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Veröffentlicht am 26.06.2020

Vivian und ihr bewegtes Leben

City of Girls
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Vivian Morris, eine zähe alte Dame, die sich „ans Dasein klammert wie eine Seepocke an einen Schiffrumpf“, schaut im Alter von knapp 90 Jahren auf ihr vielbewegtes Leben zurück. Sie erzählt ihr Leben jedoch ...

Vivian Morris, eine zähe alte Dame, die sich „ans Dasein klammert wie eine Seepocke an einen Schiffrumpf“, schaut im Alter von knapp 90 Jahren auf ihr vielbewegtes Leben zurück. Sie erzählt ihr Leben jedoch nicht einem breiten namenlosen Publikum, sondern einer Frau mit dem Namen Angela – wer diese Frau ist, erfahren wir erst im letzten Fünftel des 488-seitigen Romans. Auslöser für Vivians Memoiren in Briefform ist Angelas Frage danach, was jene für ihren Vater gewesen ist. Um diese Frage beantworten zu können, muss Vivian weit ausholen: Sie beginnt mit ihrer Erzählung im Jahr 1940, als sie als 19-Jährige das Elternhaus verlässt, um bei ihrer Tante Peg im Lily Playhouse ihr neues Dasein zu fristen, nachdem sie vom College freigestellt wird. „Um ehrlich zu sein, verstand ich nicht, was ich am College sollte, außer einer Bestimmung zu folgen, deren Sinn zu erklären sich niemand bemüht hatte“, bringt Vivian äußerst prägnant das Problem auf den Punkt. Und so wissen sich die Eltern nicht anders zu helfen, als die junge ungestüme Tochter nach New York zu schicken. „Ich wusste, dass ich verbannt wurde, aber immerhin … mit Stil!“ Das Lily Playhouse – „es war die elektrisierende Verkörperung von Glamour, Wagemut, Chaos und Spaß“ – erweist sich als der passende Ort für die lebenshungrige Vivian, die sich mit dem Revuegirl Celia zusammentut und von nun an die Clubs der Stadt unsicher macht. Ihre Devise lautet, das Leben in vollen Zügen zu genießen, ihre Jugend zu „vergeuden“ und sich „an den Rand des Abgrunds und in Sackgassen zu führen, die sie sich selbst schafften“. Und so kommt es unweigerlich zu einer Katastrophe, die Vivians Leben eine Wende gibt.

