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Veröffentlicht am 17.11.2025

Gewalt ist ein Ausdruck von Schwäche

Russische Spezialitäten
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Dmitrij und seine Familie kommen 1990 als Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Leipzig sesshaft. Dort eröffnen sie ein kleines Geschäft – Magasin – in dem russische Spezialitäten verkauft werden. ...

Dmitrij und seine Familie kommen 1990 als Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Leipzig sesshaft. Dort eröffnen sie ein kleines Geschäft – Magasin – in dem russische Spezialitäten verkauft werden. Für die vielen Aussiedler, die in den 90er Jahren aus dem Osten kommen, ist dieser kleine Laden ein Stück Heimat und Treffpunkt. Selbstverständlich behalten sie auch ihre Sprache bei, im Laden wird Russisch gesprochen und Dimitrij lernt zwar Deutsch in der Schule, kann sich aber auch immer noch in Russisch verständigen, wenn ihm auch hin und wieder die Worte fehlen. Der Laden läuft gut, die Familie fährt mehrere Male im Jahr zum Einkaufen nach Kiew, bis es 2014 mit der russischen Annexion der Krim einen ersten Dämpfer gibt.
2022, als Putin im Februar die gesamte Ukraine angreift, werden aus Freunden plötzlich Feinde. Gleichzeitig erkrankt der Vater ernsthaft und die Familie entschließt sich, den Laden zu schließen. Er läuft auch lange nicht mehr so gut wie in den Jahren und Jahrzehnten zuvor.
Kapitelman bringt diese Zerrissenheit auch innerhalb der Familie deutlich zum Ausdruck. Dmitrij selbst steht auf Seiten der angegriffenen Ukraine, seine Mutter folgt der russischen Propaganda, die sie täglich über das russische Fernsehprogramm empfängt. Die Spaltung trifft aber auch langjährige Freunde, die einen glauben der Putin-Propaganda, die anderen der westlichen Berichterstattung. Mit einigen Freunden in Kiew bricht daher der Kontakt ab, obwohl er doch gerade in Kriegszeiten so notwendig wäre.
Dmitrij weiß sich irgendwann keine andere Lösung mehr, er macht sich auf in die Ukraine, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort passiert.
Die alten Freunde der Familie, mit denen sich seine Mutter lange zerstritten hat, nehmen ihn herzlich auf und bewirten ihn großzügig. Sein alter Freund Rustik trifft sich mit ihm und stellt ihm seine Familie vor, vieles scheint normal zu sein, wären da nicht der häufige Bombenalarm sowohl tagsüber als auch in der Nacht und die zerstörten Häuserfronten in den besonders betroffenen Städten.
Es wundert ihn, dass die Menschen dennoch ihr Leben weiterleben, sie treffen sich zum Shoppen, zum Essen, im Park zu einem Spaziergang, nach außen will man Normalität zeigen. Aber da sind dann auch immer die Kriegsversehrten, die im Stadtzentrum betteln und die Menschen daran erinnern, dass dieser Krieg grausam geführt wird und bleibende Wunden hinterlässt. Außerdem wird überall für die Armee rekrutiert und Dmitrij kann dem nur durch seinen deutschen Pass entgehen.
War es vor dem Überfall egal, welcher Sprache man sich bediente, so versuchen die Menschen in Kiew jetzt, das Russische nicht mehr in der Öffentlichkeit zu gebrauchen. Dieses Nebeneinander der beiden Nachbarstaaten, der selbstverständliche Umgang miteinander dürfte auf Jahrzehnte hinweg nicht mehr möglich sein. Da entsteht eine Grenze, die nicht mehr so einfach überwunden werden kann. Zu viel persönliches Leid hat sich dazwischen gestellt. Die Zerrissenheit zeigt sich auch in der Sprache des Buches. In den Kapiteln wechseln die Sprachen, zwischen Deutsch, Russisch, Ukrainisch – wie Gedanken, die sich nicht entscheiden wollen, wohin sie gehören.
Dimitrij wünscht sich, dass die Politik nicht auch noch die Familie auseinandertreibt, für ihn ist es ein Hoffnungsschimmer, dass seine Mutter ihm zumindest gesteht, dass sie während seiner Ukraine-Reise Angst um ihn hatte und sie gesteht ihm damit auch, dass ihre Liebe zu ihm größer ist, als ihre Hörigkeit gegenüber Russland.
Als Leser, der immer im Westen gelebt hat, ist es schwer zu verstehen, wie man hier in Deutschland der Propaganda Russlands verfallen kann und ihr Glauben schenkt. Dafür muss man wohl in der ehemaligen Sowjetunion großgeworden sein und obwohl es einen Grund gab, diese in den 90er Jahren hinter sich zu lassen und im Westen einen neuen Anfang zu suchen, so verklärt sich diese Vergangenheit mit der Zeit doch zusehends.
Putin bedient dieses Heimweh sehr erfolgreich, mir ist diese Putin-Verehrung bei ehemaligen Russen schon häufiger aufgefallen.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Wertvoller Bluefin

Rotes Gold
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Der Luxemburger Koch Xavier Kieffer ist Zeuge, als der japanische Sushi-Meister Mifune während eines Diners ihm zu Ehren tot zusammenbricht. Er wurde vergiftet. Der Bürgermeister von Paris bittet Xavier, ...

Der Luxemburger Koch Xavier Kieffer ist Zeuge, als der japanische Sushi-Meister Mifune während eines Diners ihm zu Ehren tot zusammenbricht. Er wurde vergiftet. Der Bürgermeister von Paris bittet Xavier, undercover zu ermitteln und dieser lässt sich darauf ein.

Zusammen mit Xavier taucht der Leser in die Fischmärkte von Paris und Luxemburg ein und lernt eine Menge über den Thunfischfang, seine Traditionen sowie die Folgen der Überfischung in den letzten Jahren. Ich hatte vor zwei Jahren bereits ein Buch über die Mattanza (Germana Fabiano) gelesen, von daher war einiges von dem, was Tom Hillenbrand in seinem Krimi beschreibt, mir bereits bekannt. Für mich lag der Wert des Krimis tatsächlich in dem Hintergrundwissen zu Fischfang und den Grundlagen der japanischen Küche. Daneben machen die Wegebeschreibungen durch Luxemburg-Stadt auch Lust, sich selbst einmal auf Erkundung zu begeben.

Was die Auflösung des Krimis angeht, so hat sich das gute Netzwerk Xaviers mal wieder als hilfreich erwiesen. Je mehr der Koch über die Hintergründe erfährt, desto mehr erschließen sich ihm auch Beweggründe und Motive und führen schließlich zum Täter.

Was ich weniger gut fand, ist, dass Xavier viel zu viel raucht und jede einzelne Ducal auch im Buch Erwähnung findet. In den 60er Jahren hätte ich das noch verstanden, aber in den 2010er Jahren schien es mir übertrieben.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit???

Über die Toten nur Gutes
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Mads Madsen ist Trauerredner und liebt seinen Beruf. Für ihn gibt es kaum etwas Schöneres, als einem Leben nachzuspüren und denen, die gehen mussten, einen würdigen Abgang zu verschaffen.

Er arbeitet ...

Mads Madsen ist Trauerredner und liebt seinen Beruf. Für ihn gibt es kaum etwas Schöneres, als einem Leben nachzuspüren und denen, die gehen mussten, einen würdigen Abgang zu verschaffen.

Er arbeitet fest mit dem Bestattungsunternehmen Amelung zusammen und der Junior des Unternehmens Fiete ist einer seiner besten Freunde.

Eines Tages erfährt er, dass sein Freund Patrick aus Kindheitstagen bei einem Unfall ums Leben kam, bei dem wohl nicht alles mit rechten Dingen zuging. Jedenfalls ermittelt die Mordkommission, verantwortlich für die Auflösung des Falles ist eine chronisch schlecht gelaunte Kommissarin namens Luisa Mills.

Mads wird von Patricks Mutter, aber auch von ihm selbst - sozusagen aus dem Jenseits – mit der Trauerrede beauftragt und macht sich auf die Suche nach Kontaktpersonen, Freunden, Kollegen.

Und damit bringt er nicht nur sich selbst, sondern die ganze Familie in Schwierigkeiten. Denn da gibt es doch einige, die es gar nicht gut finden, dass Mads in ihrem Leben herumstochert und recherchiert.

