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Veröffentlicht am 09.01.2021

Etwas unausgewogene Tour durch Europas Vergangenheit und Gegenwart

Das europäische Geschichtsbuch
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Die Idee hinter diesem Werk ist interessant: Es wurde von 15 Historikern aus 13 europäischen Ländern gemeinsam verfasst. Dass nicht ausgewiesen ist, wer welchen Abschnitt geschrieben hat, lässt wohl auf ...

Die Idee hinter diesem Werk ist interessant: Es wurde von 15 Historikern aus 13 europäischen Ländern gemeinsam verfasst. Dass nicht ausgewiesen ist, wer welchen Abschnitt geschrieben hat, lässt wohl auf ein echtes Gemeinschaftswerk schließen. Auffällig ist jedoch, dass fast alle Autoren Männer sind.
Der Bericht beginnt in grauer Vorzeit mit der ersten Besiedelung Europas und folgt dem Lauf der Geschichte bis hin zum Brexit. Auch die Entwicklungen und Herausforderungen der letzten Jahre nehmen dabei einigen Raum ein.

Obwohl die Autoren offensichtlich um Ausgewogenheit bemüht sind und auch Zeiten und Länder ausführlicher behandelt werden, die sonst nicht so im Fokus populärer Geschichtsbücher stehen (beispielsweise Byzanz oder manche osteuropäischen Länder), bewegt er sich weitgehend doch entlang der üblichen Pfade. Die Gebiete des heutigen Frankreich, England, Deutschland, Italien und bisweilen auch die Iberische Halbinsel und Russland werden häufig besucht, auf andere Gegenden nur kurze Blicke geworfen.
Immerhin werden dabei vielfältige Themen angesprochen. Neben Herrschern, Kriegen und Machtkämpfen finden auch immer wieder Kunst und Kultur und gelegentlich auch der Alltag der einfachen Menschen Erwähnung.
Einige Aussagen finden sich jedoch wiederholt an verschiedenen Stellen und es dürften sich ein paar Fehler oder zumindest Ungenauigkeiten eingeschlichen haben.
Außerdem müssen die Ausführungen aufgrund des langen Zeitraums und des begrenzten Platzes natürlich oberflächlich bleiben.

Der Stil ist ganz angenehm und leicht lesbar. Viele Bilder und Grafiken lockern die Sache auf. Gefallen haben mir vor allem die relativ zahlreichen und gut gestalteten historischen Landkarten, durch welche die Inhalte veranschaulicht werden.
Letztlich wird aber doch nur eine Information an die andere gereiht, sowas wie „Spannung“ kommt nicht auf. Mit der Zeit wird die Lektüre daher etwas eintönig.

Was ich ebenfalls störend fand, ist die übertrieben zur Schau gestellte Begeisterung für die Europäische Union bzw die tendenzielle Gleichsetzung „Europa = EU“. Zwar ist dies bis zu einem gewissen Grad verständlich. Die Grundhaltung „Alles was zu mehr Vereinheitlichung führt ist gut, und jeder, der dagegen ist, ist böse“ – vergleiche beispielsweise auf Seite 428: „Die vornehme gemeinsame Verpflichtung zur friedlichen Neuordnung Europas und egoistische nationale Sonderinteressen ...“ – wird aber doch zu penetrant vertreten.

Fazit: Vor allem für Einsteiger in die Materie kann ich dieses reich bebilderte Buch durchaus empfehlen. Es bietet einen interessanten Überblick und kann vielleicht auch dazu anregen, das eine oder andere Thema weiter zu vertiefen. Etwas mehr Ausgewogenheit und Objektivität hätten ihm aber gutgetan.

Veröffentlicht am 09.01.2021

Amüsanter Roman mit außergewöhnlichem Personal

Dunkelsprung
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Leonie Swann hat sich diesmal eine wahrlich zauberhafte Geschichte ausgedacht voll von fabelhaften Figuren und magischen Elementen:
Julius Birdwell ist stolz darauf, den einzigen freien Flohzirkus der ...

Leonie Swann hat sich diesmal eine wahrlich zauberhafte Geschichte ausgedacht voll von fabelhaften Figuren und magischen Elementen:
Julius Birdwell ist stolz darauf, den einzigen freien Flohzirkus der westlichen Welt zu betreiben. Sein Leben gerät aus den Fugen, als er erst seine Flöhe verloren glaubt und sich dann unversehens dazu verpflichtet fühlt, eine Nixe zu retten.
Auch der Privatdetektiv Frank Green wird in die Sache involviert, als er in dem seltsamen Fall einer alten Dame ermitteln soll, die mitsamt einem Lastwagen verschwunden ist.
Birdwell und Green erleben allerlei Abenteuer und begegnen zahlreichen bemerkenswerten Wesen, weshalb die nächsten Tage ihr ganzes Weltbild auf den Kopf stellen.

