am Ende passiert ist. Das hatte aber auch zur Folge, das ich bei Cassidys Gefühlen nicht mehr mit kam. Es ist so viel passiert, dass vieles überdacht werden musste und dann ist noch etwas mehr passiert und am Ende war ich etwas verloren. Ich konnte Cassidys Beweggründe nicht mehr nachvollziehen, hätte an dieser Stelle gerne mehr Erklärungen gehabt und einen Moment Ruhe, zum durchatmen.

Auch wenn ich jetzt ein bisschen mehr kritisiert habe, als erwartet, hatte ich immer noch wahnsinnig viel Spaß an dem Buch und habe die Art Roman gelesen, die ich brauchte. Tanjas Schreibstil ist wahnsinnig toll und stark und hat dieses Buch einfach wunderbar lebendig gemacht.

Veröffentlicht am 07.10.2019

Harte Fantasyrealität

Das Drachentor
0

Am Besten fange ich mal mit den guten Aspekten an: Jenny-Mai Nuyen kann schreiben. Ziemlich gut. Der Stil des Buches episch, ruhig, zurückgenommen, dabei wurde eine so atemberaubende Atmosphäre kreiert, ...

Am Besten fange ich mal mit den guten Aspekten an: Jenny-Mai Nuyen kann schreiben. Ziemlich gut. Der Stil des Buches episch, ruhig, zurückgenommen, dabei wurde eine so atemberaubende Atmosphäre kreiert, dass ich sofort davon ergriffen wurde, sobald ich es aufschlug. Der Ton des Buches war sehr schwermütig, fast traurig und hoffnungslos. Es ist keine schöne oder leichte Geschichte, die erzählt wird und das drückt von Anfang an die Stimmung. Dass es so hoffnungslos wirkt, ist per se nicht schlimm, hat sich aber nach 300 Seiten als ziemliches Hindernis für meine Lesemotivation heraus gestellt. Wenn es fröhlichere Stellen gab, so habe ich diese nicht wahrgenommen, weil das Damoklesschwert einfach immer spürbar war.

Was mich zuerst an diesem Buch beeindruckt hat, war, das die typischen Fantasyrollen zu Beginn umgedreht waren. Drachen waren keine mythischen Wesen, sondern Nutztiere; Elfen waren verhasst und wurden wie Abschaum und Hexenwerk behandelt. Das sind keine positiven Rollenbilder, aber eben ein Kontrast zu dem, was man aus großen Fantasy-Epen so kennt. Im Laufe der Handlung lernt man dann entsprechend mehr über die Völker und Umstände und einige Darstellungen werden revidiert. Damit hatte ich nicht gerechnet und es hat Spaß gemacht zu lesen, wie großartig die Autorin die Wahrnehmung manipulieren und umdrehen konnte.

Man folgt den Geschehnissen durch 4 Figuren: Ardhes, Alasar, Revyn und Yelanah. Da gibt es Alasar, der sich in der Stunde der Not in einer Führerposition wiederfindet und versucht sein Volk am Leben zu erhalten. Und Revyn, der Junge, der eher von einem Geschehnis ins Nächste stolpert, ohne das zu wollen oder eine Ahnung zu haben, was los ist. Ardhes ist die Prinzessin, die sich an ihr Schicksal klammert und darauf wartet, anstatt selbst aktiv zu werden und Yelanah ist eine Außenseiterin mit einer großen Verantwortung. Gleich zu Anfang wird erklärt, dass das Schicksal der Welt und nahen Zukunft durch diese vier Figuren beeinflusst werden wird, auch wenn es eine ganze Weile dauert, bis sich eine verknüpfende Handlung bildet. Das sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten, weil die Handlung der Figuren sehr lange Zeit wahnsinnig ziellos wirkt und ich die Hälfte des Buches eher als langen Prolog empfand, als eine tatsächlich relevante Geschichte. Die Autorin hat sich viel Zeit für die Hintergründe und Wege der Figuren genommen, damit im letzten Drittel alles Sinn ergibt und man die Entscheidungen nachvollziehen kann, die getroffen werden.

Da hakte es für mich leider schon. Obwohl ich so viel über die Figuren gelesen und gelernt habe, waren sie trotzdem nicht greifbar geworden. Ich fand, dass der Schreibstil den Leser eher auf Distanz hielt, es gab kaum Möglichkeiten einen inneren Kampf einer Figur, oder allgemein ihre Gedanken, nachzuvollziehen. Das hat die Entwicklung und Motive leider sehr flach gehalten. Obwohl es große Ziele und Verstrickungen gab, blieben die Figuren sehr stereotypisch und unnahbar. Die so spannend aufgezogenen Figuren blieben ihr Potential schuldig und konnten mich einfach nicht überzeugen.

Die Handlung als solche dreht sich eigentlich nur um den Krieg. Der Krieg zwischen den Reichen Haradon und Myrdhan und den Völkern, die darin gefangen sind. Durch die Figuren hat man sehr unterschiedliche Perspektiven auf den Krieg und wie er eine Person beeinflussen kann. Es Ich fand es gut und spannend, das Krieg hier in all seiner Grausamkeit dargestellt wurde und man als Leser nie das Gefühl bekam, dass er romantisiert wird. Der Krieg hat für jede einzelne Figur etwas Schlechtes bedeutet, wie sie damit umzugehen pflegten, zeigte ihre wahre Natur.

Wie bereits genannt, ist dieses Buch kein glücklich machendes, auch das Ende ist traurig und hart, hat mich aber eben weniger berührt, weil ich für kaum jemanden mitgefühlt habe. (Ich gefühlloser Klotz, jaja.) Ich mochte allerdings, wie schonungslos die Autorin das Ende geschrieben hat, es hat die Längen aus der Mitte des Buches ein bisschen aufgewertet und die Interpretation, die dadurch offen gelegt wurde, fand ich sehr spannend. Im Fazit kann ich nur sagen, dass die epischen Vorraussetzungen von den Figuren verschenkt wurden, ich ohne ihre Stimmen einfach nicht in das Buch rein kam und die konfliktreiche Handlung ihr Potential nicht entfalten konnte.

Veröffentlicht am 07.10.2019

Ein düsteres Debüt

Burning Bridges
0

Ich hatte ein paar Startschwierigkeiten mit diesem Buch. Kurz zusammengefasst kam ich mit der Protagonistin und der Handlung nicht zurecht, weil ich etwas anderes erwartet hatte. Ich habe eine ganze Woche ...

Ich hatte ein paar Startschwierigkeiten mit diesem Buch. Kurz zusammengefasst kam ich mit der Protagonistin und der Handlung nicht zurecht, weil ich etwas anderes erwartet hatte. Ich habe eine ganze Woche gebraucht, um diese Erwartungen abzulegen und das anzuerkennen, was Tami Fischer mit diesem Buch gemacht hat. Und das ist eine Menge. Burning Bridges ist das perfekte Buch für den Herbst: Düster und Ernst, aber auch kuschelig und liebenswürdig.

Meine Ausgabe von Burning Bridges zählt für einen New Adult Romane sehr viele Klebezettel und angestrichene Zitate; es ist ein sehr dichtes Buch, das viele Themen vereint und anspricht. Es ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Geschichte über eine junge Frau, die sich aus einer schlechten Beziehung befreien muss und ihr Leben umkrempeln. Ich war von diesem Aspekt immer wieder überrascht, weil ich das gar nicht erwartet habe, lernte ihn aber immer mehr zu schätzen. Ella ist zu beiden Teilen wahnsinnig greifbar und „relatable“, und dann wieder naiv und irgendwie klischeebehaftet. Sie wird nie meine liebste Protagonistin sein, weil sie einige Charakterzüge hat, die ich gar nicht mag, allerdings hat sie gut zu Chester gepasst und dem Buch die nötige Wohlfühl-Note verpasst.


Was mich an Ella Johns gestört hat, waren Dinge wie, dass sie immer kreischte – anstatt zu schreien, fauchen oder brüllen – was in meinem Kopf immer noch eine negative Konnotation in Richtung „hysterisches Weibsstück“ hat. Sie ist auf eine Weise naiv, die ich heute für unrealistisch halte; kennt das Einmaleins der Clubregeln nicht und ist wahnsinnig schreckhaft. Gleichzeitig ist sie auch sehr fürsorglich, etwas irre und sehr witzig. Ihr Humor ist selbstironisch und trocken, hier wurden ein paar geniale Vergleiche angestellt, die mich immer noch zum grinsen bringen. Auch die Beziehung zu ihrer Familie und Freunden war toll, ich finde es super, dass hier in so positives Bild gezeigt wird, das auch dadurch unterstrichen wird, dass Ella aktiv daran arbeitet, ihre Beziehungen zu pflegen. Der Teil wo ich mit Ella nicht mehr zurecht gekommen bin, ist auch der Teil, als sich der Ton des Buches geändert hat, als klar wurde, worauf die Handlung hinaus läuft und was für eine düstere Welt Tami Fischer geschaffen hat. Ella Johns ist für diese Welt einfach nicht geschaffen und ihre Sturheit, das einzusehen und Selbstüberschätzung, haben mich fast irre gemacht. Dennoch war es gut konzipiert, da Ella daran arbeitet, sich nicht mehr von einem Mann dominieren zu lassen, wie es ihr Ex-Freund getan hat. Ich habe bisher noch nicht davon gelesen, wie eine Figur sich aus einer schlechten Beziehung heraus kämpft, wie schwer es ist, einen Lebensstil abzulegen, den man so lange führte. Ella merkt erst nach Beenden der Beziehung zu Jason, wie sehr sie sich für ihn verbogen hat.

Es war bestürzend, wie schnell ich dazu neigte, in alte Muster zu verfallen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, je einen Streit mit Jason gehabt zu haben, bei dem ich nicht am Ende die Schuld getragen hatte.
S. 324

Zu lesen, wie sie Stück für Stück gegen diese Gewohnheiten ankämpft, wie sie sie auch hemmen, als sie sich in Chester verliebt und Angst vor einer ähnlichen Beziehungsfalle bekommt, war toll und ehrlich. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen sich darin wiederfinden können.

Ich war vertraut mit Beziehungen, wie sie funktionierten, ich war daran gewöhnt und fühlte mich in ihnen sicher.
S. 259

Chester ist eine Figur, die ich von Anfang an mochte. Er ist grüblerisch und aufopferungsvoll, hält Menschen lieber auf Abstand, anstatt ihnen weh zu tun. Obwohl mehr als einmal seine Optik beschrieben wird – die ich auch sehr mochte – bleiben bei mir vor allem seine Charakterzüge hängen, mit welchem Respekt er Ella behandelt und wie gut die Chemie zwischen ihnen war. Ella und Chester ergänzen sich wunderbar, können einander Sicherheit außerhalb ihrer eigenen Welt geben.

Sobald wir uns berührten, schienen wir eine eigene, wortlose Sprache zu sprechen.
S. 198

Ich muss kurz den Schreibstil ansprechen. Er ist witzig und voller kreativer Vergleiche, aber er erschwerte es mir auch, ein Gefühl für Ellas Charakter zu bekommen. Obwohl aus Ellas Perspektive erzählt wird, ist es nicht geradeheraus geschrieben. Man muss ein bisschen zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, wie Ella sich gerade fühlt oder warum sie so gehandelt hat. Weil Ella und ich uns so unähnlich sind, fiel es mir lange Zeit schwer sie zu verstehen und einzuschätzen. Die anderen Figuren waren dagegen super gut beschrieben. Summer und Savannah habe ich immer nur bei den Namen durcheinander gebracht, der Rest ist wie eine kleine Armee an spannenden Figuren in meinem Kopf. Ein Teil dieser Figuren wird, denke ich, ein fester Bestandteil der düsteren Welt der Reihe sein, worauf ich mich schon sehr freue.

Die düstere Seite des Buches tritt immer mehr in den Vordergrund, je mehr Ella in Chesters Leben eindringt. Dieser Teil hat mich schon sehr an einen Krimi erinnert, es könnte auch gut in eine Folge Arrow passen, so ungewöhnlich und vertrackt ist es. Dabei hat Tami Fischer eine sehr spannende Welt erschaffen, die zwar düster und auch brutal ist, aber nach fairen Regeln funktioniert. Ich nehme mal an, dass dieser düstere Teil auch in den folgenden Reihen der Fletcher University-Reihe eine Rolle spielen wird, worauf ich nun doch richtig gespannt bin. Burning Bridges ist für meinen Lesegeschmack ein ungewöhnliches Buch und etwas, dass ich schon lange nicht mehr im New Adult Bereich gelesen habe. Es ist allerdings unbestreitbar gut gemacht und ich freue mich schon sehr darauf Sinking Ships und Hiding Hurricanes (Große Liebe für dieses Cover!) zu lesen.

Veröffentlicht am 24.09.2019

June muss zurück ins Leben finden

Like Nobody Else
0

Ich bin bei diesem Buch emotional nicht ganz unparteiisch. Meine Oma hatte nach einer Operation eine ganz ähnliche Bewegungseinschränkung wie June gehabt, deswegen habe ich mich zu dem Buch hingezogen ...

Ich bin bei diesem Buch emotional nicht ganz unparteiisch. Meine Oma hatte nach einer Operation eine ganz ähnliche Bewegungseinschränkung wie June gehabt, deswegen habe ich mich zu dem Buch hingezogen gefühlt. Aus meiner eher kleinen Perspektive kann ich deswegen kaum die Dimensionen der Repräsentation abklären, aber auf mich wirkte es gut recherchiert.

Ich habe etwas, das man Parese nennt. (…) Meine linke Seite ist nicht normal belastbar, das bedeutet, dass ich bei manchen Dingen im Alltag Schwierigkeiten habe.“
S. 11

Eine Parese ist, laut Google, eine motorische Schwächung, bzw. eine leichte Lähmung. Für June bedeutet das, dass ihre linke Körperhälfte eingeschränkt ist und je nach Tagesform variiert ihre Beweglichkeit. Manchmal kann sie fast normal laufen, wann anders ist sogar einen Reißverschluss schließen eine Herausforderung. Diese „guten und schlechten Tage“ hatte meine Oma auch und da fand ich den Konflikt nun wirklich spannend. Meine Oma war 73 Jahre alt, June ist Anfang zwanzig. Für meine Oma war klar, dass mit dem Alter und ihrer Krankheit Einschränkungen kommen werden, aber bei einem jungen und sonst gesunden Menschen? Ich habe sehr gerne aus Junes Sicht gelesen, denn sie musste einige Stadien in diesem Buch durchlaufen, um bis dahin zu kommen, wo sie am Ende ankommt. June lebt ein sehr behütetes Leben, ihre Eltern sind nach dem schrecklichen Autounfall, der nicht nur Junes Beweglichkeit gefordert hat, extra vorsichtig und stellen einige Bedingungen, als June ausziehen will. Ich fand auch diesen emotionalen Teil sehr spannend, denn für Eltern muss es wirklich schwer sein, eine Tochter los zu lassen, wenn man erlebt hat, was passieren kann.

Sie hat schreckliche Angst, dass dieser Unfall noch nicht vorbei ist. Dass seine Folgen dich immer noch in Gefahr bringen. Jeden Morgen beim Aufstehen hat sie Angst, dass das dicke Ende noch kommt.“
S. 222, Junes Vater über ihre Mutter

Ich könnte stolpern und eine Treppe runterfallen oder mitten auf der Straße zusammenbrechen, weil mein Knie schlappmacht. Ich glaube, sie denken, dass ich auf viel mehr Arten sterben kann als normale Menschen.“
S. 290, June über ihre Eltern

Eine dieser Bedingungen ist der Alltagshelfer und June selber hat auch gewisse Ansprüche an ihre Selbstständigkeit, beispielsweise muss ihre Wohnung barrierefrei sein, denn sie will auch alleine zurecht kommen können, sie ist kein Pflegefall. Im Lauf der Handlung kämpft June mit ihrer körperlichen Unfähigkeit, Panikattacken beim Autofahren, ihrer Angst vor Unfällen, denn nicht einmal abfangen kann sie sich ordentlich, sollte sie stürzen. Der Weg in die Selbstständigkeit ist lang und schmerzhaft, Physiotherapie ist nicht alles, denn June muss auch an sich glauben können, wieder Selbstvertrauen aufbauen. All das passiert eher schleichend. Die Upper East Side Reihe ist für ihre langen Zeitspannen bekannt, in den vorherigen Romanen konnte es sich manchmal ziehen, aber hier fand ich die Zeit wirklich sinnvoll genutzt, weil June so viel lernen und bewältigen musste. Es ist ein sehr schleichender, langsamer Prozess, man kann nicht einfach von heute auf morgen sein Leben so komplett umkrempeln, erst recht nicht, wenn man so viel beachten muss, wie June.

An dieser Stelle kommt Sam ins Spiel. Sam ist ein wirklich guter Kerl, der sich manchmal vielleicht zu viele Gedanken um andere macht, als gut für ihn wäre. Sams Hauptziel ist es seinen kleinen Halbbruder aus dem missbräuchlichen Haushalt seiner Stiefmutter heraus zu holen, aber das Sorgerecht zu tragen, wenn man keine eigene Wohnung und festen Job hat, ist schwierig. Die Stelle bei June ist wie geschaffen für ihn, denn Junes Eltern zahlen gut und die Arbeitszeiten sind menschlich. Ich habe sehr gerne aus Sams Perspektive gelesen, weil er manchmal einen doch ganz anderen Blick auf Junes Situation brachte, als mir das jemals eingefallen wäre. Sam unterstützt June und spornt sie an, er erkennt instinktiv, dass ihr größtes Hindernis ihr Selbstvertrauen ist und nicht ihr Körper. Er lockert vertrackte Situationen auf, nimmt June die Selbstzweifel durch seinen Humor und ist ihr ein emotionaler Beistand. Was weit mehr ist, als in seiner Stellenbeschreibung steht.

Ich wollte sichergehen, dass June okay war. Dass sie und ihre Gedanken nicht in einen der Abgründe rutschten, die in ihrem Kopf zu lauern schienen
S. 257

Die etwas plakative Grundlage für die Handlung – junge Frau verliebt sich in den Mann, der ihr täglich hilft – kommt durch die gut geschriebenen Charaktere gar nicht so schlimm rüber und June ist auch zu Beginn nicht müde zu betonen, dass sie Sam kaum braucht. Das obligatorische Treppe-rauf-tragen kommt vor, aber ich fand es gut genug in der Chemie der Charaktere verankert, dass es nicht kitschig oder überflüssig wirkte. Die Chemie zwischen June und Sam ist hier wirklich das A und O der Handlung, denn viele Raumwechsel und besondere Situationen gibt es nicht. Ich hatte damit aber kaum ein Problem, besonders, da June sich in fremden Umgebungen sehr unwohl fühlt und nur auf unsensible, abwertende Kommentare wartet. Der Hauptkonflikt in der Liebesgeschichte kann durchaus etwas frustrierend wirken, weil die Kommunikation in manchen Punkten aussetzt, aber ich fand es dennoch stimmig, denn im Vorfeld wurde genug Arbeit in die Beziehung gesteckt, um die Reaktion glaubhaft zu machen.

Ich war auf dem besten Weg in eine Katastrophe. Und ein Teil von mir konnte es beinahe nicht erwarten.“
S. 181

Ich war von diesem abschließenden Band, der ein paar Gastauftritte der anderen Pärchen und Charaktere natürlich nicht auslassen konnte, sehr überzeugt. Ich möchte das mit einem so speziellen Thema gearbeitet wurde und bin auch mit dem Ende sehr zufrieden. Ich fand es realistisch, die Charaktere haben sich gut entwickelt und voneinander gelernt. Mein Buch zählt nun unglaublich viele markierte Stelle, ich war so begeistert von der Wortgewalt der Autorin und wie sie die Situationen zusammengefasst hat.

Veröffentlicht am 23.09.2019

Eine nur Art von Drachen

Der Sommerdrache
0

Dieses Buch ist so viel mehr, als man aus dem Klappentext erahnen kann, obwohl dieser den ersten Abschnitt des Buches sehr gut zusammen fasst. Ich bin absolut verliebt in diese Welt, die Figuren, den Konflikt. ...

Dieses Buch ist so viel mehr, als man aus dem Klappentext erahnen kann, obwohl dieser den ersten Abschnitt des Buches sehr gut zusammen fasst. Ich bin absolut verliebt in diese Welt, die Figuren, den Konflikt. Es ist so vielschichtig und komplex, dass ich wieder einmal nicht weiß, wie ich eine Rezension tippen soll, die dem gerecht wird. Ich würde es thematisch zu George R. R. Martin und Robin Hobb packen, es hat ähnliche Themen und ist genauso gut ausgearbeitet. Es kann brutal und eklig sein, witzig und gefühlsduselig. Die Welt ist nicht so schwarz und weiß, wie man zu Beginn denkt und die einzelnen Handlungsstränge sind wunderbar miteinander verwoben. Der Sommerdrache ist der Auftakt der Ewige-Gezeiten-Trilogie, aber bisher ist noch nichts über einen zweiten Teil bekannt. (Was bedeutet, dass ich einmal up-to-date mit einer Buchreihe bin, wohooo!)

Dieses Buch hat mich zuerst durch seinen Weltenbau überzeugt. Todd Lockwood schreibt unglaublich gut über Drachen, er bindet so viele verschiedene alltägliche Elemente mit ein, setzt diese so genial mit Drachen zusammen, dass einfach alles absolut logisch und glaubhaft wirkt. Dinge wie Luftströmungen, Futtergewohnheiten, Körperbau und sozialer Kontakt spielen eine Rolle, was mir niemals eingefallen wäre. Drachen sind bei ihm keine mythologischen Wesen, sondern feste Bestandteile des Ökosystems und sogar die Grundlage von Religionen. Glaube spielt in diesem Buch eine größere Rolle als erwartet, aber es ist so essentiell für die Welt und Handlung, dass ich ihn mir nicht wegdenken kann. Es gibt Priester, Kriegermönche, Extremisten und Magie, die in Form von Avar, Erscheinungen in Drachenform auftreten und ein Spiegel der Strömungen ihrer Zeit sein sollen. Die Religion der Drachenhoheit Korruzon hat eine Möglichkeit entwickelt eine geistige Verbindung zwischen einem Drachen und einem Menschen herzustellen, welche durch Tattoos gefestigt wird. Wer einmal dieses Prozess durchlaufen hat ist in der Lage besser mit seinem Drachen zu arbeiten, es entwickelt sich leichter eine Freundschaft und gegenseitiges Verständnis. Diese Verbindung war unglaublich spannend, denn je nachdem, wie tief sich der Mensch darauf einlassen kann, desto wirkungsvoller arbeiten Drache und Mensch als Team.

Das Land Gurvaan, in dem Maia lebt, befindet sich im Krieg mit dem Nachbarland Harodh, einem Volk bleicher Menschen, die für diesen Krieg unvorstellbare Dinge tun. Sie haben eine Art Zauber erschaffen, der Menschen und Drachen in verbrannte Kampfmaschinen verwandelt und es sogar erlaubt ihre Körper zu kombinieren. Diese Krieger nennt man Skraak und sie überrennen die Zuchtstätten der Drachen von Gurvaan. Ein großer Aery ist zu Beginn des Buches bereits verloren und die Harodhi scheinen sich nur dem Aery von Rita, dem von Maia, zuzuwenden.

Jemand hatte Handgelenke, Beine, Schwingen und einen Torso an dieses Gestell geschnallt. Im oberen menschlichen Teil glimmte noch immer das schwache, untote, grausam grüne Licht. Der Kopf hing schlaff nach hinten, die teuflischen Augen starrten leer. Der Drache darunter war wie ein totes Gewicht zusammengesackt und zog an der unvollendeten Naht, welche beide Teile miteinander verband.
S. 590

Ich will nicht zu viel über dieses Buch verraten, weil die Entdeckungsreise der beste Teil für mich war. Maia ist eine junge Frau, die mehr sein will als ein schönes Gesicht und sich, als niemand von den Männern sich für sie einsetzt, eben selbst hilft. Maia hat ein natürliches Gespür für Drachen, eine Begabung und will diese nutzen. Sie begibt sich auf die Suche nach einem Drachenküken und entdeckt dabei in einem nahe gelegenen Berg eine Gruppe feindlicher Spione. Auf der Flucht durch diesen Berg stolpert sie über die Reste einer Zivilisation, von der sehr wenig bekannt ist. In eine heftige Verfolgungsjagd verwickelt bleibt Maia kaum Zeit, sich Gedanken über diese Zivilisation zu machen, aber das ausgeprägte Höhlenlabyrinth, dass offenbar mehr als einer Drachenhoheit gewidmet ist, bringt viele Geheimnisse, bei denen es mir unter den Fingernägeln brannte, sie zu erforschen. Dieser Teil war so spannend und nervenaufreibend, dass ich ganz angespannt auf meinem Sitz im Reisebus hockte und mich bewusst aus der Handlung holen musste, weil sie so einen starken Sog entwickelte. Maja ist sehr einfallsreich und zielstrebig, sie ist vorsichtig und überlegt, eine Heldin ganz nach meinem Geschmack. Ich war im ganzen Buch nicht einmal wegen ihr frustriert, diesen Teil haben die männlichen Figuren übernommen. Mit ihrer Aktion tritt Maia eine Revolution los, etwas, das sie nie gewollt hatte, aber nicht verhindern kann. Sie gerät zwischen die Mühlräder von Politik und Religion, Glaube und Wissen und dabei wollte sie doch nur endlich ein eigenes Drachenküken. Maia entwickelt einen Katniss-Everdeen-Effekt, was ich unglaublich spannend finde. Sie wird zum Symbol einer Sache, ohne es zu wollen oder zu provozieren und es wird mehr in ihre Handlungen hineininterpretiert, als sie sich dabei gedacht hat und passiert ist. Der schiere männliche Unglauben, dass eine junge Frau recht haben könnte stand dabei vielen Figuren im Weg. Die Beziehung zwischen Aktion und Reaktion ist wahnsinnig spannend und komplex, ich bin sehr gespannt, wie sich das in den folgenden Büchern noch entwickeln wird.

Ich würde nicht länger untätig darauf warten, dass Mabir, Bellua oder Vater alles ins Lot brachten.
S. 127

Apropos Drachenküken: Alle Tierbabys sind süß, aber Drachenküken setzen dem nochmal die Krone auf. Durch ihre ausgeprägten kommunikativen Fähigkeiten sind Drachenküken neugierig, abenteuerlustig und zutraulich. Am liebsten hätte ich durch die Seiten des Buches gegriffen und mir selber eins ausgesucht. Wenn ich vor lauter Spannung nicht fast gestorben bin, war ich von den Drachen total entzückt, es wurde einfach nie langweilig mit ihnen. Ein Drachenküken beispielsweise, ist beim erlernen der Befehlsworte etwas langsam gewesen und war schlussendlich von seinem Lernerfolg für das Wort für Huhn – Bak Bak – so stolz, dass es nur noch dieses Wort benutzt hat und sein Spitzname Bak Bak wurde. Andere Drachen haben es so gerufen und die Reaktion des Besitzers war einfach göttlich. „Du hast aus meinem Drachen ein Huhn gemacht!“ (S. 328)

Das Buch besticht zwar auch durch seine tolle Darstellung von Drachen, aber für mich waren auch die familiären Bande wichtig, die hier eine Rolle spielen. Maias Familie besteht seit dem Tod ihrer Mutter aus ihr, ihrem Vater, ihrem großen Bruder Tauman, seiner Frau Jhem und ihrem minimal älterem Bruder Darian. Jhem und Maia verbindet eine tolle Beziehung, sie unterstützen sich auf eine Art und Weise, wie es nichtmal Maias Brüder tun. Maia leidet etwas unter ihrem Bruder Darian, der sie immer dumm dastehen lässt und bevorzugt wird. Der unterschwellige Sexismus, dem Maia im Buch gegenüber steht, ist von Mikroaggressionen und Verunsicherung gespeist und wird durch die religiösen Vertreter nur gefördert. Maia kämpft dagegen an, nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht falsche Verhaltensweisen offen an. Ich hätte gerne ganz oft applaudiert, so großartig war es, wie Maia die Verhaltensweisen in verständliche Worte gefasst hat und auf Missstände aufmerksam gemacht. Eine Sache hätte für mich in diesem Buch nicht sein müssen: Die Liebesgeschichte. Maia selber hat keinerlei Gedanken in diese Richtung verschwendet, dazu war ihr Zuhause zu sehr in Gefahr. Die Aufmerksamkeit, die sie bekam war nicht immer positiver Natur, aber ich fand es unnötig ihre Schönheit dafür verantwortlich zu machen. Maia kann auch durch ihre Intelligenz und Charaktereigenschaften anziehend sein. Dazu muss ich aber auch sagen, dass der Fokus auf ihr Aussehen immer von den männlichen Figuren ausging und Maia selber sich nicht darüber definiert hat.

Zuletzt muss ich noch erwähnen, dass der Autor ein sehr talentierter Zeichner ist. Er hat für Dungeons & Dragons designt und für andere Autoren gezeichnet, beispielsweise für Marie Brennan, die Lady Trends Memoiren geschrieben hat. Nicht nur hat Todd Lockwood das Cover selbst designt, er hat auch für das Buch bis zu 12 Zeichnungen angefertigt, die in den Kapiteln verstreut sind. Das hat manchen Szenen mehr Gestalt verliehen, als mir lieb ist, war aber dennoch einfach unglaublich cool. Bisher ist Der Sommerdrache ein Jahreshighlight für mich und ich freue mich sehr ein so fantastisches Drachenbuch gefunden zu haben.