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Veröffentlicht am 28.09.2020

Ein Meer der Erinnerungen...

Das helle Licht des Tages
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Und hier die erste Rezension auf meinem neuen Instagramprofil zu „Das helle Licht des Tages“von Graham Swift:

Vorab muss ich eingestehen, dass mich das Buch nicht mehr losließ. Ich musste es in einem ...

Und hier die erste Rezension auf meinem neuen Instagramprofil zu „Das helle Licht des Tages“von Graham Swift:

Vorab muss ich eingestehen, dass mich das Buch nicht mehr losließ. Ich musste es in einem Zug durchlesen, kann mir aber nicht wirklich erklären warum.

Um was geht es? George Webb ist Privatdetektiv und besucht an einem kalten Novembertag eine seiner ehemaligen Klientinnen im Gefängnis. Mehr geschieht oberflächlich gesehen nicht, wenn da nicht die ineinander verschachtelten Erinnerungen von Webb wären, der in diese ehemalige Klientin unsterblich verliebt ist. An diesem Novembertag vor zwei Jahren hatte diese Klientin, Sarah Nash, ihren Ehemann mit einem gezielten Stich in dessen Herz in der gemeinsamen Küche ermordet. Sarah hatte den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden, ein aufwendiges Menu gekocht, sich anschließend herausgeputzt, den Tisch für ein schönes Tête-à-tête mit ihrem Mann, einem Ehebrecher, vorbereitet und dann noch ein bisschen auf ihn gewartet. Aber zu diesem Essen kam es gar nicht mehr. Sie hat ihn, fünf Minuten nachdem er in das luxuriöse gemeinsame Heim zurückgekommen war, niedergestochen. Oder war sie es am Ende gar nicht gewesen?

Webb hatte von Sarah den Auftrag, deren Ehemann dabei zu beobachten, wie dieser seine Geliebte, eine kroatische Studentin, auf den Flughafen begleitet, um ihr Lebewohl zu sagen. War da eventuell mehr als eine leidenschaftliche Affäre?

Soviel zum Plot der Geschichte. Tönt wie eine Detektivgeschichte. Ist es es auch - aber in dem Buch steckt noch viel mehr.
Als Leser*in begleitet man Webb durch diesen Novembertag. Man ist in seinem Kopf, seinen wild durcheinander gewirbelten Erinnerungen an sein früheres Leben als Polizist, an seine unehrenhafte Entlassung aus dem Dienst, seine Eltern, seine von ihm geschiedene Frau, seine lesbische Tochter und andere Personen und Orte, die mit seinem Leben zusammenhängen. Der Autor knüpft über 320 Seiten ein Netz von Erinnerungen und Überlegungen, die sich in Webs Kopf abspielen. Ich musste mich zuerst an den Schreibstil gewöhnen, aber mit der Zeit war ich fasziniert davon, wie Graham Swift die Welt von Welt von Webb aus dessen Perspektive darstellt. Menschen denken und erinnern sich nicht klar chronologisch und klar strukturiert. Viehlmehr ist unser Denken zu einem nicht unerheblichen Teil von wilden Assoziationen, diffusen Gefühlen und vielen äußeren Zufälligkeiten geprägt. Und genauso ist der Text geschrieben und aufgebaut. Das faszinierte mich. Ohne Effekthascherei nahm mich das Buch ein. Es war auf einmal sehr spannend zu lesen, obwohl der Text auf den ersten Blick chaotisch angeordnet scheint - wie auch unser Denken (jedenfalls meines). Und was hat nun Napoleon III. damit zu tun? Einiges, aber das verrate ich hier nicht.

Fazit: Ein unglaublich spannendes Buch, wenn man sich darauf einlassen kann. Also unbedingt lesen

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Veröffentlicht am 25.09.2020

Eine Vision wird Realität

Die Erfindung des Countdowns
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Der Roman handelt von Hermann Oberth, dem bekannten Raketenpionier aus Siebenbürgen, und wie er sich in den Wirren des 20 Jahrhunderts zurechtfindet (oder eben auch nicht). Es werden chronologisch angeordnet ...

