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Veröffentlicht am 15.10.2021

Living the Dorflife

Unterleuten
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Nach "Neujahr" war ich nicht sicher, ob ich mich an ein weiteres Buch von Juli Zeh herantrauen soll. "Lies doch mal Unterleuten!" Unterleuten? Unter Leuten? Der Titel ist schonmal einfallsreich, es geht ...

Nach "Neujahr" war ich nicht sicher, ob ich mich an ein weiteres Buch von Juli Zeh herantrauen soll. "Lies doch mal Unterleuten!" Unterleuten? Unter Leuten? Der Titel ist schonmal einfallsreich, es geht um ein Dorf in der ehemaligen DDR namens Unterleuten und um seine Einwohner, Alteingesessene sowie frisch Zugezogene. Und wir sind dort und mischen uns unter sie.

Die Handlung spielt sich innerhalb weniger Tage ab, unterbrochen von Sequenzen, wie Erinnerungen, aus der Vergangenheit der Figuren, wie sind sie sozialisiert, wie hat wer wen wann kennengelernt, Beruf, Schulbildung, Karriere, Privatleben. Anstoß der sich überschlagenden Ereignisse ist die Planung eines Windparks, die alte Rivalitäten, Lügen, Betrug und viel Menschlichkeiten zutage fördern.
Die Verbindung zwischen den Personen beschreibt die Autorin selbst in der Situation einer Bürgerversammlung als Knäuel, wenn man Fäden zwischen ihnen spannen würde. Und wie die Journalistin, die im Dorf recherchiert, so treffend resümiert: "Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat."

Juli Zeh hat eine gelungene Sozialstudie in einem unterhaltsamen Roman verpackt, trotz Komplexität bleiben die etwa 650 Seiten flüssig zu lesen, man kann gut folgen, nichts ist überstürzt eingefügt oder unwichtig. Dank der beigefügten Flurkarte findet man sich auch auf Anhieb mit der Lage der Grundstücke zurecht.
Das von mir oft kritisierte häppchenweise Vorwegnehmen von Informationen, ohne wirklich Hintergründe aufzudecken hat Juli Zeh nicht nötig, alles kommt zu seiner Zeit zu Wort. Was ich auch erstaunlich fand war, dass mir jede der Figuren sehr schnell vertraut wurde und ich nicht anders konnte, als ausnahmslos für alle Sympathie zu entwickeln, wie sie da immer wieder zwischen den Stühlen stehen in ihrem Kaff. Die Autorin konnte sie mir näher bringen, ihre Vergangenheit und Gegenwart, ihre Beweggründe und Perspektiven.

Ich habe es sehr gern gelesen und empfehle es uneingeschränkt - nicht nur Dorfkindern.

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Veröffentlicht am 13.10.2021

Unterhaltsam und kurzweilig

Das Haus an der Düne
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Mein erstes BUCH von Agatha Christie. Aber ich liebe die Filme!
Bei diesem leichten Roman über eine junge Frau, die sich vom Unglück verfolgt glaubt, von Hercule Poirot jedoch eines Besseren belehrt wird ...

Mein erstes BUCH von Agatha Christie. Aber ich liebe die Filme!
Bei diesem leichten Roman über eine junge Frau, die sich vom Unglück verfolgt glaubt, von Hercule Poirot jedoch eines Besseren belehrt wird - nämlich, dass man ihr nach dem Leben trachtet - sah ich die belgische Hauptfigur in Gestalt Sir Peter Ustinovs vor mir.
Kurz und knackig, spannend und intelligent ist die Geschichte konstruiert, die Figuren widersprüchlich und nicht recht greifbar, mehrmals muss man sein Bild, dass man sich von einem Verdächtigen gemacht hat, revidieren, doch kann man den Windungen gut folgen. Die Sprache ist schnörkellos aber fein und der Witz kommt dabei auch nicht zu kurz.
Ein solider, relativ gewaltfreier und unblutiger Kriminalfall (ja gut, zwar gibt es Tote, aber ohne Gemetzel und Nervenkitzel) mit tollem Detektivduo im Urlaubsmodus.
Ehrlich gesagt glaube, es ist bei dem, was die beliebte Autorin alles geschrieben hat, noch Luft nach oben. Ich werde gern weitere Bücher von ihr entdecken, das war eine erfrischende Abwechslung zur mich teilweise ermüdenden "Erzählenden Literatur" im Belletristiksegment.

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Veröffentlicht am 12.10.2021

Vergessene Heldin

Althea Gibson - Gegen alle Widerstände. Die Geschichte einer vergessenen Heldin
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Mir war der Name Althea Gibson völlig unbekannt. Hand aufs Herz, wem ist die erste Afroamerikanerin, die einen Grand-Slam-Titel gewann, die erste, die auf dem Cover der "Sports Illustrated" und der "Time" ...

Mir war der Name Althea Gibson völlig unbekannt. Hand aufs Herz, wem ist die erste Afroamerikanerin, die einen Grand-Slam-Titel gewann, die erste, die auf dem Cover der "Sports Illustrated" und der "Time" abgebildet war, ein Begriff? Sie hat den Weg für mir bekanntere Tennisspielerinnen wie Venus und Serena Williams geebnet, denn als Althea als Talent entdeckt wurde, herrschte strikte "Rassentrennung" auf dem Platz, zu Turnieren wurde sie absichtlich oder "versehentlich" nicht zugelassen.
Dieses Buch erzählt ihre Geschichte, wie sie aufwuchs, ihre Karriere - und ihr bedauernswertes Ende.

Es handelt sich hierbei weniger um eine Biografie als um eine Dokumentation, ich finde es auch in Hinblick darauf schade, dass der Originaltitel "The Match" geändert wurde, besonders der Untertitel, so dass lediglich Althea im Focus steht. Es geht nämlich um ein Zusammenspiel der beiden Freundinnen Althea Gibson und Angela Buxton. Wie sie GEMEINSAM gegen alle Widerstände kämpften und Sportgeschichte schrieben, als sie in Paris und Wimbledon das Damendoppel gewannen. Lange Zeit danach sorgte Angela mit zwei Spendenaktionen dafür, die durch teure Arzt- und Behandlungskosten finanziell ruinierte Freundin vom Selbstmord abzuhalten. Althea Gibson starb 2003 nach mehreren Schlaganfällen, Angela Buxton 2020.

Die Erstveröffentlichung erschien im bereits vor 7 Jahren, nun wurde das Buch erstmals ins Deutsche übersetzt.
Ich muss leider sagen, es lässt sich nicht gut lesen. Es weist zwischendrin erhebliche Längen auf, trotz, dass es sich um spannende Persönlichkeiten handelt und alles durchaus interessant ist, jedoch machte mir der Stil zu schaffen. Der Aufbau wirkt fahrig, teils wie eine Urfassung, als sprudelt alles ungefiltert aus dem Autor heraus. Er springt in Zeit und Ort hin und her und nimmt Informationen vorweg, was keinen strukturierten Eindruck macht. Ich rate zukünftigen Lesern, den Prolog einfach wegzulassen, ich habe mich echt geärgert. Es werden einem ganz viele wissenswerte Details in Nebensätzen zusammenhanglos vorgeworfen, dafür erscheint es einem dann während der 400 Seiten zunehmend langweilig.
Schade ist auch, dass Bruce Schoenfeld wenig herzlich über Gibson schreibt, stattdessen hebt er vielmehr negative Seiten hervor. Ich hätte mir den Autor einer solchen Geschichte etwas eingenommener von seiner Hauptfigur gewünscht.
Trotzdem - die Geschichte dieser vergessenen Heldin(nen) verdient allemal Beachtung!

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Veröffentlicht am 04.10.2021

Vietnamesisches Märchen mit Schwächen

Die Mäusekönigin
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Bao und Nhi sind ein außergewöhnliches Gespann. Eine Maus und ein kleines Mädchen, die im "Haus der Versehrten" beste Freunde werden. Denn Nhi hat zwar keine Beine, aber spricht die Sprache der Tiere. ...

Bao und Nhi sind ein außergewöhnliches Gespann. Eine Maus und ein kleines Mädchen, die im "Haus der Versehrten" beste Freunde werden. Denn Nhi hat zwar keine Beine, aber spricht die Sprache der Tiere. Zusammen mit dem blinden Thang gelangt sie - nun volljährig - in das Dorf ihrer Tante, und die ungleichen Gefährten hoffen, dass sie einen Platz in der Welt finden, was zunächst gelingt. Doch böse Machenschaften offenbaren sich ihnen und es gilt, für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Jay Kay schreibt immer ganz besondere Geschichten. Bisher kenne ich "Filona" und "Der Dachs, der Wind und das Webermädchen" und bin ein großer Fan seiner Sprache, seines Einfallsreichtums und der Poesie seiner Worte, sie muten märchenhaft, verzaubert und philosophisch an. Auch auf "Die Mäusekönigin" trifft all das zu, allerdings konnte mich die Geschichte nicht recht erreichen. Die eingefügten Auszüge aus Schriftverkehren und Aktennotizen empfand ich eher störend, überflüssig. Womöglich sollten sie die Spannung erhöhen, da nach und nach mehr Informationen zutage treten, mich hat das eher irritiert und abgelenkt.
Ein großes Problem habe ich mit der Auflösung der Geschichte, was letztendlich im Dorf vorgefallen ist. Zu wenig Raffinesse, zu wenig Mäuse, zu brutal. Vom Autor bin ich Bücher gewohnt, die eine Moral haben, doch ich kann sie nicht sehen und finde das Ende schlicht nicht gut.
Alles in allem war diese Geschichte für mich leider keine runde Sache.

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Veröffentlicht am 26.09.2021

Außergewöhnlich

Junge mit schwarzem Hahn
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Die Inhaltsangabe von "Junge mit schwarzem Hahn" hört sich wenig spektakulär an, doch in Verbindung mit dem Titel war mein Interesse sofort geweckt.
Die Geschichte um den elfjährigen Martin ist vom Gefühl ...

Die Inhaltsangabe von "Junge mit schwarzem Hahn" hört sich wenig spektakulär an, doch in Verbindung mit dem Titel war mein Interesse sofort geweckt.
Die Geschichte um den elfjährigen Martin ist vom Gefühl im späten Mittelalter einzuordnen. Der besonders kluge und sensible Junge, der nie ohne einen schwarzen Hahn anzutreffen ist, ist der einzige Überlebende einer Familientragödie. Doch statt zu verzweifeln trägt er Sanftmut und Empathie in sich, sehr zum Leidwesen seiner zumeist grausamen Mitmenschen. Gemeinsam mit seinem treuen gefiederten Freund verlässt er sein Heimatdorf, um sich einer schicksalhaften Aufgabe zu stellen.

Es ist ein gesellschaftskritischer Roman. Hier bezieht sich die Autorin gezielt auf in sich abgeschlossene Gruppen und ihre Dynamik. Keiner will wissen, was er eigentlich genau weiß, und keiner will den anderen an Fehler erinnern, oder an Verantwortung, man muss sich somit auch selbst keine unbequemen Fragen stellen. Martin jedoch bringt mit seiner Art die Gemeinschaft dazu, dass eigene Handeln zu reflektieren. Dabei kommt man vor sich selbst nicht gut weg und ein Gewissen ist eine unerquickliche Sache, weshalb das Kind gemieden wird.

Der Schreibstil ist bildhaft und erlebbar, die Figuren werden einem so liebevoll ans Herz gelegt, wenig Äußerlichkeiten beschreibt die Autorin, sie vermittelt vielmehr ein Gefühl, die Ausstrahlung der Personen und lässt dabei eine Zärtlichkeit und Anmut spüren, dass man die Hoffnung in den dunklen Momenten der Geschichte nicht aufgibt, man geht beruhigt mit Martin und dem Hahn den Weg ihres Schicksals, man muss mit ihnen gehen. Man vertraut sich der Hauptfigur an.

Vielfach habe ich die Bezeichnung "Märchen" in Bezug auf dieses Buch gelesen, das geht mir vom Gefühl doch zu weit. Wenn auch manches nicht realistisch sein mag, von Fantasy würde ich nun wirklich nicht sprechen. Es ist vielmehr ein Roman mit mythischen Elementen, der sehr viel Platz für Interpretationen bietet.

Es hüpft einem das Herz bei diesem Witz und Einfallsreichtum, ein großartiges Debüt ist Stefanie vor Schulte da gelungen. Es kam mir länger vor als 200 Seiten, hier allerdings im positiven Sinne! Es ist so detailliert ist und ausgeleuchtet, es beendet alle kleinen Feinheiten, Anfang und Ende begegnen sich. Nach dem letzten Satz ist es für mich vollständig.
Als Jahreshighlight ist es mir jedoch zu grausam, ich mag es etwas verklärter und... naja lieblicher, wenn es auch wirklich keine deprimierende Geschichte ist,so lässt sich die Tragik nicht schönreden.
Es war ein großes Vergnügen, diese herrlichen Sätze zu lesen, Sätze wie Gemälde, wie Musik, kleine Kunstwerke.

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