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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.05.2021

Kalt erwischt, aber nicht kaltgelassen! Atemlos spannender, von gegenseitigem Misstrauen geprägter Thriller in einmaligem Setting!

Frostgrab
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Achtung! Diese Rezension enthält Spoiler, vor denen aber im Text noch einmal gewarnt wird!

Inhalt

Eine einsame Aussichtsplattform in den französischen Alpen. Ein Treffen mit der Snowboard-Clique von ...

Achtung! Diese Rezension enthält Spoiler, vor denen aber im Text noch einmal gewarnt wird!

Inhalt

Eine einsame Aussichtsplattform in den französischen Alpen. Ein Treffen mit der Snowboard-Clique von früher. Damals ist eine Tragödie passiert, die Gegenwart wird zum Psychospiel. Denn: Die Handys verschwinden, der Strom fällt aus, jemand verschwindet. Was wird hier gespielt – und vor allem: WER verbirgt hier WAS?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Blut, Gewalt, Alkohol, Verletzungen, Suizid, psychische Krankheiten, Sexismus;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Miststück (3x), Schlam---

Warum dieses Buch?

Das Setting und der Klappentext klangen für mich einfach unwiderstehlich – auch weil mich das Buch an das gruselige Videospiel „Until Dawn“ erinnert hat. Das habe ich mich bis jetzt noch nicht fertigspielen getraut – ich dachte mir, dass ich bei einem Buch mit ähnlicher Ausgangssituation sicher weniger Angst habe…

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… der gelungene Prolog. „Frostgrab“ hat einen der einprägsamsten, atmosphärischsten und besten Buchanfänge, die ich je gelesen habe! Schon auf den ersten Seiten hatte ich eine Gänsehaut und dachte sofort: Das wird gut! (5 Lilien ♥)

„Es ist wieder diese Jahreszeit. Die Zeit, in der der Gletscher Leichen freigibt […] also habe ich jeden Morgen die lokalen Nachrichten überflogen.
Es gibt eine spezielle Leiche, auf die ich warte.“ E-Book, Position 11

… das unverwechselbare Setting. Allie Reynolds (ihres Zeichen selbst eine ehemalige Snowboarderin) Debüt spielt weit oben in den französischen Alpen in einer von Schnee umgebenen, vom Wind umwehten hochmodern gebauten Aussichtsplattform, in der sich in der Hochsaison unzählige Tourist·innen tummeln. Außerhalb der Saison ist das riesige Gebäude jedoch verwaist, leer und still. Es gibt viele verschlossene Räume, in denen sich jemand verstecken könnte. Zudem ist es von gefährlichen Gletscherspalten umgeben. Wenn dann auch noch der Lift abgeschaltet wird und man dort oben festsitzt, dann steigt natürlich die Nervosität – der perfekte Startpunkt für einen Thriller! (5 Lilien ♥)

„Ich wusste, es würde problematisch sein, wenn ich hierher zurückkomme. Zu viele Türen, die ich besser nicht öffnen sollte.“ E-Book, Position 143

… die Themen. Mit der Auswahl seiner Themen – Nostalgie, Jugend, Sport, Leidenschaft, Freundschaft, Selbstzweifel, Liebe (auch LGBT), Ehrgeiz, Schuld – hat mich dieses Buch auf ganzer Linie überzeugt! Für einen Thriller ist die Verarbeitung zudem überraschend tiefgründig, was ich sehr schätze. (5 Lilien ♥)

„Wie kann es sein, dass wir uns so unglaublich lebendig fühlen, wenn wir mit unserem Leben spielen?“ E-Book, Position 1287

… die dichte Atmosphäre. Noch nie zuvor habe ich einen Thriller gelesen, der so von gegenseitigem Misstrauen geprägt war. Zehn Jahre sind vergangen, seit sich alle zum letzten Mal gesehen haben, in der Zwischenzeit hatte man keinen Kontakt. Immer wieder stellt sich die Hauptfigur deshalb auch die Frage, wie gut sie ihre ehemaligen Freunde überhaupt noch kennt. Einsame Flure, nächtliche Geräusche, Menschen, die verschwinden – dieses Buch steckt voller Gänsehautmomente, die auch euch eiskalt erwischen werden! Kein Wunder, dass dieser Thriller auch verfilmt werden soll – ich freue mich jetzt schon darauf, diese Geschichte auf der Leinwand zu sehen! (5 Lilien ♥)

„Irgendwas hat dieser Ort. Es ist fast, also ob die Wildheit dieser Berge in uns hineinkriecht.“ E-Book, Position 1933

… der Schreibstil. Für einen Thriller finde ich Allie Reynolds Schreibstil sehr passend: Sie schreibt relativ einfach, flüssig, schnörkellos und anschaulich. Dadurch fliegt man nur so durch das Buch! Auch die Innenwelt und Emotionen der Hauptfigur hat sie sehr gut eingefangen. An manchen Stellen hätte ich mir allerdings noch etwas mehr Details und Tiefe gewünscht. In vielen Rezensionen wurden zudem die vielen Snowboard-Fachausdrücke kritisiert. Ich finde auch, man hätte manche Figuren besser erklären müssen (so war es manchmal mühsam, sie sich vorzustellen), trotzdem wurde mein Lesefluss dadurch nicht gestört. (4 Lilien)

… die dramatischen Wendungen und die Spannung. Obwohl ich schon viele Thriller gelesen habe, konnte mich „Frostgrab“ immer wieder mit seinen unerwarteten und oft auch dramatischen Wendungen überraschen und begeistern. Bis auf einen kleineren Spannungsabfall im Mittelteil war das Buch wirklich bis zum Ende atemlos spannend (was auch an den unheilvollen Andeutungen liegt, die Milla immer wieder macht) – im letzten Fünftel konnte ich es dann gar nicht mehr zur Seite legen, sondern musste es in einem Rutsch fertiglesen! (5 Lilien ♥)

… die Figuren. Am Anfang dachte ich noch: „Diese Leute (vor allem die Männer) werde ich niemals auseinanderhalten können!“ Doch mit jeder Seite lernt man sie besser kennen und kann sie irgendwann auch problemlos unterscheiden. Bis auf wenige Ausnahmen (die etwas blass bleiben) sind die Figuren sehr liebevoll ausgearbeitet, haben alle auf ihre Weise mit der Vergangenheit zu kämpfen. Manche sind mir sogar richtig ans Herz gewachsen, wodurch ich bis zum Ende um ihr Leben gebangt habe – bei manchen von ihnen leider vergeblich! Deshalb bin ich auch immer noch ein bisschen sauer auf die Autorin – aber was gibt es Schöneres, als wenn einen ein Figurentod trifft? Immerhin heißt das doch, dass einen ein Buch nicht kaltgelassen hat – und das hat mich „Frostgrab“ definitiv nicht!

Achtung: Spoiler!



… das Ende. Dieser Thriller endet definitiv mit einem Knall! Die Auflösung und der Showdown waren atemlos spannend und unerwartet dramatisch und emotional. Ich hätte mit so einem Ende nicht gerechnet und fühlte mich ein wenig an Shakespeares Dramenenden erinnert (haha) … Am meisten getroffen hat mich, dass Brent sich für Milla geopfert hat! Bis zum Ende habe ich gehofft, dass er es schafft! Wie Milla bin auch ich zusammengezuckt, als man die Schüsse gehört hat. Dieser sanfte und liebe Mensch hat das alles nicht verdient! Da es meine Lieblingsfigur leider nicht geschafft hat, hasse und liebe ich das Ende zugleich: Ich hasse es, dass die Autorin mir das angetan hat, und liebe es gleichzeitig, dass mich das Buch so packen und emotional mitreißen konnte! Danke dafür!



Spoiler-Ende!



Das lässt mich zwiegespalten zurück:


… der Spannungseinbruch im Mittelteil. Obwohl mich das Buch von Anfang bis Ende gut unterhalten konnte, gab es einen Punkt beim Lesen, an dem mir der Mittelteil etwas zu langgezogen erschien. Hier hätte man besonders bei den Kapiteln in der Vergangenheit (das Buch besteht zur Hälfte daraus) kürzen können, was zu einem höheren Erzähltempo geführt und das Buch perfekt gemacht hätte!

Das hat mir nicht gefallen:

… die Geschlechterstereotypen. „Frostgrab“ besteht den Bechdel-Test und enthält viele starke, mutige und erfolgreiche Sportlerinnen, was mir gefallen hat. Aber Millas klischeehaftes Frauen- und Männerbild (dieses „Männer sind so, Frauen sind so“) hat mich stellenweise echt genervt. Das ist nicht mehr zeitgemäß! Die Darstellung von Frauen (die in diesem Buch generell schlechter wegkommen als Männer) als entweder zickig und stutenbissig oder aber hysterisch hat mir ebenfalls nicht gefallen. Auch das vage Framing von gewalttätigem Verhalten einer Frau gegenüber als gerechtfertigt, weil sie „mit einem Mann spielt“ und ihn „zappeln lässt“, hat mich gestört. Gewalt gegen Frauen ist niemals gerechtfertigt und niemals Schuld des Opfers! Und noch etwas: Nur weil eine Frau mit jemandem flirtet und sich Sporttipps geben lässt, heißt das noch lange nicht, dass sie es ihm schuldig ist, mit ihm zu schlafen! So ein Denken ist hochgradig toxisch! Ich würde mir sehr wünschen, dass die Autorin bei ihrem nächsten Buch mehr Bewusstsein für das Thema entwickelt und damit aufhört, Genderstereotypen zu reproduzieren! (2 Lilien)

Beispiel aus dem Buch für Genderstereotypen und Toxic Masculinity: „Interessant zu sehen, wie unterschiedlich die zwei mit der Anspannung umgehen. Brent, indem er sich einen antrinkt, Curtis, indem er wütend wird.“ E-Book, Position 694

Mein Fazit

Für mich ist „Frostgrab“ ein atemlos spannender, rundum gelungener Thriller, der mich von der ersten Seite an begeistern konnte! Allie Reynolds Debüt überzeugt auf ganzer Linie mit einem Gänsehaut-Prolog, einem einmaligen Setting, interessanten Themen (die tiefgründig verarbeitet werden), dichter, von gegenseitigem Misstrauen geprägter Atmosphäre, einem schnörkellosen, flüssigen Schreibstil, überraschenden Wendungen, atemloser Spannung und einem dramatischen Ende. Auch die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet, wodurch ich mit manchen echt mitgefiebert habe! Kritikpunkte wie der kleine Spannungseinbruch im Mittelteil, Millas stereotypes Frauen- und Männerbild und die nicht immer gut erklärten Snowboard-Fachausdrücke fallen da nicht ins Gewicht. Mir bleibt nur zu sagen: Wenn ihr tiefgründige Thriller mögt, bei denen man nicht weiß, wem man vertrauen kann, dann lest dieses Buch! Es wird auch euch kalt erwischen, aber sicher nicht kaltlassen!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 5 Lilien ♥
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 4 Lilien
Protagonistin: 4,5 Lilien
Figuren: 5 Lilien
Spannung: 5 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 3 Lilien
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: hoch

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf Lilien und ein Herz und damit den Lieblingsbuchstatus!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2021

Kreative, mitreißende, diverse Jugend-Fantasy mit Figuren, die einem ans Herz wachsen!

Die Clans von Tokito – Lotus und Tiger
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In der gefährlichen Megastadt Tokito regieren 6 verschiedene Clans. Als Erin aus dem Lotusclan aufgestoßen wird, gilt sie als vogelfrei. Organhändler entführen sie, doch ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

In der gefährlichen Megastadt Tokito regieren 6 verschiedene Clans. Als Erin aus dem Lotusclan aufgestoßen wird, gilt sie als vogelfrei. Organhändler entführen sie, doch sie überlebt. Allerdings ist der Preis hoch: Sie macht einen Deal mit einem Dämon, ist fortan besessen. Und gerade dann verschwindet ihre beste Freundin, und Erin muss alles geben, um sie wiederzufinden…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband (zumindest nach aktuellem Stand, eine Fortsetzung wird aber nicht ausgeschlossen)
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Gewalt gegen Kinder, Tod von Menschen, Blut, Gewalt;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---

Warum dieses Buch?

Die Grundidee mit den Clans hat mich total an „Die Bestimmung“ von Veronica Roth erinnert – und dieses Buch mochte ich sehr! Auch die ersten Rezensionen haben mich sehr neugierig gemacht.

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… das überzeugende Worldbuilding. Mit ihrer kreativen asiatisch angehauchten Welt hat mich die Autorin auf ganzer Linie überzeugt. Es hat mir großen Spaß gemacht, das spannende System der Clans und die vielen liebevollen Details zu entdecken! Am besten gefallen haben mir die fremdartigen Tiere, die sich die Autorin ausgedacht hat, wie z. B. die kleinen, niedlichen Müllquallen. (5 Lilien ♥)

„Ein Methanwal schob seinen gigantischen, aufgedunsenen Körper durch die Smogwolke und tauchte hinab. Er öffnete sein Maul und zog die verseuchte Luft ein, um sie zu filtern.“ E-Book, Position 26

… der Schreibstil. Ich muss allerdings zugeben, dass ich am Anfang Probleme damit hatte; er wirkte auf mich ein wenig hölzern. Mit jedem Kapitel hat mir die flüssige, für ein Jugendbuch überraschend komplexe Sprache jedoch besser gefallen, denn sie überzeugt sowohl in emotionalen als auch in geheimnisvollen und spannenden Momenten. (4 Lilien)

„Die Regeln waren einfach: Nur wer Arbeit hatte, gehörte zu einem Clan. Und nur wer zu einem Clan gehörte, war in Tokito sicher, denn die Zugehörigkeit beschützte einen vor Abschaum wie Menschenhändlern.“ E-Book, Position 53

… die tiefgründige Verarbeitung der Themen. In „Die Clans von Tokito“ gelingt es der Autorin, ernste Themen wie Existenzangst, Armut, Selbstzweifel, Freundschaft und Familie anzusprechen und diese mit überraschender Tiefe zu behandeln. Gleichzeitig wird das jugendliche Zielpublikum aber trotzdem nicht überfordert. Besonders gut gefallen hat mir hier auch, dass immer wieder Vorurteile über die Mitglieder der verschiedenen Clans gebrochen werden und dass auch moralische Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. (5 Lilien ♥)

„‘Ich bin kein Monster‘.
Tief drinnen schleppt jeder ein Monster mit sich herum.‘“ E-Book, Position 1786

… der Humor. Ich habe den Humor im Buch absolut geliebt! An vielen Stellen musste ich sogar laut auflachen. (5 Lilien ♥)

… die liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Man merkt deutlich, dass die Autorin viel Zeit und Energie in die Charakterentwicklung gesteckt hat. Ihre sympathischen und interessanten Figuren überzeugen bis in die Nebenrollen und haben glaubwürdige Stärken und Schwächen. Besonders die Protagonist/innen machen zudem eine überzeugende Entwicklung durch! Gegen Ende des Buches habe ich gemerkt, dass sie mir Erin, Kiran und Co echt ans Herz gewachsen sind, was ich sehr schön finde. (5 Lilien ♥)

… die Atmosphäre. Sie ist nämlich dicht und geheimnisvoll, was mir sehr gut gefallen hat. Mithilfe von vielen kleinen Details sorgt die Autorin dafür, dass man nie vergisst, in welcher Welt man sich gerade befindet. Deshalb taucht man beim Lesen auch voll und ganz in diese faszinierende Geschichte ein. (5 Lilien ♥)

„Ich spürte die Dunkelheit, die mich mit unnachgiebigen Klauen umschloss. Ich spürte ihre Präsenz wie ein leichtes stetiges Schaben, das gegen mein Bewusstsein klopfte, in der Hoffnung, eingelassen zu werden.“ E-Book, Position 1129

… die Spannung und der wendungsreiche, mitreißende, emotionale Plot. Die Geschichte setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen; unter anderem steht auch Mordermittlung im Mittelpunkt. Als begeisterte Thriller-Leserin hat mir das natürlich gefallen. Etwa ab dem ersten Viertel steigt der Spannungsbogen langsam und kontinuierlich an. Am Ende werden alle Handlungsstränge auf gelungene Weise zu einem beeindruckenden Höhepunkt zusammengeführt, der mich begeistern konnte. Ob es eine Fortsetzung geben wird, steht im Moment noch nicht fest – das Ende wirft aber auf jeden Fall genügend Fragen auf, sodass es in einem zweiten Teil bestimmt noch einiges zu erzählen gäbe. (4 Lilien)

… die Diversität und der Bruch mit Geschlechterstereotypen. Die Autorin hat beim Schreiben des Buches sehr darauf geachtet, dass verschiedene Hautfarben und sexuelle Orientierungen vertreten sind, was ich sehr schätze. Sogar Menschen mit Behinderung sind durch einen gehörlosen Mann in mächtiger Position vertreten. Besonders gut gefallen hat mir hier, dass diese Aspekte aber nicht im Mittelpunkt stehen und die Figuren definieren, sondern dass sie ganz unaufgeregt in die Geschichte eingewebt werden. „Die Clans von Tokito“ besteht außerdem den Bechdel-Test, enthält viele starke weibliche Figuren (auch in hohen Positionen) und bricht ganz bewusst mit Geschlechterstereotypen, was ich wunderbar finde! So ist es Erin, die sich als junge Frau gerne prügelt, und Mikko, der sehr sensibel ist. An einer Stelle kämpfen sogar eine junge Frau und ein junger Mann miteinander – und es war einfach nur schön zu sehen, dass sie auf Augenhöhe sind. (5 Lilien ♥)

Das lässt mich zwiegespalten zurück:

… der Einstieg. Es dauert doch eine Weile, bis die Geschichte ins Rollen kommt. Das liegt natürlich auch daran, dass die Welt zuerst einmal vorgestellt werden muss. Ich habe deshalb ein paar Kapitel gebraucht, bis ich ins Buch gefunden habe. (3 Lilien)

… die Kapitel aus Ryannes Sicht. Besonders in der ersten Hälfte des Buches fand ich Ryannes Geschichte etwas schwach und wenig spannend. Hier war eindeutig noch Luft nach oben. (3 Lilien)

Das hat mir nicht gefallen:
---

Mein Fazit

Caroline Brinkmann zeigt mit „Die Clans von Tokito – Lotus und Tiger“ wie deutschsprachige Jugendfantasy geht! Sie überzeugt mit einer kreativen, asiatisch angehauchten Welt, einem flüssigen Schreibstil, dem großartigen Humor, ihrer tiefgründigen Behandlung ernster Themen und ihren liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Auch der mitreißende Plot, die dichte, geheimnisvolle Atmosphäre und der durchgängige Spannungsbogen begeistern. Am besten haben mir aber die vielen starken weiblichen Figuren, die unaufgeregte Diversität und der gezielte Bruch mit Geschlechterstereotypen gefallen. Hier hat Caroline Brinmann wirklich alles richtig gemacht und damit ein sehr empfehlenswertes Jugendbuch geschaffen, das veralteten Rollenbildern den Kampf ansagt! Kleine Schwächen fallen da überhaupt nicht ins Gewicht. Ich habe jedenfalls mein erstes Jahreshighlight 2021 gefunden! Für mich ist „Die Clans von Tokito“ ein Jugend-Fantasybuch, an dem man in diesem Jahr nicht vorbeikommt – und zwar zu Recht. Unbedingt lesen!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 5 Lilien ♥
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 3 Lilien
Ende: 4,5 Lilien
Schreibstil: 4 Lilien
Protagonist_innen: 5 Lilien ♥
Figuren: 5 Lilien ♥
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: hoch

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf Lilien und damit den Lieblingsbuchstatus!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.09.2020

Poetisches, kindgerechtes Sachbuch mit wunderschönen Illustrationen und herzerwärmendem Happy End! ♥

Wenn es Winter wird im Wald
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Inhalt

Ein Fuchs macht einen Spaziergang durch den Winterwald und beobachtet dabei, wie sich andere Tiere auf die kalte Jahreszeit vorbereiten. Er selbst ist noch planlos und unsicher – bis er Gesellschaft ...

Inhalt

Ein Fuchs macht einen Spaziergang durch den Winterwald und beobachtet dabei, wie sich andere Tiere auf die kalte Jahreszeit vorbereiten. Er selbst ist noch planlos und unsicher – bis er Gesellschaft von einem anderen Fuchs erhält. Gemeinsam tanzen sie in den Winter.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Altersempfehlung: 3+
Erzählweise: auktorialer Erzähler, Präsens
Tiere im Buch: + Im Buch werden keine Tiere verletzt oder getötet.
Triggerwarnung: -

Warum dieses Buch?

Der Fuchs, der ein sehr soziales Tier ist und vollkommen zu Unrecht einen schlechtes Ruf genießt, ist eines meiner absoluten Lieblingstiere und den Winter mag ich als Jahreszeit ebenfalls sehr. Um für die zukünftigen Kinder in meinem Umfeld gewappnet zu sein, bin ich zudem immer auf der Suche nach besonderen und gelungenen Kinderbüchern.

Meine Meinung

Geschichte (5 Lilien ♥)

„Eine einzelne Schneeflocke schwebt vom Himmel, wirbelt, tänzelt und landet sacht auf der Nase eines edlen Rotfuchses.“ E-Book, Seite 1

„Wenn es Winter wird im Wald“ ist ein kindgerechtes, in poetischem Ton verfasstes Sachbuch mit einem wunderschönen Happy End (am Ende findet der Fuchs seinen Platz in der Welt), das es Kindern möglich macht, nach dem Vorlesen glücklich einzuschlafen. Die Thematik – wie sich verschiedene Tiere wie Schildkröten, Eichhörnchen und Raupen auf den Winter vorbereiten bzw. diesen verbringen, ist für kleine Naturinteressierte und TierliebhaberInnen perfekt geeignet. Auch die Idee, die Paarung der Füchse als Tanz zu beschreiben, hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Das Kinderbuch bietet die Gelegenheit, Kinder über den schlechten Ruf und die tollen Eigenschaften dieses faszinierenden Tieres aufzuklären, das ja leider immer noch gnadenlos bejagt wird, obwohl es dafür kein wissenschaftlich haltbares Argument gibt. Wer sich für das Thema interessiert, sollte übrigens unbedingt beim „Aktionsbündnis Fuchs“ vorbeischauen.

Schreibstil (5 Lilien ♥)

Der Schreibstil von Marion Dane Bauer hat mir wirklich gut gefallen – er ist einfach, leicht verständlich (und damit kindgerecht) und trotzdem auf seine Weise poetisch. Keine Seite wirkt überladen, da der Text auf besondere und interessante Weise typographisch gestaltet ist: Kleine Absätze sind auf den Doppelseiten verteilt, manchmal sind auch einzelne Worte um Zeichnungen gruppiert oder spiegeln sogar den Inhalt des Gedichtes wieder (z. B. schweben an einer Stelle Wörter wie Schneeflocken vom Himmel).

Figuren (4 Lilien)

Ich mochte den neugierigen Fuchs als Protagonist sehr. Schön, dass er am Ende seinen Platz in der Welt findet und glücklich ist. Bei den anderen Tieren handelt es sich eher um Typen als um individuelle Figuren, aber das ist absolut in Ordnung, da es sich hier ja in gewisser Weise um ein Sachbuch handelt und die Kinder etwas über verschiedene Tiere lernen sollen.

Illustrationen (5 Lilien ♥)

Ebenfalls auf ganzer Linie überzeugen konnten mich die wunderschönen, hauptsächlich in Braun- und Rottönen gehaltenen Illustrationen von Richard Jones. Die gemalten Wasserfarben-Bilder enthalten eher wenige Hintergrunddetails und strahlen gerade deshalb eine gewisse Ruhe und Behaglichkeit aus, weswegen sich das Pappbilderbuch perfekt als Gutenachtgeschichte in den Herbst- und Wintermonaten und in der Vorweihnachtszeit eignet.

Geschlechterrollen (5 Lilien)

Auch hier gibt es nichts auszusetzen, da das Buch sehr naturnah gehalten ist, bei keinem der Tiere ein Geschlecht erkennbar und das Buch frei von Geschlechterstereotypen ist.

Mein Fazit

„Wenn es Winter wird im Wald“ ist ein kindgerechtes, in einfachem, aber gleichzeitig poetischem Ton geschriebenes Sachbuch mit einem herzerwärmenden Happy End, das es Kindern möglich macht, nach dem Vorlesen glücklich einzuschlafen. Die wunderschönen Illustrationen strahlen eine gewisse Ruhe und Behaglichkeit aus, weswegen sich das Buch perfekt als Gutenachtgeschichte in den Herbst- und Wintermonaten und in der Vorweihnachtszeit eignet. Von mir gibt es eine große Leseempfehlung!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Geschichte: 5 Lilien ♥
Ausführung: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Figuren: 4 Lilien
Illustrationen: 5 Lilien ♥
Rollenbilder: 5 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch erhält von mir fünf Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.09.2020

Wunderbare Figuren, tragische Schicksale und große Emotionen – für mich ein absolutes Jahreshighlight! ♥

Die Optimisten
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Im Schwulenviertel „Boystown“ im Chicago der 80er-Jahre hat Aids zu wüten begonnen. Durch mangelnde Therapiemöglichkeiten, ein schlechtes Gesundheitssystem, zu wenig ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Im Schwulenviertel „Boystown“ im Chicago der 80er-Jahre hat Aids zu wüten begonnen. Durch mangelnde Therapiemöglichkeiten, ein schlechtes Gesundheitssystem, zu wenig Aufklärung und Schuld und Schamgefühle breitet sich das HI-Virus aus wie ein Lauffeuer und löscht nach und nach Yales Freundeskreis aus.

Dreißig Jahre später ist Fiona in Paris auf der verzweifelten Suche nach ihrer verschollenen Tochter. Da sie bei alten Freunden aus Chicago wohnt, werden immer wieder schmerzhafte Erinnerungen an ihre Vergangenheit wach.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: - Eine Katze wird aus Versehen stark vernachlässigt, überlebt aber. Fleisch wird gegessen. Ansonsten werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet. Da eine Katze in Einzelhaltung lebt, möchte ich über dieses Thema aufklären: Katzen sind alleine niemals glücklich (sie sind EinzelJÄGER, keine EinzelGÄNGER), sondern sehr einsam und unglücklich. Sie können verschiedene Verhaltensstörungen entwickeln und depressiv und/oder aggressiv werden. Wer seine Katze liebt, schenkt ihr deshalb mindestens einen Gefährten.
Triggerwarnung: Drogen, Alkoholismus, Tod von Menschen, Krankheit, Homophobie, Prostitution, sexuelle Belästigung;

Warum dieses Buch?

Die Frage sollte eher lauten: Warum nicht? Das Buch hat viel Lob und bereits Preise erhalten, viele LeserInnen schwärmen davon. Außerdem hat mich der Klappentext an eines meiner absoluten Herzensbücher erinnert: „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ von Carol Rifka Brunt. Ich musste es daher einfach lesen!

Meine Meinung

Einstieg (5 Lilien)

„‘Ich kenne Männer, die noch niemanden verloren haben. Gruppen, die bisher unberührt geblieben sind. Aber ich kenne auch Leute, die haben zwanzig Freunde verloren. Ganze Mietshäuser, ausgelöscht.‘“ E-Book, Position 236

Ich hatte überhaupt keine Probleme, in die Geschichte zu finden, sondern eher das Gefühl, dass einen die Autorin auf der ersten Seite bei der Hand nimmt und nicht mehr loslässt, bis man das Buch beendet hat. Schon das erste Kapitel, das sehr rätselhaft endet, hat mich neugierig gemacht – ich wollte unbedingt weiterlesen.

Schreibstil (5 Lilien ♥)

Mit „Die Optimisten“ hat sich Rebecca Makkai in mein Herz geschrieben. Ihr Schreibstil ist wunderbar – anspruchsvoll, und trotzdem so angenehm lesbar, dass für mich jede Seite ein Genuss war. Das Buch glänzt mit wunderschönen, weisen Zitaten, treffenden Formulierungen und beeindruckend kreativen Vergleichen. Besonders großartig fand ich auch, wie nuanciert die Autorin die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Figuren beschreibt. Auf diese Weise kommt man ihnen unheimlich nah.

„Bevor sie den Raum verließ, blieb sie stehen und sah Yale an, als wären sie Ertrinkende und sie hätte sich gerade den letzten Rettungsring genommen.“ E-Book, Position 5900

Idee, Inhalt, Themen & Ende (5 Lilien ♥)

„‘Und es stimmt, da war dieses kleine Fenster, eine kurze Zeitspanne, in der wir uns sicherer gefühlt haben, glücklicher waren. Ich dachte, es wäre der Anfang von etwas. Dabei war es in Wirklichkeit das Ende.‘“ E-Book, Position 5280

An „Die Optimisten“ bin ich aufgrund der positiven Rezensionen mit sehr hohen Erwartungen herangegangen – und seit längerer Zeit ist es das erste Mal, dass mich ein gehyptes Buch nicht enttäuscht, sondern auf ganzer Linie überzeugen konnte. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Im Jahre 1985 begleiten wir Yale dabei, wie er einen Freund nach dem anderen durch Aids verliert und im Jahre 2015 schauen wir Fiona (einer von Yales engsten Freundinnen) dreißig Jahre später dabei über die Schulter, wie sie ihre Tochter in Paris sucht. Beide Geschichten, die lose miteinander verbunden sind, haben mir auf ihre Weise gefallen und ergeben zusammen ein gelungenes Ganzes – mein Herz gehört aber mit Sicherheit dem Erzählstrang in der Vergangenheit. Er war es, der mich berührt, begeistert und am Ende sogar zum Weinen gebracht hat. Er ist der Grund dafür, dass ich nur allzu gerne über kleine Schönheitsfehler (wie z. B. die Tatsache, dass mich die Kapitel in der Gegenwart nicht in gleichem Maße fesseln konnten) hinwegsehe, dass ich diesem Buch fünf Lilien gebe und es hiermit zum Lieblingsbuch erkläre.

In „Die Optimisten“ geht es um Homophobie, Liebe, Mutterschaft, Kunst, Vergänglichkeit, Aids, Trauer und Tod. Auch Freunde als Wahlfamilie, wenn einen die eigenen Eltern verstoßen haben, gegenseitige Fürsorge, die Tatsache, dass die Aids-Kranken damals mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden, und ihre Versuche, das durch Proteste zu ändern, werden tiefgründig im Buch behandelt. (Dabei darf natürlich auch nicht vergessen werden, dass der HI-Virus leider noch immer nicht besiegt ist und in manchen Teilen der Erde immer noch wütet und tötet.) Tragikomische und humorvolle Elemente lockern die Stimmung dabei immer wieder auf gelungene Weise auf. Makkais Buch ist ein Roman der philosophischen Fragen, tragischen Schicksale und der großen Emotionen – und trotz seiner ernsten Themen für mich ein absolutes Wohlfühlbuch, in das ich immer wieder gern eingetaucht bin. Das Lob, die Preise und die Nominierung für den Pulitzer Preis hat dieser Roman absolut verdient. „Die Optimisten“ ist jedenfalls eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe! Lasst euch dieses Lesehighlight nicht entgehen, denn es wird euch gefallen – da bin ich optimistisch!

Wenn euch „Die Optimisten“ gefallen hat, dürft ihr euch „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ von Carol Rifka Brunt (auch im großartigen Eisele Verlag erschienen) keinesfalls entgehen lassen! Es behandelt ähnliche Themen – Aids, Trauer, die 80er-Jahre, Homosexualität, Liebe, Freundschaft – hat mich aber sogar noch mehr (!) berührt als das vorliegende Buch. Eine sehr gut geschriebene Rezension zu den „Optimisten“, die ich euch nur ans Herz legen kann, hat übrigens die ZEIT veröffentlicht.

„‘Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.‘“ E-Book, Position 6752

ProtagonistInnen & Figuren (5 Lilien ♥ & 5 Lilien ♥)

„[…] er dachte darüber nach, ob dies der beherrschende Faktor seines Lebens war: die Angst, dass ihm das Herz gebrochen werden könnte. Oder besser gesagt, die Notwendigkeit, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden.“ E-Book, Position 1038

Neben dem Schreibstil ist die Figurenzeichnung die größte Stärke dieses Außenseiter-Romans. Bis in die Nebenfiguren sind die Charaktere liebevoll und sehr nuanciert ausgearbeitet. Sie wirken glaubwürdig mit ihren Stärken, Schwächen und Eigenheiten und werden beim Lesen lebendig und greifbar – und gerade das ist der Grund dafür, dass ich so intensiv mit ihnen mitgefühlt und mitgelitten habe und dass sie mir so ans Herz gewachsen sind. Mein absolutes Highlight war neben der jungen Fiona natürlich Yale – nur jemanden mit einem Herz aus Stein würde das Schicksal dieses Pechvogels kaltlassen.

„Julians Art, einen anzusehen, machte einen Teil seiner Schönheit aus. Wenn man auf den Boden starrte, konnte es passieren, dass er einem von dort unten in die Augen schaute, weil er sich gebückt hatte, als wollte er einen wieder hochziehen.“ E-Book, Position 2087

Spannung (4 Lilien) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)

In einigen Rezensionen wurde geschrieben, dass das Buch zu langatmig sei – und mit seinen über 600 Seiten ist es auch ein ganz schöner Brocken. Sicher ist das unaufgeregte, eher ruhige Buch nicht geprägt von atemloser Spannung, aber ich möchte besonders bei den Kapiteln in den 80er-Jahren keine einzige Seite missen. Gerade dadurch, dass sich die Autorin viel Zeit für die Ausgestaltung ihrer Geschichte genommen hat, kann sie in die Tiefe gehen. Außerdem gibt es auch einige sehr gelungene unerwartete Wendungen. An manchen Stellen (besonders in den Kapiteln, die 2015 spielen) hätte ich mir vielleicht etwas mehr Tempo gewünscht, aber das ist wirklich Kritik auf sehr hohem Niveau.

Beeindruckend fand ich, wie gut es der Autorin gelingt, die 80er-Jahre und das besondere Viertel „Boystown“ zum Leben zu erwecken. Dafür hat sie sorgfältig recherchiert, und das merkt man. Rebecca Makkai beschreibt sehr atmosphärisch den Zusammenhalt in der schwulen Gemeinschaft, das aufregende Nachtleben und das Lebensgefühl der damaligen Zeit mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten, sodass man nicht nur geschichtliche Fakten dazulernt, sondern sich auch wirklich fühlt, als würde man in eine andere Zeit eintauchen.

Feministischer Blickwinkel (5 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Hu++, Tussi

Eine feministische Analyse dieses Romans lässt mich zufrieden zurück. Das Buch besteht den Bechdel-Test, bespricht LGBT-Themen, bricht dadurch auch mit Geschlechterstereotypen, ist frei von Slut Shaming und enthält sehr starke, intelligente und interessante Frauenfiguren. Dass das Geschlechterverhältnis durch Yales Freundeskreis etwas unausgeglichen ist, verzeihe ich da gerne.

Mein Fazit

„Die Optimisten“ ist ein Roman der philosophischen Fragen, tragischen Schicksale und der großen Emotionen – und trotz seiner ernsten Themen für mich ein absolutes Wohlfühlbuch, in das ich immer wieder gerne eingetaucht bin. Mit ihrem angenehmen Schreibstil, ihren wunderschönen Zitaten, kreativen Vergleichen, nuancierten Schilderungen der Innenwelt ihrer liebevoll ausgearbeiteten Figuren, ihrer tiefgründigen Behandlung ernster Themen, ihren starken weiblichen Figuren, ihrem Brechen mit Geschlechterstereotypen, ihrem (tragikomischen) Humor, ihrer dichten Atmosphäre und ihrer berührenden Geschichte hat sich Rebecca Makkai in mein Herz geschrieben. Da sehe ich über kleine Schönheitsfehler sehr gerne hinweg. Kurz: Den Hype und das Lob (das Buch wurde unter anderem sogar für den Pulitzer Preis nominiert!) hat dieser Roman absolut verdient. „Die Optimisten“ ist jedenfalls eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe! Lasst es euch nicht entgehen, denn es wird euch gefallen – da bin ich optimistisch!

Wenn euch „Die Optimisten“ gefallen hat, lest unbedingt auch „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ von Carol Rifka Brunt (auch im großartigen Eisele Verlag erschienen)! Es behandelt ähnliche Themen, ist aber sogar noch berührender.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 5 Lilien ♥
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilie
Ende / Auflösung: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 5 Lilien ♥
ProtagonistInnen: 5 Lilien ♥
Figuren: 5 Lilien ♥
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf Lilien und ein Herz – und damit den Lieblingsbuchstatus!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.07.2020

Poetische, berührende, wunderschön illustrierte Geschichte über Traurigkeit, Hoffnung & Mitgefühl! ♥

Der blaue Vogel
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Inhalt

In diesem Kinderbuch geht es um Hoffnung und Mitgefühl – und um einen traurigen Vogel, der einen Freund gewinnt und dadurch sein Glück wiederfindet.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Altersempfehlung: ...

Inhalt

In diesem Kinderbuch geht es um Hoffnung und Mitgefühl – und um einen traurigen Vogel, der einen Freund gewinnt und dadurch sein Glück wiederfindet.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Erzählweise: auktorialer Erzähler, Präteritum
Tiere im Buch: + Im Buch werden keine Tiere verletzt oder getötet.
Triggerwarnung: Depression

Warum dieses Buch?

Ich fand sowohl das Cover als auch den Klappentext sehr vielversprechend und schön! Um für die zukünftigen Kinder in meinem Umfeld gewappnet zu sein, bin ich immer auf der Suche nach besonderen und gelungenen Kinderbüchern.

Meine Meinung

Geschichte (5 Lilien ♥)

„Tief im Wald, dort wo die Sonne den Boden nicht mehr berührte, lebte der blaue Vogel.“

Mit „Der blaue Vogel“ hat Britta Teckentrup eine poetische, berührende und herzerwärmende Geschichte für Kinder geschrieben, die erfrischend anders ist und sich mit Themen beschäftigt, die eher selten Einzug ins Kinderbuchgenre finden. Im Mittelpunkt stehen Traurigkeit, aber auch Mitgefühl, Hoffnung, Freundschaft und Glück. Die Geschichte vermittelt eine wichtige Botschaft: Es ist wichtig, sich um traurige Lebewesen zu kümmern, denn Trost und Mitgefühl haben oft eine heilende Wirkung. Aufgrund des glücklichen Endes und der Freundschaft, die sich zwischen den Vögeln entwickelt, eignet sich das Buch dennoch gut als Gutenachtgeschichte.

Meiner Meinung nach werden die Themen des Buches kindgerecht und nicht zu düster umgesetzt. Zudem werden Kinder die Depression nicht auf derselben Ebene wie Erwachsene erfassen, sondern schlicht als große Traurigkeit wahrnehmen. Trotzdem kann ich die Kritik am ernsten und heiklen Thema bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Deshalb ist es hier besonders wichtig, beim Vorlesen mit dem Kind darüber zu sprechen, dass es natürlich nicht verantwortlich oder schuld ist, wenn jemand traurig ist und der gespendete Trost nicht hilft. Hier kann man auf kindgerechte Weise ansprechen, dass Traurigkeit auch eine Krankheit sein kann und dass es Ärzte gibt, die einem in so einem Fall helfen können. Das Thema „mentale Gesundheit“ ist immer noch so ein Tabu in unserer Gesellschaft, dass es meiner Meinung nach nur positiv sein kann, wenn mit Kindern schon in jungen Jahren darüber geredet wird.

„Der blaue Vogel“ war mein erstes Buch von Britta Teckentrup – und es wird sicher nicht mein letztes bleiben! Da die Autorin bereits über 100 Bücher illustriert hat, sollte es auf jeden Fall genügend Auswahl für mich geben.

Schreibstil (5 Lilien ♥)

Den Schreibstil der Autorin empfand ich als einfach, leicht verständlich (mir sind keine Wörter aufgefallen, die dem Zielpublikum unbekannt sein dürften) und damit kindgerecht. Gleichzeitig ist ihre Art zu erzählen aber auch wunderbar poetisch!

Figuren (5 Lilien ♥)

Auch die Figuren sind sehr gut gelungen. Man fühlt sofort mit dem traurigen Vogel mit, will ihn trösten und ihm helfen und hofft auf ein Happy End für ihn. So wird spielerisch die Empathiefähigkeit von Kindern gefördert.

Illustrationen (5 Lilien ♥)

Auch die Illustrationen konnten mich auf ganzer Linie überzeugen! Sie sind ungewöhnlich, kreativ, künstlerisch und besitzen eine eigene, etwas raue Schönheit. Rot, Grau, Braun, Schwarz und Blau dominieren, und kleine Pünktchen, als hätte die Autorin hier eine Art Sprühtechnik verwendet, sind sichtbar. Bei meinem Exemplar waren die Bilder ein wenig unscharf, doch das liegt wahrscheinlich daran, dass ich das Buch als E-Book gelesen habe, denn hier kann die Druckqualität von der Print-Ausgabe abweichen.

Geschlechterrollen (5 Lilien)

Auch hier gibt es nichts auszusetzen, da die Vögel offiziell geschlechtslos sind und das Buch frei von Rollenklischees ist. Obwohl man oft geschlechtslose Figuren im Kinderbuchbereich automatisch als männlich wahrnimmt (dazu gibt es Studien), ist das hier nicht geschehen, was positiv ist.

Mein Fazit

Mit „Der blaue Vogel“ hat Britta Teckentrup ein poetisches, berührendes und herzerwärmendes Kinderbuch geschrieben, das sich mit ungewöhnlichen und ernsten Themen beschäftigt (die jedoch absolut kindgerecht behandelt werden): mit Traurigkeit, Hoffnung und Mitgefühl. Der Schreibstil ist leicht verständlich, kindgerecht und poetisch, die Figuren sind sehr gut gelungen und auch die ungewöhnlichen, künstlerischen, auf raue Weise schönen Illustrationen konnten mich auf ganzer Linie überzeugen! Von mir gibt es deshalb eine große Leseempfehlung!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Geschichte: 5 Lilien ♥
Ausführung: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Personen: 5 Lilien ♥
Illustrationen: 5 Lilien ♥
Rollenbilder: 5 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch erhält von mir fünf Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere