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KaraMelli

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2020

Perfekte Unvollkommenheit

Emma
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Austen zu lesen ist für mich wie schwimmen in einem See; an einem brütend heißen Tag in kühles, klares Wasser steigen und sich treiben zu lassen.
Man ist augenblicklich umhüllt von der Materie, gleitet ...

Austen zu lesen ist für mich wie schwimmen in einem See; an einem brütend heißen Tag in kühles, klares Wasser steigen und sich treiben zu lassen.
Man ist augenblicklich umhüllt von der Materie, gleitet völlig mühelos von Satz zu Satz, wird getragen von dieser unglaublichen Sprache und fühlt sich ganz leicht und wohl. Der pure Genuss!
Die Autorin mutmaßte zu ihrer Zeit, sie sei die Einzige, die ihre Hauptfigur mögen würde. Heute wären wir mindestens zu zweit.
Mir gefällt an Emma besonders gut, daß sie kein ätherisches Überwesen ist. Sie hat Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen und schneiden kann. Mit ihren besten Absichten pflastert sie zugleich den Weg zur Hölle. Sie macht Fehler, besitzt aber die Gabe der Reflexion und ist ehrlich um Wiedergutmachung bemüht.
Austens Talent ist es geschuldet, daß keine einzige ihrer Figuren abstrakt erscheint, sondern sie in ihren Stärken und Schwächen, Gedanken und Taten so außergewöhnlich lebendig wirken, wie Wesen aus Fleisch und Blut.
Darüber hinaus existiert wohl keine einzige noch so schwer zu greifende Gefühlslage, die nicht von ihr in Worte gefasst werden könnte.
Der Umgang ihrer Figuren, der Menschen unter- und miteinander ist dabei so reizvoll und durchweg spannend, daß ich niemals genug davon bekommen kann – nicht als Buch und auch nicht als Film.
Completely lost in Austen!

Veröffentlicht am 28.03.2020

Wie ein Unfall: schlimm, aber passiert...

Wie eine Welle im Sand
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Das Buch "Wie eine Welle im Sand" habe ich bei einer Verlosung (von der Resterampe?) gewonnen und es schien mir als Kontrastlektüre zunächst bestens geeignet. Nach Band zwei einer Trilogie eines sehr gehypten ...

Das Buch "Wie eine Welle im Sand" habe ich bei einer Verlosung (von der Resterampe?) gewonnen und es schien mir als Kontrastlektüre zunächst bestens geeignet. Nach Band zwei einer Trilogie eines sehr gehypten Autors wollte ich kurz pausieren und mich gedanklich mal mit anderen Inhalten beschäftigen. Eine Art Auszeit von dem, was zum Lesealltag geworden war...
Optisch erfüllte das Taschenbuch von Frau Werner den Anspruch an mein geplantes Vorhaben. Das Cover brachte ich sofort mit samtig weichen Urlaubsnächten in warmen Gefilden in Verbindung. Dem Klappentext nach hätte ich selbst es nicht gewählt, weil es sich für mich zu sehr nach Schmerzi-Brechi-Herz-Twen-Geschichte anhörte. Trotzdem las ich los, denn erfahrungsgemäß kann man sich positiv überraschen lassen, lässt man sich auf etwas ein. Das war hier nicht der Fall.
Es wird aus der Perspektive von Pauline und Leander erzählt und selten waren mir Protagonisten dermaßen unsympathisch. Da halfen auch nicht die atmosphärisch erzeugten Landschaftsbilder.
Bis Seite 75 war´s noch einigermaßen okay, ab da ging´s steil bergab. Und bergab wurde gerannt! Zehn Seiten später war klar: das wird nix.
Pauline, selbstbezogen, überheblich, biestig, war mit ihrer kindischen Vivienne-Nummer sehr schräg. Getoppt wurde sie noch von ihrem "männlichen" Gegenpart Leander. Typen im fortgeschrittenen Alter, die bei ihren Eltern unterkriechen und nicht mal in der Lage sind, selbst für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, sind einfach abtörnend. In Verbindung mit einem Verhalten, das einem unreifen Pennäler entspricht, der seinen überschießenden Hormonen hilflos ausgeliefert ist, wird es dann auch noch abstoßend. Ein endätzendes Paar, das, wenn ich es mir recht überlege, doch sehr gut zusammenpasst.
Für den Rest der Story mochte ich jedenfalls keine Zeit und Geduld mehr aufbringen. Das Teil kommt sowohl auf meine "Not hot: Schrott!"-Liste wie auch auf den Grabbeltisch der Freiexemplare unserer örtlichen Bücherei. Vielleicht findet sich jemand, der Spaß an so etwas hat.

Veröffentlicht am 26.03.2020

panem et circenses

Nevernight - Das Spiel
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Vorweg etwas, was ich unbewußt wahrnehme, für mich sonst aber eher eine untergeordnete Rolle spielt: Haptik. Hierbei ist es mir aber immer wieder positiv aufgefallen. Jedes mal auf´s neue diese geschmeidige ...

Vorweg etwas, was ich unbewußt wahrnehme, für mich sonst aber eher eine untergeordnete Rolle spielt: Haptik. Hierbei ist es mir aber immer wieder positiv aufgefallen. Jedes mal auf´s neue diese geschmeidige Griffigkeit, ein wahrer Handschmeichler, den man nicht weglegen mag. Vom Inhalt konnte ich mich ebenso schwer trennen. Aktuell konfrontiert mit der Bedeutsamkeit des Wortes "exponentiell", beschreibt dieses Adjektiv bestens die Lebhaftigkeit der Erzählung. Lebendig ist sie von Beginn, nimmt aber zunehmend temporeich Fahrt auf.
"Das Spiel" startet mit einem kurzen Abriss der Figuren und Zusammenhänge des Vorgängerbandes. Anfangs arbeitet der Autor mit Rückblenden und allein der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenem erzeugt schon eine fesselnde Grundspannung.
Ziemlich schnell ist man auch mittendrin im Gemetzel. Sonst gar nicht meins, mochte ich Mia trotz der schrecklichen Szenen nicht von der Seite weichen. Das ist exakt das, was mich auch am zweiten Band wieder völlig geschlaucht hat: ungeachtet drohender Apokalypsen an der Seite der Protagonistin durch- und auszuhalten. Währenddessen hatte ich wiederholt den Eindruck, daß ein klein wenig von ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit auf mich abfärbte.
Was ich wirklich mochte und für schriftstellerische Geniestreiche des Autors halte, ist seine Gabe, mit wenigen Worten traditionelle, konservative Vorstellungen zu pulverisieren. Stereotype Rollenbilder stampft er - wahrscheinlich mit einem breiten Grinsen im Gesicht - in Grund und Boden. Man wird während des Lesens den Eindruck nicht los, daß er an den für den Leser unvorhersehbarsten Wendungen die größte Freude hat. Bei keinem anderen Buch habe ich so oft so ungläubig/überrascht/geschockt/fasziniert aufgestöhnt.
Zum Ende hin wurde es mir dann aber doch zu viel mit der ausufernden Brutalität. Nachdem ich gefühlt mindestens kniehoch durch Blut und Dreck gewatet bin, werde ich mir zunächst eine Pause mit Kontrastlektüre gönnen bevor ich mit dem letzten Band anfange und mein Herz ab Seite eins wieder losrast.
Trotz eskalierender Gewalt exzessives Seiteninhalieren!

Veröffentlicht am 02.03.2020

Blut, Schweiß und Tränen

Nevernight - Die Prüfung
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Bücher mit vielen guten Bewertungen wecken meine Neugier und gleichzeitig mein Misstrauen. Nicht selten lösen viel gepriesene Werke bei mir gegenteilige Reaktionen aus. Da mich auch die Leseprobe nicht ...

Bücher mit vielen guten Bewertungen wecken meine Neugier und gleichzeitig mein Misstrauen. Nicht selten lösen viel gepriesene Werke bei mir gegenteilige Reaktionen aus. Da mich auch die Leseprobe nicht übermäßig packen konnte, blätterte ich in angespannter Skepsis von Seite zu Seite. Die Anspannung blieb, wurde wider Erwarten noch gesteigert, aber im besten Sinne.
Man wird mitten in diese gleißende Stadt unter den drei Sonnen geworfen, findet sich aber erstaunlich schnell zurecht. Die Beschreibungen der Welt und ihrer Charaktere sind nicht zu vage, lassen der eigenen Vorstellungskraft aber ausreichend Spielraum. Ich habe lange nicht Orte und Figuren so klar gezeichnet vor meinem inneren Auge gesehen. Mir hat der Facettenreichtum beider sehr gut gefallen. Der Band strotzt nur so vor Ideen. Bei aller Vielfalt und unermesslichem Einfallsreichtum waren Stimmigkeit und Nachvollziehbarkeit immer gegeben. Den Begriff der Dunkelinn mit ihren (noch) unergründeten Geheimnissen habe ich sehr gemocht. Staatsformen (Könige, Diktatorendreigestirn) und Religionen/Weltanschauungen, sonst eher trockene, langweilige Themen für mich, wurden hier sehr spannend präsentiert. Unter anderem auch durch die Fußnoten, die sich erfreulicherweise nicht am Ende des Buches befanden und mich inhaltlich wie auch von ihrem Umfang begeisterten. Sie haben dem Ganzen noch mehr Tiefe verliehen und Wesen/Denke der Geschichte/des Autors kommen in diesen Lesesnacks besonders gut zur Geltung. Oft saulustig, aber nicht nur der Humor war erstklassig sondern auch das stilistische und sprachliche Geschick des Verfassers. Die sich anfangs wiederholenden, identischen Absätze, die zwei völlig verschiedene Situationen beschreiben, fand ich außergewöhnlich gut. Dieses verwendete Mittel hat mich hypnotisch gefesselt. Es schlug eine perfekte Brücke von Vergangenem zu Gegenwärtigem. Zwei zeitliche Ebenen zu verwenden war unabdingbar. Nur so konnte man Mia reifen sehen und verstehen. Der Kaltherzigkeit und der Brutalität setzt sie (manchmal) ihr Mitgefühl entgegen. Dieses Mädchen ist hart und geschliffen. Dieses Stilett, das Mias ist :) (habe ich erwähnt, daß ich Herrn Freundlich mit Haut, Haar und Herz verfallen bin?)
0) Nicht so sehr die Gemetzel, aber die Grausamkeit, die sich in der Geschichte immer wieder offenbart, hat mich stellenweise zerrüttet (z. B. die erste Stunde Wahrheit, der Maskenball, Blauer Morgen usw.). Abgemildert aber immer wieder durch extrem komische Szenen, die sich oft aus dem Sprachgeschick des Autors ergaben (z. B. "Adonais Lächeln fiel von seinem Gesicht wie Winterlaub vom Baum"; mit zusätzlich unterschwelliger Bedrohung :). Der Sprachvirtuosität stand der ein oder andere Grammatikfehler entgegen. Und die törnen mich, wenn sie auftauchen, ausnahmslos immer und in jedem Buch ab.
Bei "Nevernight" macht die ausgewogene Mischung der Komponenten den Erfolg aus. Gefüllt mit emotionalen Berg- und Talfahrten, die ich unter anderem den wirklich unerwarteten Wendungen zuschreibe und die allem eine rasante Dynamik verleihen, hat mich "Die Prüfung" völlig verschwitzt, mit geschundenem Herzen und tiefster Zuneigung zu einer reflektierenden Heldin zurückgelassen. Ich liebe die Bleiche Tochter und ihre Welt. Dieses Werk hinterlässt seine Spuren!

Veröffentlicht am 16.02.2020

Sterben, Tod und Gänseblümchen

Leben bis zuletzt
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Irgendwann 2018 habe ich in der ARD Mediathek einen Beitrag über chronische Schmerzen gesehen. Prof. Gottschling war als Gast geladen und hat u. a. Fragen zum Thema der Sendung beantwortet.
Seine Sicht ...

Irgendwann 2018 habe ich in der ARD Mediathek einen Beitrag über chronische Schmerzen gesehen. Prof. Gottschling war als Gast geladen und hat u. a. Fragen zum Thema der Sendung beantwortet.
Seine Sicht hat mir damals ebenso gefallen wie seine souveräne und uneitle Herangehensweise. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar, daß es auch SOLCHE Ärzte geben kann.
(Diese Tatsache und seine Ausführungen haben mich damals übrigens dazu gebracht, wieder Anlauf zu nehmen. Er hatte mir den Impuls geliefert, nicht weiter Ibus zu nehmen. Mich angespornt, meine PraxenOdyssee fortzusetzen und nach laaaaaanger Zeit endlich eine Diagnose zu bekommen.)
Gottschling war mir also schon durch die Sendung bekannt. Als Autor in "Leben bis zuletzt" berichtet er von „der anderen Seite“: von der Seite der Wissenden. Er versucht mit diesem Buch, Laien wie mir Krankheit, Sterben, Tod und das Drumherum näher zu bringen.
Für mich stellen diese Punkte keine Tabus dar. Ich gehöre damit wohl zu den „Planern“, besitze eine Patientenverfügung, habe mich also mit der Materie bereits auseinandergesetzt. Das Ebook hat trotzdem meine Neugier geweckt. Die Möglichkeit, mich nochmal in aller Ruhe und ohne Dringlichkeit mit diesen Dingen zu befassen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Gottschling schildert u. a. Sterbeprozesse, informiert über den Stand der Palliativmedizin, verwendete Medikamente und ihre Darreichungsformen und bezieht Stellung zu ethischen Fragen.
Mir hat er z. B. durch seine Darstellungen einen differenzierteren Blick auf die Sterbehilfe ermöglicht. Auch meine gefasste Meinung zu Lebenszeit und –qualität hat sich durch seine Berichte gewandelt.
Sein Buch war im Ganzen hilfreich, von der ersten bis zur letzten Seite. Es hat mich sehr dabei unterstützt, Situationen und Umstände, die ich vorher aus Angst und Unwissenheit heraus anders bewertet habe, neu zu durchdenken.
Aus jedem Kapitel ist zu lesen, welches Engagement und wieviel Herzblut Gottschling in seine Arbeit steckt.
Man kann es sich nur wünschen und hoffen: Möge die Macht eines Palliativmediziners wie Gottschling mit jedem Sterbenden sein.