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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2021

Aufwühlend und authentisch

Elbstürme
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Mit großer Freude halte ich den 2. Band in Händen und bin gespannt, ob mich die Geschichte um Lily und Jo ebenso verschlingt, wie es Teil 1 getan hat.

Los gehts:
Bereits nach wenigen Seiten sitze ich ...

Mit großer Freude halte ich den 2. Band in Händen und bin gespannt, ob mich die Geschichte um Lily und Jo ebenso verschlingt, wie es Teil 1 getan hat.

Los gehts:
Bereits nach wenigen Seiten sitze ich neben Lily in der Buchhandlung Huckabee & Huckabee. Der dampfende Assam Tee über dem heißen Kessel weht uns um die Nase. Das ist einer der schönsten Orte für Lily in Liverpool. Doch nun, nach drei Jahren Ehe, kehrt Lily mit ihrem Mann Henry und ihrer Tochter zurück nach Hamburg. Hanna, ein Kind der Liebe in einer Ehe, die eine Farce ist. Doch das waren die damaligen Zeiten.

Was mich aufwühlt:
Es dauert nicht lange und wieder kriechen Schrecken und Grausamkeiten der damaligen Zeit durch die Seiten. Das Buch belastet mich sehr beim Lesen. Weitaus mehr als die von dunklen Geschichten wie Dark Romance, die in der Gegenwart spielen und mich beim Lesen auch nicht mit Samthandschuhen anfassen. Ich weiß, dass ich mich gerade wie ein Weichei lese, und es könnte mir egal sein, was vor über 130 Jahren passiert ist, aber genau hier trennt sich bei Autoren die Spreu vom Weizen und so ist es mir mit Nichten egal.

Georg wirft mich in eine Welt, deren grausame Realität mich schier erdrückt. Einiges ertrage ich kaum und ich möchte es am liebsten überlesen, aber ich bin tapfer, denn Jo, Lily, Emmy, Charlie, Michel und all die anderen sind es auch. Sie sind mir in dieser Dilogie derart nahegekommen, das ich das Gefühl habe, sie gehören zu meinem Leben. Liebe Miriam Georg, du hast mir mit diesen Büchern ein wahnsinniges Geschenk bereitet. In jeder Zeile schlägt der Puls der vergangenen Tage. Lauter als mein eigener und durch ihn habe ich einen neuen Blick auf die Gegenwart erhalten und diesen Blick möchte ich nicht mehr missen.

Was mich Demut lehrt:
Es gibt nur wenige Momente, die mich Lächeln lassen, aber ich inhaliere jeden Einzelnen davon. Im Nachgang frage ich mich, wie die Menschheit überleben konnte. In einer Zeit, in der wir Menschen so anfällig für Krankheiten waren, gegen die es keine Medizin gab, die Hygiene in den Kinderschuhen steckte und die Armut mit dem einhergehenden Elend und der Hungersnot riesig waren, erstaunt mich im Hier und Jetzt umso mehr. Und auch meine Wurzeln reichen in diese Zeit zurück und ich frage mich, welche Rollen meine Vorfahren innehatten. In welchen Berufen verdingten sie sich, welchen Krankheiten erlagen sie. Ich werde es nie erfahren.

Das Sprachbild ist offen, anschaulich, mitreißend, begleitet von einer Ernüchterung und Ehrlichkeit, die mir oft eine Gänsehaut der Furcht über den Rücken jagt. Georg schont weder die Figuren noch ihre Leserschaft, doch genau das ist der ursprünglichste Austausch, den es zwischen Leser und Autor geben kann: auf Augenhöhe, direkt, offen und ungeschönt.

Mein Fazit:
„Elbstürme“ trägt seinen Namen zurecht. Mehr als einmal braust die Geschichte mit Orkanstärke durch mich hindurch und droht mich zu brechen. Es passiert so viel und es gibt nicht eine Stelle, die mich dazu bringt, irgendetwas zu hinterfragen. Ich bin gefangen in den Seiten und getragen durch Ereignisse, die meinen Herzschlag beschleunigen. Mein Mund wird trocken und das Schlucken fällt mir schwer.

Selten kriecht mir eine Geschichte derart unter die Haut, verfolgt mich bis in meine Träume und betrübt mein Herz. Doch mit all der Schwere, die dieses Buch mit sich bringt, überschüttet es mich mit einer Dankbarkeit für mein Leben mit all seinen Privilegien in der Gegenwart. Mit „Elbstürme“ richtet Georg meinen Blick auf all das, was vor nicht allzulanger Zeit undenkbar war. Verlieren wir den Zugang zur Vergangenheit, verlieren wir den Zugang zu uns selbst, das dürfen wir nie vergessen.

Von mir erhält „Elbstürme“ 5 grandiose Sterne von 5 und eine absolute und unbedingte Leseempfehlung.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2021

Das ist kein Buch für mich

Girl At Heart
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Girl at Heart
von Kelly Oram, 320 Seiten, erschienen am 27.11.2020, ONE

Du bist genau richtig, wie du bist!

Ich brauche Ablenkung:
Nach einem Buch mit schwerem Inhalt möchte ich unbedingt auf andere ...

Girl at Heart
von Kelly Oram, 320 Seiten, erschienen am 27.11.2020, ONE

Du bist genau richtig, wie du bist!

Ich brauche Ablenkung:
Nach einem Buch mit schwerem Inhalt möchte ich unbedingt auf andere Gedanken kommen und wähle bewusst diese Geschichte aus, in der Hoffnung, leichte und angenehme Unterhaltung zu finden: In dieser Story stehen Charlie, 18 Jahre alt und ihr bester Freund Eric, sowie Jace, 18 Jahre alt und Kapitän der Baseballmannschaft und seine Zwillingsschwester Leila im Mittelpunkt. Das Buch ist leicht, es ist nett, aber es reißt mich nicht mit.

Die Umsetzung:
Der Schreibstil liest sich flüssig, leicht und das Buch bietet mir etliche romantische Augenblicke, die ich genieße. Charlie wirkt an einigen Stellen naiv, aber ich fühle mich wohl mit ihr. Ebenso mit Jace. Er ist ein wunderbarer Teenager, den ich gerne fest in die Arme schließen möchte. Das kann ich nicht von allen Jungs aus Charlies Freundeskreis sagen.

Oram schenkt mir ein gelungenes Setting und so sehe ich die meisten Szenen lebhaft vor Augen. Das Buch schenkt mir ein angenehmes Grundtempo und Dialoge, die mich zum Lachen bringen. Es ist eine Story der leisen Töne und bietet keine aufregenden Momente, die meinen Herzschlag beschleunigen, aber das ist völlig okay. Ich kann abtauchen und mich treiben lassen. Die Geschichte wird aus Charlies Ich-Perspektive im Präsens geschildert.

Was nicht gelungen ist:
Die Geschichte hat keinerlei Tiefe und nicht alle Figuren agieren wie junge Erwachsene. Im Buch wird eine Prüderie zur Schau gestellt, die konträr zu den volljährigen Protagonisten steht. Die Rollen von Charlies Kumpels sind an manchen Stellen fragwürdig. So wenig Empathie ist erschreckend und für mich sind es keine Freunde. Dazu verletzen sie Charlie zu oft.

Was für mich nicht akzeptabel ist:
Der innere Konflikt von Charlie überzeugt mich nicht und liest sich konstruiert. Für mich passt die Art der Selbstfindung nicht zu einer achtzehnjährigen. Mit dreizehn Jahren wäre ich eher einverstanden. Sie hadert damit, nicht normal zu sein, weil sie einen Männersport ausübt und sich nicht zwingend wie ein Mädchen kleidet und schminkt? Ernsthaft? Mein Kopf wackelt beim Lesen häufig vor Unglaube, was hier für ein unzeitgemäßes Bild an die junge Leserschaft vermittelt wird. Ich benötige nach dem Lesen dringend eine Massage.

Mit diesen klischeehaften Ansichten kann ich mich nicht identifizieren. Ich war als Kind und Teenie immer mehr Junge als Mädel, aber habe das nie als „Andersartigkeit“ gesehen. Ich bin stolz darauf, wie ich war und heute bin. Und früher wie heute style ich mich durchaus Klamotten technisch auf, komplett ohne Schminke und High Heels. Ich sehe mich in jeder Sekunde meines Lebens als Vollblutfrau. Warum auch nicht? Das geht wunderbar in legeren Schlabberklamotten.

In den Seiten staubt es gewaltig:
Das Buch vermittelt derart altbackene Geschlechtsstereotypen, das sich meine Nackenhärchen aufstellen. Die Zeit, die Welt in Himmelblau und babyrosa einzuteilen, ist zum Glück vorbei. Doch was beim Gendermarketing funktioniert, klappt ebenso in Büchern. Es ist mehr als bedauerlich, dass sich dieses antiquierte Gedankengut noch immer in der Gegenwartsliteratur hält und damit der jungen Zielgruppe suggeriert, dass nur das „normal“ ist und alles andere eben nicht. Und dieses beschriebene „Kichern“ und laute „Quietschen“, oh man, da bin ich so wenig Frau, denn das nervt mich nur.

Mein Fazit:
„Girl at Heart“ ist eine nette, kurzweilige und klischeebeladene Lovestory, die wenig Überraschungen bietet. Der gelungene Schreibstil zieht mich spielerisch durch die Seiten und entführt mich in Windeseile in eine andere Welt. Oram vermittelt historische und zum Glück längst überholte Botschaften an ihre junge Leserschaft, was ich nicht gutheiße. Charlies Konflikt liest sich überdramatisiert. Wie kann etwas falsch sein, das sie selbst so sehr liebt. Und wie kann sie etwas sein, das sie nur mit Schminke, neuen Klamotten und Gekicher erreicht, was sie ohne nicht ist?

„Girl at Heart“, es ist stellenweise süß, es ist unschuldig, es ist oberflächlich, es ist prüde, es ist verstaubt und es ist so gar nicht mein Buch. Aufgrund des gelungenen Schreibstils und einiger schöner Lesemomente erhält das Buch 3 Sterne von 5. Wegen der für mich nicht annehmbaren und äußerst fragwürdigen Botschaften fällt es mir schwer, eine Leseempfehlung auszusprechen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Die Trilogie startet spannungsvoll

Deluxe Dreams
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Wenn Träume wahr werden, muss es kein Märchen sein.

Und los geht’s:
Dies ist mein erstes Buch von Karina Halle und sie zieht mich flott in die Geschichte hinein. Zuerst erlebe ich eine Rückblende mit ...

Wenn Träume wahr werden, muss es kein Märchen sein.

Und los geht’s:
Dies ist mein erstes Buch von Karina Halle und sie zieht mich flott in die Geschichte hinein. Zuerst erlebe ich eine Rückblende mit Olivier, die zehn Jahre zuvor spielt und mich mit Fragen zurücklässt, ehe ich mich an Sadies Seite in Nizza wiederfinde und kaum zum Durchschnaufen komme. Die amerikanische Collegestudentin ist als Rucksacktouristin in Frankreich unterwegs. Es wird gefahrvoll und dann zuckersüß wie ein Märchen, doch wer Märchen kennt, der weiß, das es nie lange so bleibt, ehe dunkle Wolken aufziehen. Und so ist es auch hier. Doch Halle lässt mich die Sonne einige Momente genießen und so nehme ich das bildhafte Setting tief auf.

Liebenswerte Figuren:
Sadie Reynolds (23) aus Seattle, ist mir sofort sympathisch. Sie ist ein bodenständiger Charakter, ehrlich und empathisch. Sie braucht keine Glamourwelt, um glücklich zu sein. Olivier Dumont (30) passt toll zu ihr und wirkt anziehend auf mich. Nicht jede seiner Entscheidungen teile ich, doch mir steht nur der passive Part im Buch zu. Die Entwicklung der beiden liest sich authentisch.

Das ist Liebe:
Der atmosphärische Wechsel, der jede Szene gut einfängt und mich alles fühlen lässt, bietet mir Abwechslung. Die Story nimmt Fahrt auf, es wird spannungsvoll und immer wieder prickelnd heiß. Einiges entwickelt sich schnell, doch die Emotionen zwischen Sadie und Olivier sind stimmig. Am Anfang ist es die pure Leidenschaft, die die beiden ins Bett treibt, aber rasch mischen sich tiefergehende Gefühle in die Seiten, die mich überzeugen. Liebe ist so. Sie rauscht wie ein Gebirgsbach über einen Hinweg und man kann sich nur mitreißen lassen. Gewaltig und ehrlich. Der Schreibstil ist flüssig und leicht zu lesen, romantisch, frech, charmant und emotional. Die Geschichte wird mir abwechselnd aus den Ich-Perspektiven der Protagonistin im Präsens geschildert.

Mein Fazit:
Deluxe Dreams bietet mir all das, was ich beim Lesen liebe: Love, Sex und etwas Crime. Die Figuren sind nicht an allen Stellen hundertprozentig ausgearbeitet, aber ich identifiziere mich dennoch spielend mit ihnen, auch wenn ich mir eine Entscheidung anders gewünscht hätte. Dazu Nebenfiguren, auf deren Geschichten ich mich jetzt schon freue. Halle schenkt mir eine Reihe intimer Augenblicke, die alle knisternd und feurig geschrieben sind. Damit trifft sie genau meinen Lesegeschmack. Es gibt Stellen, da hätte der Story mehr Raum gutgetan. Mit diesem Buch habe ich prickelnde und aufregende Lesestunden, wie es sein soll.

Von mir erhält das Buch aufgrund kleiner Schwächen 4 begeisterte Sterne von 5 und eine unbedingte Leseempfehlung.

Ab 22.06.2021 geht es mit Deluxe Love und der Geschichte von Seraphine und Blaise weiter. Das verspricht ein Gefühlsfeuerwerk.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.04.2021

Packend und tiefgründig

Eines Tages für immer
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Die Wahrheit kann mit einem Schlag Zerstörung bedeuten, doch Unwissenheit zermürbt langsam, quälend langsam und nicht minder toxisch.

Für mich ist es das erste Buch von Clare Empson und es trifft mich ...

Die Wahrheit kann mit einem Schlag Zerstörung bedeuten, doch Unwissenheit zermürbt langsam, quälend langsam und nicht minder toxisch.

Für mich ist es das erste Buch von Clare Empson und es trifft mich mit einer Wucht, die nicht vorhersehbar war.

Zur Handlung:
Luke ist adoptiert und auf der Suche nach seinen Wurzeln. Erstaunlicherweise wird er fündig und genau dort setzt die Geschichte ein.

Die Umsetzung:
Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, (1972 und 2000) die sich durch kurze Kapitel abwechseln, was ich grandios finde, da ich so nie den Faden einer Zeit verliere. Die Story bietet jede Menge Konfliktpotential, das ich nicht immer sofort erkenne. Die Figuren sind vielschichtig und gut ausgearbeitet, die Dialoge kostbar und an einigen Stellen Trost spendend.

Empson verzichtet auf jeden Schnickschnack in ihrer Schreibweise und bringt alles prägnant auf den Punkt. Ihr Schreibstil ist knackig und weitestgehend flüssig zu lesen. Manchmal findet sich am Kapitelanfang aus Lukes Sicht ein Textauszug von Joel Harris, der mit wenigen Worten eine Situation zusammenfasst, die wohl genau so häufig zutrifft. Gelegentlich überläuft mich davon beim Lesen eine Gänsehaut und dann stoße ich mich an einer Pauschalisierung, die ich ablehne.

In „Eines Tages für immer“ geht es um die große Liebe, tragische Ereignisse und den Zusammenhang der Vergangenheit mit der Gegenwart. Ich bin begeistert, mit welcher Leichtigkeit mich Empson durch die Seiten zieht, in denen das Leben tobt, doch nach einer Weile wird es immer dunkler.

Das Buch habe ich an einem Tag durchgelesen und es ist nötig, alles sacken zu lassen, damit die Botschaft seine Kraft entfalten kann, und in diesem Buch stecken einige bedeutende Erkenntnisse. Die Geschichte wird aus den Ich-Perspektiven von Alice und Luke im Präsens geschildert. Das Thema Kunst spielt eine wichtige Rolle und wird exzellent eingebunden.

Mein Fazit:
„Eines Tages für immer“ ist keine leichte Kost und ein Buch nach meinem Geschmack. Tiefgründig, facettenreich und gegen Ende sprachlos machend, nimmt mich die Story mit. Das Lesen wühlt mich auf und bewegt etwas in mir. Ich liebe es, wenn mich eine Geschichte zum Nachdenken bringt und genau das gelingt Empson. Die Spannung kommt fast immer aus den Figuren und bleibt bis zum Schluss hoch. Für mich liest sich alles authentisch und ich identifiziere mich mit jeder Figur. Ich habe eine Lovestory erwartet und bekomme so viel mehr. Zweifelsohne ein Gewinn für Herz und Seele, trotz der Schwere der Thematik.

Ich vergebe 5 eindrucksvolle Sterne von 5 und eine absolute und unbedingte Leseempfehlung.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 16.04.2021

Ein Buch, das tabulos aufklärt

Lustbewusst
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Ungeschminkt frei …
… das wünsche ich mir, und zwar in allen Winkeln des Lebens. In einer Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, sich Beschneidungen im Schritt zu unterziehen, um sich einer fragwürdigen ...

Ungeschminkt frei …
… das wünsche ich mir, und zwar in allen Winkeln des Lebens. In einer Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, sich Beschneidungen im Schritt zu unterziehen, um sich einer fragwürdigen Norm anzupassen, sorgt dafür, dass sich bei mir die Nackenhaare aufstellen. Wir sind reizüberflutet, wir sind satt und stehen unter einem Dauerdruck, um wem auch immer zu gefallen.

Wo bleiben wir dabei?
Ist es nicht das Wichtigste, das wir in erster Linie uns gefallen? Wie können wir uns auf andere zu hundert Prozent einlassen, wenn es uns nicht gelingt, uns so anzunehmen, wie uns die Natur geschaffen hat? Und die Natur ist vielfältig. Nicht jede Frau muss wie ein Schnittbrötchen zwischen den Beinen aussehen. Weshalb ist dieses fragwürdige Schönheitsideal so erstrebenswert? Wichtiger ist doch, wie glücklich wir mit uns selbst sind und wie gut wir uns und unsere Bedürfnisse kennen.

Aufklärung mit Monsterlücken:
Meine Generation sieht sich als aufgeklärt an, doch wenn ich darüber nachdenke, dann hat Hotz recht: Es war und ist noch immer ein Desaster. In der Schule, wie im Privatbereich. Das Problem damals wie heute, ist, das hauptsächlich der Fokus auf der Fortpflanzung und dessen Verhütung beruht und nicht im Erforschen der Lust. Schon gar nicht in der Weiblichen. Da es nicht arterhaltend ist, ob eine Frau kommt oder nicht, beim Mann aber schon, ist es seit Jahrhunderten die Regel, den weiblichen Höhepunkt in den Medizinbüchern zu vernachlässigen. Oder ihn einem Teil des Organs zuzuschreiben, der kaum in der Lage dazu ist, einen zu bekommen.

Was Worte bewirken:
Alleine unsere Sprache demonstriert die Macht, die unsere Gesellschaft auf das feminine Geschlecht ausübt. Da bleibt glatt die Hälfte des weiblichen Genitals in Sachbüchern und umgangssprachlich unbenannt und damit unterdrückt und in die Vergessenheit verbannt. Dafür, dass wir alle so aufgeklärt sind, ist es erschreckend, wie wenig einige Frauen über das Zentrum zwischen ihren Beinen wissen. Von den Männern ganz zu schweigen.

Auf Augenhöhe:
Hotz schreibt ungeschminkt, sachlich, an einigen Stellen pointiert und bringt mich immer wieder dazu, nachdenklich zu nicken. Völlig verblüfft erfahre ich, dass wir Frauen eine Prostata haben, die logischerweise jede Menge zum Spaß beitragen kann. Weshalb wusste ich das vorher nicht? Und ich erfahre so viel mehr.

Meine Kritik:
Ein größeres Buchformat und ein aufgelockerter Buchsatz würden das Lesevergnügen deutlich erhöhen. Das Kleingedruckte am Ende des Buches für den männlichen Leser ist leider zu winzig gedruckt und erschwert mir das Lesen. Dieser Text ist zu wertvoll, um unterzugehen.

Mein Fazit:
Bisher habe ich mich immer für aufgeklärt gehalten, doch seit dem Buch „Lustbewusst – gute Frauen kommen in den Himmel, sich selbst liebende Frauen kommen“, lerne ich alle paar Seiten etwas dazu. Hotz schreibt: „Wer verstehen will, muss durchdringen. Und wer mehr fühlen will, dem hilft es zuweilen, mehr zu sehen.“

Schamhaftigkeit und Tabuisierungen prägen unsere Gesellschaft nach wie vor. Was bedeutet Intimität? Und was, die ultimative Verschmelzung zweier Menschen? Achtsamkeit ist essentiell dabei. Ebenso zu lernen nein zu sagen, lernen ja zu sagen, lernen mitzuteilen, was Frau gefällt. Das alles klingt so leicht und doch bleibt genau das für viele als unüberwindbare Mauern bestehen, die von klein auf in ihnen hochgezogen wurden.

Jede Frau braucht eine gesunde Balance zwischen Scham und Offenheit. Sie muss ihren Weg finden, in all den Grenzen die uns umgeben und sich die Freiheiten schenken, die nötig sind, um ein glückliches Leben zu führen, das von einer tiefen Befriedigung erfüllt ist. Und all dies kann nur gelingen, wenn sich eine Frau in- und auswendig kennt und genau weiß, was bei ihr funktioniert und Spaß bringt. Und das setzt jede Menge Wissen voraus, das in vielen „modernen Büchern“ glattweg nicht zu finden ist. „Lustbewusst“ ist ein wertvolles Sachbuch, das dem Leser hilfreich zur Seite steht und zu jeder Zeit mit ihm Klartext auf Augenhöhe spricht. Dieses Buch sollte in keinem schulischen Aufklärungsunterricht fehlen.

Von mir erhält „Lustbewusst“ 4,5 kostbare Sterne von 5 und eine absolute Leseempfehlung. Wo keine halben Sterne möglich sind, runde ich auf.

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