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Veröffentlicht am 30.08.2021

Die Braut, die sich nicht traut?

Und die Braut schloss die Tür
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Warum schließt sich die arabische Jüdin Margi an ihrem Hochzeitstag ein und lässt, außer der Ankündigung, dass sie nicht heiraten wird, nicht mit sich sprechen? Versammelt sind in dieser katastrophalen ...

Warum schließt sich die arabische Jüdin Margi an ihrem Hochzeitstag ein und lässt, außer der Ankündigung, dass sie nicht heiraten wird, nicht mit sich sprechen? Versammelt sind in dieser katastrophalen Situation der zukünftige Ehemann, seine Eltern, die Mutter, die Großmutter und der sehr extrovertierte Cousin der Braut. Nach und nach wird den Verhältnissen der Protagonisten zueinander nachgespürt, bissig und ironisch in den Beschreibungen und den Dialogen, auch die Gedanken der Figuren werden in Klammern beigefügt. So ergänzt sich alles zu einem Bild, einer Charakterstudie zum einen, und einem Blick auf die Strukturen in der jüdischen Gesellschaft Tel Avivs auf der anderen - Mithilfe von Klischees und Übertreibungen.

Dieses schmale Buch hat mich aufgrund seines Titels magisch angezogen. Ronit Matalon hat eine Novelle im besten Sinne verfasst, kurz, eine überschaubare Anzahl von Personen, auf die an entsprechender Stelle näher eingegangen wird. Es liest sich wie ein Theaterstück, wie eine Aufführung, da auch wenige Ortswechsel enthalten sind.
Es hat sich toll lesen lassen, war spannend und kurzweilig. Ich liebe Novellen und fand das Thema erfrischend und unverbraucht dargestellt. Letztendlich fehlte mir jedoch etwas, nur ein Fünkchen. Es war mir zu wenig pointiert, war es Tragödie oder Komödie? Mir fehlte die Konsequenz, eins von beiden bis zum Schluss geradlinig auf die Spitze zu treiben.

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Veröffentlicht am 09.07.2021

Solide, aber nicht überwältigend

Der Gesang der Flusskrebse
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Seit seinem Erscheinen 2018 ist "Der Gesang der Flusskrebse" auf den Bestsellerlisten zu finden und war 2019 sogar das meistverkaufte Buch des Jahres in den USA. Nun habe ich es endlich auch gelesen.
Die ...

Seit seinem Erscheinen 2018 ist "Der Gesang der Flusskrebse" auf den Bestsellerlisten zu finden und war 2019 sogar das meistverkaufte Buch des Jahres in den USA. Nun habe ich es endlich auch gelesen.
Die Sonderausgabe hat mich optisch sehr angesprochen, beim Thema war ich zugegebenermaßen nicht überzeugt, ob das was für mich sein wird. Wahrscheinlich wurde mir im Vorfeld zu oft der Begriff "Nature-Writing" um die Ohren gehauen, als hätte das vor Delia Owens nie wer praktiziert. Nun wollte ich mir aber eben auch gern selbst ein Urteil bilden, meine Erwartungen habe ich niedrig gehalten.

Zum Inhalt in aller Kürze: Mitte des letzten Jahrhunderts, in einer amerikanischen Kleinstadt, wo noch Unterschiede im Wert von Menschen gemacht werden, zwischen Weißen und Schwarzen, Männern und Frauen, respektablen Bürgern und den Menschen aus dem Sumpf. Kya ist noch im Grundschulalter, als nach und nach ein Mitglied nach dem anderen die zerrüttete Familie und das gemeinsame Haus in der Marsch verlässt, SIE verlässt, bis sie ganz auf sich allein gestellt ihr Leben meistern muss. Die Kapitel wechseln die zeitliche Ebene hin und her, ein paar Jahre später wird Kya als junge Frau unter Mordanklage gestellt. Was geschah in der Zwischenzeit?
Das Buch ist gut,ich kann es durchaus empfehlen! Es hat mich aber insgesamt nicht so umgehauen wie viele andere Leser. Ich finde den Aufbau nicht so glücklich, die Zeitsprünge empfand ich als störend, sie nahmen Informationen vorweg, wenn auch nur angedeutet, die die Geschichte zum Großteil vorhersehbar machten. Es ist zudem sehr viel rein gepackt, allerhand Klischees und Kitsch, der durchaus auch mal ins Unglaubwürdige abdriftet. Schlecht geschrieben ist es nicht, aber es ist ein 450 Seiten dickes Krimiheimatliebesdrama, unterhaltsam zwar, aber in meinen Augen zunächst nichts Besonderes. Ich springe nicht auf ausufernde Naturbeschreibungen an, hier wird die Sumpflandschaft beschrieben, ihre Tier- und Pflanzenwelt. Durchaus nett, ein einzigartiges Gebiet, aber allein das bringt mich nicht ins schwärmen. Was aber sehr gelungen ist, was dieses Buch eben für mich doch leicht hervorhebt ist, wie Kya die Beobachtungen ihres Lebensraumes auf ihr eigenes Leben projeziert, das Verhalten von z. B. Glühwürmchen und Vogelarten auf menschliches Verhalten überträgt und Mithilfe derer analysiert. Das ist das wahre Highlight in der Geschichte, die sonst ihre Höhen und Tiefen hat, die Längen in einigen Teilen und Spannung in anderen vorweist. Die Psychologie dahinter, in dieser Isolation erwachsen zu werden und sich von der Natur in Ermangelung von Kontakten zur eigenen Spezies Verhaltensweisen abzuschauen, führt letztendlich zu einer Tragödie und einem stimmigen Ende.

