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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.05.2021

Kalt erwischt, aber nicht kaltgelassen! Atemlos spannender, von gegenseitigem Misstrauen geprägter Thriller in einmaligem Setting!

Frostgrab
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Achtung! Diese Rezension enthält Spoiler, vor denen aber im Text noch einmal gewarnt wird!

Inhalt

Eine einsame Aussichtsplattform in den französischen Alpen. Ein Treffen mit der Snowboard-Clique von ...

Achtung! Diese Rezension enthält Spoiler, vor denen aber im Text noch einmal gewarnt wird!

Inhalt

Eine einsame Aussichtsplattform in den französischen Alpen. Ein Treffen mit der Snowboard-Clique von früher. Damals ist eine Tragödie passiert, die Gegenwart wird zum Psychospiel. Denn: Die Handys verschwinden, der Strom fällt aus, jemand verschwindet. Was wird hier gespielt – und vor allem: WER verbirgt hier WAS?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Blut, Gewalt, Alkohol, Verletzungen, Suizid, psychische Krankheiten, Sexismus;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Miststück (3x), Schlam---

Warum dieses Buch?

Das Setting und der Klappentext klangen für mich einfach unwiderstehlich – auch weil mich das Buch an das gruselige Videospiel „Until Dawn“ erinnert hat. Das habe ich mich bis jetzt noch nicht fertigspielen getraut – ich dachte mir, dass ich bei einem Buch mit ähnlicher Ausgangssituation sicher weniger Angst habe…

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… der gelungene Prolog. „Frostgrab“ hat einen der einprägsamsten, atmosphärischsten und besten Buchanfänge, die ich je gelesen habe! Schon auf den ersten Seiten hatte ich eine Gänsehaut und dachte sofort: Das wird gut! (5 Lilien ♥)

„Es ist wieder diese Jahreszeit. Die Zeit, in der der Gletscher Leichen freigibt […] also habe ich jeden Morgen die lokalen Nachrichten überflogen.
Es gibt eine spezielle Leiche, auf die ich warte.“ E-Book, Position 11

… das unverwechselbare Setting. Allie Reynolds (ihres Zeichen selbst eine ehemalige Snowboarderin) Debüt spielt weit oben in den französischen Alpen in einer von Schnee umgebenen, vom Wind umwehten hochmodern gebauten Aussichtsplattform, in der sich in der Hochsaison unzählige Tourist·innen tummeln. Außerhalb der Saison ist das riesige Gebäude jedoch verwaist, leer und still. Es gibt viele verschlossene Räume, in denen sich jemand verstecken könnte. Zudem ist es von gefährlichen Gletscherspalten umgeben. Wenn dann auch noch der Lift abgeschaltet wird und man dort oben festsitzt, dann steigt natürlich die Nervosität – der perfekte Startpunkt für einen Thriller! (5 Lilien ♥)

„Ich wusste, es würde problematisch sein, wenn ich hierher zurückkomme. Zu viele Türen, die ich besser nicht öffnen sollte.“ E-Book, Position 143

… die Themen. Mit der Auswahl seiner Themen – Nostalgie, Jugend, Sport, Leidenschaft, Freundschaft, Selbstzweifel, Liebe (auch LGBT), Ehrgeiz, Schuld – hat mich dieses Buch auf ganzer Linie überzeugt! Für einen Thriller ist die Verarbeitung zudem überraschend tiefgründig, was ich sehr schätze. (5 Lilien ♥)

„Wie kann es sein, dass wir uns so unglaublich lebendig fühlen, wenn wir mit unserem Leben spielen?“ E-Book, Position 1287

… die dichte Atmosphäre. Noch nie zuvor habe ich einen Thriller gelesen, der so von gegenseitigem Misstrauen geprägt war. Zehn Jahre sind vergangen, seit sich alle zum letzten Mal gesehen haben, in der Zwischenzeit hatte man keinen Kontakt. Immer wieder stellt sich die Hauptfigur deshalb auch die Frage, wie gut sie ihre ehemaligen Freunde überhaupt noch kennt. Einsame Flure, nächtliche Geräusche, Menschen, die verschwinden – dieses Buch steckt voller Gänsehautmomente, die auch euch eiskalt erwischen werden! Kein Wunder, dass dieser Thriller auch verfilmt werden soll – ich freue mich jetzt schon darauf, diese Geschichte auf der Leinwand zu sehen! (5 Lilien ♥)

„Irgendwas hat dieser Ort. Es ist fast, also ob die Wildheit dieser Berge in uns hineinkriecht.“ E-Book, Position 1933

… der Schreibstil. Für einen Thriller finde ich Allie Reynolds Schreibstil sehr passend: Sie schreibt relativ einfach, flüssig, schnörkellos und anschaulich. Dadurch fliegt man nur so durch das Buch! Auch die Innenwelt und Emotionen der Hauptfigur hat sie sehr gut eingefangen. An manchen Stellen hätte ich mir allerdings noch etwas mehr Details und Tiefe gewünscht. In vielen Rezensionen wurden zudem die vielen Snowboard-Fachausdrücke kritisiert. Ich finde auch, man hätte manche Figuren besser erklären müssen (so war es manchmal mühsam, sie sich vorzustellen), trotzdem wurde mein Lesefluss dadurch nicht gestört. (4 Lilien)

… die dramatischen Wendungen und die Spannung. Obwohl ich schon viele Thriller gelesen habe, konnte mich „Frostgrab“ immer wieder mit seinen unerwarteten und oft auch dramatischen Wendungen überraschen und begeistern. Bis auf einen kleineren Spannungsabfall im Mittelteil war das Buch wirklich bis zum Ende atemlos spannend (was auch an den unheilvollen Andeutungen liegt, die Milla immer wieder macht) – im letzten Fünftel konnte ich es dann gar nicht mehr zur Seite legen, sondern musste es in einem Rutsch fertiglesen! (5 Lilien ♥)

… die Figuren. Am Anfang dachte ich noch: „Diese Leute (vor allem die Männer) werde ich niemals auseinanderhalten können!“ Doch mit jeder Seite lernt man sie besser kennen und kann sie irgendwann auch problemlos unterscheiden. Bis auf wenige Ausnahmen (die etwas blass bleiben) sind die Figuren sehr liebevoll ausgearbeitet, haben alle auf ihre Weise mit der Vergangenheit zu kämpfen. Manche sind mir sogar richtig ans Herz gewachsen, wodurch ich bis zum Ende um ihr Leben gebangt habe – bei manchen von ihnen leider vergeblich! Deshalb bin ich auch immer noch ein bisschen sauer auf die Autorin – aber was gibt es Schöneres, als wenn einen ein Figurentod trifft? Immerhin heißt das doch, dass einen ein Buch nicht kaltgelassen hat – und das hat mich „Frostgrab“ definitiv nicht!

Achtung: Spoiler!



… das Ende. Dieser Thriller endet definitiv mit einem Knall! Die Auflösung und der Showdown waren atemlos spannend und unerwartet dramatisch und emotional. Ich hätte mit so einem Ende nicht gerechnet und fühlte mich ein wenig an Shakespeares Dramenenden erinnert (haha) … Am meisten getroffen hat mich, dass Brent sich für Milla geopfert hat! Bis zum Ende habe ich gehofft, dass er es schafft! Wie Milla bin auch ich zusammengezuckt, als man die Schüsse gehört hat. Dieser sanfte und liebe Mensch hat das alles nicht verdient! Da es meine Lieblingsfigur leider nicht geschafft hat, hasse und liebe ich das Ende zugleich: Ich hasse es, dass die Autorin mir das angetan hat, und liebe es gleichzeitig, dass mich das Buch so packen und emotional mitreißen konnte! Danke dafür!



Spoiler-Ende!



Das lässt mich zwiegespalten zurück:


… der Spannungseinbruch im Mittelteil. Obwohl mich das Buch von Anfang bis Ende gut unterhalten konnte, gab es einen Punkt beim Lesen, an dem mir der Mittelteil etwas zu langgezogen erschien. Hier hätte man besonders bei den Kapiteln in der Vergangenheit (das Buch besteht zur Hälfte daraus) kürzen können, was zu einem höheren Erzähltempo geführt und das Buch perfekt gemacht hätte!

Das hat mir nicht gefallen:

… die Geschlechterstereotypen. „Frostgrab“ besteht den Bechdel-Test und enthält viele starke, mutige und erfolgreiche Sportlerinnen, was mir gefallen hat. Aber Millas klischeehaftes Frauen- und Männerbild (dieses „Männer sind so, Frauen sind so“) hat mich stellenweise echt genervt. Das ist nicht mehr zeitgemäß! Die Darstellung von Frauen (die in diesem Buch generell schlechter wegkommen als Männer) als entweder zickig und stutenbissig oder aber hysterisch hat mir ebenfalls nicht gefallen. Auch das vage Framing von gewalttätigem Verhalten einer Frau gegenüber als gerechtfertigt, weil sie „mit einem Mann spielt“ und ihn „zappeln lässt“, hat mich gestört. Gewalt gegen Frauen ist niemals gerechtfertigt und niemals Schuld des Opfers! Und noch etwas: Nur weil eine Frau mit jemandem flirtet und sich Sporttipps geben lässt, heißt das noch lange nicht, dass sie es ihm schuldig ist, mit ihm zu schlafen! So ein Denken ist hochgradig toxisch! Ich würde mir sehr wünschen, dass die Autorin bei ihrem nächsten Buch mehr Bewusstsein für das Thema entwickelt und damit aufhört, Genderstereotypen zu reproduzieren! (2 Lilien)

Beispiel aus dem Buch für Genderstereotypen und Toxic Masculinity: „Interessant zu sehen, wie unterschiedlich die zwei mit der Anspannung umgehen. Brent, indem er sich einen antrinkt, Curtis, indem er wütend wird.“ E-Book, Position 694

Mein Fazit

Für mich ist „Frostgrab“ ein atemlos spannender, rundum gelungener Thriller, der mich von der ersten Seite an begeistern konnte! Allie Reynolds Debüt überzeugt auf ganzer Linie mit einem Gänsehaut-Prolog, einem einmaligen Setting, interessanten Themen (die tiefgründig verarbeitet werden), dichter, von gegenseitigem Misstrauen geprägter Atmosphäre, einem schnörkellosen, flüssigen Schreibstil, überraschenden Wendungen, atemloser Spannung und einem dramatischen Ende. Auch die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet, wodurch ich mit manchen echt mitgefiebert habe! Kritikpunkte wie der kleine Spannungseinbruch im Mittelteil, Millas stereotypes Frauen- und Männerbild und die nicht immer gut erklärten Snowboard-Fachausdrücke fallen da nicht ins Gewicht. Mir bleibt nur zu sagen: Wenn ihr tiefgründige Thriller mögt, bei denen man nicht weiß, wem man vertrauen kann, dann lest dieses Buch! Es wird auch euch kalt erwischen, aber sicher nicht kaltlassen!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 5 Lilien ♥
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 4 Lilien
Protagonistin: 4,5 Lilien
Figuren: 5 Lilien
Spannung: 5 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 3 Lilien
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: hoch

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf Lilien und ein Herz und damit den Lieblingsbuchstatus!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2021

Kreative, mitreißende, diverse Jugend-Fantasy mit Figuren, die einem ans Herz wachsen!

Die Clans von Tokito – Lotus und Tiger
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In der gefährlichen Megastadt Tokito regieren 6 verschiedene Clans. Als Erin aus dem Lotusclan aufgestoßen wird, gilt sie als vogelfrei. Organhändler entführen sie, doch ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In der gefährlichen Megastadt Tokito regieren 6 verschiedene Clans. Als Erin aus dem Lotusclan aufgestoßen wird, gilt sie als vogelfrei. Organhändler entführen sie, doch sie überlebt. Allerdings ist der Preis hoch: Sie macht einen Deal mit einem Dämon, ist fortan besessen. Und gerade dann verschwindet ihre beste Freundin, und Erin muss alles geben, um sie wiederzufinden…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband (zumindest nach aktuellem Stand, eine Fortsetzung wird aber nicht ausgeschlossen)
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Gewalt gegen Kinder, Tod von Menschen, Blut, Gewalt;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---

Warum dieses Buch?

Die Grundidee mit den Clans hat mich total an „Die Bestimmung“ von Veronica Roth erinnert – und dieses Buch mochte ich sehr! Auch die ersten Rezensionen haben mich sehr neugierig gemacht.

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… das überzeugende Worldbuilding. Mit ihrer kreativen asiatisch angehauchten Welt hat mich die Autorin auf ganzer Linie überzeugt. Es hat mir großen Spaß gemacht, das spannende System der Clans und die vielen liebevollen Details zu entdecken! Am besten gefallen haben mir die fremdartigen Tiere, die sich die Autorin ausgedacht hat, wie z. B. die kleinen, niedlichen Müllquallen. (5 Lilien ♥)

„Ein Methanwal schob seinen gigantischen, aufgedunsenen Körper durch die Smogwolke und tauchte hinab. Er öffnete sein Maul und zog die verseuchte Luft ein, um sie zu filtern.“ E-Book, Position 26

… der Schreibstil. Ich muss allerdings zugeben, dass ich am Anfang Probleme damit hatte; er wirkte auf mich ein wenig hölzern. Mit jedem Kapitel hat mir die flüssige, für ein Jugendbuch überraschend komplexe Sprache jedoch besser gefallen, denn sie überzeugt sowohl in emotionalen als auch in geheimnisvollen und spannenden Momenten. (4 Lilien)

„Die Regeln waren einfach: Nur wer Arbeit hatte, gehörte zu einem Clan. Und nur wer zu einem Clan gehörte, war in Tokito sicher, denn die Zugehörigkeit beschützte einen vor Abschaum wie Menschenhändlern.“ E-Book, Position 53

… die tiefgründige Verarbeitung der Themen. In „Die Clans von Tokito“ gelingt es der Autorin, ernste Themen wie Existenzangst, Armut, Selbstzweifel, Freundschaft und Familie anzusprechen und diese mit überraschender Tiefe zu behandeln. Gleichzeitig wird das jugendliche Zielpublikum aber trotzdem nicht überfordert. Besonders gut gefallen hat mir hier auch, dass immer wieder Vorurteile über die Mitglieder der verschiedenen Clans gebrochen werden und dass auch moralische Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. (5 Lilien ♥)

„‘Ich bin kein Monster‘.
Tief drinnen schleppt jeder ein Monster mit sich herum.‘“ E-Book, Position 1786

… der Humor. Ich habe den Humor im Buch absolut geliebt! An vielen Stellen musste ich sogar laut auflachen. (5 Lilien ♥)

… die liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Man merkt deutlich, dass die Autorin viel Zeit und Energie in die Charakterentwicklung gesteckt hat. Ihre sympathischen und interessanten Figuren überzeugen bis in die Nebenrollen und haben glaubwürdige Stärken und Schwächen. Besonders die Protagonist/innen machen zudem eine überzeugende Entwicklung durch! Gegen Ende des Buches habe ich gemerkt, dass sie mir Erin, Kiran und Co echt ans Herz gewachsen sind, was ich sehr schön finde. (5 Lilien ♥)

… die Atmosphäre. Sie ist nämlich dicht und geheimnisvoll, was mir sehr gut gefallen hat. Mithilfe von vielen kleinen Details sorgt die Autorin dafür, dass man nie vergisst, in welcher Welt man sich gerade befindet. Deshalb taucht man beim Lesen auch voll und ganz in diese faszinierende Geschichte ein. (5 Lilien ♥)

„Ich spürte die Dunkelheit, die mich mit unnachgiebigen Klauen umschloss. Ich spürte ihre Präsenz wie ein leichtes stetiges Schaben, das gegen mein Bewusstsein klopfte, in der Hoffnung, eingelassen zu werden.“ E-Book, Position 1129

… die Spannung und der wendungsreiche, mitreißende, emotionale Plot. Die Geschichte setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen; unter anderem steht auch Mordermittlung im Mittelpunkt. Als begeisterte Thriller-Leserin hat mir das natürlich gefallen. Etwa ab dem ersten Viertel steigt der Spannungsbogen langsam und kontinuierlich an. Am Ende werden alle Handlungsstränge auf gelungene Weise zu einem beeindruckenden Höhepunkt zusammengeführt, der mich begeistern konnte. Ob es eine Fortsetzung geben wird, steht im Moment noch nicht fest – das Ende wirft aber auf jeden Fall genügend Fragen auf, sodass es in einem zweiten Teil bestimmt noch einiges zu erzählen gäbe. (4 Lilien)

… die Diversität und der Bruch mit Geschlechterstereotypen. Die Autorin hat beim Schreiben des Buches sehr darauf geachtet, dass verschiedene Hautfarben und sexuelle Orientierungen vertreten sind, was ich sehr schätze. Sogar Menschen mit Behinderung sind durch einen gehörlosen Mann in mächtiger Position vertreten. Besonders gut gefallen hat mir hier, dass diese Aspekte aber nicht im Mittelpunkt stehen und die Figuren definieren, sondern dass sie ganz unaufgeregt in die Geschichte eingewebt werden. „Die Clans von Tokito“ besteht außerdem den Bechdel-Test, enthält viele starke weibliche Figuren (auch in hohen Positionen) und bricht ganz bewusst mit Geschlechterstereotypen, was ich wunderbar finde! So ist es Erin, die sich als junge Frau gerne prügelt, und Mikko, der sehr sensibel ist. An einer Stelle kämpfen sogar eine junge Frau und ein junger Mann miteinander – und es war einfach nur schön zu sehen, dass sie auf Augenhöhe sind. (5 Lilien ♥)

Das lässt mich zwiegespalten zurück:

