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Veröffentlicht am 09.05.2020

Österreichischer Charme und ein unvergesslicher Urgroßvater

Fünf Tage im Mai
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Auf eine unaufgeregte, sprachlich überzeugende Art erzählt Elisabeth Hager in diesem Roman vom Aufwachsen und Leben in Tirol, von der ersten Liebe, Schuld, Heimat und der tiefen Verbindung zu einem ganz ...

Auf eine unaufgeregte, sprachlich überzeugende Art erzählt Elisabeth Hager in diesem Roman vom Aufwachsen und Leben in Tirol, von der ersten Liebe, Schuld, Heimat und der tiefen Verbindung zu einem ganz besonderen Urgroßvater.
Die Autorin schafft es dabei, den österreichischen Schauplatz wirklich zum Leben zu erwecken - ich war zum Beispiel das erste Mal bei einer Erstkommunion und konnte mich an der einen oder anderen österreichischen Ausdrucksweise erfreuen. Ganz besonders gemocht habe ich den Dialekt des alten Tat'ka. Was sein regelmäßig ausgerufenes "Freitei Freitei" eigentlich genau bedeutet (oder wie man es schreibt), weiß ich zwar immer noch nicht, aber ich habe es geliebt! Fans der österreichischen (Aus-)Sprache sei an dieser Stelle das von der Autorin selbst gelesene Hörbuch empfohlen.

Dennoch muss ich sagen, dass ich an den Stellen, die eigentlich sehr bewegend waren, emotional etwas distanziert geblieben bin. Das Erzählte fand ich zwar ganz schön und oft gut formuliert, aber es hat mich nicht überwältigt. Ob meine sich in Grenzen haltende Betroffenheit etwas mit meiner mangelnden Identifikation mit Ort und Sprache zu tun hat, mit der Art der Lesung oder doch an dem Erzählten selbst lag, kann ich nicht genau sagen. Vor allem manche Anekdote aus dem Leben von Illy, in dem ihr Urgroßvater natürlich nicht immer und überall präsent war, fand ich irgendwie banal, zwischendurch ertappte ich mich dabei, dass ich endlich mal wieder zu Tat'ka wollte, denn das waren für mich die stärksten und liebevollsten Szenen des Romans. Ein bisschen mehr davon und ein bisschen weniger Coming-of-Age von Illy und dann hätte mich das Ende vielleicht auch emotional mehr gekriegt... So war es insgesamt eine nette Geschichte, die ich mir gern von der Autorin vorlesen lassen habe.

Fazit:
Wenn man dialektal geprägte "Heimatromane" und liebevoll charakterisierte ältere Protagonisten mag, lohnt es sich, sich "Fünf Tage im Mai" mal genauer anzuschauen. Mir hat's - auch, wenn es mich emotional nicht umgehauen hat - ganz gut gefallen.

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Veröffentlicht am 06.05.2020

Ob es an der ägyptischen Zensur liegt, dass der Roman so kryptisch und unbefriedigend bleibt?

Das Tor
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Das Beste gleich vorweg: „Das Tor“ ist von der ägyptischen Menschenrechtlerin Basma Abdel Aziz geschrieben worden und regt zur Beschäftigung mit dem arabischen Frühling im Allgemeinen sowie der Politik ...

Das Beste gleich vorweg: „Das Tor“ ist von der ägyptischen Menschenrechtlerin Basma Abdel Aziz geschrieben worden und regt zur Beschäftigung mit dem arabischen Frühling im Allgemeinen sowie der Politik und jüngsten Geschichte Ägyptens im Speziellen an. Und allein dafür, dass das Werk einer arabischen, mit der Zensur ihres Landes kämpfenden Autorin – wenn es denn schon mal ins Deutsche übersetzt wird – auch zahlreich gelesen wird, würde ich es hier gern bewerben. Aber: Weder sprachlich noch inhaltlich konnte es mich besonders überzeugen.

Dass man hier vor allem im Mikrokosmos „Warteschlange“ (wie aus dem Originaltitel bereits ersichtlich) unterwegs ist, ist an sich schon erwähnenswert, denn manch einem könnte das zu handlungsarm sein. Ich hatte mich ehrlich gesagt eher darauf gefreut, bietet diese Konzentration auf einen Handlungsort doch die Möglichkeit psychologisch interessanter Erkundungen. Allein: An solchen interessanten Erkundungen mangelt es. Auch die eine sehr eindringliche Szene, aus der vermutlich die therapeutische Erfahrung der Autorin mit Trauma-Patienten spricht, kann über diesen Gesamteindruck nicht hinwegtrösten. Bestenfalls sporadisch erhalten wir Einblicke in die Gedankengänge einiger Figuren, die meisten Beweg- und Hintergründe von Figuren bleiben schleierhaft, ihre Persönlichkeiten blass und sie dadurch austauschbar.

Im Grunde kreist das Buch um ein moralisches Dilemma, dem der Protagonist Tarik ausgesetzt ist. Dessen Dramatik wird aber nicht richtig spürbar, weil im Roman eher erzählt als gezeigt wird.
Das bewährte Erzählprinzip „Show, don’t tell“ wird oftmals also geradezu ins Gegenteil verkehrt – etwa, wenn sprachliche Äußerungen der Figuren in indirekter Rede wiedergegeben werden. Und als ob das nicht schon genügend emotionale Distanz erzeugt, springt die Erzählinstanz häufig von einer Figur zur nächsten, sodass das Erzählte den Charakter einer Aufzählung erhält.

Hammoud verriegelte und verschloss das Café, dann schrie er laut in sein Mobiltelefon, […]: Er werde seine Arbeit erst wieder aufnehmen, wenn Ruhe eingekehrt wäre und die Gefechte aufgehört hätten. […] Die Kleinbusfahrer überbrachten am laufenden Band die neuesten Meldungen, die sie während ihrer Fahrten aufschnappten. Das war nicht einfach, […].
Die meisten Fahrer versorgten die Wartenden während der Ereignisse aus einem Gemeinschaftsgefühl heraus mit Neuigkeiten, […]. Der Soldat, der dort Dienst tat, hatte sich daran gewöhnt […].
Menschen, die Zeugen der zweiten Schändlichen Ereignisse geworden waren, berichteten vom Kampf […]
(S. 114f.)

Es sind, so glaube ich mittlerweile ergründet zu haben, diese Aufzählungen in Kombination mit den relativ vielen indirekten Reden sowie – wie Marten Hahn in der Besprechung für Deutschlandfunkkultur treffend aufzeigt – manche Substantivkette und das ein oder andere schiefe Bild, die die Lektüre des eigentlich recht schlicht geschriebenen Buches anstrengend werden lassen.
Dabei könnte man dem Roman wohlwollend zugutehalten, dass gerade die Undurchsichtigkeit und Distanz dazu beitragen, dass der Leser ein ähnliches Gefühl wie die Figuren des Romans entwickeln kann: „Wem kann ich trauen?“ und „Was geht hier eigentlich genau vor?“ sind nur zwei von vielen Fragen, auf die keine konkrete Antwort gegeben wird. Auch, dass eine Figur einen von der Regierung unterstützten religiösen Eifer entwickelt, ist interessant, reiht sich letztlich aber auch nur in die Reihe der aufgezählten Begebenheiten ein. Insgesamt bleibt das meiste also auf einer dokumentarisch anmutenden und nur sehr andeutungsvollen Erzählebene. Auch so etwas kann ein Gefühl der Beklemmung hervorrufen, aber die meiste Zeit verursachte es bei mir leider eher einen Kampf mit meinen herabfallenden Augenlidern. Die paar Szenen, in denen ich richtig „da“ war, kann ich an einer Hand abzählen. Und das Ende – ja, das riss mir zwar die Augen nochmal auf – aber bleibt, obwohl es das Erzählte zu einem echt guten Abschluss bringt, auch wirklich ziemlich offen.



Fazit:
Interpretationsoffen und symbolhaft, aber die Lust zur Ausdeutung schwand mit jeder Seite, weil es mich insgesamt – aufgrund der distanzierten, dokumentarischen Erzählweise – kaum fesseln konnte. Dennoch erfreulich, dass diese arabische Dystopie übersetzt und so der ägyptischen Menschenrechtsaktivistin Basma Abdel Aziz auch bei uns Gehör verliehen wurde.

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Veröffentlicht am 29.04.2020

Und nach der letzten Serpentine ist der Ausblick am schönsten...

1000 Serpentinen Angst
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Rassismus und Liebe schließen sich nicht aus. Nicht mal Rassismus und Jobs im sozialen Bereich. Rassismus ist manchmal direkt und hasserfüllt, manchmal das Gegenteil. Und ich weiß nicht, was von all dem ...

Rassismus und Liebe schließen sich nicht aus. Nicht mal Rassismus und Jobs im sozialen Bereich. Rassismus ist manchmal direkt und hasserfüllt, manchmal das Gegenteil. Und ich weiß nicht, was von all dem ich am schlimmsten finde. Aber dafür, dass es darauf aufmerksam macht, bin ich "1000 Serpentinen Angst" dankbar.

Olivia Wenzel erzählt auf eine moderne Art, die sich insbesondere darin zeigt, dass lässt die Ich-Erzählerin in Dialoge mit sich selbst tritt, die mal an das Du gerichtet und mal an das Ich gerichtet sind.


WO BIST DU JETZT? - Ich bin eben gelandet, niemand hat geklatscht ... draußen sieht es kalt aus. - HAST DU LEBENSMITTEL DABEI? - Nein. - HAST DU MEHR ALS 10 000 DOLLAR DABEI? - Nein. - UNTER WELCHER ADRESSE BIST DU ERREICHBAR? - Das will ich spontan entscheiden.


Aber auch ihr verstorbener Bruder kommt zu Wort, nämlich dann, wenn sie sich vorstellt, einen Dialog mit ihm zu führen. Auf diesem Prozess des Begreifens und inmitten der Erinnerungen an einzelne Situation sowie durch verschiedene Gedankenbilder - wie dem eines für das Ich stehenden (Getränke-)Automaten, der sich im Laufe des Buches wandelt - begleiten wir die Protagonistin, deren Familie mütterlicherseits aus der DDR stammt und deren Vater Afrikaner ist. Eingeworfen werden in das Erzählte immer wieder einzelne Zitate - sei es aus Songtexten oder seien es Erinnerungen an Gesagtes. Letzteres können durchaus auch mal Aussagen auf Englisch und Französisch sein. Denn die Protagonistin reist in diesem Buch viel. Immer wieder fragt ihr Interviewer-Ich das interviewte Ich, wo es sich gerade befinde, immer wieder wechseln die Orte und immer wieder werden Momente des Glücks von Erinnerungen an angstvolle, nicht selten auch rassismusbehaftete Situationen eingeholt.

Durch seinen innovativen und kurzweiligen Stil lädt das Buch geradezu zum Durchrauschen ein, hält inhaltlich aber genug bereit, um nicht unbeeindruckend am Leser vorbeizurauschen. Vielmehr setzen sich einzelne Szenen fest, beschäftigen, machen vielleicht sogar wütend, mindestens traurig und auf gewisse Weise können sie einen beschämen, weil man selbst all das selbst nie erleben musste und muss.

Interessant ist, dass manche Sätze ganz selbstverständlich eine feminine Form bei generischen Personenbeschreibungen enthalten, sodass das Buch gewissermaßen ganz nebenbei auch etwas für die Sichtbarkeit von Frauen tut und somit Diskriminierung auf vielen Ebenen anspricht.


Im Restaurant bemerkst du sofort, dass alle, die hier arbeiten, Vietnamesisch miteinander sprechen, aber dass das Essen weder etwas mit China noch mit Vietnam zu tun hat, sondern mit deutschen Geschmacksgewohnheiten, dass dieser Ort eins von zahllosen >China-Restaurants< in Ostdeutschland ist, das keine Chinesin je betreten hat.


Ganz am Anfang war mir der Stil ein wenig zu repetitiv, ein starker Einsatz von Wiederholungen störte mich ein wenig beim Lesen. Aber das änderte sich schnell. Insgesamt mochte ich dieses "junge Erzählen" sehr, hatte fast den Eindruck, es mit einem biographischen Buch zu tun zu haben, habe mich immer wieder von seinem Sog mitziehen lassen, teilweise starke Wut über das Erzählte empfunden und wünsche dem Buch eine breite Leserschaft.

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Veröffentlicht am 15.04.2020

Freundschaft von vier Mädchen im "Getto"

Ein anderes Brooklyn
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Sehr präzise und pointiert beschreibt Jaqueline Woodson das Aufwachsen ihrer vier Protagonistinnen im Brooklyn der 70er Jahre. Es ist ein trauriges und zugleich schönes Buch, in dem jeder Absatz stimmig, ...

Sehr präzise und pointiert beschreibt Jaqueline Woodson das Aufwachsen ihrer vier Protagonistinnen im Brooklyn der 70er Jahre. Es ist ein trauriges und zugleich schönes Buch, in dem jeder Absatz stimmig, jedes Wort passend gesetzt wurde, das aber auch für manchen einen Hauch zu pathetisch wirken kann - eben weil es so ernst, so lyrisch, so präzise gefühlvoll geschrieben ist.

Die Autorin erwähnt im Nachwort, dass sie durch den Schreibprozess nicht nur mehr über die Kindheit und Jugend von Mädchen erfahren habe, sondern nun auch mehr darüber wisse, "was es heißt, eine woman of color zu sein, lebendig, sichtbar und bewundert" - und genau auf diese Erkundungstour der Frage, wie es ist, nach und nach als Frau gesehen zu werden, noch dazu als eine Schwarze - begibt sich nicht nur die Autorin mit ihren Protagonistinnen, sondern auch der Leser. Insofern hat der Roman mich ein wenig (und im besten Sinne) an die mir bekannten Werke der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison erinnert.
Aber auch weitere Themen wie der Umgang mit Verlusten, (Entwicklung von) Freundschaft und die Frage, was man als Eltern seinen Kindern mitgeben möchte (oder muss), finden Eingang in dieses kurze Buch.

"Ein anderes Brooklyn" ist ein bereicherndes Stück Literatur, das zeigt, wie weniger Worte es manchmal bedarf, um eine eindringliche und nahegehende Geschichte zu erzählen.
Mit seinen kurzen und absatzreichen Kapiteln sowie lediglich 153 Seiten insgesamt eignet es sich wunderbar, um in einem Rutsch gelesen zu werden. Und das lohnt sich!

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Veröffentlicht am 15.04.2020

Poetisch, anspruchsvoll, lohnenswert

Milchmann
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Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. (S. 7)

Mit diesem ersten ...

Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. (S. 7)

Mit diesem ersten Satz liefert Anna Burns in ihrem 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Debütroman doch einen Knaller-Einstieg, oder? Mich jedenfalls hat er ins Buch katapultiert und erstmal in einen Sog geraten lassen, bis das erste Kapitel zu Ende war und ich kurz durchatmen konnte.

Was die Namen – oder besser Nicht-Namen – betrifft, wie sie schon im ersten Satz vorkommen: Damit wird allgemein spärlich verfahren. Weder die Erzählerprotagonistin selbst noch die überwiegende Mehrheit der Personen aus ihrem Umfeld werden mit Eigennamen benannt. Vielmehr bleiben gerade die Personen, um die es geht und die einem am nächsten kommen, irgendwie fern, zumindest in dem Sinne, dass sie namenlos bleiben. Das ist ein literarisch interessanter Kniff, der polarisieren kann und Stoff zum Denken gibt, denn Namen – das wird im Laufe der Lektüre deutlich – spielen eben nicht keine, sondern eine besonders große Rolle:

Es war die gemeinschaftliche Überlieferung, die bestimmte, welche Namen erlaubt waren und welche nicht. [...] Unzulässige Namen waren unzulässig, weil sie zu sehr nach dem Land ‚auf der anderen Seite der See‛ klangen, dabei war egal, dass manche der Namen nicht ursprünglich aus diesem Land kamen, sondern sich nur von dessen Bewohnern angeeignet worden waren. (S. 34)

Vor den hochkomplexen und ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln, wie die aus dem obigen Zitat hervorgehende, sowie vor den Gefahren des Alltags flüchtet unsere Protagonistin, indem sie alle ihre Wege mit einem Buch vor der Nase beschreitet und dadurch alles andere ausblendet. Doch dieses „Im-Gehen-Lesen‟ geht einher mit einer gewissen Unaufmerksamkeit für ihre Umgebung – bis eines Tages der Milchmann in ihre kleine „Schutzzone‟ eindringt und ihr dadurch einen unwiderbringlichen Riss zufügt. Doch warum interessiert sich der wesentlich ältere Mann für das Mädchen? Was will er ausgerechnet von ihr?

Wer jetzt denkt, es hier mit einem thrillerhaften Stalking-Roman zu tun zu haben, liegt falsch: Der Milchmann dient lediglich als Aufhänger für eine Erzählung aus dem Leben der rückblickenden, sich an damalige Zeiten erinnernden Protagonistin. Es geht also nicht nur um den Milchmann, auch wenn durch ihn alles ins Wanken gerät, sondern auch und vor allem um das Beziehungsgeflecht der Protagonistin – da gibt es zum Beispiel ihren „Vielleicht-Freund‟, ihre immer im Trio auftretenden (neunmalklugen) kleinen Schwestern, ihre zahlreichen anderen Geschwister und deren Partner sowie ihre erzkonservative Mutter. Dadurch, dass mancher Charakter – oder das, was er tut – surreal bis absurd anmutet, kann auch die Art der Personenzeichnung in diesem Roman durchaus unterschiedlich aufgenommen werden: Was dem einen stellenweise ein wenig zu „kafkaesk‟ wird, kann vom anderen als originell und einprägsam gefeiert werden.

Weil wir es mit einer sich erinnernden Protagonistin zu tun haben, schweift die Erzählung häufig ab, denn die Erzählerin holt immer noch ein bisschen weiter aus, gerät von einem Gedanken zum nächsten – und schafft es so, die Zeit, den gesellschaftlichen Druck, das unterschwellig Gefährliche spürbar zu machen. Aber auch dieses Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-und-wieder-zurück-Kommen kann ebenso wie die Namenlosigkeit und die Charakterzeichnung polarisieren. Mich hat es erst zum Ende hin etwas gestört.

Auch, wenn die Orte des Geschilderten unbenannt bleiben und der Roman dadurch einen generischen, beinahe dystopisch anmutenden Touch erhält, wird schnell deutlich, dass es hier eigentlich um die 70er Jahre in Nordirland geht, denn „Verweigerer‟ stehen „Befürwortern‟, die eine „Seite der Hauptstraße‟ steht der anderen, die eine Religion der anderen gegenüber. Ob man will oder nicht, als Angehöriger dieser Gesellschaft muss man sich gegenüber dem „Land auf der anderen Seite der See‟ positionieren. Hochbrisante politische Zeiten herrschen also und wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der die Teilung in „Die‟ und „Wir‟ so internalisiert ist, dass sie kaum in Frage gestellt wird. Burns schafft es, genau zu vermitteln, was es heißt, an diesem Ort zu dieser Zeit als junge Frau gelebt zu haben und – schlimmer noch – gestalkt worden zu sein.

Und so ist eben nicht nur der Nordirlandkonflikt ein zentrales Thema dieses Romans, sondern es geht um universellere Fragen nach gesellschaftlichen Normen, Erwartungen und Zwängen – vor allem von Frauen.

Damals, als ich achtzehn war, lauteten die Grundregeln in der permanent alarmbereiten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war: Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert. Wie also konnte man Opfer von etwas sein, das es nicht gab? (S. 13)


Für mich war Milchmann über weite Strecken ein unglaublich sogreiches, wenn auch dichtes und durch seine Besonderheiten wie die Namenlosigkeit, teils lange Komposita und ausschweifende Gedankengänge nicht immer leicht zugängliches, aber auch irgendwie poetisches Buch.
Ich habe es insgesamt gern gelesen und einiges aus ihm mitgenommen, aber mir fehlten auch ganz klar die Möglichkeiten zum Pausieren, denn die 450 Seiten sind auf gerade mal sieben (abschnittsarme) Kapitel aufgeteilt. Mir persönlich waren dabei einzelne Szenen, gerade am Ende, auch ein wenig zu ausufernd erzählt. Wäre die Seitenzahl insgesamt ein wenig geringer gewesen, wäre „Milchmann‟ sicherlich ein echtes Highlight für mich geworden – so bleibt es ein Einblick in unglaubliche politische Gegebenheiten mitten in Europa im 20. Jahrhundert und eine stilistisch sehr besondere literarische Sensation.
Von mir gibt es eine Empfehlung dafür!

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