Für mich war es ein merkwürdiges Buch. Auf der einen Seite oft total überzeichnet und eher unrealistisch, auf der anderen Seite schon fast philosophisch und tiefgründig. Wobei mir die tiefgründige Seite von Andreas Izquierdo besser gefällt, da ist doch oft vieles, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Ein Zitat von Gabriel Garcia Marquez rahmte die gesamte Handlung ein:

„Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“.

Dieses Zitat steht ganz am Anfang und damit beschließt Mads auch seine Trauerrede für Patrick und söhnt sich so mit ihm, aber auch mit seinem Vater aus. Denn auch der hatte aus dem Leben der früh verstorbenen Mutter eine Legende gemacht, so wie er sie erinnern wollte.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Ein Traum von Heimat

Heimat
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Jana zieht mit ihrer Familie von der Stadt aufs Land in ein eigenes Haus mit Garten und mehr Platz für die zwei, bald drei Kinder.

Zunächst einmal fühlt sie sich ziemlich verloren, ihr Mann Noah ist zwar ...

Jana zieht mit ihrer Familie von der Stadt aufs Land in ein eigenes Haus mit Garten und mehr Platz für die zwei, bald drei Kinder.

Zunächst einmal fühlt sie sich ziemlich verloren, ihr Mann Noah ist zwar Lehrer, scheint aber den ganzen Tag zu unterrichten und kommt meistens erst spät nach Hause. Die beiden Kinder gehen in die Kita, Jana ist durch die dritte Schwangerschaft aber oft sehr müde und fühlt sich der Situation nicht gewachsen.

Im Eiscafé lernt sie Karolin kennen und erfährt zu ihrem großen Erstaunen, dass diese gutaussehende, gepflegte Frau 5 Kinder hat, die sie zuhause betreut. Karolin präsentiert sich außerdem auf Instagram und Jana folgt ihr und ihren Reels bald täglich. Karolin inszeniert sich als Tradwife, sie propagiert alte Werte, kocht und backt gern und ist ganz für Mann und Kinder da. Dass sie damit auch Geld verdient, es also auch ein Erwerbsjob ist, das wird verschwiegen. Daneben, und ich denke das hat Jana von vornherein an ihr fasziniert, ist sie durchaus sehr belesen, vor allem Gedichte sind ihr Steckenpferd.

Karolin nimmt bald in Janas Gedanken mehr Raum ein als ihr Mann Noah. Man merkt die Entfremdung zwischen den beiden Eheleuten. Durch Karolin erhält sie Zugang zu weiteren jungen Müttern, die ähnlich traditionell unterwegs sind.

Jana bleibt über die ganze Strecke des Romans hinweg ziemlich blass, es scheint ihr gar nicht klar zu sein, wo ihre neuen Freundinnen politisch verortet sind bzw. welche Partei ihre konservative Haltung für sich ausnutzt. Sie sucht eigentlich in erster Linie Anschluss im Dorf und Gesprächspartner, damit sie nicht immer so einsam und allein ist. Umso besser, wenn die neuen Freundinnen auch selbst Kinder haben, so dass sogleich ein gemeinsames Thema gegeben ist. Janas Unsicherheit und der Wunsch, im Ort akzeptiert zu werden tragen dazu bei, dass sie den neuen Kreisen bedenkenlos und unkritisch gegenübertritt. Mir fiel allerdings auf, dass die Freundschaft untereinander oft nur geheuchelt war und über den anderen hergezogen wurde, sobald sich die Gelegenheit ergab. Und auch die Ehen der Freundinnen scheinen trotz aller Beteuerungen nicht so glücklich zu sein, wie sie nach außen scheinen sollen. Sowohl bei Karolin als auch bei Becci zeigen sich Risse in der Beziehung, die aber nicht weiter thematisiert werden.

Generell ist es die Entscheidung einer Familie, ob man seine Kinder in den ersten Jahren selbst begleiten will oder nicht. Heute gibt es glücklicherweise genügend Kita-Plätze, so dass auch denjenigen Müttern oder Vätern geholfen wird, die so schnell wie möglich wieder in ihren Job zurückkehren wollen. Beide Einstellungen oder Verhaltensweisen kann man akzeptieren und man muss sie nicht unbedingt direkt mit einer bestimmten politischen Richtung verknüpfen.

