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Veröffentlicht am 17.04.2017

Gewalt und Emanzipation

Die Stierin
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Andrea Stift-Laube zerpflückt in ihrem Buch "Die Stierin" das Thema Gewalt, die von Männern an Frauen verübt wird. Sie erzählt die Geschichte der Käseverkäuferin Maeve, die nach einer gewaltvollen Ehe ...

Andrea Stift-Laube zerpflückt in ihrem Buch "Die Stierin" das Thema Gewalt, die von Männern an Frauen verübt wird. Sie erzählt die Geschichte der Käseverkäuferin Maeve, die nach einer gewaltvollen Ehe erneut in eine Beziehung schlittert, in der sie von einem Mann tyrannisiert, unterdrückt und vergewaltigt wird.

„Er fing mich also ein. Und behandelte mich bald wie etwas, das man sich eingefangen hatte.“

Maeve' s Geschichte ist verknüpft mit dem alten keltischen Mythos der Königin und Göttin Maeve, die als willensstarke, egoistische, männermordende Nymphomanin galt und nach einer Deutung vielleicht die letzte Königin des alten matriarchatischen Systems war, die sich gegen Männer auflehnte, bevor sich bei den Kelten das Patriarchat durchsetzte.
Auch bei der mythologischen Maeve wird Emanzipation und Gewalt thematisiert, und die Trennung von Gegenwart und alter Sage wird durch Visionen und die geistige Flucht der modernen Maeve aus Angst und Scham aufgehoben.
Mit Hilfe eines dreistimmigen Chors, der sich am Ende des Buches tatsächlich einmischt, kommentiert die Autorin das Geschehen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Frage, wieso Frauen in Gewaltbeziehungen verharren oder warum sie nach schlechten Erfahrungen erneut in sexuelle Abhängigkeiten von Männern geraten. Dabei geht es weniger darum, zu verstehen, nachzuvollziehen oder sich damit zu identifizieren, sondern es wird davon berichtet, wie es dazu kommen kann.
Das Buch zeigt den Mut zu Veränderungen bei unterdrückten Frauen, die sich bereits von ihrer Umwelt zurückgezogen haben und kein Aufsehen wollen, wenn auch auf markabere Weise.

Was die Autorin auf etwa 170 Seiten in knapper, sehr präziser, schnörkelloser und geschliffener Sprache erzählt und wie sie dem Leser dabei ihre düsteren Frauenfiguren seltsam nahe bringt, schaffen andere auf vielen hundert Seiten nicht. Weder Ausschweifungen noch unnötigen Worte, nur das Wesentliche in kurzen Sätzen wird dargelegt, dennoch wirkt der Text durch Aufbau und Struktur und auch durch den Chor melodisch, fast rhythmisch.

Sehr viele Symbole mit oder ohne Bezug zur keltischen Sage, die im Laufe der Geschichte parallel erzählt wird, ergeben ein anspruchsvolles und gut durchdachtes Buch, auf das man sich einlassen muss.
Es ist kein Text, der sich schnell nebenbei liest, und mit dieser Art Literatur Ungeübte wie ich brauchen ein wenig Einstimmung darauf. Doch die (gar nicht so große) Mühe lohnt sich sehr, das Lesen hat mir unglaublich viel Freude an der Geschichte, an der Sprache und an der Entschlüsselung der verwendeten Bilder bereitet.
Ich halte es außerdem für ein hochaktuelles und sehr wichtiges Thema, dem sich die Autorin auf ungewöhnlich brilliante Art genähert hat. Unbedingte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 17.04.2017

Überlebenskampf

Herz auf Eis
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Das Buch "Herz auf Eis" ist die Geschichte eines Existenzkampfes auf einer einsamen Insel, die so dicht und eindringlich geschrieben ist, dass mich das Buch einfach nur überwältigt hat. Das Buch ist ein ...

Das Buch "Herz auf Eis" ist die Geschichte eines Existenzkampfes auf einer einsamen Insel, die so dicht und eindringlich geschrieben ist, dass mich das Buch einfach nur überwältigt hat. Das Buch ist ein moderner Abenteuerromanen, Liebesroman, Extremerfahrung und Überlebenskampf und lässt den Leser nicht mehr los, so packend und spannend erzählt die Autorin Isabelle Autissier.

"Als Kind hat sie geträumt, sie sei eine Heldin. Aber dem Leben sind die Träume egal."

Das Paar Louise und Ludovic, begütert und versorgt, verlassen das Pariser Leben für einen Segeltörn über der Atlantik. Die beiden hatten sich beim Klettern kennengelernt, und die schüchterne, zurückhaltende junge Frau kann es kaum fassen, dass der schöne und begehrenswerte Ludovic sich ausgerechnet in sie verliebte.
Ludovic, vom Leben verwöhntes Einzelkind und genervt vom grauen Job-Alltag, will aussteigen und überredet die auf Sicherheit bedachte und konventionelle Louise, deren Passion und Rückzug das Bergsteigen ist, zum Sabbatjahr für die Atlantik-Segeltour.
Von den Antillen entlang der Südamerikanischen Atlantikküste mit der Yacht "Jason" bis Kap Hoorn ist die Reise für die beiden der Inbegriff von Freiheit, sie fühlen sich stark und überlegen und glauben, der Essenz des wahren Lebens auf der Spur zu sein.
Doch das Reiseglück schlägt im Südatlantik um, als sie ohne vorher ihren Standort zu funken eine einsame Insel anlaufen. Durch einen Sturm, bei dem die "Jason" sinkt, unfreiwillig gestrandet auf der Insel Stromness (Südgeorgien) jenseits des 50. Breitengrades, 1400 km östlich der Falklandinseln gelegen, Naturschutzgebiet mitten im Meer und nur von Pinguinen und Robben bewohnt, stürmisch und eiskalt, felsig und abweisend, müssen sie sich ohne Ausrüstung dem Überlebenskampf stellen.

" Jason, ihr Schiff, ihr Haus, der Inbegriff ihrer Freiheit, ist einfach ausgelöscht, wegradiert wie ein Fehler. ... Sie sind geradezu empört, empfinden ihre Lage als unangemessen."

Das hochdramatische Ringen ums Überleben auf der Felseninsel, das psychologische Drama, das sich zwischen Louise und Ludovic entspinnt, der Versuch der beiden, Menschlichkeit zu bewahren, ist von der Autorin höchst eindringlich und spannend beschrieben. Anfänglicher Aktionismus und großer Elan dienen der Verdrängung der Gedanken an die Zukunft, Überleben scheint möglich.

"Die Gewissensforschung, der Stolz auf die geleistete Arbeit, die Anstrengungen - all das beweist ihr Menschsein, unterschiedet sie von Tieren...Solange sie die Gesellschaft nachahmen, gehören sie ihr noch an."

Anfangs als Partner agierend und die Schuldfrage und die Wut über das Geschehen notwendigerweise zurückstellend entwickelt sich das Verhältnis der beiden im Überlebenskampf immer mehr zu einem Kampf gegeneinander. Ludovic setzt sich durch und gibt wie seit Beginn der Beziehung der beiden den Takt an, schafft damit Situationen, bei denen der partnerschaftliche und zivilisierte Umgang des Paares in reine Abscheu und Gewalt umschlägt.

Dennoch verzehren sich Louise und Ludovic füreinander und brauchen sich gegenseitig. Sie schöpfen erneut Hoffnung aus gemeinsamer Arbeit, doch der sich verschlechternde Gesundheitszustand durch zu wenig und Mangelernährung, Sorge vor dem einsetzenden Winter und weitere Rückschläge schaffen eine ganz unmittelbare Leben-oder-Tod-Situation. Louise, die starke Kämpferin, trifft allein eine Entscheidung, die sie an den Rand und darüber hinaus dessen bringt, das sie aushalten kann.

"Sie hat sich einen Kokon gesponnen, der sie am Leben hält, oder eher zwischen zwei Leben, dem davor und dem danach."

Sprachlich präzise und knapp, sachlich und klar schafft es die Autorin auf dem reichlich 200-Seiten-Roman mit wenigen Worten, den Leser in bedrohliche Situationen zu stellen, ohne ablenkende oder beschönigende Umschreibungen. Die Beschreibung der kargen Insel und der Lebensumstände ist so gut getroffen, dass ich beim Lesen gefroren habe. Eindrucksvoll ist, wie man beim Lesen die Naturgewalten des Meeres, des Sturmes und des Eises ängstlich fühlen kann.

"Nicht mehr kämpfen, den Albtraum beenden, der doch zu nichts führt. Schlafen, schlafen ohne Hunger, ohne diese ständige Angst vor dem nächsten Tag."

Das Lesen des Romanes ist, wie die Geschichte selbst, eine grenzwertige Erfahrung. Man wird an den Rand des Erträglichen geführt, und obwohl man von der Autorin dort nicht allein stehen gelassen wird, ist es extem, insbesondere im Hinblick auf die psychologischen Aspekte. Der Kampf um den Erhalt der Menschlichkeit und Liebe, ums Überleben und gegen die Verzweiflung und gegen das Aufgeben sind derartig nachspürbar und dicht, dass es fast nicht auszuhalten ist.
Bravo dafür, ich bin komplett überwältigt von diesem großartigen, mitreißenden, traurigen und zugleich hoffnungsvollen Roman, der völlig zu Recht für den Prix Goncourt nominiert wurde.

Die französische Autorin Isabelle Autissier, geboren 1956, umsegelte übrigens 1991 als erste Frau selbst die Welt und weiß, wovon sie schreibt. Sie lebt in La Rochelle und schreibt seit den 1990er Jahren.

Veröffentlicht am 17.04.2017

Fast ein Kunstkrimi

Das letzte Bild der Sara de Vos
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Schicht für Schicht, wie bei einem Gemälde, baut der Autor des Buches "Das letzte Bild der Sara de Vos" seine Geschichte auf. Oft hat man das angenehme Gefühl, dass jedes Wort sitzt, wie die perfekten ...

Schicht für Schicht, wie bei einem Gemälde, baut der Autor des Buches "Das letzte Bild der Sara de Vos" seine Geschichte auf. Oft hat man das angenehme Gefühl, dass jedes Wort sitzt, wie die perfekten Pinselstriche bei einem Meisterwerk.
Man merkt nichts davon, dass es sich um das erste Buch von Dominic Smith handelt, so sprachlich ausgefeilt wie er schreibt und so leicht, wie er dem Leser die ungewöhnlichen Verwicklungen ohne Hast nahebringt.

Die Romanfigur, die Malerin des Goldenen Zeitalters der Niederlande Sara de Vos hat reale Vorbilder, denen das Buch huldigt. Zwei Frauen (Sara an Baalbergen und Judith Leyster), die als Malerinnen versuchten, in der von Männern beherrschten Kunstszene des 17. Jahrhunderts Fuß zu fassen, sind die Künstlerinnen, auf deren Leben es im Buch Hinweise durch die fiktive Sara gibt.
Sara de Vos muss sich nach dem frühen Pesttod ihrer Tochter allein durchs Leben kämpfen und schafft dies trotz vieler Widrigkeiten durch ihre Malerei.

Allerdings spielt das Buch nicht ausschließlich in der Vergangenheit. In der Gegenwart begegnet man der Kunstprofessorin Ellie, sie ist Spezialistin für das Goldene Zeitalter und in den 1950er Jahren in New York und im Jahr 2000 in Sydney eng mit dem Gemälde "Am Saum eines Waldes" von Sara de Vos verbunden.
In New York wurde das jahrhundertelang in Familienbesitz der Familie de Groot befindliche Meisterwerk gestohlen und durch eine Fälschung ersetzt, in Sydney soll es mit Ellie als Kuratorin ausgestellt werden, wobei plötzlich zwei Gemälde auftauchen.
Anders als erwartet und sehr passend findet die Geschichte sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart zu einem schlüssigen Ende.

Es ist ein sprachlich ausgefeiltes, ruhig erzähltes Buch, das durch die Geschichte selbst viel Spannung erzeugt und das ich in sehr kurzer Zeit gelesen habe.
Die Figuren der Malerin Sara im Goldenen Zeitalter und der Kunstkennerin Ellie in der Gegenwart sind mir beim Lesen sehr nahe und greifbar gewesen. Beide verbindet der Kampf, sich in der Kunstszene behaupten zu müssen, und das tun sie beide mit großer Bewusstheit über ihr Können, was letztlich mehr oder weniger erfolgreich ist. Das vermag der Autor beim Lesen zu vermitteln, ohne feministisch-kämpferisch den Zeigefinger zu erheben.

In jedem Zeitabschnitt, den der Roman streift, wird man als Leser an Nebenschauplätze entführt, die alles sehr rund machen.
Im 17.Jahrhundert ist dies zum Beispiel ein Gefühl für die Lebensart in Amsterdam und auf den Landsitzen, die alles beherrschenden Gilden und ihre Macht.
In den 50er Jahren in New York treibt man sich zusammen mit Ellie unter anderem in kleinen Jazzclubs herum.
Nebenbei erfährt man von der Pingeligkeit der Arbeit eines Kunstfälschers und von den modernen Methoden zur Aufdeckung von Fälschungen, alles sehr passend mit der Geschichte verwoben.

Fazit
Der Roman hat für mich alles, was ein wirklich gutes Buch braucht und erzählt noch dazu eine sehr ungewöhnliche Geschichte auf ruhige, unvorhersehbare Art. Unbedingt lesen, es lohnt sich wirklich.

Das Buch wurde übrigens preisgekrönt als "Fiction Indie Book of the Year" 2017 in Australien.

Veröffentlicht am 17.04.2017

Weise, berührend und bedrückend

Das Leben wartet nicht
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Unaufgeregt erzählt der preisgekrönte Roman "Das Leben wartet nicht" von Marco Balzano von der Flucht des Kindes Ninetto aus dem bitterarmen italienischen Süden nach Mailand in den 1950er Jahren und schlägt ...

Unaufgeregt erzählt der preisgekrönte Roman "Das Leben wartet nicht" von Marco Balzano von der Flucht des Kindes Ninetto aus dem bitterarmen italienischen Süden nach Mailand in den 1950er Jahren und schlägt damit einen überaus aktuellen Bogen zur heutigen Flüchtlingssituation.
Die Geschichte selbst könnte eine moderne Oliver-Twist-Variation sein, die sprachlich unglaublich nah am Geschehen geschrieben ist und den Leser dabei fast einbezieht.

Ninetto ist neun, als er sich nur in Begleitung eines Familienfreundes aus dem sizilianischen Dorf San Cono in das Dickicht der norditalienischen Stadt Mailand aufmacht, um für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können.
Die Bilder der Armut seiner lieblosen Kindheit in Sizilien, das Leben in engen Wohnblocks bei seiner Ankunft in Mailand, die ihn an einen Bienenstock erinnern, seine große Liebe zu dem Mädchen Maddalena aus der Backfabrik, die er mit nur 15 Jahren heiratet und die immer die Liebe seines Lebens ist, erzählt Ninè rückblickend.

"Das wahre Leben war für mich meine armselige Kindheit, die Emigration nach Mailand und das Überleben in diesen schwierigen Jahren. Mit dem Eintritt in die Fabrik hatte ich zwar ein geregeltes Einkommen, aber ich bin in einen dunklen Tunnel geraten."
(Seite 217)

Ninè, der in jungen Jahren dem Glück und dem Leben nachjagte, hat das Leben im Prinzip verpasst. Nach seiner Ankunft in Mailand aus der sizilianischen Armut, beschimpft als Hungerleider oder "Napulì" findet er tatsächlich Arbeit, kann dem Bienenstock entkommen und lernt seine Liebste kennen. Doch dann zerrinnt ihm das Glück wieder zwischen den Fingern bei trister Fabrikarbeit bei Alfa Romeo und er landet wegen eines schlimmen Fehlers letztlich für 10 Jahre im Gefängnis.
Fünfzig Jahre später blickt er zurück und nach vorn, sieht, dass sich für sein Glück nichts verändert hat und das Leben ohne ihn weiterging und weitergeht. Er lebt immer noch in einer Mietskaserne in Mailand, allerdings inzwischen umgeben von anderen Gesichtern der Flucht. Nur durch seine kleine Enkelin Lisa könnte er etwas Glück finden, doch der Weg für ihn dorthin ist weit und steinig.

"...die Nähe zwischen uns war verloren, und das Leben drängte sie weiter."
(Seite 243)

Völlig unverblümt führt Ninetto als Ich-Erzähler durch die verschiedenen Zeitebenen der Geschichte, die mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis beginnt. Er lässt seine Gedanken laufen, wodurch viele Brüche und Sprünge entstehen, die seine Erzählung sehr lebendig und authentisch wirken lassen. Er bezieht den Leser dadurch ein und man fühlt sich von ihm mitgenommen.

"Man kann nicht auf jeden Zug aufspringen, einige muss man verpassen, andere fahren lassen und sich damit abfinden."
(Seite 142)

Auf der Jagd nach dem Leben und auf der Flucht vor der Melancholie und Depression blitzt viel Witz durch die einzelnen Passagen, der nie in Zynismus mündet. Ninè kommt mit den neuen Anforderungen den Lebens nach seinem Gefängnisaufenthalt nicht gut zurecht, er ist ein Aussortierter, der auf der Suche nach Arbeit bereits am Ausfüllen von Computerformularen für den Euro-CV scheitert.
Gemeinsam mit ihm lächelt man mit einer Träne im Auge beim Lesen über die Absonderlichkeiten, die die moderne Welt hervorbringt.

"Sich zu erinnern ist schöner als zu leben, denke ich..."
(Seite 143)

Schlimm, dass er sich im Gefängnis geborgener und beschützter fühlte als draußen in der Welt der Suche und des Hastens. Eigentlich hätte Ninetto mit seinem forschen und anpackenden Wesen das Leben bei den Hörnern packen und viel erreichen können, doch die Tristheit der Fabrikarbeit, seine Schwermut und sein Bruch mit der Familie durch seine Eifersucht bremsen ihn und lassen ihn schließlich hinter dem Leben und dem Glück zurück. Er passt nicht mehr ins Schema, hat das Leben satt.
Erst als er es schafft, zu vertrauen und um Verzeihung zu bitten statt heimlich zu beobachten und sich zurückzuziehen ergibt sich für ihn ein Glücksmoment, der am Ende des Buches Hoffnung gibt.

"Es trennt uns, wenn Dinge passieren, die größer sind als wir, so ist das nun mal."
(Seite 257)

Marco Balzano ist ein Autor der leisen Töne. Diese über mehrere Generationen erzählte Familiengeschichte berührt, macht traurig und hat gleichzeitig viel Witz und Weisheit in sich.
Die Lebensgeschichte von Ninetto ist zugleich ein Teil der Geschichte Italiens des 20. Jahrhunderts mit der in den 1960er Jahren dort üblichen Kinderflucht.
Und man stellt sich am Ende die Frage, inwieweit man gegenüber den Lebensumständen machtlos ist oder ob man das Glück des Lebens selbst in die Hand nehmen kann.
Völlig zu recht würde der Roman ausgezeichnet mit dem regionalen Literaturpreis "Premio Campiello".

Veröffentlicht am 06.03.2017

Wahrheit oder Fiktion

Sein blutiges Projekt
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Im August 1869 passiert in dem Bauerndorf Culduie an der Westküste Schottlands ein Dreifachmord, verübt vom siebzehnjährigen Roderick Macrae. Macrae hat den Constable Lachlan MacKenzie und zwei seiner ...

Im August 1869 passiert in dem Bauerndorf Culduie an der Westküste Schottlands ein Dreifachmord, verübt vom siebzehnjährigen Roderick Macrae. Macrae hat den Constable Lachlan MacKenzie und zwei seiner Kinder auf brutalste Weise erschlagen.
Das Dorf Culduie besteht nur Häusern, in denen 25 Menschen leben und als Kleinbauern (Crofter) ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Familie Macrae lebt unter ihnen mit zwei Kühen, sechs Schafen und einem gepachtetem Feldstück, dass sie bewirtschaftet. Entbehrungsreich, voller harter Arbeit und mit sehr wenigen Kontakten zu den anderen Bewohnern ist das Leben der Familie, weshalb zunächst unverständlich ist, wie es zu solch brutalen Mehrfachmorden kommen konnte.
Für einen Thriller ungewöhnlich ist von Anfang an klar, dass Roderick die Morde begangen hat, die Spannung bezieht das Buch aus der Frage nach dem Warum und daraus, ob die Verteidigung in der Lage ist, ihn vor dem Tod am Galgen zu bewahren.

Graeme Macrae Burnet versetzt den Leser sehr gekonnt ins 19.Jahrhundert, mitten nach Schottland. Mit Spannung verfolgt man beim Lesen die Anfänge der Kriminalpsychologie, streift durch Gerichtsakten und medizinische Gutachten, Befragungen von Zeugen und die Berichtserstattung zum Prozess und wird dabei oft an der Nase herumgeführt. Erst während des Prozesses selbst kommen Hintergründe der Tat ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Teilen, beginnend mit den Aufzeichnungen des inhaftierten Roderick Macrae, die dieser auf Anraten seines Rechtsbeistandes anfertigte, folgt Teil zwei als Bericht des Gefängnisarztes und Kriminalanthropologen James Bruce Thomson. Der letzte Teil besteht aus einem ausführlichen Prozessbericht, während dem die Verteidigung versucht, durch den Tatbestand der geistigen Verwirrung ihren Schützling von dem Tod durch den Strang zu bewahren.

Wahrheit oder Fiktion?
Der Autor Graeme Macrae Burnet schafft mit diesem ungewöhnlichen Thriller ein raffiniertes Puzzle und verwirrt den Leser zum einen mit den Berichten selbst, zum anderen damit, dass er sich selbst im Vorwort in die Geschichte einbringt, indem er behauptet, er sei zufällig bei Recherchen auf Dokumente zu diesem Fall gestoßen. Es werden von ihm sehr gekonnt Zweifel an der Echtheit geschürt, sowohl bei den Aussagen und Niederschriften der am Fall Beteiligten als auch am gesamten Fall selbst.

Sehr gut lesbar, unglaublich spannend und absolut ungewöhnlich und unkonventionell hat Burnet über das Verbrechen geschrieben. Neben der vereinnahmenden Geschichte der Morde und des Prozesses hat er eine Konstruktion geschaffen, die über Realität auf äußerst raffinierte Weise reflektiert und den Leser letztlich fragend zurücklässt. Bravo dafür!

Graeme Macrae Burnet, geboren 1967 in Kilmarnock, Schottland, studierte Englische Literatur in Glasgow. Er schreibt seit seiner Jugend und wurde 2013 mit dem Scottish Book Trust New Writer’s Award ausgezeichnet. Er lebt und schreibt in Glasgow.