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Jule1979

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.04.2021

Toll für introvertierte Kinder

Sylvia und der Vogel
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Wenn man genau hinsieht, entdeckt man zwischen den Ästen der Bäume kleine menschenähnliche Wesen, die Baumhüter. Eine von ihnen ist Sylvia. Doch während die anderen spielen und toben, ist Sylvia lieber ...

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man zwischen den Ästen der Bäume kleine menschenähnliche Wesen, die Baumhüter. Eine von ihnen ist Sylvia. Doch während die anderen spielen und toben, ist Sylvia lieber für sich. Doch in ihrem geheimen Versteck ist sie plötzlich nicht mehr allein, ein kleiner Vogel hat dort Zuflucht gesucht! Die beiden werden Freunde, doch Zausel gehört in den Himmel zu seinem Schwarm - und Sylvia zu ihresgleichen. Erst durch die Freundschaft mit Zausel öffnet sie sich.
Eine schöne Geschichte in kurzen Texten, schon gut lesbar für die erste Klasse. In den Illustrationen gibt es viel zu entdecken, kleinere Kinder können immer wieder blättern und suchen, was die putzigen Baumhüter so treiben.
Es hat mir und meiner 6-Jährigen Tochter sehr gefallen!
Es gibt ja ganz unterschiedliche Kinder, ich glaube, das Buch spricht vor allem introvertierte Kinder an, die sich mit Kontakten zu gleichaltrigen schwertun.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2021

Supersubtil und analytisch

Lady Barbarina
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Jackson Lemon, angesehener und wohlhabender Arzt, wird zum Londoner Klatschthema seit er sich regelmäßig mit der Marquise Lady Barbarina blicken lässt. Auf die Ernsthaftigkeit dieser Beziehung angesprochen ...

Jackson Lemon, angesehener und wohlhabender Arzt, wird zum Londoner Klatschthema seit er sich regelmäßig mit der Marquise Lady Barbarina blicken lässt. Auf die Ernsthaftigkeit dieser Beziehung angesprochen wird ihm klar, diese einzigartige Frau und keine andere soll die Seine werden. Warum er - reich hin oder her - nicht einfach eine englische Adelige ehelichen kann, das müssen die Schwiegereltern dem armen Kerl erstmal erklären, doch Jackson lässt sich auch von einem unromantischen Ehevertrag nicht von seinem Vorhaben abbringen. Sie wird sich schon wohlfühlen in New York. Zurück in der "neuen Welt" geht Jackson jedoch schnell auf, dass das Projekt angloamerikanische Gesellschaftsbildung mit seiner Gattin gar nicht gut läuft.
Eine humorvolle Gesellschaftsstudie, satirisch, ironisch und voller Situationskomik, aber auch mit einer gewissen Tragik. Letztendlich sind alle Figuren aus unterschiedlichen Gründen nicht frei, entscheiden nach Anstand und an sie gerichtete Erwartungen, interpretieren Beweggründe in das Verhalten anderer und projezieren ihre eigenen Bedürfnisse. Dabei ergreift der Erzähler keine Partei, er klärt uns über die Umstände auf, erläutert und zeigt Verständnis für alle Seiten. Die auktoriale Erzählweise schafft Vertrautheit, wobei der Erzähler mal allwissend ist, dann schützt er Ahnungslosigkeit vor. So kommt eine ganz putzige Geschichte zustande, die wir - von wem auch immer - aufgetischt bekommen. Sehr originell ist der Einstieg in die Geschichte! Durch ein älteres Ehepaar, das im Hyde Park flanierende Menschen beobachtet, werden die einzelnen Charaktere und Ausgangssituation des Buches vorgestellt.

Was ich sehr angenehm fand, war die Übersichtlichkeit der Figuren. Das Buch beschreibt im wesentlichen Situationen, bei denen eine überschaubare Anzahl von Charakteren mitspielt, es kommen keine "Statisten" vor. Das erlaubt ein genaueres Hinsehen, ein analysieren der Beziehungen.
Mal wieder zeigt sich, dass auch ein kurzes Buch jede Menge erzählen kann, erst recht, wenn ein Autor es wie Henry James versteht, auch noch eine Menge zwischen den Zeilen zu schreiben.

Henry James war Kosmopolit. Überall und nirgends zu Hause hatte er einen scharfen Blick für die damalige Unvereinbarkeit verschiedener Länder, in denen der gesellschaftliche Wandel auf inadäquatem Niveau Einzug hielt. Die vereinigten Staaten von Amerika als "Paradies für Frauen und Mechaniker" werden für Barbarina nicht zur zweiten Heimat, da ihr Anspruch an das Frau-sein sich von dem der dortigen "Exemplare" eklatant unterscheidet. Im Nachwort erfährt man wissenswerte Fakten zu Henry James' Leben, seinen Werken im Allgemeinen und diesem Roman von 1908 im Besonderen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2021

Ana bleibt Nebendarstellerin

Das Buch Ana
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Es hat mir nicht gefallen.
Und das hatte ich komischerweise vorher schon im Gefühl, denn so eine Idee muss originell umgesetzt sein.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ein Buch, das sich so leicht und flüssig ...

Es hat mir nicht gefallen.
Und das hatte ich komischerweise vorher schon im Gefühl, denn so eine Idee muss originell umgesetzt sein.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ein Buch, das sich so leicht und flüssig liest, in den Himmel gelobt und jedem ans Herz gelegt, aber sorry Sue Monk Kidd, das war nix für mich. Ich werde es wohl nochmal mit der Bienenhüterin versuchen, aber wenn ich da auch immer alles 10 Seiten im Voraus ahne gehen wir besser getrennte Wege.
Zum Inhalt nur soviel, Ana ist die Ehefrau von Jesus und fühlt sich berufen, die Geschichten ungehörter Frauen niederzuschreiben, ihnen eine Stimme zu geben. Und es tut mir leid, aber das war es auch schon. Wollte die Autorin erzählen, dass Frauen damals nichts zugetraut wurde, dass sie abhängig und ungehört waren? Soweit war ich im Bilde! Warum hat sie ihre Hauptfigur denn bloß so langweilig und farblos gestaltet? Ana kommt für mich nicht aus Jesus' Schatten hervor, es bleibt die Bibelgeschichte, nur hatte Jesus eben eine Ehefrau. Eine Hauptfigur ist sie in meinen Augen nicht. Sie bleibt weitgehend passiv, von der Geschichte gelenkt, reagiert lediglich. Sie hatte Wünsche und Träume. Ich unterstelle das jetzt einfach mal auch anderen Frauen aus dieser Zeit! Aber hat sie dafür gekämpft, gehört zu werden? Das ist keine Protagonistin in meinen Augen. Sie hätte mehr Bedeutsamkeit haben müssen.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber ganz klar kann ich sagen, ich habe ETWAS erwartet. Irgendetwas. Jesus' Ehefrau, was hätte man nicht alles erdenken können.. Sie hätte eigentlich die Wunder wirken können, aber männliche Geschichtsschreiber haben alles verdreht und heute wird es von der Kanzel völlig falsch gepredigt. Irgendwas INNOVATIVES! Eine Neuinterpretation der Bibelstory? Mitnichten. Eine öde Geschichte ohne sprachliche Raffinesse, absolut vorhersehbar. Ich habe ALLES so kommen sehen (nicht nur die Kreuzigung). Sowas Einfallsloses habe ich nicht mehr gelesen seit ich Jojo Moyes abgeschworen habe.
Am Ende bleibt das Gefühl, dass mir die 570 Seiten nicht im Gedächtnis bleiben werden.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.04.2021

Großartig beschrieben

Der Schneeleopard
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Dieses Buch beinhaltet einen der Gründe, warum ich so gern lese.
Ich kann durch Bücher etwas erleben, das ich in der Realität sicher nie erleben werde. Ein anderer hat es für mich gesehen und gefühlt ...

Dieses Buch beinhaltet einen der Gründe, warum ich so gern lese.
Ich kann durch Bücher etwas erleben, das ich in der Realität sicher nie erleben werde. Ein anderer hat es für mich gesehen und gefühlt und erzählt mir davon, so echt und so nah und so schön, dass ich in Gedanken dabei sein kann.
Der Schriftsteller Sylvain Tesson macht seine Reise durch Tibet mit dem Team des angesehenen Tierfotografen Vincent Munier für mich erlebbar, durch seine entschleunigende Art zu beschreiben und durch die treffenden Umschreibungen, die er verwendet.
Auf der Suche nach den letzten Schneeleoparden Tibets in 4000 Metern Höhe fällt der Blick auf die Welt von heute nicht grade positiv aus. Mehr als das Tagebuch dieser Reise ist es ebenfalls eine Mahnung, ein Bedauern, dass der Mensch im Laufe der Jahrtausende alles um sich herum für sich beansprucht hat, der zum Großteil keinen Blick mehr hat für die Schönheit der Natur, für die Unbändigkeit wilder Tiere.
Teils gehen Poesie und Aphorismen ein bisschen mit dem Autor durch, eine Spur nüchterner hätte für mich auch ausgereicht, doch es zieht es einen auch sehr in den Bann der Erlebnisse.
Neben der erzählerischen Fähigkeit gefällt mir besonders die Stimmung, die in dem kurzen Buch mitschwingt. Melancholie, Sehnsucht. Demut.
Ein ganz wunderschönes, unauffälliges Buch, dass mich zum Lächeln gebracht hat, dass nachdenklich macht, dass die Gedanken schweifen lässt.

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Veröffentlicht am 07.04.2021

Wissenswertes und Hintergründiges

»Die Nacht hat uns verschluckt«
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Ich habe großes Interesse an fremden Kulturen und Religionen, vor allem, wenn sie mir hier in Deutschland täglich begegnen und Teil unserer Gesellschaft sind.
Diese jüdische Anthologie ist umfangreich ...

Ich habe großes Interesse an fremden Kulturen und Religionen, vor allem, wenn sie mir hier in Deutschland täglich begegnen und Teil unserer Gesellschaft sind.
Diese jüdische Anthologie ist umfangreich und von hohem Anspruch, man muss sie gut dosiert lesen, zumindest ging es mir so. Ganz besonders gefallen hat mir das Kapitel "Kindheiten in Berlin", was für spannende und eindrucksvolle Texte, einer zum Beispiel von Marcel Reich-Ranicki!
Das Buch erweitert den Horizont, es bildet, es vermittelt einem die Stimmung des Berlins der 1920er und 1930er Jahre aus Sicht jüdischer Migranten, die teils eine neue Bleibe suchten, teils auf der Durchreise waren, teils darauf warteten, dass sie zurück in ihre Heimat konnten. Oft resigniert, verzweifelt, aber auch hoffnungsvoll.

"In Berlin, der vielleicht einzigen jüdischen Stadt in der Welt, wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der jüdische Menschen zusammenkommen, zusammenleben, sich annähern, einer vom anderen lernt: und zwar seit Jahren." (Yeshayahu Klinov, S. 192)

Ich hätte mir gewünscht, dass einige Briefe, Berichte, Gedichte und Auszüge zweisprachig abgedruckt worden wären. Im Original, wenn vorhanden, und in der Übersetzung. Auch wenn ich manches gar nicht hätte lesen können, kyrillisch und hebräisch beispielsweise, aber dennoch fehlte es mir zu Vollständigkeit.
Alles in allem absolut spannend und wissenswert, eine wunderbar vielfältige Zusammenstellung namhafter und unbekannter jüdischer Autoren, die sich alle um denselben Zeitraum drehen, das Lebensgefühl ist hautnah eingefangen und die geschichtlichen Zusammenhänge in den Fußnoten umfassend erläutert.
Sehr zu empfehlen!

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