Elizabeth Gilbert hat für den Hauptteil ihres Romans ein äußerst elektrisierendes, glamouröses aber auch sehr bewegendes, ja schmerzliches Setting gewählt – die 40er Jahre. Wahrlich ein schwieriges Unterfangen, die damalige Zeit mit ihrem Spagat zwischen entrückter Unterhaltungsindustrie und harter Realität in Form des Zweiten Weltkrieges authentisch einzufangen. Nach meinem Empfinden ist der Autorin das Romanprojekt nicht gänzlich gelungen. Habe ich am Anfang des Romans noch bei den herrlich selbstironischen Aussagen der Ich-Erzählerin geschmunzelt, machte die Amüsiertheit doch schnell der Langweile Platz. Ich fand die Beschreibung des Theaters und seiner Angestellten nicht besonders interessant und die Beschreibungen der nächtlichen Eskapaden mit all ihren Ausschweifungen haben mich ebenfalls ermüdet. Als die weltberühmte englische Bühnendarstellerin Edna Parker Watson auf der Bildfläche erscheint, blitzte für einen Augenblick mein Interesse wieder auf, um ebenso schnell wieder abzuklingen. Die sehr lange Beschreibung des Musicals, das alle mit vereinten Kräften auf die Bühne bringen und das zum vollen Erfolg wird, hat sich gezogen wie Kaugummi. Als große Anhängerin des Hollywoods der goldenenen Zeitalters habe ich an dem von der Ich-Erzählerin selbst wie auch von den Kritikern als Geniearbeit gerühmten Stück kaum etwas Bemerkenswertes ausmachen können. Und so war ich froh, als dieser Teil der Erzählung mit großem Krach ein Ende nahm und einem neuen Erzählstrang Platz machte. Obwohl auch nicht außergewöhnlich, hat mich der weitere Verlauf eher in seinen Bann gezogen, bis mich das letzte Fünftel des Romans, in dem es um die Beziehung zwischen Vivian und Frank (Angelas Vater) geht, sogar sehr berührt hat. Eine allgemeine Bewertung des Romans fällt mir daher schwer. Hätte die Autorin den Romanteil, in dem es um das Theater geht, zugunsten des letzten Teils gekürzt, hätte mir der Roman sicherlich besser gefallen. So bin ich ziemlich gespalten in meinen Gefühlen. Wie ich aus einem Interview mit Elizabeth Gilbert erfahren habe, ist ihre Lebenspartnerin und beste Freundin, Rayya Elias, ein Jahr vor Erscheinen des Romans an Krebs gestorben. Obwohl die Autorin noch vor Elias‘ Krankheit mit ihren Recherchen zu dem Roman begonnen hatte, konnte sich Gilbert nach der Krebsdiagnose nicht vorstellen, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Nach Elias‘ Tod fühlte sie jedoch einen inneren Zwang, der sie zu dem Roman zurückzog. Höchstwahrscheinlich liegt es an der beschriebenen Situation der Autorin, dass ich nach wenigen Seiten einen Bruch in dem Ton der Geschichte empfand und der weitere Verlauf (insbesondere der Teil, der über die unbeschwerte und sorglose Zeit der Ich-Erzählerin berichtet) so gezwungen auf mich wirkte. Der innere Gram der Autorin hat sich womöglich doch zwischen den Zeilen festgesetzt. So fällt jedenfalls meine persönliche Einschätzung des Romans aus, was nicht bedeuten muss, dass jeder Leser und jede Leserin denselben Eindruck davontragen muss. Wer jedoch ebenso wie ich zwischenzeitlich seine liebe Mühe mit „City of Girls“ hat, dem möchte ich sagen, dass es sich lohnt bis zum Ende durchzuhalten, denn dann wird man mit einer ans Herz gehenden Liebesgeschichte belohnt. „Was waren wir füreinander? Wie waren Frank und Vivian, die zusammen durch New York City liefen, wenn alle anderen schliefen.“

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2021

Mehr als nur ein Roman

Kim Jiyoung, geboren 1982
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„Hat ein Gesetz oder ein System Einfluss auf die Wertvorstellungen eines Menschen? Oder richten sich die Gesetze und Institutionen nach den Werten der Menschen?“

Die 33-jährige Kim Jiyoung, die mit ihrem ...

„Hat ein Gesetz oder ein System Einfluss auf die Wertvorstellungen eines Menschen? Oder richten sich die Gesetze und Institutionen nach den Werten der Menschen?“

Die 33-jährige Kim Jiyoung, die mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Seoul lebt, fängt eines Tages an sich seltsam zu verhalten. Sie leidet an einer Art Persönlichkeitsstörung, bei der andere Frauen sie als Medium benutzen, um ihre Botschaft durch sie zu vermitteln. In diesen Momenten tritt ihre eigene Person zurück und Kim Jiyoung erinnert sich selbst nicht an diese Vorfälle. Da sich ihr Mann Sorgen macht, sucht er einen Psychiater auf.

Hier endet vorerst die Handlung, die in der Gegenwart spielt und wir bekommen Kim Jiyoungs Leben in Passagen nacherzählt, die sich jeweils mit den prägenden Phasen in ihrem Leben befassen: Mit ihrer Kindheit zu Hause und in der Schule, ihrer Jugend, ihrer Studentenzeit, der Phase, in der sie bei einem Marketingunternehmen arbeitet und endet mit der Zeit, in der sie heiratet, schwanger wird, ihre Arbeit kündigt und sich von nun an ihrem Kind und dem Haushalt widmet.

Die Erzählweise ist dabei sehr interessant gewählt. Ein allwissender Erzähler berichtet von Kim Jiyoungs Leben und taucht in ihre Innensicht ein, schlüpft aber zwischendurch auch in das Innenleben ihrer Mutter ein und gibt in direkter Rede Gespräche wieder, die unter anderem auch vor Kim Jiyoungs Geburt oder während ihrer Zeit als Säugling geführt wurden, Kim folglich diese Geschehnisse und das Gesagte nicht kennen konnte. Die persönliche Erzählung wird von wissenschaftlichen, berichtartigen Passagen ergänzt, in denen Fachliteratur zugezogen wird, die die Exemplarität des Schicksals von Kim Jiyoung und ihrer Familie in Bezug zu der Lebensrealität in Südkorea setzt. Die sehr persönlichen, emotionalen Textstellen, in denen Gedanken, Gespräche und Handlungen der Romanfiguren geschildert werden, wechseln mit sehr nüchternen, rationalen Passagen ab, die von Fußnoten und Quellenangaben geprägt sind.

Wir erleben mit, wie Kim Jiyoung zeit ihres Lebens benachteiligt wird und erfahren direkt, dass sie nur eine von Millionen Frauen in Südkorea ist, denen es ebenso ergeht. Zu Hause muss sie zusammen mit ihrer älteren Schwester dem jüngeren Bruder in allem den Vorzug lassen (so müssen die Mädchen beispielsweise der Mutter bei ihrer Heim- und Hausarbeit helfen, während der Junge nichts zu tun braucht); in der Schule werden die Mädchen strenger als die Jungen (z.B. in Bezug auf die Schuluniform) behandelt; während des sehr anspruchsvollen Studiums müssen die meisten Frauen nebenher arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren, während die Männer auf das Geld, das ihre Mütter und Schwestern auf mühevolle Weise erarbeiten, zurückgreifen können; Männer finden nach dem Studium direkt eine Anstellung, wohingegen Frauen einen harten Kampf auf sich nehmen müssen, um eventuell einen Arbeitsplatz zu finden, bei dem sie unvergleichlich schlechter bezahlt werden; last but not least müssen sie mit dem Verlust ihrer Arbeitsstelle rechnen, wenn sie nicht nahtlos nach der Niederkunft wieder anfangen zu arbeiten. Frauen, die sich dafür entscheiden, zu Hause zu bleiben, um sich ganz der Kindererziehung und der Haushaltsführung zu widmen, werden hinter vorgehaltener Hand als „Schmama-rotzer“ bezeichnet. Und obwohl ihnen von anderen Frauen und auch einigen wenigen Männern Verständnis entgegengebracht wird, ändern sich ihre Lebensbedingungen über die Jahrzehnte nur geringfügig.

Im Anschluss auf Kim Jiyoungs Lebensbericht meldet sich der zu Anfang des Romans genannte Psychiater zu Wort. Er erklärt, dass Kim Jiyoungs Lebensbericht von ihm verfasst wurde und gewährt dem Leser gleichfalls einen kurzen Einblick in sein eigenes Leben. Dabei wird ersichtlich, dass er darin mit denselben Problemen konfrontiert ist, wie die Patienten, die zu ihm kommen. Zum Abschluss stellt er Überlegungen über seine Assisstentin an, die aufgrund ihrer Familiensituation bei ihm kündigt, sodass er zu dem Schluss kommt, in Zukunft nur unverheiratete Frauen anzustellen, wodurch er die gängige Meinung in Südkorea repliziert, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Hier ist auch die meiner Meinung nach einzige Schwachstelle des Romans anzusiedeln, denn die Erzählerinstanz, die so einnehmend über Kim Jiyoungs Leben berichtet und mit Quellenangaben belegt, dass ihr Schicksal nur eines von vielen ist, kann folglicherweise nicht mit dem Psychiater gleichgesetzt werden, da ihm der nötige Scharf- und Weitblick fehlt.

Zurecht ist auf dem Cover des Romans eine gesichtslose Frau zu sehen, denn Kim Jiyoungs Schicksal ist exemplarisch für Millionen anderer südkoreanischer Frauen. „Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass irgendwo da draußen eine Kim Jiyoung lebt. Wahrscheinlich, weil sie meinen Freundinnen, Bekannten und mir selbst ähnelt. Die ganze Zeit über, in der ich diesen Roman schrieb, hatte ich Mitleid mit ihr und war bedrückt. Doch ich weiß, dass sie genau so aufgewachsen ist und keinen anderen Weg gewusst hat. Auch ich habe es so erlebt.“

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Gleichberechtigung der Frau in Südkorea. Zu Recht hat es für weltweiten Aufruhr gesorgt!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.02.2021

Ergreifende Geschichte und wichtiges Zeitdokument

Wo wir Kinder waren
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»Die Fabrik ist das Herz.« Dieser Ausspruch zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Langbeins. Eva, die in der einstigen Weltspielwarenstadt Sonneberg gewissermaßen in der Fabrik ihrer Großeltern ...

