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Veröffentlicht am 05.10.2018

Unterhaltsamer Jugendroman mit Schwächen

Tell me three things
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Spoilerfreie Rezension


Inhalt

Nach dem Tod ihrer Mutter hat sich Jessies Vater neu verliebt. Nach der überraschenden Hochzeit mit seiner neuen Frau namens Rachel zieht die Familie nach Los Angeles ...

Spoilerfreie Rezension


Inhalt

Nach dem Tod ihrer Mutter hat sich Jessies Vater neu verliebt. Nach der überraschenden Hochzeit mit seiner neuen Frau namens Rachel zieht die Familie nach Los Angeles um – sehr zum Missfallen von Jessie. Sie verliert auf einen Schlag alles, was sie kennt – ihre Freunde, ihr Haus, ihre gewohnte Umgebung – und wird nicht einmal gefragt, was sie davon hält. In der schönen Villa der neuen Frau steht Jessie mit Rachel und Theo, ihrem Stiefbruder, auf Kriegsfuß. Ihr erster Schultag an der Schule der Reichen und Schönen ist eine Katastrophe. Doch dann erscheint unerwartet ein Lichtblick am Horizont: Ein anonymer Fremder schreibt ihr eine E-Mail und bietet an, ihr zu helfen, die größten Hindernisse im Schulalltag zu umschiffen. Aus Mangel an Alternativen beschließt Jessie, dem Verfasser zu vertrauen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: ONE
Seitenzahl: 400
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: aus weiblicher Perspektive
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt oder getötet.

Warum dieses Buch?

Der Klappentext hat mich vage an das Buch „Nur drei Worte“ / „Simon vs the Homosapiens Agenda“ erinnert, das ich sehr gerne mochte. Zusätzlich haben mich die begeisterten LeserInnenstimmen neugierig gemacht.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Den Einstieg fand ich absolut gelungen. Die Geschichte beginnt mit der ersten rätselhaften Mail, die Jessie nach ihrer ersten Schulwoche erhält. Diese interessante Ausgangsituation und die humorvolle Art, in der das Schreiben verfasst ist, haben mich einige Male zum Schmunzeln gebracht und natürlich auch Neugierde in mir geweckt.

„Siebenhundertdreiunddreißig Tage nachdem meine Mom gestorben ist, fünfundvierzig Tage nachdem mein Dad heimlich eine fremde Frau aus dem Internet geheiratet hat, dreißig Tage nachdem wir daraufhin Hals über Kopf nach Kalifornien gezogen sind und nur sieben Tage nachdem ich zum ersten Mal meine neue Schule besucht habe, auf der ich so gut wie niemanden kenne, erhalte ich eine E-Mail.“ E-Book, Position 50

Schreibstil (+)

An Julie Buxbaums Schreibstil gibt es nichts auszusetzen. Sie schreibt flüssig, locker, angenehm und leicht verständlich, dennoch ist die Sprache nicht ZU einfach, unterfordernd oder oberflächlich. Die Gefühle und Gedanken der Hauptfigur werden zudem anschaulich, intensiv und verständlich geschildert. Das jugendliche Zielpublikum wird also keine Probleme haben, sofort in die Geschichte einzutauchen.

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Der Fließtext über Julies Leben wird immer wieder unterbrochen von den mysteriösen Mails und – später dann – auch von verschiedenen Chatverläufen. Diese haben die Geschichte aufgelockert und waren sehr gut mit dem Text verwoben. Tatsächlich hat mich die Story an einigen Punkten (zu) stark an „Nur drei Worte“ / „Simon vs the Homosapiens Agenda“ erinnert. Zwar hatte ich nicht wirklich das Gefühl, eine Kopie vor mir zu haben, jedoch hätte ich mir schon gewünscht, dass die Autorin hier stärker ihren eigenen Weg gegangen wäre. Das Ende fand ich ebenfalls nett – nichts was mir lange in Erinnerung bleiben wird, aber ich war damit zufrieden.

Das Buch behandelt typische Jugendthemen wie Selbstfindung, Emanzipation von der Familie und Schule, wagt sich jedoch auch an erstere Themen wie Verlust, Trauer, Einsamkeit und Mobbing heran. Einige dieser Themen wurden durchaus tiefgehend behandelt, an manchen Punkten hätte die Autorin aber noch mehr in die Tiefe gehen müssen. Zudem war mir für die gewählten Themen der Ton manchmal etwas zu locker und fröhlich, hier hätte man keine Scheu vor traurigeren, emotionaleren Momenten haben dürfen. Dann hätte mich die Geschichte bestimmt noch stärker berührt.

„Eine der schlimmsten Erfahrungen, wenn jemand stirbt, ist, an all die Momente zurückzudenken, in denen man nicht die richtigen Fragen gestellt hat, all die Momente, in denen man fälschlicherweise geglaubt hat, noch unendlich viel Zeit zu haben.“ E-Book, Position 368

Protagonistin & Figuren (+)

Jessie mochte ich als Protagonistin gern. Die Autorin hat sie liebevoll gezeichnet und verleiht ihr sowohl eine sympathische Persönlichkeit und Stärken als auch authentische Schwächen, Zweifel und Probleme. Als Gesamtpaket ist Jessie eine auf angenehme Weise nicht perfekte, dreidimensionale Heldin, mit der sich auch das Zielpublikum gut identifizieren können wird. So besonders und einmalig, dass sie mir für immer in Erinnerung bleiben wird (wie zum Beispiel June aus „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ von Carol Rifka Brunt), fand ich sie allerdings leider nicht. Aber das ist wohl einfach Geschmackssache.

Auch viele der Nebenfiguren sind gut ausgearbeitet und konnten mich überzeugen. Einige bleiben aber leider auch sehr blass und austauschbar und verkörpern das eine oder andere Klischee (z. B. Gem als das gemeine, schöne, beliebte Mädchen der Schule). Hier hätte ich mir doch etwas mehr Individualität, Innovation und Tiefe gewünscht.

Humor (+)

Der Humor hat zwar nicht durchgehend meinen Geschmack getroffen (manchmal war er mir ein wenig übertrieben), aber teilweise musste ich echt schmunzeln und manchmal sogar lachen. Dafür gibt es ein Lob, da das nur wenige Bücher bei mir schaffen.

"- weiß du, man sagt, je zufriedener du in der schulzeit bist, desto weniger erfolgreicher wirst du später im leben sein. […]
- Ach ja? Dann sieht es für mich ja super aus, und ich werde Vorstandsvorsitzende der ganzen verdammten Welt.“ E-Book, Position 715

Liebesgeschichte (+/-)

Ich mochte die Liebesgeschichte und konnte auch verstehen, warum sich die Beteiligten zueinander hingezogen fühlen und warum sie einander mögen (in manchen Büchern scheitert es ja bereits daran). Manche Entwicklungen gingen mir allerdings eine Spur zu schnell und auch die Chemie zwischen den Liebenden war nicht so stark, dass ich beim Lesen dieses berühmte Kribbeln gefühlt hätte. Vor allem bei Erzählungen aus der Ich-Perspektive muss ich mich selbst ein bisschen in den/die Angebetete/n verlieben, sonst ist die Beschreibung der Liebesgeschichte meiner Meinung nach nicht hundertprozentig gelungen. Sehr gut gemacht hat das beispielsweise John Green in „The Fault in our Stars“ / „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Ich war zwar durchgehend neugierig, wie die Geschichte ausgehen würde und wer sich hinter dem Unbekannten verbirgt, und fühlte mich auch meist gut unterhalten, jedoch gab es immer wieder langatmige Stellen, denen mehr Spannung wirklich gutgetan hätte. Ein bisschen weniger Vorhersehbarkeit (ich lag mit meinen Vermutungen fast immer richtig) und mehr unerwartete Wendungen hätten das Buch sicher noch besser gemacht.

Die Stimmung im Buch hat mich tatsächlich auch stark an „Nur drei Worte“ erinnert, denn auch hier fühlt sich die Lektüre trotz ernster Themen hoffnungsvoll, beschwingt, locker und irgendwie positiv an, auch wenn die Hauptperson eigentlich noch stark um ihre Mutter trauert. Zusätzlich gibt es auch immer wieder humorvolle, emotionale, traurige und sogar wütend machende Szenen, die dafür gesorgt haben, dass ich mit Jessie mitfühlen konnte und stellenweise stark emotional involviert war (auch wenn hier sicher noch Luft nach oben war).

Geschlechterrollen & Vielfältigkeit (-!)

Es gibt nur wenige positive Aspekte, die mir aufgefallen sind. Gefallen hat mir zum Beispiel, dass Jessie eine starke, intelligente Hauptfigur ist, die auch einmal den ersten Schritt macht, und dass das Liebesleben von Jessie und ihren Freundinnen, ihre Wünsche und Zweifel offen angesprochen wurden. Das finde ich gut, da heutzutage Mädchen in Jugendbüchern immer noch viel zu oft als absolut unschuldig und passiv dargestellt werden.

Leider gibt es auch einige Aspekte, die mir absolut nicht gefallen haben. Zum Beispiel die altmodischen Rollenbilder (Mutter kocht immer, Vater hat keine Ahnung von Haushaltsdingen) und die Behauptung, dass eine „echte“ Mutter nicht darauf bedacht sei, attraktiv auszusehen (aha, und warum nicht?). Hier gab es einfach zu viele Rollenklischees, die unreflektiert wiedergegeben wurden. Auch was ein positives Körperbild betrifft, das gerade für junge Mädchen (bei all den falschen Erwartungen, die durch die Medien geweckt werden!) sehr wichtig ist, bin ich hier sehr enttäuscht. Eine Mutter empfiehlt beispielsweise ihrer (keineswegs übergewichtigen Tochter), dass sie besser aussehen würde, wenn sie fünf Kilo abnehmen würde und wird dafür noch von der Hauptfigur gelobt. Auch die Formulierung, dass sich Jessie an einer Stelle vorkommt wie eine „peinliche Feministin“ finde ich absolut furchtbar! Es ist niemals peinlich, Feminist oder Feministin zu sein, vielmehr ist es peinlich, als vernünftig denkender Mensch NICHT für Gleichberechtigung zu kämpfen! Solche Worte in einem Jugendbuch sind absolut inakzeptabel.

Am meisten hat mich jedoch die Verwendung von frauenfeindlichen / sexistischen Ausdrücken wie „Schlam++“, „Zicke“, „Tussi“ und sogar „Hu++“ gestört. Einmal wird sogar angedeutet, dass es in manchen Fällen gerechtfertigt sei, so genannt zu werden. Ich bin es langsam wirklich leid, solche Ausdrücke in Jugendbüchern zu lesen, die dann unreflektiert von den Jugendlichen ebenfalls verwendet werden. Medien, auch Bücher, beeinflussen unterbewusst unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen und verfestigen damit Rollenstereotypen, die einengen und gleichzeitig einen Risikofaktor für Gewalt an Frauen darstellen. AutorInnen müssen endlich sensibler mit dem Thema umgehen lernen und – wenn sie es selbst nicht schaffen – wäre es sehr wichtig, dass Verlage aufhören, Textstellen mit solchen Wörtern durchzuwinken.

Zum Thema mangelnde Vielfältigkeit (alle sind weiß, schlank, schön etc.) wurde von einer anderen Rezensentin ja schon genug geschrieben, also verweise ich hier nur auf ihre Rezension, die beim Stöbern leicht zu finden sein sollte.

Beispiele:

„Ich bin unschlüssig, ob ich eher wie ein Proll oder eine Schla+++ klinge […]“ E-Book, Position 138

„Monatelang hatte mein Dad Fragen gestellt, aus denen hervorging, dass er keine Ahnung hatte, wie unser Alltag funktionierte. Wo befindet sich bei uns das Kehrblech? Wie heißt der Direktor deiner Schule?“ E-Book, Position 530

„‘Meine Schwester ist auf der University of California und hu++ da total rum‘, sagte Agnes.“ E-Book, Position 1594

„Ich: Ich freue mich für dich, du liederliche Schla+++!“ E-Book, Position 3890

„‘Hu++‘, niest sie noch einmal […]“ E-Book, Position 2484

Mein Fazit

„Tell Me Three Things“ ist ein Jugendroman mit Schwächen, der mich insgesamt gut unterhalten konnte, der mich aber auch teilweise (zu) stark an „Nur drei Worte“ / „Simon vs the Homosapiens Agenda“ erinnert hat. Der Schreibstil ist flüssig, locker und angenehm lesbar und somit perfekt geeignet für die Zielgruppe, und auch die sympathische Hauptfigur konnte mich überzeugen. Von den Nebenfiguren sind manche sehr gelungen, einige von ihnen bleiben leider blass oder verkörpern Klischees. Themen wie Selbstfindung, Unabhängigkeit, Verlust und Mobbing werden angemessen behandelt, teilweise hätte man hier aber noch mehr in die Tiefe gehen und traurigere Momente zulassen können. Der Humor und die Liebesgeschichte haben mir insgesamt gefallen, mehr Spannung hätte dem Buch aber gutgetan, da ich manche Abschnitte langatmig fand. Was die Geschlechterrollen, die Thematisierung von Feminismus und die Verwendung von frauenfeindlichen Ausdrücken angeht, gibt es leider einiges zu kritisieren und ich würde mir hier wünschen, dass die Autorin im nächsten Buch DEUTLICH sensibler mit diesem Aspekt umgeht. Aus diesem Grunde würde ich das Buch Jugendlichen eher nicht empfehlen, sondern stattdessen auf das meiner Meinung nach gelungenere „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli verweisen. Kurz: Julie Buxbaums Jugendbuch konnte mich insgesamt gut unterhalten, aber leider nicht ganz überzeugen.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3,5 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Ausführung: 3 Sterne
Einstieg: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 4 Sterne
Protagonistin: 3,5 Sterne
(Neben)Figuren: 3 Sterne
Humor: 4 Sterne
Liebesgeschichte: 3-4 Sterne
Atmosphäre: 3 Sterne
Spannung: 2,5 Sterne
Ende: 3 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3 Sterne
Geschlechterrollen: -!

Insgesamt:

❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3 nicht ganz zufriedene Lilien!

Veröffentlicht am 02.10.2018

Ernüchterung: Ganz unterhaltsam, aber es fehlt an Tiefe

Blutrausch - Er muss töten
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Spoilerfreie Rezension


Inhalt

Es ist trotz ihrer jahrelangen Erfahrung ein Schock für Hunter und seinen Partner Garcia, die beide auf UV-Morde, ultra gewalttätige Verbrechen, spezialisiert sind, als ...

Spoilerfreie Rezension


Inhalt

Es ist trotz ihrer jahrelangen Erfahrung ein Schock für Hunter und seinen Partner Garcia, die beide auf UV-Morde, ultra gewalttätige Verbrechen, spezialisiert sind, als sie den Tatort ihres neuesten Falles zum ersten Mal sehen. Ein junges Model wurde brutal getötet, ihre Leiche ist in einem schockierenden Zustand. Der Täter hat den Schauplatz nach seinen Wünschen umgestaltet und hinterlässt den ErmittlerInnen eine rätselhafte lateinische Nachricht. Offensichtlich sieht er sich als Künstler. Und gerade arbeitet er daran, seine persönliche Galerie des Grauens zusammenzustellen.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #1 einer Reihe
Verlag: Ullstein Taschenbuch Verlag
Seitenzahl: 448
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: aus zahlreichen männlichen und weiblichen Perspektiven, auch aus der Perspektive des Mörders
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: - Wie so oft in Thrillern muss leider auch hier wieder eine Katze sterben (sie erfriert), um zu verdeutlichen, wie grausam der Killer ist. Das bin ehrlich gesagt langsam ein bisschen leid. Gut gefallen hat mir jedoch, wie empört die verschiedenen Figuren auf den Tod der Katze reagiert und dass sie viel Mitgefühl gezeigt haben. Wichtig ist mir, an dieser Stelle zu betonen, dass Katzen unbedingt immer mindestens zu zweit gehalten werden müssen, da sie KEINE Einzelgänger sind. Kleine Kätzchen und reine Wohnungskatzen alleine zu halten ist besonders grausam, da der Mensch einen Katzenfreund niemals ersetzen kann. Auf Dauer werden aufgrund von Einsamkeit dann oftmals Depressionen und Verhaltensstörungen wie Aggressivität und exzessives Kratzen an Möbeln entwickelt. Wer also seine Katze liebt, schenkt ihr einen Gefährten.

Warum dieses Buch?

Langsam habe ich es mich ja fast nicht mehr zuzugeben getraut, dass ich bisher noch keinen einzigen Carter gelesen hatte. Der Autor ist unter Thrillerfans sehr beliebt und es gibt einen regelrechten Hype um seine Bücher. Mit meiner „Bildungslücke“ in diesem Bereich, mit diesem dunklen, dunklen Geheimnis, wollte ich nun nicht mehr länger leben, daher habe ich mit dem neunten Band den Einstieg in die Reihe gewagt.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Der Einstieg ist mir sehr leicht gefallen. Bereits das erste Kapitel endet herrlich unheimlich und verursacht Gänsehaut. Danach begegnen wir Hunter, der vor einer Gruppe Studierender einen Vortrag über sein Berufsfeld hält, aber durch einen wichtigen Anruf unterbrochen wird und sich sofort zum Tatort aufmachen muss. Die ersten Seiten haben mich so neugierig gemacht, dass ich unbedingt weiterlesen wollte. Obwohl dieser Band meinen Reiheneinstieg darstellte, hatte ich keinerlei Verständnisschwierigkeiten. Es gibt zwar manchmal Anspielungen auf frühere Bände, jedoch hatte ich nie das Gefühl, dass mir wichtiges Vorwissen fehlt. Wer also auch überlegt, ob er in der Mitte der Reihe einsteigen kann, kann sich ganz beruhigt an seinen ersten Carter wagen.

Linda ist gerade dabei die Face-Swap-App an ihrem Kater auszuprobieren:
„Gleich darauf erschien ein erster roter Kreis um ihr Gesicht. Der zweite folgte wenig später – und als sie ihn sah, war ihre Brust auf einmal wie zugeschnürt, als hätte jemand einen Druckverband um ihr Herz festgezogen.
Die App hatte nicht Mr Boingos Gesicht markiert, sondern etwas im dunklen Türrahmen hinter ihr.“ Seite 9

Schreibstil (+/-)

Dem Schreibstil stehe ich zwiegespalten gegenüber. Chris Carter schreibt zwar sehr routiniert, flüssig, anschaulich und angenehm lesbar, jedoch kratzt er mir viel zu oft nur an der Oberfläche. Hier hätte ich mir detailliertere Schilderungen der Gefühle und Gedanken der Figuren gewünscht und generell mehr Tiefe. Mir ist auch nach den ersten Seiten aufgefallen, dass das Buch sehr dialoglastig ist, was zwar einerseits dazu führt, dass man es sehr schnell lesen kann, andererseits geht das leider auch zulasten der Tiefe. Gerätselt habe ich, warum man das halb übersetzte Wort „Promkönigin“ gewählt hat und nicht einfach das deutsche „Ballkönigin“. Hier sollte bedacht werden, dass viele Menschen nicht gut Englisch sprechen und dass solche Ausdrücke dann zu Frustration führen könnten.

„Seine Augenlider zuckten nicht einmal. Sie senkten sich nur wie schwere Jalousien, die am Ende eines sehr, sehr langen Tages heruntergelassen wurden.“ Seite 296

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Der Autor hat sich für dieses Buch einen interessanten Plot mit vielen Wendungen ausgedacht, der eine klassische Thrillerstruktur aufweist und zwar nicht mit Innovationen begeistert, mich aber insgesamt dennoch gut unterhalten konnte. So besonders und ungewöhnlich wie der Fall dargestellt wurde, fand ich (als erfahrene Thrillerleserin) ihn allerdings nicht. Sehr gut gefallen hat mir jedoch, dass vom Autor immer wieder interessante Fakten und Einblicke in die Ermittlungsarbeit eingewebt wurden. Der Showdown kurz vor dem Ende war sehr spannend und beinhaltete einige unerwartete Momente, bei denen ich gar nicht wusste, wie mir geschieht. Manche Aspekte am Ende waren erstaunlich unaufgeregt abgehandelt (hier hätte ich mir mehr erwartet), und natürlich ist der Schluss so geschrieben, dass die Neugier auf den Folgeband geweckt wird.

Besonders neugierig war ich, wie blutig Chri Carter tatsächlich schreibt, da ich von allen Seiten vorgewarnt wurde. Da ich gerne Horrorfilme ansehe, kann mich zwar nichts so schnell erschüttern, aber ich war natürlich trotzdem gespannt. Das Ergebnis: Ja, es gibt blutige, grausig geschilderte Stellen (der erste Schauplatz ist mit Sicherheit die größte Bewährungsprobe für sensible LeserInnen und empfindliche Mägen), aber diese halten sich doch weitgehend in Grenzen. Ich fand beispielsweise Karin Slaughters Schilderungen weitaus schockierender.

Leider fehlte mir auch bei der Behandlung der (wenigen) Themen wieder Tiefe. Viele Aspekte, die man sehr gut noch ausbauen hätte können, werden leider nur ganz kurz angeschnitten und dann nicht weiter ausgeführt. Ein guter Thriller muss aber meiner Meinung nach beides vereinen können: Spannung und Tiefe. Daher lässt mich dieser Aspekt ernüchtert zurück.

Dialoge (-)

Enttäuschend fand ich oft die Dialoge. Hier gab es mir zu viele Wiederholungen und zu viele sinnlose Fragen wie „Wie meinen Sie das?“, die das Buch künstlich strecken und den Spannungsaufbau hemmen. Auch die ständigen Sticheleien zwischen den Ermittelnden haben mich zunehmend genervt. Absolut unglaubwürdig fand ich die langsamen Schlussfolgerungen und Ermittlungserfolge der Polizisten und FBI-Agenten. Sehr oft verstand ich als Leserin schon lange vorher Zusammenhänge, die dann pathetisch und mit vielen Cliffhangern offenbart wurden. Daher klappt es natürlich oft auch nicht mit dem Überraschungseffekt und dem AHA-Moment. Ich verstehe zwar, dass man niemanden überfordern, sondern sicherstellen will, dass die LeserInnen folgen können, aber die Darstellung der Ermittelnden hat für mich einfach viel ruiniert. Auf mich wirkten sie sehr inkompetent und unglaubwürdig – und wenn das wirklich schon das Beste ist, was Polizei und sogar FBI zu bieten haben, dann gute Nacht!

Protagonist & Figuren (-)

Auch der Protagonist und die meisten anderen Figuren (Timothy ist hierbei beispielsweise eine Ausnahme) konnten mich nicht vollkommen überzeugen. Hunter fand ich zwar nett, und ich mochte seine ruhige, besonnene Art und seine schlauen Schlussfolgerungen, aber ich konnte absolut keine Bindung zu ihm und zu den meisten anderen Personen aufbauen, obwohl ich mich sehr bemüht habe. Dazu fehlte mir einfach Tiefe in Bezug auf die Gefühls- und Gedankenwelt. Die Figuren erschienen mir blass, eindimensional und austauschbar. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die Geschichte aus so vielen verschiedenen Perspektiven erzählt wurde (was mich aber eigentlich überhaupt nicht gestört hat, weil es sehr gut gemacht war) oder daran, dass der Großteil der Charakterarbeit (die Hauptfigur betreffend) schon in den vorherigen Bänden steckt.

Manche Figuren waren mir leider auch unsympathisch, zum Beispiel fand ich die Zankereien zwischen der bissigen Agent Fisher und dem kindischen und provokanten Partner Garcia einfach nur nervig. Auch gab es kaum Charakterentwicklung, was mich ebenfalls enttäuscht hat. Wer von der Charakterzeichnung in diesem Buch ebenfalls nicht begeistert war und Lust auf einen Thriller hat, der atemlose Spannung mit großen Emotionen und liebevollster Figurenzeichnung kombiniert, dem kann ich nur die Thrillerreihe von Daniel Cole empfehlen, besonders „Hangman“.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Auch in diesem Bereich gab es Aspekte, die mich überzeugen konnten und Dinge, die mich enttäuscht zurückgelassen haben. Zuerst zum Positiven: Ich fand das Buch niemals langweilig, meine Neugier war eigentlich konstant hoch, ich wollte immer und durchgehend wissen wie es weitergeht. Ein Pageturner war es trotzdem nicht, weil die Spannung, (vermutlich auch durch die langwierigen Dialoge) immer wieder einbricht. Es gibt zwar schon einige absolut unerwartete Wendungen, die mich wirklich unvorbereitet trafen, und gekonnt platzierte Cliffhanger, jedoch hat der Autor es meiner Meinung nach bei Letzteren teilweise übertrieben. Beinahe jedes Kapitel endet mit solch einem Cliffhanger, manchmal wirken sie gewollt, fast parodistisch (als würde der Autor das Genre satirisieren) und erinnerten an Clickbait im Internet. Hier wäre also weniger meiner Meinung nach manchmal doch mehr gewesen.

„Die Fotos von Kristine Rivers hatten Hunter, Garcia und Captain Blake vielleicht überrascht – die Bilder des zweiten Opfers jedoch versetzten ihnen regelrecht einen Schock.“ Seite 145

„‘Was ist denn das?‘
Trotzdem schnitt er weiter, bis er den Brustkorb des Toten komplett geöffnet hatte.
Er traute seinen Augen nicht.
‚Das ist doch … unmöglich.‘“ Seite 254

Geschlechterrollen (♥)

Auch wenn im Verhältnis der Geschlechter etwas mehr Männer im Buch vorkommen als Frauen, finde ich den Umgang des Autors mit modernen Frauenrollen (bis auf einen kleine Szene in einem Restaurant, in dem bei der Toilettenbeschilderung angedeutet wird, dass Frauen starke Getränke nicht vertragen würden) wunderbar. Es gibt im Buch ein selbstbewusstes, erfolgreiches Model, eine starke, mutige FBI-Agentin, die sich nichts gefallen lässt (gut, hier hat der Autor ein bisschen übertrieben) und zahlreiche Frauen in hohen Führungspositionen. Sie sind Leiterinnen verschiedener polizeilicher oder rechtsmedizinischer Abteilungen, Hochschuldozentinnen, intelligent, kompetent und stark. Dafür ein großes Lob!

Mein Fazit

Insgesamt habe ich mir vom berühmten, gefeierten Chris Carter doch etwas mehr versprochen. „Blutrausch – Er muss töten“ konnte mich zwar insgesamt gut unterhalten, aber leider nicht ganz überzeugen. Das lag vor allem an der Oberflächlichkeit und der mangelnden Tiefe bei der Behandlung der Themen, bei den Figuren, beim Protagonisten und beim Schreibstil. Ein detaillierterer Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der manchmal leider auch unsympathischen Charaktere hätte es mir sicher leichter gemacht, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen. Leider waren auch die langwierigen Dialoge (voller Sticheleien und banalem Geplänkel) oft anstrengend zu lesen. Die Leistungen der angeblich besten Ermittler der Polizei und des FBI fand ich dürftig, enttäuschend und unglaubwürdig, die Personen wirkten auf mich teilweise sehr inkompetent (wenn man als Laie schneller Schlussfolgerungen treffen kann, ist das besorgniserregend!). Obwohl ich den Hype also nicht nachvollziehen kann, fand ich meinen ersten Carter insgesamt durchaus interessant und unterhaltsam und habe auch viele gute Ansätze gesehen. Deshalb werde ich dem Autor mit Sicherheit noch eine Chance geben und nun am besten mit dem ersten Teil beginnen.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3 Sterne
Worldbuilding: 2,5 Sterne
Ausführung: 3 Sterne
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
Dialoge: 2,5 Sterne
Protagonist: 2,5 Sterne
(Neben)Figuren: 2 Sterne
Atmosphäre: 3 Sterne
Spannung: 3 Sterne
Ende: 3 Sterne
Emotionale Involviertheit: 2 Sterne
Geschlechterrollen: ♥

Insgesamt:

❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3 knappe, ernüchterte Lilien!

Veröffentlicht am 13.08.2018

Spannungsarmer, verstörender Endzeitroman, der mich insgesamt leider enttäuscht hat

Anna
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Spoilerfreie Rezension

Inhalt

In der Welt der 13-jährigen Anna und ihres Bruders Astor gibt es keine Erwachsenen. Eine aggressive Seuche hat vor vier Jahren alle Menschen ab der Pubertät ausgelöscht ...

Spoilerfreie Rezension

Inhalt

In der Welt der 13-jährigen Anna und ihres Bruders Astor gibt es keine Erwachsenen. Eine aggressive Seuche hat vor vier Jahren alle Menschen ab der Pubertät ausgelöscht – und sie wütet noch immer. Auf Sizilien herrscht Anarchie, die Kinder sind auf sich gestellt, Krankheit und Tod stehen an der Tagesordnung. Die Heldin tut alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Bruder zu beschützen und auf die Zukunft vorzubereiten, denn Anna weiß, dass auch ihre Zeit bald gekommen ist. Oder stimmen etwa die Gerüchte, dass es irgendwo noch „Große“ gibt, die ein Heilmittel gefunden haben?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Eisele
Seitenzahl: 336
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: hauptsächlich aus weiblicher Perspektive, selten auch aus männlicher
Kapitellänge: mittel
Tiere im Buch: -! Dieses Buch ist für empathische Menschen und Tierliebhaber nur sehr schwer zu ertragen – mehr dazu im Abschnitt „Inhalt“.

Warum dieses Buch?

Für dystopische Geschichten bin ich immer zu haben, denn die Themen, die in Endzeitwerken typischerweise besprochen werden, finde ich sehr interessant. Zudem hat mich das enthusiastische Lob verlockt, das das Buch, welches in Italien monatelang auf der Bestsellerliste stand und von der Financial Times zu einem der besten Bücher des Jahres gewählt wurde, bereits erhalten hatte.

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

Den Prolog fand ich sehr atmosphärisch beschrieben, er hat mich sofort neugierig gemacht. Die ersten Seiten des ersten Kapitels jedoch fand ich dann jedoch zäh, auch wegen der Gewalt gegen Tiere. Die Geschichte kommt nur sehr langsam in Schwung und ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war.

„Sie kämpften, doch irgendwann kapierten ausnahmslos alle, dass es vorbei war, als hätte der Tod persönlich es ihnen ins Ohr geflüstert.“ E-Book, Position 759

Schreibstil (+/-)

Das lag zu einem großen Teil wohl auch am Schreibstil. Niccolò Ammaniti präsentiert den LeserInnen oft lange Rückblenden, erzählt die Vergangenheit seiner Figuren oft in einem detaillierten „ab ovo“-Stil. Man erfährt Dinge, die weit in der Vergangenheit liegen, wie das Kennenlernen der Eltern und die Herkunftsgeschichte des Hundes. Immer wieder haben mich diese Rückblenden aus dem Lesefluss gerissen, in den ich ohnehin das ganze Buch über nur schwer hineinfand. Das lag mit Sicherheit auch daran, dass das Buch nur sehr wenige Dialoge enthält und sich meist auf lange Alltags- und Umgebungsbeschreibungen und Annas einsame Wanderungen zur Essenbeschaffung konzentriert.

Dem Schreibstil an sich stehe ich sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits ist er in seinen glänzenden Momenten anschaulich, angenehm, flüssig, emotional und sogar poetisch zu lesen, andererseits zeichnet er sich auch immer wieder durch wenig Tempo und Emotion und eine irgendwie schwer zu beschreibende Sperrigkeit/Holprigkeit aus, die es mir schwer gemacht hat, mitzufiebern und schnell voranzukommen. Obwohl keine schwierigen Worte verwendet wurden und die Sprache an sich nicht wirklich anspruchsvoll ist (einmal davon abgesehen, dass meiner Meinung mehr italienische Begriffe übersetzt oder erklärt werden hätten müssen, da man damit als Nichtsprecherin der Sprache nur wenig anfangen kann und Google bemühen muss), musste ich häufig ganze Absätze erneut lesen, weil ich immer wieder gedanklich ausgestiegen bin und mich nicht konzentrieren konnte.

„So viel Zeit war vergangen, doch wenn Anna daran dachte, war ihre Sehnsucht so stark, dass es ihr vorkam, als fiele sie in ein Loch und käme nicht wieder hinaus.“ E-Book, Position 605

„Anna konnte die Gedanken schier sehen, die dem Pechvogel mit dem Mantel durch den Kopf gingen. Schnurgerade einer nach dem anderen, wie die Waggons eines langsamen, ratternden Zugs.“ E-Book, Position 1606

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Dem Guardian kann ich leider nicht zustimmen, wenn er über dieses Buch schreibt: „Ammaniti setzt neue Maßstäbe in post-apokalyptischer Literatur.“ Im Gegenteil, ich hatte eher das Gefühl, dass es sich hier um eine Geschichte handelt, die wie ein Puzzle aus vielen (mir schon) bekannten Endzeitaspekten zusammengesetzt wurde. Innovativ fand ich den Plot also nicht, da typische Themen wie Essensbeschaffung, Einsamkeit, Überleben und moralische Aspekte im Mittelpunkt stehen. Jedoch bringt der Autor durchaus auch einige eigene, interessante Ideen ein, beschreibt eindrucksvoll den moralischen Verfall in einer Welt ohne Erwachsene und Regeln, in der der Stärkere siegt. Dennoch gibt es auch Hoffnungsschimmer am Horizont, wie etwa Momente der Lebensfreude, das Aufblitzen von Hoffnung, wenn etwas Schwieriges geschafft wurde, und Szenen voller Empathie, Liebe und Freundschaft. Das Ende fand ich, wenn auch etwas traurig (obwohl ich es schon erwartet hatte), sehr gelungen. Trotz der jungen Protagonistin handelt es sich hier für mich übrigens eindeutig um kein Jugendbuch.

In seinen Schilderungen beschönigt der Autor nichts, egal ob es um die Beschreibungen der Zustände in den Häusern oder der Leichen geht. In diesem in drei Teile geteilten Buch wird wie im echten Leben ohne pompöse Heldenmomente still und leise gestorben, und Ammaniti hält wie ein grausamer Kameramann immer ganz genau drauf, wenn es richtig hässlich wird. Aus diesem Grund ist das Buch eine schwer zu verdauende Lektüre. Mancher Moment brennt sich ins Gedächtnis und liegt einem noch Stunden oder Tage schwer im Magen, weil man immer noch damit hadert. Für diese Leistung ist der Autor ohne Frage zu loben, denn das schafft nicht jede/r. Besonders schwer zu ertragen fand ich die ausufernde Gewalt gegen Tiere, die Tierquälereien und das Töten. Oft handelt es sich um Verteidigungskämpfe gegen wilde Tiere oder es wird für Nahrung getötet. Dennoch waren diese Beschreibungen für mich unerträglich. Besonders wütend gemacht hat mich der leicht humorvolle Ton bei der Beschreibung davon, wie ein Kampfhund auf grausame Weise „ausgebildet“ wird. Dieses Thema ist meiner Meinung nach überhaupt nicht witzig, und am liebsten hätte ich alleine aufgrund des Tier(schutz)aspektes das Buch mehrmals abgebrochen. Der Autor hat es meiner Meinung nach einfach übertrieben mit seiner Darstellung vom tierischen Leid.

„Ihr Leben war dasselbe wie das einer Kakerlake, die nicht anders kann, als sich auf zwei Beinen weiterzuschleppen, wenn jemand auf sie tritt. Dasselbe, das eine Schlange dazu veranlasst, unter den Schlägen einer Hacke davonzukriechen, ihre Eingeweide hinter sich herziehend. […] Wir müssen weitermachen, ohne zurückzublicken, weil wir die Energie, die uns durchdringt, nicht beherrschen können, und selbst verzweifelt, verstümmelt und blind ernähren wir uns weiter, schlafen und schwimmen gegen den Strudel an, der uns nach unten zieht.“ E-Book, Position 1935

Figuren (+/-)

Vielleicht lag es auch am stellenweise nüchternen Schreibstil, der mir stellenweise zu wenig vom Gefühlsleben und der Gedankenwelt der Figuren preisgibt, aber es gelang mir über weite Teile des Buches nicht, wirklich eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Sie blieben weit von mir entfernt, die Distanz zu ihnen konnte erst im letzten Fünftel ein wenig überbrückt werden. Prinzipiell mochte ich Anna aber, die sich stets bemüht, ihren Bruder zu beschützen, und die gleichzeitig mit typisch pubertären Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen zu kämpfen hat. Mir hat gefallen, dass die Heldin des Buches, Anna, eine Figur mit Fehlern, Ecken und Kanten ist.

Wenn man so wenige Gefühle für die Figuren entwickelt, dass sie einem eigentlich egal sind, ist es natürlich schwer, ihrer Geschichte voller Interesse zu folgen und mitzufiebern. Obwohl es durchaus gute Ansätze und starke Momente gibt und obwohl der Autor sich bemüht, seinen Figuren eigene Persönlichkeiten zu geben, so hat die Figurenzeichnung bei mir nicht so funktioniert, wie sich das Niccolò Ammaniti wahrscheinlich gewünscht hätte. Meine Lieblingsfigur – und die einzige, für die ich wirklich durchgehend gehofft und gebangt habe – war interessanterweise Coccolone (wer das genau ist, möchte ich hier nicht verraten, um nicht zu spoilern). Bin ich da eigentlich die Einzige, oder ist es noch jemandem so ergangen?

„Sie war mit ihrem Bruder aufgewachsen, wie ein Baum um einen Stacheldraht wächst, die beiden waren miteinander verschmolzen und eins.“ E-Book, Position 2248

Spannung & Atmosphäre (-)

Es gab durchaus atmosphärische Momente, in denen Endzeitstimmung und eine sehr unheilvolle Stimmung aufkamen, jedoch zeichnete sich das Buch für mich hauptsächlich durch seinen ausgeprägten Spannungsmangel aus. Ich habe mich wirklich über weite Teile durch die Seiten gequält und überlegt, ob ich das Buch abbrechen soll. Bis etwa zum letzten Fünftel kam ich wirklich nur sehr langsam und zäh voran. Der dünne Plot ist mit Sicherheit auch daran schuld. Manchmal schien es mir eher, als wolle der Autor den Alltag von Anna und Astor beschreiben, anstatt eine richtige Geschichte mit Handlung, Anfang und Ende zu erzählen. Dennoch gibt es zwischendurch auch unerwartete Wendungen und sehr spannende, geradezu nervenzerreißende Momente, in denen man ängstlich weiterliest – vor allem weil man schnell merkt, dass der Autor keinerlei Hemmungen hat, auch liebevoll erschaffene Figuren gnadenlos zu töten. Im Nachhinein bereue ich es jedoch auch nicht, durchgehalten zu haben (es ist eines dieser Bücher, die einem im Nachhinein besser gefallen als während des Lesens).

Geschlechterrollen (+/-)

Anna ist eine sehr selbstbewusste junge Frau, die sich nichts gefallen lässt. Sie kämpft wie eine Löwin für Astors und ihr Leben, ist mutig und stark. Manche Szenen fand ich etwas unglaubwürdig und seltsam, besonders in Bezug darauf, dass die Geschichte von einem Mann geschrieben wurde. Da dachte ich mir dann: Das würde doch im echten Leben nicht passieren. Traurig fand ich auch den sexuellen Übergriff, auch wenn ich denke, dass dies in einer derart gefährlichen Welt durchaus passieren kann. Gestört hat mich, dass Anna, als eine andere Person zur Gruppe stößt, sofort das Saubermachen und Kochen übernimmt, vermutlich einfach, weil sie eine Frau ist. Hier hätte ich mir ein stärkeres Hinterfragen von stereotypen Rollenmustern gewünscht, vor allem, da diese in Annas Welt so ja eigentlich nicht mehr existieren. Auch in einzelnen Rückblenden sind Geschlechterstereotypen vorhanden, eine Verwendung des Wortes Schla*** gibt es auch. Insgesamt sind diese Dinge aber großteils zu verschmerzen, weil der Autor eine so starke weibliche Figur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt hat.

Mein Fazit

„Anna“ ist ein schwer zu verdauender Endzeitroman, von dem ich mir aufgrund des Lobes viel erwartet habe, der mich aber leider insgesamt enttäuscht hat. Die Geschichte behandelt die üblichen Themen wie Essenbeschaffung, Moral und Überleben und bietet nur wenig Neues. Auch wenn „Anna“ durchaus seine poetischen, emotionalen, tristen, nervenzerreißenden und spannenden Momente hat, wurde ich sowohl mit dem sperrigen Schreibstil, der nichts beschönigt und uns Annas Welt in ihrer ganzen Grausamkeit zeigt, als auch mit den Figuren leider nur schwer oder gar nicht warm. Sehr gestört haben mich zudem die ausufernde Gewalt gegen Tiere und der Mangel an Spannung, was beides dazu führte, dass ich mehrmals überlegt habe, das Buch abzubrechen. Im Nachhinein bereue ich jedoch nicht, durchgehalten zu haben, auch wenn mir so manche Szene noch länger schwer im Magen liegen wird. Dafür gibt es an dieser Stelle noch ein Lob, denn das schafft bei mir (einer schon relativ abgehärteten Walking-Dead-Liebhaberin) nicht jede/r Autor/in.

Ob ich noch etwas vom Autor lesen werde, ist noch nicht entschieden.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3 Sterne
Worldbuilding: 3,5 Sterne
Ausführung: 3 Sterne
Einstieg: 2 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
Protagonistin: 4 Sterne
Figuren: 3 Sterne
Atmosphäre: 3 Sterne
Spannung: 2 Sterne
Ende: 5 Sterne
Emotionale Involviertheit: 2,5 Sterne
Geschlechterrollen: +/-

Insgesamt:

❀❀❀

Dieses Buch bekommt von mir 3 insgesamt leider enttäuschte Lilien!

Veröffentlicht am 07.07.2018

Ernüchterung - Buch mit Stärken und Schwächen, Hype nicht nachvollziehbar

Children of Blood and Bone
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Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Orïsha blühte früher vor Leben und Magie. Doch irgendwann wurde dieses Geschenk der Götter von einigen gierigen Magiern missbraucht. König Saran setzte ...

Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Orïsha blühte früher vor Leben und Magie. Doch irgendwann wurde dieses Geschenk der Götter von einigen gierigen Magiern missbraucht. König Saran setzte daraufhin alles daran, auch die letzten Maji zu vernichten. Doch durch einen Zufall fällt Zélie eine magische Rolle in die Hände, und auf einmal scheint es möglich, dass sie gemeinsam mit ihrem Bruder und der aus dem Königshaus fortgelaufenen Prinzessin die Magie zurückbringen kann. Doch wird Zélie es rechtzeitig schaffen? Mächtige Feinde sind der kleinen Reisegruppe jedenfalls dicht auf den Fersen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #1 der „Children of Blood and Bone“-Reihe, der Folgeband soll 2019 erscheinen
Verlag: FISCHER FJB
Seitenzahl: 624
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens & Präteritum
Perspektive: abwechselnd aus weiblicher und männlicher Perspektive (Inan, Amari, Zélie) Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: -/+ Fische werden gefangen und gegessen, Großkatzen, die als Reittiere genutzt werden, sterben einen grausamen Tod im Krieg und in Schlachten. Gleichzeitig aber auch sehr liebevoller Umgang der Figuren mit ihrem Reittier Nailah, das auch immer wieder gerettet und nie zurückgelassen wird.

Warum dieses Buch?

Das Buch der noch sehr jungen nigerianisch-amerikanischen Autorin Tomi Adeyemi umrankt bereits jetzt ein riesiger Hype in den USA, neuartig und bereichernd sollte es sein – mit einer wichtigen Message. Die Geschichte wird bereits verfilmt. Für mich eine unwiderstehliche Ausgangslage, die natürlich mehr als neugierig machte!

Meine Meinung

Einstieg (+)

Der Einstieg gelingt einfach und angenehm, was zum Teil auch am Schreibstil liegt. Am Anfang war ich vom Weltenentwurf sehr begeistert, auch die Figuren mochte ich auf Anhieb. Die Vorfreude stieg.

„‘In jener schicksalhaften Nacht kannte König Saran kein Erbarmen‘, fährt Mama Agba fort. ‚Er nutzte die Hilflosigkeit der Maji und schlug zu.‘“ E-Book, Position 284

Inhalt, Themen & Botschaften (+/-)

Die frische Grundidee und die erfundene magische Welt der Autorin sind sehr vielversprechend. Zudem fand ich die afrikanischen Einflüsse und die Mythologie sehr interessant und habe gerne über die verschiedenen Traditionen, über die Sprache und über die einzelnen Gottheiten und Gaben gelesen. Über das eine oder andere Klischee, über teilweise fehlende Tiefe, über Szenen oder Handlungsmotive, die man so schon hundertmal in anderen Werken gelesen hat, sollte man allerdings hinwegsehen können, wenn man mit dieser Geschichte ein paar schöne Stunden erleben möchte.

Die Message, die der Geschichte zugrunde liegt, konnte mich dafür absolut überzeugen. Es gibt Parallelen zur heutigen Realität (leider!), aber auch zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheit. Die Wut, die beim Lesen spürbar wird, wird hinten im Buch durch Anmerkungen der Autorin erklärt. Mit allem, was sie sagt, hat sie ohne Zweifel recht, und der Abschluss des Buches, ihr Appell an die Menschheit, Ungerechtigkeiten nicht einfach hinzunehmen und wegzuschauen, löst (im Gegensatz zu den knapp 600 Seiten davor) Gänsehaut aus:

„[…] doch dieses Buch soll eine Aufforderung sein, Unrecht nicht einfach hinzunehmen. […] Wir alle sind Kinder von Blut und Bein.
Und genau wie Zélie und Amari haben wir die Macht, etwas gegen das Böse in unserer Welt zu tun.
Viel zu lange sind wir in die Knie gezwungen worden.
Erheben wir uns.“ E-Book, Anmerkung der Autorin, Position 7400

Etwas problematisch zu sehen ist die Brutalität des Buches, die empfindsame Jugendliche ab 14 Jahren überfordern könnte. Hier werden Menschen verbrannt, gefoltert, eiskalt ermordet. Auch wenn die Geschichte fiktional ist, könnte man davon ableiten, dass eine gesellschaftliche Veränderung nur mit Gewalt möglich ist. Als schwierig betrachte ich auch die Tatsache, dass schlimmste (selbst ausgeübte) Gewalt viel zu schnell verziehen wird und auch die Folgen nicht ausreichend thematisiert werden. Andererseits befinden sich die Maji (mit Magie beschenkte Menschen) im offenen Krieg, für sie geht es um Leben und Tod. Die Brutalität und die vielen Kollateralschäden sind so zumeist (nicht immer) in gewisser Weise verständlich.

Schreibstil (+/-)

Der Schreibstil ist prinzipiell gut gelungen. Er ist sehr einfach und flüssig zu lesen, ist anschaulich, enthält treffende, schöne Vergleiche und schafft es wundervoll, dass die Emotionen der Figuren bei den LeserInnen auch ankommen. Für die vielen unbekannten Wörter hätte ich mir jedoch ein Glossar gewünscht, da ich mehrmals Worte in einer Suchmaschine nachgeschlagen habe, weil einige nicht ausreichend erklärt wurden. Positiv aufgefallen ist mir, dass bei den Reittieren standartmäßig das generische Femininum verwendet wurde. Vor allem Letzteres ist durchaus als revolutionär zu betrachten.

Jedoch hat die eigentlich angenehme Sprache auch ihre Schwächen. Zum einen wirkt der temporeiche Schreibstil, der beinahe nur aus Hauptsätzen und Hauptsatzreihen besteht, immer wieder unruhig und abgehackt. Auch hat man das Gefühl, dass man dem jugendlichen Zielpublikum eigentlich viel mehr zutrauen könnte. Und zuletzt war ich sehr genervt über die ständigen Ausrufe „Ihr Götter!“ und „Ihr Himmel!“. Leider wurden diese Ausrufe derart überstrapaziert, dass ich nicht verstehe, warum die Wiederholungen nicht vom Ursprungsverlag ausgemerzt wurden. Ich war jedenfalls davon sehr genervt.

ProtagonistInnen, Figuren & Beziehungen (+/-)

Auch hier gab es bei mir gemischte Gefühle: Prinzipiell sind die Figuren gut gelungen, erhalten ihre Stärken und Schwächen und haben alle ihr kleines Päckchen an Sorgen und finsterer Vergangenheit zu tragen. Jedoch konnte ich die Handlungen der Figuren nicht immer nachvollziehen, manchmal fehlte sowohl hier als im Grundgerüst der Geschichte die Logik. Beispiel: Ständig wird die Zeit, in der die HeldInnen einen wichtigen Ort erreichen können, praktischerweise nach hinten verschoben. Ständig heißt es dann: Wenn wir JETZT losgehen, können wir noch rechtzeitig dort sein. Und warum nimmt man sich die Zeit, noch gemütlich einem Fest beizuwohnen, wenn einem gefährliche Feinde auf den Fersen sind, wenn es um jede Minute geht und wenn von einem die Rettung des ganzen Volkes abhängt? Tja, ich weiß es auch nicht! Fragt am besten Zélie und ihre Gefährten.

Zudem sind die Figuren nicht immer sympathisch. Zélie kann bisweilen sehr impulsiv (dabei dumm) und gemein sein, bringt durch ihr Verhalten einmal sogar ein ganzes Dorf in größte Gefahr (Stichwort: unlogischen Verhalten), verzeiht einem attraktiven Jüngling ziemlich schnell, dass er unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat. Über Inan möchte ich am liebsten gar nicht reden. Er war schwer greifbar und austauschbar, seine ständigen Meinungsänderungen haben mich fast in den Wahnsinn getrieben. Diese Antipathie, die sich zwar bei Zélie immer mehr legte, war vermutlich auch der Grund dafür, dass ich nicht so mitfühlen und mitfiebern konnte, wie ich wollte. An manchen Stellen war mir egal, was mit den Figuren passierte, ich hätte leider nicht mit der Wimper gezuckt, wenn sie gestorben wären.

Interessanterweise konnten mich die Nebenfiguren oft viel mehr begeistern. Sie erschienen mir dreidimensionaler und weniger formelhaft. Wundervoll fand ich beispielsweise den mysteriösen Roën – hier hätte ich sehr gerne noch viel mehr erfahren.

Love is in the Air (-)

Die Entwicklung der zentralen Liebesgeschichte (die zweite Lovestory fand ich glaubwürdiger) ging mir trotz einiger durchaus gelungener (aber auch klischeehafter) Szenen viel zu schnell und sendet fragwürdige Botschaften an die junge Leserschaft. Richtiges Kribbeln habe ich nicht gespürt, auch wenn sich die Autorin ohne Frage viel Mühe gegeben hat. Aber die ganzen Toten, die der Love Interest auf seine Schultern geladen hatte, konnte ich (im Gegensatz zu manchen anderen Leuten) dann doch nicht ganz vergessen.

Spannung & Atmosphäre (-)

Hier bin ich zwiegespalten, auch wenn die negativen Aspekte für mich überwogen haben. Einerseits gibt es durchaus sehr spannende Stellen, tolle, actionreiche Kämpfe und manche unerwartete Wendung, andererseits ist vieles eben auch sehr vorhersehbar, viele Wendungen können daher (trotz gut gesetzter Cliffhanger) nicht überraschen. Das letzte Viertel des Buches war wieder spannend, hier konnte ich das Buch dann auch schwerer aus der Hand legen, aber vor allem im Mittelteil zog sich die Geschichte für mich sehr. Ich bin nur sehr langsam und weitergekommen, hätte stellenweise am liebsten abgebrochen. Weniger Seiten, weniger kleine Höhepunkte (die Autorin hat sich sehr viel für ihre Geschichte vorgenommen) und mehr große, die ordentlich aufgebaut werden, hätten dem Buch ohne Frage gutgetan.

Geschlechterrollen (♥)

Hier kann die Geschichte ohne Frage punkten. Die Autorin benutzt das generische Femininum –die männlichen Tiere sind großzügigerweise mitgemeint. Zudem sind die Frauenfiguren sehr rebellisch, kriegerisch und stark. Sie lassen sich absolut nichts gefallen, wehren sich, sind frech und wild und mutig. So muss das in einem Jugendbuch sein (Vorbildwirkung!). Und: Die Männer, die oft doch noch recht klassisch dargestellt werden (Krieger, Sportler, hart, versuchen, die Mädchen zu beschützen), dürfen immerhin weinen. Dafür gibt es einen dicken Pluspunkt!

„Mut kann im Verborgenen wachsen, sagte sie damals. Tapferkeit in der Dunkelheit erblühen.“ E-Book, Position 342

Mein Fazit

„Children of Blood and Bone“ ist ein Debüt mit vielen guten Ansätzen und viel Potential, das jedoch leider nicht so genutzt werden konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Der Schreibstil ist einfach, aber auch abgehackt, die diversen Figuren sind prinzipiell gut ausgearbeitet, aber auch klischeehaft, teilweise unsympathisch und handeln stellenweise sehr unlogisch. Die Liebesgeschichte besitzt zwar durchaus ihre schönen Momente, sendet aber durch die Vorgeschichte der Liebenden eine mehr als fragwürdige Botschaft an die jungen LeserInnen. Was die Spannung betrifft, war das letzte Viertel sehr gelungen, in der Mitte kam ich jedoch nur sehr langsam und zäh voran. Positiv fand ich die Message der Autorin, ihren Aufruf, endlich bei Ungerechtigkeiten nicht mehr tatenlos zuzusehen und das frische, magische, afrikanisch beeinflusste Worldbuilding. Auch mit den starken Frauenfiguren und der Verwendung des generischen Femininums (zumindest bei den Rittlingen) konnte das Buch bei mir punkten. Daher mein Urteil: „Children of Blood and Bone“ ist ein Buch mit Stärken und Schwächen, das aus einem wichtigen Antrieb heraus geschrieben wurde und eine wichtige Botschaft enthält. Den Hype kann ich aber leider nicht verstehen.

Ob ich den Folgeband lesen werde, ist noch nicht entschieden. Sehr gespannt bin ich allerdings auf die Verfilmung.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 4 Sterne
Worldbuilding: 4,5 Sterne
Ausführung: 3 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
ProtagonistInnen: 3 Sterne
Nebenfiguren: 4 Sterne
Atmosphäre: 3,5 Sterne
Spannung: 2,5 Sterne
Liebesgeschichten: 2-3 Sterne
Emotionale Involviertheit: 2-3 Sterne
Geschlechterrollen: ♥

Insgesamt:

❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3 ernüchterte Lilien!

Veröffentlicht am 08.02.2021

Gute Grundidee, Feminismus und starke Heldin, aber leider enttäuschende Umsetzung!

River of Violence
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Als kleines Kind hat Harley zum ersten Mal gesehen, wie ihr Vater, ein mächtiger Drogenbaron, einen Menschen tötet. Gewalt, Drogen Revierkämpfe – in Gefahr zu sein, ist für Zwanzigjährige Alltag. Mithilfe von harten Lektionen wird sie von ihrem Vater auf ihre Zukunft vorbereitet – denn eines Tages soll sie seine Nachfolgerin werden…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: +/- Es wird gejagt, ein Hirsch wird angeschossen und danach getötet, es gibt einen leichten Fall von Tierquälerei (die Hunde können aber gerettet werden), Fleisch wird gegessen.
Triggerwarnung: Gewalt, Tod von Tieren, Tod von Menschen, Folter, Gewalt gegen Frauen und Kinder, sexualisierte Gewalt (Vergewaltigung, Belästigung, Missbrauch von Kindern), Blut, Übergeben, Krankheit, Rape Culture, Rassismus, Sexismus, Sucht, Drogen, Alkohol;

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang spannend und nach einer starken, mutigen Protagonistin!

Meine Meinung

Einstieg (2 Lilien)

„Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt. […]
Auf irgendeine Art musste ich es ja erfahren. Was er war. Und was ich werden würde.“ “ E-Book, Position 22 & 61

Im ersten Kapitel sehen wir durch Harleys Augen, wie ihr Vater einen Menschen tötet – und das ist natürlich spannend. Ab da ging es leider bergab – bis ich dann wirklich im Buch angekommen war und in die Geschichte gefunden hatte, dauerte es bis weit über die Hälfte.

Schreibstil (2 Lilien)

Mit Tess Sharpes Schreibstil konnte ich mich leider bis zum Ende nicht anfreunden. Ich habe an sich nichts gegen eine einfache und schnörkellose Sprache, aber den Erzählstil fand ich irgendwie uninspiriert, langweilig und lieblos. Er hat es nicht geschafft, mich mitzureißen – und wenn ich den Schreibstil nicht mag, hat es ein Buch bei mir schwer.

Idee, Ausführung & Themen (2 Lilien)

„‘Er will mich doch bloß beschützen.‘
‚Es liegt nur an ihm, dass du überhaupt in Gefahr bist, Harley‘, gibt Jake leise zurück.“ E-Book, Position 2717

An „River of Violence“ bin ich eigentlich ohne große Erwartungen herangegangen. Trotzdem hat mich das Buch leider sehr enttäuscht. Das lag unter anderem auch seinem Aufbau. Das Buch besteht nämlich zur Hälfte aus Rückblenden. Nun bin ich generell kein riesengroßer Fan von Rückblenden, aber wenn sie gut gemacht sind, habe ich nichts dagegen. Das Problem bei „River of Violence“ ist allerdings, dass die Rückblenden nicht nur zu zahlreich sind, sondern dass die verschiedenen Episoden aus Harleys Leben nicht chronologisch erzählt werden; sie ist z. B. in einem Kapitel 16, im nächsten aber 5. Die Zeitstruktur ist dadurch verwirrend (man weiß irgendwann nicht mehr, was Harley wann schon erlebt hat und was erst in der Zukunft passiert) und es gelingt nicht, eine Verbindung zur jungen Harley aufzubauen. Zudem behandeln fast alle Rückblenden sehr ähnliche Situationen (Harley wird von irgendeinem Mann bedroht oder gerät in eine gefährliche Situation), wodurch es auch zu vielen Wiederholungen kommt, die bei mir wiederum zu Langeweile geführt haben.

Generell hat das Buch für seinen Seitenumfang wenig Handlung, was die Geschichte zäh macht. Man hätte es wahrscheinlich um die Hälfte kürzen können und es wäre trotzdem nichts Wichtiges verloren gegangen. Dass das Buch stellenweise sehr blutig und brutal ist, stört mich überhaupt nicht, denn wer den Klappentext gelesen hat, weiß, worauf er sich einstellen muss: auf ein knallhartes Leben im kriminellen Milieu. Leider waren mir viele Stellen einfach „too much“, oft wurde so dick aufgetragen, dass ich das Buch nicht mehr ernst nehmen konnte bzw. die Authentizität verloren ging. Hier wäre weniger mehr gewesen. Das wird auch beim Blick auf die lange Trigger-Liste deutlich.

Ich habe die Geschichte gemeinsam mit einer Blogger-Kollegin gelesen und eigentlich nur deshalb bis zum Schluss durchgehalten. Bis weit über die Hälfte habe ich mit der zähen und langweiligen Geschichte gekämpft und permanent überlegt, sie abzubrechen. Den Spannungsbogen habe ich meist vergeblich gesucht. Die Genre-Bezeichnung „Thriller“ ist hier meiner Meinung absolut falsch gewählt.

„River of Violence“ hat natürlich aber auch Stärken! Dass die Umsetzung nicht so gut gelungen ist, ist sehr schade, da die Grundidee sehr gut ist und viel Potential hatte. Auch die Themen des Buches (Erwachsenwerden, Emanzipation von der Familie, Mut, Freundschaft, Verantwortung, Liebe, schwere Entscheidungen, schwierige Beziehung zu den Eltern) und ihre teilweise sogar tiefgründige Umsetzung konnten mich überzeugen. Zudem enthält das Buch durchaus einzelne starke, gelungene Momente und steigert sich im Verlauf der Geschichte immer mehr. Das letzte Viertel mit seinen unerwarteten Wendungen und seiner endlich aufkeimenden Spannung war für mich der beste Teil des Buches – und auch das Ende hat mir gefallen.

Protagonistin & Figuren (4 Lilien & 3 Lilien)

„Vielleicht wäre ja Entsetzen, bei jeder Frau, bei jeder Prellung, jeder Platzwunde, die angemessene Reaktion.
Vielleicht ist ein unempfindliches Herz nicht die Lösung, sondern das Problem.“ E-Book, Position 501

Die Protagonistin Harley war mir vor allem in der ersten Hälfte ein Dorn im Auge. Ich empfand sie als unsympathisch und scheinheilig. Es hat lange gedauert, bis ich angefangen habe, sie zu verstehen, mit ihr mitzufühlen und mich mit ihr anzufreunden. Meine liebste Hauptfigur aller Zeiten ist sie zwar immer noch nicht, aber: Am Ende des Buches fand ich sie ziemlich cool und habe sie anfeuert und ihr für ihren Mut applaudiert.

Die anderen Figuren sind verschieden gut gelungen. Es gibt komplizierte, interessante Personen, die sich nicht wirklich in Gut und Böse einteilen lassen (wie Harleys Vater), aber auch Charaktere, die sehr blass und flach bleiben. Wer übrigens ein Buch mit sympathischen Leuten sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse. Außer Will, Brooke und Jake mochte ich eigentlich niemanden – und wenn plötzlich alle gestorben wären außer Harley und Jake (der ist echt mein Favorit!), ich hätte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, so egal war mir das Schicksal der meisten Figuren.

Spannung (1 Lilie) & Atmosphäre (3 Lilien)

Da ich mich stellenweise so durchs Buch gequält habe, kann ich leider nicht mehr als eine Lilie für die (fehlende) Spannung vergeben.

Die bedrohliche Atmosphäre im Buch fand ich stellenweise durchaus gelungen, auch wenn manche Orte und Szenen schon recht klischeehaft beschrieben wurden.

Feministischer Blickwinkel (4 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++, Fo+++, Hu++, Miststück, Bitch, Bordsteinschwalbe

„‘Die wichtigste Lektion war: Sogar ein Mann, der dich liebt und der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, etwas Starkes und Mächtiges aus dir zu machen, sogar dieser Mann wird dich höllisch unterschätzen, nur weil du eine Frau bist.‘“ E-Book, Position 22

Ich würde „River of Violence“ insgesamt als feministisches Buch bezeichnen und zwar vor allem wegen seiner starken, mutigen, intelligenten Protagonistin, die gegen häusliche Gewalt kämpft und sich in einer Welt aus toxischer Männlichkeit behaupten muss und das auch schafft. Harley ist eine Heldin, die nicht gerettet werden muss, sondern die sich selbst rettet! Der Thriller enthält viele „empowernde“ und feministische Sätze, kritisiert Sexismus, weibliche Unterdrückung und (sexualisierte) Gewalt, besteht den Bechdel-Test und zeigt, wie eine Frau zur knallharten Herrscherin über ein Drogenimperium erzogen wird. Mit „River of Violence hat Tess Sharpe also zumindest diesbezüglich sehr viel richtig gemacht – dafür gibt es von mir ein großes Lob und eine halbe Lilie extra.

Manches hat mich aber auch gestört: Das waren zum einen die unzähligen Szenen, in denen Frauen bedroht, verletzt, belästigt oder vergewaltigt wurden, die ausufernden frauenfeindlichen Beleidigungen (irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen) und die Tatsache, dass gefühlt 90% der Männer in diesem Buch ungepflegte, dumme Sexisten sind, die ständig Frauen schlagen und/oder vergewaltigen. Ein paar Szenen hätten hier doch gereicht, um das Problem zu verdeutlichen, hier hätte also nicht (gefühlt) alle zwei Seiten eine Frau beim Leiden gezeigt werden müssen.

Mein Fazit

„River of Violence“ konnte mich leider nicht überzeugen. Das lag am langweiligen, lieblosen Schreibstil, der kaum vorhandenen Spannung, den unsympathischen, teilweise blassen Figuren, der spärlichen Handlung, den vielen Rückblenden (mit sich wiederholendem Inhalt) und daran, dass in einigen Szenen zu dick aufgetragen wurde. Die Stärken des Buches – seine interessanten Themen, die teilweise sogar tiefgründige Umsetzung, die starke, mutige Protagonistin und der deutlich spürbare Feminismus – können die Schwächen nicht ausgleichen. „River of Violence“ konnte das Potential einer guten Grundidee leider nicht nutzen, was sehr schade ist. Eine Leseempfehlung kann ich hier nur aus feministischer Sicht aussprechen, da mich das Buch ansonsten leider insgesamt enttäuscht hat.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 2 Lilien
Umsetzung: 2,5 Lilien
Worldbuilding: 3 Lilien
Einstieg: 2 Lilien
Ende / Auflösung: 5 Lilien
Schreibstil: 2 Lilien
Protagonistin: 4 Lilien
Figuren: 3 Lilien
Spannung: 1 Lilie
Atmosphäre: 3 Lilien
Emotionale Involviertheit: 2 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 4 Lilien
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: niedrig

Insgesamt:

❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir zweieinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere