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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.02.2021

Spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, märchenhafter Atmosphäre und unheimlichem Setting!

Der Mädchenwald
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, wird sie in einen Lieferwagen gezerrt und entführt. In einem dunklen Keller ist sie ganz allein – bis ein seltsamer Junge beginnt, sie zu besuchen. Elissa weiß nichts über Elijah. Ist er gefährlich? Sie weiß nur Eines: Wenn sie es richtig anstellt, ist er vielleicht ihre einzige Chance, das hier zu überleben…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler und Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + / - Ein Hirsch wird bei der Jagd getötet, eine Elster tötet Küken. Es werden keine Tiere gequält.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Tod von Tieren, Blut, Erbrechen, Gewalt gegen Kinder, Entführung, Suizid, Fehlgeburt, Drogen;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++ (mehrmals)

Warum dieses Buch?

Der gruselige Klappentext und die vielen begeisterten Rezensionen auf Goodreads haben mich neugierig gemacht!

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… der mysteriöse Einstieg in die Geschichte. Bereits die ersten Seiten haben mich neugierig gemacht, ich habe daher ohne Probleme ins Buch gefunden. (5 Lilien ♥)

„‘Ich hoffe, Gretel geht es gut.‘
‚Gretel?‘, fragt Papa.
Sofort habe ich ein komisches Gefühl im Bauch, eine schmierige Glitschigkeit, als wäre da eine Schlange in mir, die sich windet und ringelt. Gretel, fällt mir wieder ein, ist ein Geheimnis.“ E-Book, Position 48

… der Schreibstil. Sam Lloyd schreibt flüssig und einfach, wodurch man nur so durch die Seiten fliegt! Egal ob bei einer Szene die Spannung oder die Gefühle im Mittelpunkt stehen – der Autor kann mit seiner Sprache punkten! (5 Lilien ♥)

… die Figuren. Nur Mairéad blieb für meinen Geschmack ein wenig blass (sie hat auch die wenigsten Kapitel), die anderen beiden Protagonist/innen überzeugen auf ganzer Linie. Während mich die rätselhaften Kapitel aus Elijahs Sicht gleichzeitig fasziniert und misstrauisch gemacht haben, hat mich die intelligente, mutige Elissa (die mich sehr an Beth aus "Das Damengambit" erinnert hat) mit ihrer Ruhe und ihrem pragmatischen Denken in Gefangenschaft sehr beeindruckt! Ich habe richtig mit ihr mitgefiebert und mir so gewünscht, dass es für sie ein Happy End gibt. Die wenigen Nebenfiguren haben nur sehr kleine Rollen, doch auch hier gibt es nichts auszusetzen. (5 Lilien)

… die Atmosphäre. Im Buch herrscht eine rätselhafte, düstere, unheimliche Stimmung, die mich auch aufgrund des Settings (einsamer, abgelegener Wald) sehr an ein Märchen erinnert und mir immer wieder eine Gänsehaut beschert hat. Man hat wirklich das Gefühl, beim Lesen in eine andere Welt einzutauchen und will immer noch mehr entdecken. Stellenweise hatte ich gefühlt 1000 Fragen, die auf die ich gar nicht schnell genug eine Antwort finden konnte. (5 Lilien ♥)

… die Spannung und die vielen unerwarteten Wendungen. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das so viele überraschende Twists zu bieten hatte wie „Der Mädchenwald“. Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und das liebe ich bei Thrillern! Zudem war das Buch stellenweise so spannend, dass ich es kaum zur Seite legen konnte. (5 Lilien ♥)

„Die Dunkelheit pulsiert, als wäre sie lebendig wie eine tintenschwarze Lunge. ‚Hallo Elijah‘, antwortet sie.“ E-Book, Position 3149

… die Grundidee, die Themen und die Umsetzung. Mit seinem gelungenen Plot, der Auswahl der Themen (Liebe, Verlust, Familie, Trauma, Überleben) und der für einen Thriller auch angemessen tiefgründigen Umsetzung konnte mich „Der Mädchenwald“ wunderbar unterhalten und auf ganzer Linie überzeugen. (4,5 Lilien)

„Vor mir nehme ich eine Bewegung wahr. Das könnte alles Mögliche sein, aber es gibt nur einen, vor dem ich mich fürchte. […] Manchmal habe ich Angst, dass seine Macht über mich stärker wird, je öfter ich seinen Namen ausspreche […]“ E-Book, Position 106

… das ausgeglichene Geschlechterverhältnis. Eine feministische Analyse lässt mich sehr zufrieden zurück, da der Thriller den Bechdel-Test besteht, viele starke, intelligente, mächtige und beruflich erfolgreiche weibliche Figuren enthält und mit Geschlechterstereotypen bricht! Dafür gibt es ein großes Lob! Lediglich bei der Polizei scheinen noch Spuren einer gläsernen Decke vorhanden zu sein, da die höchsten Positionen doch noch von Männern bekleidet werden. Die mehrmalige Verwendung von frauenfeindlichen Beleidigungen (Schla+++) verzeihe ich, weil diese nur aus dem Mund der „Bösen“ kamen. (5 Lilien ♥)

Das lässt mich zwiegespalten zurück:

… das Ende. Einerseits fand ich es schön, dass es hier noch einmal emotional wurde (ich war kurz davor, bei einem Thriller Tränen zu vergießen, ist das zu fassen?), anderseits war mir der letzte Teil des Buches doch eine Spur zu dramatisch (nicht alle Handlungen konnte ich nachvollziehen) und vielleicht war es auch eine Wendung zu viel am Schluss. Doch das ist wirklich Kritik auf hohem Niveau! (3,5 Lilien)