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Veröffentlicht am 17.06.2021

Spannender Einblick in die Autosammler-Branche

Die Kinder des Frank Mason
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Hauser hat es nicht leicht. Eigentlich wollte er lediglich Verhandlungen zum Kauf eines legendären Rennwagens führen, da gerät er plötzlich zwischen die Fronten. Sein Auftraggeber zieht ihn nach erfolglosen ...

Hauser hat es nicht leicht. Eigentlich wollte er lediglich Verhandlungen zum Kauf eines legendären Rennwagens führen, da gerät er plötzlich zwischen die Fronten. Sein Auftraggeber zieht ihn nach erfolglosen Gesprächen wieder ab, er solle sich ab sofort raushalten. Doch Hauser wittert einen großen Betrug und steckt ja sowieso schon mittendrin.

Zwar geht es im neuen Roman von Roland Knecht um Autohandel mit Rennwagen, heißt aber nicht, dass nicht jeder passionierte Fußgänger ebenso Spaß an dem Buch hätte, denn vielmehr geht es um Beziehungen. Geschäftsbeziehungen und Zwischenmenschliches, um Intrigen, Affären und Verrat. Die Handlung ist gut konstruiert und spannend bis zum Schluss. Wie in seinem Debüt "Das Herbstmädchen" mochte ich auch hier wieder die Sprache sehr und natürlich die Charaktere. Sie sind echt und glaubhaft und manche sind einfach so sympathisch und herzlich, man freut sich richtig für Hauser, nach einigen Rückschlägen zuverlässige Weggefährten zu haben, denen sein Wohlbefinden am Herzen liegt.

Insgesamt eine leichte, frische Geschichte in interessantem Rahmen, die Freude beim Lesen macht.
Was der Titel bedeutet ist übrigens ein Clou, der sich erst am Ende auflöst.

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Veröffentlicht am 04.06.2021

Der Sinn des Lebens ist individuell

Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
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Richard David Precht ist ein charismatischer Mensch, der die richtigen Fragen zu unserer Gegenwart und Zukunft stellt. Sein Buch über Künstliche Intelligenz enthält spannende Gedankenspiele über das perfekte ...

Richard David Precht ist ein charismatischer Mensch, der die richtigen Fragen zu unserer Gegenwart und Zukunft stellt. Sein Buch über Künstliche Intelligenz enthält spannende Gedankenspiele über das perfekte Leben, die Vereinfachung von Abläufen durch immer ausgefeiltere Technik.
Zu philosophieren, Hintergründe und Sinnhaftigkeit zu erforschen ist immer gut. Über den Tellerrand blicken. Einen Ausblick wagen, Umstände beleuchten, hinterfragen, kritisieren. Einige Anhaltspunkte des Buches sind mehr als unbequem, der Autor beschreibt eine Entwicklung, die das Menschsein unterminiert, als fehlerhaft und überarbeitungsbedürftig darstellt, es geht nicht mehr darum, dass künstliche Intelligenz uns Menschen unterstützen soll, in vielen Bereichen soll sie uns ablösen. Von Trans- und Posthumanismus spricht Precht. Und was das in den verschiedensten Lebensbereichen zur Folge haben kann, das ist im Grunde genommen ein Horrorszenario für mich, die ich mich schon mit automatischen Lösungen wie der Helligkeit meines Handybildschirms anlege. Von einem "Smarthome" würde ich mich sabotiert fühlen, ich bin die fleischgewordene Inkongruenz alle Dinge des täglichen Lebens betreffend.

Ich muss leider bemängeln, dass es mir für ein Sachbuch - Philosophie hin oder her - zu unstrukturiert ist. Es gibt Kapitel mit Überschriften zu Themengebieten, aber Richard David Precht schweift hier ganz gehörig ab, was dem ganzen die Konzentration und Übersichtlichkeit nimmt. Sicher hängt alles miteinander zusammen, aber dennoch war mir das zu wenig "auf den Punkt". Es ist dennoch empfehlenswert, an diesem Thema kommen wir nicht mehr vorbei.

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Veröffentlicht am 07.05.2021

Blick in die Vergangenheit

Die Geschichte von Kat und Easy
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Die Geschichte von Kat und Easy ist die Geschichte einer Jugendfreundschaft zwischen zwei Teenagermädchen und dem Wiedersehen nach 40 Jahren. Erzählerin ist Kat, die sich zurück erinnert an die Silvesterparty ...

Die Geschichte von Kat und Easy ist die Geschichte einer Jugendfreundschaft zwischen zwei Teenagermädchen und dem Wiedersehen nach 40 Jahren. Erzählerin ist Kat, die sich zurück erinnert an die Silvesterparty 1972/73 und das folgende Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen, in dessen Herbst letztendlich die Freundschaft zerbrach. Mittlerweile betreibt Kat einen Blog zur Lebensberatung unter dem Namen "Mockingbird" und muss sich plötzlich dem Verlauf ihres eigenen Lebens stellen, als ihr klar wird, wer ihr unter dem Namen "Ich-wills-wissen" schreibt und sie um Aufarbeitung ihrer Probleme bittet.

Ich mag den Aufbau der Geschichte. Die Kapitel wechseln zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, in beiden Zeitebenen bewegen wir uns chronologisch vorwärts. Die Vergangenheit kommt ohne wörtliche Rede aus, was ich grundsätzlich schon total gerne mag und hier als Kontrast war es sehr gelungen. Generell fällt die ungewohnte (Nicht-) Zeichensetzung auf, Grammatik wie betrunkene Gedanken, Satzbruchstücke, es liest sich dadurch, als wäre man in den frühen 70ern dabei, unterwegs mit Kat und Easy. Wunderbar sonderbar.

Der Verlauf der Handlung spitzt sich zu, immer mehr Details aus der Vergangenheit kommen zur Sprache, werden aufgedeckt. Das Buch bleibt bis zum Ende spannend ohne auf die Tränendrüse zu drücken oder gekünstelt zu dramatisieren. Es sind kleine und große Tragödien im Leben zweier Teenagermädchen. Das Buch wagt keinen Ausblick darauf, wie es weitergehen könnte, was letztendlich glaubhaft ist, die Geschichte von Kat und Easy endet nicht nach der letzten Seite.

Das Buch hat mir sehr gefallen, die Sprache und der Aufbau, die Spannung und, dass es mich an meine Jugend erinnert hat, die Gefühle, Sorgen, Gedanken sind erlebbar geschildert. Die Charaktere sind vielseitig und mit der erforderlichen Tiefe beschrieben, wenn auch keiner, wirklich kein einziger mir sympathisch war. Tut der Lesefreude jedoch keinen Abbruch, wirkt eher authentisch!
Einen Kritikpunkt habe ich jedoch, die Kifferei und die Normalität, mit der allerhand Drogen konsumiert werden. Schön und gut, 70er - Jahre. Aber Menschen im Alter meiner Eltern nehme ich das einfach nicht ab und die Geschichte hätte es nicht gebraucht, es dient eher der Verdrängung und lässt mich die ohnehin diffusen Gefühle der Protagonist*innen anzweifeln. Was ist echt und was nur aus einer Laune im Rausch.

Ein großartiges Buch darüber, dass man die Zeit nicht festhalten, dass Vergangenes nicht zurückgeholt werden kann. Dass Freundschaften manchmal Geheimnisse und Lügen beinhalten, dass man irgendwann zu alt wird, um jung zu sein. Kat und Easy müssen sich der Vergangenheit und der Gegenwart stellen und sich selbst. Dabei lernen sie, dass sie jetzt nicht mehr darüber urteilen können, wie sie als 16-jährige gehandelt haben, aber umgekehrt damals schon waren, wer sie heute sind.

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