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Veröffentlicht am 02.09.2022

Auch Beliebtstein kann stressig werden

Mein genialer Tod
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Sigge kann es noch gar nicht glauben. Anders als in seiner Klasse in Stockholm, wo er gemobbt wurde, ist er in seiner neuen Klasse beliebt. Selbst die Zwillinge Sixten und Jona, die mit dem Skateboard ...

Sigge kann es noch gar nicht glauben. Anders als in seiner Klasse in Stockholm, wo er gemobbt wurde, ist er in seiner neuen Klasse beliebt. Selbst die Zwillinge Sixten und Jona, die mit dem Skateboard unterm Arm rumrennen und lässige Sprüche klopfen, finden ihn cool. Und sie möchten, dass Sigge mit ihnen als „6 10 Apple“ bei der Weihnachtsfeier auftritt. Dabei kann Sigge doch gar nicht rappen! Und haben die beiden überhaupt schon eigene Texte?
„Chillen statt killen“, meinen Sixten und Jona, die lieber an ihrem Image als Old-School-Hip-Hopper feilen als an den (noch nicht existierenden) Liedern.
Bei all dem Stress ist es kein Wunder, dass Sigge komplett auf seine beste Freundin vergisst. Dabei entwickelt Juno, die gern bunte Perücken und Kimonos trägt, gerade die App "Happy Animals". Und die hat Sigge immerhin mit ihr gemeinsam entworfen. Aber nun geht er sehr nicht ans Telefon, schwänzt plötzlich die Schule und lässt Juno bei einem wichtigen Termin hängen.

„Mein genialer Tod“ ist ein Jugendbuch, das mit so viel Humor und Herzenswärme geschrieben ist, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Die Ängste und Sorgen von Sigge (es geht ums Nein-sagen-Lernen) sind stets nachvollziehbar, die Situationen, in die er gerät, kennt wohl (fast) jeder Jugendliche. Auch bei den Figuren hat man das Gefühl, dass man sie irgendwie kennt, auch wenn Jägerfeld sie sehr stark überzeichnet. Wie etwa Sigges Oma, die im Zebra-Hosenanzug rumläuft, Kette raucht, auf ausgestopfte Tiere steht und sich über die Überwachungsmethoden des Weihnachtsmanns mokiert. Oder auch Sigges nervige Schwester Majken, die beim Krippenspiel Jesus sein darf, plötzlich alles über die "heilige Geiß" weiß UND EINFACH NICHT IN NORMALER LAUTSTÄRKE REDEN KANN. (Majken, die dann ihre beiden Meerschweinchen mittels vieler, vieler Heliumballons auf die Reise schickt, um einen Film zu drehen.)
Und dann gibt es noch den eigentlich schüchternen Krille Marzipan, der sich für seine erste Statistenrolle beim Werbefernsehen vorbereitet.

Mit seinen 410 Seiten bewegt es sich das Buch an der Grenze zum Jugendbuch. Ein Spaß ist es aber sowieso für alle von 10 bis 110. Ich jedenfalls bin aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen und werde mir den Vorgänger „Mein geniales Leben“ auch nach Hause holen.


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Veröffentlicht am 30.08.2022

Traurig, brutal – und unheimlich schön geschrieben.

Die Rotte
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Elfi Reisinger wächst auf einem ärmlichen Hof auf. Der Vater leidet unter Depressionen, die Mutter, Lisbeth, ist diejenige, die alles mühevoll zusammenhält, jedoch kein Verständnis für die Krankheit ihres ...

Elfi Reisinger wächst auf einem ärmlichen Hof auf. Der Vater leidet unter Depressionen, die Mutter, Lisbeth, ist diejenige, die alles mühevoll zusammenhält, jedoch kein Verständnis für die Krankheit ihres Mannes hat. Schließlich nimmt sich Elfis Vater das Leben (so heißt es zumindest). Sein Körper wird erst Monate später am Grund des Sees gefunden, zu dieser Zeit ist Elfi bereits verheiratet, doch auch ihre Ehe ist nicht glücklich, denn ihr Mann Franz wird in der Rotte nie akzeptiert und häuft Schulden um Schulden an. Als Franz einen Schlaganfall erleidet und stirbt, bleibt Elfi allein zurück – mit der pflegebedürftigen Mutter und ihrem Sohn Herbert, der noch ein Baby ist.
Und immer steht der Firnbichler bereit, der Elfi den Seegrund abkaufen will – zuerst mit “geduldigem” Zureden und schließlich mit Drohungen und regelrechtem Psychoterror. Denn wie soll das die Elfi schon schaffen mit dem Hof, so ganz allein, als Frau?

Es ist ein sehr österreichischer, aber auch ein sehr poetischer Ton, den Marcus Fischer für seinen Roman “Die Rotte” gewählt hat und der tief eintauchen lässt in die Haut und die Gedanken der jungen Bäuerin. Denn Elfi leidet – wie schon ihr Vater – an schweren Depressionen. Als sie schließlich ganz allein übrig bleibt, mit der kranken Mutter, dem Säugling und einem Berg Schulden, zieht sie sich komplett in sich zurück und verbarrikadiert sich am Hof. So lernen wir sie am Beginn kennen, denn der Roman wird in Rückblicken erzählt.

“Die Rotte” beginnt still und unheimlich – und zieht einen hinein in einen Sog. Marcus Fischer nähert sich seiner Protagonistin mit unheimlich zartem Einfühlungsvermögen. Dem gegenüber stehen die brutalen Reaktionen der Dorfbewohner – und Dialoge, die so lebensecht sind, dass man meinen könnte, man stünde direkt daneben.

Die Rotte geht an die Nieren und ans Herz. Da schmerzts und gruselts beim Lesen, aber so richtig. Denn selbst wenn die Handlung frei erfunden ist, so weiß man, dass der Roman die brutale Lebensrealität in einem Provinznest in den 70ern einfängt.

Ein absolut intensives und sehr empfehlenswertes Buch – mit einem überraschenden Ende!

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Veröffentlicht am 13.08.2022

spannend, phantasievoll und absolut bezaubernd

Das Glashaus-Geheimnis
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Rosa ist dem geheimen Vermächtnis ihrer verstorbenen Großtante Adele auf der Spur, und sie muss sich ganz schön beeilen, denn die gierigen Verwandten (die nichts geerbt haben) scheinen offensichtlich zu ...

Rosa ist dem geheimen Vermächtnis ihrer verstorbenen Großtante Adele auf der Spur, und sie muss sich ganz schön beeilen, denn die gierigen Verwandten (die nichts geerbt haben) scheinen offensichtlich zu wissen, dass Tante Adele etwas Wertvolles besaß. Aber was kann das nur sein?
Zwar hatte Adele eine kleine Antikstube, die nun zu einem Blumenladen umfunktioniert werden soll, aber sonst war sie doch arm wie eine Kirchenmaus! Ihre Hinterlassenschaft besteht doch nur aus dem Geschäftslokal, vielen Uhren, einem Haufen Krimskrams und einem Äffchen … oder doch nicht?

Ein Buch für Kinder ab ca. 9, die alte Sachen, Geheimnisse und Rätsel lieben.
Vor allem aber besticht das Buch durch seine liebevolle Figurenzeichnung. Denn Rosa wächst in einer sehr liebevollen Familie auf und ihr bester Freund Sami ist ihr eine große Hilfe – ebenso wie Äffchen Uma.
Wem man noch begegnet: zum Beispiel drei entzückenden alten Damen, die mit Adele Doppelkopf spielten. Oder den Eissalonbesitzer Moretti, der herzzerreißend um Adele trauert, obwohl diese keinen einzigen seiner vielen Heiratsanträge angenommen hat. Und die bösen Buben? Die sind zwar ganz schön gruselig – aber Albträume bescheren sie dann zum Glück doch nicht, wenn das Buch weggelegt wird.

Dass die Autorin auch noch so eine begabte Illustratorin ist, macht dieses Buch auch optisch zur Perle. Das Cover bietet sogar ein haptisches Erlebnis, denn es hat eine Relieflack-Sonderausstattung.

Ein Buch, das Mütter, Omas und Tanten unbedingt mitlesen sollten (weil es auch für Erwachsene so ein schönes Leseerlebnis ist!)

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Veröffentlicht am 05.08.2022

witzig und spannend und very British!

Ein Date für vier (Neuausgabe)
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Eigentlich hat sich die vierzehnjährige Marleen schon auf die Sommerferien in Italien gefreut, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Leonie und Schwarm Franceso, den sie hofft, wiederzusehen.
Doch weil sie ...

Eigentlich hat sich die vierzehnjährige Marleen schon auf die Sommerferien in Italien gefreut, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Leonie und Schwarm Franceso, den sie hofft, wiederzusehen.
Doch weil sie und ihre ältere Schwester Ella ziemlich schlechte Englischnoten haben, beschließen Marleens Eltern, die beiden auf Sprachreise nach England zu schicken. So landet Marleen statt in bella Italia im verregneten Torquay.
Doch ganz so übel wie erwartet ist es dort dann gar nicht. Denn Marleen und Ella kommen bei Lady White unter, einer schrulligen Adeligen, die zwar nicht gut kochen kann, aber in einem überaus interessanten und riesigen (wenn auch ziemlich heruntergekommenen) Haus lebt und zwei äußerst attraktive Söhne hat. So wird der Sommer doch noch prickelnd – und auch mysteriös, denn am Schluss gibt es sogar noch einen Kriminalfall zu lösen.


Ulrike Rylance hat eine deutsch-englische Summerlove-Story für junge Teenager geschrieben, die sich flüssig liest, humorvoll geschrieben und auch wirklich spannend ist. Man folgt der Geschichte mühelos durch die Seiten – und selbst wenn jungen Leser:innen nicht jede englische Phrase verstehen, so tut dies der Geschichte keinen Abbruch, denn die wichtigen Informationen werden – eingebettet in einen Dialog zwischen Marleen und ihrer Schwester – in einer deutschen Zusammenfassung wiederholt. Wenn Leser:innen während der Lektüre also zum Wörterbuch greifen, dann tun sie es wahrscheinlich freiwillig.

Toll fand ich, dass tatsächlich jede der 208 Seiten illustriert wurde – und immer gibt es einen Bezug zum Text, sowie in den „Kritzeleien“ am Rand nochmals viel Englisch steckt. Dadurch wirkt das Buch gar nicht nach "Uff, Englischlernen", sondern macht sofort neugierig. Und genau darum geht es ja – um die Neugierde auf ein fremdes Land, eine fremde Sprache, eine fremde Kultur (und nicht darum, jedes einzelne Wort zu verstehen – immerhin können die Engländer ja auch kein Deutsch.)
Vor allem aber besticht die Geschichte durch die liebevoll gezeichneten Charaktere. So landet etwa eine Mitreisende – Cookie – bei einer indischen Familie, bei der man am liebsten selbst die Ferien verbringen möchte. Und auch Lady White und ihren riesigen Hund Rover mochte ich sofort.
An manchen Stellen wird's zwar ein bisschen gemein (armer Patrick, armer Konstantin), aber was wäre ein Mädchenroman, wenn es nichts zum Ätzen und Kichern gäbe? Und ja, ich muss zugeben, auch ich habe jedes Mal Tränen gelacht, wenn Klette Patrick (Ellas anhänglicher Freund mit den Segelohren) am Festnetztelefon der Lady White war.

Es wird noch ein bisschen dauern, bis meine Nichte alt genug für dieses Buch sein wird – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass „Ein Date für vier“ bei Mädchen von ca. 12/13 Jahren sehr gut ankommt. Ich jedenfalls habe mich sofort ins Jahr 1992 zurückversetzt gefühlt, als ich selbst auf Sprachreise in Brighton war.

Was mir besonders gut gefiel: Die Autorin lässt die Engländer tatsächlich so reden, wie sie es in England tun – und nicht so, wie man es im Unterricht lernt. Genau das macht den Charme dieses Buches aus – sowie ja auch den Charme einer Englandreise.

Fazit:
„Ein Date für vier“ ist ein kleiner Sprachurlaub (inklusive Sommerromanze) für alle, die es dieses Jahr nicht nach Torquay, Eastbourne oder nach Brighton geschafft haben.
(Wer das Buch seiner Tochter schenkt, darf sich allerdings nicht wundern, falls diese anschließend den Wunsch äußert, nächsten Sommer auch nach England fahren zu wollen.)

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Veröffentlicht am 12.09.2022

hochaktuell und intensiv

Bullauge
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Bei einem Einsatz auf einer Demonstration verliert der Streifenpolizist Kay Oleander ein Auge. Seitdem trägt er eine Augenklappe und ist im Krankenstand. Die anderen sehen in ihm einen Versehrten und empfinden ...

Bei einem Einsatz auf einer Demonstration verliert der Streifenpolizist Kay Oleander ein Auge. Seitdem trägt er eine Augenklappe und ist im Krankenstand. Die anderen sehen in ihm einen Versehrten und empfinden Mitleid, erwarten aber auch, dass Oleander sich in die neue Situation fügt. Obwohl er selbst das Gefühl hat, dass es ihm gar nicht so schlecht geht – immerhin sieht er mit nur einem Auge doch genauso gut –, weiß er, dass er nach seiner Rückkehr in den Innendienst wechseln muss. Doch Oleander hat seinen Job gern ausgeübt, trotz der Schwierigkeiten und Herausforderungen. Wenn er jetzt in den Spiegel sieht, erkennt er ein nutzloses Wrack. Oleander pendelt zwischen Wut, Selbsthass und Selbstmitleid. Als er schließlich private Ermittlungen zu seinem eigenen Fall aufnimmt, da die Kollegen nicht weiterkommen (oder es auch gar nicht erst so wirklich versuchen, wie es ihm vorkommt), stößt er auf den Namen einer Frau und eine Adresse. Doch ist Silvia Glaser, die sich nach einem Fahrradunfall, an dem ein Streifenwagen Schuld hatte, auf auf einen Gehstock stützt und Oleander von einem bevorstehenden Attentat der rechtsextremen Szene erzählt, die Werferin der Flasche? Friedrich Ani hat eine intensive Geschichte über zwei Versehrte geschrieben, die schließlich zueinander finden und beschließen, einen Anschlag, von dem nicht sicher ist, ob, wann und wo er stattfinden soll, zu verhindern versuchen. Ganz ohne künstliche Dramatik und mit viel Einfühlungsvermögen sich der Autor seinen Figuren und erzählt von lebensverändernden Verletzungen und dem Wunsch, das Richtige zu tun. Doch Oleanders Einsatz geht schief – und am Ende muss Oleander sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, erst gar nicht auf eigene Faust zu ermitteln. Bullauge ist ein hochaktuelles Buch einerseits über die Arbeit der Polizei, die sehr frustrieren kann, und andererseits über die Ausschreitungen der rechten Szene und die persönlichen Gründe, warum manche Menschen, die bisher nie auffielen, den Parolen und Verschwörungstheorien der Hetzer glauben.

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