… der Einstieg. Es dauert doch eine Weile, bis die Geschichte ins Rollen kommt. Das liegt natürlich auch daran, dass die Welt zuerst einmal vorgestellt werden muss. Ich habe deshalb ein paar Kapitel gebraucht, bis ich ins Buch gefunden habe. (3 Lilien)

… die Kapitel aus Ryannes Sicht. Besonders in der ersten Hälfte des Buches fand ich Ryannes Geschichte etwas schwach und wenig spannend. Hier war eindeutig noch Luft nach oben. (3 Lilien)

Das hat mir nicht gefallen:
---

Mein Fazit

Caroline Brinkmann zeigt mit „Die Clans von Tokito – Lotus und Tiger“ wie deutschsprachige Jugendfantasy geht! Sie überzeugt mit einer kreativen, asiatisch angehauchten Welt, einem flüssigen Schreibstil, dem großartigen Humor, ihrer tiefgründigen Behandlung ernster Themen und ihren liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Auch der mitreißende Plot, die dichte, geheimnisvolle Atmosphäre und der durchgängige Spannungsbogen begeistern. Am besten haben mir aber die vielen starken weiblichen Figuren, die unaufgeregte Diversität und der gezielte Bruch mit Geschlechterstereotypen gefallen. Hier hat Caroline Brinmann wirklich alles richtig gemacht und damit ein sehr empfehlenswertes Jugendbuch geschaffen, das veralteten Rollenbildern den Kampf ansagt! Kleine Schwächen fallen da überhaupt nicht ins Gewicht. Ich habe jedenfalls mein erstes Jahreshighlight 2021 gefunden! Für mich ist „Die Clans von Tokito“ ein Jugend-Fantasybuch, an dem man in diesem Jahr nicht vorbeikommt – und zwar zu Recht. Unbedingt lesen!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 5 Lilien ♥
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 3 Lilien
Ende: 4,5 Lilien
Schreibstil: 4 Lilien
Protagonist_innen: 5 Lilien ♥
Figuren: 5 Lilien ♥
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: hoch

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf Lilien und damit den Lieblingsbuchstatus!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.02.2021

Spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, märchenhafter Atmosphäre und unheimlichem Setting!

Der Mädchenwald
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, wird sie in einen Lieferwagen gezerrt und entführt. In einem dunklen Keller ist sie ganz allein – bis ein seltsamer Junge beginnt, sie zu besuchen. Elissa weiß nichts über Elijah. Ist er gefährlich? Sie weiß nur Eines: Wenn sie es richtig anstellt, ist er vielleicht ihre einzige Chance, das hier zu überleben…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler und Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + / - Ein Hirsch wird bei der Jagd getötet, eine Elster tötet Küken. Es werden keine Tiere gequält.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Tod von Tieren, Blut, Erbrechen, Gewalt gegen Kinder, Entführung, Suizid, Fehlgeburt, Drogen;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++ (mehrmals)

Warum dieses Buch?

Der gruselige Klappentext und die vielen begeisterten Rezensionen auf Goodreads haben mich neugierig gemacht!

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… der mysteriöse Einstieg in die Geschichte. Bereits die ersten Seiten haben mich neugierig gemacht, ich habe daher ohne Probleme ins Buch gefunden. (5 Lilien ♥)

„‘Ich hoffe, Gretel geht es gut.‘
‚Gretel?‘, fragt Papa.
Sofort habe ich ein komisches Gefühl im Bauch, eine schmierige Glitschigkeit, als wäre da eine Schlange in mir, die sich windet und ringelt. Gretel, fällt mir wieder ein, ist ein Geheimnis.“ E-Book, Position 48

… der Schreibstil. Sam Lloyd schreibt flüssig und einfach, wodurch man nur so durch die Seiten fliegt! Egal ob bei einer Szene die Spannung oder die Gefühle im Mittelpunkt stehen – der Autor kann mit seiner Sprache punkten! (5 Lilien ♥)

… die Figuren. Nur Mairéad blieb für meinen Geschmack ein wenig blass (sie hat auch die wenigsten Kapitel), die anderen beiden Protagonist/innen überzeugen auf ganzer Linie. Während mich die rätselhaften Kapitel aus Elijahs Sicht gleichzeitig fasziniert und misstrauisch gemacht haben, hat mich die intelligente, mutige Elissa (die mich sehr an Beth aus "Das Damengambit" erinnert hat) mit ihrer Ruhe und ihrem pragmatischen Denken in Gefangenschaft sehr beeindruckt! Ich habe richtig mit ihr mitgefiebert und mir so gewünscht, dass es für sie ein Happy End gibt. Die wenigen Nebenfiguren haben nur sehr kleine Rollen, doch auch hier gibt es nichts auszusetzen. (5 Lilien)

… die Atmosphäre. Im Buch herrscht eine rätselhafte, düstere, unheimliche Stimmung, die mich auch aufgrund des Settings (einsamer, abgelegener Wald) sehr an ein Märchen erinnert und mir immer wieder eine Gänsehaut beschert hat. Man hat wirklich das Gefühl, beim Lesen in eine andere Welt einzutauchen und will immer noch mehr entdecken. Stellenweise hatte ich gefühlt 1000 Fragen, die auf die ich gar nicht schnell genug eine Antwort finden konnte. (5 Lilien ♥)

… die Spannung und die vielen unerwarteten Wendungen. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das so viele überraschende Twists zu bieten hatte wie „Der Mädchenwald“. Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und das liebe ich bei Thrillern! Zudem war das Buch stellenweise so spannend, dass ich es kaum zur Seite legen konnte. (5 Lilien ♥)

„Die Dunkelheit pulsiert, als wäre sie lebendig wie eine tintenschwarze Lunge. ‚Hallo Elijah‘, antwortet sie.“ E-Book, Position 3149

… die Grundidee, die Themen und die Umsetzung. Mit seinem gelungenen Plot, der Auswahl der Themen (Liebe, Verlust, Familie, Trauma, Überleben) und der für einen Thriller auch angemessen tiefgründigen Umsetzung konnte mich „Der Mädchenwald“ wunderbar unterhalten und auf ganzer Linie überzeugen. (4,5 Lilien)

„Vor mir nehme ich eine Bewegung wahr. Das könnte alles Mögliche sein, aber es gibt nur einen, vor dem ich mich fürchte. […] Manchmal habe ich Angst, dass seine Macht über mich stärker wird, je öfter ich seinen Namen ausspreche […]“ E-Book, Position 106

… das ausgeglichene Geschlechterverhältnis. Eine feministische Analyse lässt mich sehr zufrieden zurück, da der Thriller den Bechdel-Test besteht, viele starke, intelligente, mächtige und beruflich erfolgreiche weibliche Figuren enthält und mit Geschlechterstereotypen bricht! Dafür gibt es ein großes Lob! Lediglich bei der Polizei scheinen noch Spuren einer gläsernen Decke vorhanden zu sein, da die höchsten Positionen doch noch von Männern bekleidet werden. Die mehrmalige Verwendung von frauenfeindlichen Beleidigungen (Schla+++) verzeihe ich, weil diese nur aus dem Mund der „Bösen“ kamen. (5 Lilien ♥)

Das lässt mich zwiegespalten zurück:

… das Ende. Einerseits fand ich es schön, dass es hier noch einmal emotional wurde (ich war kurz davor, bei einem Thriller Tränen zu vergießen, ist das zu fassen?), anderseits war mir der letzte Teil des Buches doch eine Spur zu dramatisch (nicht alle Handlungen konnte ich nachvollziehen) und vielleicht war es auch eine Wendung zu viel am Schluss. Doch das ist wirklich Kritik auf hohem Niveau! (3,5 Lilien)

Das hat mir nicht gefallen:

---

Mein Fazit

„Der Mädchenwald“ ist ein spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, unheimlicher und märchenhafter Atmosphäre, der mich wunderbar unterhalten konnte und mir so manchen Gänsehautmoment beschert hat. Der mysteriöse Einstieg in die Geschichte, der flüssige, angenehme Schreibstil, die interessanten Figuren, die angemessen tiefgründige Behandlung von Themen wie Verlust und Trauma, die überraschenden Wendungen, die dichte Atmosphäre, die atemlose Spannung und das faszinierende Setting konnten mich auf ganzer Linie überzeugen. Lediglich der letzte Teil des Buches war mir etwas zu dramatisch und am Schluss war es mir vielleicht auch ein Twist zu viel – aber das ist Kritik auf hohem Niveau! Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und genau so muss das bei Thrillern sein! Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung - ich habe mein erstes Jahreshighlight gefunden. Wenn ihr euch traut, folgt Sam Lloyd doch in den Mädchenwald hinein – aber verirrt euch nicht!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4,5 Lilien
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende: 3,5 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonist/innen: 4,5 Lilien
Figuren: 4 Lilien
Spannung: 5 Lilien ♥
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.02.2021

Rundum gelungener Jugendroman (12+) am Puls der Zeit, nur das Ende wird zu schnell und oberflächlich abgehandelt!

Cleanland
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die 15-jährige Schilo lebt in Cleanland, dem Land der Reinen. Nach einer tödlichen Pandemie steht der Schutz vor Krankheiten über allem. Die Gesundheit wird permanent ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die 15-jährige Schilo lebt in Cleanland, dem Land der Reinen. Nach einer tödlichen Pandemie steht der Schutz vor Krankheiten über allem. Die Gesundheit wird permanent überwacht, gefeiert und getanzt wird in Schutzanzügen und alte Leute leben zu ihrer eigenen Sicherheit hinter einer Glasscheibe hinter einem Raum, den sie nie verlassen dürfen. Das Leben in Cleanland ist nicht leicht, aber die Freiheit ist eben der Preis, der für die Gesundheit gezahlt werden muss – oder?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Drogen (Schlaftabletten)

Warum dieses Buch?

Mich hat interessiert, wie der Autor das Thema „Gesundheitsdiktatur“ in diesem Jugendbuch verarbeitet hat und ob es Jugendlichen trotz der aktuellen Situation empfohlen werden kann.

Meine Meinung

Einstieg (4 Lilien)

„Die fünf Gesetze der absoluten Reinheit (GaR) […] 2. Berührung ist gefährlich. […] 4. Kontrolle dient der Gesundheit.“ E-Book, Position 87

Der Prolog war aufgrund der fehlenden Informationen noch rätselhaft, aber gleich danach habe ich ohne Probleme ins Buch gefunden. Nach und nach erfährt man immer mehr über die Welt, in der Schilo lebt.

Schreibstil (5 Lilien)

Martin Schäubles Schreibstil konnte mich auf ganzer Linie überzeugen, weil er für die Zielgruppe perfekt geeignet ist. Er ist humorvoll, leicht verständlich und flüssig lesbar, ohne dabei aber zu einfach oder oberflächlich zu sein.

Idee, Themen & Ausführung (4 Lilien)

„Hinter der Hygienescheibe ist jemand, der auf sie wartet, selbst wenn es so spät ist wie heute. Sie streichelt über das Glas, und auf der anderen Seite drückt eine kleine, faltige Hand mit schwarzen Flecken dagegen. […] Die Hygienescheibe trennt die Küche vom ‚Saferoom- dem Raum der Einsicht®‘. In diesem Raum hinter der Glaswand lebt meine Oma […] Schließlich gehört sie mit ihrem hohen Alter zur Risikogruppe.“ E-Book, Position 177

Über „Cleanland“ hatte ich im Vorfeld nicht viel gehört, deshalb hatte ich keine hohen Erwartungen. Vielleicht war ich vor der Lektüre sogar ein bisschen skeptisch, weil ich dachte: „Hier möchte jemand auf den „Corona-Zug“ aufspringen!“ Ich fragte mich, ob man Jugendlichen in Pandemiezeiten ein solches Jugendbuch überhaupt zumuten und empfehlen kann. Tatsächlich hat mich die Geschichte aber sehr positiv überrascht. Die erfundene Welt ist in sich logisch und es ist spannend, sie zu entdecken. „Cleanland“ ist eine Dystopie am Puls der Zeit. Aktuelle Entwicklungen werden hier auf die Spitze getrieben, das macht das Buch auch so erschreckend. Erst gestern habe ich meine Oma daran erinnert, zu ihrem eigenen Schutz keinen Besuch ins Haus zu lassen und Abstand zu anderen Menschen zu halten. In Schilos Welt leben alte Menschen bereits permanent hinter einer Glasscheibe in einem sterilen Raum, den sie nie verlassen dürfen. Obwohl wir von solch einer „Gesundheitsdiktatur“ zum Glück sehr weit entfernt sind, habe ich mich als Verfechterin der Corona-Schutzmaßnahmen an mancher Stelle schon ertappt gefühlt, was wiederum für das Buch spricht.

Der Autor ist für seine kritischen Jugendbücher bekannt, die oft auch als Schullektüre eingesetzt werden – jetzt weiß ich auch warum. „Cleanland“ behandelt aktuelle Themen (Krankheit, Schutz der Gesundheit, Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln, Überwachung) mit für ein Jugendbuch (!) angemessener Tiefe, regt zum Hinterfragen (Wie viel Freiheit sind wir bereit, für die Gesundheit zu opfern?) und kritischen Nachdenken an und unterhält dabei sehr gut. Dabei liest sich das Buch keineswegs (wie zu Beginn befürchtet) wie das Manifest eines Corona-Leugners, sondern eher wie ein Aufruf zum gesunden Misstrauen, damit wir niemals dort landen, wo Schilo und ihre Familie sind. Erkenntnisse werden nicht auf einem Silbertablett serviert, sondern Jugendliche werden ermuntert, sich eine eigene Meinung zu bilden. Auch Lesemuffel dürften mit dieser relativ kurzen Geschichte ihre Freude haben.

Meiner Meinung nach ist „Cleanland“ für Kinder / Jugendliche ab 12 Jahren geeignet – auch in diesen Zeiten. Jedoch sollte das Buch im Anschluss besprochen werden, wenn Bedarf besteht. Wer jedoch ohnehin schon sehr unter der aktuellen Pandemie-Situation leidet, wer Angst hat, sich große Sorgen macht und sich generell psychisch gerade nicht gut fühlt, sollte vielleicht lieber zu einer anderen Geschichte greifen – auch wenn „Cleanland“ eigentlich kein brutales oder traumatisierendes Buch ist. Als angehende Lehrerin kann ich mir auch sehr gut vorstellen, Bücher des Autors in meinem Unterricht einzusetzen – ich denke, hier könnten sich interessante Diskussionen entspinnen.

Lediglich einen kleinen Wermutstropfen gibt es für mich hier: Das Ende wurde viel (!) zu schnell abgehandelt, so als wären dem Autor entweder Zeit oder Platz ausgegangen oder er hätte plötzlich keine Lust mehr gehabt, das Buch zu vollenden. Hier hätte ich mir weniger Eile und mehr Tiefe gewünscht. Allen Erwachsenen sollte übrigens bewusst sein, dass sich „Cleanland“ an Kinder ab 12 Jahren richtet; dieselbe Tiefe / Vielschichtigkeit wie in einem Roman für Erwachsene, kann hier natürlich nicht erwartet werden.

Wer „Cleanland“ mochte, dem kann ich übrigens auch die ebenfalls gelungene Dystopie „New Earth Project“ von David Moitet wärmstens ans Herz legen (das Buch ist auch ab 12 Jahren).

„Keiner verlässt das Land freiwillig, um in den Sicklands zu leben. In der Schulbasis haben wir drei Wörter gelernt, die das Leben dort zusammenfassen: ‚Sicklands – verseucht, verloren, verdammt‘.“ E-Book, Position 233

Protagonistin & Figuren (5 Lilien & 5 Lilien ♥)

Auch die Figuren sind sehr gut gelungen. Schilo ist eine starke, intelligente Protagonistin, die eine glaubhafte Entwicklung durchmacht. Die meisten Nebenfiguren sind ebenfalls interessant, liebevoll ausgearbeitet und sympathisch; man fühlt und fiebert mit ihnen mit. Mein absolutes Highlight war übrigens die Oma, die es faustdick hinter den Ohren hat! Besonders positiv überrascht hat mich hier, wie viele starke, erfolgreiche, mutige Frauen der männliche Autor Martin Schäuble ins Buch geschrieben hat und wie gut es ihm gelingt, sich in sie einzufühlen – denn das ist im Jugendbuchgenre leider (!) immer noch keine Selbstverständlichkeit! Dafür gibt es von mir ein großes Lob!

„Und Menschen außer Samira darf ich sowieso nur treffen, wenn ich sie registrieren will bei ‚Social Health – zu viel macht krank®‘. Nach den Probestunden müsste ich mich entscheiden: Samira oder der neue Kontakt.“ E-Book, Position 632

Spannung (4 Lilie) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)

Auch der Spannungsbogen stimmt bei diesem Buch. Zuerst wird man in eine fremde Welt eingeführt, die einen zum Staunen bringt, später wird die Spannung dann so angezogen, dass man diesen Jugendroman kaum noch aus der Hand legen kann.

„Cleanland“ ist zudem geprägt durch eine dichte Atmosphäre: Viele kleine Details sorgen dafür, dass man beim Lesen niemals vergisst, wo man sich befindet und wie wichtig Hygiene ist!

Feministischer Blickwinkel (5 Lilien ♥)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---

Eine feministische Analyse dieses Jugendbuches lässt mich rundum zufrieden zurück. Die Geschichte glänzt mit vielen starken weiblichen Figuren, besteht den Bechdel-Test und ist fast gänzlich frei von Geschlechterstereotypen. Es gibt eine Oma, die es faustdick hinter den Ohren hat, eine rebellische Freundin, eine erfolgreiche Mutter und einen sensiblen jungen Mann, der als Reinigungskraft seinen Unterhalt verdient. Hier gibt es wirklich nichts auszusetzen, sondern nur ein großes Lob auszusprechen!

Mein Fazit

„Cleanland“ hat mich positiv überrascht. Es ist eine Dystopie am Puls der Zeit, die mit ihrem flüssigen Schreibstil, ihren gelungenen Figuren, ihrer starken Protagonistin und ihrer spannenden Geschichte auch Lesemuffel begeistern wird. Begeistert hat mich auch, wie viele starke Frauen der (männliche) Autor ins Buch geschrieben hat – denn das ist im Jugendbuchgenre leider (!) immer noch keine Selbstverständlichkeit! Dafür gibt es von mir ein großes Lob! Aktuelle Entwicklungen werden hier auf erschreckende Weise auf die Spitze getrieben. „Cleanland“ behandelt aktuelle Themen mit für ein Jugendbuch angemessener Tiefe, regt zum kritischen Hinterfragen und Nachdenken an und unterhält dabei sehr gut. Dieser Jugendroman ist deshalb meiner Meinung trotz der aktuellen Pandemie sowohl für die Zielgruppe als auch als Schullektüre geeignet. Lediglich das Ende wurde mir viel zu schnell abgehandelt; hier hätte ich mir weniger Eile und mehr Tiefe gewünscht.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien
Umsetzung: 4 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 4 Lilien
Ende / Auflösung: 3 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonistin: 5 Lilien
Figuren: 5 Lilien ♥
Liebesgeschichte: 3,5 Lilien
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 4 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir vier Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.02.2021

Gute Grundidee, Feminismus und starke Heldin, aber leider enttäuschende Umsetzung!

River of Violence
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist für Zwanzigjährige Alltag. Mithilfe von harten Lektionen wird sie von ihrem Vater auf ihre Zukunft vorbereitet – denn eines Tages soll sie seine Nachfolgerin werden…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: +/- Es wird gejagt, ein Hirsch wird angeschossen und danach getötet, es gibt einen leichten Fall von Tierquälerei (die Hunde können aber gerettet werden), Fleisch wird gegessen.
Triggerwarnung: Gewalt, Tod von Tieren, Tod von Menschen, Folter, Gewalt gegen Frauen und Kinder, sexualisierte Gewalt (Vergewaltigung, Belästigung, Missbrauch von Kindern), Blut, Übergeben, Krankheit, Rape Culture, Rassismus, Sexismus, Sucht, Drogen, Alkohol;

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang spannend und nach einer starken, mutigen Protagonistin!

Meine Meinung

Einstieg (2 Lilien)

„Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt. […]
Auf irgendeine Art musste ich es ja erfahren. Was er war. Und was ich werden würde.“ “ E-Book, Position 22 & 61

Im ersten Kapitel sehen wir durch Harleys Augen, wie ihr Vater einen Menschen tötet – und das ist natürlich spannend. Ab da ging es leider bergab – bis ich dann wirklich im Buch angekommen war und in die Geschichte gefunden hatte, dauerte es bis weit über die Hälfte.

Schreibstil (2 Lilien)

Mit Tess Sharpes Schreibstil konnte ich mich leider bis zum Ende nicht anfreunden. Ich habe an sich nichts gegen eine einfache und schnörkellose Sprache, aber den Erzählstil fand ich irgendwie uninspiriert, langweilig und lieblos. Er hat es nicht geschafft, mich mitzureißen – und wenn ich den Schreibstil nicht mag, hat es ein Buch bei mir schwer.

Idee, Ausführung & Themen (2 Lilien)

„‘Er will mich doch bloß beschützen.‘
‚Es liegt nur an ihm, dass du überhaupt in Gefahr bist, Harley‘, gibt Jake leise zurück.“ E-Book, Position 2717

An „River of Violence“ bin ich eigentlich ohne große Erwartungen herangegangen. Trotzdem hat mich das Buch leider sehr enttäuscht. Das lag unter anderem auch seinem Aufbau. Das Buch besteht nämlich zur Hälfte aus Rückblenden. Nun bin ich generell kein riesengroßer Fan von Rückblenden, aber wenn sie gut gemacht sind, habe ich nichts dagegen. Das Problem bei „River of Violence“ ist allerdings, dass die Rückblenden nicht nur zu zahlreich sind, sondern dass die verschiedenen Episoden aus Harleys Leben nicht chronologisch erzählt werden; sie ist z. B. in einem Kapitel 16, im nächsten aber 5. Die Zeitstruktur ist dadurch verwirrend (man weiß irgendwann nicht mehr, was Harley wann schon erlebt hat und was erst in der Zukunft passiert) und es gelingt nicht, eine Verbindung zur jungen Harley aufzubauen. Zudem behandeln fast alle Rückblenden sehr ähnliche Situationen (Harley wird von irgendeinem Mann bedroht oder gerät in eine gefährliche Situation), wodurch es auch zu vielen Wiederholungen kommt, die bei mir wiederum zu Langeweile geführt haben.

Generell hat das Buch für seinen Seitenumfang wenig Handlung, was die Geschichte zäh macht. Man hätte es wahrscheinlich um die Hälfte kürzen können und es wäre trotzdem nichts Wichtiges verloren gegangen. Dass das Buch stellenweise sehr blutig und brutal ist, stört mich überhaupt nicht, denn wer den Klappentext gelesen hat, weiß, worauf er sich einstellen muss: auf ein knallhartes Leben im kriminellen Milieu. Leider waren mir viele Stellen einfach „too much“, oft wurde so dick aufgetragen, dass ich das Buch nicht mehr ernst nehmen konnte bzw. die Authentizität verloren ging. Hier wäre weniger mehr gewesen. Das wird auch beim Blick auf die lange Trigger-Liste deutlich.

Ich habe die Geschichte gemeinsam mit einer Blogger-Kollegin gelesen und eigentlich nur deshalb bis zum Schluss durchgehalten. Bis weit über die Hälfte habe ich mit der zähen und langweiligen Geschichte gekämpft und permanent überlegt, sie abzubrechen. Den Spannungsbogen habe ich meist vergeblich gesucht. Die Genre-Bezeichnung „Thriller“ ist hier meiner Meinung absolut falsch gewählt.

„River of Violence“ hat natürlich aber auch Stärken! Dass die Umsetzung nicht so gut gelungen ist, ist sehr schade, da die Grundidee sehr gut ist und viel Potential hatte. Auch die Themen des Buches (Erwachsenwerden, Emanzipation von der Familie, Mut, Freundschaft, Verantwortung, Liebe, schwere Entscheidungen, schwierige Beziehung zu den Eltern) und ihre teilweise sogar tiefgründige Umsetzung konnten mich überzeugen. Zudem enthält das Buch durchaus einzelne starke, gelungene Momente und steigert sich im Verlauf der Geschichte immer mehr. Das letzte Viertel mit seinen unerwarteten Wendungen und seiner endlich aufkeimenden Spannung war für mich der beste Teil des Buches – und auch das Ende hat mir gefallen.

Protagonistin & Figuren (4 Lilien & 3 Lilien)

„Vielleicht wäre ja Entsetzen, bei jeder Frau, bei jeder Prellung, jeder Platzwunde, die angemessene Reaktion.
Vielleicht ist ein unempfindliches Herz nicht die Lösung, sondern das Problem.“ E-Book, Position 501

Die Protagonistin Harley war mir vor allem in der ersten Hälfte ein Dorn im Auge. Ich empfand sie als unsympathisch und scheinheilig. Es hat lange gedauert, bis ich angefangen habe, sie zu verstehen, mit ihr mitzufühlen und mich mit ihr anzufreunden. Meine liebste Hauptfigur aller Zeiten ist sie zwar immer noch nicht, aber: Am Ende des Buches fand ich sie ziemlich cool und habe sie anfeuert und ihr für ihren Mut applaudiert.

Die anderen Figuren sind verschieden gut gelungen. Es gibt komplizierte, interessante Personen, die sich nicht wirklich in Gut und Böse einteilen lassen (wie Harleys Vater), aber auch Charaktere, die sehr blass und flach bleiben. Wer übrigens ein Buch mit sympathischen Leuten sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse. Außer Will, Brooke und Jake mochte ich eigentlich niemanden – und wenn plötzlich alle gestorben wären außer Harley und Jake (der ist echt mein Favorit!), ich hätte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, so egal war mir das Schicksal der meisten Figuren.

Spannung (1 Lilie) & Atmosphäre (3 Lilien)

Da ich mich stellenweise so durchs Buch gequält habe, kann ich leider nicht mehr als eine Lilie für die (fehlende) Spannung vergeben.

Die bedrohliche Atmosphäre im Buch fand ich stellenweise durchaus gelungen, auch wenn manche Orte und Szenen schon recht klischeehaft beschrieben wurden.

Feministischer Blickwinkel (4 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++, Fo+++, Hu++, Miststück, Bitch, Bordsteinschwalbe

„‘Die wichtigste Lektion war: Sogar ein Mann, der dich liebt und der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, etwas Starkes und Mächtiges aus dir zu machen, sogar dieser Mann wird dich höllisch unterschätzen, nur weil du eine Frau bist.‘“ E-Book, Position 22

Ich würde „River of Violence“ insgesamt als feministisches Buch bezeichnen und zwar vor allem wegen seiner starken, mutigen, intelligenten Protagonistin, die gegen häusliche Gewalt kämpft und sich in einer Welt aus toxischer Männlichkeit behaupten muss und das auch schafft. Harley ist eine Heldin, die nicht gerettet werden muss, sondern die sich selbst rettet! Der Thriller enthält viele „empowernde“ und feministische Sätze, kritisiert Sexismus, weibliche Unterdrückung und (sexualisierte) Gewalt, besteht den Bechdel-Test und zeigt, wie eine Frau zur knallharten Herrscherin über ein Drogenimperium erzogen wird. Mit „River of Violence hat Tess Sharpe also zumindest diesbezüglich sehr viel richtig gemacht – dafür gibt es von mir ein großes Lob und eine halbe Lilie extra.

Manches hat mich aber auch gestört: Das waren zum einen die unzähligen Szenen, in denen Frauen bedroht, verletzt, belästigt oder vergewaltigt wurden, die ausufernden frauenfeindlichen Beleidigungen (irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen) und die Tatsache, dass gefühlt 90% der Männer in diesem Buch ungepflegte, dumme Sexisten sind, die ständig Frauen schlagen und/oder vergewaltigen. Ein paar Szenen hätten hier doch gereicht, um das Problem zu verdeutlichen, hier hätte also nicht (gefühlt) alle zwei Seiten eine Frau beim Leiden gezeigt werden müssen.

Mein Fazit

„River of Violence“ konnte mich leider nicht überzeugen. Das lag am langweiligen, lieblosen Schreibstil, der kaum vorhandenen Spannung, den unsympathischen, teilweise blassen Figuren, der spärlichen Handlung, den vielen Rückblenden (mit sich wiederholendem Inhalt) und daran, dass in einigen Szenen zu dick aufgetragen wurde. Die Stärken des Buches – seine interessanten Themen, die teilweise sogar tiefgründige Umsetzung, die starke, mutige Protagonistin und der deutlich spürbare Feminismus – können die Schwächen nicht ausgleichen. „River of Violence“ konnte das Potential einer guten Grundidee leider nicht nutzen, was sehr schade ist. Eine Leseempfehlung kann ich hier nur aus feministischer Sicht aussprechen, da mich das Buch ansonsten leider insgesamt enttäuscht hat.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 2 Lilien
Umsetzung: 2,5 Lilien
Worldbuilding: 3 Lilien
Einstieg: 2 Lilien
Ende / Auflösung: 5 Lilien
Schreibstil: 2 Lilien
Protagonistin: 4 Lilien
Figuren: 3 Lilien
Spannung: 1 Lilie
Atmosphäre: 3 Lilien
Emotionale Involviertheit: 2 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 4 Lilien
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: niedrig

Insgesamt:

❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir zweieinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere