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Veröffentlicht am 04.02.2019

zwar kein "ganzer Roman", aber eine lesenswerte Erzählung!

Agathe
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In diesem 156 Seiten starken Büchlein geht es ums Altwerden, ums Einsam- und Zusammensein, um Kraft und Kraftlosigkeit, um Zeit und Zeitlosigkeit, um Leben und Tod, um Nähe und Distanz.

Zum Inhalt:
Ein ...

In diesem 156 Seiten starken Büchlein geht es ums Altwerden, ums Einsam- und Zusammensein, um Kraft und Kraftlosigkeit, um Zeit und Zeitlosigkeit, um Leben und Tod, um Nähe und Distanz.

Zum Inhalt:
Ein Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Er trifft auf eine letzte hartnäckige Patientin, die sich nicht abwimmeln lässt – und für ihn ändert sich alles.

Meine Meinung:
Wie schafft Anne Cathrine Bomann es auf so wenigen Seiten, den Leser gedanklich so zu beschäftigen?
Sie greift elementare Themen des Lebens auf, schreibt mit dem nötigen Ernst, aber auch einer gewissen Leichtigkeit über sie, und hält den Leser an zahlreichen Stellen dazu an, selbst zu reflektieren. So lesen sich beispielsweise die Fragen, die zwischen dem (übrigens namenlos bleibenden) Psychiater und seinen Patienten auftauchen, gewiss auch als Fragen an den Leser – etwa, wenn Agathe fragt, ob ihr Verhalten „verrückt‟ sei, und das Kapitelende die Frage offen im Raum stehen lässt.

Weil es in diesem Buch insgesamt so wenige Sätze gibt, ist man dazu geneigt, aufmerksam und zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn es z.B. plötzlich schneit und es heißt, dass der Schnee eine „geheime Welt voller Spuren von Hundepfoten, Stiefeln und winzig kleinen Kinderfüßen‟ aufdecke, die an der Praxis vorbei ins Zentrum der Stadt führen – scheint das nicht auch zu implizieren, dass dem Protagonisten die Existenz einer Welt außerhalb seiner Praxis bewusst wird?
Neben den im Text explizit gestellten Fragen werden also auch noch einige weitere aufgeworfen. Der Leser wird somit nicht nur dazu angehalten, sich über die Entwicklung im Roman seine eigenen Gedanken zu machen, sondern auch einen Bezug zu seinem eigenen Leben herzustellen. Das habe ich als sehr gelungen empfunden und zwischendurch habe ich gedacht, dass "Agathe" Potential dazu hätte, eine Art moderner Klassiker zu werden: Es ist einfach ein kurzes, aber relativ tiefsinniges Buch, das man gut mal gelesen haben kann.

Wer einen seichten Liebesroman erwartet, der sich mal eben so weglesen lässt, wird also sicherlich enttäuscht sein, denn es gibt einen Protagonisten, der wahlweise Empörung oder Mitleid hervorrufen kann, und einen Inhalt, der melancholisch stimmt und dazu anregt, sich mit dem eigenen Lebenssinn auseinanderzusetzen. Trotz all der Ernsthaftigkeit und dem Schwermut, den das Buch zumindest ansatzweise in mir hervorrief, gab es jedoch auch die eine oder andere Stelle, die mich zum Schmunzeln brachte.

Insgesamt hat mir die Lektüre also gut gefallen, ich mochte die Offenheit und den Einbezug des Lesers, muss aber auch sagen, dass etwas mehr Inhalt dem Buch wohlmöglich nicht geschadet hätte. Vielleicht waren es letztendlich dann doch etwas zu wenige Einblicke in das Leben der Protagonisten, um wirkliche und wahrhaftige Betroffenheit hervorzurufen, und vielleicht hätten auch das Zeitgeschehen oder zumindest die Behandlungstechniken der damaligen Zeit noch etwas näher beschrieben werden können. So jedenfalls wirkt „Agathe‟ mehr wie eine (wirklich gute) Erzählung (oder Novelle) als wie ein Roman.

Fazit:
"Agathe" ist eine bewegende, eher melancholische Erzählung, die dem Leser viel Raum für eigenständiges Mit- und Nachdenken liefert. Für mich hätte es etwas mehr sein dürfen, aber mit den wenigen vorhandenen Seiten schafft Bomann schon sehr viel!

Veröffentlicht am 17.05.2019

Everything's gonna be okay™?

Die Hochhausspringerin
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Es ist kein wohliges Gefühl, das einen beim Lesen der Hochhausspringerin überkommt. Julia von Lucadous Debüt schildert eine nicht allzu weit von unserer Realität entfernte Dystopie, die uns darüber nachdenken ...

Es ist kein wohliges Gefühl, das einen beim Lesen der Hochhausspringerin überkommt. Julia von Lucadous Debüt schildert eine nicht allzu weit von unserer Realität entfernte Dystopie, die uns darüber nachdenken lässt, welche eingeschlagenen Wege wir vielleicht nicht weiter gehen sollten und was wirklich wichtig ist im Leben.

Zum Inhalt:
Riva ist erfolgreiche Hochhausspringerin, als sie plötzlich in eine depressive Verstimmung fällt, fast nur noch schweigend auf dem Boden sitzt und nicht mehr zum Training geht.
Hitomi ist Psychologin, die von Rivas Arbeitgeber dazu beauftragt wird, Riva aus ihrer Misere zu holen und wieder zum Springen zu animieren.

Meine Meinung:
Das Buch liest sich beinahe wie ein Film. Zu Beginn zoomen wir uns aus dem Universum kommend auf die Welt und beobachten fasziniert den Sprung einer Hochhausspringerin. Hochhausspringen ist eine an Turmspringen anmutende Sportart, die nur mithilfe eines "Jumpsuits™" nicht tödlich endet.
Daraufhin wechselt die Erzählperspektive und Ich-Erzählerin Hitomi erhält das Wort. Aus der (Kamera-)Perspektive beobachten wir mit ihr gemeinsam Riva: Eine athletische junge Frau mit vielen Fans und einer großen Karriere. Zunächst ist völlig unklar, warum sie sich aus ihrem erfolgreichen Leben zurückzieht. Sowohl Hitomi als auch Rivas Partner Aston verzweifeln nach und nach und auch dem Leser wird das Gefühl der Machtlosigkeit Hitomis im Laufe der Geschichte immer klarer vor Augen geführt.
Denn obwohl sie alle möglichen Hebel in Bewegung setzt und dabei letztlich auch einen innovativen, auf Riva zugeschnittenen Weg verfolgt, wird sie von ihrem Arbeitgeber mangels gewünschter Ergebnisse immer wieder negativ bewertet.
Diese im Roman geschilderte offene Bewertungskultur betrifft nicht nur das Arbeitsverhalten der Menschen, sondern auch deren körperliche Gesundheit wird permanent überwacht. Ist Hitomis Herzfrequenz zu hoch, wendet sie automatisch Beruhigungsstrategien an. Schläft oder bewegt sie sich zu wenig, kommt eine unter dem Deckmantel der Besorgnis geäußerte Anweisung des Vorgesetzten, dass sie sich mehr um sich selbst kümmern solle.
Alles ist also auf Effizienz ausgelegt in dieser Gesellschaft und als Mitglied bekommt man im Gegenzug für sein Funktionieren einen begehrten Platz in der privilegierten Stadt, dessen Verlust eine die Protagonistin Hitomi dauerhaft begleitende Angst und auch ihr Motor zum Weitermachen ist. Denn schafft man es nicht, die Anforderungen zu erfüllen, droht die Ausweisung in die Peripherien.
Da wir als Leser an Hitomis Wahrnehmung gebunden sind und sie bereits in einem Kinderaufzuchthaus der Stadt groß geworden ist, erfahren wir zwar leider nicht viel darüber, wie genau es in den Peripherien aussieht; aber diese Erzählperspektive lässt uns auch mit- und weiterdenken und besonders intensiv erfahren, wie es ist, ein Teil der dargestellten Welt zu sein.
Man hat zwischendurch ein wenig das Gefühl, dass die Geschichte eine Weile auf der Stelle tritt. Zu lange tut sich nichts mit Riva. Aber in Kombination mit dem klaren, emotionsarmen Schreibstil wird dem Leser auf diese Weise das Gefühl für die Situation der heimlichen Protagonistin Hitomi perfekt übermittelt: Sie schafft es trotz aller Analysen nicht, Riva wieder zum Funktionieren zu bringen, die Abhängigkeit von Rivas Verhalten ist existenzbedrohend hoch, deren Nichtstun schmerzt und lässt auch Hitomi in die Abstiegsspirale geraten.
Die Frage nach dem Warum von Rivas Ausstieg ist also lediglich eine zentrale Handlungskomponente. Die Verfolgung von Hitomis Leben, das sich im Absturz befindet, und die Frage, ob sie es schafft, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, stellt einen zweiten wesentlichen Handlungskern dar.

Fazit:
'Die Hochhausspringerin' schildert detailgetreu eine auf Effizienz und Funktionalität getrimmte "schöne neue Welt". Ein Roman, der durch seine besondere Sprache und genauen Beobachtungen zu fesseln vermag, und der zum Nachdenken anregt. Klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 04.11.2018

Norddeutscher Charme mit Tiefgang und viel Gefühl

Mittagsstunde
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In „Mittagsstunde‟ malt Dörte Hansen das Panorama eines von Vergänglichkeit und Wandel gezeichneten nordfriesischen Dorfes und erzählt die Geschichte von Ingwer Feddersen, „de Jung‟, der nach Brinkebüll ...

In „Mittagsstunde‟ malt Dörte Hansen das Panorama eines von Vergänglichkeit und Wandel gezeichneten nordfriesischen Dorfes und erzählt die Geschichte von Ingwer Feddersen, „de Jung‟, der nach Brinkebüll zurückkehrt, wo er wieder bei den „Olen‟, Sönke und Ella Feddersen, lebt. Denn er hat noch etwas gutzumachen.

Ich gebe zu: Während ich die erste Hälfte des Buches las, wusste ich noch nicht so recht, was der Roman von mir will. Dörte Hansen schafft es zwar von Anfang an, das norddeutsche Dorf Brinkebüll mit all seinen Einwohnern lebendig vor Augen zu führen, aber über lange Strecken passiert einfach nichts oder zumindest nicht viel. Es fühlte sich für mich anfangs so an, als ob die Autorin hier nicht unbedingt eine spezielle Geschichte erzählt, sondern vor allem Brinkebüll, die Stimmung und die Charaktere in ihrer Besonderheit und gleichzeitig Allgemeingültigkeit ausführlich malt. Und auf diese entschleunigende Art von Erzählstil, der hervorragend zu dem passt, wofür das Dorf steht, muss man sich erst einmal einlassen.

Zumindest, wenn man selbst einem norddeutschen Dorf entstammt, wird man an vielen Stellen schmunzeln können oder nostalgische Gefühle entwickeln, da vieles einem bekannt vorkommt.
Was Dörte Hansen ganz herausragend schafft, ist lebensnahe Charaktere zu erschaffen. Wenn es eins gibt, von dem ich überzeugt bin, dann, dass Brinkebüll mit dem sturen, norddeutsch liebenswerten Kröger Sönke Feddersen, seiner „halfbackten‟ Tochter Marret Weltünnergang, Dora Koopmann, dem sich mit seiner eigenen Identität und Herkunft auseinandersetzenden „Studierer‟ Ingwer Feddersen und all den anderen Figuren existiert. Ganz besonders ergreifend fand ich beschrieben, wie sich das Verhältnis von Ingwer und seinen beiden „Olen‟ langsam gedreht hat: Während früher Sönke mit dem kleinen Ingwer auf dem Arm durch das Dorf lief, kümmert sich nun Ingwer um den alt gewordenen Sönke, wäscht ihm den Rücken, zum ersten Mal mit warmem Wasser, und der Alte lässt es zu.

Lange Zeit verspürte ich zwar nicht unbedingt den Drang, sofort weiterzulesen, aber immer, wenn ich es dann doch tat, erlag ich dem Zauber von Brinkebüll, spürte, wie das Plattdeutsche (die Sprache meiner Eltern und Großeltern) auch Einzug in meinen Alltag hielt und wie ich mich mit meiner eigenen Herkunft beschäftigte. Man muss nicht unbedingt eine norddeutsche Heimat haben, um mit den Themen des Romans – Vergänglichkeit, Verlust, Abschied und Neuanfang – etwas anfangen zu können; die Geschichte hätte so oder so ähnlich in jedem anderen beliebigen Dorf funktioniert. Aber vielleicht hilft es, ein wenig Plattdeutsch-Kenntnisse zu haben, um nicht jedes Mal, wenn die Dorfbewohner sprechen, herausgerissen zu werden.

Am Ende schließlich klappte ich das Buch mit Tränen in den Augen zu, war tief ergriffen, und sehr froh, zu Gast gewesen zu sein bi de Brinkebüller und seers Schicksoaln - auch, wenn mich mich manchmal etwas zu jung für das Buch gefühlt habe.

Fazit:
Ein Buch, dessen Wirkung sich bei mir erst langsam entfaltet hat, mich aber dann sogar zu Tränen rühren konnte. Wenn man sich auf die entschleunigende Erzählweise einlässt, wird man mit einer bewegenden Geschichte in einem herausragend charakterisierten, sehr lebensnahen norddeutschen Dorf belohnt, das man nur zutiefst gerührt verlassen kann.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Ein grandioser Auftakt!

Die Königin der Schatten
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Emma Watson konnte es nicht mehr aus der Hand legen und der Verlag preist es als „Epos vom Weltrang von Game of Thrones‟ an – auf den ersten Teil der Tearling-Saga habe ich mich wahnsinnig gefreut und ...

Emma Watson konnte es nicht mehr aus der Hand legen und der Verlag preist es als „Epos vom Weltrang von Game of Thrones‟ an – auf den ersten Teil der Tearling-Saga habe ich mich wahnsinnig gefreut und entsprechend recht hohe Erwartungen gehabt, die zum Glück nicht enttäuscht wurden.

Zum Inhalt:
Kelsea wächst bei zwei älteren Leuten am Rande eines Waldes auf, da sie sich (vor ihrem machthungrigen Onkel) versteckt halten muss, bis sie alt genug ist, um den Thron zu besteigen. Als sie endlich ihr 19. Lebensjahr erreicht, ist es so weit: Begleitet von einer königlichen Garde tritt sie den Weg zum Palast und dem ihr rechtmäßig zustehenden Thron an. Sie muss die Entdeckung machen, dass der Frieden mit dem angrenzenden Mort-Königreich brüchig ist und bereits von Beginn an schwerwiegende Entscheidungen treffen. Neben der Frage, wem sie vertrauen kann, steht auch die nach dem Geheimnis des jadefarbenen Anhängers an ihrer Kette, den sie von klein auf trägt und niemals ablegen durfte...

Meine Meinung:
Zugegeben, es hat ein paar Seiten gedauert, bis ich so richtig in der Geschichte ankam, aber später dann wollte ich das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen. Johansen nimmt den Leser mit einer außergewöhnlich starken Protagonistin, einer interessanten Welt, deren Hintergründe noch ein paar Rätsel aufgeben, sowie einer spannenden Handlung gefangen. Dabei geht es durchaus mal grausam zu, weshalb der Vergleich mit Game of Thrones bereits zum Teil gerechtfertigt ist. Einen anderen Teil des gelungenen Vergleichs machte für mich aber auch die Protagonistin Kelsea aus, die mich im Laufe der Zeit immer mehr an Arya Stark erinnerte. Sie ist so stark und handelt so ehrenvoll, dass es einfach wahnsinnig viel Spaß macht, sie auf ihrem Weg auf den Thron zu begleiten. Erfrischend ist auch, dass sie immer mal wieder mit sich selbst (und ihrem unscheinbaren Äußeren) kämpft, was das Identifikationspotential und irgendwie auch die Sympathie für sie erhöht.
Gut gefallen hat mir neben der hervorragenden Charakterzeichnung, dass die Erzählperspektive zwischendurch wechselt und wir auch Einblicke in das Leben am Hof der Roten Königin im befeindeten Mortreich bekommen. Außerdem sehr gelungen: Das Verhältnis von aufgeworfenen und beantworteten Fragen steht in einem sehr guten Gleichgewicht, sodass man den ersten Teil zufrieden zuklappen und sich auf den zweiten bereits freuen kann.


Fazit:
Eine starke Protagonistin in einer dystopisch anmutenden Welt und eine fesselnde Handlung mit einer angenehmen Portion Magie: Ich kann es kaum erwarten, auch den nächsten Teil zu verschlingen!

Veröffentlicht am 17.05.2019

Wie ein mehrdimensionales, mehrbodiges Mosaik

Die Friedensmaschine
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Der türkische Journalist, Schriftsteller und Jurist Özgür Mumcu hat mit seinem Debütroman „Barış Makinesi‟ 2016 ein Buch über den Frieden und das Menschsein, eingebettet in ein Steampunk-Abenteuer um ...

Der türkische Journalist, Schriftsteller und Jurist Özgür Mumcu hat mit seinem Debütroman „Barış Makinesi‟ 2016 ein Buch über den Frieden und das Menschsein, eingebettet in ein Steampunk-Abenteuer um 1900, geschrieben. 2018 hat btb den von Gerhard Meier übersetzten Roman unter dem Titel „Die Friedensmaschine‟ auf deutsch herausgegeben.

Özgür Mumcu ist Sohn des bei einem Bombenattentat umgekommenen investigativen Journalisten Ugur Mumcu. Für die türkische Zeitung „Cumhuriyet‟ hat er den Alternativen Nobelpreis entgegen genommen, womit deren „furchtloses Eintreten für die Meinungsfreiheit in der Türkei“ ausgezeichnet wurde. Ein spannender Autor, eine interessante Idee und das erste Kapitel führt den Leser ans Ende des 19. Jahrhunderts, wo er den Abzählreime aufsagenden, ständig vor irgendwas weglaufenden Straßenjungen Celal kennenlernt. Vielversprechend, fand ich. Warum hatte ich von diesem Buch noch nie gehört?

Vielleicht sorgt das relativ nichtssagende Cover mit dem rot-orangenen Fußabdruck dafür, dass dem Roman hier noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Das türkische Originalcover weckt mit seiner maschinellen Friedenstaube jedenfalls meiner Meinung nach eher das Interesse. Vielleicht ist es aber auch ein bisschen der Komplexität des Romans geschuldet, denke ich jetzt nach Beenden desselbigen, dass er (bisher und meines Eindrucks) wenig Furore macht.

Karen Krüger hält in ihrer Rezension in der FAZ gleich als erstes fest: „Dieses Buch steckt voller doppeldeutiger Figuren, Bilder und Begegnungen‟ - und sie hat so Recht. Im Laufe der Lektüre hatte ich immer wieder Fragezeichen über meinem Kopf schwirren, wusste nicht, ob ich etwas überlesen hatte, oder tatsächlich manchmal etwas zusammenhanglos erzählt wird. Es fühlte sich an wie ein dreidimensionales Mosaik, von dem man immer nur Abschnitte zu sehen bekommt und das nach dem Umblättern einer Seite wieder eine neue Seite seiner selbst zeigte – nicht selten mit höchst poetischen, philosophischen Anmerkungen, die den doppelten Boden dieses Mosaiks offenbarten.

Zwar sind manche (häufig Protagonisten in den Mund gelegte, sodass eine Distanz zum Autor erzeugende) Äußerungen in ihrer Direktheit kaum misszuverstehen – etwa diese: „Erst wenn alle Länder von der Herrschaft Einzelner befreit sind, können wir die Friedensmaschine in Gang setzen.‟ (S. 114) oder diese: „Es ist geschichtlich erwiesen, dass Revolutionen in einem Geist der Verbundenheit beginnen und ihre Kinder erst dann fressen, wenn sie erfolgreich verlaufen sind.‟ (S. 163) – aber insgesamt gelang es mir leider nicht permanent, die Stringenz des Handlungsverlaufs auszumachen, Zugang zu den Charakteren zu finden oder eine Spannung in Bezug auf den Plot zu fühlen. Nach fünf gelesenen Kapiteln schwahnte mir, dass man dieses (kryptische) Buch wohl mindestens zwei Mal lesen kann.

Mindestens die ersten 50 Seiten lang erschließt sich auch der Titel des Buches nicht. Irgendwann wird dann ein undeutliches Bild von der Friedensmaschine gezeichnet, erst gegen Ende bekommt sie (etwas) klarere Umrisse.

In der Tat war es auch das zur gesamten Handlung passende mysteriöse Ende, das mir wieder recht gut gefiel, konnte es die Erzählung doch zu einem irgendwie runden Abschluss führen.
Was ebenfalls eine große Stärke des Romans ist, sind die Sprache und der Blick auf Dinge und für Details, etwa, wenn zu Beginn des Kapitels eine alte Truhe im Fokus steht: „Es war eine Truhe. Eine hölzerne Truhe, übersät mit Aufklebern von früheren Reisen. Vor lauter Polieren waren die Etiketten mit der Truhe regelrecht verwachsen. [...] Nur eine Truhe also. Eine alte. Truhen kommen ja schon alt zur Welt.‟ (S.37)

Bereits die Abzählreime des jungen Celal zu Beginn des Buches deuten auf die ebenfalls immer wieder durchbrechende Poetizität des Textes hin. An zentraler Stelle bekommen wir es außerdem mit einem Text im Text zu tun, einem Theaterstück, das entscheidende Hinweise auf unseren Plot liefert.

Es finden sich also viele Aspekte, die für Mumcus Erzählkunst und die Güte des Romans sprechen – die aber auch ein wenig auf die Komplexität des Textes hindeuten und vielleicht erklären können, warum es mir manchmal schwer fiel, dem Handlungsverlauf zu folgen und warum ich mich ständig fragte, was das wohl sein mag, das da im Untergrund gerade mit ausgedrückt wird. Letztendlich nehme ich folgenden Ratschlag mit: „Weißt du, Celal, es ist noch keiner unglücklich geworden, weil er nicht begriffen hat, was in der Seele des anderen vorging. Doch wer das Hin und Her der eigenen Seele nicht bemerkt, dessen Unglück ist unausweichlich.‟ (S. 250)

Fazit:
Ein immer wieder poetischer, mehrdeutiger und sprachlich besonderer Text, der sich irgendwie um ein Steampunk-Abenteuer um 1900 dreht, aber unter der Oberfläche gefühlt viel mehr zu sagen hat. Leider konnte ich das Mehr nicht immer erfassen und verlor (deshalb?) auch immer wieder den Zugang zur primären Handlungsebene. Dennoch ein interessantes Buch einer wichtigen türkischen Stimme für Meinungsfreiheit.