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Veröffentlicht am 26.06.2020

Vivian und ihr bewegtes Leben

City of Girls
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Vivian Morris, eine zähe alte Dame, die sich „ans Dasein klammert wie eine Seepocke an einen Schiffrumpf“, schaut im Alter von knapp 90 Jahren auf ihr vielbewegtes Leben zurück. Sie erzählt ihr Leben jedoch ...

Vivian Morris, eine zähe alte Dame, die sich „ans Dasein klammert wie eine Seepocke an einen Schiffrumpf“, schaut im Alter von knapp 90 Jahren auf ihr vielbewegtes Leben zurück. Sie erzählt ihr Leben jedoch nicht einem breiten namenlosen Publikum, sondern einer Frau mit dem Namen Angela – wer diese Frau ist, erfahren wir erst im letzten Fünftel des 488-seitigen Romans. Auslöser für Vivians Memoiren in Briefform ist Angelas Frage danach, was jene für ihren Vater gewesen ist. Um diese Frage beantworten zu können, muss Vivian weit ausholen: Sie beginnt mit ihrer Erzählung im Jahr 1940, als sie als 19-Jährige das Elternhaus verlässt, um bei ihrer Tante Peg im Lily Playhouse ihr neues Dasein zu fristen, nachdem sie vom College freigestellt wird. „Um ehrlich zu sein, verstand ich nicht, was ich am College sollte, außer einer Bestimmung zu folgen, deren Sinn zu erklären sich niemand bemüht hatte“, bringt Vivian äußerst prägnant das Problem auf den Punkt. Und so wissen sich die Eltern nicht anders zu helfen, als die junge ungestüme Tochter nach New York zu schicken. „Ich wusste, dass ich verbannt wurde, aber immerhin … mit Stil!“ Das Lily Playhouse – „es war die elektrisierende Verkörperung von Glamour, Wagemut, Chaos und Spaß“ – erweist sich als der passende Ort für die lebenshungrige Vivian, die sich mit dem Revuegirl Celia zusammentut und von nun an die Clubs der Stadt unsicher macht. Ihre Devise lautet, das Leben in vollen Zügen zu genießen, ihre Jugend zu „vergeuden“ und sich „an den Rand des Abgrunds und in Sackgassen zu führen, die sie sich selbst schafften“. Und so kommt es unweigerlich zu einer Katastrophe, die Vivians Leben eine Wende gibt.

