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Veröffentlicht am 22.12.2019

Vom Träumen und Wachen

Strange the Dreamer - Der Junge, der träumte
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Lazlo Strange fehlt es an vielem. Einer Familie, einer Herkunft, Wohlstand und Schönheit. Seinen Nachnamen teilt er mit anderen Findelkindern, seinen Vornamen mit einem stummen Mann, den er nie kennengelernt ...

Lazlo Strange fehlt es an vielem. Einer Familie, einer Herkunft, Wohlstand und Schönheit. Seinen Nachnamen teilt er mit anderen Findelkindern, seinen Vornamen mit einem stummen Mann, den er nie kennengelernt hat. Doch bei all den Dingen, bei denen Lazlo leer ausgegangen ist, ist er mit einem gesegnet: seiner Fantasie.

Lazlo hängt an den alten Geschichten, die er in der Bibliothek, in der er arbeitet, aufstöbert und niederschreibt. Er hängt sogar so sehr an ihnen, dass er nicht zögert, sich Eril-Fane anzuschließen, als dieser in seinem Ort nach Gelehrten sucht.

Eril-Fane stammt aus der Stadt Weep, die nicht nur ihren richtigen Namen verloren hat, sondern die sich weiteren Mysterien ausgesetzt sieht. Die gleichen Mysterien, die Sarai und die anderen Kinder, die zur Hälfte von Göttern und zur Hälfte von Menschen abstammen, umgeben.

Sowohl die Kinder der alten Götter, von deren Existenz die Menschen von Weep nichts ahnen, als auch die Menschen von Weep selbst, die unter den alten Göttern litten, versuchen zu überleben und zurück zu ihrem alten, sicheren Leben zu kommen. Und Lazlo ist mittendrin.

Lazlo und Sarai sind junge Erwachsene, die noch zu jung sind, um sich an die alten Götter zu erinnern. Was sie wissen, stammt aus der Erinnerung anderer und dem, was sie erzählen.

Doch sie unterscheiden sich von anderen jungen Erwachsenen, wie auch viele Bewohner von Weep sich von anderen Menschen unterscheiden: Sie sind die Versehrten und Traumatisierten. Entweder litten sie durch die alten Götter, die Menschen nahmen, wie es ihnen passte, und auch nur dann zurückgaben, wenn sie es wollten. Oder sie litten unter dem Massaker, bei dem die alten Götter, und so viele andere, ums Leben kamen.

Es ist ihre Geschichte, die Strange the Dreamer erzählt. Die Geschichte jener, die überlebten, und sich mit dem was war und seinen Folgen für Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen müssen. Dabei hat Strange the Dreamer beides: starke Männer und starke Frauen, die sich in der phantastischen Welt von Laini Taylor mit Schrecken und Ängsten konfrontiert sehen, die auch Menschen jenseits jeglicher Phantastik kennen. Die Angst, jene zu verlieren und nicht beschützen zu können, die man liebt. Die Furcht, dass man selbst oder andere ihrer körperlichen und seelischen Unversehrtheit beraubt werden.

Dabei schafft es Laini Taylor, dass Lazlo und der Leser nach und nach von den Schrecken und den damit verbundenen Wünschen erfahren, und in diese hineinwachsen müssen. Stilistisch könnte man sich an manchen Stellen mehr „Show, don`t tell“ wünschen, um der phantastischen Welt des Träumers Lazlo näherzukommen. Doch dies kann die Geschichte um Lazlo und Sarai kaum weniger mystisch und spannend werden lassen. Denn eines ist sicher, sobald man sich auf die Geheimnisse der Romanwelt eingelassen hat: Man wird sie nicht mehr so schnell losbekommen

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.12.2019

Kanten und Kerben

Das Licht vergangener Tage
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Als sich der junge Kunststudent István und die angehende Schauspielerin Rebeka kennenlernen, sind die beiden noch am Anfang ihrer Karriere. Obwohl István ein talentierter Künstler ist, bekommt er durch ...

Als sich der junge Kunststudent István und die angehende Schauspielerin Rebeka kennenlernen, sind die beiden noch am Anfang ihrer Karriere. Obwohl István ein talentierter Künstler ist, bekommt er durch seine Malerei bereits früh Probleme.

Rebeka hingegen, die aus gutem Hause kommt und alle Regeln der Etikette beherrscht, wird schon bald auf der Bühne bewundert. So ist es, während sie die Tage mit István verbringt und für ihre Vorsprechen übt, nur eine Frage der Zeit, bis ein gut situierter Professor um ihre Hand anhält.

Doch als die Geschehnisse der 1950er-Jahre über Ungarn hereinbrechen, ist es nicht István, der vor Problemen steht, sondern Rebekka: Mit ihrem Vater soll sie das Haus ihrer Kindheit verlassen und in ein kleines Dorf weiter weg ziehen.

Als Rebekas gewohntes Leben auseinanderbricht, bittet sie ihren Verlobten, Professor Breitner, und ihren Freund István um Hilfe. Doch nur einer der beiden Männer ist bereit, sein gewohntes Leben für sie aufzugeben.

Das Licht vergangener Tage gehört zu jenen Romanen, die dem Leser auch Tage, nachdem man das Buch gelesen hat, noch im Kopf rumgehen. Nach und nach will die Vielschichtigkeit des Romans betrachtet und durchdacht werden. Er zeigt uns das Leben zweier junger Menschen, mit ihren Wünschen und Vorstellungen für die Zukunft. Und gleichzeitig zeigt er, welche Opfer für diese gebracht werden müssen und welche unerreichbar bleiben.

Und es ist wohl jene Unerreichbarkeit, die den Figuren ihre Tiefe gibt. Denn während Das Licht vergangener Tage zwischen der Vergangenheit der 1940er- und 1950er-Jahre, in der István, Rebeka und Breitner noch jung waren, und der jungen Vergangenheit der 2010er-Jahre schwankt, in der zwei von ihnen zu alten Menschen geworden sind und einer verstorben ist, weiß der Leser, dass es keine einfache Geschichte werden kann.

Und so schwebt das Geschehen des Romans zwischen dem, was ist, dem, was hätte sein können, und dem, was nie werden wird. Die historischen Ereignisse, die über die Personen hereinbrechen, sind zu groß für sie und verschlucken sie, um sie an einem anderen Ort wieder auszuspucken.

Nikoletta Kiss gelingt mit ihrem Roman Das Licht vergangener Tage vieles zugleich: Er ist erfüllt von der Leichtigkeit der Figuren und der Schwere der Ereignisse. Von der Veränderung der Leben, die diese führen können, und der Beständigkeit mancher Wünsche und Ziele.

Dabei erschafft sie Figuren, die im Gedächtnis bleiben, fernab von Kitsch und Klischee. Das Licht vergangener Tage braucht ein wenig Zeit, um sich zu entfalten, und so kann es mitunter ein wenig dauern, bis man mit den kantigen Besonderheiten der Personen warm wird. Doch sind es eben jene kantigen Besonderheiten, die die Geschichte tragen, auch, lange nachdem man den Buchdeckel geschlossen hat.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.11.2019

erfrischend authentisch, nah und nicht zuletzt selbstkritisch

Wir sind das Klima!
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"Wir sind das Klima!" ist eines jener Bücher, das man am liebsten allen Leuten, die man kennt und nicht kennt, empfehlen will. Zugleich ist es aber auch eines jener Bücher, von denen man weiß, dass eine ...

"Wir sind das Klima!" ist eines jener Bücher, das man am liebsten allen Leuten, die man kennt und nicht kennt, empfehlen will. Zugleich ist es aber auch eines jener Bücher, von denen man weiß, dass eine solche Empfehlung sehr gemischte Reaktionen hervorrufen wird.

Jonathan Safran Foers neues Buch beschäftigt sich mit einem Thema, das derzeit in aller Munde ist. Doch obwohl viel über den Klimawandel, seine Folgen und seine Ursachen gesprochen wird, setzt er sich auf eine Art und Weise mit diesem Thema auseinander, die erfrischend authentisch, nah und nicht zuletzt selbstkritisch ist.

Denn das, was Foer in diesem Buch tut, geht über das Sammeln von Fakten hinaus: Obwohl diese das Grundgerüst für das Reden über das Klima bilden, genügen sie laut Foer dem Anschein nach nicht allein, um individuelle und kollektive Veränderungen loszutreten.

Und dann fragte Foer nach dem »Warum«.

Er fragt, wie es sein kann, dass wir zwar auf der Faktenebene oft wissen, dass der Klimawandel verherrende Folgen für die Welt hat und haben wird, doch sich dieses Wissen oft nicht in Handlung niederschlägt. Es bleibt abstrakt. Viel abstrakter in jedem Fall, als die vertrauten gemeinsamen Mahlzeiten, oder die praktischen Fahrten zum Supermarkt um die Ecke.

Es ist eine der bedeutendsten Stärken von Foer, das er genau hinsehen will. Und, dass er in der Lage ist, das, was er sieht, unter dutzenden Zwiebelschichten von Emotionen freizuschälen. Foer liebt das Essen und die Traditionen seiner Familie. Sie sind nicht abstrakt, sie sind fest verankert. Doch Foer weiß, dass er sie auf geliehener Zeit genießt.

Doch "Wir sind das Klima!" ist kein trockenes Sammelsurium an Wissen. Foer verbindet die abstrakten, riesigen Zahlen der Forschung mit einer Geschichte über das Menschsein in seinen schwachen und starken Momenten. Denn obwohl viele Folgen zeitlich und räumlich weit weg erscheinen, sodass der Einzelne sie schwer fassen kann, kämpft sich Foer zu einem anderen Ansatz durch: Seine Bereitschaft, etwas zu verändern, damit es diesem Planeten vielleicht ein wenig besser gehen kann, kommt nicht daher, dass er es emotional begreifen kann, sondern, dass es getan werden muss. Foer kehrt die Reihenfolge um: Nicht emotionales Erfassen sorgt für seine Entscheidung, sondern seine Entscheidung ist der Startpunkt.

Jonathan Safran Foers Buch gehört bereits jetzt zu den Büchern, die man gelesen haben muss. Und je mehr etwas sich dagegen wehrt, desto mehr sollte man es tun. Sein Schreibstil ist lebendig, seine Ideen und Anekdoten originell und inspirierend, sodass das Buch trotz aller Intensität schnell gelesen ist. "Wir sind das Klima!" kann den Leser nur schwer kalt lassen, wenn sich dieser darauf einlässt, den Buchdeckel aufzuschlagen.

Veröffentlicht am 17.11.2019

Gedichte einer besonderen Frau

Liebe: Dunkler Erdteil
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Es dauerte nach dem Tod von Ingeborg Bachmann im Jahre 1973 kaum vier Jahre, bis der nach ihr benannte Ingeborg-Bachmann-Preis 1977 zum ersten Mal verliehen wurde.
Seitdem wird der Preis einmal im Jahr ...

Es dauerte nach dem Tod von Ingeborg Bachmann im Jahre 1973 kaum vier Jahre, bis der nach ihr benannte Ingeborg-Bachmann-Preis 1977 zum ersten Mal verliehen wurde.
Seitdem wird der Preis einmal im Jahr verliehen und ist zu einer der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum geworden.
"Liebe: Dunkler Erdteil" enthält Gedichte des Zeitraums als Bachmann ungefähr 16 Jahre alt war bis hin zu Gedichten, die sechs Jahre vor ihrem Tod entstanden sind. Viele der Gedichte des Buches sind bislang noch nicht veröffentlicht gewesen und aus ihrem Nachlass entnommen. Im Anmerkungsteil des Buches ist jedoch für jedes Gedicht angegeben, woher es stammte und ob andere Bearbeitungsstufen vorliegen.
Der chronologische Aufbau des Gedichtbandes ermöglicht es, den Veränderungen der Gedichte über die Jahrzehnte beizuwohnen. Doch fallen neben der Veränderung der Gedichte vor allem die ihnen gleichbleibenden Elemente auf.
Ingeborg Bachmanns Gedichte scheinen stets gefüllt zu sein von einem Lyrischen Ich, dessen Gedanken und Gefühle ihren Gedichten Struktur und Leben geben.
Bachmanns Gedichte sind gleichzeitig von Leichtigkeit und einer Schwere erfüllt. Während die Leichtigkeit vor allem durch ihre klare Struktur und ungekünstelte Form kommt, erwächst die Schwere aus ihrem Inhalt. Das Dunkle, Verlorene, nicht recht dazugehörende findet in einigen ihrer Gedichte Gestalt.
So laden die in diesem Band zum Teil erstmals abgedruckten Werke auch heute, über 45 Jahre nach ihren Tod, noch dazu ein, gelesen zu werden.

Ingeborg Bachmann: Liebe: Dunkler Erdteil
Gedichte aus den Jahren 1942–1967
Piper, München 2019
80 S., EUR 8,99
E-Book
ISBN 978-3-492-97461-5

Veröffentlicht am 16.11.2019

Vom Erinnern und dem Erzählen

Die Kunst der guten Erinnerung
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Sich die Geschichten aus dem letzten Sommerurlaub erzählen, gemeinsam Fotos aus dem letzten Jahr ansehen oder noch einmal lustige Momente des gestrigen Abends nacherzählen: Wer dem Erzählen schöner Momente ...

Sich die Geschichten aus dem letzten Sommerurlaub erzählen, gemeinsam Fotos aus dem letzten Jahr ansehen oder noch einmal lustige Momente des gestrigen Abends nacherzählen: Wer dem Erzählen schöner Momente in seinem Alltag Platz einräumt, tut bereits einiges für dauerhaft gute Erinnerungen und das eigene Glück.

Obwohl Meik Wikings neues Buch Die Kunst der guten Erinnerung aus der modernen Gedächtnis- und Glücksforschung schöpft, gelingt es ihm, die Leser und Leserinnen in ihrem Alltagserleben abzuholen. Dafür reichert er die Essenz wissenschaftlicher Theorien mit eigenen Erfahrungen an und schildert sie auf eine authentische, leichte und inspirierende Weise.

Somit hat Wikings neues Buch zugleich Feel-Good-Elemente und wissenschaftlich Hand und Fuß. Man lernt nicht nur einiges über das eigene Gedächtnis und seine Fehlbarkeit, sondern auch, wie diese genutzt werden können, um glückliche Erinnerungen zu festigen.

Wiking greift die verschiedenen Zutaten auf, die es braucht, um Erinnerungen zu festigen, und zeigt somit das Wesen der guten Erinnerung. Von Aufmerksamkeit, über die Erfassung eines Momentes mit allen Sinnen, bis hin zum Erzählen von Geschichten. Wer gute Erinnerungen und Glück schaffen will, wendet sich seiner Welt und seinen Mitmenschen zu. Nicht selten bleiben Wikings Erzählungen und Anekdoten vor allem im Gedächtnis, weil sie mit besonderen Details und menschlicher Wärme angereichert sind.

Die Kunst der guten Erinnerung ist ein Plädoyer für das Erzählen, das gemeinsame Erinnern und das Besondere im Alltäglichen. In kleine Geschichten und Abschnitte aufgeteilt, mit vielen Bildern und Grafiken angereichert, werden sogar Tabellen und Grafiken zu Hinguckern.

Zugleich ist Wikings neues Buch eine Einladung sich darauf einzulassen, sich stärker mit den eigenen Erinnerungen auseinanderzusetzen und diese zu bewahren. Viele seiner Tipps, Anleitungen und Gedanken sind gut in den Alltag zu integrieren, sodass sich der Leser oder die Leserin unweigerlich fragen muss, warum er oder sie nicht schon früher auf diese Weise die eigenen Erinnerungen angereichert hat.

Somit ist man nach dem Lesen von Die Kunst der guten Erinnerung zwar nicht schlagartig von allen schlechten Erinnerungen befreit und ausnahmslos glücklich, doch man fühlt sich mit einigen neuen Werkzeugen gerüstet, zukünftige Erlebnisse besser zu bewahren und somit das Glück, das sie in sich tragen, mit sich zu nehmen.

Meik Wiking: Die Kunst der Guten Erinnerung (2019)
und wie sie uns dauerhaft glücklicher macht
Bastei Lübbe, Köln 2019
288 S., Lifestyle, Hardcover
ISBN 978-3-7857-2663-1

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