»Die Fabrik ist das Herz.« Dieser Ausspruch zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Langbeins. Eva, die in der einstigen Weltspielwarenstadt Sonneberg gewissermaßen in der Fabrik ihrer Großeltern aufwächst, beherzigt diesen Leitspruch von klein auf. Auf Herz und Nieren prüft sie die Plüschtiere und Puppen der Spielzeugfabrik Langbein und macht ihre Leidenschaft später sogar zu ihrem Beruf, indem sie Spielzeugtesterin wird. Nachdem die Fabrik nach der Wende untergeht und die Hinterbliebenen sich um das Erbe streiten, scheint von der ehemaligen Langbein-Tradition nichts mehr übrig zu sein. Nur in dem alten Familienhaus, das nun vermietet werden soll, hat sich nichts verändert. Als die mittlerweile 52-jährige Eva mit ihrem Cousin Jan und ihrer Cousine Iris das Haus räumt, kehren die drei nicht nur gedanklich in ihre glückliche Kindheit zurück, sondern entdecken auch viele Gegenstände und Dokumente, dank derer sie sich der ehemaligen Familiengeschichte annähern und unbekannte Familiengeheimnisse lüften. Ein wichtiger Fund lässt sie einen weitreichenden Beschluss fassen: Sie wollen das Herz der ehemaligen Spielzeugfabrik wieder zum Schlagen zu bringen.

„Wo wir Kinder waren“ ist Kati Naumanns persönlichster Roman. Darin arbeitet sie ihre eigene Familiengeschichte auf. In Sonneberg, das für seine lange Tradition der Spielzeugherstellung bekannt ist, führten ihre Urgroßeltern die Puppenfabrik Scherf. Aus den Scherf-Puppen wurden im Roman die Langbein-Puppen, die von der Familie Langbein zunächst in häuslichen Verhältnissen und dann in modernen Produktionsstätten hergestellt werden. Die Autorin lässt uns in zwei Handlungssträngen an der Familiengeschichte und der Puppenherstellung teilhaben. Wir erleben chronologisch von 1910 bis 1978 den Aufbau der Puppenproduktion, der mit dem Ehepaar Albert und Mine sowie ihren vier Kindern beginnt und mit dem jüngsten Sohn Otto und seiner Frau Flora samt Kindern und Enkelkindern schließt. Der Erzählstrang, der in der Gegenwart spielt, wird von ebendiesen drei Enkelkindern bestritten: Eva, Jan und Iris – alle drei 1966 zur Welt gekommen. Sie sind die Erben der Spielzeugfabrik, die nach der Wiedervereinigung untergegangen ist und von der scheinbar nur noch einige – in der ganzen Welt verstreute – Puppen übrig geblieben sind. Doch als eine alte Drückerform für einen Langbein-Puppenkopf auftaucht, sind sie im Besitz eines wichtigen Elements, mit dem ein erneutes Aufleben der alten Tradition denkbar wird.

Während des Lesens von „Wo wir Kinder waren“ wird ersichtlich wie viel Arbeit, Liebe und Recherche Kati Nauman in ihren neuesten Roman gesteckt hat. Wie die Autorin in einem Interview berichtet, hat sie viel Archivarbeit betrieben, Wirtschaftsberichte und Fachbücher studiert, ehemalige Zeitzeugen und Spielzeughersteller befragt sowie ihre eigenen Erinnerungen und die Erzählungen ihrer Familienmitglieder, insbesondere ihrer Großmutter, in die Geschichte einfließen lassen. Auch auf einen großen Familienschatz an Dokumenten, Briefen, Fotos, Geschäftsbüchern und Gegenständen aus der Zeit konnte Kati Naumann zurückgreifen. Für die Zeit der Arbeit hat die Autorin wieder in Sonneberg, der Stadt ihrer Kindheit, gelebt. Das Ergebnis davon ist ein berührender Roman, eine spannungsreiche Geschichte und – nicht zuletzt – ein wichtiges Zeitdokument. Ein Werk, das mit viel Liebe und Herzblut geschrieben wurde, was auf jeder Seite zu spüren ist und das es zu lesen lohnt!