Problematisch wird das Ganze durch die bewusste Unterordnung der Frau. Hier spielen religiöse Gründe mit hinein und ich denke, die Autorin hat auch evangelikale Kreise im Sinn, die ein anderes Rollenbild predigen, als wir es heute gemeinhin kennen und schätzen.

Das Ende des Buches lässt mich etwas ratlos zurück. Ich habe es für mich so interpretiert, dass Jana bald Karolins Platz an der Seite von Klemens einnehmen wird, aber möglicherweise kann man es auch ganz anders sehen.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Welches Motiv führte zum Mord?

Mostviertler Bauern
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Zeitgleich mit dem Almabtrieb wird das 50jährige Bestehen der Mostviertler Alm gefeiert, zahlreiche Gäste, darunter auch Polit-Prominenz sind der Einladung gefolgt. Elisabeth Wagner wird als Funktionärin ...

Zeitgleich mit dem Almabtrieb wird das 50jährige Bestehen der Mostviertler Alm gefeiert, zahlreiche Gäste, darunter auch Polit-Prominenz sind der Einladung gefolgt. Elisabeth Wagner wird als Funktionärin des Bauernverbandes die Festrede halten, doch schon zu Beginn wird sie von Zwischenrufen der unzufriedenen Bauern unterbrochen. Erst dem Landeshauptmann gelingt ist, den Zorn der Bauern von der Funktionärin weg auf Brüssel umzuleiten. Am nächsten Morgen wird die Leiche Elisabeth Wagners in einer Kuhtränke gefunden.

Es handelt sich um den 8. Band der Mostviertler Reihe von Helmut Scharner. Für mich war es der erste Band der Reihe.

Major Brandner und Inspektorin Lindner sind die Ermittler in diesem Mordfall und sie stellen fest, dass mehrere Personen ein Motiv hatten, sich an Elisabeth zu rächen.

Jedes Kapitel beginnt zunächst einmal mit Ort und Datum. Wir wechseln von Türnitz nach St. Pölten und Wien und zurück, zeitlich spielt sich das Geschehen zwischen dem 02. und 08. Oktober ab. Die beiden Ermittler treten hin und wieder gemeinsam auf, oft ermitteln sie aber auch parallel und konzentrieren sich auf verschiedene Verdächtige. Während Major Brandner dabei eher gesetzeskonform vorgeht, geht Annika Lindner auch schon mal unkonventionelle Wege, die aber dann später auch zur Lösung des Falles beitragen. Die Abstimmung zwischen den beiden funktioniert reibungslos.

Es ist gerade Wahlkampf und dem Landeshauptmann ist es gar nicht recht, so in den Fokus von Ermittlungen zu geraten. Immerhin war er am Tatort auf der Alm anwesend und außerdem mit dem Opfer seit Jahrzehnten gut bekannt. Er bleibt zwar immer verbindlich, aber der Druck auf die Ermittler, hier schnell zu einer Lösung des Falles zu kommen, ist schon merklich. Dazu kommt, dass die Frau, die die Leiche von Elisabeth Wagner gefunden hat, ihren eigenen Social-Media-Account nutzt, um die Zahl ihrer Follower zu erhöhen. Trotz der Warnung der Polizei stellt sie das Video online, das die Auffindesituation der Leiche zeigt. Für sie ist es eine Möglichkeit, Geld zu verdienen und der eintönigen Arbeit im Gasthaus ihres Mannes zu entkommen.

Für mich blieb der Krimi bis zum Schluss spannend, tatsächlich wurde erst auf den letzten Seiten klar, welches Motiv zur Rache denn nun wirklich ausschlaggebend für das Verbrechen war. Auch wenn Annikas unkonventionelle Methoden durchaus zur Auflösung des Falles beitrugen, so war mir ihre Nähe zu Verdächtigen doch manchmal etwas zu eng. Sie hat Glück, dass ihr guter Draht zu ihrem Vorgesetzten ihr da Rückendeckung verschafft.


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