Von all dem wird in einem flotten und lebendigen Stil erzählt. Es blitzt auch immer wieder einiger Humor auf, sodass sich die Lektüre sehr amüsant gestaltet.
Manche Geschehnisse sind zwar auch in sich unlogisch, es wird aber immerhin einige Spannung aufgebaut; Schauplatzwechsel und unerwartete Wendungen sorgen für Abwechslung.
Der Roman besticht jedoch ohnehin vor allem durch all die ganz und gar außergewöhnlichen Gestalten, die hier auftreten – von kleinen, jedoch umso pfiffigeren Flöhen bis zu einem hilfsbereiten Labyrinth, von einer Schneckenfrau zu einer Dame mit Hörnern. Auch Julius Birdwell und Frank Green sind interessante Protagonisten, gerade, weil sie mehr Schwächen als Stärken haben und teilweise von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt werden.
Es macht Spaß, sie bei ihren Erlebnissen zu belgeiten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.01.2021

Einblicke in eine faszinierende Wissenschaft

Sprachprofiling – Grundlagen und Fallanalysen zur Forensischen Linguistik
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Können aus einem (anonymen) Text Eigenschaften seines Verfassers abgeleitet werden? Gibt es gar so etwas wie einen Individualstil, der einem Schreiber relativ unveränderlich anhaftet? Und wenn ja, welches ...

Können aus einem (anonymen) Text Eigenschaften seines Verfassers abgeleitet werden? Gibt es gar so etwas wie einen Individualstil, der einem Schreiber relativ unveränderlich anhaftet? Und wenn ja, welches ist die beste Vorgehensweise, um beispielsweise den Autor eines Drohbriefs aus einer Reihe von Verdächtigen herauszufiltern?
Derartige Fragen sind ebenso interessant wie umstritten. Nichtsdestotrotz konnte das darauf aufbauende Sprachprofiling bereits beeindruckende Erfolge erzielen, sieht sich aber auch immer wieder Kritik ausgesetzt.

Raimund Drommel gibt hier Einblicke in dieses Fachgebiet. Am Anfang, auf den ersten ca 120 Seiten, widmet er sich jedoch zunächst der Vergangenheit, lässt ältere Kontroversen wiederaufleben, indem er teilweise über 30 Jahre alte Artikel nachdruckt, die oftmals inhaltlich nicht sonderlich fundiert, dafür umso polemischer sind und öfters auch ein etwas übersteigertes Selbstbewusstsein des Autors erahnen lassen.
Letzteres scheint auch im Rest des Buches regelmäßig durch, Drommel wirkt sehr überzeugt davon, zumindest im deutschsprachigen Raum der einzige ernstzunehmende Experte auf seinem Gebiet zu sein, und kann sich gelegentliche Seitenhebe auf „Kollegen“ nicht verkneifen. (Vor allem gegenüber Mathematikern dürfte er eine gewisse Abneigung hegen.)
Dennoch ist sein Beharren auf Professionalität und Unparteilichkeit sowie auf der Einhaltung gewisser Standards sicher sinnvoll und wichtig, weswegen ich auch über etwas unsachliche Aussagen leichter hinwegsehen kann.

Von einigen Schwächen abgesehen sind seine Ausführungen dann auch hochinteressant und decken ein breites Spektrum spannender Themen ab. Nach einer eher theoretischen Einführung in Herangehensweisen und Methoden von Sprachprofilern sorgen zahlreiche praktische Anwendungsbeispiele für Anschaulichkeit und zeigen gleichzeitig, wie vielfältig der Aufgabenbereich sein kann – von „simplen“ Nachbarschaftsstreitigkeiten bis zu Fällen von Schwerkriminalität.
Es ist faszinierend, was aus scheinbar nebensächlichen Wörtern oder kleinen Unterschieden in der Schreibweise so alles abgeleitet werden kann.

Alles in allem ist dieses Buch also sehr informativ und regt auch zum Nachdenken an. Eine gewisse Bereitschaft, sich mit ein paar linguistischen Fachbegriffen auseinander zu setzen, ist zwar schon nötig, großteils ist es aber allgemein verständlich geschrieben.
Ich kann es allen empfehlen, die sich für Sprache, Psychologie und/oder Kriminalistik begeistern.

Veröffentlicht am 09.01.2021

Neuer Blick auf den Ursprung des Lebens

Das Geheimnis um die erste Zelle
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Die Beantwortung der Frage, wie und wo das Leben entstanden ist, gehört wohl zu den faszinierendsten, aber auch umstrittensten Herausforderungen der modernen Wissenschaft.
Ulrich Schreiber stellt hier ...

Die Beantwortung der Frage, wie und wo das Leben entstanden ist, gehört wohl zu den faszinierendsten, aber auch umstrittensten Herausforderungen der modernen Wissenschaft.
Ulrich Schreiber stellt hier die dazu von ihm –gemeinsam mit einer Forschergruppe der Uni Essen - entwickelte Theorie vor.
Zunächst umreißt er kurz, wie das Leben heute funktioniert und verdeutlicht dabei vor allem, wieso es so schwer ist, seine Anfänge zu erklären (Stichwort Henne-Ei-Problem). Nach einem Überblick über bisherige Ursprungstheorien samt Diskussion ihrer Stärken und Schwächen ist dann der Boden bereitet für die Präsentation des von ihm entworfenen Szenarios. Demnach passierten die wesentlichen Schritte auf dem Weg zu unserem universellen Vorfahren in tiefen Spalten der kontinentalen Kruste und somit in einer Umgebung, die bisher in diesem Zusammenhang selten bedacht wurde.
Der Autor stellt die verschiedenen Phasen vor, in welche die Entwicklung seiner Hypothese nach unterteilt werden kann. Er behandelt sie allerdings nicht in der richtigen zeitlichen Reihenfolge, sodass es zumindest mir schwerfiel, den Überblick über die postulierten Abläufe zu behalten.
Darüber hinaus erläutert er, wie manche Aspekte dieser Entwicklung bereits experimentell nachgewiesen werden konnten, und in welche Richtung die weitere Forschung gehen könnte.

Wie „korrekt“ die hier präsentierte Theorie ist, kann ich nicht beurteilen, sie scheint aber zumindest einige Probleme lösen zu können.
Die Ausführungen sind spannend und der Autor bewahrt die richtige Mischung aus Begeisterung für seine Idee und wissenschaftlicher Objektivität.
Außerdem ist die Sprache nicht unnötig kompliziert und viele farbige Abbildungen tragen zur Anschaulichkeit bei.
Diese Lektüre eignet sich daher auch für interessierte Laien. Gewisse Vorkenntnisse in Biologie, Chemie und Physik sind aber doch hilfreich. Obwohl ich schon einiges über diese Themen gelesen habe, hätte ich ein Glossar nützlich gefunden, um den einen oder anderen Fachbegriff noch mal nachschlagen zu können.

Fazit: Dieses Buch bietet eine fundierte Auseinandersetzung mit einer Frage, über die sicher jeder schon mal nachgedacht hat. Wer den eher trockenen, wissenschaftlichen Stil nicht scheut, wird hier anregende Gedanken finden.

Veröffentlicht am 09.01.2021

Konflikte und Dramen im Münsterland

Rauchland
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Heinrich Tenbrink und Maik Bertram lösen hier bereits ihren vierten Fall – und dass, obwohl Tenbrink inzwischen im vorzeitigen Ruhestand ist. Dennoch schaltet er sich in die Untersuchung eines mysteriösen ...

Heinrich Tenbrink und Maik Bertram lösen hier bereits ihren vierten Fall – und dass, obwohl Tenbrink inzwischen im vorzeitigen Ruhestand ist. Dennoch schaltet er sich in die Untersuchung eines mysteriösen Mordes mit anschließender Brandstiftung ein, erst recht, da ein „alter Bekannter“ in die Sache involviert ist.
Bei dem Opfer handelte es sich um einen schwierigen Menschen, der mit vielen Leuten aus Familie und Nachbarschaft Streit hatte, sodass es zahleiche Spuren gibt, die verfolgt werden müssen.
Außerdem kommt es auch im Privatleben von Tenbrink und Bertram zu einigen Turbulenzen.

Wieder ist der Roman im Münsterland angesiedelt, nahe der Grenze zu Holland.
Das Zusammenleben und die Beziehungsgeflechte in einem kleinen Dorf werden anschaulich und lebendig beschrieben und es treten eine Reihe interessanter, teilweise auch skurriler Personen auf.
Außerdem wird einige Spannung aufgebaut, die nach und nach aufkommenden Hinweise laden zum Miträtseln ein. Die Ermittlungsarbeit erfolgt auf die „traditionelle“ Weise mit Befragungen und „Herumstöbern“ ohne großen Einsatz von Technik.
Gegen Ende wird es dann allerdings übertrieben dramatisch und die Auflösung wirkt teilweise etwas an den Haaren herbeigezogen.

Insgesamt hat mich dieser Krimi dennoch wieder gut unterhalten. Ich freue mich schon auf den nächsten Ausflug ins Münsterland!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere