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Veröffentlicht am 01.05.2020

Wenn der Ermittler selbst dem Verbrechen nahe steht

Die Fährte des Wolfes
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Stockholm 2014. "Die Körper liegen in unnatürlichen Stellungen, die Hosen heruntergezogen, das Geschlecht zerschossen, und die Luft ist schwer von Kot, Blut und Urin." Vier asiatische Frauen wurden ermordet, ...

Stockholm 2014. "Die Körper liegen in unnatürlichen Stellungen, die Hosen heruntergezogen, das Geschlecht zerschossen, und die Luft ist schwer von Kot, Blut und Urin." Vier asiatische Frauen wurden ermordet, gemeldet von einem einem anonymen Anrufer. Die Sondereinheit der Polizei um den 27jährigen Kriminalinspektor Zack Herry ermittelt, landet im Milieu thailändischer Massagestudios, die als Tarnung für mehr dienen, dann weiter im Bereich von Biker- und Bandkriminalität, Menschenhandel, Erpressung, Zwangsprostitution, Rassismus. Doch welche der Spuren führt zum Täter? Da scheinen Biker und eine türkische Gang zu konkurrieren, dort werden menschenverachtende Parolen in einem nationalistischen Forum geäußert. Als eine Frau mit zerfetzten Beinen vor einem Krankenhaus buchstäblich abgeworfen wird, ist klar, dass hier jemand zu bestialischen Taten in der Lage ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Und zusätzlich droht sein Drogenkonsum, den er bisher strikt in die Freizeit schieben konnte, Zack zu entgleiten.

Warnung: harter Tobak. Gewalt, auch sexueller Art, auch Gewalt gegenüber Minderjährigen - und das trifft es nur im Ansatz.

Zacks Mutter, selbst Polizistin, wurde als nur 30jährige in einem Tunnel erstochen, während sie an ihrem ersten Fall als Mordermittlerin arbeitete - ein Chirurg war umgekommen, weil sich angeblich ein Schlauch an einem Gasherd gelöst hatte. Beide Fälle wurden nie aufgeklärt und zerstörten Zacks Kindheit, als seinem chronisch kranken Vater nach dem Tod der Ehefrau der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Durch den Umzug in eine schlechtere Gegend lernte Zack seinen bis heute besten Freund kennen, Abdula Kahn, aufgrund eines Fehlers der Behörden bis heute als Abdulah Khan geführt. Vom Tod seiner Mutter kamen die Albträume, von Abdula die Drogen dagegen.

Ich bin zwar sehr übersättigt mit "gebrochenen Ermittlern", aber dieser rote Faden eines Falles hinter und neben den Fällen durch wohl mehrere Bände gefällt mir; dieses ist Band 1 der Reihe, ich werde das also noch weiter probieren, der nächste Band ist schon vorgemerkt (Edit: ach ja. Ich dachte doch, Teile zu kennen: Band zwei hatte ich schon vor einiger Zeit gelesen). Zack lebt in einer sehr seltsamen Zwischenwelt, der Job ist ihm wichtig, er scheint ein loyaler Kollege zu sein und kümmert sich rührend um die 11jährige Tochter seiner depressiven Nachbarin - Ester erinnert ihn spürbar an sich selbst. Gleichzeitig tanzt er die Nächte auch unter der Woche in illegalen Clubs durch, kokst, nimmt Amphetamine, lebt in einer Beziehung mit einem reichen Töchterchen, das in seltsamer Weise damit zu spielen scheint, es auf die besonders harte Tour zu mögen. Generell würde die Hälfte des Teams um Zack für Dienstaufsichtsbehörden interessant sein - aber ich mochte diesen Trupp irgendwie.

Dazwischen gibt es immer wieder einen Kniff, den ich nur aus TV-Serien kannte: Da wird zu einer bestimmten Zeit reihum in die Leben der Personen „gezoomt“, also zum Beispiel zu dem, was die gerade abends tun. Irgendwie cooles Konzept.

Gefiel mir. 4 ½ Sterne.

  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2020

Cozy Crime + Liebesgeschichte + Dorfroman. Toll gelesen

Ein irischer Dorfpolizist
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"Ich habe gerade eine Leiche gefunden" ... Er hatte sein Leben lang darauf gewartet, diese Worte aussprechen zu können, und es fühlte sich genau so gut an, wie er es sich schon immer vorgestellt hatte." ...

"Ich habe gerade eine Leiche gefunden" ... Er hatte sein Leben lang darauf gewartet, diese Worte aussprechen zu können, und es fühlte sich genau so gut an, wie er es sich schon immer vorgestellt hatte." Sergeant PJ Collins verrichtet seinen Dienst in Duneen im Süden Irlands, wo bislang meist nichts los war, als auf der Burke-Farm Knochen gefunden werden. Sollte es sich um die Leiche von Tommy Burke handeln, der vor vielen Jahren verschwand? PJ ist noch nicht lange im Ort und auf Hilfe angewiesen. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Brid Riordan und Evelyn Ross, die sich früher beide Hoffnungen auf Tommy gemacht hatten. Bereits damals, am Tag seines Verschwindens, hatten sie sich auf dem Marktplatz geprügelt.

Dieses wunderschöne Buch ist mehr Roman denn Krimi, vielleicht noch gerade „Cozy Crime“. Es geht eher um die Gefühle und Beziehungen der Personen als um spannende Verbrechen. PJ selbst ist reichlich dick und wird meistens unterschätzt, besonders auch von dem zur Aufklärung entsendeten Detective Superintendent Linus Dunne. Fantastisch gelesen von Charly Hübner begleitete ich den Polizisten dabei, wie er dem Hunger zu widerstehen versucht, sich in Befragungen zu beweisen trachtet und immer mehr in die Geschichte des Ortes und seiner teils etwas skurillen Bewohner eintaucht. Plötzlich interessieren sich gar gleich zwei Frauen für das 53jährige Mauerblümchen PJ und die Zusammenarbeit mit Dunne wird immer interessanter. Es gibt viel Humor in diesem Roman, in dem jeder im Dorf ziemlich viel über die anderen weiß. Und zum Schluss wird es noch einmal richtig spannend.

Ich habe dieses Hörbuch geliebt, es sollte aber definitiv eher als Roman vermarktet werden denn als Krimi. Wer sich darauf einlässt, bekommt sehr viel liebenswerte Außenseiter in einer ungewöhnlichen Geschichte – dass der geübte Krimileser dabei einiges schon früh erahnt, tut dem Genuss keinen Abbruch, und die Wendung am Schluss überraschte dann auch mich.

5 Sterne. Tolles Verschenkbuch.

  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 29.03.2020

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Denn es will Abend werden
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Einst waren sie Freunde, spielten gemeinsam als Streichquartett, zwei von ihnen als ein Paar. Dann erlebten sie gemeinsam einen Nachmittag voller Gewalt, Angst, Verlust. Jetzt ist jeder von ihnen allein. ...

Einst waren sie Freunde, spielten gemeinsam als Streichquartett, zwei von ihnen als ein Paar. Dann erlebten sie gemeinsam einen Nachmittag voller Gewalt, Angst, Verlust. Jetzt ist jeder von ihnen allein. Heleen hat sich komplett von allen anderen abgesondert, ihren früheren Beruf gekündigt, ist gar optisch zu einer ganz anderen geworden. Jochem lebt in seinen Ängsten, vergittert Fenster, lebt lieber provisorisch in seinem gesicherten Atelier mit seiner Wut als mit seiner Frau Carolien. Carolien hängt in einer Art Zwischenwelt, fühlt sich betäubt, nicht zu einer Reaktion fähig. Einzig Hugo scheint mit der ihm eigenen Leichtigkeit mit den Ereignissen klarzukommen, dabei hat er den Kontakt zur für ihn wichtigsten Person verloren, ist nach Shanghai gegangen deshalb.