„Die Fabrik ist das Herz“, erklärte Albert. „Vielleicht bin ich der Kopf, und ihr seid die Hände, aber die Fabrik ist das Herz, das uns alle am Leben erhält.“

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.01.2021

Eine bewegende generationenübergreifende Familiengeschichte

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Liebe Leserinnen, liebe Leser, lasst euch nicht von dem Titel und dem Cover des Romans in die Irre führen: Bei Alena Schröders „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ handelt es sich ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser, lasst euch nicht von dem Titel und dem Cover des Romans in die Irre führen: Bei Alena Schröders „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ handelt es sich nicht um einen rührseligen Liebesroman, sondern um eine bewegende generationenübergreifende Familiengeschichte.

Der Roman setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen: Der erste Erzählstrang spielt in der Gegenwart, der zweite in der Vergangenheit.

Im ersten Erzählstrang lernen wir die 27-jährige Hannah kennen, sie ist Studentin und promoviert im Fach Germanistik, obwohl sie eigentlich gar nicht weiß, was sie vom Leben erwartet. Seit ihre Mutter vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, befindet sich Hannah in einem Loch der Traurigkeit, aus dem sie, wie es ihr scheint, nur ihr Doktorvater Andreas, für den sie romantische Gefühle hegt, herauszuholen vermag. Das einzige Familienmitglied, das ihr geblieben ist, ist ihre Großmutter Evelyn, die Hannah jede Woche im Altersheim besucht. Als sie eines Tages einen Brief aus Israel auf Evelyns Tischchen entdeckt, in dem es um ein Restitutionsverfahren geht, wird Hannah schlagartig bewusst, dass sie nicht das Geringste über ihre Familie und ihre Wurzeln weiß. Die ohnehin wortkarge Evelyn will über die Vergangenheit nicht sprechen und so muss Hannah versuchen auf eigene Faust Antworten auf immer drängender werdende Fragen zu finden. Nur ein übereifriger Geschichtsstudent, Jörg, steht ihr dabei zur Seite.

Der zweite Erzählstrang beginnt 1923 als die neunzehjährige Senta den ehemaligen Fliegerpiloten Ulrich kennenlernt und ungewollt schwanger wird. Senta und Ulrich heiraten, doch Senta ist nicht glücklich als Ehefrau und Mutter. Nach drei Jahren unglücklicher Ehe lassen die beiden sich scheiden, ihre gemeinsame Tochter Evelyn bleibt bei Ulrich und seiner Schwester Trude. Senta geht nach Berlin, wo ihre beste Freundin Lotte bereits seit drei Jahren lebt, und baut sich eine neue Existenz auf. Zunächst als Schreibkraft und dann als Journalistin lernt sie den Redakteur Julius Goldmann kennen, mit dem sie in zweiter Ehe glücklich wird. Doch ihnen stehen harte Zeiten bevor, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Den beiden gelingt es rechtzeitig das Land zu verlassen, doch Itzig, Julius‘ Vater, der einen Kunsthandel betreibt, möchte bis zum Ende nicht wahrhaben, was noch bevorsteht.

Alena Schröder ist dem breiten Publikum bereits durch einige Sachbücher bekannt, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist allerdings ihr erstes fiktionales Buch. Dass die Autorin hier mit einem fiktionalen Werk debütiert, mag man kaum glauben, so ausgefeilt ist die literarische Struktur des Romans, so einwandfrei und überzeugend die Figurenzeichnung und deren Innenleben. Ob wir nun in Hannahs, Evelyns, Jörgs, Andreas‘ oder in Sentas, Ulrichs, Trudes, Lottes, Julius‘ oder Itzigs Innenleben eintauchen – jede der Figuren nimmt uns für sich ein. Mag man ihre Beweggründe auch nicht alle nachvollziehen, Verständnis und Empathie empfindet man für jede der Figuren. Obwohl die Autorin ein fiktionales Werk mit „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ geschaffen hat, liest sich der Roman wie eine wahrhafte Familiengeschichte. Was es mit dem Titel auf sich hat, erfährt man auf Seite 90 des Buches. Es ist Sentas Beschreibung eines Bildes von Vermeer, das ihr Schwiegervater ihr schenkte und das sie, zusammen mit den vielen anderen Werken, die die Nationalsozialisten Itzig wegnahmen, wiederzuerlangen versucht. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Bild durch die Romangeschichte, es hält die einzelnen Stränge jedoch nur locker zusammen, denn der Kunstraub und das Resitutionsverfahren sind nur der Rahmen für eine Geschichte, die viel Wichtigeres sagen möchte.

Und uns allen eine Botschaft mit auf den Weg gibt: „Vertrauen Sie dem Schicksal. Und folgen Sie den Spuren, aber vergessen Sie nicht, dabei selbst welche zu hinterlassen.“

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Veröffentlicht am 29.11.2020

Ein runder Abschluss

Die Farben der Schönheit - Sophias Triumph
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Als Henny vor Sophias und Darrens Wohnungstür zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss, setzt Sophia zunächst alles daran, ihre Freundin aus den Fängen der Opiumsucht zu befreien. Erst nachdem ...

Als Henny vor Sophias und Darrens Wohnungstür zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss, setzt Sophia zunächst alles daran, ihre Freundin aus den Fängen der Opiumsucht zu befreien. Erst nachdem der Kampf gegen die Sucht gewonnen ist, wendet sich Sophia ihrer eigenen Zukunft zu. Darren und Sophia heiraten, außerdem wagt sie es bei Helena Rubinstein vorzusprechen, die sie bei sich im Büro einsetzt und die ihr zudem ein Wirtschafts- und Chemiestudium finanziert. Das Glück scheint perfekt, doch die Ehe leidet mit der Zeit immer mehr daran, dass Sophia keine Kinder mehr bekommen kann und sie sich ganz der Arbeit verschreibt. Kurz nach dem Angriff auf Pearl Harbor kommt es zu einem Eklat zwischen den beiden Eheleuten und Darren meldet sich freiwillig bei der Armee. Vier lange Jahre gehen ins Land, während derer Sophia nur kurze Briefe von ihrem Mann erhält. Kurz nach der Landung in der Normandie wird Darren als vermisst gemeldet und für Sophia bricht die ganze Welt zusammen. Als sie einen Brief erhält, dass Darren verwundet wurde, aber dennoch wie durch ein Wunder überlebt hat, bricht Sophia nach Europa auf. Dort kann sie sich nicht nur mit Darren und ihrem Vater wieder versöhnen, sondern bekommt auch Nachricht darüber, wo ihr Sohn, den sie nie zu Gesicht bekommen hat, zu finden ist.

Der letzten Teil der „Die Farben der Schönheit“-Trilogie umfasst einen Zeitraum von zwölf Jahren. Obwohl es Corina Bomann gelingt, alle losen Fäden aus den vorherigen Bänden zusammenzuführen und zu einem runden Abschluss zu bringen, lässt mich der letzte Band der Reihe doch etwas enttäuscht zurück. Es wurden zu viele ernste Themen in diesem letzten Teil der Reihe aufgegriffen, die dem Genre „Unterhaltungsroman“ entsprechend nicht adäquat umgesetzt werden konnten, wie das Problem der Opiumsucht oder die des Zweiten Weltkrieges. Auch hat mich irritiert, dass Sophia so gut wie nie etwas Gehaltvolles zu Helena Rubinstein äußert. Ein paar krtitische Worte äußert sie erst, als sie bei Helena Rubinstein kündigt. Konnte man das in den vorherigen Bänden ihrer Unerfahrenheit und ihrem jungen Alter zuschreiben, so ist es nun nicht mehr tragbar. Äußerst befremdlich fand ich auch das erste Gespräch zwischen Sophia und Darren, nachdem sie sich vier Jahre lang aufgrund des Kriegsgeschehens nicht gesehen haben. Die Unterhaltung wirkte auf mich so, als ob sie sich maximal ein paar Wochen nicht zu Gesicht bekommen hätten. Nicht zuletzt hat mich auch das erste Treffen und Gespräch zwischen Sophia und ihrem Sohn sehr enttäuscht – das habe ich mir ganz anders ausgemalt! Für mich persönlich entsteht somit folgender Gesamteindruck: Es wurde zum einen vorhandenes Potential nicht genutzt und zum anderen hat sich die Autorin für den letzten Band wohl doch etwas zu viel vorgenommen. Nichtsdestotrotz fesselt auch der letzte Band und ist bis zur letzten Seite interessant und spannungsreich.

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