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Veröffentlicht am 24.03.2017

“Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren"

Die Revolte des Körpers
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Alice Miller spricht in „Die Revolte des Körpers“ über das vierte Gebot und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft

“Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, ...

Alice Miller spricht in „Die Revolte des Körpers“ über das vierte Gebot und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft

“Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Dieses ist das vierte von zehn Geboten, die Mose laut dem Alten Testament auf dem Berg Sinai von Gott erhielt.

Alice Miller schreibt in ihrem 2005 erschienenen Buch „Die Revolte des Köpers“ über die Bedeutung dieses Gebots, das nicht nur Jahrtausende lang überleben konnte, sondern dessen Inhalt sogar ausschlaggebend für die Zielsetzung der Psychotherapie wurde.

Nach Miller wird in der vorherrschenden Therapie davon ausgegangen, dass das oberste Ziel die Versöhnung mit den Eltern sei. War die Kindheit noch so schlimm, wurde man misshandelt oder missbraucht, so solle man in der letzten Therapiestunde doch dazu bereit sein, seinen Eltern zu verzeihen und Liebe für sie zu empfinden. Nur so könne man von einer erfolgreichen Behandlung sprechen.

Mit dieser Auffassung wollte die Schweizer Psychoanalytikerin nicht länger konform gehen und gab ihre Arbeit nach zwanzig Jahren auf um sich mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschung in Form von mittlerweile elf Büchern an die Öffentlichkeit zu wenden.

Sie stellt sich gegen die Verleugnung der Gefühle, die das Resultat leidlicher Kindheitserfahrung darstellen, und möchte misshandelte Opfer ermutigen, die wahren Empfindungen nicht länger Zugunsten einer verinnerlichten, aber unreflektierten Norm zu unterdrücken.

Dostojewski, Franz Kafka, Virginia Woolf und Marcel Proust – sie alle verbindet nicht nur die Schriftstellerei, sondern auch eine komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. So zeugen Berichte über Dostojewskis Vater von maßloser Brutalität, und Proust war ein von seiner dominierenden und beherrschenden Mutter verängstigter Junge, der immer um ihre Zuneigung bangte. Kafka litt sein ganzes Leben unter der Furcht vor seinem Vater und Woolf wurde von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, ohne Hilfe von ihren Eltern zu bekommen. Sie alle teilten das gleiche Schicksal: Entweder sie starben früh an einer Krankheit oder nahmen sich selbst das Leben.

Anhand dieser biographischen Fakten verdeutlicht Miller ihre Theorie: Der unbewusste Versuch der Autoren dem christlichen Gebot Folge zu leisten und damit über die Grausamkeiten in der Kindheit hinwegzusehen, hieße nichts anderes als Traumata zu ignorieren. Zwar könne man oberflächlich positive Gefühle für die Eltern entwickeln, doch der Körper könne die Erfahrungen nicht verdrängen. Er habe sie registriert, gespeichert und wehre sich. Der Mensch wird krank – die Revolte des Körpers.

Wie sie in ihrem Buch erwähnt, brauchte Miller selbst vierzig Jahre um verdrängte Erinnerungen an Misshandlungen aufzuarbeiten. Sie löste sich von der traditionellen Moral, der sie nicht entsprechen konnte, und den damit verbundenen Schuldgefühlen.

Neben den eigenen Erfahrungen bezieht sich Miller auf Briefe, Biografien und Berichte anderer Opfer, deren Geschichte mit ihrer Theorie übereinstimmen.

Immer wieder macht sie auf die Gefahren aufmerksam, die eine Unterwerfung unter die Diktatur der Moral in sich bergen. So widmet Miller sich in einem nur vierseitigen Abschnitt dem Phänomen der Serienmörder und geht speziell auf die Biografie von Patrice Alègre ein, der mehrere Frauen vergewaltigt und erwürgt hat. Auch hier finden wir eine schlimme Kindheitsgeschichte mit einem gewalttätigen Vater und einer Prostituierten als Mutter, die mit ihrem Sohn nicht nur Inzest beging, sondern ihn auch als Wächter vor der Tür positionierte, wenn sie Kundschaft empfing. Für die Psychoanalytikerin ist der Fall klar: Die Verwirrung, die das sexuelle Verhalten der Mutter auf Alègre bewirkt, löst in dem Jungen den Wunsch aus, seine Mutter, während sie beim Verkehr stöhnt, zu töten. Da er aber den eigentlichen Hass unterdrückt und meint, sie zu lieben, ermodert er an ihrer Stelle andere Frauen.

Die Einfachheit dieser Analyse erscheint fast unglaubwürdig. Millers Argumentation lebt von einer plausiblen Logik, die sich auf alle ihre zahllosen Beispiele anwenden lässt. An scheinbar zu vielen Fällen lassen sich die Konsequenzen aufzeigen, die das Halten an das vierte Gebot mit sich bringt. Es ist wohl das Unkomplizierte, das Zweifel an Millers Theorie aufkommen lässt.

Gleichzeitig beweist die Analytikerin jedoch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrer langjährigen Forschungsarbeit ihre Unabhängigkeit von traditionellen Normen, indem sie ein altbewährtes System hinterfragt, sich mit einer klaren Begründung dagegen wendet und ihm eine nachvollziehbare und interessante Alternative entgegenstellt. Es ist lohnend, sich mit dieser neuartigen Sichtweise zu beschäftigen, zumal Miller sehr darauf bedacht ist, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden. Denn nicht zuletzt ist es ihr Ziel, die Gesellschaft und damit auch Opfer aufzurütteln und für das Problem des vierten Gebots zu sensibilisieren.

Veröffentlicht am 24.03.2017

Die Stärke des Todes

Das Phantom des Alexander Wolf
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Nachdem Gaito Gasdanow in seiner Heimat Russland in den 90er Jahren wiederentdeckt wurde, veröffentlichte nun der Hanser Verlag den ersten Roman (in Originalsprache 1947 erschienen) des Autors in deutscher ...

Nachdem Gaito Gasdanow in seiner Heimat Russland in den 90er Jahren wiederentdeckt wurde, veröffentlichte nun der Hanser Verlag den ersten Roman (in Originalsprache 1947 erschienen) des Autors in deutscher Übersetzung: „Das Phantom des Alexander Wolf"

Als 15-Jähriger meldete sich Gasdanow freiwillig zum Militär und kämpfte im Bürgerkrieg mit. Dann floh er erst nach Konstantinopel, dann nach Paris, wo schätzungsweise über 50.000 russische Emigranten Zuflucht suchten. Er lernte das harte Emigrantenleben kennen, schuftete als Lokomotivwäscher und Lastträger im Hafen, war teilweise obdachlos und arbeitete schließlich nachts als Taxifahrer, um tagsüber Vorlesungen besuchen zu können.

Ab 1926 tauchten die ersten Erzählungen des Autors auf. Auch im Exil schrieb er russisch.

Mit dem in den Feuilletons viel zitierten ersten Satz des Romans: „Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe." wird die Geschichte des Ich-Erzählers eingeleitet. Er erinnert sich an den russischen Bürgerkrieg, in dem er einen jungen Mann erschoss und mit seinem Pferd floh. Jahre später entdeckt er in einem Buch eine Geschichte, in der sein Erlebnis so detailliert beschrieben wird, dass er keine Zweifel mehr daran hat, dass sein vermeintliches Opfer noch lebt. Während er nach dem Autor sucht, lernt er Jelena kennen und verliebt sich in sie.

Gasdanow erzählt hier die Geschichte eines Mannes, der sich nach Jahren mit einer Realität konfrontiert sieht, die er nicht mit seinen starken, ihn ausfüllenden Erinnerungen vereinbaren kann. Ein stiller Streit, ein Krieg bricht aus zwischen den Protagonisten – um die Frage, ob das Schicksal zwingende, unabänderliche Entscheidungen trifft, um die Stärke des Todes und die Rolle des Menschen. Ein spannender, bis ins Kleinste durchdachte Roman, der es mit seinem Ende schafft, den Leser zu überraschen und gleichzeitig den letzten Baustein auf ein perfekt konstruiertes Werk zu setzen.

Veröffentlicht am 24.03.2017

Eine dystopische Gesellschaftsvision

Der Circle
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Geheimnisse sind Lügen. // Teilen ist Heilen. // Privatsphäre ist Diebstahl. - Das sind die goldenen Regeln des Circles. Drei Slogans, mit denen Eggers nicht nur auf Orwells "1984" verweist, sondern die ...

Geheimnisse sind Lügen. // Teilen ist Heilen. // Privatsphäre ist Diebstahl. - Das sind die goldenen Regeln des Circles. Drei Slogans, mit denen Eggers nicht nur auf Orwells "1984" verweist, sondern die Idee eines Überwachungsstaates auch ins digitale Zeitalter überträgt. Doch längst ist es nicht mehr "Big Brother", der alles und jeden beobachtet. Wir selbst werden zu Schöpfern einer gläsernen Welt, in der nichts mehr dem einzelnen gehört.

Nach "Zeitoun" und "Ein Hologramm für den König" greift der amerikanische Schriftsteller auch hier wieder hochaktuelle Themen auf und kreiert eine beängstigende Zukunftsvision. Mae Holland ist eine der glücklichen Angestellten des international beliebten Internetkonzerns "Circle". Eine Firma, die ihren Mitarbeitern alles bietet: hochmoderne Arbeitsplätze, Konzerte weltberühmter Popstars, ein von Sterne-Köchen zubereitetes 24-h-Buffet, Sportmöglichkeiten und jede Menge Partys.

Zehntausende junge, dynamische Beschäftigte arbeiten an neuen, visionären Ideen, die alle eins zum Ziel haben: Dem Menschen eine einzige Internetidentität zu bieten, über die alles abgewickelt werden kann. Die alle sozialen Netzwerke, Ämter und Banken überflüssig machen wird und darüber hinaus eine zentrale Sammelstelle für alle personenbezogenen Informationen wird. Doch damit nicht genug. Mithilfe von kleinen Kameras kann jede Stadt, jedes Geschäft, jedes Haus und jeder noch so abgelegene Ort beobachtet werden. Politiker, Circle-Mitarbeiter und Privatpersonen ermöglichen ihren Viewern mit einer Kamera, die sie um den Hals tragen, ihren gesamten Tag live mitzuerleben. Nichts bleibt mehr unbemerkt. Die Welt und das Leben werden transparent. Jeder hat Zugriff auf einen enormen Informationspool; keiner kann eine Straftat begehen, ohne sofort identifiziert zu werden; und niemand kann sich dem System entziehen, ohne gefunden zu werden.

Kurzum: Das totalitäre Überwachungssystem eines monopolistischen Unternehmens. Eine Ordnung, die moderne, technische Möglichkeiten mitsamt ihrem Entwicklungspotential ins Extreme führt. Eggers erschafft eine Dystopie, die nicht nur denkbar, sondern auch beängstigend nah zu sein schein. Und genau hier liegt vielleicht auch die Schwachstelle des Romans. Maes Naivität, ihre viel so leicht auszuräumenden Zweifel fügen sich wunderbar in das Gesamtkonzept des Romans, wirken aber gerade in Anbetracht der gegenwärtigen Diskussionen über den Schutz persönlicher Daten und der Privatsphäre befremdlich. Ohne nennenswerten Widerstand zu leisten, lässt Mae sich von den Vorteilen einer transparenten Welt überzeugen. Sie ist keine kritische Abweichlerin, kein Winston Smith, sondern eine dankbare Mitläuferin. Jegliches Misstrauen lässt sich mit wenigen Worten der Initiatoren aus dem Weg räumen; und die zahllosen Komplimente und bestätigenden Nachrichten im sozialen Netzwerk überschatten jedes negative Gefühl mit der Gewissheit, geliebt zu werden. Zehntausende junge, innovative und hochintelligente Mitarbeiter lassen sich völlig problemlos von wenigen Argumenten nicht nur überzeugen, sondern auch begeistern - stehen sie schließlich unter dem Druck, andernfalls nicht mehr Teil des soziales Netzwerks zu sein. Drohungen, psychische oder körperliche Bestrafen scheinen nicht notwendig. Dabei ist von Orwells überzeugender Subtilität bei Eggers nichts zu spüren. Die Manipulationstechniken sind erschreckend plump, die Gespräche durchschaubar, die Strategie des Circles offensichtlich. Es gibt keine Sprache zwischen den Zeilen. Nichts, was sich der Leser über das Gesagte hinaus noch denken könnte. Die Geschichte mitsamt seinen interpretatorischen Möglichkeiten wird ihm auf dem Silbertablett serviert.

Und auch wenn Eggers' Roman mit seiner dystopischen Gesellschaftsvision sowohl mit Spannung als auch mit einer guten Geschichtet aufwartet, drängt sich dem Leser die Schwachstelle des Romans unfreiwillig auf. Es fehlt die Komplexität. Die Heldin ist eine einfach gestrickte junge Frau, die manipulativen Techniken des Circles sind durchschaubar, es mangelt beim Lesen an gedanklichen Überraschungsmomenten - und an Subtilität und Tiefe.

Veröffentlicht am 24.03.2017

Spannend wie ein Krimi

Die geheime Geschichte
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Mit einem Stipendium beginnt Richard Papen sein Studium am College von Hampden in Vermont. Für den aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann ist das Leben fernab von seiner kalifornischen Heimatstadt ...

Mit einem Stipendium beginnt Richard Papen sein Studium am College von Hampden in Vermont. Für den aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann ist das Leben fernab von seiner kalifornischen Heimatstadt die Erfüllung seiner Träume. An der Universität trifft er schon bald auf eine Gruppe von Studenten, die sich alle für einen Griechischkurs bei Professor Julian Morrow eingeschrieben haben, und meist unter sich bleibt. Auf Außenstehende wirken die fünf Freunde unnahbar und arrogant. Doch Richard wird neugierig, findet Anschluss und wählt Griechisch als Hauptfach an. Er wird Teil der Gruppe und verbringt seine Zeit von nun an nur noch mit den Studenten.

Während Robert den Fünfen anfangs noch voller Bewunderung gegenüber steht, spürt er bald, dass die Stimmung zwischen ihnen angespannter wird. Zwischen Alkoholexzessen und philosophischen Diskussionen versucht er seine Rolle in der Gruppe zu finden und ahnt gleichzeitig, dass die anderen etwas vor ihm verheimlichen. Ein unaufgeklärter Mord wird zum Wendepunkt der Geschichte. Unsicherheiten, gefährliche Späße und Drohungen lassen die Gruppe auseinanderbrechen. Zerfressen von Misstrauen und Angst zerbrechen die Freundschaften und aus ehemaligen Freunden werden Feinde.

Was wie eine leicht daher kommende College-Geschichte beginnt, entwickelt sich zu einem tiefgründigen Roman über die menschliche Psyche. Donna Tartt hat sechs Jahre an diesem Roman gearbeitet, der nach eigenen Angaben einige biografische Elemente beinhaltet. Anders als es den Anschein hat, ist keiner der Charaktere glücklich. Doch erst durch den verübten Mord und die darauffolgende, alles beherrschende, Angst treten die Unzulänglichkeiten der Figuren deutlich zutage. Die Charakter stoßen an ihre Grenzen und der Leser muss tatenlos zusehen, wie sie mit der Schuld und Überforderung umgehen. Es ist eine Geschichte, die sich so spannend liest wie ein Krimi und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

Veröffentlicht am 24.03.2017

Abenteuer und Philosophie

Schiffbruch mit Tiger
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Als Pi Patels Eltern nach Kanada auswandern wollen, verkaufen sie ihren Zoo in Indien und beginnen ihre Reise mit dem Frachter „Tsimtstum“ über den Pazifik. Mit im Gepäck sind auch etliche Tiere, die in ...

Als Pi Patels Eltern nach Kanada auswandern wollen, verkaufen sie ihren Zoo in Indien und beginnen ihre Reise mit dem Frachter „Tsimtstum“ über den Pazifik. Mit im Gepäck sind auch etliche Tiere, die in einem Zoo in der neuen Heimat übernommen werden sollen.

Doch eines Nachts passiert die folgenschwere Katastrophe: Das Schiff sinkt und Pi rettet sich als einziger Überlebender auf eins der Rettungsboote. Mit ihm ein verletztes Zebra, eine Hyäne und ein Orang-Utan. In seinem überforderten Zustand rettet Pi auch noch den großen, bengalischen Tiger, Richard Parker aus der tobenden See und wird sich gleich seines schwerwiegenden Fehlers bewusst.

Es ist der Beginn einer langen, erschöpfenden Reise eines jungen Mannes, der sich schon als Kind zu drei verschiedenen Religionen bekannt hat. Auf der Suche nach einem tieferen Sinn im Leben hat er sich voller Inbrunst dem Buddhismus, dem Islam und dem Christentum hingegeben. Allen drei Religionen räumt er den gleichen Raum in seinem Leben ein. Dabei sieht er keinen Grund, sich für einen der Glaubensrichtungen entscheiden zu müssen.

227 Tage verbringt Pi auf dem Rettungsboot. Hunger und Durst sind der ständige Begleiter des indischen Jugendlichen, der seinen Vegetarismus hinter sich lassen muss, Fische und Schildkröten fängt, und unter der ständigen Nässe und dem allgegenwärtigen Salz leidet. Dabei ist Richard Parker beides: Eine lebensbedrohliche Gefahr und die einzige Gesellschaft, die Pi vor der zermürbenden Einsamkeit bewahren kann. Mit seiner kraftvollen Sprache präsentiert Martel die Zerrissenheit und Verzweiflung des Helden und nimmt den Leser mit auf die belastenden Monate auf dem offenen Meer.

Es ist die Geschichte, die Pi in allen Einzelheiten erzählt, als zwei Mitarbeiter des japanischen Verkehrsministeriums ihn im Krankenhaus besuchen und sich nach dem Unfall des Frachters erkundigen. Doch als die Japaner erhebliche Zweifel an den Ausführungen des Überlebenden anmelden, präsentiert Pi eine weitere Geschichte – von ihm, seiner Mutter, einem Matrosen und einem Koch. Eine Geschichte, in der nach Mord- und Todschlag nur er übrig blieb.

Seinen Zuhörern überlässt er die Entscheidung darüber, welche der beiden Geschichten nun die besser - und die wahre ist. „Und genauso ist es mit Gott“, schließt er seine Erzählungen. Und damit lässt er nicht nur die zwei Japaner in Unsicherheit – sondern auch den Leser, der, wie ich, mit gemischten Gefühlen zurückbleibt.

Es ist die lebendige Erzählweise, die Martels Roman so locker-leicht daherkommen lässt – und eine Geschichte, die skurril, schräg und fast humorig wirkt. Doch „Schiffbruch mit Tiger“ steckt auch voller Symbolik und philosophischen Überlegungen. Es geht um die Glaubwürdigkeit von Dingen, die sich nicht nachprüfen lassen. Und um die Beweggründe, die Menschen zu ihren Entscheidungen führen. Der Roman lässt dem Leser nicht nur die Entscheidung, welche der Geschichten er für die wahre hält, sondern auch, wie weit er in der Tiefe der Geschichte von Pi schürfen möchte.