Das hat mir nicht gefallen:

---

Mein Fazit

„Der Mädchenwald“ ist ein spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, unheimlicher und märchenhafter Atmosphäre, der mich wunderbar unterhalten konnte und mir so manchen Gänsehautmoment beschert hat. Der mysteriöse Einstieg in die Geschichte, der flüssige, angenehme Schreibstil, die interessanten Figuren, die angemessen tiefgründige Behandlung von Themen wie Verlust und Trauma, die überraschenden Wendungen, die dichte Atmosphäre, die atemlose Spannung und das faszinierende Setting konnten mich auf ganzer Linie überzeugen. Lediglich der letzte Teil des Buches war mir etwas zu dramatisch und am Schluss war es mir vielleicht auch ein Twist zu viel – aber das ist Kritik auf hohem Niveau! Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und genau so muss das bei Thrillern sein! Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung - ich habe mein erstes Jahreshighlight gefunden. Wenn ihr euch traut, folgt Sam Lloyd doch in den Mädchenwald hinein – aber verirrt euch nicht!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4,5 Lilien
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende: 3,5 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonist/innen: 4,5 Lilien
Figuren: 4 Lilien
Spannung: 5 Lilien ♥
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.02.2021

Rundum gelungener Jugendroman (12+) am Puls der Zeit, nur das Ende wird zu schnell und oberflächlich abgehandelt!

Cleanland
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die 15-jährige Schilo lebt in Cleanland, dem Land der Reinen. Nach einer tödlichen Pandemie steht der Schutz vor Krankheiten über allem. Die Gesundheit wird permanent ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die 15-jährige Schilo lebt in Cleanland, dem Land der Reinen. Nach einer tödlichen Pandemie steht der Schutz vor Krankheiten über allem. Die Gesundheit wird permanent überwacht, gefeiert und getanzt wird in Schutzanzügen und alte Leute leben zu ihrer eigenen Sicherheit hinter einer Glasscheibe hinter einem Raum, den sie nie verlassen dürfen. Das Leben in Cleanland ist nicht leicht, aber die Freiheit ist eben der Preis, der für die Gesundheit gezahlt werden muss – oder?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Drogen (Schlaftabletten)

Warum dieses Buch?

Mich hat interessiert, wie der Autor das Thema „Gesundheitsdiktatur“ in diesem Jugendbuch verarbeitet hat und ob es Jugendlichen trotz der aktuellen Situation empfohlen werden kann.

Meine Meinung

Einstieg (4 Lilien)

„Die fünf Gesetze der absoluten Reinheit (GaR) […] 2. Berührung ist gefährlich. […] 4. Kontrolle dient der Gesundheit.“ E-Book, Position 87

Der Prolog war aufgrund der fehlenden Informationen noch rätselhaft, aber gleich danach habe ich ohne Probleme ins Buch gefunden. Nach und nach erfährt man immer mehr über die Welt, in der Schilo lebt.

Schreibstil (5 Lilien)

Martin Schäubles Schreibstil konnte mich auf ganzer Linie überzeugen, weil er für die Zielgruppe perfekt geeignet ist. Er ist humorvoll, leicht verständlich und flüssig lesbar, ohne dabei aber zu einfach oder oberflächlich zu sein.

Idee, Themen & Ausführung (4 Lilien)

„Hinter der Hygienescheibe ist jemand, der auf sie wartet, selbst wenn es so spät ist wie heute. Sie streichelt über das Glas, und auf der anderen Seite drückt eine kleine, faltige Hand mit schwarzen Flecken dagegen. […] Die Hygienescheibe trennt die Küche vom ‚Saferoom- dem Raum der Einsicht®‘. In diesem Raum hinter der Glaswand lebt meine Oma […] Schließlich gehört sie mit ihrem hohen Alter zur Risikogruppe.“ E-Book, Position 177

Über „Cleanland“ hatte ich im Vorfeld nicht viel gehört, deshalb hatte ich keine hohen Erwartungen. Vielleicht war ich vor der Lektüre sogar ein bisschen skeptisch, weil ich dachte: „Hier möchte jemand auf den „Corona-Zug“ aufspringen!“ Ich fragte mich, ob man Jugendlichen in Pandemiezeiten ein solches Jugendbuch überhaupt zumuten und empfehlen kann. Tatsächlich hat mich die Geschichte aber sehr positiv überrascht. Die erfundene Welt ist in sich logisch und es ist spannend, sie zu entdecken. „Cleanland“ ist eine Dystopie am Puls der Zeit. Aktuelle Entwicklungen werden hier auf die Spitze getrieben, das macht das Buch auch so erschreckend. Erst gestern habe ich meine Oma daran erinnert, zu ihrem eigenen Schutz keinen Besuch ins Haus zu lassen und Abstand zu anderen Menschen zu halten. In Schilos Welt leben alte Menschen bereits permanent hinter einer Glasscheibe in einem sterilen Raum, den sie nie verlassen dürfen. Obwohl wir von solch einer „Gesundheitsdiktatur“ zum Glück sehr weit entfernt sind, habe ich mich als Verfechterin der Corona-Schutzmaßnahmen an mancher Stelle schon ertappt gefühlt, was wiederum für das Buch spricht.

Der Autor ist für seine kritischen Jugendbücher bekannt, die oft auch als Schullektüre eingesetzt werden – jetzt weiß ich auch warum. „Cleanland“ behandelt aktuelle Themen (Krankheit, Schutz der Gesundheit, Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln, Überwachung) mit für ein Jugendbuch (!) angemessener Tiefe, regt zum Hinterfragen (Wie viel Freiheit sind wir bereit, für die Gesundheit zu opfern?) und kritischen Nachdenken an und unterhält dabei sehr gut. Dabei liest sich das Buch keineswegs (wie zu Beginn befürchtet) wie das Manifest eines Corona-Leugners, sondern eher wie ein Aufruf zum gesunden Misstrauen, damit wir niemals dort landen, wo Schilo und ihre Familie sind. Erkenntnisse werden nicht auf einem Silbertablett serviert, sondern Jugendliche werden ermuntert, sich eine eigene Meinung zu bilden. Auch Lesemuffel dürften mit dieser relativ kurzen Geschichte ihre Freude haben.

Meiner Meinung nach ist „Cleanland“ für Kinder / Jugendliche ab 12 Jahren geeignet – auch in diesen Zeiten. Jedoch sollte das Buch im Anschluss besprochen werden, wenn Bedarf besteht. Wer jedoch ohnehin schon sehr unter der aktuellen Pandemie-Situation leidet, wer Angst hat, sich große Sorgen macht und sich generell psychisch gerade nicht gut fühlt, sollte vielleicht lieber zu einer anderen Geschichte greifen – auch wenn „Cleanland“ eigentlich kein brutales oder traumatisierendes Buch ist. Als angehende Lehrerin kann ich mir auch sehr gut vorstellen, Bücher des Autors in meinem Unterricht einzusetzen – ich denke, hier könnten sich interessante Diskussionen entspinnen.

Lediglich einen kleinen Wermutstropfen gibt es für mich hier: Das Ende wurde viel (!) zu schnell abgehandelt, so als wären dem Autor entweder Zeit oder Platz ausgegangen oder er hätte plötzlich keine Lust mehr gehabt, das Buch zu vollenden. Hier hätte ich mir weniger Eile und mehr Tiefe gewünscht. Allen Erwachsenen sollte übrigens bewusst sein, dass sich „Cleanland“ an Kinder ab 12 Jahren richtet; dieselbe Tiefe / Vielschichtigkeit wie in einem Roman für Erwachsene, kann hier natürlich nicht erwartet werden.

Wer „Cleanland“ mochte, dem kann ich übrigens auch die ebenfalls gelungene Dystopie „New Earth Project“ von David Moitet wärmstens ans Herz legen (das Buch ist auch ab 12 Jahren).

„Keiner verlässt das Land freiwillig, um in den Sicklands zu leben. In der Schulbasis haben wir drei Wörter gelernt, die das Leben dort zusammenfassen: ‚Sicklands – verseucht, verloren, verdammt‘.“ E-Book, Position 233

Protagonistin & Figuren (5 Lilien & 5 Lilien ♥)

Auch die Figuren sind sehr gut gelungen. Schilo ist eine starke, intelligente Protagonistin, die eine glaubhafte Entwicklung durchmacht. Die meisten Nebenfiguren sind ebenfalls interessant, liebevoll ausgearbeitet und sympathisch; man fühlt und fiebert mit ihnen mit. Mein absolutes Highlight war übrigens die Oma, die es faustdick hinter den Ohren hat! Besonders positiv überrascht hat mich hier, wie viele starke, erfolgreiche, mutige Frauen der männliche Autor Martin Schäuble ins Buch geschrieben hat und wie gut es ihm gelingt, sich in sie einzufühlen – denn das ist im Jugendbuchgenre leider (!) immer noch keine Selbstverständlichkeit! Dafür gibt es von mir ein großes Lob!

„Und Menschen außer Samira darf ich sowieso nur treffen, wenn ich sie registrieren will bei ‚Social Health – zu viel macht krank®‘. Nach den Probestunden müsste ich mich entscheiden: Samira oder der neue Kontakt.“ E-Book, Position 632

Spannung (4 Lilie) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)

Auch der Spannungsbogen stimmt bei diesem Buch. Zuerst wird man in eine fremde Welt eingeführt, die einen zum Staunen bringt, später wird die Spannung dann so angezogen, dass man diesen Jugendroman kaum noch aus der Hand legen kann.

„Cleanland“ ist zudem geprägt durch eine dichte Atmosphäre: Viele kleine Details sorgen dafür, dass man beim Lesen niemals vergisst, wo man sich befindet und wie wichtig Hygiene ist!

Feministischer Blickwinkel (5 Lilien ♥)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---

Eine feministische Analyse dieses Jugendbuches lässt mich rundum zufrieden zurück. Die Geschichte glänzt mit vielen starken weiblichen Figuren, besteht den Bechdel-Test und ist fast gänzlich frei von Geschlechterstereotypen. Es gibt eine Oma, die es faustdick hinter den Ohren hat, eine rebellische Freundin, eine erfolgreiche Mutter und einen sensiblen jungen Mann, der als Reinigungskraft seinen Unterhalt verdient. Hier gibt es wirklich nichts auszusetzen, sondern nur ein großes Lob auszusprechen!

Mein Fazit

„Cleanland“ hat mich positiv überrascht. Es ist eine Dystopie am Puls der Zeit, die mit ihrem flüssigen Schreibstil, ihren gelungenen Figuren, ihrer starken Protagonistin und ihrer spannenden Geschichte auch Lesemuffel begeistern wird. Begeistert hat mich auch, wie viele starke Frauen der (männliche) Autor ins Buch geschrieben hat – denn das ist im Jugendbuchgenre leider (!) immer noch keine Selbstverständlichkeit! Dafür gibt es von mir ein großes Lob! Aktuelle Entwicklungen werden hier auf erschreckende Weise auf die Spitze getrieben. „Cleanland“ behandelt aktuelle Themen mit für ein Jugendbuch angemessener Tiefe, regt zum kritischen Hinterfragen und Nachdenken an und unterhält dabei sehr gut. Dieser Jugendroman ist deshalb meiner Meinung trotz der aktuellen Pandemie sowohl für die Zielgruppe als auch als Schullektüre geeignet. Lediglich das Ende wurde mir viel zu schnell abgehandelt; hier hätte ich mir weniger Eile und mehr Tiefe gewünscht.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien
Umsetzung: 4 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 4 Lilien
Ende / Auflösung: 3 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonistin: 5 Lilien
Figuren: 5 Lilien ♥
Liebesgeschichte: 3,5 Lilien
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 4 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir vier Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.02.2021

Gute Grundidee, Feminismus und starke Heldin, aber leider enttäuschende Umsetzung!

River of Violence
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist für Zwanzigjährige Alltag. Mithilfe von harten Lektionen wird sie von ihrem Vater auf ihre Zukunft vorbereitet – denn eines Tages soll sie seine Nachfolgerin werden…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: +/- Es wird gejagt, ein Hirsch wird angeschossen und danach getötet, es gibt einen leichten Fall von Tierquälerei (die Hunde können aber gerettet werden), Fleisch wird gegessen.
Triggerwarnung: Gewalt, Tod von Tieren, Tod von Menschen, Folter, Gewalt gegen Frauen und Kinder, sexualisierte Gewalt (Vergewaltigung, Belästigung, Missbrauch von Kindern), Blut, Übergeben, Krankheit, Rape Culture, Rassismus, Sexismus, Sucht, Drogen, Alkohol;

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang spannend und nach einer starken, mutigen Protagonistin!

Meine Meinung

Einstieg (2 Lilien)

„Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt. […]
Auf irgendeine Art musste ich es ja erfahren. Was er war. Und was ich werden würde.“ “ E-Book, Position 22 & 61

Im ersten Kapitel sehen wir durch Harleys Augen, wie ihr Vater einen Menschen tötet – und das ist natürlich spannend. Ab da ging es leider bergab – bis ich dann wirklich im Buch angekommen war und in die Geschichte gefunden hatte, dauerte es bis weit über die Hälfte.

Schreibstil (2 Lilien)

Mit Tess Sharpes Schreibstil konnte ich mich leider bis zum Ende nicht anfreunden. Ich habe an sich nichts gegen eine einfache und schnörkellose Sprache, aber den Erzählstil fand ich irgendwie uninspiriert, langweilig und lieblos. Er hat es nicht geschafft, mich mitzureißen – und wenn ich den Schreibstil nicht mag, hat es ein Buch bei mir schwer.

Idee, Ausführung & Themen (2 Lilien)

„‘Er will mich doch bloß beschützen.‘
‚Es liegt nur an ihm, dass du überhaupt in Gefahr bist, Harley‘, gibt Jake leise zurück.“ E-Book, Position 2717

An „River of Violence“ bin ich eigentlich ohne große Erwartungen herangegangen. Trotzdem hat mich das Buch leider sehr enttäuscht. Das lag unter anderem auch seinem Aufbau. Das Buch besteht nämlich zur Hälfte aus Rückblenden. Nun bin ich generell kein riesengroßer Fan von Rückblenden, aber wenn sie gut gemacht sind, habe ich nichts dagegen. Das Problem bei „River of Violence“ ist allerdings, dass die Rückblenden nicht nur zu zahlreich sind, sondern dass die verschiedenen Episoden aus Harleys Leben nicht chronologisch erzählt werden; sie ist z. B. in einem Kapitel 16, im nächsten aber 5. Die Zeitstruktur ist dadurch verwirrend (man weiß irgendwann nicht mehr, was Harley wann schon erlebt hat und was erst in der Zukunft passiert) und es gelingt nicht, eine Verbindung zur jungen Harley aufzubauen. Zudem behandeln fast alle Rückblenden sehr ähnliche Situationen (Harley wird von irgendeinem Mann bedroht oder gerät in eine gefährliche Situation), wodurch es auch zu vielen Wiederholungen kommt, die bei mir wiederum zu Langeweile geführt haben.

Generell hat das Buch für seinen Seitenumfang wenig Handlung, was die Geschichte zäh macht. Man hätte es wahrscheinlich um die Hälfte kürzen können und es wäre trotzdem nichts Wichtiges verloren gegangen. Dass das Buch stellenweise sehr blutig und brutal ist, stört mich überhaupt nicht, denn wer den Klappentext gelesen hat, weiß, worauf er sich einstellen muss: auf ein knallhartes Leben im kriminellen Milieu. Leider waren mir viele Stellen einfach „too much“, oft wurde so dick aufgetragen, dass ich das Buch nicht mehr ernst nehmen konnte bzw. die Authentizität verloren ging. Hier wäre weniger mehr gewesen. Das wird auch beim Blick auf die lange Trigger-Liste deutlich.

Ich habe die Geschichte gemeinsam mit einer Blogger-Kollegin gelesen und eigentlich nur deshalb bis zum Schluss durchgehalten. Bis weit über die Hälfte habe ich mit der zähen und langweiligen Geschichte gekämpft und permanent überlegt, sie abzubrechen. Den Spannungsbogen habe ich meist vergeblich gesucht. Die Genre-Bezeichnung „Thriller“ ist hier meiner Meinung absolut falsch gewählt.

„River of Violence“ hat natürlich aber auch Stärken! Dass die Umsetzung nicht so gut gelungen ist, ist sehr schade, da die Grundidee sehr gut ist und viel Potential hatte. Auch die Themen des Buches (Erwachsenwerden, Emanzipation von der Familie, Mut, Freundschaft, Verantwortung, Liebe, schwere Entscheidungen, schwierige Beziehung zu den Eltern) und ihre teilweise sogar tiefgründige Umsetzung konnten mich überzeugen. Zudem enthält das Buch durchaus einzelne starke, gelungene Momente und steigert sich im Verlauf der Geschichte immer mehr. Das letzte Viertel mit seinen unerwarteten Wendungen und seiner endlich aufkeimenden Spannung war für mich der beste Teil des Buches – und auch das Ende hat mir gefallen.

Protagonistin & Figuren (4 Lilien & 3 Lilien)

„Vielleicht wäre ja Entsetzen, bei jeder Frau, bei jeder Prellung, jeder Platzwunde, die angemessene Reaktion.
Vielleicht ist ein unempfindliches Herz nicht die Lösung, sondern das Problem.“ E-Book, Position 501

Die Protagonistin Harley war mir vor allem in der ersten Hälfte ein Dorn im Auge. Ich empfand sie als unsympathisch und scheinheilig. Es hat lange gedauert, bis ich angefangen habe, sie zu verstehen, mit ihr mitzufühlen und mich mit ihr anzufreunden. Meine liebste Hauptfigur aller Zeiten ist sie zwar immer noch nicht, aber: Am Ende des Buches fand ich sie ziemlich cool und habe sie anfeuert und ihr für ihren Mut applaudiert.

Die anderen Figuren sind verschieden gut gelungen. Es gibt komplizierte, interessante Personen, die sich nicht wirklich in Gut und Böse einteilen lassen (wie Harleys Vater), aber auch Charaktere, die sehr blass und flach bleiben. Wer übrigens ein Buch mit sympathischen Leuten sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse. Außer Will, Brooke und Jake mochte ich eigentlich niemanden – und wenn plötzlich alle gestorben wären außer Harley und Jake (der ist echt mein Favorit!), ich hätte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, so egal war mir das Schicksal der meisten Figuren.

Spannung (1 Lilie) & Atmosphäre (3 Lilien)

Da ich mich stellenweise so durchs Buch gequält habe, kann ich leider nicht mehr als eine Lilie für die (fehlende) Spannung vergeben.

Die bedrohliche Atmosphäre im Buch fand ich stellenweise durchaus gelungen, auch wenn manche Orte und Szenen schon recht klischeehaft beschrieben wurden.

Feministischer Blickwinkel (4 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++, Fo+++, Hu++, Miststück, Bitch, Bordsteinschwalbe

„‘Die wichtigste Lektion war: Sogar ein Mann, der dich liebt und der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, etwas Starkes und Mächtiges aus dir zu machen, sogar dieser Mann wird dich höllisch unterschätzen, nur weil du eine Frau bist.‘“ E-Book, Position 22

Ich würde „River of Violence“ insgesamt als feministisches Buch bezeichnen und zwar vor allem wegen seiner starken, mutigen, intelligenten Protagonistin, die gegen häusliche Gewalt kämpft und sich in einer Welt aus toxischer Männlichkeit behaupten muss und das auch schafft. Harley ist eine Heldin, die nicht gerettet werden muss, sondern die sich selbst rettet! Der Thriller enthält viele „empowernde“ und feministische Sätze, kritisiert Sexismus, weibliche Unterdrückung und (sexualisierte) Gewalt, besteht den Bechdel-Test und zeigt, wie eine Frau zur knallharten Herrscherin über ein Drogenimperium erzogen wird. Mit „River of Violence hat Tess Sharpe also zumindest diesbezüglich sehr viel richtig gemacht – dafür gibt es von mir ein großes Lob und eine halbe Lilie extra.

Manches hat mich aber auch gestört: Das waren zum einen die unzähligen Szenen, in denen Frauen bedroht, verletzt, belästigt oder vergewaltigt wurden, die ausufernden frauenfeindlichen Beleidigungen (irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen) und die Tatsache, dass gefühlt 90% der Männer in diesem Buch ungepflegte, dumme Sexisten sind, die ständig Frauen schlagen und/oder vergewaltigen. Ein paar Szenen hätten hier doch gereicht, um das Problem zu verdeutlichen, hier hätte also nicht (gefühlt) alle zwei Seiten eine Frau beim Leiden gezeigt werden müssen.

Mein Fazit

„River of Violence“ konnte mich leider nicht überzeugen. Das lag am langweiligen, lieblosen Schreibstil, der kaum vorhandenen Spannung, den unsympathischen, teilweise blassen Figuren, der spärlichen Handlung, den vielen Rückblenden (mit sich wiederholendem Inhalt) und daran, dass in einigen Szenen zu dick aufgetragen wurde. Die Stärken des Buches – seine interessanten Themen, die teilweise sogar tiefgründige Umsetzung, die starke, mutige Protagonistin und der deutlich spürbare Feminismus – können die Schwächen nicht ausgleichen. „River of Violence“ konnte das Potential einer guten Grundidee leider nicht nutzen, was sehr schade ist. Eine Leseempfehlung kann ich hier nur aus feministischer Sicht aussprechen, da mich das Buch ansonsten leider insgesamt enttäuscht hat.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 2 Lilien
Umsetzung: 2,5 Lilien
Worldbuilding: 3 Lilien
Einstieg: 2 Lilien
Ende / Auflösung: 5 Lilien
Schreibstil: 2 Lilien
Protagonistin: 4 Lilien
Figuren: 3 Lilien
Spannung: 1 Lilie
Atmosphäre: 3 Lilien
Emotionale Involviertheit: 2 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 4 Lilien
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: niedrig

Insgesamt:

❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir zweieinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.01.2021

Liebevoll illustriertes Kinderbuch mit niedlicher Hauptfigur, aber fragwürdigen Botschaften!

Das kleine Stinktier Riechtsogut
0

Inhalt

Stinktiere haben schon immer gestunken und werden auch immer stinken. Da scheinen sich alle Tiere einig zu sein. Doch das kleine Stinktier Riechtsogut sieht das anders: Es lieb es nämlich, sich ...

Inhalt

Stinktiere haben schon immer gestunken und werden auch immer stinken. Da scheinen sich alle Tiere einig zu sein. Doch das kleine Stinktier Riechtsogut sieht das anders: Es lieb es nämlich, sich zu waschen und sauber zu fühlen! Dafür erntet es viel Unverständnis.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Altersempfehlung: 3-5
Erzählweise: Figuraler Erzähler
Tiere im Buch: + Im Buch werden keine Tiere verletzt oder getötet.
Triggerwarnung: -

Warum dieses Buch?

Der Titel hat mich in Kombination mir dem süßen Cover neugierig gemacht. Zudem mochte ich schon die „Bommel“-Reihe der Autorin und war gespannt, was sie sich hier wieder einfallen lassen hat.

Meine Meinung

Schreibstil (4 Lilien)

Dieses Kinderbuch ist in einem einfachen, leicht verständlichen Schreibstil verfasst, der auch für Kinder ab 3 Jahren gut geeignet ist. Es gibt zwar keine schwierigen Wörter, aber teilweise waren mir die Sätze ein wenig zu lang für diese Zielgruppe und manche Seiten wirkten durch den (recht umfangreichen) Text ein wenig überladen.

Geschichte / Inhalt (2,5 Lilien)

„‘Ein richtiges Stinktier stinkt doch für sein Leben gern!‘
‚Ich wasche mich aber für mein Leben gern‘, wehrt sich das
kleine Stinktier.“ Seite 2

In Britta Sabbags Kinderbuch geht es um ein Kind, in diesem Fall ein Stinktier, das anders ist als die anderen und deshalb von der Gesellschaft und seinen Eltern schief angeschaut wird. Sehr gefallen hat mir, dass hier wichtige Themen wie Anderssein und Individualität angesprochen werden. Trotzdem konnten mich die Botschaften des Buches leider nicht ganz überzeugen. Erstens weil die Eltern lange nicht einmal versuchen, ihr Kind zu verstehen, und es alles vor ihnen verheimlichen muss. Und zweitens weil der Sprössling am Ende „praktischerweise“ entdeckt, dass er doch gerne stinkt und seine Individualität zugunsten von gesellschaftlicher Akzeptanz ein Stück weit aufgibt. Er stinkt also 6 Tage die Woche, am siebten gibt es einen Waschtag für alle Waldtiere – immerhin scheinen diese dann auch gefallen daran zu finden. Das ist mir allerdings eine zu einfache Lösung für den Konflikt, der mit dem Anderssein einhergeht! Mir hätte es besser gefallen, wenn die anderen Tiere das Stinktier einfach so akzeptiert hätten, wie es ist, und ihm trotzdem Liebe und Zuneigung gezeigt hätten. Für mich hat man hier die Gelegenheit verpasst, Kinder wissen zu lassen, dass es okay ist, anders zu sein, dass man trotzdem geliebt wird und dass Vielfalt etwas Schönes ist.

Drittens finde ich es in dieser Altersgruppe problematisch, das Stinken als etwas Positives darzustellen, da viele Kinder sich nicht waschen wollen und dieses Buch sie wohl darin bestätigt – nach dem Motto: Sich einmal in der Woche zu waschen ist mehr als genug! Die Zähne wollen aber jeden Tag geputzt, die Haare jeden Tag gebürstet werden etc. Ich finde die Botschaften, die das Buch vermittelt also insgesamt etwas fragwürdig und würde das Buch daher eher nicht weiterempfehlen.

Schade finde ich auch, dass das Lied, das am Ende im Buch abgedruckt ist, nicht (z. B. auf Yout…) frei zugänglich ist, wie es bei den „Bommel“-Büchern war. Hier müsste man sich das Hörbuch mit dem Song dazukaufen, was einfach zu teuer ist. Was sollen Eltern und Kinder also mit dem abgedruckten Text ohne Melodie anfangen? Hier hoffe ich, dass für das nächste Buch wieder eine bessere Lösung gefunden wird.

Figuren (4 Lilien)

Wie schon bei der „Bommel“-Reihe der Autorin steht auch dieses Mal ein sehr niedliches Tier im Mittelpunkt, das man nur gernhaben kann. Die Nebenfiguren (die Eltern, andere Tiere) fand ich insgesamt in Ordnung, auch wenn sie recht flach bleiben.

Illustrationen (5 Lilien ♥)

Die Illustrationen von Igor Lange konnten mich auf ganzer Linie überzeugen! Sie wurden offensichtlich mit viel Liebe gemalt und enthalten viele Details, die man gemeinsam mit dem Kind entdecken kann. Unter anderen hat das Stinktier einen kleinen Vogel zum Freund, den man auf jeder Seite suchen muss, was dem Zielpublikum sicher Spaß macht.

Geschlechterrollen (4 Lilien)

Ich habe das Stinktier als männlich gelesen (obwohl das Geschlecht nicht ganz eindeutig erkennbar ist). Gefallen hat mir hier, dass Geschlechterstereotypen gebrochen werden, indem das Stinktier sich gerne pflegt, wäscht und einparfümiert. Problematisch finde ich hingegen, dass dieses Buch den Bechdel-Test nicht besteht und dass die Mutter immer ein kleines bisschen „hysterischer“ (ich benutze das Wort hier absichtlich) dargestellt wird als der Vater.

Mein Fazit

Ein einfacher, leicht verständlicher Schreibstil, ein niedlicher Protagonist (der Genderstereotypen bricht), ein wichtiges Thema und liebevoll gemalte Illustrationen – lediglich die Botschaften, die das Buch vermittelt (man muss sich den Normen anpassen, muss sein Anderssein vor den Eltern verheimlichen, einmal in der Woche waschen reicht), fand ich fragwürdig und nicht überzeugend. Schade finde ich auch, dass das abgedruckte Lied nicht frei zugänglich ist und sich nicht von den Eltern und ihren Kindern angehört werden kann. Eine Empfehlung kann ich dieses Mal deshalb leider nicht aussprechen.

Bewertung

Idee: 4 Lilien
Geschichte / Inhalt: 2,5 Lilien
Ausführung: 3 Lilien
Schreibstil: 4 Lilien
Figuren: 4 Lilien
Illustrationen: 5 Lilien ♥
Rollenbilder: 4 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀ Lilien

Dieses Buch erhält von mir drei Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2021

Zwar kein Jahreshighlight, aber ein gelungener, ruhiger Roman mit unerwarteten Wendungen, Tiefe und komplexer, faszinierender Protagonistin!

Zugvögel
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In einer Welt, in der das Artensterben seinen Höhepunkt erreicht hat, folgt eine Vogelforscherin auf einem Fischerboot mit exzentrischer Besatzung den letzten Küstenseeschwalben ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In einer Welt, in der das Artensterben seinen Höhepunkt erreicht hat, folgt eine Vogelforscherin auf einem Fischerboot mit exzentrischer Besatzung den letzten Küstenseeschwalben auf ihrem langen und beschwerlichen Weg in die Antarktis. Doch Franny strebt nicht nur einem Ziel entgegen, sie versucht auch vor ihrer Vergangenheit zu fliehen – doch vor Gefühlen kann man nicht weglaufen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens & Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: +/- Es geht zwar um Fischfang, trotzdem werden keine Fische getötet. Das Artensterben wird jedoch detailliert thematisiert. Es sterben ein Reiher (ertrinkt), Seeschwalben (ertrinken) und ein Hund (erschossen, wird nicht im Detail beschrieben). Die Protagonistin ist dafür eine große Tierfreundin und lebt vegetarisch.
Triggerwarnung: Psychische Krankheiten (Depression, Suizidgedanken, Panikattacken), Fehlgeburt, Tod von Tieren, Tod von Menschen, sexualisierte Gewalt (drohende Vergewaltigung);

Warum dieses Buch?

Neugierig gemacht haben mich hier der interessante Klappentext, das Lob der KritikerInnen und die vielen begeisterten Rezensionen.

Meine Meinung

Einstieg (4 Lilien)

„Die Tiere sterben. Bald sind wir hier ganz allein.“ E-Book, Position 22

Schon die ersten Sätze dieses Romans verursachten bei mir eine Gänsehaut. Der Einstieg ist mir relativ gut gelungen, bei etwa 10% des Buches fühlte ich mich in der Geschichte angekommen.

Schreibstil (5 Lilien)

„Meine Seeschwalbe erhebt sich als Erste. Inzwischen nenne ich sie nur noch ‚meine‘, denn sie hat sich in mich hineingebohrt und ihr Nest in meinem Brustkorb gebaut.“ E-Book, Position 1073

Den Schreibstil der Autorin habe ich als sehr flüssig und angenehm empfunden. Sie schreibt relativ einfach, aber verleiht ihren Sätzen dennoch Tiefe. Kurioser Humor, gelungene Vergleiche und anschauliche Naturbeschreibungen machen das Lesen hierbei zum Genuss. Wer eine schöne Stelle aus dem Buch zitieren will, tut sich schwer damit, sich zu entscheiden.

Idee, Ausführung & Themen (4 Lilien)

„‘Wir rotten sie aus. Lebewesen, die gelernt haben, alles und jedes zu überleben, alles, nur nicht uns.‘“ E-Book, Position 753

Im Vorhinein habe ich viele Lobeshymnen auf dieses Buch gelesen – für viele LeserInnen war es sogar ein Jahreshighlight. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch. „Zugvögel“ blieb leider etwas dahinter zurück. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Trauer, Fernweh, Liebe, Freundschaft, die Flucht vor der Vergangenheit, der Zerstörungstrieb der Menschheit und das Artensterben, das in dieser dystopischen Zukunft beängstigende Ausmaße annimmt. ForscherInnen versuchen verzweifelt die wichtigsten Wildtiere zu retten – größtenteils erfolglos. Unweigerlich fragt man sich mit Sorge, ob wir auch einmal an diesem Punkt landen werden. Das Buch macht auf jeden Fall nachdenklich. Ohne Frage, „Zugvögel“ ist ein gelungener, ruhiger dystopischer Roman mit überraschenden Wendungen, der seine Themen tiefgründig und atmosphärisch behandelt und mit seinen emotionalen und tragischen Momenten berührt. Zudem überzeugen die interessante zeitliche Struktur mit vielen Rückblenden (wer das nicht mag, ist hier definitiv an der falschen Adresse!) und die ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Wenn das jetzt klingt, als würde noch ein Aber kommen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass auch eines kommt. „Zugvögel“ hat mir gut gefallen, ABER es hat mich nicht so begeistert wie viele andere LeserInnen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich es über einen längeren Zeitraum gelesen habe, aber der Roman hat mich nicht so mitgerissen und emotional erreicht, wie ich mir das gewünscht hätte. Er hat sich nicht in mein Gedächtnis eingebrannt, ist für mich kein unvergessliches Lieblingsbuch. Manches habe ich jetzt schon (wenige Wochen nach dem Lesen) nur noch verschwommen in Erinnerung. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau, eine Leseempfehlung erhält „Zugvögel“ deshalb natürlich trotzdem!

„‘Die Fische werden zurückkehren‘, sagt Ennis unvermittelt.
‚Nein, werden sie nicht. Nicht, solange es Menschen gibt.‘
‚Das sind doch immer Zyklen…‘
‚Es ist ein Massensterben, Ennis. Sie kommen nicht mehr zurück.‘“ E-Book, Position 2051

Protagonistin & Figuren (5 Lilien ♥ & 3,5 Lilien)

„Mam sagte immer, in den Seiten eines Romans lebe die einzige Schönheit, die die Welt zu bieten habe. Den Tisch deckte sie mit Tellern, Gläsern und Büchern.“ E-Book, Position 169

Die tierliebende und intelligente Franny hat mir als starke und komplexe Protagonistin mit ihren authentischen Stärken und Schwächen und ihrem unglaublichen Willen, ihr Ziel zu erreichen, sehr gut gefallen. Ihre Innenwelt wird intensiv geschildert, sodass es mir leichtgefallen ist, mit ihr mitzufühlen. Im Laufe des Romans ist sie mir daher auch sehr ans Herz gewachsen.

Die anderen Figuren konnten mich hingegen, trotz der Versuche der Autorin, sie uns als LeserInnen näher zu bringen und dreidimensional zu zeichnen, nicht auf ganzer Linie überzeugen. Da blieb immer eine gewisse Distanz, ich kam irgendwie nicht an sie heran, fand manche auch etwas blass. Trotzdem ist die Besatzung eine bunte, exzentrische Truppe, die mir in ihrer Gesamtheit gut gefallen hat (nur einzeln betrachtet offenbaren sich Schwächen).

Spannung (3,5 Lilien) & Atmosphäre (4 Lilien)

„Zugvögel“ hat sie durchaus, seine spannenden Momente. Insgesamt handelt es sich hier jedoch um ein relativ stilles Buch, das seinen Fokus auf die inneren Vorgänge von Franny legt. Im Mittelteil trat der Roman etwas auf der Stelle und hat sich für mich daher ein wenig gezogen.

Sehr gefallen haben mir dafür die atmosphärischen und teilweise auch beklemmenden Beschreibungen des Alltags auf dem Boot, des Massensterbens der Tiere und der Natur selbst.

Feministischer Blickwinkel (5 Lilien ♥)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++, F++++

„Franny Stone trifft eine Entscheidung, sagte er, und das Universum fügt sich.“ E-Book, Position 1681

Trotz zwei frauenfeindlicher Beleidigungen stufe ich diesen Roman als feministisch ein! „Zugvögel“ besteht ohne Zweifel den Bechdel-Test, enthält starke, mutige und beruflich erfolgreiche weibliche Figuren (auch wenn die Männer in der Überzahl sind) und kritisiert Sexismus. Zudem präsentiert das Buch eine Beziehung, die ich als sehr modern und feministisch wahrgenommen habe, und bricht immer wieder mit Geschlechterstereotypen, was mir sehr gut gefallen hat. Auch LGBT-Themen werden angesprochen. Ich bin jedenfalls rundum zufrieden und kann der Autorin nur ein großes Lob aussprechen!

Mein Fazit

Ohne Frage, „Zugvögel“ ist ein gelungener, ruhiger dystopischer Roman mit einem wunderbaren Schreibstil und vielen überraschenden Wendungen, der seine Themen tiefgründig behandelt und mit seinen emotionalen und tragischen Momenten berührt. Zudem überzeugen die interessante zeitliche Struktur und die ungewöhnliche Liebesgeschichte. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, allerdings hat es mich nicht so begeistert und emotional mitgerissen wie viele andere LeserInnen. Es hat sich leider nicht in mein Gedächtnis eingebrannt, ist für mich kein unvergessliches Lieblingsbuch. Mir waren die Nebenfiguren etwas zu blass und der Mittelteil zog sich ein wenig für mich. Wenn ihr Lust auf eine tiefgründige Dystopie habt, dann begleitet Franny auf ihre langen Reise, die vielleicht nicht nur sie, sondern auch euch verändert zurücklassen wird. Von mir gibt es für diese feministische Geschichte jedenfalls eine Leseempfehlung!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4 Lilien
Umsetzung: 4 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 4 Lilien
Ende / Auflösung: 4 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien
Protagonistin: 5 Lilien ♥
Figuren: 3,5 Lilien
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 4 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir vier Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere