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Veröffentlicht am 27.02.2022

Chicago - Paris

Die Optimisten
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Von Chicago während der 80er-Jahre bis ins Paris der Gegenwart zieht sich die Handlung der Optimisten. Yale arbeitet für eine Kunstgalerie in Boystown, der Gay Community Chicagos, und steht vor dem Erwerb ...

Von Chicago während der 80er-Jahre bis ins Paris der Gegenwart zieht sich die Handlung der Optimisten. Yale arbeitet für eine Kunstgalerie in Boystown, der Gay Community Chicagos, und steht vor dem Erwerb einer nennenswerten Kunstsammlung aus den 1920ern. Doch kaum, dass der beruflichen Erfolg zum Greifen nahe ist, wird die Stadt von der beginnenden Aids-Epidemie eingeholt, welche nach und nach auch im eigenen Bekanntenkreis um sich greift. Während viele weniger an das HI-Virus glauben als an ihre sexuelle Freizügigkeit, kann Yale nur machtlos zusehen, wie zunehmend einige seiner engsten Freunde mit den Folgen der Infektion kämpfen und nacheinander aus dem Leben gerissen werden. Fiona, die ihren Bruder Nico an die Krankheit verloren hat, ist ihm derweil eine große seelische Unterstützerin.
 
Rund dreißig Jahre später begibt sich Fiona in einem mitlaufendem Erzählstrang nach Paris, um ihre verschwundene Tochter zu suchen. Dabei stößt sie auf alte Bekannte aus Chicago und wird aufs Neue mit den damaligen Ereignissen, Erlebnissen und Verlusten konfrontiert.
 
Makkai schreibt über Freundschaft und Leid, von Lieben und Lebenswegen, die sich durch den Tod trennen. Und sie schreibt über den gesellschaftlichen Umgang mit einer epidemischen Krankheit, die unaufhaltbar um sich greift. Inmitten der Gay-Szene Chicagos wird ein Räsonanzboden für eine gesellschaftliche Krise aufgebrochen, in der Wut und Trauer, sowie die Unfähigkeit zu Handeln, die Gedanken vernebeln. Ein großer und dicker Roman mit einer rundum packenden und eindrucksvollen Geschichte über eine gesellschaftliche Krise und dem optimistischen Blick nach vorn, trotz aller Unsicherheit und Ungewissheit. Thematisch zwischen Kunst und HIV-Ausbruch hat Makkai ein atemberaubendes Bild einer unsteten Epoche entworfen. Zwischendurch war die Geschichte auch mal etwas weiträumiger erzählt, aber ein 600-Seiten Buch kommt wohl eher selten ohne Längen aus. Meine Erwartungshaltung war groß, aber ich wurde nicht enttäuscht - riesen Leseempfehlung.
 

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Veröffentlicht am 22.02.2022

Berührend

Marianengraben
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Nach dem Unfalltod ihres kleinen Bruders stürzt Paula in eine schwere Depression. Eine zufällige Begegnung mit dem senilen Helmut führt zu einem spontanen Roadtrip mit Hund und Huhn im Gepäck. Eine Fahrt ...

Nach dem Unfalltod ihres kleinen Bruders stürzt Paula in eine schwere Depression. Eine zufällige Begegnung mit dem senilen Helmut führt zu einem spontanen Roadtrip mit Hund und Huhn im Gepäck. Eine Fahrt für Helmut, um die Asche seiner ausgebuddelten Ex-Frau in den Bergen zu verstreuen, und eine Fahrt für Paula, um sich von der Vergangenheit zu lösen und mit dem Geschehenen leben zu lernen.

Jasmin Schreiber ist mit Marianengraben eine leichte, humorvolle Geschichte über ernsthafte Themen gelungen. Als Protagonisten zwei grundverschiedene Menschen, die ineinander Halt und Trost finden und am Ende mehr gemeinsam haben als anfangs gedacht. Kapitel für Kapitel taucht Paula aus der Dunkelheit ihres Marianengrabens auf, als welchen sie ihre Trauer personifiziert. Toll geschrieben und sehr gerne gelesen, Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 11.02.2022

Der letzte Flug der Küstenseeschwalbe

Zugvögel
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In einer nicht allzufernen Zukunft sind die Ozeane leergefischt, die letzten wilden Tiere leben in Schutzzonen unter den sorgenvollen Augen von Wissenschaftlern, strengstens vor der Außenwelt abgeschirmt. ...

In einer nicht allzufernen Zukunft sind die Ozeane leergefischt, die letzten wilden Tiere leben in Schutzzonen unter den sorgenvollen Augen von Wissenschaftlern, strengstens vor der Außenwelt abgeschirmt. Und auch die Vögel sind nahezu vollständig verschwunden.

Mit dem Ziel, den letzten noch lebenden Küstenseeschwalben bei ihrem Flug von Grönland bis in in Antarktis zu folgen, heuert Franny auf einem der wenigen noch verbliebenen Fischkutter an. Sie überzeugt Kapitän und Besatzung ihrem eigentlichen Fanggebiet den Rücken zu kehren, denn die Vögel würden sowohl Franny Erkenntnisse über die Überlebensstrategie dieser Art liefern, aber auch den Seemännern den Weg zu neuen Fischgründen weisen. Denn da wo es die Seevögel hinzieht, wird auch Nahrung sein. Und so reisen sie über den Atlantik, folgen einzig und allein drei mit Peilsendern ausgestatteten Vögeln, und während sich Franny mit der Mannschaft anfreundet, wird sie nach und nach von der Vergangenheit eingeholt.

Ich hab das Buch komplett weggeatmet, was mitunter auch an der unheimlich bildhaften Sprache liegt. Hoffnung und Sehnsucht ziehen sich durch die gesamte Geschichte, das Auffinden eines als ausgestorben geltenden Wolfes gilt zwischenzeitlich als Sensation und ist eine Vision, an die man sich nicht gewöhnen möchte, die aber gar nicht mal so unrealistisch ist. Erinnert thematisch ein wenig an Maja Lundes Klimaquartett samt großangelegtem Artensterben sowie Catherine Poulains Protagonistin in "Die Seefahrerin". Genau im richtigen Gleichgewicht zwischen aufregend und zartfühlend erzählt und literarisch ein völliger Glücksgriff. Ich reihe mich gerne in die endlose Reihe an Leseempfehlungen ein.

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Veröffentlicht am 08.12.2021

Zuckersüß und herzerwärmend

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte
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Getrennt und abgeschirmt vor der uns bekannten Welt, auf einer Insel in einem himmelblauen Meer, steht ein Haus. Es ist ein Haus für elternlose Kinder, doch keinesfall eines für jene, wie wir sie kennen ...

Getrennt und abgeschirmt vor der uns bekannten Welt, auf einer Insel in einem himmelblauen Meer, steht ein Haus. Es ist ein Haus für elternlose Kinder, doch keinesfall eines für jene, wie wir sie kennen - obwohl diese Kinder auch hier klein und äußerst frech sind. Denn es handelt sich um ein Heim für Kinder mit ganz besonderen, magischen Fähigkeiten. Von der Regierung in völlige Abgeschiedenheit von der Außenwelt abgeschoben, leben hier sechs einzigartige Kinder und ihr Aufseher Artur Parnassus unter einem Dach. Die Kinder sind der Regierung ein Dorn im Auge, vor allem einer von ihnen: Lucy - der Sohn des Teufels!
Eine echte Herausforderung kommt also auf den Jugendamtmitarbeiter Linus Baker zu, der diesen Ort mal etwas genauer unter die Lupe nehmen und dabei überprüfen soll, ob der Aufseher das Teufelskind im Griff hat - denn es wäre fatal, wenn nicht! Ausgerechnet Linus, ein stiller Mann in den vierzigern, der sich nur zu gern hinter Regelwerken und Bequemlichkeiten versteckt und einem strikt getakteten Arbeitsalltag nachgeht. Ausgerechnet dieser unscheinbare Mann soll sein wohlgeordnetes Leben verlassen und findet dabei ganz unverhofft im Chaos das große Glück.

Klingt ziemlich kitschig, ist es auch mitunter. Auch die Handlung ist mehr oder weniger vorhersehbar, aber gerade dadurch ist es für mich zu einem einzigartigen Herzensbuch geworden, das auf ganz seichte Art große Themen wie Vielfalt, Toleranz und Loyalität abbildet und zeigt, wie lohnend es sein kann, eigene Prinzipien zu hinterfragen und sich auf Unbekanntes einzustellen. Die Charaktere gehen stark ans Herz, der Humor ist pointiert wirklich sehr wunderbar im Buch zerstreut, der Schreibstil lockerflockig und dabei mit einigen klugen Weisheiten durchsetzt. Klune hat ein tolles, vor allem emotionales Wohlfühlbuch geschrieben, das sich in rasantem Tempo in mein Herz geschlichen hat und das sich sowohl für jung und alt eignet. Totale Leseempfehlung aus der Kategorie zuckersüß und herzerwärmend.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Langsam lesen und genießen!

Phon
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Nadja und Lew sind die letzten verbleibenden Bewohner eines abgelegenen westrussischen Dorfes, dessen Einwohnerzahl seit über einem Jahrzehnt offiziell 0 beträgt. Die Beiden leben überwiegend autark, nur ...

Nadja und Lew sind die letzten verbleibenden Bewohner eines abgelegenen westrussischen Dorfes, dessen Einwohnerzahl seit über einem Jahrzehnt offiziell 0 beträgt. Die Beiden leben überwiegend autark, nur selten kommt noch ihr Sohn mit einigen Lebensmitteln vorbei. Nadja kümmert sich um Haus und Hof, füttert die Tiere und umsorgt ihren viel älteren Ehemann, der einst ihr Dozent war. Auf der anderen Seite des Dorfes, fast schon mitten im Wald gelegen, stehen die Ruinen ihres früheren gemeinsamen Traumes. Ein zoologisches Forschungslabor, das Stadtkindern die örtliche Fauna erlebbar machen sollte, jedoch aufgrund einer Tragödie vor langer Zeit schließen musste. Nun lauscht Nadja Nacht für Nacht in den Wald, wartet auf das Rattern eines fernen Zuges, welcher hin und wieder vorbeirauscht. Dem geheimnisvollen Lokführer gilt Nadjas Sehnsucht, verbindet doch beide irgendwie eine Form der Verbundenheit, die ihrer beiden Einsamkeiten umfasst - er im hellerleuchtetem Zug, sie im dunklen Wald.
Noch dazu treten neuerdings seltsame Geräusche am Himmel auf - ein Mysterium, das sich jeder Erklärung entzieht. Wie trompetende Wolken ziehen die Geräusche über den Himmel, scharren und knirschen, als ob Gott Möbel verrücke. Ein bedrohlicher Missklang, der sich wie ein Schatten über das Leben der beiden einsamen Dörfler legt, und zudem auch längst verdrängte Erlebnisse wieder zu Tage bringt.

"Phon" ist das Hintergrundrauschen des Lebens, anhand dessen Marente de Moor von einer tragischen, gut verschwiegenen Vergangenheit erzählt. Nadja, die eine tiefe Liebe zum Land mit der nationalen Personifikation Mütterchen Russland verbindet, lebt entfremdet von ihrem Mann in Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Der Westen gilt hier immer noch als fremdes Feindbild, doch mit der Forschungsstation werden nach und nach auch Europäer angezogen, die von Nadja "Europastandardschicki" genannt werden. Das Buch erzählt rückwärtsgewandt von einem Unfall, welcher Nadjas Leben einst aus den wohlgelenkten Bahnen schob, vermischt clever die Gegenwart mit der Vergangenheit und spinnt ein interessantes Gedankenkonstrukt, das dem Buch eine angenehm-leichte Spannung verleiht.

Marente de Moor erzählt in wunderschöner, langsamer Sprache von einem idealistischen Paar in der Wildnis Russlands, den Widrigkeiten eines einsamen Lebens in Abgeschiedenheit, dem folkloristischen Glaubensschatz und der Schönheit der russischen Natur. Und sie schreibt vom Vergänglichen, der Hoffnung und den Anstrengungen des Verzeihens. Atmosphärisch aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach ist "Phon" kein Buch zum schnellen Lesen, wohl aber zum Genießen der sehr zartgesponnenen Sprache.

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