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Veröffentlicht am 16.05.2021

Beeindruckend kritisch

Der ehemalige Sohn
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Der sechzehnjährige Weißrusse Zisk steht mitten im Leben, als er bei einem tragischen Unfall so schwer verletzt wird, dass er ins Koma fällt. Niemand glaubt mehr daran, dass Zisk jemals wieder erwachen ...

Der sechzehnjährige Weißrusse Zisk steht mitten im Leben, als er bei einem tragischen Unfall so schwer verletzt wird, dass er ins Koma fällt. Niemand glaubt mehr daran, dass Zisk jemals wieder erwachen wird. Nicht seine Mutter, die Ärzte, seine Freunde oder seine Freundin. Nur seine Großmutter Elvira glaubt fest daran, dass er eines Tages wieder das Leben wird führen können, aus dem er gerade erst so brutal gerissen wurde. So umsorgt sie ihm und erzählt ihm davon, was sich in Weißrussland verändert - oder auch nicht. Doch letztendlich, nach 10 Jahren geschah, woran alle immer gezweifelt hatten. Zisk erwacht aus dem Koma. Doch ebenso wie Zisk dürfte auch das Land 10 Jahre lang in einem tiefen Schlaf versunken sein, denn die politischen Verhältnisse sind immer noch gleich, wie an dem Tag, an dem Zisk den tragischen Umfall erlitt.

Ich muss sagen, dass ich wirklich begeistert bin. Der Schreibstil hat mich schon auf den ersten paar Seiten einnehmen können. Er ist recht direkt und vor allem intensiv. Ich als Leser konnte direkt in die Geschichte eintauchen und man bekommt die gesellschaftlichen und politischen Umstände Weißrusslands so direkt mit, als würde man selbst direkt davon betroffen sein. Gefallen hat mir dabei auch der Sarkasmus, den der Autor an den Tag legt. Neben dem besonderen Schreibstil konnte mich auch die im Buch herrschende Spannung überzeugen. Immer wieder kam es zu äußerst spannenden Situationen, die besonders intensiv beschrieben wurden. Sprachlich aufgefallen ist mir auch noch, dass ein großer Teil der Handlung auf Monologen basiert, wodurch man einen sehr direkten Einblick in die Gedanken der Protagonisten bekommt und darin, wie diese die Situation im Land empfinden. Auch die Charakterzeichnung der Protagonisten ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Jeder von ihnen symbolisiert einen gewissen Teil der belarussischen Gesellschaft wieder. Bei dieser Rollenzuteilung hat der Autor es auch geschafft, dass die Charaktere nicht übertrieben wirken, sondern sehr authentisch gestaltet sind. Das für mich aber spannendste an dem Buch ist aber der politische Bezug, den der Autor zu seiner früheren Heimat nimmt. Man erfährt auf eine erschreckende und direkte, aber auch durchaus sarkastische Art und Weise, welch schreckliche Umstände die Leute in Weißrussland gefangenhalten. Gerade diese Zustände in Weißrussland haben mich sehr zum Nachdenken angeregt, und ich bin wirklich froh, in einer recht gesunden Demokratie leben zu können.

Das Buch hat mich wirklich begeistern können, und ich kann das Buch wirklich von ganzem Herzen weiterempfehlen, da es sowohl sprachlich als auch vom Inhalt her etwas ganz besonderes ist.

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Veröffentlicht am 13.06.2022

H wie Hoffnung

Alphabet
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Der Mörder Simon Austen sitzt nun schon seit einiger Zeit in einer Strafvollzugsanstalt ein. Hier beginnt er, sein Leben von Grund auf umzukrempeln, lehrt lesen und schreiben und holt den Schulabschluss ...

Der Mörder Simon Austen sitzt nun schon seit einiger Zeit in einer Strafvollzugsanstalt ein. Hier beginnt er, sein Leben von Grund auf umzukrempeln, lehrt lesen und schreiben und holt den Schulabschluss nach. Mit seinem neuen Wissen tastet sich Simon an die Welt außerhalb des Gefängnisses heran. Er beginnt Brieffreundschaften mit Frauen. Doch durch einen unglücklichen Zufall wird Simon aus seinem bisherigen Gefängnis nach Wentham verlegt. Dort beginnt er eine Therapie, durchbricht den monotonen Gefängnisalltag seiner bisherigen Einrichtung und macht Fortschritten hinsichtlich seines Gewissens zu seiner Tat.

Dieser Roman ist eindeutig nicht plotgetrieben sondern wächst mit seinem Hauptprotagonisten Stück für Stück mit. Denn Simon Austen, seine Geschichte, seine Empfindungen und seine Wahrnehmungen im britischen Strafvollzug der ausklingenden 80er sind es, die die Geschichte tragen. Die Autorin hat den Protagonisten derart realitätsnahe und vielschichtig gestaltet, dass es einem beim Lesen sehr schwer fällt, nicht sofort mit Neugierde, Empathie und abstandnehmender Befremdung gleichzeitig auf ihn zu reagieren. Denn er ist nicht durch und durch das, was wir als einen guten Menschen bezeichnen würden, und dennoch ein absoluter Sympathieträger, der uns das Leben und Denken nach einem Mord näher bringt. Und das ist es auch, was die Autorin ebenso gekonnt in ihren Roman mit einbaut. So werden ihren eigenen Erfahrungen als "Writer in Residence" im britischen Strafvollzug mit Simon Austen ein Gesicht gegeben, dass für die Unmenschlichkeit des ganzen Systems zu stehen scheint.

Ein Buch, dass einem wirklich im Gedächtnis bleibt und sowohl mit poetischer Sprache, als auch mit beeindruckender Bildgewalt zum Innehalten animiert. Eine absolute Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.06.2022

Über die Realität hinaus

Unser Teil der Nacht
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Juan ist kein normaler Junge. Abgesehen von einem schweren Herzfehler, der ihn zwingt, sich mehreren schweren Operationen zu unterziehen, hat er auch noch die Gabe, als Medium in Kontakt mir der Dunkelheit ...

Juan ist kein normaler Junge. Abgesehen von einem schweren Herzfehler, der ihn zwingt, sich mehreren schweren Operationen zu unterziehen, hat er auch noch die Gabe, als Medium in Kontakt mir der Dunkelheit zu treten. Der Orden, der diese Dunkelheit schon seit Jahren anbetet, sich von ihr das ewige Leben erhofft, hat keinerlei Skrupel Juans Kräfte dafür auszunützen, ohne jederlei Rücksicht auf seine Gesundheit. Doch Juan lässt sich nicht unterkriegen, widersteht dem Orden und gründet eine Familie. Um seinem Sohn Gaspar den Schmerz zu ersparen, den er selbst ertragen musste, versucht Juan zusammen mit seinen engsten Vertrauten diesen vor dem Orden zu verstecken. Doch er weiß, dass dies nur ein Spiel auf Zeit ist.

Ich hatte die Autorin bereits in einer Sammlung von Erzählungen kennengelernt und fand mich sofort wieder in ihrem sprachlichen Stil wieder. Äußerst bunt und voller sprachlicher Bilder, versteckter Hommagen an das argentinische Land erzählt Mariana Enriquez die Geschichte rund um Juan und Gaspar, kreiert dabei einen tiefen und schweren Erzählfluss, der entschleunigt und zum Innehalten anregt. Geschmackssache, wobei ich persönlich diese Ruhe genießen konnte. Was mich aber am meisten freute, wieder erleben zu können, bzw. darüber lesen zu können, war die surrealen Elemente der Geschichte, die sich am ehesten noch mit magischem Realismus beschreiben lassen können. Dunkelheit, böse Wesen und die Geister der Argentinier spielen auch hier wieder eine tragende Rolle bzw. sind ein unabdingbares Element der Handlung. Dennoch bekommt man sehr eindrucksvoll ein Panorama über die argentinische Militärdiktatur und die ersten holprigen Jahre danach präsentiert. Geschildert wird, was die Menschen so bewegte, mit welcher Härte gegen die Bevölkerung vorgegangen wurde, wer die Nutznießer der Terrorherrschaft waren und wer dessen Opfer. Sehr schön arbeitet die Autorin mit abwechselnder Intensität die Geschichte ihres Heimatlandes auf. So beeindruckte mich unter anderem, wie die Autorin beispielsweise die AIDS-Krise in ihrem Heimatland aufgreift und diese intensiv und authentisch der Leserschaft weitergibt, sodass man ein eindrucksvolles und authentisches Bild der damaligen Geschehnisse bekommt.

Der Punkt, der mich allerdings am meisten von dem Buch überzeugen konnte, ist die Komplexität mit der die Figurenkomposition gestaltet ist. Man bekommt in jedem neuen Kapitel die unterschiedlichsten Facetten der Protagonisten präsentiert, begleitet diese über knapp zwei Jahrzehnte, verfolgt enorme charaktertechnische Entwicklungen und findet sich mehr und mehr in einzelnen Situationen oder Facetten der Protagonisten wieder. Dazu gehören zweifelsfrei auch die Perspektivwechsel, mit denen die Kapitelwechsel einhergehen. Jedes der großen Kapitel des Buches wird aus der Sicht einer anderen mehr oder weniger bedeutungsschweren Person geschildert. Dadurch ergibt sich auch ein komplexeres Bild der Geschehnisse aber auch, wie die Protagonisten jeweils von den anderen gewertet und bewertet werden. Ein krasses 360-Grad-Panorama, das immer wieder neue Facetten an den tag bringt, die während des Lesens zu absoluten Wow-Momenten führen.

Insgesamt ergibt sich ein für mich stimmiges und düsteres Gesamtporträt der zweiten Hälfte des argentinischen 20. Jahrhunderts, dass mit beängstigender Übernatürlichkeit aufwarten kann. Dennoch braucht man für das Buch einen langen Atem und die Muse, sich damit beschäftigen zu können.

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Veröffentlicht am 17.04.2022

Sie ist ein Vorbild für jede gewaltbereite Frau

Magdalena Sünderin
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Magdalena, eine unabhängige Frau und siebenfache Männermörderin, kurzum der Schrecken der katholischen Welt, entführt einen Priester in einem österreichischen Alpendorf. Sie braucht ihn als Beichtvater, ...

Magdalena, eine unabhängige Frau und siebenfache Männermörderin, kurzum der Schrecken der katholischen Welt, entführt einen Priester in einem österreichischen Alpendorf. Sie braucht ihn als Beichtvater, damit ihr endlich einmal ein Priester zuhört, damit sie endlich ihre Geschichte erzählen kann. Für den artigen Pfarrer ist seine Entführung anfangs eine komplette Katastrophe, aus der sich zu befreien er versucht, doch nach und nach, nachdem er mehr aus dem Leben der Sünderin erfahren hat, wandeln sich seine Emotionen hin zu einer für ihn bisher komplett neuen Empfindungswelt.

Lilian Faschinger schafft mit diesem Roman ein urösterreichisches Buch, dass den Finger in die Wunde der Probleme der ländlichen Regionen Österreichs liegt. Fehlende Frauenemanzipation, familiärer Druck und der Umgang mit denjenigen, die nicht in die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft passen werden hier minutiös aufgearbeitet, und der Gedanke liegt nahe, dass hier auch autobiographische Hintergründe eine Rolle spielen, da es sich bei der Autorin ja um eine Kärntnerin handelt. Darüber hinaus werden anhand der Lebensgeschichte und der unterschiedlichen Männer, denen Magdalena begegnet, die unterschiedlichsten menschlichen Emotionen aufgerollt und deutlich vor Augen geführt, wie diese die menschliche Psyche beeinflussen können. Denn Obwohl Magdalena eine Sünderin ist, 7 vor dem Gesetz unschuldige Männer getötet hat, ist sie die Heldin der Geschichte, das aber ungezwungen, die Leserschaft hat es selbst in der Hand sich ein Urteil zu fällen. Das Interessante hierbei ist nämlich der stilistische Aspekt. Leserschaft und der Priester geraten in eine passive, zuhörende Rolle, während auf beinahe zeitdeckende Art und Weise mittels ewig langen Monologen Magdalenas die Geschichte erzählt wird. Nur ab und zu werden Gedanken des gefesselten Priesters mit eingeschoben, in denen dessen schleichender Geisteswandel festgehalten wird. Darüber hinaus bedient sich die Autorin einer komplexen und intellektuellen Sprache, die mich sehr stark an diejenige Thomas Bernhards erinnert hat. Generell habe ich hin und wieder Parallelen zwischen den beiden gezogen, da sie abgesehen von ihren komplexen sprachlichen, von Übertreibungen und Neologismen strotzenden Wortgebilden, auch in ihrer Österreich-, Gesellschafts- und Katholizismuskritik übereinstimmen.

Das Buch bietet demnach sehr viele Einblicke in einen intellektuellen, inneralpinen Geist, regt zum Nachdenken an und fasziniert, hat dennoch einige langatmige Stellen und erfordert bei der Lektüre hohe Konzentration.

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Veröffentlicht am 17.04.2022

Guter Einblick in die österreichische Geschichte

Der Trafikant
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Im Sommer 1937 kommt der junge Franz Huchel nach Wien und beginnt dort eine Ausbildung zum Trafikanten bei Otto Trsnjek. Schnell taucht der aus dem beschaulichen Salzkammergut stammende Franz in das hektische ...

Im Sommer 1937 kommt der junge Franz Huchel nach Wien und beginnt dort eine Ausbildung zum Trafikanten bei Otto Trsnjek. Schnell taucht der aus dem beschaulichen Salzkammergut stammende Franz in das hektische und aktive Leben Wiens ein, lernt neue Vergnügungen kennen, begegnet der Liebe und tritt unter anderem auch in Kontakt zu Siegmund Freud, der Stammkunde der Trafik ist,. Schnell kann dieser den jungen Mann faszinieren und ihn als Gesprächspartner für sich gewinnen. Doch es ist der Vorabend des Anschlusses an Deutschland und neben den Freuden des Stadtlebens muss Franz recht schnell auch mit den Schattenseiten des politischen Epizentrums Wien Bekanntschaft machen.

Der Roman bietet wirklich gute Unterhaltung. Bedingt durch den simplen und geradlinigen Schreibstil wird man sehr schnell und flüssig durch die Geschichte getragen und ließt lange Passagen am Stück. Dazu kommt noch, dass durch die persönlichen Lebensleiden Franz Huchels und durch die Zeit des Anschlusses und den damit verbundenen politischen Umbrüchen, die in diesem Buch aufgearbeitet werden, ein enormer Spannungsbogen entsteht, der die Leserschaft an der Stange hält. Gerade diese Mischung ist es aber auch, die das Buch so interessant macht. Weder die Geschichte rund um den Protagonisten, noch die historischen Hintergründe gewinnen an Übergewicht. Diese Balance verursacht deshalb, dass das Buch weder zu kitschig und emotional verwirrend wird, noch, dass trockene historisch interessante Passagen den Lesefluss und die Spannung beeinträchtigen. Im Generellen bietet das Buch eine sehr anschauliche und unterhaltsame Möglichkeit, sich mit der österreichischen Gesellschafts- und Politiklage der Jahre 1937, 38 und 39 auseinanderzusetzen, da diese spielerisch und authentisch in den Inhalt mit einfließen. Einzig und alleine den Protagonisten Franz empfand ich als ein wenig blass und unindividuell gestaltet. Da habe ich definitiv schon Erfahrungen mit einem facettenreicher gestalteten Figurenensamble machen können.

Nichts destotrotz ist und bleibt das Buch eine spannende und interessante Lektüre, die ich nur weiter ans Herz legen kann.

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