Wieder zeichnet Autorin Anna Enquist wunderbar die verschiedenen Charaktere. Der Verlag ließ zu diesem Buch verlauten, es setze da an, wo „Streichquartett“ endet, sei aber vollständig eigenständig. Nun, ja – es ist ein ganz anderes Buch. Und nein – wer dieses Buch liest, ist gespoilert für den Vorgänger. Und dieses Buch bezieht sich in jedem Satz derart auf die Vergangenheit, dass es einfach unsinnig ist, NICHT beide hintereinander zu lesen. Ich finde allerdings das aktuelle Buch noch deutlich besser. Die Sprache, die detailreiche Darstellung der Personen, das haben beide. Im aktuelleren jedoch „fehlen“ die Punkte, die ich mich das ältere Buch als zu überladen mit Themen empfinden ließen.

Dafür hat „Denn es will Abend werden“ einiges mehr, in dieser leicht melancholischen Grundstimmung, das innehalten und darüber nachdenken lässt. So etwa, als der frühere Lehrer von Hugo und Carolien beerdigt wird und sie sinniert: „Der, der sie kannte, ist weg, und dadurch ist sie selbst auch zu einem Teil nicht mehr vorhanden. Letztlich bleibt, wenn du alle Freundschaften aufgibst, nichts von dir übrig, und du bist nur in der Gegenwart durch deinen dürren Leib vertreten.“


„Caroliens Gedanken schweifen wieder ab, sie überlegt sich, unter welchen Voraussetzungen einem solche vertraulichen Eingeständnisse möglich sind. Wenn man sich sicher fühlt, wenn man weiß, dass die anderen einen nicht verurteilen oder auslachen werden. Wenn man unter Freunden ist.“

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2020

Ein einfach schönes All-Age-Buch über lebenslange Freundschaft

Bell und Harry
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Die Teesdales sind Farmer in einer Gegend, die ihren Namen von Jahren des Bergbaus unter Tage herleitet, von den Minen, die die Region zerlöchert haben wie einen Schweizer Käse: dem „Hohlen Land“, so auch ...

Die Teesdales sind Farmer in einer Gegend, die ihren Namen von Jahren des Bergbaus unter Tage herleitet, von den Minen, die die Region zerlöchert haben wie einen Schweizer Käse: dem „Hohlen Land“, so auch der Originaltitel, „The Hollow Land“, dieses ursprünglich aus dem Jahre 1981 stammenden Buches. Grandad Hewitson vermietet sein altes Haus, „Light Trees“, an Familie Bateman aus dem fernen London, „Freizeitfarmer“, die nicht viel vom Landleben verstehen und deren Lebensstil umgekehrt auch nicht verstanden wird. Wie kann jemand permanent alle Radios am Laufen haben, sich dann aber beschweren darüber, dass nun einmal das Heu dringend vor dem Regen gemacht werden muss?

Fast kommt es darüber zum Zerwürfnis und der Abreise der Batemans, doch die beiden jüngsten Söhne beider Familien, der 8jährige Bell und der jüngere Harry, greifen zu einer List. Die Geschichte begleitet die Jungs beim Heranwachsen in ihren Familien, erzählt von ihren Streichen und den skurrilen Dorfbewohnern. So gelingt es den Batemans nicht, den Schornsteinfeger und Fischer Kendal höflich hinauszukomplimentieren: „Sie wollen doch sicher nach Hause zu ihrer Frau?“ „Ach nein, sie kennt mich ja.“

Irgendwann sind Bell und Harry erwachsen und immer noch befreundet und weiter kommt Harry in den Ferien nach „Light Trees“. Doch die Idylle ist bedroht.

Das kleine feine Buch hat einen Preis gewonnen, als es erschienen war, den „Whitbread Children's Novel prize“, und es ließe sich sicherlich auch von Kindern wunderbar lesen, ist aber vor allem ein herrliches All-Age-Buch. Die hübschen Wiederholungen, wie brav Harry ist beispielsweise, kennt jedes Kind, aber sie lassen auch jeden Erwachsenen schmunzeln. Die besonderen Nachbarn haben mich in ihren Bann gezogen; wunderbar, wie eine untergegangene Welt vor meinem geistigen Auge entstand. Die Erzählung endet 1999, also achtzehn Jahre nach ihrem Erscheinen, in die Zukunft gedacht. Hier liegt vielleicht ihr einziges Manko, in einer imaginierten Zukunft, die so nicht kam, und die dadurch ein wenig befremdete.

Ungeachtet dessen: einfach schön. 5 Sterne.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2020

Unbequem. Erhellend. Mir "fehlen" Erfahrungen des Rassismus

Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche
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O: Why I’m No Longer Talking To White People About Race
Ich bin eine weiße Frau. Ich habe noch nie Diskriminierung aufgrund meiner Hautfarbe erfahren, auch nicht von Personen mit einer anderen Hautfarbe. ...

O: Why I’m No Longer Talking To White People About Race
Ich bin eine weiße Frau. Ich habe noch nie Diskriminierung aufgrund meiner Hautfarbe erfahren, auch nicht von Personen mit einer anderen Hautfarbe. Vor der Lektüre dieses Buches habe ich darüber nie nachgedacht, es war für mich „normal“. Mit anderen Worten: ich hatte mein Weiß-Sein zur Norm erklärt. Reni Eddo-Lodge erläutert diese Haltung als Bestandteil von „White Privilege, als definiert durch die Abwesenheit der negativen Folgen von Rassismus. Ich hatte vorher zwar natürlich die Einstellung, dass Rassismus schlimm und verachtenswert sei – aber irgendwie nicht mein Problem, außer, wenn ich direkt Zeuge offensichtlicher Handlungen oder Aussagen bin. Dieses Buch hat mich sehr zum Nachdenken herausgefordert.

In sieben Kapiteln, dazu Vor- und Nachwort, erklärt die Autorin die wichtigsten Grundlagen, beginnend mit einem Kapitel über Geschichte. Es ist die britische Geschichte, hier hätte ich mir Ergänzungen zu Deutschland gewünscht – hier gab es keinen Commonwealth, keine derart weitreichende Beteiligung an der Sklaverei (ich suche seither manisch nach einer TV-Dokumentation darüber, wie sehr Großbritannien an der Sklaverei verdiente, die ich vor 1-2 Jahren sah; Tipps willkommen). Die Mechanismen sind dennoch übertragbar, zum Beispiel die genannten Untersuchungen über Bewerbungen, bei denen bei gleicher Qualifikation ein britisch, „weiß klingender“, Name den Job verspricht, jedoch ein „schwarzer Name“ eine Absage; ähnliche Studien gab es hier in Bezug auf türkische Namen. Da reden dann allerdings wir nicht über die Hautfarbe.

Einleuchtend, erhellend, entlarvend fand ich die Kapitel über „White Privilege“, über den strukturellen Rassismus, der dafür sorgt, dass von Beginn an für Weiße leichter ist, Erfolg zu haben, gute Jobs zu bekommen, auf die richtigen Schulen und Universitäten zu gelangen. Wieder, wie bei meiner Einschränkung für Deutschland zu türkischen Namen, fallen mir hier entsprechende Studien ein, in denen auch die Kinder von Arbeitern signifikant benachteiligt wurden. Ungefähr zwischen dieser Stelle (das Thema mit der Hautfarbe und der sozialen Klasse wird später von der Autorin selbst noch aufgegriffen) und dem Feminismusthema konnte ich der Autorin nicht mehr bei allen Argumentationen folgen.

Die Autorin definiert sich sowohl über ihre Haltung und ihren Kampf gegen Rassismus als auch als Feministin. Wenn nun Männer Vorteile haben gegenüber Frauen und Weiße gegenüber allen anderen, ergibt sich, dass schwarze Frauen in der schlechtesten Position sind. Werden dann noch weitere Faktoren hinzugefügt wie alleinerziehend, schlecht ausgebildet usw., verstärkt sich das Bild und, ja, einige der Faktoren bedingen einander (im Sinne von „wer alleinerziehend ist und Schwarz, bekomt eher eine schleche Ausbildung, wer eine schlechte Ausbildung hat, wird eher mehr diskriminiert usw). Ich habe zu Beginn bekannt, nie aufgrund meiner Hautfarbe Diskriminierung erfahren zu haben – bei Sexismus sieht es leider ganz anders aus, von blöden Sprüchen, Anzüglichkeiten, bis zu einer Welle von Entlassungen, die ausschließlich Frauen im „gebärfähigen“ Alter bei einem früheren Arbeitgeber betraf. Letztens habe ich hierzu den Kommentar gelesen, daran werde sich erst wirklich etwas ändern, wenn Männer dafür zu kämpfen beginnen. Ja, hier finden die Aussagen von Eddo-Lodge Eingang in meine Wirklichkeit; es funktioniert nicht, von denen, die von welcher Art der Benachteiligung auch immer betroffenen sind, zu verlangen, daran allein und durch ihre Leistung etwas zu ändern.

An dieser Stelle treffen die Ausführungen auf Analogien im Leben von Frauen, aber auch bespielsweise von Migranten, Behinderten, Alten,… - die Autorin hat es hier geschafft, mich zumindest kurz und teilweise in die Haut anderer zu versetzen, verbaut dann aber gleichzeitig diese Tür, indem sie einen Dreiklang erzeugt aus Frau-farbig-Arbeiterklasse, der die vorrangige Aufmerksamkeit verdiene. Das sie natürlich aus ihrer Sicht schreibt, ist gut und richtig und wichtig, auch ihr Zorn darüber, sich nicht dauernd erklären zu müssen, ist nachvollziehbar, für mich jedoch nicht diese Feminismusdebatte im Thema. Ja, ich kann nur die Benachteiligungen als Frau persönlich nachvollziehen, nicht die wegen der Hautfarbe – anscheinend darf ich aber mein eigenes Thema nicht erwähnen und muss angesichts der größeren Benachteiligung gar verstummen. Hm. Schwierig finde auch ich eine Verknüpfung mit Migration, für mich hat eine Begrenzung oder Öffnung der Zuwanderung an sich nichts mit Rassismus zu tun, es wandern ja auch bei weitem nicht nur Menschen einer bestimmten Hautfarbe ein, erst der Umgang mit Menschen an sich, Migrant oder nicht, legt unabhängig von anderen Themen fest, ob das Rassismus ist.

Ich bin weiß, Deutsche mit deutschen Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und lebe als Zugezogene seit über zehn Jahren in einem kleinen deutschen Ort; man kann es mir anhören, dass ich hier nicht geboren wurde. Seit über zehn Jahren höre ich Fragen, woher ich den „eigentlich“ komme, warum ich hier „gelandet“ bin, womit ich so meinen Lebensunterhalt verdiene. Wenn diese Fragen auch Personen mit einer anderen Hautfarbe gestellt werden, mag ich allein hierin noch keinen Rassismus sehen, vielmehr das Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit und Zuordnung. Wer nachfragt, spricht mit den Menschen. Soll heißen: nicht alles ist Rassismus.

Ungeachtet dessen hat mich das Buch überzeugt damit, mir die Augen geöffnet zu haben für Dinge, die mir selbstverständlich erschienen aus weißer Perspektive. So wie ich als Kind sein wollte wie „George“ bei den Fünf Freunden, weil Mädchenfiguren in Büchern zu brav und langweilig waren, nie bestimmen durften, so wollte Reni Eddo-Lodge als Vierjährige weiß sein, so konnten sich viel zu viele die Hermine bei Harry Potter nur als weißes Mädchen vorstellen. Diese Angst wird die Angst vor dem „schwarzen Planeten“ genannt, die Angst der Weißen, selbst in der Minderheit zu sein. Warum denn, wenn doch alles in Ordnung ist?

„Es heißt, die Homophobie des heterosexuellen Mannes wurzelt in der Angst, dass schwule Männer ihn so behandeln könnten, wie er Frauen behandelt. Es ist der gleiche Mechanismus.“
Da bleibt noch viel Arbeit.

  • Cover
  • Erzählstil