Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.03.2021

Ein Thriller mit gesellschaftlich relevanter Thematik

Rattenkönig
0

Ein „Rattenkönig“ ist ein Knäuel Ratten, miteinander an ihren Schwänzen verbunden, der das einzelne Tier daran hindert, sich individuell zu bewegen. Der Ausdruck steht hier für die Incels, unfreiwillig ...

Ein „Rattenkönig“ ist ein Knäuel Ratten, miteinander an ihren Schwänzen verbunden, der das einzelne Tier daran hindert, sich individuell zu bewegen. Der Ausdruck steht hier für die Incels, unfreiwillig zolibatär lebende Männer, die aber von ihrer dominanten sozialen Position überzeugt sind und ihren Frauenhass samt Gewaltfantasien überwiegend in Internetforen ausleben. Ursprünglich eine aus den Vereinigten Staaten kommende Bewegung, deren Anhänger aber mittlerweile weltweit vernetzt sind. So auch in Schweden, und deshalb eines der Themen in Pascal Engmans Fortsetzung der Vanessa Frank-Reihe.

Eine junge Frau plant ihren momentan im Gefängnis einsitzenden Partner zu verlassen. Nachdem dieser Freigang hatte, wird sie erstochen aufgefunden. Vanessa Frank wird misstrauisch, denn sämtliche Spuren am Tatort deuten auf den Ex-Freund hin. Und offenbar hat sie den richtigen Riecher, denn es werden weitere Frauen nach dem gleichen Modus operandi getötet, die nicht mit dem Häftling in Verbindung gebracht werden können. Unterstützt wird sie bei ihren Ermittlungen, wie bereits in dem Vorgänger „Feuerland“, von dem ehemaligen Elite-Soldaten Nicolas Paredes.

Engman hat ein Gespür für gesellschaftlich relevante Themen. Was auf den ersten Blick wie der übliche Frauen-werden-von-gestörten-Tätern-ermordet Thriller aussieht, ist wesentlich mehr, denn hier geht es auch um die strukturelle Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen. Dies wird insbesondere am Beispiel der jungen Nachwuchsjournalistin Jasmina Kovac deutlich, die sowohl physisch als auch psychisch nicht nur im Job missbraucht wird. Aber auch die zwölfjährige Celine aus Paredes‘ Nachbarwohnung, ein vernachlässigtes Mädchen, das sich mit Nicolas angefreundet hat, und deren Vater ein höchst verantwortungsloser Zeitgenosse ist, passt in dieses Schema.

Die Handlung wechselt kapitelweise zwischen den Perspektiven der verschiedenen Personen, wobei die Handlungsstränge zu Beginn parallel laufen, sich aber im Verlauf des Thrillers immer mehr annähern und schließlich kreuzen, bis sie in einem Showdown enden, der so nicht vorauszusehen ist.

Engman zeigt einmal mehr, dass sich ein schwedischer Thriller nicht in der bei vielen Autoren des Landes so beliebten Melancholie suhlen muss, sondern auch mit Tempo und einer vielschichtigen Story punkten kann.

Veröffentlicht am 02.03.2021

Unter falscher Flagge

Das Verschwinden der Erde
0

Kamtschatka, die Halbinsel im hintersten Südosten Russlands, war für mich bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Diese Leerstelle füllt Julia Phillips mit „Das Verschwinden der Erde“, nominiert für ...

Kamtschatka, die Halbinsel im hintersten Südosten Russlands, war für mich bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Diese Leerstelle füllt Julia Phillips mit „Das Verschwinden der Erde“, nominiert für den National Book Award und auf der Bestenliste 2019 der New York Times. Der Roman wird als literarischer Thriller beworben, aber das ist Segeln unter falscher Flagge und erfüllt die Erwartungen des Lesers/der Leserin nicht. Literarisch möchte ich ihm nicht absprechen, aber für einen Thriller braucht es definitiv mehr als das Verschwinden zweier Mädchen, zumal dieses Thema im Handlungsverlauf eher an den Rand rückt.

Seine Stärken hat der Roman in den atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen: Petropawlowsk, die farblose Metropole. Die Tundra, menschenleer und von unglaublicher Weite. Die Wälder, dunkel und dicht. Die schneebedeckten Vulkane, die in die Landschaft ragen.

Der Roman ist in 13 Kapitel gegliedert, mit dem jeweiligen Monat von August bis Juli plus der Silvesternacht des folgenden Jahres bezeichnet, startend mit dem Tag der Entführung. In jedem dieser Abschnitte steht eine andere Frau im Mittelpunkt, deren Leben äußerst locker, direkt oder indirekt, mit diesem tragischen Ereignis verknüpft ist. Die Autorin betrachtet deren Leben in einer männlich dominierten Welt, jedes davon durch ein mehr oder minder tragisches Ereignis beschädigt, und entwickelt so aus den Einzelschicksalen das Panorama einer uns fremden Gesellschaft.

Wenn wir über männliche Dominanz sprechen, ist natürlich das Thema Gewalt und wie diese das Zusammenleben der Menschen beeinflusst und prägt ein weiterer Faktor. Hier hat Phillips nicht nur das Verhältnis Mann/Frau im Blick, sondern schaut auch auf den Umgang der Russen mit der indigenen Bevölkerung in der Region. Bei all dem geht sie nicht in die Tiefe, kratzt nur an der Oberfläche, was unter dem Strich den Roman für mich zu einem unbefriedigenden Leseerlebnis macht.

Veröffentlicht am 28.02.2021

Auf ganzer Linie enttäuschend

Die Verlorenen
0

Stacey Halls „Die Verlorenen“ ist ein historischer Schmöker, geschrieben für Leserinnen und nimmt diese mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1747, Handlungsort ist London. Die ...

Stacey Halls „Die Verlorenen“ ist ein historischer Schmöker, geschrieben für Leserinnen und nimmt diese mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1747, Handlungsort ist London. Die junge Bess Bright ist bettelarm und bestreitet ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Krabben in den Straßen der Metropole. Eine ungewollte Schwangerschaft bringt sie in arge Bedrängnis, reicht das, was sie durch ihre Arbeit erlöst, nicht dafür aus, noch einen hungrigen Mund zu stopfen. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, das Neugeboren in einem Findelhaus abzugeben, ein Umstand, der sie tagtäglich schmerzhaft verfolgt.

Sechs Jahre sind vergangen, und Bess ist endlich in der Lage, den Betrag für die Unterbringung aufzubringen und somit das Kind wieder auszulösen. Doch sie kommt zu spät, das Mädchen wurde bereits einen Tag nach der Übergabe vor sechs Jahren von jemandem abgeholt, dessen Identität nicht bekannt ist. Aber Bess gibt ihre Tochter nicht auf und macht sich auf die Suche nach ihrem Kind.

Stacey Halls Romane werden mit Hilary Mantels Cromwell-Trilogie verglichen, wofür diese zweimal mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. Ja, sie wurde sogar als deren Nachfolgerin im bezeichnet. Dieser Meinung kann ich mich leider nicht anschließen, zwischen Hall und Mantel klaffen Welten. Nicht nur, dass hier die atmosphärischen Schilderungen jedem Kostümfilm zur Ehre gereichen, auch das Handeln der Personen ist eindimensional und erfüllt jedes Klischee. Der Roman ist eine Schnulze, trieft vor Emotion und hebt den Mythos Mutterliebe in ungeahnte Höhen. Eine Enttäuschung auf ganzer Linie!

Veröffentlicht am 28.02.2021

Ein Reihenauftakt nach Maß

Der Libanese
0

Clan-Kriminalität ist ein Thema, das in der deutschen Spannungsliteratur deutlich unterrepräsentiert ist, obwohl diese Form der organisierten Kriminalität mittlerweile auch im deutschen Alltag angekommen ...

Clan-Kriminalität ist ein Thema, das in der deutschen Spannungsliteratur deutlich unterrepräsentiert ist, obwohl diese Form der organisierten Kriminalität mittlerweile auch im deutschen Alltag angekommen ist. Zentren dieser hierarchisch organisierten und ethnisch abgeschotteten Parallelgesellschaften sind aktuell Berlin und Bremen, die Wurzeln der Clanfamilien sind überwiegend im Nahen Osten zu finden.
Clemens Muraths „Libanese“ ist Arslan Aziz, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich auch auf dem gesellschaftlichen Parkett sicher bewegt und die richtigen Verbindungen hat. Mit seinem Bruder Tarik und zahlreichen Helfern kontrolliert er nicht nur die Berliner Drogenszene, sondern mehrt auch mit Schutzgelderpressung und Prostitution das Vermögen der Familie. Gewaschen wird das Geld in seiner Immobiliengesellschaft, deren neuestes Projekt der Bau einer großen Shopping Mall ist. Er ist der Denker und Stratege, der Kopf des Clans. Sein Bruder hingegen ist ein impulsiver Gewalttäter, dessen unüberlegtes Verhalten immer wieder Probleme schafft und der auch vor der Ermordung eines Konkurrenten in aller Öffentlichkeit nicht zurückschreckt.
Auf Seiten des Berliner LKA steht „Shooter“ Frank Bosman, der seine Truppe eher unkonventionell führt, seit er mit seinem Kollegen Schuster im Kosovo als Polizeiausbilder für die EULEX tätig war und seither einen etwas anderen Blick auf seine Arbeit hat. Er tut, was getan werden muss, hat keine Skrupel, im Kiez kommt man mit Samthandschuhen nicht weit. Sein moralischer Kompass scheint außer Betrieb. Informanten werden bezahlt, mit Cash oder Drogen, die im Einsatz beschlagnahmt wurden. Aber er weiß auch, wer in seinem Revier auf Hilfe angewiesen ist, steckt schonmal einer alleinerziehenden Mutter Geld für die Klassenfahrt ihres Sohnes zu und unterstützt eine private Tafel mit großzügigen Geldspenden. Sein Vorgesetzter? Nicht ahnungslos, aber hält die Füße still, könnte ja hinderlich für seine Ambitionen sein. Und letztendlich zählt nur der Erfolg, nicht der Weg dorthin. Und der gibt dem Shooter recht.
Clemens Murath ist Drehbuchschreiber, weiß also, wie man eine spannende Geschichte plottet. Seine Milieuschilderungen sind großartig, aber auch das Personal hat einiges zu bieten. Der Filme machende Schwager, der mit 200.000 Euro bei Tarik in der Kreide steht, der korrupte Banker, der Arslans Konten frisiert, die junge Augenzeugin, die ihre devoten Neigungen entdeckt und noch einige mehr. Daraus ergeben sich zahlreiche Nebenhandlungen, die jede für sich einen Blick wert und für das hohe Tempo verantwortlich sind. Ein rauer Thriller, der nicht mit Gewaltdarstellungen geizt, die Sprache oft rotzig und deshalb dem Milieu angemessen, die Dialoge geprägt von schwarzem Humor. Hat etwas von Pulp Fiction, und könnte locker verfilmt werden. Ein Reihenauftakt nach Maß, der mich ungeduldig auf die Fortsetzung warten lässt.

Veröffentlicht am 26.02.2021

Authentischer Kriminalroman jenseits der Klischees

Frostmond
0

Die verweste Leiche einer jungen Frau wird am Urban Beach in Montreal angespült. Die Obduktion ergibt, dass sie indianischer Herkunft ist. Die zuständige Sûreté du Québec sieht sich immer wieder mit der ...

Die verweste Leiche einer jungen Frau wird am Urban Beach in Montreal angespült. Die Obduktion ergibt, dass sie indianischer Herkunft ist. Die zuständige Sûreté du Québec sieht sich immer wieder mit der Unterstellung konfrontiert, bei indigenen Opfern schlampig und ohne Nachdruck zu ermitteln. Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist, denn auch in den Fällen der ermordeten Indianerinnen entlang des Transcanada-Highways, der wegen dieser Morde von Interessenverbänden der First Nations auch als „Highway of tears“ bezeichnet wird, konnte bislang kein Schuldiger dingfest gemacht werden. Deshalb bekommen sie Ted Garner, einen Profiler aus Regina, Saskatchewan zugeteilt, der sie für die Thematik sensibilisieren und bei ihren Ermittlungen unterstützen soll. Er bildet ein Zweierteam mit Jean-Baptiste LeRoux, und Zusammenarbeit der beiden führt - natürlich – zum Erfolg. Der Highway-Mörder wird dank Ermittlungsarbeit überführt, bei der Entlarvung des Mörders der jungen Indianerin hingegen kommt ihnen der Zufall zu Hilfe und offenbart schockierende Details über deren Leben und Sterben in der großen Stadt.

Es sind drei, eigentlich nur zwei Perspektiven, die diesen Kriminalroman prägen. Zum einen die „weiß-kanadische“ des Ermittlerteams LeRoux/Garner, zum anderen die Indigene von Leon Maskisin, Cousin des getöteten Cree-Mädchens, wobei diese unbestreitbar die Interessantere ist.

LeRoux ist mehr mit sich selbst und seinen außerehelichen Liebschaften beschäftigt, als sich um die Ermittlung zu kümmern. Garner mag wohl fähig sein, gefällt sich aber meiner Meinung nach zu sehr in der Rolle des Schopenhauer lesenden Intellektuellen, der mit jeder Menge Zitate LeRoux‘ Angetraute beeindrucken will. Sinn und Zweck in diesem Krimi erschließt sich mir jedenfalls nicht. Teamarbeit findet nur teilweise statt, im Großen und Ganzen macht jeder sein eigenes Ding. Beiden gemein ist jedoch die typisch weiße Überheblichkeit.

Maskisin hingegen lebt das traditionelle Leben der Cree, orientiert sich an den Werten, die ihm sein Großvater beigebracht hat. Er reinigt Körper und Geist in der Schwitzhütte, legt Fallen aus, in denen er Pelztiere fängt, und lebt von dem Erlös der Häute. Und er setzt alles daran, den Tod seiner Cousine zu rächen.

Wenn eine deutsche Autorin einen Roman schreibt, in dem Kultur und Leben der Indigenen Thema sind, bin ich zuerst einmal skeptisch, denn noch immer geistert in vielen dieser Machwerke (meist aus der Schnulzenecke) das über Jahrzehnte vermittelte Bild des Naturburschen herum, der mit wehenden Haaren spärlich bekleidet über die Prärie reitet.

Die Sorge ist bei Frauke Buchholz unberechtigt, hat sie doch im Zuge ihres Studiums quasi Feldforschung in diversen Reservaten betrieben sowie auch einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht und sich dort umfassend über deren Kultur und Lebensbedingungen informiert. Und so ist es kein Zufall, dass ausgerechnet diese „First Nation“ im Zentrum ihres authentischen Kriminalromans „Frostmond“ steht, den ich an dieser Stelle all jenen empfehle, die sich für die indigenen Völker Kanadas und der Vereinigten Staaten interessieren.