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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.05.2020

Wahnsinnig erschreckend und auch nach 35 Jahren noch mega wichtig

Ganz unten
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Zwei Jahre lang war Günter Wallraff als türkischer Gastarbeiter Ali Levent unterwegs. Diesmal „ganz unten“, da wo noch Nichtmal Mindestlohn gezahlt wird und der Schritt zum „Sklavenmarkt“ nur ein Bruchteil ...

Zwei Jahre lang war Günter Wallraff als türkischer Gastarbeiter Ali Levent unterwegs. Diesmal „ganz unten“, da wo noch Nichtmal Mindestlohn gezahlt wird und der Schritt zum „Sklavenmarkt“ nur ein Bruchteil entfernt ist. Ob als Hilfskraft bei McDonalds, Versuchskaninchen bei einer Medikamentenerprobung, Arbeiter in einer Leiharbeiterkolonne bei Thyssen oder als illegale Arbeitskraft auf der Großbaustelle. Für Günter Wallraff ist kein Job zu dreckig oder zu ausbeuterisch. Dabei fällt ihm immer wieder Rassismus in der allerheftigsten Form auf, denn „mit euch Türken kann man es ja machen.“ Trotz seines nur mäßigen „gebrochenen Deutsch“ ist seine Tarnung perfekt. Dadurch das er bewusste Provokationen sowohl unter den Kollegen mit Migrationshintergrund als auch unter seinen deutschen Kollegen streut, rutscht das Ganze schnell mal ins makabere bis absurde. Die komplett gesteigerte Entmenschlichung, wo nur der Profit gesehen wird und die Arbeiter sprichwörtlich verheizt – in einem der ältesten Atomkraftwerke Deutschlands. Auch wenn der Auftrag für das AKW eine abgesprochene Inszenierung rund um die verdeckten Ermittlungen von Günter Wallraff hat mich richtig schockiert. Dicht gefolgt von der Teilnahme an der Medikamentenstudie, Nebenwirkungen am lebenden Objekt zu erfahren mit dem Risiko dass die Nebenwirkungen tödlich sein könnten. Was bei mir blankes Entsetzen ausgelöst hat ist für Wallraff ebenfalls ein Grund dieses Experiment abzubrechen. So müssen sich tagtäglich nicht nur Probanden fühlen, welche nach wie vor gesucht werden, sondern auch viele tausend Ratten und Mäuse. Für mich ein Fall, der definitiv zum nachdenken angeregt hat und ich zolle jedem Tribut egal ob Mensch oder Tier, damit Medikamente nahezu unbedenklich genommen werden können. Auch wenn das Buch mittlerweile stolze 35 Jahre auf dem Buckel hat, kann ich mir einen aktuellen Bezug herleiten. Denn immer noch herrscht Ungleichheit was die Löhne zwischen Ost/West und Frau/Mann betrifft und der Leistungsdruck ist meines Erachtens nach noch größer geworden. Wer nicht leisten kann, verliert.

Obwohl die Erlebnisse von Günter Wallraff in der Mitte der 1980er Jahre stattgefunden haben, hat er bis heute mit gesundheitlichen Konsequenzen zu kämpfen. Neben der ausführlichen Berichterstattung sind zur Veranschaulichung auch Bilder mit ins Setting genommen worden sowie Hintergrundrecherchen die einem den Ernst der Lage verdeutlichen. Mit seinem sachlich fundierten Schreibstil schafft Günter Wallraff eine kühle, rationale Atmosphäre die einen tief beeindruckt und berührt. Umso wichtiger ist es, dass es endlich vernünftige Regelungen für den Arbeitsmarkt bundesweit geltend gemacht werden.

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Veröffentlicht am 24.05.2020

Spannender Pageturner mit Suchtpotenzial

Die Therapie
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Nach dem Verschwinden seiner Tochter Josephine, genannt Josy, fällt der anerkannte Psychiater Viktor Larenz in eine tiefe Trauer. Josy war 12 Jahre alt, als sie verschwand, man fand bei den Ermittlungen ...

Nach dem Verschwinden seiner Tochter Josephine, genannt Josy, fällt der anerkannte Psychiater Viktor Larenz in eine tiefe Trauer. Josy war 12 Jahre alt, als sie verschwand, man fand bei den Ermittlungen weder Zeugen noch Spuren oder eine Leiche. Vier Jahre später hat Viktor seine Praxis aufgegeben und zieht sich in sein abgelegenes Ferienhaus zurück. Sein Ziel: ein Interview zum Verschwinden seiner Tochter schriftlich auszuführen. Seine Frau Isabell hält davon nicht viel, für sie gibt es nichts zu verarbeiten, da sie der festen Überzeugung ist das, Josy noch lebt.

Doch das Interview muss warten, als eine schöne Unbekannte vor der Tür des Ferienhauses auftaucht und auf eine Therapie besteht. Denn in ihren Wahnvorstellungen von denen sie schon lange gequält wird, erscheint ihr ein kleines Mädchen. Die Gemeinsamkeit die die beiden Mädchen haben – beide verschwinden spurlos. Nach langem Ringen lässt sich Viktor auf die Therapie mit der Unbekannten ein und nach und nach fühlt man sich mehr wie in einem emotionalen Verhör mit einem Ende, mit dem ich so nicht gerechnet habe.

Endlich habe ich es geschafft Sebastian Fitzeks Thrillerdebüt zu lesen. Denn „die Therapie“ war tatsächlich das erste Buch, das 2006 von ihm erschien. Für mich ein absoluter Pageturner, denn innerhalb von acht Stunden war ich dann auf einmal durch. Die Art und Weise wie Fitzek „Die Therapie“ aufgebaut hat, weckte die Neugier in mir. Und je weiter ich gelesen habe, desto verwirrender wurde der Plot und ich als Leser hinters Licht geführt und das ist, in meinen Augen, genau das was Sebastian Fitzek als großartigen deutschen Thrillerautoren ausmacht.

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Veröffentlicht am 02.05.2020

Wunderschöner, berührender Roman

Das Schicksal weiß schon, was es tut
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Meagan wäre am liebsten unsichtbar, denn nachdem sie bei einem Collegezulassungstest geschumelt hat und dieser wiederholt werden musste, kann sie die abschätzigen Blicke ihrer Mitschüler nicht mehr ertragen. ...

Meagan wäre am liebsten unsichtbar, denn nachdem sie bei einem Collegezulassungstest geschumelt hat und dieser wiederholt werden musste, kann sie die abschätzigen Blicke ihrer Mitschüler nicht mehr ertragen. Ähnlich wie Meagan geht es Rob. In einem Moment ist er noch der beliebte Sportler, den jeder mag und dem die Mädchen zu Füßen liegen, im nächsten ist der Mitwissende von den Geschäften seines Vaters. Dieser hat den Ruf der Familie geschädigt nachdem wer Gelder veruntreut hat und seit einem missglückten Suizid auf die pflegerische Hilfe seiner Familie angewiesen. Rob wird aufgrund der Fehler seines Vaters geächtet und gemieden.

Bei einem Schulprojekt müssen Meagan und Rob zusammen arbeiten. Beide fragen sich ob das Schicksal einen besonderen Sinn für Humor hat oder doch einen Plan, denn unter den vorherigen Umständen hätten beide nicht ein Wort miteinander gewechselt. Doch das Schicksal weiß schon was es tut...

Ich habe die Geschichte von Meagan und Rob sehr gerne verfolgt und finde es sehr passend das beide aufgrund ihrer Fehler zueinander finden. Auch die Nebensstränge finden ihren Platz und fügen sich wie Puzzleteile in die eigentliche Geschichte ein. Dazu kommt der wunderbare Schreibstil in den man als Leser eintauchen und sich als ein Teil der Geschichte fühlen kann. Auch wenn die Thematik eine ernstere ist und es Momente gab in denen ich extrem tief berührt war, schafft es Birgid Kemmerer mit ihrer Sprache und ihrem Schreibstil eine leichte, wenn auch teilweise schwere Atmosphäre. Doch das hat mich nur mehr wissen lassen wollen wie es weiter geht.

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Veröffentlicht am 02.05.2020

Inklusionsvorreiter der aller ersten Stunde

Dachdecker wollte ich eh nicht werden
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Auf Raúl Krauthausen bin ich das erste Mal bewusst gestoßen, als ich u.a. von Frau Gehlhaar Postings zur Wheelmap bzw. zur portablen Rampe gelesen habe und mich dann mit Entwickler und dem Verein, der ...

Auf Raúl Krauthausen bin ich das erste Mal bewusst gestoßen, als ich u.a. von Frau Gehlhaar Postings zur Wheelmap bzw. zur portablen Rampe gelesen habe und mich dann mit Entwickler und dem Verein, der dahintersteckt, auseinandergesetzt habe. Denn ich muss zugeben, dass die Wheelmap mir oft den Arsch gerettet hat.

Wieso und warum Raúl sich mit Freunden zusammengetan hat und die Wheelmap sowie viele weitere Projekte ins Leben gerufen hat, erläutert er authenisch und wortstark in seinem Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“. Raúl erzählt auch von seinem Leben mit der, seit Kleinkindzeit an, diagnostizierten Glasknochenkrankheit. Von seinen Freunden die ihm im Alltag behilflich sind und seinem Werdegang, obwohl er ihn im Rollstuhl absolvieren musste. Dabei spricht er keines negativ oder abwertend über den Stuhl, sondern sieht ihn als das Hilfsmittel, um überhaupt aktiv zu sein.

Das ganze Buch über ist gespickt mit Wortwitzen und einer großen Schippe Humor, sodass man während dem Lesen vergisst, das Raúl ein besonderes Leben führt. Und dies keineswegs ein Schlechtes ist. Wenn jeder so reflektiert handeln und denken würde, wäre die Inklusion kein Thema mehr, für das man sich einsetzen muss.

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Veröffentlicht am 02.05.2020

Gran-di-os und sa-gen-haft!

Unter der Erde
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Obwohl Elias W. Haack schon seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Großvater Wilhelm hat, lädt ihn dieser zu seinem 90ten Geburtstag ein. Widerwillig macht sich Elias auf den Weg nach Volkow. Das ...

Obwohl Elias W. Haack schon seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Großvater Wilhelm hat, lädt ihn dieser zu seinem 90ten Geburtstag ein. Widerwillig macht sich Elias auf den Weg nach Volkow. Das Dorf, das in den nächsten Monaten vom Erdboden verschluckt sein wird. Denn Volkow grenzt an ein riesiges Tagebaugebiet und die Kohlebagger graben sich stetig näher an das malerische Dorf. Bereits auf der Hinfahrt gerät Elias in einen Unfall und muss die letzten Meter zu Fuß laufen, ihm fällt auf das es zwar einen Weg in das Dorf hineingibt aber scheinbar keinen mehr hinaus. Als kurz darauf sein Großvater verstirbt, scheint das Deaster perfekt und je länger er in dem abgelegenen Volkow bleibt desto merkwürdiger und skurriler verhalten sich die Dorfbewohner. „Man kümmert sich umeinander.“ Ein Satz der so unscheinbar klingt aber eine unheimliche wichtige und tiefe Bedeutung über die Seiten entwickelt. Gepackt von der Neugier bleibt Elias eine Weile in Volkow und ahnt nicht, welch wichtige Rolle er spielen wird und das sich sein Leben danach für immer verändern wird...

„Unter der Erde“ durfte ich im Rahmen der Lovelybooks Crime Club Leserunde vorab lesen. Obwohl ich die Bände der „Zorn“- Reihe von Stefan Ludwig fast alle zu Hause habe (leider noch ungelesen), war „Unter der Erde“ mein erstes Buch von ihm.
Und es war gran-di-os und sa-gen-haft! Das hat in erster Linie drei Gründe. Der erste Grund war der, dass ich so einen Plot bisher noch nicht gelesen hatte und der Klappentext mich schon unheimlich angefixt hat. Diese Idee, in einem abgelegenen Dorf nähe eines Tagebaus, so ein dunkles Geheimnis zu platzieren, ist echt eine Abgefahrene. Dazu, als zweiter Grund, der wirklich absolut mitreißende Schreibstil von Stefan Ludwig. So lebhaft, bildhaft und packend das ich das Buch echt schwer weglegen konnte. Und zu guter Letzt der dritte Grund war bzw. ist der, dass im letzten Jahr der Tagebau Hambach groß im Medialen vertreten war und da ich in der näheren Umgebung lebe, war ich neugierig darauf, wie das Thema innerhalb eines Thrillers aufgenommen wird. Und ich bin definitiv nicht enttäuscht worden.
Dazu ist das Buch in sich in fünf Teile aufgeteilt, was einen angenehmen Lesefluss hervorruft. Während die ersten beiden noch viel Raum für Spekulationen und etwas langatmig schienen, weil unheimlich viel Input auf den Lesenden einprasselt, bekommt man in Teil 3-5 nur noch Schnappatmung und jede Menge Adrenalin ins Blut gepumpt. Laut meinem Lebensgefährten stand mir mehr als einmal der Mund offen und ich hab wohl unterbewusst mit dem Kopf geschüttelt. Er fand das Ganze amüsierend, ich schockierend. Meine längste Lesestrecke waren 161 Seiten am Stück!! Und das will was heißen. Daher kann ich „Unter der Erde“ wirklich nur empfehlen!

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