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Veröffentlicht am 17.01.2022

Grandioses Debüt

Milch Blut Hitze
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Zwei befreundete Teenager werden zu Blutsschwestern und teilen dieselben Träume und Sehnsüchte, doch bald darauf geschieht eine Tragödie. Ein Mann muss tatenlos dabei zusehen, wie seine Frau an einer Krebserkrankung ...

Zwei befreundete Teenager werden zu Blutsschwestern und teilen dieselben Träume und Sehnsüchte, doch bald darauf geschieht eine Tragödie. Ein Mann muss tatenlos dabei zusehen, wie seine Frau an einer Krebserkrankung stirbt; sie hat sich gegen die rettende Chemotherapie entschieden. In einem Dinnerclub lässt sich die reiche Elite mit immer neuen Delikatessen verwöhnen. Doch welches Tabu bleibt noch übrig, wenn alles Luxuriöse und Rare bereits ausgeschöpft ist?

Das sind nur drei von insgesamt elf Erzählungen aus Dantiel W. Monizs grandiosem Debüt „Milch Blut Hitze“. In einer klaren Sprache, die nichts verschleiert, beschreibt sie Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten im „Sunshine State“ Florida in den verschiedensten Lebenslagen. Egal ob Männer oder Frauen, Jungen oder Mädchen, Erwachsene, Jugendliche oder Kinder – sie alle sind auf ihre Art Außenseiter und extremen Bedingungen ausgesetzt. Das Leben meint es nicht gut mit ihnen, aber Hilfe ist nirgendwo in Sicht.

Die in den Geschichten behandelten Themen sind so vielfältig wie die Figuren selbst. Es geht um Beziehungen in Familien und zwischen Liebenden, um unerfüllten Kinderwunsch, aber auch darum, wie groß der Druck auf junge Frauen ist, unbedingt Mutter werden zu müssen. Die Autorin erzählt von Rassismus und Misogynie, von Suizidgedanken, sexuellem Missbrauch, tödlicher Krankheit, Verlust und Trauer. Ihre Geschichten sind daher vielleicht mit einer gewissen Vorsicht zu lesen und keine unschuldige Wohlfühllektüre. Im Gegenteil: sie fordern uns heraus.

Oft enden die Erzählungen mit einer gekonnten Pointe oder einem großen Knall, manchmal blendet Moniz aber auch – mal abrupt, mal sanft – aus und überlässt ihren Leser*innen die Entscheidung, wie es mit ihren Charakteren weitergehen soll. Allen Geschichten ist jedoch gemeinsam, dass sie von unglaublicher Kraft und sozialkritischer Bedeutung sind; so müssen moderne Kurzgeschichten sein. Mein persönlicher Liebling ist „Die Herzen unsere Feinde“ - was für eine fulminante, wenn auch recht boshafte Pointe, fabelhaft! Von dieser Autorin möchte ich definitiv noch so viel mehr lesen.

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Veröffentlicht am 18.11.2021

Emotionales Buch über Verlust und eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung

Tränen im Asia-Markt
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Michelle Zauner ist 25 Jahre alt, als sie ihre Mutter Chongmi an den Krebs verliert. Die Tochter eines weißen Amerikaners und einer Koreanerin ist in zwei Welten aufgewachsen und irgendwie auch dazwischen. ...

Michelle Zauner ist 25 Jahre alt, als sie ihre Mutter Chongmi an den Krebs verliert. Die Tochter eines weißen Amerikaners und einer Koreanerin ist in zwei Welten aufgewachsen und irgendwie auch dazwischen. Als sie von der Erkrankung ihrer Mutter erfährt, schlägt sie sich gerade mit drei Teilzeitjobs durch und spielt mäßig erfolgreich in einer Rockband. Die Nachricht wirft sie aus der Bahn, aber ihr ist sofort klar, dass sie ihre Umma (koreanisch für „Mutter“) in dieser Situation unmöglich alleinlassen kann. Und so zieht sie wieder bei den Eltern ein und ein unfassbar schwerer Weg beginnt.

Erzählt wird „Tränen im Asia-Markt“ aus der Sicht der Autorin in der Ich-Perspektive, ausgehend von der Gegenwart, in der ihre Mutter bereits verstorben ist. Es finden jedoch auch immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit statt, zum Beispiel um den Krankheitsverlauf und das Sterben Chongmis zu beschreiben, teilweise aber noch weiter zurück in Michelles Kindheit. Die Perspektive und das Wissen, dass es sich um eine Autobiografie handelt, machen den Text ungemein emotional und eindrücklich – Michelle Zauner lässt uns unmittelbar an ihrem Schmerz teilhaben, aber auch an den schönen Momenten.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war nicht immer einfach. Chongmi ist eine strenge Mutter, die in Haushalt und Kindererziehung aufgeht, aber nicht unbedingt liebevoll. Michelle versucht stets, die Bewunderung ihrer Mutter zu erreichen, zum Beispiel in dem sie die gesamte Wohnung putzt. Doch immer wieder fühlt sie sich auch ausgeschlossen aus einer Welt, die sich ihr zumindest in Teilen verschließt. Denn Michelle spricht kaum Koreanisch, was besonders dann auffällt, wenn Familie oder Freundinnen der Mutter zu Besuch sind.

Was die beiden Frauen jedoch verbindet, ist die Liebe zu koreanischem Essen. Wenn Michelle als Kind die seltsamsten Dinge probiert oder mit ihrer Mutter nachts den Kühlschrank der Tante plündert, dann weiß diese, dass eben doch eine Koreanerin in ihr steckt. Darum muss Michelle beim Besuch des koreanischen Supermarkts H-Mart auch immer weinen, denn jeder Einkauf ist auch die Suche nach Erinnerungen an ihre Mutter.

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Veröffentlicht am 10.11.2021

Ein Frühling voller Hoffnung

Die Sonnenwächterin
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Lilja wächst in einer Welt auf, in der die Sonne verschwunden ist und es Tag für Tag nur regnet. Mit seinem Gewächshaus, das sie nie betreten darf, versorgt ihr Großvater die Nachbarn mit Obst und Gemüse. ...

Lilja wächst in einer Welt auf, in der die Sonne verschwunden ist und es Tag für Tag nur regnet. Mit seinem Gewächshaus, das sie nie betreten darf, versorgt ihr Großvater die Nachbarn mit Obst und Gemüse. Doch eines Tages schleicht Lilja hinein und kommt dabei einem großen Geheimnis auf die Spur, das sie in den düsteren Wald hinter dem Dorf führt. Dort findet sie Schreckliches heraus, aber auch neue Hoffnung und Freundschaft.

„Die Sonnenwächterin“ ist der zweite Band des Jahreszeitenquartetts, welches die Autorin Maja Lunde 2018 mit dem ersten Band „Die Schneeschwester“ begann. Wie man unschwer bereits am Untertitel erkennen kann, widmet sich dieser Band dem Frühling. Unterstützt und getragen wird die emotionale Geschichte durch die Illustrationen von Lisa Aisato – ihre Bilder sind so voller Zartheit, Kraft und Detailverliebtheit, dass man sich die Handlung ohne ihre Kunst gar nicht vorstellen kann. Im gleichen Maße wie Lilja im Verlauf der Geschichte an Zuversicht und Stärke gewinnt, werden auch die Illustrationen nach und nach immer bunter.

Während sich Band eins mit den Themen Trauer und Verlust auseinandersetzt, geht es dieses Mal um Rache und Vergebung, Freundschaft und Liebe und vermutlich ist auch das Umweltthema nicht ganz zufällig gewählt. (Zumal die Autorin in ihrem Romanquartett für Erwachsene Themen wie das Artensterben oder Wasserknappheit anspricht.) Protagonistin Lilja ist der beste Beweis dafür, dass man für eine bessere Zukunft auch kämpfen muss.

Eine tolle Geschichte für Jung und Alt, die mich jedoch nicht ganz so begeistern konnte, wie der Vorgänger „Die Schneeschwester“. Dennoch vergebe ich die Höchstwertung und freue mich schon auf die restlichen beiden Jahreszeiten. Wer die Reihe bisher noch nicht kennt, sollte dringend zugreifen! Ein kleiner Tipp: Band eins eignet sich mit seinen 24 Kapiteln perfekt als Adventskalender.

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Veröffentlicht am 03.11.2021

Mein liebster Band bisher

A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit
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Sommer 2020. Ganz Deutschland leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie und auch Sid hat seine gute Freundin Chiara schon eine Weile nicht mehr gesehen. Da kommt eine überraschende E-Mail von Mr. Tory ...

Sommer 2020. Ganz Deutschland leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie und auch Sid hat seine gute Freundin Chiara schon eine Weile nicht mehr gesehen. Da kommt eine überraschende E-Mail von Mr. Tory zur rechten Zeit. Der bietet den beiden zwar dieses Mal kein Abenteuer im Ausland an, dafür aber eine Reise in die Vergangenheit. In Frankfurt am Main sollen sie in einer Villa, die verkauft werden soll, die persönlichen Gegenstände der Besitzer durchsehen. Dabei machen sie einige spannende Entdeckungen und kommen einer großen Familientragödie auf die Spur.

„A.S. Tory und das Spiel mit der Zeit“, der vierte Band der Reihe um den mysteriösen Mr. Tory, wird hauptsächlich aus der Perspektive des Protagonisten Sid erzählt; es werden allerdings auch immer wieder Transkripte von Tonbändern eingestreut, die Arne, der verstorbene Sohn der Familie Sachert, aufgenommen hatte. Das macht die gesamte Geschichte noch um einiges emotionaler und vermittelt den Eindruck, unmittelbar dabei gewesen zu sein. Und wieder gelingt es der Autorin, gekonnt wichtige Themen wie Identität, Ausgrenzung oder Drogenkonsum einzuflechten, ohne dabei moralisch zu werden.

Ich muss zugeben, dass ich die Lektüre des Buches ein wenig vor mir hergeschoben habe – und das hatte auch gute Gründe, denn dieser vierte Band wird (zumindest vorerst) das Letzte sein, was wir von unseren Held*innen lesen werden. Umso schöner, dass „A.S. Tory und das Spiel mit der Zeit“ zu meinem absoluten Lieblingsband wurde, den ich in einem Rutsch verschlungen habe.

Zwar reisen Sid und Chiara nicht mehr quer über die Weltkarte, davon hat die Geschichte, in meinen Augen, aber durchaus profitiert. Die beiden, ihre Persönlichkeiten und ihre Freundschaft zueinander stehen im Fokus, was die Handlung deutlich intensiver und auch intimer macht. Sid erscheint erwachsener und reflektierter und auch Chiara verhält sich weniger aufgedreht und impulsiv – das wirft natürlich auch noch einmal die Frage auf, was aus den beiden in Zukunft eigentlich werden soll.

Fazit: Ich würde mir zwar wünschen, dass die Reihe irgendwann weitere Bände erhält, kann aber auch mit diesem Ende wunderbar leben.

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Veröffentlicht am 30.10.2021

Ein bewegendes Stück Gesellschaftskritik

In Flammen
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In einem Slum in Kalkutta lässt sich die junge Jivan nach einem terroristischen Anschlag dazu hinreißen, auf Facebook offen die Regierung zu kritisieren. Schnell gerät sie selbst ins Kreuzfeuer und wird ...

In einem Slum in Kalkutta lässt sich die junge Jivan nach einem terroristischen Anschlag dazu hinreißen, auf Facebook offen die Regierung zu kritisieren. Schnell gerät sie selbst ins Kreuzfeuer und wird schließlich als mutmaßliche Täterin vor Gericht gestellt. Im Prozess gibt es nur zwei Personen, die für sie aussagen können: Lovely, eine Hijra (der indische Begriff für eine trans oder intersexuelle Person), der sie kostenlos Englischunterricht erteilt und PT Sir, ihr ehemaliger Sportlehrer, der mitten im politischen Aufstieg begriffen ist.

„In Flammen“ erzählt in wechselnden Perspektiven die Geschichte einer falschen Verurteilung. Im Fokus steht Jivan, die als Muslima aus dem Slum eine gelungene Zielscheibe abgibt. Die Bevölkerung ist nur zu gerne bereit, in ihr die Terroristin zu sehen. Als Protagonistin begleiten wir sie vom Tag des Anschlags bis zum Gerichtsurteil. Weitere Blickwinkel auf die Handlung liefern Lovely und PT Sir, aber in kurzen Einschüben auch beispielsweise Jivans Eltern oder ihr Anwalt.

Es ist ein unbarmherziges Bild, das die Autorin Megha Majumdar von Indien zeichnet – Diskriminierung aufgrund von Religion oder sexueller Identität sind an der Tagesordnung und Gelder zur Förderung der Bildung verschwinden häufig in fremden Taschen. Im Frauengefängnis hofft Jivan währenddessen auf eine Chance, ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie tatsächlich passiert ist.

Eines ist jedoch bezeichnend: In dem Maße, in dem sich die Situation für Jivan verschlechtert, verbessert sie sich für Lovely und PT Sir. Erstere wird durch ihren Auftritt vor Gericht zum Liebling des Volkes und kann sich endlich den Traum von der Schauspielerei erfüllen. Zweiterer steigt nach und nach an die Spitze seiner Partei auf. Am Ende müssen sich beide zwischen ihrer Loyalität zu Jivan und der eigenen Karriere entscheiden, denn mit einer Terroristin in Verbindung gebracht zu werden, könnte beiden immens schaden.

Der Roman zeigt die Schicksale von drei unterschiedlichen Menschen auf der Suche nach Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung und wie schnell diese am Abgrund enden kann - ein bewegendes Stück Gesellschaftskritik!

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