Profilbild von Michael_B_M

Michael_B_M

Lesejury Profi
online

Michael_B_M ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Michael_B_M über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2021

Tod und späte Einsichten eines unvollendeten Schriftstellers

Schnee auf dem Kilimandscharo
0

(Anmerkung: Da es sich um eine Kurzgeschichte handelt, scheint es mir unmöglich eine vernünftige aussagekräftige Rezension schreiben zu können, ohne dabei zu SPOILERN.)

„Schnee auf dem Kilimandscharo“ ...

(Anmerkung: Da es sich um eine Kurzgeschichte handelt, scheint es mir unmöglich eine vernünftige aussagekräftige Rezension schreiben zu können, ohne dabei zu SPOILERN.)

„Schnee auf dem Kilimandscharo“ ist vermutlich die bekannteste Kurzgeschichte des großen Ernest Hemingway. Die Geschichte wurde 1936 veröffentlicht und handelt von dem Schriftsteller Harry, der sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin Hellen auf einer Fotosafari in Afrika befindet und sich beim Fotografieren einer Herde Wasserböcke im Grunde genommen nur leicht verletzt. Allerdings wurde die Wunde nur unzureichend versorgt, der Wundbrand hat sich entzündet und Harry hat das Gefühl daran sterben zu müssen. Anfangs hatte die Wunde geschmerzt, aber nun sind die Schmerzen vorbei. Da ihr Lastwagen defekt ist, müssen sie ihr Lager mitten in der Wildnis aufschlagen. Harry nutzt die Zeit um, unterbrochen von Fieberschüben, nochmals über sein Leben zu sinnieren. Dabei fällt ihm auf, dass er seine Lebensgefährtin, die sich liebevoll um ihn kümmert, nicht mehr wirklich liebt, vielleicht nie wirklich geliebt hat, sondern lediglich aus Bequemlichkeit mit ihr zusammen ist und sich von der Witwe aushalten lässt, da sie einerseits gut im Bett ist und andererseits reich ist und nie eine Szene macht. Er hat das Gefühl von den Geiern bereits beobachtet zu werden und eine Hyäne schleicht, angezogen vom Geruch seiner Wunde, unentwegt um das Lager herum. Verschiedene Frauen aus seinem Leben fallen ihm wieder ein und Lebensabschnitte aus seiner Kindheit, aus dem Schwarzwald, aus Paris, aus den Alpen, aus Nordamerika und aus seiner Kriegszeit kommen ihm wieder ins Gedächtnis, u.a. eine Geschichte über einen Jungen, der jemanden erschossen hat und dafür ins Gefängnis musste, das aber nicht nachvollziehen konnte. Kurz gesagt: Ganz viele Erinnerungen, die für ihn immer das Potenzial zum Aufschreiben gehabt hätten, die er aber nie zu Papier gebracht hat, was er nun sehr bedauert. Dazwischen immer wieder wirre Gedanken und Dialoge mit Hellen.

Er bittet Hellen, die nicht an seinen nahenden Tod glaubt, ihn seine letzte Nacht im Freien verbringen zu lassen. Hellen jedoch lässt Harry, den sie fälschlicherweise im Schlaf wähnt, ins Zelt tragen. Harry macht sich noch allerlei Gedanken über den Tod, der sich ihm immer mehr zu nähern scheint, schläft aber dann doch ein. Am anderen Morgen kommt er zu sich und das Flugzeug, das ihm letzte Hoffnung auf seine Rettung verspricht, ist eingetroffen. Er wir verladen und der Flug beginnt. Allerdings steuert der Pilot schließlich auf den gleißend hellen Gipfel des Kilimandscharo zu.

Mit der Beschreibung dieses Gipfel und einem kurzen Abriss über den Kilimandscharo, der schneebedeckt sei, eine Höhe von 6000 Metern besitzt und als der höchste Berg von Afrika gilt, hat die Geschichte genau genommen eingangs begonnen: Die Einheimischen nennen seinen Gipfel „Das Haus Gottes“. Knapp unter dem Gipfel wurde das gefrorene Gerippe eines Leoparden gefunden, von dem aber niemand weiß, was der Leopard in dieser Höhe überhaupt wollte. Und Harry wird nun klar, was geschehen ist. Hellen wird an diesem Morgen durch das klagende Heulen einer Hyäne geweckt, schaut zu Henry und sieht, dass sein Bein aus dem Lager heraushängt und der Verband komplett abgewickelt ist. Sie kann nicht hinschauen und versteht nun, dass Harry tatsächlich tot ist.

Aber Hemingway wäre nicht Hemingway, wenn da nicht noch eine tiefsinnige Botschaft dahinter stecken würde. Was auf den ersten Blick eher als eine zusammenhangslose, verwirrende Geschichte, die den Fieberwahn von Harry widerspiegelt, angesehen werden kann, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung, als eine geniale Vernetzung von Leben, Genuss, Zeit, Erinnerungen, Bequemlichkeiten, Glaube, Hoffnung, Liebe und Tod. Jede noch so kleine Beobachtung und Randnotiz entpuppt sich für das Verständnis als essentiell wichtig. Obwohl die Geschichte ungewöhnlich kurz ist, trägt sie zu viel Information und Interpretation in sich, all dass man dies alles beim ersten Lesen erfassen kann. Sie ist allerdings kurz genug, als dass sie sich nach einem ersten Lesen und darüber Nachdenken problemlos nochmals lesen lässt.

Fazit: Obwohl „Schnee auf dem Kilimandscharo“ beim ersten Lesen als eine verwirrende, fast schon belanglose Geschichte erscheint, bei der der Leser kaum erfasst, wo die Handlung überhaupt hinführen soll, handelt es sich bei genauer Betrachtung um eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Nicht umsonst hat sie völlig verdient Weltruhm erreicht. In vielen äußerst kurzen Sätzen teilt Hemingway detailreich seine Beobachtungen mit. Die wahre Bootschaft des Textes liegt allerdings verborgen zwischen den Zeilen und der Leser muss sie für sich selbst entdecken. Von meiner ganz persönlichen Warte aus gesehen, handelt es sich bei „Schnee auf dem Kilimandscharo“ um ein literarisches Meisterwerk.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2021

Mittendrin bei der normannischen Eroberung Englands, statt nur dabei

Das zweite Königreich
2

Wie etabliert im Genre des historischen Romans, werden geschichtlich verbürgte Ereignisse mit einer fiktiven Handlung verwoben. In diesem Fall ist es die fiktive Geschichte des sympathischen Cædmon of ...

Wie etabliert im Genre des historischen Romans, werden geschichtlich verbürgte Ereignisse mit einer fiktiven Handlung verwoben. In diesem Fall ist es die fiktive Geschichte des sympathischen Cædmon of Helmsby dessen Höhen und Tiefen seines Lebens wir über die Zeitspanne von 2 Jahrzehnte hinweg begleiten dürfen. Sein Charakter ist dabei so vielschichtig, wie der aller anderen wichtigen Personen des Romans.

Klappentext:
"England 1064: Ein Piratenüberfall setzt der unbeschwerten Kindheit des jungen Cædmon of Helmsby ein jähes Ende - ein Pfeil verletzt ihn so schwer, dass er zum Krüppel wird. Sein Vater schiebt ihn ab und schickt ihn in die normannische Heimat seiner Mutter. Zwei Jahre später kehrt Cædmon mit Herzog William und dessen Eroberungsheer zurück. Nach der Schlacht von Hastings und Williams Krönung gerät Cædmon in eine Schlüsselposition, die er niemals wollte: Er wird zum Mittler zwischen Eroberern und Besiegten. In dieser Rolle schafft er sich erbitterte Feinde, doch er hat das Ohr des despotischen, oft grausamen Königs. Bis zu dem Tag, an dem William erfährt, wer die normannische Dame ist, die Cædmon liebt ..."

Der Klappentext gibt dem Leser eine erste kurze Idee, welch tolle Geschichte die Autorin um den Protagonisten Cædmon, seine Freunde und seine Feinde spinnt.
In dem wie immer bei Rebecca Gablé hervorragend recherchierten Roman geht es historisch aber nicht um Cædmon, sondern um das Leben des normannischen Herzogs William, genannt der Bastard. Er wird auf die Insel übersetzen, England erobern, zum König gekrönt werden und die normannische Herrschaft über England einleiten. Diese wird von Auseinandersetzungen mit den Dänen und Aufständen der englischen Bevölkerung geprägt sein. Und geben diese kurzzeitig Ruhe, brodelt es in seinem normannischen Herzogtum und er muss wieder zurück aufs Festland und dort für Ordnung sorgen. Auf grandiose Art und Weise gelingt es Rebecca Gablé mit ihrem flüssigen und spannenden Schreibstil einmal mehr, historische und fiktive Charaktere und Gegebenheiten in einem epischen "Historischen Roman" so miteinander zu verknüpfen, dass der Leser das Gefühl bekommt, mittendrin im Geschehen zu sein. Wie so oft bei ihren Büchern ist man von der Handlung so gefesselt, dass man den Roman am liebsten ohne jegliche Unterbrechung am Stück lesen möchte, was allerdings angesichts des Buchumfangs von 880 Seiten unmöglich erscheint.

Fazit: Für mich einer der allerbesten "Historischen Romane" insgesamt und wahrscheinlich der beste zur Eroberung Englands durch "William the Conqueror“, in dem das historische und fiktive Geschehen genial miteinander verschmelzen. Einmal mehr beweist Rebecca Gablé, dass sie völlig zu recht als die König dieses Genres bezeichnet wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.09.2021

„Liebe Leiche, sprich mit mir und erzähl' mir die Geschichte deines Mordes!“

Tote schweigen nie
3

Mit „Tote schweigen nie“ beginnt A. K. Turner eine neue Krimi-Serie, die zu einem großen Teil im Bereich der Forensik spielt. Mit eben diesem sehr abwechslungsreichen Auftaktband ist der Autorin der Einstieg ...

Mit „Tote schweigen nie“ beginnt A. K. Turner eine neue Krimi-Serie, die zu einem großen Teil im Bereich der Forensik spielt. Mit eben diesem sehr abwechslungsreichen Auftaktband ist der Autorin der Einstieg in dieses Vorhaben mehr als geglückt. Das mag zum einen daran liegen, dass Turner ihren beiden Protagonistinnen Zeit lässt ihre jeweiligen Charaktere zu entfalten, zum anderen dass der Plot recht vielschichtig gestaltet ist und mehrere Handlungsstränge parallel verfolgt werden.

Zum einen gibt es da die etwas spleenige, mit Tatoos und Piercings übersäte Gothic-Queen Cassandra „Cassie“ Raven, die Sektionsassistentin im Londoner Institut für Rechtsmedizin ist. Auf ihrem Seziertisch landen allerlei Leichen, die allesamt ihre ganz eigene Geschichte „erzählen“ und mit sich herumtragen. Stets geht Cassie mit ihnen sehr behutsam um und versucht zu ergründen, welches Schicksal ihre Schützlinge ereilt hat. Da sie bei ihrer Arbeit sehr aufmerksam ist, fallen Cassie auch die kleinsten Details auf. Darüber hinaus besitzt sie die Gabe mit ihren Leichen „sprechen“ zu können – es handelt sich hierbei weder um ein reales noch um ein übernatürliches oder übersinnliches Gespräch, sondern vielmehr um ein imaginäres, welches sich in Cassies Fantasie abspielt. Die Toten und auch Cassie finden gewissermaßen erst dann ihre Ruhe, wenn geklärt wurde, wie die Toten umkamen. Völlig geschockt ist Cassie allerdings, als sie in Vorbereitung des nächsten Falls den Leichensack öffnet und gänzlich unerwartet ihre ehemalige Mentorin Mrs. Edwards, genannt „Mrs. E“, von ihr obduziert werden soll, der sie im Prinzip ihren ganzen Werdegang zu verdanken hat. Lediglich zuletzt hatte sie sich mit Mrs. E ein wenig verkracht und den Kontakt verloren. Cassie ist sich sicher, dass Mrs. E nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Als Gegenpol ruft A. K. Turner die überaus gewissenhafte, korrekte und linientreue Detective Sergeant Phyllida Flyte ins Leben, die stets nach Vorschrift handelt und dies auch sehr deutlich in Kleidung und Auftreten verkörpert. Zu Beginn verschwindet erst einmal eine Leiche aus der Forensik und die beiden Damen sind sich untereinander nicht besonders sympathisch – Flyte verdächtigt zunächst Cassie sogar, da sie bei ihr zu Hause einen Totenschädel findet und von Cassies außergewöhnlichem Hobby des Ausstopfens von Tieren mehr als überrascht ist. Aber im Verlauf des Buches finden die beiden, entgegen aller Vorbehalte, zueinander und Cassie kann Flyte - wider der Beweislage - davon überzeugen, den Tod von Mrs. E auch kriminalistisch weiter zu verfolgen.

Die Handlung wurde von A. K. Turner sehr klug inszenierten, die Geschichte wird immer aus wechselnden Perspektiven geschildert und es gibt gleich mehrere Fälle, die parallel zueinander aufgeklärt werden müssen, bei denen der Leser sich stets am Puls der Ermittlungen befindet. Sprachlich leicht verständlich geschrieben und von Marie-Luise Bezzenberger hervorragend aus dem Englischen (Originaltitel: "Body Language") übersetzt, werden die Charaktere sehr Detail-genau geschildert; dies gilt nicht nur für die Protagonisten Cassie und DS Flyte, sondern auch für alle Nebencharaktere, insbesondere für Cassies polnische Großmutter Weronika. Die Hörbuchvariante wird zudem großartig von Sandra Voss gesprochen.

Fazit: Basierend auf einem für einen Krimi zunächst ungewöhnlichen Blickwinkel der Forensik entwickelt sich ein exzellenter Krimi mit zwei überaus Charakter-starken Frauen, die in vielerlei Hinsicht nicht unterschiedlicher sein könnten, sich aber immer mehr aufeinander zu bewegen, immer besser zusammenarbeiten, die offenen Fälle erfolgreich angehen und im Hinblick auf eine Fortsetzung am Ende so gut miteinander harmonieren, dass der Leser gespannt sein darf, wie sich das Ganze zwischen den beiden noch weiterentwickeln wird. Das Buch ist gespickt mit unerwarteten Wendungen, entwickelt sich immer mehr zum Pageturner und hält eindeutig, was sein überaus interessantes Cover verspricht. Angereichert durch forensisches Wissen ist die Lektüre für den Leser/Hörer auch überaus informativ, spannend und durch den humorvollen Schreibstil auch sehr unterhaltsam. Ich persönlich fiebere der Fortsetzung dieser Krimi-Reihe entgegen: Vermutlich möchte aber jeder Leser nun nach Band 1 noch mehr über die nur auszugsweise, angerissene Vergangenheit der beiden Protagonistinnen erfahren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.09.2021

Exzellenter Krimi über einen Mehrfachmord, Nanobots, graue Gänse und graue Grütze

Seht ihr es nicht?
2

„Aha, bei diesem Buch handelt es sich also tatsächlich um einen Kriminal-Roman“ nahm ich zur Kenntnis, als ich zum wiederholten Male den Klappentext studiert hatte, nachdem mir das erste Fünftel von Georg ...

„Aha, bei diesem Buch handelt es sich also tatsächlich um einen Kriminal-Roman“ nahm ich zur Kenntnis, als ich zum wiederholten Male den Klappentext studiert hatte, nachdem mir das erste Fünftel von Georg Haderers „Seht ihr es nicht?“ gleichsam seines Buchtitels gar nicht so recht zu einem spannenden Krimi passen wollte. „Okay, ... und in dieser Geschichte geht es also um Forschung mit und an Nanobots … um was, bitteschön?“ Vermutlich geht es einer Vielzahl von Lesern so oder so ähnlich beim Einstieg in diesen Roman, was daran liegen dürfte, dass der Autor sich die nötige Zeit nimmt seine aus dem alltäglichen Leben gegriffenen Protagonisten sehr behutsam in den, wie sich im Laufe des Weiterlesens herausstellen wird, großartigen Plot einzuführen und den Kriminalfall und dessen Aufklärung sich erst mit der Zeit entwickeln lässt. Hierdurch ist der Leser immer hautnah bei den Protagonisten und deren aktuellstem Stand der Ermittlungen aber auch an deren Privatleben – im Gegensatz zu sonstigen Ermittlern in Krimis oder Thrillern haben die Hauptpersonen in „Seht ihr es nicht?“ tatsächlich ein solches und sind darüber hinaus auch weit von einem Superhelden-Status entfernt, was sie allesamt recht sympathisch und vertraut wirken lässt.

Natürlich gibt es frühzeitig bereits den rätselhaften Mord an Helena Sartori, ihren Eltern und ihrem Sohn – lediglich ihre jugendliche Tochter, Karina, scheint von dem Massaker verschont geblieben zu sein, ist seither aber spurlos verschwunden. Die Familie hatte sehr abgeschieden gelebt, zudem hatte Helena aus ungeklärten Gründen ihren gut bezahlten und sehr angesehen Job gegen einen viel schlechteren „in the middle of nowhere“ eingetauscht und sich ferner von ihrem Mann, Franz Morell, getrennt. Für den Mord scheint jegliches Motiv zu fehlen – zumindest zunächst. Dann wiederum wird der Leser direkt ins Leben der unangepassten Ermittlerin Philomena „Philli“ Schimmer und ihrer beiden Schwestern Thalia und Nemo und deren Leben hinein geworfen. Die Schwestern gehen gemeinsam zum Friseur, machen gemeinsame Ausflüge mit der Familie oder gehen mit dem Hund der Eltern Gassi. Bei vertrauten Unterhaltungen von Philli mit ihren Schwestern und Kollegen wird einerseits oft philosophiert, andererseits jedoch driftet Schimmers Sprache häufig auch in einen recht vulgären Alltagsslang ab, was allerdings der Rolle der authentischen Kommissarin durchaus angemessen erscheint. Schimmer ist durch einen ehemaligen Fall stark traumatisiert und wurde daraufhin auf ihren Wunsch hin in eine Sondereinheit zum Auffinden vermisster Personen beim österreichischen BKA versetzt. Auf einer zweiten Schiene lernen wir Michael „Michi“ Muster kennen, der die Ermittlungen in diesem Mordfall leiten soll und Schimmer unbedingt zur Aufklärung des Falles mit im Boot haben möchte. Zudem ist er Phillis Ex-Freund, ist mittlerweile aber mit einer anderen Frau verheiratet – allerdings haben die beiden seit geraumer Zeit wieder ein Verhältnis. Er benötigt Schimmers Unterstützung, da er um ihre Gabe weiß, Dinge zu sehen, welche anderen entgehen.

Basierend auf diesem Gerüst, lässt Georg Haderer sprachlich sicherlich eigenwillig, aber gewandt die Aufklärung des Kriminalfalls Stück für Stück reifen. Anfangs gibt es jede Menge Geheimnisse um die Ermordete und fast alle Befragten scheinen etwas zu verbergen oder wichtige Informationen zurückzuhalten. Zusammen mit den Ermittlern (mal sind wir gemeinsam mit Philli, mal mit Michi unterwegs, mal schließen sich die beiden kurz) tappt der Leser im völligen Dunkeln bis sich schließlich das Puzzle zusammensetzt und Licht ins Dunkel kommt - scheinbar. „Seht ihr es nicht?“ lebt weniger von geballter Action als vielmehr von interessanten Beobachtungen und psychologischen Einblicken in die Gefühlslage und Charaktereigenschaften seiner Protagonisten und bleibt durchweg spannend bis hin zum überraschenden Finale.

Fazit: „Seht ihr es nicht?“ ist einerseits ein sicherlich höchst unkonventioneller Kriminalroman, der aber andererseits sehr intelligent und spannend inszeniert wurde. Hat der Leser sich erst einmal an die Sprache gewöhnt und den roten Faden in der Handlung entdeckt, wird er/sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen. Angereichert durch die wissenschaftlichen Aspekte ist der Roman auch informativ und Humor und Ironie lässt die Lektüre ebenso wenig vermissen. Auf großartige Weise nimmt Georg Haderer den Leser durchweg auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten mit auf eine Kriminalreise voller unerwarteter Wendungen und erlaubt dem Leser gewissermaßen gemeinsam mit den Kommissaren „Philli und Michi“ von nebenan den Fall zu durchleben und zu lösen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.08.2021

„Und es ward Licht“: Mittels Quantum- und Cluster-Computing zur Mordserie im abgelegenen Kloster L’Archange Michel

Die Gottesmaschine
12

Der Roman „Die Gottesmaschine“ von Reinhard Kleindl ist ein typischer Vertreter des Genres Thriller und lässt sich wohl am besten als eine Mischung von Ideen aus diversen Büchern von Dan Brown mit Elementen ...

Der Roman „Die Gottesmaschine“ von Reinhard Kleindl ist ein typischer Vertreter des Genres Thriller und lässt sich wohl am besten als eine Mischung von Ideen aus diversen Büchern von Dan Brown mit Elementen aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ charakterisieren, ohne aber auch nur an einer einzigen Stelle als billiger Abklatsch seiner Vorlagen zu wirken.

Bereits im Prolog ist die Spannung sehr hoch und der Leser erfährt vom Tode einer bis dahin unbekannten Person im fiktiven Kloster L’Archange Michel. In der Folge schreitet die Handlung dann ein wenig gemächlicher voran, was der umfangreichen Einführung der Protagonisten geschuldet ist: Der von seiner Afrikamission zurückgekehrte Weihbischof Stefano Lombardi möchte seinem Freund Alessandro Badalamenti einen Gefallen bereiten und soll einen Blick auf dessen Zögling, den Mönch Sébastien, werfen. Etwas unbeholfen und tolpatschig irrt Lombardi auf seiner Suche nach Sébastien, der auf einem „Supercomputer“ Rechnungen im Dienste der Wissenschaft anstellt, erst einmal durch das, zugegebenermaßen sehr fortschrittliche, Kloster und erinnert dabei in seiner leicht unbeholfenen Art ein wenig an den Fernsehkommissar Columbo (Trenchcoat dabei durch typische Priesterkleidung ersetzt). Da er bei seinen Irrungen und Wirrungen nun nicht übermäßig erfolgreich scheint und ihm die Mönche ihre Unterstützung weitestgehend versagen, stellt ihm Autor Reinhard Kleindl die sympathische, wenngleich auch etwas undurchsichtige Wissenschaftlerin Samira Amirpour zur Seite, was dem weiteren Verlauf der Geschichte enorm gut tut, insbesondere dadurch, dass Amirpour dem Leser die wissenschaftlichen Zusammenhänge näher bringt. Lombardis Ausführungen hingegen vermitteln dem Leser in kirchlichen Fragen das notwendige Rüstzeug. Dank einer überaus modernen und hilfreichen Smartphone-App des Klosters lassen sich Touren durch die dunklen Labyrinth-artigen Gänge des Klosters leichter durchführen – zumindest manchmal, hin und wieder wird's auch lebensgefährlich. Vermöge dieser App erfährt Lombardi zunächst vom Tod Sébastiens, später entdeckt er zusammen mit Amirpour dann auch dessen Leiche – es wird nicht der letzte Ermordete im Kloster bleiben. Nach und nach lernen wir immer mehr die wichtigsten Charaktere des Romans kennen u. a. Abt Shanti, den kauzigen und schrullige Pater Angelus, den traditionellen Hardliner Pater Philipp, einige weitere Mönche wie beispielsweise Demetrios, Blessings oder den Novizen Weiwei, zwei Computerexperten und den mysteriösen Diener. Viele spannende Wendungen sorgen dafür, dass manch vom Leser als Hauptverdächtiger für die Morde gehaltene Charakter bereits in den Folgekapiteln nicht mehr unter den Lebenden weilt. Speziell im zweiten Teil des Buches nimmt die Handlung nochmals gehörig Fahrt auf und die Handlungssträge verteilen sich auf besagtes Kloster und den Vatikan.

Reinhard Kleindls Schreibstil ist flüssig und recht unkompliziert gehalten, wodurch es ihm, unterstützt durch kurze, mit Cliffhangern endende Kapitel gelingt, die Spannung und das Tempo jederzeit recht hoch zu halten. Trotz kleinerer Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten weiß der Roman durchweg zu überzeugen und braucht den eingangs erwähnten Vergleich mit der wohlbekannten Literatur aus der Feder Dan Browns keineswegs zu scheuen. An Umberto Ecos „Der Name der Rose“ reicht der Plot dann sicherlich nicht ran, dazu hätte „Die Gottesmaschine“ aber auch mindestens den doppelten Umfang benötigt, um einerseits die Charaktere der Protagonisten noch besser heraus zu arbeiten und andererseits die Handlungsstränge sich ein wenig besser entfalten zu lassen und sie dann schließlich auch zu Ende zu führen. Nun gibt es aber auch nicht besonders viele Romane, die den Büchern von Umberto Eco standhalten könnten - bei solch einem Vergleich liegt die Messlatte dann natürlich auch schon gehörig hoch. Das im Prinzip sehr interessant gestaltete Cover in Kombination mit dem Titel des Buches mag leicht irreführend sein, da der Leser auf die versprochene „Gottesmaschine“ oder das, was man sich als Leser auch immer darunter vorstellen mag, vergebens wartet.

Fazit: Reinhard Kleindl hat mit seinem Thriller „Die Gottesmaschine“ einen sehr spannenden, interessanten und lehrreichen Roman geschrieben, der mich im Großen und Ganzen sehr überzeugt hat und der sich durchaus auf Augenhöhe mit jenen von Dan Brown befindet. Wissenschaftlich - die Physik wurde dabei sehr schön herausgearbeitet - bleibt das Buch stets einwandfrei, der Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft wird sehr realistisch, glaubwürdig und überzeugend dargestellt. Sehr gut gefällt mir darüber hinaus die versteckte Kritik an den Medien, wenn Teilaussagen aus dem Kontext heraus gepflückt und/oder lediglich auf Überschriften komprimiert werden. Sehr eindrucksvoll wird in „Die Gottesmaschine“ dargelegt, wozu eine solche Polarisierung und Stimmungsmache letzten Endes führen kann. Es bedarf dazu reichlich wenig, um die Welt ins Chaos zu stürzen: Einige falsch interpretierte Meldungen, Stimmungsmacher mit terroristischen Tendenzen und eine etwas unzufriedene und orientierungslose Menschenmasse, die sich leicht beeinflussen lässt reichen als Ingredienzien. Unterm Strich ist „Die Gottesmaschine“ ein sehr überzeugender Thriller, bei dem der Plot recht gelungen ist und dessen Spannungslevel nie nachlässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung