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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.05.2021

Keine leichte Kost

Immer noch wach
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Alex ist glücklich, denkt er, mit genau dem Leben, das er lebt. Mit seinem besten Kumpel Bene hat er ein Café eröffnet und mit der Frau seiner Träume lebt er zusammen. Was soll jetzt noch passieren?

Fast ...

Alex ist glücklich, denkt er, mit genau dem Leben, das er lebt. Mit seinem besten Kumpel Bene hat er ein Café eröffnet und mit der Frau seiner Träume lebt er zusammen. Was soll jetzt noch passieren?

Fast jeder kennt ihn, diesen Moment im Leben, an dem man denkt: "Alles ist perfekt, kann jemand bitte auf „Pause“ drücken?" Man macht sich keine Gedanken um morgen, sondern genießt das Jetzt. An diesem Punkt ist auch Alex angelangt, als er die niederschmetternde Diagnose Krebs erhält. Heilung nicht möglich. Spätestens hier hatte der Autor mich. Mich hat das emotional ziemlich mitgenommen, so authentisch hat er alles geschildert. Am liebsten hätte ich Alex gedrückt und gesagt, dass alles wieder gut wird. Aber das tut es selten.

Obwohl das Augenmerk der Story auf Alex liegt, kommen Bene und Lisa ebenfalls nicht zu kurz. Zwar finde ich ihre Darstellung insgesamt etwas einseitig und blass, weil ich eher das Gefühl hatte, dass sie Alex’ Charakter unterstreichen und es in ihren Abschnitten weniger um sie geht. Doch im Gesamten passte es zur Story und fällt beim Lesen kaum auf. Alex’ Schilderungen, besonders aus seiner Zeit im Hospiz, sind sehr realistisch beschrieben und gehen ans Herz. Er ist jemand, den man so schnell nicht mehr vergisst und dessen Schicksal einen weiterhin unterbewusst begleitet. Denn das, was er durchmacht, haben andere im wirklichen Leben auch ertragen müssen. Es ist also nicht bloß reine Fiktion. Man schlägt die Buchdeckel zu und weiß, dass es viele wie Alex da draußen gab, gibt und geben wird.

Generell gefiel mir sehr gut, dass die Kapitel kurz gehalten waren. Auch der zeitliche Perspektivwechsel hat sein Übriges dazu getan. Hier könnte man bei einer Neuauflage überlegen, eine grobe Zeitangabe voranzustellen – ich musste immer einige Zeilen lesen, bevor ich sicher wusste, in welcher Zeitebene ich mich befinde.

Dieser Debütroman ist keine leichte Kost, und ich muss dem Autor ein Lob dafür aussprechen, wie er dieses sensible Thema verarbeitet hat, ohne dass es unrealistisch erscheint oder gar erzwungen.

Persönliches Fazit: Ein sehr bewegender Roman, der nachdenklich stimmt und noch lange nachhallt. Allerdings nicht für LeserInnen geeignet, die mit solchen Themen nicht gut umgehen können.

  • Cover
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Veröffentlicht am 27.05.2021

Außergewöhnlicher Krimi

Die zweite Schwester
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Wenn im Internet eine Hetzjagd auf ein Mädchen angezettelt wird. Wenn hunderte Menschen sich an dieser digitalen Hetzjagd beteiligen. Wenn besagtes Mädchen in letzter Konsequenz den Freitod wählt. Wer ...

Wenn im Internet eine Hetzjagd auf ein Mädchen angezettelt wird. Wenn hunderte Menschen sich an dieser digitalen Hetzjagd beteiligen. Wenn besagtes Mädchen in letzter Konsequenz den Freitod wählt. Wer trägt dann die Schuld? Und was steckt hinter diesem perfiden Spiel?

Chan Ho-Kei hat mit „Die zweite Schwester“ einen Kriminalroman geschaffen, der von der ersten bis zur letzten Seite an unseren Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit rüttelt.
Der Autor erzählt eine bis ins letzte Detail durchdachte Geschichte, die uns Leser immer wieder an der Nase herumführt und überrascht. Zu keiner Zeit lässt er sich in die Karten schauen und baut so bereits im Prolog eine Spannung auf, die sich auf hohem Niveau durch das gesamte Buch zieht.

Ungewöhnlich, und man sollte meinen ein garantierter Spannungskiller, ist, dass bereits zur Hälfte klar wird, wer der wahre Schuldige ist. Nicht aber in diesem Roman. Ganz im Gegenteil: Da an dieser Stelle nach wie vor die eigentlichen Motive weiter im Dunkeln liegen, entwickelt sich „Die zweite Schwester“ spätestens jetzt zu einem Pageturner der Extraklasse.

Auch sämtliche Figuren kommen wohl durchdacht, realistisch und glaubwürdig daher. Dabei schafft Chan Ho-Kei mit Nga-Yee und N ein Figurenpaar, das durchweg für eine gewisse Dramatik sowie für Unterhaltung sorgt. Während Nga-Yee für meinen Geschmack teilweise zu naiv und gutgläubig ist, ist N der perfekte Gegenpart und Antiheld. Immer wieder fühlte ich mich an Stieg Larssons Lisbeth Salander erinnert, obwohl N noch mal ein ganz anderes Kaliber ist. Trotz seiner schroffen Art, die so einige Male Grenzen überschreitet, war ich Fan der ersten Stunde. Für mich hat N der Handlung einen unglaublichen Drive gegeben.

Neben dem eigentlichen Kriminalfall vermittelt Chan Ho-Kei die nötigen IT-Kenntnisse, um die Geschehnisse um Nga-Yee, ihre Schwester Siu-Man und N zu verstehen. In gut dosierten und leicht erklärten Sequenzen schildert er auf erschreckende Weise, welche Möglichkeiten und Schlupflöcher das World Wide Web mit dem nötigen Know-how bietet.

Der Autor versteht es, intelligent mit Sprache zu spielen. Er hat ein Gefühl dafür, wann es nötig ist, zwischen den Perspektiven zu wechseln, Spannung und Humor einzusetzen und punktgenau die nötigen Details zu liefern, um seine Leser bei Laune zu halten.
Schlussendlich fügen sich alle einzelnen Fäden zu einem in sich schlüssigen Gesamtbild zusammen.

Persönliches Fazit: Chan Ho-Kai versteht sein Handwerk und erzählt seine Geschichte auf einem wirklich hohen Niveau. „Die zweite Schwester“ ist für mich schon jetzt eines meiner Lesehighlights 2021! Wer Settings abseits des Mainstreams sucht und sich gern mit der Hackerszene auseinandersetzt, sollte unbedingt zu diesem Kriminalroman greifen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 25.05.2021

Spannender Shutdown

Searching Lucy
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Die 17-jährige Amber ist verzweifelt. Erst verschwindet ihr Vater und kurz darauf ihre Zwillingsschwester Lucy. Die Polizei findet keine Hinweise auf ihren Verbleib. Doch Amber kann sich damit nicht abfinden ...

Die 17-jährige Amber ist verzweifelt. Erst verschwindet ihr Vater und kurz darauf ihre Zwillingsschwester Lucy. Die Polizei findet keine Hinweise auf ihren Verbleib. Doch Amber kann sich damit nicht abfinden und macht sich selbst auf die Suche nach ihren Familienangehörigen, indem sie in alle Häuser von - aus ihrer Sicht - Verdächtigen einbricht und alles durchsucht. Irgendwo müssen die beiden ja stecken! Unentdeckt einzubrechen ist jedoch gar nicht so einfach, und so bringt sie sich in manche verzwickte Situation und letztlich auch in Gefahr.

Die Geschichte ist aus Ambers Sicht erzählt und man kann gut nachempfinden, wie verloren und überfordert sie sich fühlt.

Zitat Pos. 230:
"Als würde es nicht reichen, dass nur ein Familienmitglied von jetzt auf gleich verschwindet. Als bräuchte man diese Erfahrung in der doppelten Dosis: zweimal Verzweiflung, zweimal dieses absurd schwarze Loch, durch das man immer weiter fällt. Kein Boden in Sicht. Wurmloch aus purem Schmerz."

Aber es ist nicht nur Amber, die leidet. Da sind auch noch ihre Mutter, die sich im Alkohol ertränkt, und ihr kleiner Bruder Tom, für die Amber stark sein muss. Es ist erschütternd mitzuverfolgen, wie das ganze Familienleben auseinanderbricht.

Die Autorin hat den jugendlichen Protagonisten in der wörtlichen Rede eine altersangepasste Sprache verpasst, die zwar authentisch, aber vielleicht manchmal etwas gewöhnungsbedürftig war, was aber vielleicht auch an meinem Alter lag. Nichtsdestotrotz kann man Ambers emotionales Chaos gut verstehen und fiebert mit, ob sie auf etwas Hilfreiches stößt. Dabei durchlebt man mit ihr auch sämtliche Probleme von jungen Erwachsenen, über Liebe und Freundschaft, bis hin zu den Narben der Vergangenheit. Denn Amber bekommt unerwartete Hilfe von jemandem, der sie wirklich versteht. So richtig spannend wird es dann nochmal zum Ende, als die beiden tatsächlich auf eine Spur stoßen.

Persönliches Fazit: Ein Jugendthriller, der emotional und ruhig beginnt, aber mit einem spannenden Shutdown endet. Ich empfehle dieses Buch allen Lesern, die über die psychischen Belastungen lesen möchten und nicht auf einen blutigen Thriller aus sind.

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Veröffentlicht am 25.05.2021

Sogartige Wirkung

Die Leuchtturmwärter
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Wir schreiben das Jahr 1972. Drei Männer übernehmen die Wache auf dem sich im Meer befindenden Leuchtturm MAIDEN ROCK. Als ihre Ablösung kommt, sind sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und lassen ...

Wir schreiben das Jahr 1972. Drei Männer übernehmen die Wache auf dem sich im Meer befindenden Leuchtturm MAIDEN ROCK. Als ihre Ablösung kommt, sind sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und lassen insbesondere ihre Familien in Ungewissheit zurück. Niemand versteht, was vorgefallen ist.

Der Autor Dan Sharp beschließt 20 Jahre später, das Thema für seinen neuen Roman aufzugreifen, und löst damit eine Kettenreaktion an Ereignissen aus.

Emma Stonex webt gekonnt eine Geschichte, die geheimnisvoll und rätselhaft den Leser immer tiefer in die Abgründe der Wahrheit hineinzerrt. Zwischen den dramatischen Monologen und gut konstruierten Schlüsselszenen werden immer wieder Fragen aufgeworfen, die dazu animieren, weiterzulesen und mitzufiebern. Somit wird die Spannung stets hoch gehalten.

Jeder der Protagonisten kommt ausreichend zu Wort und man erfährt über ihre Ängste, ihre Beziehungen zu ihren Frauen und wie das Leben auf engsten Raum abläuft. Parallel dazu erzählen die Ehefrauen, wie sie 20 Jahre danach über die vergangenen Erlebnisse denken. Es kommt eine sehr beklemmende und unheimliche Atmosphäre auf, denn irgendwas scheint nach wie vor nicht zu stimmen. Und während der Leser mit Themen wie Einsamkeit, Schuld und Wahnsinn konfrontiert wird, leitet die Autorin ihn vorsichtig durch den verwirrenden Plot, damit er nicht den Anschluss verpasst. Dabei lässt sie genug Raum für eigene Spekulationen und ermöglicht es, dem Rätselfreund ein paar logische Spielereien durchzuführen.

Interessant an der Story ist, dass sie auf wahren Begebenheiten beruht: Im jahr 1900 verschwanden drei Wärter spurlos von einem abgelegenen Leuchtturm auf der Insel Eilean Mòr in den Äußeren Hebriden.

Persönliches Fazit: Ein ruhiger Roman mit unterschwelliger Spannung, dessen sogartige Wirkung sich erst nach und nach entfaltet, einen dann aber nicht mehr loslässt.

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Veröffentlicht am 23.05.2021

Gelungener Kriminalroman

Tod in Weißen Nächten
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Ich lese Prologe sehr selten bzw. überfliege ich sie häufig nur. Denn für mich sind sie meistens nicht sinnig und verwirren mich nur noch mehr. Teilweise weiß ich auch nicht, wieso es jetzt unbedingt dieser ...

Ich lese Prologe sehr selten bzw. überfliege ich sie häufig nur. Denn für mich sind sie meistens nicht sinnig und verwirren mich nur noch mehr. Teilweise weiß ich auch nicht, wieso es jetzt unbedingt dieser Prolog sein musste. Doch hier wurde ich tatsächlich überrascht. Der erste Prolog, der mich endlich mal wieder überzeugen konnte. Er ist wichtig für die Hauptgeschichte, welche sich um den Prolog herum aufbaut. Das fand ich persönlich sehr gut gemacht.

Der Schreibstil konnte mich direkt fesseln. Kurze Sätze und ein toller Spannungsaufbau waren vorhanden. Verwirrend jedoch fand ich die ganzen russischen Begriffe. Hier hätte ich mir gern mehr Erklärungen gewünscht. Auch die Namen waren ein wenig schwer und gewöhnungsbedürftig. Ein Glossar wäre toll gewesen, vielleicht auch ein kleines Wörterbuch, damit man die Namen richtig aussprechen kann.

Die Hauptcharaktere in dem Buch fand ich sehr sympathisch, besonders unseren „Hauptmann“ Natalja. Sie ist eine der wenigen Polizistinnen, die weder korrupt noch bestechlich sind. Sie folgt ihrem Job mit Leidenschaft und hat es häufig in der Männer dominierenden Welt nicht leicht. Dennoch kämpft sie sich durch und hat schon zu dem ein oder anderen Trick gegriffen, um aufzusteigen. Sie hat sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen erkämpft.

Russland ist nicht wie Deutschland: andere Regeln, andere Sitten. Dem sollte man sich bewusst sein, bevor man das Buch liest, denn hier wird das wahre Russland gezeigt. Allgemein fand ich es schwer, die russische Polizeihierarchie zu durchblicken. Es gab einige Beschreibungen, die ich selbst nachschauen musste. Es wird leider sehr wenig erklärt. Dennoch tut es der Spannung keinen Abbruch. Ich habe häufig mitgerätselt, dachte, ich sei auf die Lösung gekommen, und wurde dann wieder überrascht, da es sich doch in eine andere Richtung entwickelte. Bis zum Ende habe ich im Dunkeln getappt.

Persönliches Fazit: Ich hatte etwas anderes erwartet, mehr einen Politthriller als Kriminalroman. Bekommen habe ich eine starke Protagonistin, einen genialen Spannungsaufbau und einen super Schreibstil. Ich empfehle dieses Buch gern für alle Krimi- und Thriller-Fans. Hilfreich ist es, wenn man ein wenig russisch beherrscht oder vielleicht schon einmal in Russland war.

PS: Jetzt würde ich gerne einmal persönlich Sankt Petersburg besuchen.

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