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Veröffentlicht am 27.02.2021

Die Grenzen der Kommunikation

Sprich mit mir
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Faszination Schimpansen- ich konnte mich davon noch nie lossagen. Angefangen bei Bildern von Jane Goodall, die ihr Verhalten intensiv studierte, unter ihnen lebte und ihren Kampf für die Schimpansen bis ...

Faszination Schimpansen- ich konnte mich davon noch nie lossagen. Angefangen bei Bildern von Jane Goodall, die ihr Verhalten intensiv studierte, unter ihnen lebte und ihren Kampf für die Schimpansen bis heute führt, über Hollywood Filme und zahlreiche Dokumentationen. Die Frage, die immer wieder auftaucht, ist der grundlegende Unterschied zwischen Affen und uns, denn wenn wir allein den Faktor Erbgut betrachten, dann stimmt dieses zu 99% überein. Wo fängt das Tier sein an, wo hört es auf und gibt es die Möglichkeit einen Schimpansen so zu erziehen, dass wir ihn nicht mehr als Tier wahrnehmen, sondern als Mensch?

Genau diesem Thema widmet sich das neuste Werk von T.C. Boyle in "Sprich mit mir" vom Hanser Verlag in eindringlicher, herausfordernder Art und Weise, bewusst mit dem Ziel anzuecken, stellenweise zu übertreiben und mich sensibilisiert zurückzulassen.

Sam ist ein zweijähriger Schimpanse, der Menschen aufgrund seiner Aufzucht als Artgenossen auffasst, die Gebärdensprache dank seines Ziehvaters Dr. Schermerhorn in erstaunlicher Art und Weise beherrscht. Der Schimpansen Junge wird von eben diesem in der Nähe des Campus aufgezogen. Eine junge Frau mit Namen Aimee studiert dort und bewirbt sich zunächst auf einen Job als Hilfe für Sam. Schnell wird aus dem Job eine Passion, als jedoch der eigentliche Besitzer von Sam, Dr. Moncrief, in der Studie zur Erforschung der sprachlichen Interaktion zwischen Mensch und Tier nicht mehr den geforderten Erfolg sieht, holt er Sam kurzerhand ab, der von nun an für pharmazeutische Experimente herhalten soll. Aimee ist erschüttert und zögert nicht lange, bevor sie zu der abenteuerlichen Reise zur Rettung von Sam aufbricht, die ihr Leben nachhaltig verändern wird.

Der Stil ist leicht, einnehmend, zugleich intensiv, die Zeilen geladen voller Emotionen, Witz und Wahrhaftigkeit. Die aufgeworfenen Fragen sind essenziell und tiefgründig, führen den Leser immer wieder zurück zum Ziel des Projektes mit Sam- der Überwindung von nur tierischen Trieben hin zu einer gar menschlichen Kommunikationsbasis mit einer klaren Meinung von Seiten Sams, der es entsprechend auszudrücken weiß. Die Entwicklung und Interaktion mit dem Schimpansen ist mit viel Liebe zum Detail beschrieben und somit haben nicht nur die Protagonisten Tiefgang, sondern zugleich auch Sam durch die vielen Passagen, die ihm gewidmet sind, seinen Gefühlen, Launen und der Beziehungswelt, die er zu seinem Umfeld aufbaut. Für mich vordergründig ist die erstaunliche Reise der Figuren und die Ironie der Geschichte, die Achterbahnfahrt der Gefühle und das Bewusstsein, dass wir uns als menschliche Spezies tendenziell erhaben fühlen, allwissend, die Fakten definierend und dabei die kleinen, feinen Momente übersehen, die die Welt verändern könnten, wenn wir in der Lage wären sie wahrzunehmen. Ein Mahnmal für unsere Gesellschaft, den wissenschaftlichen Fortschritt und das fehlende Empathie Gefühl mittendrin, dass uns zurückwirft. Eine Empfehlung für alle, die die Kommunikation zwischen Menschen und Schimpansen faszinierend finden, Geschichten mit einer gewissen Tragik wertschätzen können und sich der Welt der Wissenschaft sehenden Auges öffnen möchten.

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Veröffentlicht am 31.12.2020

Die kleine, feine Geschichte über unsere Gesellschaft

Fast ein neues Leben
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12 Geschichten. Kleine, kurze, kompakte Kapitel. Mehr braucht es nicht, um von einem alten Leben ins neue zu führen. Mehr braucht es nicht, um durch alle Höhen und Tiefen eines Menschen zu gleiten, der ...

12 Geschichten. Kleine, kurze, kompakte Kapitel. Mehr braucht es nicht, um von einem alten Leben ins neue zu führen. Mehr braucht es nicht, um durch alle Höhen und Tiefen eines Menschen zu gleiten, der sich von seinem Hintergrund nicht lösen kann. Mehr braucht es nicht, um fast ein ganzes Leben zu reflektieren, neu aber wiederum alt.

Einfach und reduziert begegnete mir physisch der Debütroman "Fast ein neues Leben" von Anna Prizkau. Ein handliches Format, schwarz mit weißem Kontrast, das Cover abstrakt, fast wie ein Gemälde von Pollock, bei dem alles nur die eigene Reflektion, das eigene Gefühl, die Archetypen aktiviert. Das innere des Romans hingegen bietet die komplette Bandbreite von Geschichten, die einer Einwandererfamilie begegnen. Die Tochter eben dieser schildert nicht chronologisch, sondern vielmehr vom Bauchgefühl getrieben alle Ereignisse, die ihr begegnen. Vom jungen Mädchen, die sich der Willkür und Macht ihrer Mitschülerin ausgesetzt sieht und das zerrüttete Verhältnis innerhalb der Familie registriert, hin zu einer jungen Frau, die sich mit Belästigungen auseinandersetzen muss, die sogar in Gewalt enden. Voller Hoffnung startet sie in ein vermeintlich neues Leben, aber alles, was ihr entgegen schlägt sind Vorurteile, Hass und Rassismus, gepaart mit psychischen Erkrankungen.

Anna Prizkaus Stil ist leicht, die Worte jedoch schwer, das Ungesagte zwischen den Zeilen verfolgt den Leser, erschüttert bis ins Mark und führt dazu, dass ich an vielen Stellen hinterfragen musste, ob ich selbst nicht auch an einigen Stellen in meinem Leben das „neue Leben“ verhindert habe, unbewusst und unbedacht. Die Geschichte springt in der Zeit, wirkt defragmentiert und doch wie kleine Puzzleteile, die sich immer weiter zu einem großen Bild zusammenfügen. Die Erzählerin erlebt eben all diese Kapitel selbst, interagiert an so vielen Fronten mit so vielen Protagonisten, dass ich die Überforderung gefühlt habe, die Verzweiflung und auch ihre anfängliche Naivität durch den Wunsch, dass dieses neue Leben funktioniert. Trotzdem ist die Erzählerin ungebrochen und der Funke der Hoffnung lodert. Eine Empfehlung für alle, die tragische Geschichten zu schätzen wissen, emotionsgeladene Handlungen aufsaugen und sich selbst bereits gefragt haben, wo sie sich zum Thema Rassismus positionieren und inwieweit wir uns alle nicht immer von Vorurteilen befreien können.

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Veröffentlicht am 31.12.2020

Das DDR Dilemma

Verraten
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Verloren, verborgen, verpflichtet und verraten- durch diese Etappen schlittert Sebastian, mehr unfreiwillig als gewollt, sehenden Auges und doch überraschend. Er sieht sich mit der Komplexität der DDR ...

Verloren, verborgen, verpflichtet und verraten- durch diese Etappen schlittert Sebastian, mehr unfreiwillig als gewollt, sehenden Auges und doch überraschend. Er sieht sich mit der Komplexität der DDR konfrontiert, den Agentenspielchen der Stasi, dem Vermächtnis seines Vaters und seiner eigenen Rolle in diesem Spiel um Macht, Loyalität und Treue.

Sebastian erwartet nach dem Tod seiner Mutter nicht etwa ein wohliges Kinderheim, sondern vielmehr ein Auffangbecken für schwer erziehbare Jugendliche, in dem die Methodiken denen eines Gefängnisses gleichen. Fassungslos wird er in diese Welt gestoßen und versucht auf dem rauen Pflaster zurechtzukommen, bis ihn schließlich sein Vater abholt, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Hin- und Hergerissen zwischen Dankbarkeit und Wut finden Vater und Sohn in einen Alltag zusammen, der viele Fragen offenlässt. Als dann auch noch Sebastian in die Fänge der Stasi gerät und seinen Vater bespitzeln soll, der zum Staatsfeind mutiert ist, sieht er sich in einer ausweglosen Situation, zumal Sebastian sein eigenes Geheimnis auf dem Dachboden versteckt: Katja, die mit seiner Hilfe aus dem Heim ausgebrochen ist und auf keinen Fall entdeckt werden darf.

Grit Poppe skizziert mit "Verraten" mehr als nur einen unterhaltsamen, spannenden Jugendroman, sondern vielmehr eine authentische Skizzierung der damaligen Verhältnisse, vor denen ich bisher die Augen verschlossen habe. Die Schilderungen sind grausam, brutal und die Methoden der Stasi komplett rechtswidrig und doch basieren viele Elemente des Buchs auf wahren Begebenheiten. Die Beklemmung zwischen den Zeilen, die Angst und Verzweiflung Sebastians zum einem in Bezug auf den Staat, aber auch hinsichtlich seiner Familie überwiegen. Die innere Zerrissenheit spannt den Bogen soweit, dass die Sehnen zu reißen drohen, immer und immer wieder. Das Gefühl Sebastians dem Ganzen Spiel seines Lebens nicht gerecht zu werden, wird so phänomenal emotional gesteigert, dass ich nicht aufhören konnte mit zu fiebern. Viele Passagen regen zum Nachdenken an und lassen den Leser innehalten. Der Stil ist dabei leicht, der Perspektivwechsel erfrischend und die Charaktere nahbar gezeichnet. Eine klare Empfehlung für alle Fans von guten recherchierten DDR-Romanen, Freunden von spannungsgeladenen Agentengeschichten und denen, die immer schon mal wissen wollte, was das Gefühl von Macht in einem Menschen auslösen kann.

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Veröffentlicht am 20.12.2020

Harald & Maude meets Kleinstadt Eskapaden

Die Wahrheit über Metting
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Der Tod, alte Menschen und die Liebe- in dieser Kombination nicht unbedingt ein typisches Szenario, mit dem sich ein heranwachsender, junger Mensch konfrontiert sieht. Normalerweise sind die einzigen alten ...

Der Tod, alte Menschen und die Liebe- in dieser Kombination nicht unbedingt ein typisches Szenario, mit dem sich ein heranwachsender, junger Mensch konfrontiert sieht. Normalerweise sind die einzigen alten Menschen die eigenen Großeltern, der Tod ein eher unregelmäßiger Besucher und die Liebe da schon ganz fehl am Platz. Anders im Fall von Tomás, denn wenn deine Eltern schon ein wunderschönes Altenheim in Metting mit Namen "Horizont" betreiben, dann bleiben manche Berührungspunkte wohl nicht aus. Alte Menschen kommen per Krankentransport hinein und werden in Leichensäcken hinaus transportiert- das kann in diesem Fall wohl als gängiger Ablauf beschrieben werden, Endstation Tod. Wäre da nicht Marieluise, die adrette 82-Jährige, die neu ins „Horizont“ einzieht und bei deren Anblick Tomás Herz direkt höherschlägt. Auf einmal gewinnt sein Leben eine andere Dynamik und er wird langsam erwachsen mit allen Ecken und Kanten, die das Leben zu bieten hat.

"Die Wahrheit über Metting" von Tom Liehr ist ein eindrücklicher Roman mit vielen wichtigen thematischen Schwerpunkten aus der Sicht des heranwachsenden Tomás, der durch die Begegnung mit der 82-Jährigen Marieluise immer mehr in der Lage ist, über seinen bisher kleinen Tellerrand hinauszublicken. Es ist eine vielschichtige Handlung, die den Leser erwartet, die auf Themen wie Freundschaft, erste Liebe, Loyalität und Wahrheit zurückgreift, aber eben auch wichtige politische, sowie gesellschaftliche Schwerpunkte umreißt immer gepaart mit einem Augenzwinkern, einem Lächeln und skurrilen Momenten, sowie Details. Der Stil ist leicht, fließend und authentisch aus der Sicht des Jungen geschrieben, der im Laufe der Geschichte immer mehr reflektiert und den der Leser schließlich als Erwachsenen begleiten darf. Es gibt viele schöne, visuell einnehmende Szenen, Momente des Innehaltens und des Wunderns und das ist wohl der größte Reiz, dass der Roman eben so vielseitig aufgestellt ist. Mir persönlich fehlte etwas die Zeit für den zweiten Teil, der für mich im Umfang des ersten Teils hätte stattfinden können. Eine Empfehlung für alle, die bunte Geschichten lieben, Harald und Maude immer schon bewundert haben und gerne eintauchen in ein Kleinstadt Szenario der 70er, in dem nicht alles Gold ist, was glänzt.

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Veröffentlicht am 08.12.2020

Clash der Kulinarik

Dreck
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Was bedeutet eigentlich Haute Cuisine? Und wo liegt der Ursprung der französischen Küche? Was braucht es, um zu den Spitzenköchen der Welt zu zählen? Definitiv ein Ausflug nach Lyon, die Chance eine Kochlehre ...

Was bedeutet eigentlich Haute Cuisine? Und wo liegt der Ursprung der französischen Küche? Was braucht es, um zu den Spitzenköchen der Welt zu zählen? Definitiv ein Ausflug nach Lyon, die Chance eine Kochlehre anzustreben und somit die Geschichte der Kulinarik neu zu erfinden.

Und diesen Mut besitzt Bill Buford, Autor von "Dreck" und tendenziell Alleskönner, Alles Tester und ein Mann, der Herausforderungen sucht. New Yorker Starautor, Liebhaber diverser Küchen und Familienvater. Er stellt sich der Herausforderung in der Spitzenklasse der französischen Küche Fuß zu fassen und packt dafür kurzerhand Kind und Kegel zusammen, verlässt New York und ohne weitere Planung begibt er sich nach Lyon, ein zuerst kleiner Ausflug des Genuss der zu einem jahrelangen Abenteuer in der Ferne wird. Zwischen Baguette und Hummertürmchen arbeitet sich Bill Buford durch diverse Küchen, Gänge und Spezialitäten, vom Kartoffel schälen über Filetieren- er stellt sich jeder Herausforderung. Nahbar und amüsant erfährt der Leser nicht nur mehr über die Tiefen und zugleich Abgründe der französischen Küche, bekommt hautnah und visuell die Zubereitung diverser Gerichte vorgeführt, sondern erfährt zugleich mehr über das Leben von Bill Buford, gefühlt ohne Distanz, denn ich konnte mittendrin mitfiebern, bei allen Hochs und Tiefs, die die kleine Familie durchläuft.

Mich hat vor allem der Erzählstil gefesselt, einnehmend wie ein guter Freund, der eine wirklich interessante, vielschichtige Geschichte erzählt voller Emotionen und Inbrunst und du dabei schlichtweg mitfiebern musst. Es ist eine Geschichte voller Mut, dem Gefühl, dass sich dranbleiben immer lohnt und dass manchmal alles aufgegeben werden muss, um sich komplett neu zu entdecken. Streckenweise etwas langatmig, aber wie ein guter Wein, der über die Zeit reift. Eine Empfehlung alle, die schon einmal einen Einblick in das Leben hinter den Mauern einer Küche werfen wollten, die kulinarische Reportagen zu schätzen wissen, gepaart mit Aspekten eines Romans in Hinblick auf die Protagonisten und die Lyon bis dato vollkommen unterschätz haben.

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