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Veröffentlicht am 28.09.2021

Eine kleine Lektion in Physik, angereichert mit einer Prise Fantasy

The Upper World – Ein Hauch Zukunft
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“Es brauchte schon eine beeindruckende Mischung aus Dämlichkeit und Pech, um mitten in einen Bandenkrieg zu geraten, obwohl man nicht einmal Mitglied einer Gang ist. Ich schaffte das in weniger als einer ...

“Es brauchte schon eine beeindruckende Mischung aus Dämlichkeit und Pech, um mitten in einen Bandenkrieg zu geraten, obwohl man nicht einmal Mitglied einer Gang ist. Ich schaffte das in weniger als einer Woche. Und das war noch vor der Sache mit dem Zeitreisen.”

So beginnt der Debütroman des Quantenphysikers Femi Fadugba. Sein Protagonist Esso ist wissbegierig, gut in Mathe und verliebt in Nadia. Er wächst in South London auf, wo Kriminalität und Kämpfe zwischen Gangs an der Tagesordnung stehen. Als Bloodshed, ein Junge aus einer anderen Gang, verprügelt wird, ist Esso zufällig dabei. Doch der große Bruder von Bloodshed, D, nimmt es Esso übel, dass er daneben gestanden und nicht eingegriffen hat. Nun besteht auch für Esso die Gefahr, ein Opfer von Gewalt und Bandenkriegen zu werden.

“Aber obwohl ich mich wirklich bemühte, mich von jeglichem Ärger fernzuhalten, obwohl ich meiner Mutter aus tiefster Seele versicherte, dass ich mich benehmen würde, tat der Ärger leider nicht dasselbe.”

Der Roman verbindet Essos Geschichte mit Rhias, die fünfzehn Jahre nach Essos stattfindet. Rhia wächst bei Pflegeeltern auf, spielt leidenschaftlich gerne Fußball und braucht einen Tutor in Mathe und Physik. Als Dr. Esso als ihr Nachhilfelehrer in ihr Leben tritt, erfährt Rhia nicht nur mehr über ihre eigene Vergangenheit, sondern muss sich auch die Frage stellen, ob sie das Vergangene verändern will.

Physik, Mathematik, Zeitreise, Fantasy und der Lebensalltag eines Jungen in einem Problemviertel. All das verbindet der Roman auf gekonnte Weise miteinander. Er mag besonders im Mittelteil einige Längen haben, aber das tut der Überzeugungskraft der Geschichte keinen Abbruch und lässt auch seine Charaktere nicht blasser erscheinen.

Wenn ihr also wie ich “Physik nach der Mittelstufe abgegeben hab[t] […]. Bei der erstbesten Gelegenheit”, wenn ihr noch nie zuvor von den Experimenten eines Michelson Marleys, Kennedy Thorndikes oder Ives Stillwells gehört habt, wenn es euch nicht schaden würde, euch den Satz des Pythgoras mal wieder ins Gedächtnis zu rufen und wenn ihr nichts gegen einen Mix aus Naturwissenschaft und Fantasy habt, dann liegt ihr mit diesem Buch goldrichtig!

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Veröffentlicht am 28.08.2022

Die Geschichte einer Affäre

Ich verliebe mich so leicht
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“Ich verliebe mich so leicht” von Hervé Le Tellier ist wohl eher ein Roman als eine Novelle, der jetzt in deutscher Übersetzung erscheint. Das französische Original ist bereits 2007 erschienen, also lange ...

“Ich verliebe mich so leicht” von Hervé Le Tellier ist wohl eher ein Roman als eine Novelle, der jetzt in deutscher Übersetzung erscheint. Das französische Original ist bereits 2007 erschienen, also lange vor dem großen Erfolg, den der Autor mit “Die Anomalie” hatte.
Es geht um einen Mann um die fünfzig, der sich auf dem Weg nach Schottland befindet, um dort eine Frau zu treffen. Die beiden kennen sich seit zwei Monaten und hatten eine kurze Affäre in Paris. Doch die Frau ist verheiratet und will die Affäre nicht weiterführen und ihn eigentlich auch nicht mehr sehen. Der Protagonist ist sich dessen bewusst und fährt trotzdem hin. Auf einer Hauptstraße in Schottland treffen sie schließlich aufeinander.

Le Tellier erzählt eine Episode aus dem Leben, die nur scheinbar uninteressant ist. Es ist nur ein kurzer Ausbruch im Leben dieses Mannes, der sich dazu entschließt, für zwei Tage nach Schottland zu fliegen und dem es schwer fällt, mit der Affäre abzuschließen. Was an der Novelle heraussticht, ist der Erzähler, der nicht nur sehr präsent ist, sondern auch ein scharfer und vor allem humorvoller Beobachter ist. Trotzdem fehlt es dem Ganzen mitunter etwas an Tiefe und die Charaktere bleiben eher flach.

Insgesamt ist es eine kurzweilige Lektüre, die nicht an “Die Anomalie” heranreicht (und das ja auch gar nicht muss), aber zum Beispiel für die Zeit eines kurzen Fluges gute Unterhaltung bieten kann.

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Veröffentlicht am 31.07.2022

Eine Annäherung an das Leben der Marie de France

Matrix
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Als Marie mit siebzehn Jahren von der Königin in ein Kloster irgendwo in die tiefste englische Provinz geschickt wird, ist sie zunächst verzweifelt. Ihr Leben am Hof und ihre Liebe zur Königin rücken damit ...

Als Marie mit siebzehn Jahren von der Königin in ein Kloster irgendwo in die tiefste englische Provinz geschickt wird, ist sie zunächst verzweifelt. Ihr Leben am Hof und ihre Liebe zur Königin rücken damit in weite Ferne. Stattdessen ist sie umgeben von Armut und Kargheit. Doch bald schon erkennt Marie nicht nur ihre eigenen Stärken und Talente, sondern auch das Potential des Klosters und der Nonnen. Sie gibt sich nicht mit der passiven Rolle zufrieden, die für sie vorgesehen war und geht ihren ganz eigenen Weg.

Bevor man den Roman in die Hand nimmt, sollte man sich bewusst machen, dass er Marie de France und ihr Leben auf eine sehr freie Weise interpretiert. Das Leben der Nonnen im Kloster wird zwar glaubwürdig beschrieben und malt die Lebensbedingungen des 12. Jahrhunderts in kräftigen Farben. Aber Marie selbst wird zu einer Lichtgestalt idealisiert, die nicht nur alle Probleme des Klosters fast mühelos bewältigt, der bald ein Ruf als Heilige anhaftet, die all die kirchlichen Machthaber um ihren Finger zu wickeln weiß, sondern die vor allem nicht religiös ist und sich mir der Rolle, die die Kirche Frauen zur damaligen Zeit zuwies, widersetzt. Manch einer ihrer Texte mag diese feministische Darstellung berechtigen, gleichzeitig scheint manches zu überzogen, um der historischen Wirklichkeit entsprechen zu können.

Ich mochte Groffs Erzählstil und finde es auch mutig, dass sie sich wagt, über das 12. Jahrhundert und über eine Figur zu erzählen, deren Leben fast vollständig im Dunkeln liegt. Im Grunde ist es nämlich nur Marie de Frances Werk, das überliefert ist. Doch auch das muss an dieser Stelle erwähnt werden: Das Verfassen der zahlreichen Texte Marie de Frances spielt im Roman kaum eine Rolle, außer ganz zu Beginn. Dabei ist sie gerade für diese Texte bekannt.

Insgesamt überzeugt der Roman zu großen Teilen thematisch und durch seine Charaktere, hat aber immer wieder auch Längen und verliert sich zuweilen in etwas unglaubwürdigen Episoden. „Matrix“ ist kein perfektes, aber auch kein schlechtes Buch.

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Veröffentlicht am 25.07.2022

Das Schicksal zweier Frauen

Die Wunder
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Elena Medels Roman “Die Wunder” folgt den Schicksalen zweier Frauen, María und Alicia, Großmutter und Enkelin. Beide haben mit gesellschaftlichen und patriarchalen Strukturen zu kämpfen und versuchen, ...

Elena Medels Roman “Die Wunder” folgt den Schicksalen zweier Frauen, María und Alicia, Großmutter und Enkelin. Beide haben mit gesellschaftlichen und patriarchalen Strukturen zu kämpfen und versuchen, sich von Klassenzwängen zu befreien.
María muss nach der Geburt ihrer unehelichen Tochter Carmen ihren Heimatort verlassen und beginnt in Madrid zu arbeiten. Ihre Tochter entgleitet ihr immer mehr, bis sie den Kontakt zu ihr völlig verliert.
Alicia muss als junges Mädchen den Selbstmord ihres Vaters verkraften, der der Familie hohe Schulden hinterlässt. Mit ihrer Großmutter verbindet sie zunächst, dass auch sie ihre Mutter, Carmen, verlässt.

Das Leben beider Frauen gestaltet sich im Folgenden als ein Kampf um Freiheit, nicht zuletzt um finanzielle Unabhängigkeit und um eine Loslösung von gesellschaftlichen und patriarchalen Strukturen sowie von Klassenzwängen.

Wir erfahren aus dem Leben dieser Frauen in Rückblenden, in Form einer Aneinanderreihung von Momenten. Die Autorin gewährt tiefe Einblicke in das Innenleben ihrer Charaktere, indem sie fast ungefiltert, stellenweise einem inneren Monolog ähnlich, denken lässt.
Doch diese Form führt dazu, dass man sich nur schwer in die Geschichte hineinfühlen kann und dass man lange in bestimmten Momenten festgehalten wird. Das ist manchmal etwas ermüdend und vermag nicht so zu fesseln, wie man es sich wünschen würde. Dem Roman mangelt es daher an Bewegung und an Dynamik.

Das ist vor allem deshalb schade, weil er sich so wichtiger Themen annimmt, sie durch die Lebenswege zweier Frauen verkörpern lässt und die Strukturen und Funktionsweisen einer Gesellschaft analysiert, die diesen Frauen zahlreiche Steine auf den Weg legt.

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Roadtrip durch Frankreich

Die Paradiese von gestern
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Es ist das Jahr 1990 und Ella und René, ein junges Paar aus Ostdeutschland, befinden sich auf einer Reise durch Frankreich. Sie lassen sich treiben, finden sich auf der Dune du Pilat während eines Gewitters ...

Es ist das Jahr 1990 und Ella und René, ein junges Paar aus Ostdeutschland, befinden sich auf einer Reise durch Frankreich. Sie lassen sich treiben, finden sich auf der Dune du Pilat während eines Gewitters wieder und stoßen nur zufällig auf das Château Violet. Das Schloss ist ein ehemaliges Weingut, an dem die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat und das nur noch von der Besitzerin, Madame de Violet, und einem Diener bewohnt wird.

Der als kurze Übernachtung geplante Aufenthalt verlängert sich schon bald, verknüpft die Figuren miteinander und lässt unterschiedliche Welten aufeinanderprallen: den Osten mit dem Westen, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Charaktere hängen Welten und Vorstellungen nach, die es nicht mehr gibt oder noch nie gab und die nur in ihnen selbst weiterleben. So träumt Charlotte, die Gräfin, von dem florierenden Schloss aus den alten Tagen, Alain, der Sohn und Erbe träumt von seiner Kindheit und Ella und René projizieren Erwartungen auf den jeweils anderen, die diese(r) nicht zu erfüllen imstande ist. Die Figuren stehen sich damit manchmal selbst im Weg und werden, durch das Annehmen neuer Sichtweisen, dazu gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

“[S]ie waren auf der Suche nach einem Frankreich, das es seit über hundert Jahren nicht mehr gab und das sie aus den Romanen von Balzac, Flaubert und Maupassant kannten. Sie fuhren in eine neue Welt, um die alte darin zu finden, und dabei folgten sie ausschließlich ihren romantischen Vorstellungen."

Man muss sich als Leser schon einlassen auf diesen Roman, dessen Figuren nicht immer zu überzeugen vermögen. René und Ella wirken zuweilen melodramatisch und ihre Streitereien scheinen an den Haaren herbeigezogen. Aber diese Schwächen werden wettgemacht durch die Geschichte der Familie der Violets und das Schicksal der Gräfin, die durchaus anschaulich und lebendig erzählt werden. Und dann ist es vor allem die Atmosphäre, die den Roman trägt. Dieser Roadtrip durch Frankreich, der ganz große Lust darauf macht, selbst ins Auto zu steigen und loszufahren. Deshalb lohnen sich die über fünfhundert Seiten dann doch, trotz Schwächen.

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