Profilbild von Knigaljub

Knigaljub

Lesejury Profi
offline

Knigaljub ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Knigaljub über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2019

Ach, Otto!

Otto
0

Otto empört, berührt, bringt einen zum Schmunzeln und im nächsten Moment wieder aus der Fassung.
Auf 229 Seiten schafft Dana von Suffrin es, eine ganze Palette von Gefühlen zu erzeugen: Man ist empört, ...

Otto empört, berührt, bringt einen zum Schmunzeln und im nächsten Moment wieder aus der Fassung.
Auf 229 Seiten schafft Dana von Suffrin es, eine ganze Palette von Gefühlen zu erzeugen: Man ist empört, weil Otto sich so unmöglich seinen Töchtern gegenüber verhält. Man ist gerührt, weil man ihm dann doch wieder seinen Stolz und seine Liebe anmerkt. Man hat Mitleid, wenn man seine Angst vor dem Älterwerden spürt. Man muss schmunzeln ob seiner merkwürdigen Eigenarten, seiner übertriebenen Sparsamkeit – und ist gleichzeitig betroffen, wenn einem bewusst wird, dass dies zu den Spuren gehört, die die Enteignung seiner Familie hinterlassen hat.

Episodenhaft erzählt Timna, die Ich-Erzählerin, von ihrem alternden Vater, der sie tyrannisiert, belustigt und gleichzeitig ständig in Sorge versetzt, und streut Erinnerungen an ihre Kindheit und Ottos Leben ein. Sie ist dabei als Erzählerin sehr präsent, kommentiert ihre Erzählung selbst (Bsp.: „ dazu später mehr‟, S. 15) und lässt das Erzählte auf diese Weise sehr authentisch wirken. Mir gefallen so stark in Erzählung tretende Erzähler, ich mag es, wenn sie sich direkt an den Leser wenden, aber zwischendurch habe ich kurzzeitig den Eindruck gewonnen, dass man dadurch auch eine etwas größere emotionale Distanz zu dem hat, was Timna aus der Vergangenheit erzählt.

„Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichten. Wäre man weniger wohlmeinend, hätte man sagen können: Unsere Familie war ein Rattenkönig aus Geschichten, eine größere Anzahl räudiger Nagetiere, deren nackte Schwänze sich verheddert hatten und nun untrennbar miteinander verwachsen waren; [...]‟ (S. 88)

Otto ist stolzer Siebenbürgener Jude, strotzt vor Vorurteilen gegenüber Deutschen und Christen – und stößt den Leser damit in ein kleines moralisches Dilemma: Darf man ihn dafür verurteilen?
Neben dieser Frage haben verschiedene Themen Eingang in den Roman gefunden: Es geht nicht nur um Herkunft und Älterwerden, sondern auch um Familie, Zusammenhalt und interkulturelle Kommunikation – denn Ottos ausländische Pflegerin spricht kein Deutsch. Und auch Ottos Deutsch mutet manchmal dermaßen seltsam an, dass seine Töchter für ihn übersetzen müssen. Ich habe es geliebt, wie Otto spricht! Durch seine Art, sich auszudrücken, in Kombination mit seinem Charakter erhält das Buch einen unnachahmlichen Charme und humorvollen Grundtenor. Die Erzählstimme greift diese Ironie gelegentlich auf, was mir unheimlich gut gefallen hat.

„ Dann aß er, enttäuscht von der Geistlosigkeit der Frucht seiner Lenden, schweigend seine Kartoffeln auf.‟ (S. 45)

Der Roman ist aber keine einzige Farce, kein sich-permanent-lustig-Machen über einen alternden Patriarchen, sondern immer wieder auch wunderbar anrührend – es gibt zahlreiche Stellen, die mich wirklich bewegt haben, die in ihrer traurigen Schönheit ganz wunderbar erzählt werden – auch, wenn wir dafür gelegentlich den Blick weiten und von Otto (im Zentrum des Ganzen) abwenden müssen, zum Beispiel hin zur Mutter von Timna und ihrer Schwester Babi.

Es gab einen kurzen Moment, in dem ich mich fragte, was diese Perspektiverweiterung soll, warum mir gerade so viel abseits von Otto erzählt wird und in dem ich es schade fand, nicht mehr über die Gegenwart Ottos zu lesen, in dem es mir einmal zu viel nicht direkt um Otto, sondern um scheinbar wahllos herausgepickte Erinnerungsfragmente, geht. Dann jedoch bekommt die Erzählerin wieder die Kurve – und findet Abschlussworte, die die Besonderheit nicht nur dieser, sondern im Grunde jeder, Familiengeschichte auf einen melancholischen Kern bringen.

„Das ist das Traurige der Welt, die Momente halten nicht, und auch die schönen vergessen wir; und selbst wenn nicht, irgendwann nehmen wir sie mit, und sie lösen sich auf mit uns.‟ (S. 209)

Fazit:
Eine von einem humorvollen Grundtenor getragene, immer mal wieder sehr anrührende Familiengeschichte, deren Erzählstruktur mir im Mittelteil zwar etwas zu episodenhaft vorkam, die mich aber ansonsten stilistisch und thematisch überzeugt sowie emotional gekriegt hat. Ein gelungenes Debüt!

Veröffentlicht am 01.08.2019

Möllers drittes Buch fand ich besser

Isch geh Schulhof
0

Zum Inhalt:
Philipp Möller ist Quereinsteiger-Lehrer an einer Berliner Grundschule und schildert in diesem (seinem ersten) Buch seine Erfahrungen als Lehrer.

Meine Meinung:
+ Einerseits gibt es wirklich ...

Zum Inhalt:
Philipp Möller ist Quereinsteiger-Lehrer an einer Berliner Grundschule und schildert in diesem (seinem ersten) Buch seine Erfahrungen als Lehrer.

Meine Meinung:
+ Einerseits gibt es wirklich interessante Passagen über das Berliner Grundschulleben und ein ernstes Nachwort mit Kritik am deutschen Schulsystem, das unbedingt gehört werden sollte. Einzelne Schicksale gehen einem richtig nah und insgesamt liest sich das Buch (auch aufgrund seines lockeren Erzähltons) wirklich gut schnell weg.
- Auf der anderen Seite gibt es Abschnitte, die ich echt unsympathisch fand, z.B. diesen:
"Weil Berlin aufgrund seiner unterreichten Coolness inzwischen von zahllosen Wahl-Berlinern überschwemmt wird - die nicht nur die Mieten in die Höhe treiben, sondern nach und nach auch die Stimmung des Dorfes herstellen, aus dem sie einst geflohen sind -, ist die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in einem authentischen Berliner Kiez, der sich irgendwo zwischen Bioladen-Snobbismus und Kampfhundeauslaufgebiet bewegt, ziemlich schwer geworden." (S. 179)
- Außerdem gibt es Abschnitte, die ich als etwas überflüssig empfand (wie die Schilderungen seines Privatlebens).
- Und last but not least: Einem Kind, das streng religiös aufwächst, zwischen Tür und Angel den Schwachsinn von Religion bzw. die Nichtexistenz Gottes vermitteln zu wollen, finde ich nicht richtig (unabhängig davon, dass ich den grundsätzlichen Einsatz des Autors für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sowie freies Denken sehr gut und wichtig finde).

Während ich von Möllers drittem Buch "Isch hab Geisterblitz" (trotz mich wenig ansprechendem Titel), das ich zuerst las, noch positiv überrascht war (so eine anrührende, Mut machende, liebevoll-locker erzählte Geschichte!), konnte mich dieser Debütroman (ebenfalls mit wenig ansprechendem Titel) leider nicht mehr richtig überzeugen.

Fazit:
Kann man zwischendurch vielleicht lesen, muss man aber nicht unbedingt. Mir hat Möllers drittes Buch ("Isch hab Geisterblitz") besser gefallen.

Veröffentlicht am 01.08.2019

harter Tobak

Die Ernte des Bösen
0

Mehr Gewalt, mehr Hintergrundwissen, mehr Einblick in die Psyche des Täters: Der dritte Fall von Strike und Robin hat es in sich.

Nachdem Robin ein Frauenbein zugeschickt bekommen hat, nimmt die Geschichte ...

Mehr Gewalt, mehr Hintergrundwissen, mehr Einblick in die Psyche des Täters: Der dritte Fall von Strike und Robin hat es in sich.

Nachdem Robin ein Frauenbein zugeschickt bekommen hat, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Die Polizei ermittelt, tappt aber im Dunkeln. Und Strike fallen gleich drei mögliche Täter ein. Also versuchen er und Robin diese drei Schatten seiner Vergangenheit aufzuspüren.
Neben den Rückblicken auf Strikes Vergangenheit, in denen deutlich wird, dass die drei von ihm Verdächtigten wirkliches Verbrecherpotential haben, stehen auch Robins Privatleben und ihre Vergangenheit mehr im Fokus als bisher.
Für Spannung sorgen die Kapitel, die aus Sicht des psychopathischen Täters geschrieben sind. Denn dieser verfolgt ein ganz bestimmtes Interesse...

Zur Hörbuchversion:
Dietmar Wunder gebührt der meiste Ruhm – er verleiht den Charakteren die gewohnten Stimmen, sorgt an den entscheidenen Stellen für atemlose Spannung und lässt den Hörer komplett in die Geschichte eintauchen. Seine Leseleistung ist der eigentliche Grund, warum ich zum dritten Teil gegriffen habe.


Fazit:
Wer den zweiten Fall schon zu hart fand, sollte von diesem lieber Abstand halten. Wer jedoch Robin und Strike ins Herz geschlossen hat und mehr über sie erfahren möchte sowie Gänsehaut- bzw. Ekelmomente nicht scheut, findet einen soliden und spannenden dritten Krimi, in der Hörbuchversion hervorragend gelesen von Dietmar Wunder.

Veröffentlicht am 01.08.2019

Sitten, Sünden, Sauereien

Gefährliche Liebschaften
0

Zugegeben: Warm werden muss man mit der Sprache. Aber wenn man sich drauf einlässt, dann kann man wirklich Freude haben an diesem Werk. Es ist wie eine Zeitreise ins Frankreich des ausgehenden Ancien régimes ...

Zugegeben: Warm werden muss man mit der Sprache. Aber wenn man sich drauf einlässt, dann kann man wirklich Freude haben an diesem Werk. Es ist wie eine Zeitreise ins Frankreich des ausgehenden Ancien régimes und obwohl es zwischenzeitlich etwas Anstrengung kostet, über gewisse allzu gefühlsduselige Passagen hinwegzukommen, verspricht der Roman im Laufe der Zeit wirklich spannend zu werden, zum Schluss konnte ich ihn sogar nicht mehr aus der Hand legen...

Die Handlung:
Aus verschiedenen Perspektiven wird in Form von Briefen über folgende Ereignisse berichtet:
1. Die Marquise de Merteuil, eine Intrigantin erster Güte, möchte sich an ihrem Ex-Geliebten rächen, der sie wegen einer anderen sitzen lassen hat. Dafür plant sie, die ihm anvertraute junge und naive Cécile so zu manipulieren, dass sie ihre Unschuld vor der Hochzeit an einen anderen verliert.
2. Der Vicomte de Valmont, ein allseits berüchtigter Liebhaber, plant, eine ganz besonders sittsame (und verheiratete!) Gräfin zu verführen, um sich selbst zu beweisen, dass er jede haben kann, wenn er nur möchte. Er schließt mit der Marquise eine Wette: Sollte er es tatsächlich schaffen, die Madame von Tourvel um den Finger zu wickeln, winkt ihm eine Liebesnacht mit der von ihm ebenfalls begehrten Marquise...
Diese beiden Protagonisten stehen im regelmäßigen Briefwechsel und rühmen sich ihrer jeweiligen Taten, wohingegen aus den Briefen der anderen Beteiligten deutlich wird, dass sie in der Gesellschaft ein gutes Ansehen haben und niemand ihnen diese Niedertrachten zutrauen würde. Im Laufe der Zeit verheddern sich die beiden jedoch in den von ihnen gesponnenen Netzen...

Die Sprache:
(in der Übersetzung von Franz Blei)
Während manche Sätze flüssig zu lesen sind und geradezu heutzutage so formuliert werden könnten, sind andere Passagen etwas zäher. Insbesondere die Briefe, in denen die Protagonisten ausgiebig ihre Liebe zueinander bekennen, wirken aus heutiger Perspektive einfach etwas "too much".
Insgesamt kann man der Handlung jedoch gut folgen, auch wenn man etwas konzentrierter lesen muss als bei manch anderem Roman und sich einige Dinge aus einer etwas blumigen Umschreibung erschließen muss.

Fazit:
Lesenswert, wenn man Lust auf eine moralische Belastprobe hat. Hier vermag ein- und dieselbe Person Bewunderung und Abscheu gleichermaßen hervorzurufen. Auf jeden Fall zurecht ein Klassiker der Weltliteratur.

Veröffentlicht am 01.08.2019

Keine kitschige Liebesgeschichte, sondern so viel mehr!

Der Apfelbaum
0

„ [Christian Berkel] ist kein schreibender Schauspieler. Er ist Schriftsteller durch und durch. Und was für einer.‟ (Daniel Kehlmann)
Diesem Satz kann man nur zustimmen, wenn man am den Titel des Buches ...

„ [Christian Berkel] ist kein schreibender Schauspieler. Er ist Schriftsteller durch und durch. Und was für einer.‟ (Daniel Kehlmann)
Diesem Satz kann man nur zustimmen, wenn man am den Titel des Buches aufgreifenden Ende dieses üppigen, poetischen und nachdenklichen Romanes angekommen ist.

Otto, der unter Gewalteinflüssen aufgewachsene Sohn einer Berliner Arbeiterfamilie, trifft als Jugendlicher auf Sala, die Tochter eines gebildeten, gut situierten Mannes und seiner jüdischen Frau, und beschließt schnell: „Ich werde Ihre Tochter heiraten‟. Durch den zweiten Weltkrieg trennen sich die Wege der beiden.
Da uns der Sohn der beiden die Geschichte rückblickend erzählt oder – besser noch – versucht, Erinnerungsstücke seiner Mutter zu einem passenden Ganzen zusammenzusetzen, ist das Ende vorweggenommen: Sie werden sich irgendwann wiederfinden. Was zeichnet den Roman nun aus, warum sollte man ihn trotzdem lesen?

Zum einen gibt er ein Stück Zeitgeschichte wieder, das nicht in Vergessenheit geraten darf. „Irgendwann muss doch mal Schluss sein‟ empört sich eine Romanfigur, als sie auf das Verbrechen an den Juden angesprochen wird, „Wir Deutschen wurden auch vertrieben und laufen nicht in Pommern rum und machen Fotos‟ – und löst damit Betroffenheit beim Leser aus, der gerade so nah am Schicksal der geschilderten Figuren ist, der zusammen mit der Erzählerfigur dem Leben seiner Eltern nachspürt, und dem überhaupt nicht nach "Schluss" zumute ist.
Berkel schreibt nicht nur die Geschichte seiner Ahnen auf, sondern auch gegen das Vergessen an. Er wagt es, sich zu erinnern, und damit auch seine eigene Identität aufzuspüren, denn: „Erst mit der Erinnerung gewinnt unser Leben ein Gesicht.‟
Zum anderen vermag er dies in einer so eleganten, teils poetischen Sprache, dass es trotz aller Schicksalsschläge eine Freude ist, das Buch zu lesen - „Zwei Jahre vergingen. Die Welt geriet aus den Fugen, aber die Sonne scherte sich nicht darum.‟

Es ist zutiefst bewegend, wenn man als Leser vor Augen geführt bekommt, wie irrelevant alle Herkunftsunterschiede sind, wenn Sala nur minutenweise „weder halbe Deutsche, noch halbe Jüdin [...] kein geteiltes Etwas, einfach nur ein Mensch‟ sein kann, und wir erfahren müssen, dass der Krieg selbst den sich gegen seinen gewalttätigen Stiefvater und alle Kindheitstraumata zur Wehr setzenden Otto irgendwann bricht.
Und während es anfangs verwirrend ist, immer wieder zwischen den Erzählebenen – der Erzähler mit seiner gealterten, leicht verwirrten Mutter auf der einen, das Geschehen der Vergangenheit auf der anderen Ebene – zu wechseln, ist es ein wenig auch genau das, was den Roman auszeichnet: Er portraitiert das Erinnern sehr genau. Im einen Moment versinken wir in den Gedanken, befinden uns im Berliner Milieu und sind nah an den berlinernden Protagonisten oder im Frankreich der 40er Jahre, im nächsten reflektieren wir wieder, machen uns Gedanken darüber, wie nah wir mit diesen Erinnerungen an der Wahrheit sind. Letztlich ist der exakte Wahrheitsgehalt ein Stück weit irrelevant, denn mit dem Erzähler wird uns bewusst: „Wirklichkeit ist eine auf die vorgefundenen Tatsachen bezogene Interpretation, [...] ein Konstrukt.‟

Fazit:
Christian Berkel ist ein beeindruckender Roman über die Vergangenheit gelungen, ein nachdenkliches und poetisches Buch, das ich gerne gelesen habe und für das ich eine Empfehlung aussprechen kann. Es ist nicht nur eine bewegende Geschichte, die allen Befürchtungen, allzu verkitscht daherzukommen, trotzt, sondern auch ein wichtiges Stück Zeitgeschichte festhält und dazu ermutigt, seiner eigenen Identität nachzuspüren und nicht „Schluss‟ zu machen mit der Erinnerung an deutsche Vergangenheit.