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Veröffentlicht am 30.08.2020

Überleben im Neufundland des 18. Jahrhunderts

Die Unschuldigen
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Die Geschwister Evered und Ada leben mit ihren Eltern und ihrer kürzlich geborenen Schwester in einer abgelegenen Bucht in Neufundland. Im Sommer und Herbst fangen und verarbeiten sie Fische, die ihr Vater ...

Die Geschwister Evered und Ada leben mit ihren Eltern und ihrer kürzlich geborenen Schwester in einer abgelegenen Bucht in Neufundland. Im Sommer und Herbst fangen und verarbeiten sie Fische, die ihr Vater auf einem zweimal jährlich eintreffenden Schiff gegen Vorräte eintauscht. Doch dann sterben das Baby, die Mutter und der Vater kurz nacheinander an einer Krankheit. Evered und Ada, zu diesem Zeitpunkt ungefähr zwölf und zehn Jahre alt, wollen in der Bucht bleiben und das ihnen bekannte Leben fortführen. Es ist für die beiden ein Ringen mit der wilden, unberechenbaren Natur und der eigenen Einsamkeit.

Der Klappentext des Buches verrät bereits, dass Evered und Ada mitten in der Wildnis von Neufundland im 18. Jahrhundert auf sich allein gestellt sind. Entsprechend wenig überrascht war ich vom Tod ihrer Eltern und ihrer Schwestern auf den ersten Seiten, wovon auf den allerersten Seiten recht schnell berichtet wird. Die beiden überlebenden Geschwister haben sich in ihrem ganzen Leben noch nicht weit von der Bucht entfernt und kennen außer ihrer Familie keine anderen Menschen außer der Hebamme Mary Oram, die zur Geburt ihrer Schwester eine Weile bei ihnen wohnte. Ihr Wissen von der Welt ist entsprechend eingeschränkt auf das, was ihre Eltern und Mary Oram ihnen gesagt und gezeigt haben.

Ich war neugierig, ob die Geschwister ihr bisheriges Leben fortführen können und wollen. Ein Schiff könnte sie innerhalb weniger Tage zum Dorf Mockbeggar bringen, doch die beiden wollen lieber versuchen, in ihrer Bucht zu überleben. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern wird das zu einem herausfordernden Kampf ums Überleben. Können sie genug Fisch verarbeiten, um mit den eingetauschten Vorräten den Winter zu überstehen? Dazu wird nicht nur Geschick benötigt, sondern auch das Wetter muss mitspielen.

Die Geschichte wird in einem ruhigen Tempo und sehr atmosphärisch erzählt. Man begleitet Evered und Ada beim Fischfang, der Robbenjagd und durch lange dunkle Wintertage. Auch das Verhältnis der Geschwister zueinander wird intensiv beleuchtet. Die beiden sind durch die gemensam verbrachte Zeit unzertrennlich. Sie wissen, dass sie als Geschwister einander nicht heiraten können, haben aber keinerlei sexuelle Aufklärung erhalten, sodass sie entsprechechende Regungen nicht richtig einordnen können.

Die Routine der beiden wird gelegentlich unterbrochen, zum Beispiel von einem Sturm oder Besuchern in der Bucht. Ich hätte mir in Summe mehr Spannung gewünscht, denn auch diese Ereignisse lösen keine größeren Umbrüche aus. Über mehrere Jahre bleibt man an Evereds und Adas Seite, die sich beharrlich den harten Lebensumständen entgegen stellen und lieber ihr bekanntes Leben weiterführen wollen als sich ins Ungewisse aufzumachen. Ein eindringlich erzählter Roman, der mich tief in die Wildnis Neufundlands des 18. Jahrhunderts eintauchen ließ.

Veröffentlicht am 30.08.2020

Ein dystopischer Sci-Fi Thriller

Aus schwarzem Wasser
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Maja sitzt mit ihrer Mutter, der Innenministerin Dr. Patricia Kohlbeck, im Auto, als dieses unkontrolliert in die Spree stürzt. Eigentlich sollten sie beide tot sein - doch Maja erwacht Stunden später ...

Maja sitzt mit ihrer Mutter, der Innenministerin Dr. Patricia Kohlbeck, im Auto, als dieses unkontrolliert in die Spree stürzt. Eigentlich sollten sie beide tot sein - doch Maja erwacht Stunden später in einem Leichensack und flieht aus dem Krankenhaus zu ihrem Freund Daniel. Wie konnte sie überleben? Auch die letzten Worte ihrer Mutter geben ihr Rätsel auf: „Du kannst niemandem trauen, sie stecken alle mit drin.“ Ihre beste Freundin Sofie macht währenddessen Urlaub auf den Philippinen, wo sich die erste einer Reihe von tödlichen Naturkatastrophen ereignet.

Die Geschichte beginnt aus Majas Perspektive, die das Ertrinken ihrer Mutter mit ansehen muss. Sie beide befinden sich unter Wasser in einem Auto, und auch Maja schließt mit ihrem Leben ab. Als sie einige Zeit später in einem Leichensack aufwacht, weiß sie selbst nicht so recht, wie ihr geschieht. Aufgrund der Warnung ihrer Mutter flieht sie überstürzt aus dem Krankenhaus und versucht bei ihrem Freund Daniel, Antworten zu finden. Das Tempo ist rasant, die Kapitel kurz und aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben.

Eine ganze Weile versteht man als Leser nicht, was überhaupt passiert ist und worum sich die ganze Geschichte dreht. Klar ist, dass es Personen gibt, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Nur langsam gibt es erste Hinweise, während kurze, spannende Szenen einander jagen. Für Innehalten, Reflexion und Trauer bleibt wenig Zeit. Ich flog geradezu durch die Seiten, während sich allmählich ein Bild ergab. Ab einem gewissen Punkt setzen Rückblenden ein, die zusätzlichen Kontext zu Geschehen geben.

Das Buch gibt in Sachen Tempo und Spannung alles, konnte mich im Hinblick auf die Aufarbeitung des Kernthemas aber nur mäßig überzeugen. Die Idee ist wissenschaftlich aufgezogen und spricht wichtige politische Themen an. Ich hätte mir aber noch mehr Informationen gewünscht und fand insbesondere die Verarbeitung des Themas Sex merkwürdig. Die angekündigten Naturkatastrophen spielen eher eine Nebenrolle, hieraus hätte man meiner Meinung noch mehr machen können. Die Entwicklungen zum Ende hin punkten vor allem in Sachen Dramatik.

„Aus schwarzem Wasser“ ist ein dystopischer Sci-Fi Thriller, dessen Stärke die gelungene Spannungskurve ist, während ich mir von der Story mehr versprochen habe.

Veröffentlicht am 30.08.2020

Eine bewegende und emotionale Nacherzählung des 11. September 2001

Und auf einmal diese Stille
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Der 11. September 2001 ist ein Tag, an den sich fast jeder, der damals schon auf der Welt war, erinnern kann. Ich selbst war 10 Jahre alt und hörte im Radio auf dem Heimweg von der Schule von einem Anschlag ...

Der 11. September 2001 ist ein Tag, an den sich fast jeder, der damals schon auf der Welt war, erinnern kann. Ich selbst war 10 Jahre alt und hörte im Radio auf dem Heimweg von der Schule von einem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Als die Türme einstürzten, hatten wir zu Hause gerade den Fernseher angeschaltet. Wie aber haben Menschen den Tag erlebt, die von den Anschlägen unmittelbar betroffen waren?

Garrett M. Graff hat unzählige Augenzeugenberichte und Aufzeichnungen aus Oral-History-Projekten gesichtet und diese um zahlreiche eigene Interviews ergänzt. Daraus ist dieses Buch entstanden, dass den Leser detailliert durch den Tag führt und an viele unterschiedliche Orte des Geschehens mitnimmt. Die Flugzeugentführungen werden rekapituliert und durch Tonaufzeichnungen sowie Erinnerungen der Personen, mit denen die Passagiere telefoniert haben, erhält man einen Eindruck, was an Bord passiert ist. Überlebende, die insbesondere aus den höheren Etagen des World Trade Center fliehen konnten, kommen zu Wort und berichten von den Einschlägen und ihrem Weg ins Freie. Feuerwehrleute nehmen den umgekehrten Weg, um weitere Menschen zu retten, viele von ihnen kommen beim Einsturz der Türme ums Leben.

Das Buch ist eine bedrückende Lektüre. Die Überlebenden berichten von den grauenhaften Dingen, die sie gesehen und erlebt haben. Gleichzeitig gibt es auch viele beeindruckende Geschichten über Zivilisten und Helfer von Feuerwehr und Polizei, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens anderen geholfen und sie damit gerettet haben. Gleichzeitig begreift man, wie unübersichtlich die Lage vor Ort war. Viele wussten nicht, was überhaupt geschehen war und nur wenige rechneten damit, dass die Türme wirklich einstürzen könnten.

Das Buch blickt aber nicht nur auf die Ereignisse rund um das World Trade Center, sondern berichtet auch vom Geschehen in Washington D.C. und dem angrenzend liegenden Pentagon, wo das dritte Flugzeug einschlug. Die vierte Flugzeugentführung wird ebenfalls thematisiert. Zudem erfährt man einiges über die Handlungen und Entscheidungen der Politik, des Militärs und der Geheimdienste. Der Tag von George W. Bush wird ausführlich geschildert, und auch die Erinnerungen des damaligen Verteidigungsminister Rumsfeld sowie der damaligen Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und ihrer Mitarbeiter sind abgedruckt.

In Summe erhält man eine bewegende und emotionale Chronik des 9. September 2001, in der zahlreiche persönliche Erinnerungen ihren Platz gefunden haben und gleichzeitig eine verständliche Einordnung ins Gesamtgeschehen stattfindet. „Und auf einmal diese Stille“ ist ein gelungener Beitrag dazu, die schlimmen Ereignisse ebenso wie die kleinen und großen Heldentaten an diesem Tag nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und auch zukünftigen Generationen ein Nachvollziehen zu ermöglichen.

Veröffentlicht am 29.08.2020

Ein Vermisstenfall im hohen Nordosten Islands

Kalmann
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Im hohen Nordosten Islands befindet sich das Dorf Raufarhövn. In dem ehemaligen Fischerdorf leben inzwischen nur noch wenige Menschen. Einer von ihnen ist Kalmann. Er macht den zweitbesten Gammelhai nach ...

Im hohen Nordosten Islands befindet sich das Dorf Raufarhövn. In dem ehemaligen Fischerdorf leben inzwischen nur noch wenige Menschen. Einer von ihnen ist Kalmann. Er macht den zweitbesten Gammelhai nach seinem Großvater, der inzwischen im Pflegeheim lebt. Zu Kalmanns Standard-Ausrüstung gehören Cowboyhut, Sherrifstern und eine alte Mauser - drei Dinge, die ihm sein amerikanischer Vater bei seinem einzigen Besuch überlassen hat. Eines Tages entdeckt Kalmann während der Jagd auf einen Polarfuchs eine große Blutlache. Damit fangen die Probleme an. Denn Róbert McKenzie, der Quotenkönig des Dorfes, ist verschwunden.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive Kalmanns geschrieben. Er ist dreiunddreißig Jahre alt und hat sein ganzes Leben in Raufarhövn verbracht. In der Schule war er immer der schlechteste und einige Leute behaupten, dass die Räder in seinem Kopf rückwärts laufen. Sein Großvater, mit dem er lange unter einem Dach lebte, hat ihm jedoch viele wichtige grundlegende Dinge beigebracht, ist mit ihm auf die Jagd gegangen und mit dem Boot aufs Meer gefahren. Er hat Kalmann immer darin bestärkt, dass mit ihm schon alles in Ordnung sei.

Kalmanns Schilderungen und vor allem sein Verhalten deuten auf eine geistige Behinderung hin, die in ihrer Natur nicht näher erläutert wird. Wenn er die Kontrolle verliert, neigt er zu Gewaltausbrüchen, die sich vor allem gegen ihn selbst, manchmal aber auch eher versehentlich gegen andere richten. Seine Gedanken sind einfach gestrickt und pragmatisch, manchmal auch ein wenig philosophisch. Frauen werden von ihm allerdings auf ihr Aussehen und die potenzielle Fähigkeit, mit ihm Kinder zu zeugen, reduziert. Die Lektion in Emanzipation hat sein Großvater wohl übersprungen.

Als Kalmann eine große Blutlache in der Nähe des Artic Henge entdeckt, einem noch unvollendeten Steinkreis, der zur Touristenattraktion werden soll, geraten einige Dinge in Bewegung. Die Polizistin Birna kommt ins Dorf, um die Ermittlungen im Vermisstenfall Róbert McKenzie aufzunehmen, und das Blut ist der einzige Anhaltspunkt. Kalmanns Überlegungen, ob ein Eisbär Róbert gefressen hat, kommen ihr höchst ungelegen, da sie Suchtrupps losschicken will. Schließlich kommt es zu weiteren Vorfällen, bei denen zunächst nicht klar ist, ob es einen Zusammenhang gibt.

Die atmosphärischen Schilderungen des Lebens inmitten der rauen Natur haben mich in die Geschichte eintauchen lassen. Der Autor lebt selbst seit einigen Jahren in Island und hat das Lebensgefühl im kleinen Raufarhövn gelungen eingefangen. Durch die Ermittlungen ist im Dorf so viel Trubel wie lange nicht mehr. Zum Ende hin gibt es noch mal einige Twists - manche sah ich kommen, andere konnten mich überraschen.

„Kalmann“ wird von vielen als einfältiger und harmloser Dorftrottel abgestempelt. Ihn beschäftigt allerdings so einiges, wie der Leser dank der Ich-Perspektive des Romans schnell feststellen konnte. Kalmann ist ein spezieller, ungewöhnlicher Protagonist, den ich aber nicht sonderlich sympathisch fand. Das muss man auch nicht, um die Atmosphäre Islands zu genießen und im Vermisstenfall mitzurätseln. Ein Roman für alle, die Lust auf eine ganz besondere Reise in einen abgelegenen Zipfel Islands haben!

Veröffentlicht am 26.08.2020

Mit den letzten Vögeln gen Süden - eine aufregende und berührende Reise

Zugvögel
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Franny lebt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in welcher so gut wie keine größeren Tiere mehr in freier Natur leben. In Grönland findet sie einige der letzten Küstenseeschwalben und stattet drei von ...

Franny lebt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in welcher so gut wie keine größeren Tiere mehr in freier Natur leben. In Grönland findet sie einige der letzten Küstenseeschwalben und stattet drei von ihnen mit einem Peilsender aus. Sie sind die Vögel mit der längsten Zugstrecke, denn jedes Jahr fliegen sie von der Nord- in die Südpolarregion und zurück. Weil es im Meer kaum noch Fische gibt, wird es jedoch ihr letzter Flug sein, und Franny ist wild entschlossen, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Es gelingt ihr, Ennis Malone, den Kapitän des Fischerbootes „Saghani“, von ihrem Plan zu überzeugen. Die Signale der Peilsender sind ihr einziger Anhaltspunkt auf der gefährlichen Reise gen Süden...

Das Buch nimmt den Leser mit ins eisige Grönland, wo es der Protagonistin Franny unter Einsatz all ihrer Kräfte gelungen ist, drei ihrer geliebten Küstenseeschwalben mit Peilsendern auszustatten. Nun steht sie jedoch vor dem nächsten Problem: Sie hat kein Geld, keine Ausrüstung und erst recht kein Schiff, um ihnen auf ihrem Weg in den Süden zu folgen. Die „Saghani“ ist ihre letzte Chance und es kostet Franny einiges an Einsatz und Überredungskunst, um überhaupt aufs Schiff zu gelangen.

Es wird hier eine Zukunft dargestellt, in der das Artensterben weit vorangeschritten ist und die sich gleichzeitig nicht so weit entfernt anfühlt. Die meisten Säugetiere sind ausgestorben, und auch Vögel und Fische gibt es nur noch wenige. Fischer werden deshalb von den meisten Menschen verachtet und weil sie fast nichts mehr fangen lohnt sich der Beruf auch finanziell nicht mehr. Doch Franny braucht ein Boot, auch wenn das heißt, dass sie die Fische fangen werden, zu denen die Vögel sie führen.

Ennis Malone und die anderen Mitglieder der Besatzung lernt man mit der Zeit besser kennen. Sie alle haben schon einiges mitgemacht im Leben und wuchsen mir zunehmend ans Herz. Es erfolgt eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der Frage, was einen Menschen in solch einer Welt noch immer zum Fischen aufs Meer hinauszieht.

Auch über Frannys Vergangenheit erfährt man stückweise mehr. Sie hat ihre Kindheit in Irland und Australien verbracht und zuletzt mit ihrem Mann Niall in der Nähe von Galway gelebt. Ihr Wesen wird von Rastlosigkeit geprägt und ihr häufiges Schlafwandeln war schon immer eine gefährliche Sache. An viele Ereignisse ihrer Kindheit und der letzten Jahre denkt sie nicht gern zurück, sodass man als Leser gespannt darauf wartet, ihre Geheimnisse zu erfahren. Die Andeutungen machen klar, dass hier Dinge vorgefallen sind, die nicht leicht zu verdauen sein werden.

Bei der Fahrt übers Meer muss sich die Besatzung der „Saghani“ so mancher gefährlichen Situation stellen. Charlotte McConaghy ist eine aufregende Form des „Nature Writings“ gelungen, bei der ich tief eingetaucht bin und mitgefiebert habe. Die dystopischen Schilderungen machen das Buch zu einem Appell, die Erde zu schützen und das Artensterben zu verhindern. Atmosphärisches Erzählen trifft hier auf vielschichtige Charaktere, deren emotionale Offenbarungen im Laufe der Geschichte mich berührt haben. Mir hat „Zugvögel“ ausgesprochen gut gefallen, sodass ich eine klare Leseempfehlung gebe!