Aus männlicher Sicht
ArendalKurz vor Arendal zickte Syverts Wagen. Er war geschäftlich in Kongsberg und auf dem Weg zu seiner Familie. Obwohl er das Gaspedal durchtrat, sank die Tachonadel weiter und pendelte sich auf dreißig Stundenkilometer ...
Kurz vor Arendal zickte Syverts Wagen. Er war geschäftlich in Kongsberg und auf dem Weg zu seiner Familie. Obwohl er das Gaspedal durchtrat, sank die Tachonadel weiter und pendelte sich auf dreißig Stundenkilometer ein. Hinter ihm fuhren drei Autos, die nicht überholen konnten, weil die Strecke unübersichtlich war. Die Nervosität der anderen Fahrer ließ ihn an einer Bushaltestelle rechts ranfahren. Als er ausstieg, um die Motorhaube zu öffnen, spürte er die -20 °C kaum. Ein alter Cortina hielt und der Fahrer kurbelte das Fenster herunter, fragte, ob er helfen könne. „Nein, aber vielen Dank.“
Nachdem er die Motorhaube wieder verschlossen hatte, lief er die Straße zurück, weil er sich an einzelne Häuser erinnerte. Im ersten Haus reagierte niemand auf sein Klopfen. Im zweiten wurde die Tür geöffnet, noch bevor er die Hand heben konnte. Er durfte das Telefon benutzen und rief den Abschleppdienst an, danach erreichte er Evelyn und teilte ihr mit, dass er es heute nicht mehr nach Hause schaffen werde.
In der Werkstatt lieh man ihm einen VW-Käfer, damit fuhr er nach Arendal. Einem Impuls folgend hielt er an der Kirche, in die seine Großmutter immer gegangen war, stieg die Stufen zum Portal hoch, doch die schwere Holztür ließ sich nicht öffnen. Hier hatten sie gestanden, die, die nicht mehr ist und seine Mutter, die alt ist. Er erinnert den Garten, der für ihn der Sonntags- oder Feriengarten war, mit den Obstbäumen, auf die er nicht klettern durfte.
Fazit: Karl Ove Knausgård, einer der wichtigsten norwegischen Autoren der Gegenwart, ist seiner Linie treu geblieben. Er hat in seinem fünften Buch der Morgenstern-Reihe das Thema Einsamkeit zum Thema gemacht, um die Abgründe des menschlichen Daseins zu verdeutlichen. Sein Protagonist ist Mitte dreißig, verheiratet und Vater zweier Söhne. Er findet sein Glück nicht in der Beziehung zu seiner unterkühlten Frau, zu der er als Berufspendler immer wieder zurückkehrt. Aufgerieben zwischen seiner Loyalität, seinem Verantwortungsbewusstsein und der Sinnlosigkeit seines Daseins, versucht er seinen Kummer im Alkohol zu ertränken, bis es aus dem Ruder läuft. Die Autopanne zwingt ihn zu einer Nacht in dem Ort, in dem er aufgewachsen ist. Schlaflos irrt er durch die Straßen und hängt seinen Gedanken nach. Der Autor lotet sehr fein die Sehnsüchte und Beweggründe eines Mannes aus. Die Scham, sich seinen Gefühlen zu stellen, wird so groß, dass er immer exzessiver trinken muss. Am Ende trifft er eine schwerwiegende Entscheidung, vor der er sich lange gedrückt hat. Es geht um Einsamkeit und innere Zerrissenheit. Sehr erhellend nach all den Frauenstimmen der letzten Jahre, auch einmal einem Mann zuzuhören.