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Veröffentlicht am 27.02.2021

Eine Reise- so bunt, wie das Leben

Miss Bensons Reise
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Orange, golden schimmernd, mit einem starken Pink, einem starkem Kontrast- so leuchtete mir das Buchcover von "Miss Bensons Reise" von Bestseller Autorin Rachel Joyce entgegen und ab diesem Moment habe ...

Orange, golden schimmernd, mit einem starken Pink, einem starkem Kontrast- so leuchtete mir das Buchcover von "Miss Bensons Reise" von Bestseller Autorin Rachel Joyce entgegen und ab diesem Moment habe ich es bereits geliebt, die Vorschusslorbeeren bereits verschenkt, mein Herz bereits vergeben, ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich einlassen würde. So stark, so aufmerksamkeitsheischend, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich meine Hände um das Cover schlingen würde, um in dieser farbenfrohen Geschichte zu versinken, so facettenreich wie ein Regenbogen, so dramatisch wie der Regenschauer zuvor, der die Erde zu verschlingen droht und so eindrücklich wie der kurze Moment nach dem Wolkenbruch, in dem die Sonne Überhand gewinnt und ein anderes Licht auf die Welt wirft.

Margery Benson ist, um es ohne Umschweife und ohne despektierlich zu wirken auf den Punkt zu bringen, eine triste Frau mittleren Alters, eine graue, unscheinbare Maus, die ihren uninspirierten Berufsalltag als Lehrerin fristet und darüber hinaus kaum nennenswert das Haus verlässt. Verwaschen wie London im Regen, so ist ihr Leben, ein verlaufenes Aquarell in Grautönen. Das Einzige, was sie zum Strahlen bringt, ist die Begeisterung für Käfer aller Art, besonders für den goldenen Käfer in Neukaledonien, der bisher eher Mythen entspringt als tatsächlichen Beweisen. Eines Tages begreift Margery, dass nur sie diesen Mythos aufklären und den Käfer finden kann, bucht ein Ticket in die unbekannte Welt zusammen mit ihrer neu gewonnenen Assistentin Enid Pretty, dem Inbegriff eines schillernden Showgirls mit dem Hang zur Übertreibung. Was sich für Margery zunächst als katastrophale Begleitung entpuppt, lässt sie jedoch im Verlauf der Reise begreifen, dass manche Gegensätze sich auf unbeschreibliche Art und Weise ergänzen können und die Kraft haben, Leben nachhaltig zu verändern.

Seit den ersten Seiten war ich gefangen von den Charakterbeschreibungen, dem Tiefgang, der Liebe zum Detail und der Emotionalität, mit der Rachel Joyce die Leser empfängt. Der Stil ist dabei leicht, fließend. Die Handlung durchquert alle Täler und Berge, die das emotionale Spektrum zu bieten hat, in teilweise sanfter Geschwindigkeit, die Zeit zum Verweilen lässt, zum Innehalten und in sich gehen, dann jedoch in rasanter Art und Weise alles hinter sich lässt, dabei überrascht und spannende Momente parat hält, denn neben den Tälern warten Hindernisse und Wendungen am Wegesrand auf das ungleiche Paar. Dabei ist die Geschichte so wunderbar abwechslungsreich, lässt den Leser lächeln, weinen und vor Spannung zittern. Besonders die Entwicklung der Protagonisten sei hier hervorgehoben, so authentisch, so liebevoll beschrieben und trotzdem mit großer Kraftanstrengung verbunden, die für den Leser komplett nachvollziehbar ist. Das Innere der beiden Frauen wird so ungeschönt nach außen gekehrt, wie ein nacktes Bonbon, das eingewickelt darauf wartet, langsam und Schritt für Schritt voller Wertschätzung entblößt zu werden. Das Augenzwinkern zwischendurch, die absurden Passagen und der schwarze Humor runden diese unperfekte perfekte Geschichte ab. Eine klare Empfehlung für alle, die Geschichten über Mut und Gegensätze lieben, die über sich hinauswachsen wollen und vielleicht den nötigen Schubser benötigen, um selbst in das eigene Abenteuer des Lebens zu starten.

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Veröffentlicht am 28.12.2020

Die wirklichen Abgründe des Menschen sind nur schwer ersichtlich

Amissa. Die Verlorenen
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Vielleicht ist es meine persönliche Betroffenheit zu dem Thema. Vielleicht die spannende Geschichte gepaart mit einem Fluss voller Emotionen, wie ein nicht enden wollender Regenschauer auf der Haut mit ...

Vielleicht ist es meine persönliche Betroffenheit zu dem Thema. Vielleicht die spannende Geschichte gepaart mit einem Fluss voller Emotionen, wie ein nicht enden wollender Regenschauer auf der Haut mit Gänsehaut. Vielleicht ist es beides, dass für mich "Amissa" von Frank Kodiak, alias Andreas Winkelmann, zu einem Thriller formt, den ich nicht wieder aus den Händen legen konnte und in einem Rutsch die gut 400 Seiten verschlungen habe.

Thematisch offeriert Frank Kodiak einem neuen Ermittlerduo die Bühne, Rica und Jan Kantzius, die ungeahnt in einen Verkehrsunfall mit tödlichen Folgen schlittern: ein Mädchen ist voller Panik auf die Autobahn gestürmt, wurde erfasst und erliegt noch vor Ort ihren Verletzungen. Jan hält ihre Hand bis zum letzten Atemzug, in dem sie ihm noch "die Grube" zuflüstert. Zusammen mit einem rätselhaften Zettel in der Hand der Toten wirft beides viele Fragen auf. Parallel wird der Schauplatz von einer Explosion in der Nähe erschüttert. In einem Wohnmobil brennt die Leiche eines Mannes, der das Mädchen kurz zuvor nach ihrem kürzlichen Umzug entführt haben soll. Für Rica und Jan ergibt nichts davon Sinn und je weiter sie den Spuren folgen, desto tiefer geraten sie in ein Netz mit weit größerem Umfang als zuvor angenommen.

Von den ersten Seiten hat mich dieser Thriller mitgenommen, durch die fließende Sprache, die leichten Worte, den wechselnden Spannungsaufbau und die überzeugenden Protagonisten. Jan und Rica sind nicht bloß ein ungleiches Ermittlungsduo, sondern auch ein Ehepaar mit Ecken und Kanten. Dem Leser werden Charaktere mit Tiefe und Vergangenheit vorgestellt, was der Geschichte für mich noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Es steckt sehr viel mehr hinter den beiden als nur der dargestellte Handlungsstrang, was die Neugier weckt, das langfristige Interesse an dem Duo. Da es sich bei „Amissa“ um den ersten Teil handelt, lässt dies auf weitere Geschichten hoffen. Weiterhin ist die Geschichte einnehmend, emotional, dynamisch ohne unglaubwürdig zu wirken. Ich fand sie fesselnd, jedoch nicht zu verworren, sodass ich stets der Handlung folgen konnte. Die Hintergründe sind nicht direkt ersichtlich, sondern komplex verwoben und dennoch gut recherchiert in Anbetracht der schwierigen Thematik. Eine Empfehlung für alle, die spannende Thriller schätzen, emotionale und nahbare Charaktere mit Vergangenheit und das Gefühl von Nebelschwaden und Regenschauern beim Lesen genießen.

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Veröffentlicht am 28.12.2020

Leben wir das Leben, das wir wollen oder vielmehr das, was wir sollen?

Ungezähmt
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Kaum hatte ich "Ungezähmt" von Glennon Doyle in der Hand und die ersten Seiten verschlungen, verfolgte mich die Frage, ob ich gerade das Leben lebe, dass ich leben möchte oder vielmehr das, was ich glaube ...

Kaum hatte ich "Ungezähmt" von Glennon Doyle in der Hand und die ersten Seiten verschlungen, verfolgte mich die Frage, ob ich gerade das Leben lebe, dass ich leben möchte oder vielmehr das, was ich glaube leben zu müssen anhand meiner Erziehung, den gesellschaftlichen Einflüssen und dem Druck von außen, dem Vorbild durch andere. Was ist echt und von mir gewollt und was ist eine Blase, von außen obturiert? Was steuere ich aktiv und wo bin ich passiver Zuschauer? Was schwellt in mir von Kindesbeinen an und was hat erst später dazu geführt, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben stehe? Immer wieder musste ich das Buch beiseitelegen, einen Moment nachdenken, die Wahrheit zwischen den Zeilen aufsaugen und reflektieren. Mir blieb im Grunde genommen keine Wahl, denn jedes Kapitel, ob kurz oder lang, lässt dich innehalten und hinterfragen, was richtig ist und was falsch und ob das in diesem Kontext überhaupt relevant ist.

Der Stil ist sanft und inkludierend, nicht überschäumend verkünstelt, sondern eher wir ein Gespräch unter Freunden, eine Offenbarung, eine Offenlegung der tiefsten Gefühle, Verfehlungen, aber auch Errungenschaften. Einfühlsam, nahbar und voller Weisheiten geleitet Glennon Doyle den Leser durch ihr Leben, die Tiefen und ihre Höhen, ihre Momente voller Glück und die voller Zweifel. Die Punkte, an denen sie sich entschieden hat einen komplett anderen Weg einzuschlagen. Das klingt so leicht, lapidar, wie mit einem Handwisch erledigt, aber es ist ein schwieriger Prozess und Glennon Doyle bietet eben diesen dar, auf einem Silbertablett, verletzlich und angreifbar. Das passiert nicht chronologisch, sondern die Handlung bricht immer wieder auf, gibt Raum für Gedanken und Diskussionen und folgt eher der inneren Eingebung, dem Bauchgefühl, als einem stringenten roten Faden. Jedes Kapitel fordert den Leser auf eine andere Art und Weise, schwankt zwischen Anekdote und bahnbrechendem Erlebnis. Mal ist der Grad der Identifizierung sehr hoch, weil das Erlebte eins zu eins in meinem Tagebuch stehen könnte, mal das Beschriebene unfassbar, erschütternd und mal einfach nur eine Geschichte über den Mut sich freizumachen von allen Zwängen und den unrealistischen Vorstellungen, die im Kopf herumschwirren und endlich das Leben bei den Hörnern zu packen, real und geschönt. "Ungezähmt" ist so viel mehr als Worte fassen können, als eine kleine Rezension umreißen kann. Für mich eine Pflichtlektüre für alle Frauen, die hier und da bereits an ihre Grenzen gestoßen sind, die den schmalen Grat zwischen Spaß und Diskriminierung bereits kennen und die einen Roman eintauchen möchten, der sich zu einem Leitfaden durchs Leben für einen selbst entwickelt. Ein Roman voller Mut, voller Leidenschaft mit der ganz klaren Botschaft, dass wir alles selbst in der Hand haben.

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Veröffentlicht am 13.12.2020

Die Last der Schuld begleitet dich ein Leben lang

Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima
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Ein kleiner, feiner Papierkranich- das ist alles, was Ichiro bei Keiko lässt, ein Hinweis, ein Zeichen, ein Versprechen. Bis heute verfolgt Ichiro dieses Ereignis, als die Atombombe unvorhergesehen Hiroshima ...

Ein kleiner, feiner Papierkranich- das ist alles, was Ichiro bei Keiko lässt, ein Hinweis, ein Zeichen, ein Versprechen. Bis heute verfolgt Ichiro dieses Ereignis, als die Atombombe unvorhergesehen Hiroshima zerstörte und somit das bisher bekannte Leben. Alles, was bleibt ist eine Geschichte, die ihn bis heute begleitet und das Gefühl der Schuld, das unsagbar auf seinen Schultern lastet.

Mit einem unglaublichen Feingefühl und einer Mischung aus Prosa und Romantext nähert sich Kerry Drewery mit "Der letzte Papierkranich" dieser unvergesslichen Stunde, als ein Großteil der Stadt Hiroshima dem Erdboden gleich gemacht wurde. Fein recherchiert, voller bildlicher Details und mit einer erschreckenden Nähe zu den Ereignissen skizziert die Autorin die Geschichte von Ichiro und eben auch das Hier und Jetzt. Ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Hoffen und Bangen, dabei immer nah an den Charakteren und dem Weg, den diese zurücklegen durchs Leben. Zwischendurch hat mich die schonungslose Brutalität der Schilderungen aus dem Moment gerissen und dazu geführt, dass ich innehalten musste, um dem Gelesenen seinen Raum zu geben. Dieser Roman hat mich wahrlich überrascht und meine Erwartungshaltung übertroffen. Eine Empfehlung für alle, die historisch orientierte Romane lieben, emotionale Prosatexte und sich entführen lassen wollen in eine Welt, in der Papierkraniche den letzten Halt geben

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Veröffentlicht am 06.12.2020

Willkommen bei der Bank Ihres Vertrauens

Die Liebe Geld
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Hatten Sie schon einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Vertreter der Bank Ihrer Wahl? Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie nicht das bekommen am Automaten, was Sie eigentlich wollten? War ...

Hatten Sie schon einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Vertreter der Bank Ihrer Wahl? Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie nicht das bekommen am Automaten, was Sie eigentlich wollten? War Ihre Bank Ihnen gegenüber schon einmal übergriffig und haben Sie sich nicht schon einmal gefragt, was die Bank eigentlich alles so über Sie und Ihr privates Leben weiß, sowie welchen Mehrwert das System daraus schöpfen kann?

Wenn alle diese Fragen getrost mit "Nein" beantwortet werden können, dann kommt Ihnen "Die Liebe Geld" von Daniel Glattauer tatsächlich wie eine süffisante Komödie vor, die eine utopische Welt beschreibt, von der wir meilenweit, nein Lichtjahre entfernt zu sein scheinen. Wenn jedoch die oberen Fragen eher ein "Ja" hervorlocken und die eine oder andere Begegnung tatsächlich bereits zum Nachdenken angeregt hat, dann ist der Roman eine bitterböse Skizzierung einer erstaunlichen realen, zukunftsorientierten Welt und für eben diese kurze, aber nachdrückliche, literarische Ohrfeige in das Gesicht unser freiheitsorientierten, selbstständigen Gesellschaft kann ich Daniel Glattauer gegenüber nur meinen Hut ziehen.

In eben diesem Manifest sieht sich Alfred mit der Situation des nahenden Hochzeitstages konfrontiert und möchte dafür entsprechend Geld aus seinen Ersparnissen abheben. Was als kleines Missverständnis beginnt endet in einer weitaus größeren Skizzierung dessen, was die Bank unseres Vertrauens in der Zukunft für uns in petto haben könnte und das ist weit mehr als nur eine Bereitstellung des Geldes.

Bitterböse, scharf gezeichnet und raffiniert gestrickt führt Daniel Glattauer den Leser in die neue Welt der Banken, gefüllt mit, für mich, vielen realen Stricken, die er fulminant utopisch zu Ende strickt, die somit ein so faszinierendes und zugleich erschreckendes Bild ergeben, dass ich immer noch hinterfrage, ob ich gerade bei der richtigen Bank bin und was "richtig" in diesem Zusammenhang überhaupt noch bedeuten kann. Eine Empfehlung für alle, die bereits den einen oder anderen Zweifel am Bankensystem hegen, die bitterbösen Humor lieben und scharfe Dialoge gepaart mit skurrilen Inhalten zu schätzen wissen.

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