Elizabeth Gilbert hat für den Hauptteil ihres Romans ein äußerst elektrisierendes, glamouröses aber auch sehr bewegendes, ja schmerzliches Setting gewählt – die 40er Jahre. Wahrlich ein schwieriges Unterfangen, die damalige Zeit mit ihrem Spagat zwischen entrückter Unterhaltungsindustrie und harter Realität in Form des Zweiten Weltkrieges authentisch einzufangen. Nach meinem Empfinden ist der Autorin das Romanprojekt nicht gänzlich gelungen. Habe ich am Anfang des Romans noch bei den herrlich selbstironischen Aussagen der Ich-Erzählerin geschmunzelt, machte die Amüsiertheit doch schnell der Langweile Platz. Ich fand die Beschreibung des Theaters und seiner Angestellten nicht besonders interessant und die Beschreibungen der nächtlichen Eskapaden mit all ihren Ausschweifungen haben mich ebenfalls ermüdet. Als die weltberühmte englische Bühnendarstellerin Edna Parker Watson auf der Bildfläche erscheint, blitzte für einen Augenblick mein Interesse wieder auf, um ebenso schnell wieder abzuklingen. Die sehr lange Beschreibung des Musicals, das alle mit vereinten Kräften auf die Bühne bringen und das zum vollen Erfolg wird, hat sich gezogen wie Kaugummi. Als große Anhängerin des Hollywoods der goldenenen Zeitalters habe ich an dem von der Ich-Erzählerin selbst wie auch von den Kritikern als Geniearbeit gerühmten Stück kaum etwas Bemerkenswertes ausmachen können. Und so war ich froh, als dieser Teil der Erzählung mit großem Krach ein Ende nahm und einem neuen Erzählstrang Platz machte. Obwohl auch nicht außergewöhnlich, hat mich der weitere Verlauf eher in seinen Bann gezogen, bis mich das letzte Fünftel des Romans, in dem es um die Beziehung zwischen Vivian und Frank (Angelas Vater) geht, sogar sehr berührt hat. Eine allgemeine Bewertung des Romans fällt mir daher schwer. Hätte die Autorin den Romanteil, in dem es um das Theater geht, zugunsten des letzten Teils gekürzt, hätte mir der Roman sicherlich besser gefallen. So bin ich ziemlich gespalten in meinen Gefühlen. Wie ich aus einem Interview mit Elizabeth Gilbert erfahren habe, ist ihre Lebenspartnerin und beste Freundin, Rayya Elias, ein Jahr vor Erscheinen des Romans an Krebs gestorben. Obwohl die Autorin noch vor Elias‘ Krankheit mit ihren Recherchen zu dem Roman begonnen hatte, konnte sich Gilbert nach der Krebsdiagnose nicht vorstellen, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Nach Elias‘ Tod fühlte sie jedoch einen inneren Zwang, der sie zu dem Roman zurückzog. Höchstwahrscheinlich liegt es an der beschriebenen Situation der Autorin, dass ich nach wenigen Seiten einen Bruch in dem Ton der Geschichte empfand und der weitere Verlauf (insbesondere der Teil, der über die unbeschwerte und sorglose Zeit der Ich-Erzählerin berichtet) so gezwungen auf mich wirkte. Der innere Gram der Autorin hat sich womöglich doch zwischen den Zeilen festgesetzt. So fällt jedenfalls meine persönliche Einschätzung des Romans aus, was nicht bedeuten muss, dass jeder Leser und jede Leserin denselben Eindruck davontragen muss. Wer jedoch ebenso wie ich zwischenzeitlich seine liebe Mühe mit „City of Girls“ hat, dem möchte ich sagen, dass es sich lohnt bis zum Ende durchzuhalten, denn dann wird man mit einer ans Herz gehenden Liebesgeschichte belohnt. „Was waren wir füreinander? Wie waren Frank und Vivian, die zusammen durch New York City liefen, wenn alle anderen schliefen.“

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Veröffentlicht am 22.11.2020

Ganz anders als erwartet

Mr. Crane
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Elisabeth, deren eine Gesichtshälfte aufgrund eines Feuerunglücks entstellt ist, arbeitet als Krankenschwester im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler, wo einst Anton Tschechow Patient war. Im Sommer 1900 ...

Elisabeth, deren eine Gesichtshälfte aufgrund eines Feuerunglücks entstellt ist, arbeitet als Krankenschwester im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler, wo einst Anton Tschechow Patient war. Im Sommer 1900 reist ein weiterer prominenter Schriftsteller im fortgeschrittenen Tuberkulosestadium ein: Stephen Crane. Elisabeth, die alle seine Bücher gelesen hat, fühlt eine große Verbundenheit zu dem Patienten, die dieser auch vom ersten Augenblick an erwidert. Acht intensive Tage folgen… Vierzehn Jahre später, Elisabeth ist mittlerweile Oberschwester, wird ein junger Soldat mit schweren Verletzungen in das Sanatorium gebracht. Er soll wieder gesund gepflegt und an die Front geschickt werden. Doch Elisabeth versucht dies um jeden Preis zu verhindern…

Der Roman „Mr. Crane“ kommt in einer edlen Qualität daher: fester Einband mit Lesebändchen, auf dem Schutzumschlag ist ein Bild des Schriftstellers zu sehen, im Hintergrund sieht man das Profil einer Frau. Auch der Klappentext ist vielversprechend und macht neugierig. Ich lese gerne Romane, in denen reale Personen fiktional verarbeitet werden. Leider war der Roman ganz anders als ich erwartet habe. Ich habe intensive Gespräche zwischen Stephen Crane und Elisabeth erwartet. Eine geistige Verbindung wie sie nur zwischen zwei Menschen, die von Leid gezeichnet sind, entstehen kann. Statt dessen spielt sich bei den beiden die Annäherung hauptsächlich auf der körperlichen Ebene ab. Ungeachtet dessen, dass sich Mr. Crane im Endstadium seiner Tuberkulosekrankheit befindet und somit extrem schwach und außerdem auch äußerst ansteckend ist, kopuliert er mit Elisabeth wann er nur kann. Elisabeths Verhalten ist sogar noch unverständlicher und gewissenloser: Sie weiß, dass sie ihn schwächt, rüttelt ihn oftmals aus dem Schlaf, damit er eine seiner Geschichten zu Ende erzählt und ‚päppelt‘ ihn schließlich mit Whiskey und Zigaretten auf, damit er länger bei Bewusstsein bleibt. Ein besonders schlechtes Gewissen scheint sie deswegen nicht zu haben, „im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“ scheint ihre Devise zu sein. Gegenüber dem Oberarzt wird sie auch noch aufmüpfig, der ihr mit Verständnis begegnet und ihr sogar eine bessere Position anbietet. Sie hätte eigentlich wegen ihrer Unprofessionalität gefeuert werden sollen, stattdessen ist sie ein paar Jahre später Oberkrankenschwester… Ich frage mich, was die Intention des Autors gewesen ist. Zwar hat Mr. Crane ein paar Geschichten aus seinem Leben zum Besten gegeben, aber als Mensch und Schriftsteller ist er mir persönlich nicht näher gekommen. Die ‚Liebesgeschichte‘ zwischen ihm und Elisabeth ging mir weder nah noch fand ich sie in irgendeiner Form überzeugend. Der zweite Erzählstrang ist meiner Meinung nach besser gelungen: Elisabeth rettet ein Menschenleben, als Wiedergutmachung ihrer Schuld Mr. Crane gegenüber (so meine persönliche Interpretation).

Als Fazit halte ich fest, dass es sich bei „Mr. Crane“ um eine abstruse, wenig überzeugende Geschichte handelt, dem der abgehackte Erzählstil und die oftmals aneinander vorbeiredenden Figuren zusätzlich geschadet haben.

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Veröffentlicht am 20.11.2020

Ein kultiges Kochbuch

Super fresh
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„Wir alle wünschen uns, köstliche Mahlzeiten ohne viel Aufwand zuzubereiten. Wenn jedoch Begriffe wie „gesund“ oder „nährstoffreich“ ins Spiel kommen, schrecken viele gleich zurück… aus Angst, dieser Schub ...

„Wir alle wünschen uns, köstliche Mahlzeiten ohne viel Aufwand zuzubereiten. Wenn jedoch Begriffe wie „gesund“ oder „nährstoffreich“ ins Spiel kommen, schrecken viele gleich zurück… aus Angst, dieser Schub an Nährstoffen ginge auf Kosten des Geschmacks und der einfachen Zubereitung. Aber ich kann Ihnen versichern: Das passiert niemals!“

Wer zu „super fresh“ greift, hat ein Kochbuch der besonderen Art in der Hand. Es kommt bereits in einer ungewöhnlichen Aufmachung daher: die Seiten sind schwarz und die Schrift weiß. Dadurch werden die oftmals sehr kunstvollen Gerichte in den Vordergrund gerückt. Nicht umsonst ist Donna Hay Foodstylistin: Die einzelnen Gerichte sind derartig ansprechend und harmonisch gestaltet, dass man unwillkürlich bei deren Betrachtung an Kunst denkt. Alles andere als langweilig ist auch die Komposition der Zutaten. Da werden einem beispielsweise drei verschiedene Pizzarvarianten präsentiert, deren Boden nicht etwa aus Mehl, sondern hauptsächlich aus Blumenkohl besteht. Viele der in dem Kochbuch dargebotenen Speisen sind asiatisch angehaucht. Hoisin-Sauce, Kaffirlimettenblätter, Ketjap Manis, Chinakohl, Mirin (japanischer Reiswein), Misopaste, Nori, Glas-, Reis- und Soba-Nudeln, Shaoxing (chinesischer Kochwein), Shiso-Blätter und Tamarisauce sind einige der asiatischen Zutaten, die Donna Hay verwendet. Für Menschen, die die gute Hausmannskost ohne Schnickschnack bevorzugen, ist „super fresh“ somit nicht zu empfehlen. Aber jeder Kochende, der gerne Neues oder neuinterpretiertes Bekanntes ausprobiert, wird seine helle Freude an „super fresh“ haben. Dieses 225-seitiges Kochbuch mit sage und schreibe 96 Rezepten bietet eine breitgefächerte Bandbreite an Rezepten für jeden Geschmack. So werden beispielsweise auch 14 der 96 Rezepte in drei Variationen präsentiert: Es wird beispielsweise das Miso-Hähnchen aus dem Ofen im ersten Rezept mit Kürbis, im zweiten Rezept mit Brokkoli und im dritten Rezept mit Aubergine serviert. Oder es gibt ein Lasagnerezept mit Minzspinat, ein anderes mit Schwarzkohl und ein weiteres mit Salbei und Kürbis. Das heißt man kann die Gerichte der Stimmung, Jahreszeit oder auch den eigenen Vorlieben anpassen. Auch die Desserts können sich sehen lassen: Da locken Kokoseiscreme mit Karamellsauce, gegrillte Vanillepfirsiche mit Mandelcrunch und ein Schokofudgekuchen, der komplett ohne Mehl auskommt, um die Wette. Mein absoluter Liebling ist bisher die Bananentarte – die sollte jeder unbedingt ausprobieren!

Alles in allem ist „super fresh“ ein inspirierendes Kochbuch voller innovativer Gerichte, das sowohl Neues als auch neuinterpretiertes Bekanntes vorstellt. Es ist ein Kochbuch, dank dem man mit nicht zu großem Aufwand tolle Ergebnisse erzielt. Ein kultiges Kochbuch, das mit der Zeit geht und ganz bestimmt Anklang findet – sowohl beim Koch als auch bei den Gästen!

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Veröffentlicht am 04.11.2020

Eindringliches Porträt einer Generation

Ada
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„Niemand sprach. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war nichts geschehen. Aber ihre dumpfe Angst, es könnte sich wiederholen, erinnerte sie daran, dass da noch etwas war. Diese Angst wurde ...

„Niemand sprach. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war nichts geschehen. Aber ihre dumpfe Angst, es könnte sich wiederholen, erinnerte sie daran, dass da noch etwas war. Diese Angst wurde zu unserer Mitgift. Auf der Suche nach einem Ventil schleppten wir sie mit uns herum. Unsere Dichtungen waren defekt. Was in uns kochte, schoss eines Tages nach allen Seiten aus uns heraus.“

Als in Berlin die Mauer fällt, ist Ada vierundvierzig Jahre alt, sie hat seit mehreren Jahren ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder nicht gesehen. Sie hadert mit ihrer Geschichte, der Vergangenheit ihrer Eltern, über die sie kaum etwas weiß, und mit ihrer eigenen Identität. Sie entscheidet sich schließlich, einen Psychiater aufzusuchen, dem sie ihre Geschichte erzählt. Wir, die Leser, dürfen mitlauschen. Ada beginnt mit ihren ältesten Erinnerungen, die sie im Alter von zwei Jahren hat. Mit ihrer Mutter, Sala, lebt sie in Buenos Aires. Erst im Jahr 1954, als Ada neun Jahre alt ist, kehren beide nach Deutschland zurück. Dort wird sie einem Mann namens Otto vorgestellt, verschwommen erinnert sie sich auch an einen Hannes. Sala und Otto heiraten, bekommen drei Jahre später einen Jungen, der von allen Sputnik genannt wird. Turbulente Jahre folgen, in denen Ada gegen die Eltern, den Staat, die gesellschaftlichen Verhältnisse aufbegehrt; Jahre, die sie u. a. nach Paris und Woodstock führen.

„Ada“ ist eine Art Autofiktion und der Folgeband von „Der Apfelbaum“. Die Eltern des Autors sind real, Adas jüngerer Bruder Sputnik ist der Autor selbst. Die Figur der Ada ist dagegen fiktiv. Christian Berkel hat einen älteren Bruder, aber keine Schwester. Wie der Autor in einem Interview begründet, habe er sich für eine weibliche Ich-Erzählerin entschieden, weil er „eine Mutter-Tochter-Beziehung für die komplexeste und spannungsreichste Beziehung innerhalb einer Familienstruktur halte“. Wer „Ada“ gelesen hat, wird dem unweigerlich zustimmen. Die Geschichte hätte mit einem männlichen Protagonisten nicht funktioniert. Viele Ebenen wären dabei verloren gegangen.

Christian Berkel tritt in „Ada“ als hervorragender Schriftsteller hervor. Wie er zunächst in die kindliche Psyche eintaucht, ist geradezu entwaffnend echt und treffend: So lernen wir zunächst das Kind kennen, das über eine scharfe Beobachtungsgabe und starkes Empfinden verfügt, dem aber oftmals das tiefere Verständnis für die Geschehnisse fehlt. Die auf diese Weise unweigerlich entstandenen Leerstellen werden von der erwachsenen Ada im Nachhinein auch nicht ausgefüllt, sodass deren Interpretation dem Leser überlassen wird. Ada schildert drastische Situationen und das Gefühl des Verlassenseins. Bereits in dieser Zeit fühlt sie sich von ihrer Mutter oftmals nicht akzeptiert und leidet sehr unter den Trennungen: In Argentinien gibt Sala ihre Tochter in einem Kloster ab und auch später in Deutschland verlässt sie die Familie für mehrere Wochen. Ada fühlt sich weder geliebt noch ernstgenommen. Sie hat ja kaum Vergleichsmöglichkeiten und weiß deshalb nicht, dass in allen Familien geschwiegen wird, erst recht in Bezug auf die Kinder, die man mit der eigenen Vergangenheit nicht belasten will. Auch untereinander reden die Eltern nicht von ihren Erlebnissen. Sala, die aufgrund ihrer halbjüdischen Herkunft in einem Konzentrationslager in Frankreich interniert war, aus dem es ihr gelang zu fliehen, spricht nicht über ihre Erlebnisse. Und Otto, der Frontarzt und mehrere Jahre in russischer Gefangenschaft war, spricht nicht über seine Erlebnisse. Ada kann ihr Schweigen nicht nachvollziehen, denn sie fühlt sich ihrer Herkunft beraubt, die sie für ihr gutes Recht hält. Auch hadert sie mit der Frage, wer ihr leiblicher Vater ist: Ist es tatsächlich Otto oder vielleicht doch Hannes? Immer wieder bedrängt sie ihre Mutter mit der Frage, muss letzendlich aber mit der Ungewissheit darüber weiterleben. Aus Antworten und Erzählungen von ihrem Großvater in Weimar, von ihrer Großtante in Paris und einer alten Freundin ihrer Mutter setzt sich Ada Stück für Stück ein Bild zusammen, das jedoch lückenhaft bleibt. Mit dem Heranwachsen erweitert sich Adas Horizont, doch sie leidet weiterhin an dem Schweigen ihrer Eltern. Nichts lässt sie ungenutzt, um gegen das Leben der Elterngeneration und die Politik des Schweigens aufzubegehren: Von Studentenaufständen über die freie Liebe bis hin zum Drogenrausch – nichts lässt Ada unversucht, um der drückenden Vergangenheit der Eltern zu entfliehen. Doch während sie am Anfang noch hilflos an der Oberfläche kratzt, gelangt sie mit der Zeit zu einem immer tiefer werdenden Verständnis der Dinge.

Christian Berkel hat mich mit „Ada“ so sehr begeistern können, dass ich den Vorgängerband unbedingt nachholen möchte und auch den Folgeband nicht verpassen werde. Er hat in seinem Roman nicht nur ein umfangreiches Zeitbild von Mauerbau bis Mauerfall gezeichnet, sondern auch ein bewegendes Einzelschicksal eines der Nachkriegsgeneration angehörenden Individuums geschildert. Die weibliche Stimme hat der Autor dabei so authentisch eingefangen, dass man während der Lektüre immer wieder vergisst, dass es ein Mann ist, der hinter dem Geschriebenen steht. Der Schreibstil ist mal nüchtern und ungeschönt und dann wieder voller Poesie und literarischer Schönheit – aber stets sehr eindringlich!

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Veröffentlicht am 21.10.2020

Uninspiriert, belanglos und weltfremd

Marigolds Töchter
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Als Daisy plötzlich aus Mailand in ihr Zuhause in England zurückkehrt, weil sie feststellt, dass ihr langjähriger Partner Luca und sie verschiedene Vorstellungen von der Zukunft haben, ist es in dem Haus ...

Als Daisy plötzlich aus Mailand in ihr Zuhause in England zurückkehrt, weil sie feststellt, dass ihr langjähriger Partner Luca und sie verschiedene Vorstellungen von der Zukunft haben, ist es in dem Haus mehr als voll. Neben dem Ehepaar Marigold und Dennis wohnt die jüngere Tochter Suze sowie seit neuestem auch die Großmutter Nan in dem kleinen Cottage. Und so wird es etwas eng, als Daisy wieder ins vertraute Nest heimkehrt. Und doch ist es wiederum eine glückliche Schicksalsfügung, denn sie kann die Familie unterstützen, während es Marigold zunehmend schlechter geht, sie immer mehr und öfter Dinge sowie Menschen vergisst. Auch ahnt Daisy noch nicht, dass sie gerade hier ihr persönliches Glück finden soll...

Wenn man zu einem Buch aus dem List-Verlag greift, erwartet man keine hohe Literatur, sondern seichte Unterhaltung. Doch von Unterhaltung kann hier kaum die Rede sein, dafür kann das Wort „seicht“ extra groß geschrieben werden. Die Personen und Geschehnisse in dem kleinen Dorf irgendwo in England sind geradezu schreiend weltfremd. So fängt Daisy, die in Mailand in einem Museum gearbeitet hat, zu Hause mit dem Malen von Tierporträts an, weil sie ja „früher gerne gezeichnet hat und ja immer Talent dafür hatte“ – prompt wird ihr erstes Gemälde ein Meisterwerk. Sie kann sich vor Aufträgen kaum retten und ihr wird großer Ruhm vorausgesagt. Ganz zu schweigen davon, dass realistische Malerei heutzutage keinerlei Abnahme findet und erst recht keinen Ruhm mit sich bringt, wird hier außerdem impliziert, dass man lediglich für etwas Talent zu haben braucht. Dass viel Wissen, handwerkliches Können und harte Arbeit hinter jeder Art von kreativer Tätigkeit steckt, wird hier einfach ausgeklammert. Genauso ist es bei Suze, die Influencerin ist und über leichte Themen schreibt. Mir nichts, dir nichts entscheidet sie sich gegen Ende des Romans ein Buch über Demenz zu schreiben, das – wie sollte es auch anders sein – direkt ein Bestseller wird. Wie soll man die Autorin, die Figuren und die Geschichte da überhaupt ernst nehmen? Insgesamt jagt in diesem Buch ein Klischee das andere, Belangloses und Katastrophales wirbeln in einem wilden Mischmasch durcheinander, Nichtssagendes und triefender Kitsch sind sowohl das Fundament als auch der Überbau des Ganzen. Unglaublich ermüdend sind gerade auch die Gedanken und Gespräche der Figuren, die sich die ganze Zeit um dieselben Themen drehen – wie ein fader Brei, der mit jedem Aufwärmen geschmackloser und schließlich vollkommen ungenießbar wird. Andere mögen Gefallen an dieser Art von uninspiriertem, belanglosem und weltfremden Schreiben finden, ich aber sage entschieden: Nein, nein, nein und nochmals nein!

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