Der Roman handelt von Hermann Oberth, dem bekannten Raketenpionier aus Siebenbürgen, und wie er sich in den Wirren des 20 Jahrhunderts zurechtfindet (oder eben auch nicht). Es werden chronologisch angeordnet verschiedene Anekdoten aus seinem Leben geschildert, wie etwa die Zusammenarbeit mit Fritz Lang, aber auch den Nazis. Oberths Leben ist voller Widersprüche, einzig seiner Faszination für Raketen bleibt er treu und arbeitet immer wieder an damit verbundenen Projekten mit. Er selbst erlebt es, wie die Menschen zum Mond (mit Raketen) fliegen. Der Wissenschaftler hatte die einzigartige Möglichkeit in seinem langen Leben, die Vision, die er als junger Mann hatte, realisiert zu sehen.
Soweit so gut. Trotz dieser erstaunlichen Geschichte hat mich der Roman nicht überzeugt, obwohl der Text klug aufgebaut und sehr flüssig geschrieben ist. Aber das Buch plätschert so dahin. Tragische Ereignisse der Weltgeschichte und des persönlichen Lebens von Oberth werden aneinandergereiht, ohne dass ich richtig in das von den Figuren Erlebte eintauchen konnte. Ich habe keine Probleme mit Auslassungen, aber hier fehlt mir etwas, was die Protagonisten zu lebendigen Menschen gemacht hätte. Und so wirkt am Ende alles etwas oberflächlich und distanziert, obwohl der Text wirklich gut geschrieben ist. Vielleicht habe ich das Buch einfach nicht verstanden, aber so habe ich das nun mal empfunden. Es hat mich wenig berührt, die Figuren sind mir fremd geblieben und die Faszination für das Thema Rakete kam bei mir leider zu wenig an, obwohl ich durchaus auch technikaffin bin.
Fazit: Hat mir nicht gefallen. Darum nur eine bedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 20.09.2020

Ein witziges und spannendes Buch

HAUSER - IMMER FESTE DRUFF!
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Die Story handelt von Hauser, einem leicht vertrottelt wirkenden Detektiv, der aber mit allen Wassern gewaschen ist. Außer wenn es um sein Äußeres- er läuft herum wie ein Papagei aus den 80igern - und ...

Die Story handelt von Hauser, einem leicht vertrottelt wirkenden Detektiv, der aber mit allen Wassern gewaschen ist. Außer wenn es um sein Äußeres- er läuft herum wie ein Papagei aus den 80igern - und das weibliche Geschlecht geht. Da wandelt er auf verlorenen Pfaden.
Hauser muss wahnsinnig viel improvisieren, um das Buch zu überleben. Denn er muss nicht nur einen Fall lösen, sondern etwa deren fünf. Aus reinem Überlebenswille verknüpft er alles miteinander, so dass er seinen Kopf am Ende gerade noch einmal aus der Schlinge ziehen kann. Er hat ja nicht irgendwelche Kontrahenten gegen sich aufgebracht, sondern alle relevanten Gangsterbosse der Frankfurter Unterwelt samt ihren schwer bewaffneten Gorillas. Jedenfalls überlebt Hauser überraschenderweise diese gefährliche Achterbahnfahrt mehr oder weniger unbeschadet. Mehr sei hier nicht verraten.
Das Buch ist wirklich witzig geschrieben, und die Geschichte wird gekonnt aufgerollt. Das ist nicht selbstverständlich bei dieser verworrenen Story. Trotz des ganzen Klamauks und den überzeichneten Figuren bleibt die Lektüre bis am Schluss spannend. Die 320 Seiten lesen sich durchwegs leicht und flüssig, und ich musste während der Lektüre oft schmunzeln. Es handelt sich ja auch um eine Krimikomödie. Wer dieses Genre mag, dem sei das Buch sehr empfohlen.

Fazit:
Ein gelungenes und witziges Buch, das auch eine gute Portion Spannung bereithält, gekonnt erzählt. Lesen!

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Veröffentlicht am 09.09.2020

Ein außerordentliches und ergreifendes Buch

Was Nina wusste
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Dem israelische Schriftsteller David Grossman ist ein großartiges Buch gelungen. Der Leser begleitet primär drei Frauen aus der gleichen Familie bei der Entstehung eines Dokumentarfilms über ihre drei ...

Dem israelische Schriftsteller David Grossman ist ein großartiges Buch gelungen. Der Leser begleitet primär drei Frauen aus der gleichen Familie bei der Entstehung eines Dokumentarfilms über ihre drei ineinander verschlungene Lebensgeschichten. Es handelt sich bei den Frauen um die neunzigjährige Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili. Vera wurde von Nina - als diese sechs Jahre alt war - getrennt und in das berüchtigte Umerziehungslager auf Goli otok während Titos Diktatur im ehemaligen Jugoslawien verschleppt. Dort wird sie schwer misshandelt. Die Trennung von der Tochter Nina und die Lagererlebnisse haben einschneidende Auswirkungen auf die drei Frauen. Sie hadern mit ihrem Schicksal und versuchen sich von dem Familientrauma zu lösen. Allen drei ist auf unterschiedlich verworrene Art bewusst, dass - wenn überhaupt- sie nur zusammen einen Ausweg aus diesem Schlamassel finden können.
Soweit der Stoff, aus dem die Geschichte gewoben ist. Das Besondere an diesem Buch ist, wie Grossman das nun umsetzt. Gili, die Dokumentarfilmerin ist, versucht über sich und die Familie eine Dokumentation zu drehen, in der die Vergangenheit noch einmal von den Protagonistinnen zusammen aufgerollt werden soll. Ziel ist für Gili primär, zu verstehen, warum sie so verkorkst ist, wie sie eben ist. Und warum sie Angst davor hat, ein eigenes Kind zu bekommen. Grossman zieht nun alle Register, um die Geschichte zu erzählen, bricht Erzählebenen, fügt diese wieder neu zusammen, arbeitet mit Rückblenden, Berichten, Filmaufnahmen, Träumen, Interviews, Notizen von Gili und vielen Gesprächen. Er schafft es sogar, ein Roadmovie in den Roman einzufügen. Und trotzdem verliert man als Leserin nie den Überblick (außer vielleicht zu Beginn des Buches, da muss man sich in diesem Erzählstil zuerst etwas zurechtfinden). Dem Autor gelingt es durch diese Vorgehensweise, die tragische Familiengeschichte packend und sehr anschaulich zusammenzufügen. Die Menschen hinter der Story und die Beziehungen zwischen den Akteuren werden dabei sehr plastisch und lebendig, so dass man als Leserin auf einmal mitten drin ist in den Geschehnissen. Trotzdem das Buch extrem konstruiert daherkommt, gelingt es Grossman zu 98 Prozent, die Leserinnen in seinen Bann zu schlagen. Man kann das Buch ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr auf die Seite legen, da es so einen starken Sog erzeugt.
Fazit: Lesen und sich nicht von dem etwas komplizierten Anfang des Buches abschrecken lassen.

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Veröffentlicht am 05.09.2020

Eine packende Geschichte - aber es fehlt etwas

Manhattan Beach
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Der knapp 500 Seiten lange Roman spielt hauptsächlich im New York der 30er und ersten Hälfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. In der Great Depression versucht Eddie als Botengänger für irische ...

Der knapp 500 Seiten lange Roman spielt hauptsächlich im New York der 30er und ersten Hälfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. In der Great Depression versucht Eddie als Botengänger für irische Gangstergangs seine Familie über Wasser zu halten. Dabei begleitet ihn seine kleine Tochter Anna tagtäglich in der rauen Gegend rund um die Bronx und Hells Kitchen. Ein inniges und vertrautes Verhältnis entsteht zwischen Vater und Tochter, das aber mit dem Abtauchen des Vaters in immer tiefere Gefilde des organisierten Verbrechens und dem Heranwachsen der Tochter langsam zerbricht, was am Ende zur völligen gegenseitigen Entfremdung führt. Ihre Wege trennen sich, der Vater verschwindet noch vor dem Krieg, die Familie zerbricht. Der Krieg beginnt. Nichts ist mehr wie zuvor. Anna muss sehr schnell erwachsen werden, um sich in einer von Männern beherrschten Welt zu behaupten. Das gelingt ihr unter großen Anstrengungen und Opfern. Sie kann ihren Traum verwirklichen und Taucherin in der Marinewerft werden. Soweit der Hauptstrang des Erzählung, der aber damit noch lange nicht zu Ende ist und einige Überraschungen für den Leser*in bereithält. Hinzu kommen die Lebensgeschichten vom innerlich zerrissenen Dexter Styles, dem berüchtigt-berühmten Nachtclubbesitzer, und dessen Familie, von Nell, die sich von einem Sugar Daddy aushalten lässt und vielen anderen. Mehr sei hier nicht verraten, aber alle diese Erzählsträngebwerden werden miteinander zu einer packende Geschichte verwoben.

Und trotzdem hat mich das Buch nicht ganz überzeugt. Gut recherchierten Milieustudien stehen etwas einfachen, mehrheitlich starr wirkenden Figuren gegenüber. Die Tiefe und Genauigkeit bei den Beschreibungen der Handlungsorte und Beschäftigungen der Protagonisten können nicht davon ablenken, dass die Menschen etwas Holzschnittartiges haben. Das Innenleben der Figuren in den teilweise sehr schwierigen Lebenssituationen bleibt zu fragmentarisch, so dass die Frauen und Männer zu wenig lebendig und als Personen nicht überzeugend wirken. Schade! Denn das Buch ist extrem interessant, wenn es zum Beispiel um die ehemalige Marinewerft in NYC geht und im speziellen um das Tauchen im East River. Aber auch das irische und italienische Gangster- und Nachtclubmilieu sowie das Leben der einfachen Leute in New York werden einem sehr anschaulich und lebendig geschildert. Dabei habe ich vieles über die Stadt erfahren, das ich so nicht wusste. Und da ich ehrlich gesagt ein großer New York-Fan bin, habe ich das Buch trotz der genannten Schwächen sehr gern gelesen. Es ist flüssig geschrieben und übersetzt. Und klar, die Story ist an sich sehr gut. Fazit: Für Leute, die von New Yorks fasziniert sind und auch etwas hinter die Glitzerfassaden der Geschichte dieser unglaublichen Stadt sehen wollen.

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