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Veröffentlicht am 18.06.2020

Verflucht verworren und verdammt fad

Winters zerbrechlicher Fluch
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Das Wichtigste vorweg: vor dem Einfallsreichtum und dem Arbeitsaufwand, der in einem Werk wie diesem steckt, habe ich den allergrößten Respekt. Beides stelle ich nicht ansatzweise infrage. Ich bin mir ...

Das Wichtigste vorweg: vor dem Einfallsreichtum und dem Arbeitsaufwand, der in einem Werk wie diesem steckt, habe ich den allergrößten Respekt. Beides stelle ich nicht ansatzweise infrage. Ich bin mir sehr sicher, es hat die Autorin viel Zeit, Engagement und Herzblut gekostet, um „Winters zerbrechlicher Fluch“ zu vollenden und auf den Weg zu bringen. Ihrem Erstling der „Dreizehnten Fee“ bin ich damals mit Haut, Haar und Herz vollumfänglich verfallen. Ich habe gezittert, gelitten und geweint. Zum Schluss sind mir Herz und Augen schier übergelaufen. Dieses Buch hier ist komplett anders als die Fee und das nicht im positiven Sinne.
Mary von Athos als eine Hauptfigur bildet in allen Teilen einen krassen Gegensatz zur Fee. Das war für mich zunächst einmal überraschend und ziemlich schnell auch schwierig, denn ich liebe starke Frauenrollen. Natürlich muß dieser Charakter, nur weil alle anderen ihm nicht aufrichtig gegenübertreten, nicht zwangsläufig als Reaktion darauf durchtrieben und hinterhältig sein. Die Naivität von Mary wurde von mir also nicht von vornherein negativ besetzt. Genervt haben mich ihr Denken und ihr Verhalten in Extremen. Es hat einfach nicht zusammen gepasst. Eben noch über die Maßen tussig und prinzessinnenhaft, dann wieder völlig emotional beherrscht und roh im Verhalten sich selbst gegenüber. Solche Extreme im Denken und Handeln finden sich bei allen Figuren, weshalb ich einfach keinen Zugang zu ihnen finden konnte. Zu keiner einzigen. Stereotype will niemand, aber dieses „nicht Fisch, nicht Fleisch“ ist strapaziös. Ich möchte mir als Leser ein Bild von den Protagonisten machen können, das war hier überhaupt nicht möglich. Spannung konnten diese Gegensätze jedenfalls keine erzeugen, nur Verwirrung.
Ich liebe dunkle Märchen wirklich sehr und es darf auch gern mal ein bißchen rüder zugehen in Sprache und Taten, aber die manchmal sehr plötzlich auftauchenden Splatter- und Gemetzelbildchen (z. B. abgetrennte Pferdeköpfe auf Stadtmauern oder ein ausgeweideter weißer Wolf) wirkten ausnahmslos immer wüst hingeworfen und deplatziert. Mir hat sich wirklich jedes mal die Frage gestellt, was das jetzt an eben dieser Stelle zu suchen hat und was damit bezweckt wird. Ich bin nicht drauf gekommen. Außer das die Autorin auf Teufel-komm-raus bekannte Vorlagen einbinden wollte, ist die präsentierte Art und Weise nicht besonders gut gelungen. Es sei denn, sie hatte beabsichtigt, den Leser zu verstören. Das hat ganz gut funktioniert.
Ich habe Frau Adrians bei der Fee verwendeten reduzierten Stil und die kühlen Emotionen, klar wie Bergseen, sehr sehr sehr geliebt. Hier völlig anders und drüber: die Wortwahl. Der Versuch bildhafter Sprache ist meines Erachtens grundlegend in die Hose gegangen. Beispiel gefällig? „Bis zum Horizont zogen sich die Baumkronen – ein Meer aus Blut – einzig dort, wo der Silberfluss den Wald begrenzte, gruben sich schwarze Rauchsäulen wie Fahnen des Todes gen Firmament…“, ein Meer aus Blut? Es sind doch nur rote Blätter, um Himmelswillen! Fahnen des Todes? ja was sonst, meine Güte!!! Herzen drohen Brüste zu sprengen, Füße zu bersten, Wangen brennen vor Scham, Finger beben – jeder zweite Satz überladen mit Drama der schwülstigsten Art. Es wurde nicht gekleckert sondern geklotzt, in einem Maß, daß es - wenn auch nicht beabsichtigt - komisch wurde. Ich mußte oft schmunzeln, wenigstens das war möglich, aber völlig verfehlt.
Ebenso wenig zuträglich war es, als Leserin über wirklich alle Motive und Ziele der Handelnden im Unklaren gelassen zu werden. Nichts gegen Geheimnisse, Verschwörungen, Undurchsichtigkeiten. Wenn das aber ausnahmslos auf alle Charaktere zutrifft, dann wird es anstrengend. Die Kapitel sind kurz, es wird aus wechselnden Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen berichtet. Wenn Kapitel auf Kapitel folgt, in denen der Leser nur klitzekleinste Andeutungen präsentiert bekommt und wenigste Informationen erhält, sich Seite um Seite der Aufklärung willen durchkämpft, dann wird es irgendwann müßig, dem Inhalt zu folgen. So habe ich es empfunden: als angestrengtes Tasten durch sehr dichten, sich partout nicht lichten wollenden Nebel, Tappen auf unwegsamsten Pfaden. Ständig mußte ich mich fragen: wer ist das wirklich und was will derjenige tatsächlich? Irgendwann bin ich nicht mehr mitgekommen. Mit dieser ultimativen und über die Maßen anstrengenden Geheimniskrämerei hat die Autorin es sehr wirkungsvoll hinbekommen, die Verbindung zu mir als Leserin zu kappen. Hut ab vor denen, die sich weiter durchgekämpft haben. Mir waren es irgendwann zu viele lose Enden, die ich ab Seite 283 auch gar nicht mehr verknüpft haben wollte. Mir ist es mittlerweile schnurzpiepegal, was hinter all dem und in der Geschichte überhaupt steckt. Hier wurde zu viel gewollt und zu wenig gekonnt, verschwendetes Potenzial.
Vom Inhalt abgesehen: was definitiv vermeidbar gewesen wäre und was mich richtig zornig macht, sind die Rechtschreib- und Grammatikfehler. Da werden 19,90 Euro für eine extraordinär aufgerüschte PaperbackGesamtausgabe verlangt, mit wunderschön gestaltetem Inhalt, Schrift, Bildchen, Cover… alles tippitoppi und dann bekommt man´s in der heutigen Zeit mit allen gängigen Programmen UND eingebundenem Lektorat/Korrektorat nicht hin, solche Schnitzer zu vermeiden? Das ist beschämend!
Mich hat „Winters zerbrechlicher Fluch“ wenig angesprochen, gar nicht berührt, oft verwirrt, manchmal abgestoßen und vor allen Dingen: unendlich angeödet.
Gekämpft, geflucht, gelangweilt, geflohen!!!

Veröffentlicht am 01.06.2020

Auch kleine Krähen können lange, dunkle Schatten werfen

Nevernight - Die Rache
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Obwohl die Lektüre des zweiten Bandes nicht weit zurückliegt, hat mir in "Die Rache" die kurze Zusammenfassung der Charaktere und Ereignisse sehr gut gefallen. Knapp und präzise auf den Punkt gebracht ...

Obwohl die Lektüre des zweiten Bandes nicht weit zurückliegt, hat mir in "Die Rache" die kurze Zusammenfassung der Charaktere und Ereignisse sehr gut gefallen. Knapp und präzise auf den Punkt gebracht ist man umgehend wieder im itreyanischen Geschehen.
Besonders beeindruckt hat mich der Große Jon, der in bester SergeantHartman-Manier (FullMetalJacket) agiert. Anders als Hartman ist der Kleinmann aber am oberen Ende der Sympathieskala einzuordnen, da er die Mannschaft der Blutmaid nicht mobbt oder schikaniert, sondern sie motiviert und damit zu Höchstleistungen antreibt.
Ebenfalls zu Höchstleistungen bereit ist Mia. Rein gar nichts bremst ihre Energie. Sie weicht nach wie vor nicht zurück, außer vielleicht, um neuen Anlauf zu nehmen.
Ebenso verhält es sich mit der Erzählung selbst. Kurzen Verschnaufpausen folgen Höhepunkte, die sich stets steigern in Tempo und Dramatik. Es liest sich ein bißchen wie ein völlig entfesseltes Roadmovie. In Kapitel 29 ist mir jedenfalls fast das Herz herausgehüpft, wahr und sicher! Dona Mia grande!
Auch wenn man von Anfang an in Band 1 (und in 3 wiederholt) nicht im Unklaren darüber gelassen wird, wie die Geschichte endet, so lasst Euch gesagt sein, edle Freunde: Dieser ver***** W***** von einem Autor zögert schon gar nicht im letzten Band, euer kleines Leserherz mit einer Klinge aus Buchstaben zu filetieren, sodass das Tintenblut aus selbigem in Fontänen herausschießt. Er macht dies mehrfach und wiederholt. Erst sanft, dann hart, seid gewarnt! … und legt Taschentücher bereit.
Schlussendlich erlebt man dank Kristoff eine Geschichte, die soviel mehr ist als das; schön wie die Sterne und tief wie das Dunkel dazwischen.

Veröffentlicht am 27.05.2020

Zwei Menschlein steh´n im Walde…

Kaffee mit Käuzchen
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In „Kaffee mit Käuzchen“ finden zwei Städter den Weg in die Wildnis und zu einem Leben im forstlichen Idyll.
Das Buch befasst sich nicht allzu ausführlich mit den zahllosen Um-, Aus- und Anbaumaßnahmen ...

In „Kaffee mit Käuzchen“ finden zwei Städter den Weg in die Wildnis und zu einem Leben im forstlichen Idyll.
Das Buch befasst sich nicht allzu ausführlich mit den zahllosen Um-, Aus- und Anbaumaßnahmen des wäldlichen Domizils in Alleinlage. Manchmal hatte ich deshalb den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Zu vielen Aktivitäten hätte ich mir detailreichere Informationen gewünscht. Z. B. bezüglich des Brunnenbaus, der Dämmarbeiten, der Photovoltaik usw. oder mußte gar der Denkmalschutz mit einbezogen werden? Wenn man baut, tauchen unendlich viele Themen auf, mit denen man sich auseinandersetzen muß. Bei diesem Projekt und über einen Zeitraum von ca. 10 Jahren wäre das Buch dann aber wohl zu umfangreich geraten. Oder es hätte den ein oder anderen Leser vielleicht gelangweilt, wäre es mit mehr baulichen Informationen gefüllt gewesen. Trotzdem wäre ich gern bei einigen Themen intensiver abgeholt worden und habe mich an etlichen Stelle gewundert, ob ich nicht etwas überlesen habe. Manchmal waren mir die Sprünge einfach zu groß, zu viele Aktionen wurden nur sehr oberflächlich angerissen oder sind in einem Nebensatz fast gänzlich untergegangen.
Franziska Jebens berichtet hier vor allem über eine Reise: raus aus der Großstadt und hinein in ein Leben im Wald. Mit seinen ganz eigenen Ansprüchen und Anforderungen an die Menschen, die sich für diesen Weg entschieden haben. Dort wird man nicht von Verkehrsdichte oder Lärm gestresst, sondern von der Performance der Internetverbindung und einer nicht asphaltierten Straße. Außerdem ist es eine doppelte Liebesgeschichte: die zweier Menschen zueinander, die trotz vieler Widrigkeiten zusammenstehen und ebenso ihrer Liebe zur Natur. Denn sie haben sich gemeinsam dafür entschieden, ihre ihnen bekannte städtische Komfortzone zu verlassen, um eine andere zu finden, die besser zu ihnen, ihrem Wesen paßt und sie glücklich macht. Viel gewagt und viel gewonnen.
Franziska Jebens hat mir mit ihrem Erfahrungsbericht eine tolle Lesezeit beschert und ich kann ihr vieles nachempfinden. Dieses Buch liest sich hervorragend vor einem selbstmitgebauten Haus im selbstangelegten Garten und in Begleitung von Amselgesang :)

Veröffentlicht am 30.04.2020

Very british Benimmbuch

Debrett’s. Die feine englische Art von A-Z
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1769 verlegte John Debrett die erste Ausgabe des britischen Wegweisers für Etikette, Stil und Benehmen.
Mir ist das Original nicht bekannt, die neue Auflage von Klett-Cotta finde ich aber sehr gelungen.
Das ...

1769 verlegte John Debrett die erste Ausgabe des britischen Wegweisers für Etikette, Stil und Benehmen.
Mir ist das Original nicht bekannt, die neue Auflage von Klett-Cotta finde ich aber sehr gelungen.
Das äußere Erscheinungsbild kommt unaufgeregt und ohne brüllende Aufmachung daher. Die Farbgebung des Einbands ist schlicht: rot, blau und weiß. Eine UnionJack-Kombination: Weiße Schrift auf rotem Grund, umgeben von blauen Illustrationen. Die Abbildungen (Flugzeug, Schuhe, Teetasse, Geschenk etc.) lassen bereits erahnen, welche Themenfelder behandelt werden. Markant mit Understatement: das Werk präsentiert sich leinengebunden und mit praktischem Lesebändchen.
Ein Inhaltsverzeichnis gibt es nicht, die Benehmen-Themen sind den Buchstaben des Alphabets zugeordnet, der Anfangsbuchstabe hebt sich im Inneren durch blaues Papier hervor. Diese Art der Gliederung könnte auf den ersten Blick als nachteilig empfunden werden, stellt aber aufgrund des überschaubaren Umfangs allgemein und in Verbindung mit den recht kurzgehaltenen Texten im Besonderen kein unüberwindbares Problem dar. Den Lesefluss begünstigt diese Aufteilung, die Themen sind bunt gemischt und man wird der Abwechslung halber nicht gelangweilt. Die knappen Texte werden durch einen trockenen Humor und spaßige Beispiele gestützt. Man hat sofort sehr reale Bilder vor Augen.
Eine umfangreiche Auswahl verschiedenster Bereiche wird behandelt: die Wahl der Kleidung zu bestimmten Anlässen, Tischmanieren, das Verhalten im öffentlichen Raum, Gesprächsführung uvm. Die Bandbreite guten Benehmens für Mann, Frau, Kind jeder Altersklasse wird so kurz wie möglich und so nuanciert wie nötig abgearbeitet.
Für einen ersten Überblick zur Thematik finde ich dieses kleine, aber feine Buch sehr gelungen. Ein schönes Instrument für die Selbstreflexion, sofern diese heutzutage noch als zeitgemäß wahrgenommen wird oder überhaupt existent ist.

Veröffentlicht am 25.04.2020

Das grabesgrüne Geheimnis eines Sommers

Im Wald
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Mein erster Krimi von Nele Neuhaus "Eine unbeliebte Frau" konnte mich damals nicht überzeugen und ich reagierte entsprechend skeptisch, als mir "Im Wald" von einer Kollegin geschenkt wurde. Das Buch lag ...

Mein erster Krimi von Nele Neuhaus "Eine unbeliebte Frau" konnte mich damals nicht überzeugen und ich reagierte entsprechend skeptisch, als mir "Im Wald" von einer Kollegin geschenkt wurde. Das Buch lag erstmal ein halbes Jahr in der Schublade, bis ich es mir vorgenommen habe und dann flogen die Seiten nur so dahin.
Zu vielen Krimis finde ich keinen Zugang, bin schnell angeödet von den Figuren, Dialogen, Aktionen. Das Genre hat mich irgendwann so gelangweilt, daß ich mittlerweile nur noch wenig davon lese. Hier war es ganz anders, der Draht war sofort da. Einem ganzen Dorf inklusive seinen Bewohnern wurde Leben eingehaucht. Die Emotionen wurden durch wechselnde Perspektiven sehr gut transportiert und die gesponnene Geschichte hat mich mitfühlend erschrecken lassen, mir stellenweise die Tränen in die Augen getrieben und mein Herz bluten lassen.
Möglicherweise habe ich mich deshalb so gut einfinden können, weil ich in einem Ort mit knapp 500 Einwohnern aufgewachsen bin. Ich kenne das, was Frau Neuhaus beschreibt: die Sommer in der Kindheit, in denen man sich völlig ungezwungen, einfach frei bewegen konnte; im Ort, durch Felder und Wälder. Wir sind auf Bäume geklettert, haben Bäche gestaut und an Seen gespielt. Auch ich hatte spezielle Orte: geheime Verstecke und Treffpunkte.
Mit zunehmendem Alter veränderte sich der Blick auf die einstigen Spielkameraden und Bewohner. Man erfuhr Dinge vom Hörensagen, durch Dorfklatsch, bekam selber einiges mit, beurteilte Gesehenes und Gehörtes mit zunehmender Reife anders wie in jüngeren Jahren. Es gibt diese fast unausgesprochenen Wahrheiten, Tabus nicht unähnlich, über die mal mehr mal weniger offensiv, massiv, intensiv geredet wird. Im Laufe der Zeit bleibt wenig verborgen und irgendwann kommt wohl alles in einer kleinen Gemeinschaft an´s Licht (den Vereinen und dem Einfluss von Alkohol sei Dank!). Ich konnte von Bodenstein´s Situation und Empfindungen deshalb wunderbar nachvollziehen.
Man kann diesen Neuhaus-Krimi sehr gut lesen, auch wenn man seine Vorgänger in der Reihe nicht kennt. Die Autorin schafft es hervorragend, die Leserin in allen relevanten Eckpunkten abzuholen, ohne auszuschweifen oder zu langweilen. Das ist nur ein Aspekt, aber ich finde, eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit und ihr ist damit ein echtes Kunststückchen gelungen.
Ab ca. der 150sten Seite war ich sehr dankbar für das Personenregister, denn es taucht eine Vielzahl an Charakteren auf und ich habe immer mal wieder den Grad der Verwandtschaft oder den Beruf nachgeschlagen.
Auch sehr gut gefallen haben mir der Witz und das hessische Gebabbel.
Alles in allem ein tolles Krimikonstrukt wie ich es mir wünsche und ein Buch, das ich selber auch verschenken würde.