Profilbild von Jule1979

Jule1979

Lesejury Star
offline

Jule1979 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jule1979 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.10.2021

Vergessene Heldin

Althea Gibson – Gegen alle Widerstände. Die Geschichte einer vergessenen Heldin
0

Mir war der Name Althea Gibson völlig unbekannt. Hand aufs Herz, wem ist die erste Afroamerikanerin, die einen Grand-Slam-Titel gewann, die erste, die auf dem Cover der "Sports Illustrated" und der "Time" ...

Mir war der Name Althea Gibson völlig unbekannt. Hand aufs Herz, wem ist die erste Afroamerikanerin, die einen Grand-Slam-Titel gewann, die erste, die auf dem Cover der "Sports Illustrated" und der "Time" abgebildet war, ein Begriff? Sie hat den Weg für mir bekanntere Tennisspielerinnen wie Venus und Serena Williams geebnet, denn als Althea als Talent entdeckt wurde, herrschte strikte "Rassentrennung" auf dem Platz, zu Turnieren wurde sie absichtlich oder "versehentlich" nicht zugelassen.
Dieses Buch erzählt ihre Geschichte, wie sie aufwuchs, ihre Karriere - und ihr bedauernswertes Ende.

Es handelt sich hierbei weniger um eine Biografie als um eine Dokumentation, ich finde es auch in Hinblick darauf schade, dass der Originaltitel "The Match" geändert wurde, besonders der Untertitel, so dass lediglich Althea im Focus steht. Es geht nämlich um ein Zusammenspiel der beiden Freundinnen Althea Gibson und Angela Buxton. Wie sie GEMEINSAM gegen alle Widerstände kämpften und Sportgeschichte schrieben, als sie in Paris und Wimbledon das Damendoppel gewannen. Lange Zeit danach sorgte Angela mit zwei Spendenaktionen dafür, die durch teure Arzt- und Behandlungskosten finanziell ruinierte Freundin vom Selbstmord abzuhalten. Althea Gibson starb 2003 nach mehreren Schlaganfällen, Angela Buxton 2020.

Die Erstveröffentlichung erschien im bereits vor 7 Jahren, nun wurde das Buch erstmals ins Deutsche übersetzt.
Ich muss leider sagen, es lässt sich nicht gut lesen. Es weist zwischendrin erhebliche Längen auf, trotz, dass es sich um spannende Persönlichkeiten handelt und alles durchaus interessant ist, jedoch machte mir der Stil zu schaffen. Der Aufbau wirkt fahrig, teils wie eine Urfassung, als sprudelt alles ungefiltert aus dem Autor heraus. Er springt in Zeit und Ort hin und her und nimmt Informationen vorweg, was keinen strukturierten Eindruck macht. Ich rate zukünftigen Lesern, den Prolog einfach wegzulassen, ich habe mich echt geärgert. Es werden einem ganz viele wissenswerte Details in Nebensätzen zusammenhanglos vorgeworfen, dafür erscheint es einem dann während der 400 Seiten zunehmend langweilig.
Schade ist auch, dass Bruce Schoenfeld wenig herzlich über Gibson schreibt, stattdessen hebt er vielmehr negative Seiten hervor. Ich hätte mir den Autor einer solchen Geschichte etwas eingenommener von seiner Hauptfigur gewünscht.
Trotzdem - die Geschichte dieser vergessenen Heldin(nen) verdient allemal Beachtung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.08.2021

Die Braut, die sich nicht traut?

Und die Braut schloss die Tür
0

Warum schließt sich die arabische Jüdin Margi an ihrem Hochzeitstag ein und lässt, außer der Ankündigung, dass sie nicht heiraten wird, nicht mit sich sprechen? Versammelt sind in dieser katastrophalen ...

Warum schließt sich die arabische Jüdin Margi an ihrem Hochzeitstag ein und lässt, außer der Ankündigung, dass sie nicht heiraten wird, nicht mit sich sprechen? Versammelt sind in dieser katastrophalen Situation der zukünftige Ehemann, seine Eltern, die Mutter, die Großmutter und der sehr extrovertierte Cousin der Braut. Nach und nach wird den Verhältnissen der Protagonisten zueinander nachgespürt, bissig und ironisch in den Beschreibungen und den Dialogen, auch die Gedanken der Figuren werden in Klammern beigefügt. So ergänzt sich alles zu einem Bild, einer Charakterstudie zum einen, und einem Blick auf die Strukturen in der jüdischen Gesellschaft Tel Avivs auf der anderen - Mithilfe von Klischees und Übertreibungen.

Dieses schmale Buch hat mich aufgrund seines Titels magisch angezogen. Ronit Matalon hat eine Novelle im besten Sinne verfasst, kurz, eine überschaubare Anzahl von Personen, auf die an entsprechender Stelle näher eingegangen wird. Es liest sich wie ein Theaterstück, wie eine Aufführung, da auch wenige Ortswechsel enthalten sind.
Es hat sich toll lesen lassen, war spannend und kurzweilig. Ich liebe Novellen und fand das Thema erfrischend und unverbraucht dargestellt. Letztendlich fehlte mir jedoch etwas, nur ein Fünkchen. Es war mir zu wenig pointiert, war es Tragödie oder Komödie? Mir fehlte die Konsequenz, eins von beiden bis zum Schluss geradlinig auf die Spitze zu treiben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.07.2021

Solide, aber nicht überwältigend

Der Gesang der Flusskrebse
0

Seit seinem Erscheinen 2018 ist "Der Gesang der Flusskrebse" auf den Bestsellerlisten zu finden und war 2019 sogar das meistverkaufte Buch des Jahres in den USA. Nun habe ich es endlich auch gelesen.
Die ...

Seit seinem Erscheinen 2018 ist "Der Gesang der Flusskrebse" auf den Bestsellerlisten zu finden und war 2019 sogar das meistverkaufte Buch des Jahres in den USA. Nun habe ich es endlich auch gelesen.
Die Sonderausgabe hat mich optisch sehr angesprochen, beim Thema war ich zugegebenermaßen nicht überzeugt, ob das was für mich sein wird. Wahrscheinlich wurde mir im Vorfeld zu oft der Begriff "Nature-Writing" um die Ohren gehauen, als hätte das vor Delia Owens nie wer praktiziert. Nun wollte ich mir aber eben auch gern selbst ein Urteil bilden, meine Erwartungen habe ich niedrig gehalten.

Zum Inhalt in aller Kürze: Mitte des letzten Jahrhunderts, in einer amerikanischen Kleinstadt, wo noch Unterschiede im Wert von Menschen gemacht werden, zwischen Weißen und Schwarzen, Männern und Frauen, respektablen Bürgern und den Menschen aus dem Sumpf. Kya ist noch im Grundschulalter, als nach und nach ein Mitglied nach dem anderen die zerrüttete Familie und das gemeinsame Haus in der Marsch verlässt, SIE verlässt, bis sie ganz auf sich allein gestellt ihr Leben meistern muss. Die Kapitel wechseln die zeitliche Ebene hin und her, ein paar Jahre später wird Kya als junge Frau unter Mordanklage gestellt. Was geschah in der Zwischenzeit?
Das Buch ist gut,ich kann es durchaus empfehlen! Es hat mich aber insgesamt nicht so umgehauen wie viele andere Leser. Ich finde den Aufbau nicht so glücklich, die Zeitsprünge empfand ich als störend, sie nahmen Informationen vorweg, wenn auch nur angedeutet, die die Geschichte zum Großteil vorhersehbar machten. Es ist zudem sehr viel rein gepackt, allerhand Klischees und Kitsch, der durchaus auch mal ins Unglaubwürdige abdriftet. Schlecht geschrieben ist es nicht, aber es ist ein 450 Seiten dickes Krimiheimatliebesdrama, unterhaltsam zwar, aber in meinen Augen zunächst nichts Besonderes. Ich springe nicht auf ausufernde Naturbeschreibungen an, hier wird die Sumpflandschaft beschrieben, ihre Tier- und Pflanzenwelt. Durchaus nett, ein einzigartiges Gebiet, aber allein das bringt mich nicht ins schwärmen. Was aber sehr gelungen ist, was dieses Buch eben für mich doch leicht hervorhebt ist, wie Kya die Beobachtungen ihres Lebensraumes auf ihr eigenes Leben projeziert, das Verhalten von z. B. Glühwürmchen und Vogelarten auf menschliches Verhalten überträgt und Mithilfe derer analysiert. Das ist das wahre Highlight in der Geschichte, die sonst ihre Höhen und Tiefen hat, die Längen in einigen Teilen und Spannung in anderen vorweist. Die Psychologie dahinter, in dieser Isolation erwachsen zu werden und sich von der Natur in Ermangelung von Kontakten zur eigenen Spezies Verhaltensweisen abzuschauen, führt letztendlich zu einer Tragödie und einem stimmigen Ende.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.06.2021

Spannender Einblick in die Autosammler-Branche

Die Kinder des Frank Mason
0

Hauser hat es nicht leicht. Eigentlich wollte er lediglich Verhandlungen zum Kauf eines legendären Rennwagens führen, da gerät er plötzlich zwischen die Fronten. Sein Auftraggeber zieht ihn nach erfolglosen ...

Hauser hat es nicht leicht. Eigentlich wollte er lediglich Verhandlungen zum Kauf eines legendären Rennwagens führen, da gerät er plötzlich zwischen die Fronten. Sein Auftraggeber zieht ihn nach erfolglosen Gesprächen wieder ab, er solle sich ab sofort raushalten. Doch Hauser wittert einen großen Betrug und steckt ja sowieso schon mittendrin.

Zwar geht es im neuen Roman von Roland Knecht um Autohandel mit Rennwagen, heißt aber nicht, dass nicht jeder passionierte Fußgänger ebenso Spaß an dem Buch hätte, denn vielmehr geht es um Beziehungen. Geschäftsbeziehungen und Zwischenmenschliches, um Intrigen, Affären und Verrat. Die Handlung ist gut konstruiert und spannend bis zum Schluss. Wie in seinem Debüt "Das Herbstmädchen" mochte ich auch hier wieder die Sprache sehr und natürlich die Charaktere. Sie sind echt und glaubhaft und manche sind einfach so sympathisch und herzlich, man freut sich richtig für Hauser, nach einigen Rückschlägen zuverlässige Weggefährten zu haben, denen sein Wohlbefinden am Herzen liegt.

Insgesamt eine leichte, frische Geschichte in interessantem Rahmen, die Freude beim Lesen macht.
Was der Titel bedeutet ist übrigens ein Clou, der sich erst am Ende auflöst.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.06.2021

Der Sinn des Lebens ist individuell

Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
0

Richard David Precht ist ein charismatischer Mensch, der die richtigen Fragen zu unserer Gegenwart und Zukunft stellt. Sein Buch über Künstliche Intelligenz enthält spannende Gedankenspiele über das perfekte ...

Richard David Precht ist ein charismatischer Mensch, der die richtigen Fragen zu unserer Gegenwart und Zukunft stellt. Sein Buch über Künstliche Intelligenz enthält spannende Gedankenspiele über das perfekte Leben, die Vereinfachung von Abläufen durch immer ausgefeiltere Technik.
Zu philosophieren, Hintergründe und Sinnhaftigkeit zu erforschen ist immer gut. Über den Tellerrand blicken. Einen Ausblick wagen, Umstände beleuchten, hinterfragen, kritisieren. Einige Anhaltspunkte des Buches sind mehr als unbequem, der Autor beschreibt eine Entwicklung, die das Menschsein unterminiert, als fehlerhaft und überarbeitungsbedürftig darstellt, es geht nicht mehr darum, dass künstliche Intelligenz uns Menschen unterstützen soll, in vielen Bereichen soll sie uns ablösen. Von Trans- und Posthumanismus spricht Precht. Und was das in den verschiedensten Lebensbereichen zur Folge haben kann, das ist im Grunde genommen ein Horrorszenario für mich, die ich mich schon mit automatischen Lösungen wie der Helligkeit meines Handybildschirms anlege. Von einem "Smarthome" würde ich mich sabotiert fühlen, ich bin die fleischgewordene Inkongruenz alle Dinge des täglichen Lebens betreffend.

Ich muss leider bemängeln, dass es mir für ein Sachbuch - Philosophie hin oder her - zu unstrukturiert ist. Es gibt Kapitel mit Überschriften zu Themengebieten, aber Richard David Precht schweift hier ganz gehörig ab, was dem ganzen die Konzentration und Übersichtlichkeit nimmt. Sicher hängt alles miteinander zusammen, aber dennoch war mir das zu wenig "auf den Punkt". Es ist dennoch empfehlenswert, an diesem Thema kommen wir nicht mehr vorbei.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere