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Veröffentlicht am 15.09.2016

„Erinnerungen sind keine runde Sache. Sie sind kantig und sie sind rau“

Schwestern bleiben wir immer
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Die meisten von uns leiden irgendwann im Verlaufe ihres Lebens an Verlusten, enttäuschten Hoffnungen, finanziellen Sorgen, Krankheiten,….
Die Schwestern Katja und Alexa sind damit aufgewachsen. Sie hatten ...

Die meisten von uns leiden irgendwann im Verlaufe ihres Lebens an Verlusten, enttäuschten Hoffnungen, finanziellen Sorgen, Krankheiten,….
Die Schwestern Katja und Alexa sind damit aufgewachsen. Sie hatten immer einander, jetzt ist die Mutter gestorben, zu der besonders Katja, fast 42 Jahre alt, in den letzten Jahren nur einmal Kontakt gehabt hat; Alexa, die drei Jahre ältere, hatte sie überredet, als die Mutter im Sterben lag. Unter dem wenigen, was vom Leben der Mutter übrig ist, findet Alexa nun einen Brief, dessen Inhalt sie verstört. Der Brief deutet an, dass es da noch etwas zu erzählen gab, unterlässt dies aber, belässt es bei Andeutungen.

Die Beziehung zu Mutter Ines war für beide Töchter schwierig: „Sie ließ uns allein mit unserer Wut“. S. 25. Der Vater war gegangen, als die Mädchen noch klein waren – erklärte hatte die Mutter dies nie. „Sie war nicht böse, jedenfalls nicht immer, meistens hatte sie einfach keine Lust, sich um uns zu kümmern.“ S. 37 und „Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob Ines uns nicht liebte, weil sie es nicht konnte, oder ob sie uns nicht liebte, weil sie es nicht wollte.“ S. 72

Beide Schwestern leben ihr Leben – Katja ist berufstätig, ein Teenager-Sohn, der Vater hat die Familie allein gelassen, auch er. Alexa ist Hausfrau, verheiratet, Teenager-Tochter, Teenager-Sohn – sie hatten noch eine schwerstbehinderte Tochter, die gestorben ist. So wie Katja als Begründung für ihr Tun oder (Unter-)Lassen vor sich herträgt, berufstätig zu sein, so verwendet Alexa ihr Familienmodell als Rüstung und Waffe. Autorin Barbara Kunrath schafft es, beider Lebenskonzept und Argumente gleichermaßen zu hinterfragen. Die Perspektive im Roman wechselt zwischen den Schwestern, wobei Alexa immer als Ich-Erzählerin erscheint, bei Katja wird zur dritten Person gewechselt.

Mit Alexa ist das so: ich mag nicht besonders, dass sie vermittelt, die „richtige“ Art Leben zu leben – allerdings wäre sie diejenige, die ich sofort zum Babysitting für mein Kind einsetzen würde. Sie ist zuverlässig, es gäbe regelmäßige Mahlzeiten, alles würde „richtig“ ablaufen. Und ich würde hinterher Scham empfinden, ob sie die Wollmäuse gesehen hat, die Tiefkühlgerichte, …Katja hätte man gerne als Kumpel, Alexa nicht.

Die Schwestern versuchen, dem Geheimnis aus der Geschichte ihrer Mutter nachzuspüren, stoßen auf Widerstände. Als es danach in ihrer beider Leben zu Auflösungserscheinungen ihrer Lebenskonzepte kommt, treiben sie die Suche voran. Was sie erfahren, verändert alles. Quasi nebenbei stellt sich heraus, dass das Miteinander geprägt ist davon, die Schwester sowohl zu beneiden als auch ihr Verhalten nicht nachvollziehen zu können. Letztendlich müssen sie sich, auch angesichts der neuen Erkenntnisse, beide ähnlichen Fragen stellen: „ ‚Wovor hast du Angst?‘, fragt er.
Die Frage müsste lauten: Wovor hast du mehr Angst? Vor dem gar nicht? Oder vor dem zu viel? Sie weiß es nicht.“
„Sie braucht Raum und Freiheit, sonst wird sie ersticken. Aber wo hört der Raum auf, und wo wird die Freiheit zur Lüge?“ S. 164

Kein „Frauen-/Liebesroman“, aber doch eher Fragen nachspürend, denen sich Frauen ausgesetzt sehen - der Roman gibt in einem ruhigen, melancholischen Stil, häufig mit schöner bildhafter Sprache einen Einblick dazu, was funktioniert und was verletzt an Geschwistern und Familien, Eltern und Kindern, Paaren und Lebensentwürfen – meiner Meinung nach sehr gut gelungen, allein der Epilog ist mir zu glatt geraten, zu „aufgelöst“
(4,4 von 5 Sternen).



passendes Folgebuch:

Wer ein ähnliches Thema von der Kindheit zum Erwachsenen lesen möchte: literarischer, aber leicht lesbar geschrieben, thematisiert so etwas Rose Tremain für zwei Jungs, die als beste Freunde ab ihrer Kindheit etlichen Widrigkeiten nur gemeinsam zu trotzen vermögen. "Und damit fing es an"

Veröffentlicht am 15.09.2016

Sehr empfehlenswerter Mix aus Heimat- und Zeitgeschichte, Spionageroman, Politthriller,...

Bühlerhöhe
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Der Plot ist genial: Der Mossad schickt eine völlig unerfahrene gebürtige Kölner Jüdin los in den Schwarzwald, um dort ein Attentat gegen Adenauer zu verhindern – die Verhandlungen um die sogenannten „Wiedergutmachungszahlungen“ ...

Der Plot ist genial: Der Mossad schickt eine völlig unerfahrene gebürtige Kölner Jüdin los in den Schwarzwald, um dort ein Attentat gegen Adenauer zu verhindern – die Verhandlungen um die sogenannten „Wiedergutmachungszahlungen“ sollen nicht gefährdet werden. Ihre Eignung besteht darin, am Urlaubsort des Kanzlers selbst die Ferien ihrer Kindheit verbracht zu haben und die Sprache derer zu sprechen, die außer ihrer Schwester ihre gesamte Familie ausgelöscht haben. Der Attentäter wird befürchtet in den Kreisen derjenigen Israelis, die das „Blutgeld“ ablehnen.

„Warten bedeutete, unnütze Zeit zu haben, und unnütze Zeit war ein gefährliches Pulver. Ein bisschen davon auf die gut verschlossene Kiste voll von Verlust, Schmerz und Erinnerung gestreut, und diese explodierte und ließ alles in Fetzen im Kopf herumschwirren. Das Vergessen war lebensnotwendig. Wer nicht vergessen konnte, wurde wahnsinnig. Sie war eine Meisterin im Vergessen. Nur so war das Leben auszuhalten.“ S. 27

Wie bitte schafft es Autorin Brigitte Glaser, ein Buch zu schreiben, dass
• sowohl Heimatgeschichte erzählt (Schwarzwald, besonders um Bühl)
• als auch Zeitgeschichte (Adenauer und die Wiedergutmachungsverhandlungen bezüglich des Staates Israel, Leben im Kibbuz),
• das Spionageroman und Politthriller ist (ich wusste nicht, dass es ein – reales - Attentat auf Adenauer durch Zionisten gegeben hatte, was verschwiegen wurde, um die Beziehungen zu Israel nicht zu gefährden, wofür ihm Ben Gurion dauerhaft dankbar war)
• und noch dazu einen tiefen Einblick abliefert über Schuld, menschliche Beziehungen und Verdrängung?


Das Buch entpuppte sich als absoluter Glücksgriff – ich liebe anspruchsvolle Romane, ich liebe spannende Literatur, ich nutze gerne Bücher, um mich einer Zeit, einem Land oder einer Gruppe zu nähern, hier finde ich einen der seltenen Fälle, die ALLES gleichzeitig können.


Ich bin kaum jemals so vielen „red herrings“ hinterhergerannt, so viele Spuren legt die Autorin über praktisch die komplette Seitenzahl. Bei allem nutzt sie einen besonderen Stil: Es wird etwas erwähnt – und später, teils wirklich etliche Seiten später wird dieser Hinweis in einen Zusammenhang eingebettet. Ein Beispiel:
„In Haifa waren Rachel und sie [Rosa Silbermann, die Protagonistin] vor fast zwanzig Jahren als Jugendliche angekommen.“ S. 8
Später wird dann erklärt, dass Rachel sich kurz nach 1932 für die zionistische Idee begeistert hatte und mit ihrer jüngeren Schwester, auch angesichts der aufkommenden Probleme für Juden in Deutschland, mitnichten aus Spaß und Freude eingewandert war. Das ist noch ein mildes Beispiel, weil man sich diese Auflösung als naheliegend ja auch hätte denken können, doch ich werde ganz sicher hier nichts Weiteres verraten. Während mich oft in Büchern die sehr einfachen Beziehungen und Beweggründe stören, ist in diesem Buch fast alles und alle miteinander verwoben, was die Anzahl der red herrings ins Unermessliche steigen lässt, ohne dabei für mich aber undurchdringbar zu werden. Das Spannungsniveau bleibt einfach hoch, wie bei einem Thriller, weil man so aufmerksam bleiben muss. Da weiß jemand etwas, was einem anderen helfen könnte, erwähnt es aber nicht, um einem Dritten nicht zu schaden. Und über allem hängt die Vergangenheit. „So war das immer. Eine falsche Frage, ein falscher Satz, und alles Leichte und Fröhliche verschwand.
‚Welches Lager?‘, fragte Rosa leise.
‚Majdanek.‘“ S. 264


Glaser schreibt sehr ausgewogen. Auch mit den besten Absichten können Menschen verletzt werden, so soll Rosa ein Attentat verhindern helfen, wird aber fragwürdig moralisch genötigt dazu und völlig unerfahren in eine gefährliche Situation geschoben. Kaum jemand ist einfach das, was er oder sie oberflächlich zu sein scheint. Dadurch ist Rosa bald verstrickt in ein „Gestrüpp aus Spekulation und Manipulation“. Dabei geht das Buch durchaus in die Tiefe, stellt die verschiedenen Lebensstile gegenüber: da sind die, für die jede Kritik an Israel einem Verrat gleichkommt, aber auch jene, die zurück nach Deutschland gehen, „weil ein judenfreies Deutschland einem Sieg über Hitler gleichgekommen wäre“. Da sind die Kriegsgewinnler, die Ewiggestrigen, aber auch jene, die heute noch von Albträumen geplagt werden, oder selbst Opfer der Befreier wurden, weil sie aus dem Volk der Täter stammten. Der Sicht Rosas gegenübergestellt wird die Sicht von Sophie Reisacher, Hausdame auf der Bühlerhöhe, auch hierdurch wird eine tiefere, ausgewogenere Sicht gezeigt, wird deutlich, dass persönlicher „Ballast“ und Ziele bei allen den klaren Blick hemmen können.

Insgesamt definitiv fesselnd, informativ, schön zu lesen!

Am Ende des Buches folgt ab Seite 337 ein Glossar – ich habe noch einiges mehr nachgeschlagen, und empfehle das je nach Wissensstand und Interesse auch durchaus – sowie weitere Quellenangaben.

Das perfekte Buch "davor" oder "danach":

Daphne du Maurier "Rebecca" (oder die tolle Hitchcock-Verfilmung)

Leon Uris "Exodus" (als Film mit Paul Newman)

Veröffentlicht am 15.09.2016

Gut geschrieben, aber für mich zu unreflektiert und Hauptfigur zu unglaubwürdig

The Girls
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Vorab: Literatur darf, kann, soll bei mir fast alles. Man nenne mir eine Ächtung, gar eine Fatwa, die staatliche Anschuldigung des Volksverrats gegen einen Autor – ich kaufe blind.

Das Thema dieses Buches ...

Vorab: Literatur darf, kann, soll bei mir fast alles. Man nenne mir eine Ächtung, gar eine Fatwa, die staatliche Anschuldigung des Volksverrats gegen einen Autor – ich kaufe blind.

Das Thema dieses Buches IST eindeutig und definitiv Charles Manson. Der schwarze Schulbus, die bevorzugte „Rekrutierung“ von reichen Töchtern – ich empfehle dringend eine entsprechende Recherche; die Umsetzung ist natürlich nicht „wort-wörtlich“. Das erklärt auch, warum es in den USA einfach gehypt werden musste – nehmen wir für unsere Region Marianne Bachmeier oder die RAF-Aktivitäten und wir sind noch nicht im Ansatz dort. Sex, Drugs AND Rock’n Roll, dazu die Kulmination in den Morden – selbst ein schlechtes Buch wäre dort damit eingeschlagen.

Darf man das? Es geht hier um wirklich reale Opfer, bestialische Taten – und so sehr ich schätze, eher eine literarische Aufbereitung eines Themas denn ein Sachbuch zu lesen, weil es mir einfach näher zu gehen vermag – der Respekt gegenüber (heute noch lebenden!) Betroffenen, Hinterbliebenen lässt mich das Buch früh mit einem schalen Beigeschmack in die Hand nehmen. Nein, sehr früh bereits (rund ab S. 100) besteht KEIN abstrahierender Abstand des Werkes. Natascha Kampusch, Jan-Philipp Reemtsma schreiben ein Buch – ja, das entscheiden DIESE – Juli Zeh schreibt einen Roman über ein junges Mädchen, das von der Straße weg entführt und über lange Jahre gefangen gehalten…eher nicht.

Lasse ich diese „moralischen Vorbehalte“ beiseite, habe ich immer noch einen sehr zähen Einstieg in das Buch. Ich „kaufe“ diese Evie einfach der Autorin nicht ab – aus wohlhabender Familie, vierzehn Jahre alt, jünger aussehend – sie erprobt Zeitschriftentipps, Make-up-Varianten. Sie hofft, wahrgenommen zu werden, ist irgendwie „dazwischen“, wartend, himmelt ältere Jungs an, es gibt sexuelle Fantasien, erste Fummeleien – bis dahin ja. Aber sie kifft praktisch permanent auch vor dem Treff mit „The Girls“, erlebt die letzte gemeinsame Party der danach bald geschiedenen Eltern daheim mit mehreren Drinks intus (aber dabei ziemlich klar im Kopf und aufrecht auf den Beinen), lässt sich vom älteren Bruder der Freundin auffordern, sich zu ihm ins Bett zu legen (ja, sie himmelt auch ihn an und es passiert auch eher wenig) – wirklich? Vielleicht sind es nur meine Vorbehalte (ich will dem Buch wirklich eine Chance geben). Die USA hatten die Hippies und Woodstock, wir hatten die 68er – ich wurde danach geboren, aber meiner Erfahrung nach galt alles Beschriebene viel weniger auf dem Lande, dort gab es vielleicht die Fernsehbilder, die Sehnsüchte, sogar die gleiche Mode, aber gleichzeitig die viel stärkere soziale Einbindung. Und auch wenn Evie die Scheidung zu verkraften hat (man hat da das Gefühl, das sei eher wenig überraschend, da sei schon vorher viel Fassade gewesen), hätte ich ihr Handeln eher bei einer etwas älteren Protagonistin glaubwürdig gefunden. Später bekommt sie vom zwölf(!)jährigen Nachbarssohn Marihuana angeboten und bietet wiederum ihm sich als Dealerin an. Wohlstandsvernachlässigung? Zeitgeist? Hm.

Der Punkt, in dem ich Evie glaubwürdig fand, war ihre Explosion gegenüber ihrer Mutter (bis S .94), als sie ihr an den Kopf wirft, wie vorher gegenüber dem Vater alles andere hintanzustellen, sich bereitwillig ausnutzen zu lassen, nur halt von einem anderen Mann. Sie rennt los, das Fahrrad geht kaputt, der schwarze Schulbus kommt vorbei, man bietet ihr eine Mitfahrt an, nimmt sie wahr. Aber dann wieder, als sie auf Russell trifft (das Manson-alter ego) ist ihre erste sexuelle Erfahrung mit ihm die, dass sie sich sofort zu Oralsex nötigen lässt? Ja, ich weiß, für „brave US-Töchter“, die lange erzählt bekamen, keinen Sex vor der Ehe zu haben, „gilt das nicht als Sex“, aber sie ist vorher mehr mit Schauen und Warten beschäftigt gewesen, sie ist vierzehn, sie empfindet Russell als richtig alt…Man muss sich folgendes dabei vergegenwärtigen - die gesamte Handlung, Evies Entwicklung, auf die auch der Teil des Buches, der im Heute verankert ist, abzielt, findet statt während nur drei Monaten, Evies Sommerferien, im Jahr 1969.

Mir kommt es über weiter Strecken so vor, als hätte Autorin Emma Cline ihren Fokus so heftig auf einer Geschichte gehabt, die literarisch beschreibt, wie die „Manson-Familie“ funktionieren konnte, dass sie ihre Protagonistin einfach zu schnell, um für mich glaubwürdig zu sein, dorthin geschnippst hat. Da sagt die vierzehnjährige über Roos, eines der Mädchen, sie sei mit einem Polizisten verheiratet gewesen und sie „…drückte sich mit der verträumten Beflissenheit einer misshandelten Ehefrau an den Wänden herum…“ S. 185 Konnte die vierzehnjährige Evie von dieser Welt etwas wissen? Gewalt wird im Buch bei ihren Eltern nicht thematisiert wird wie z.B. ganz offen der Ehebruch.

Das eigentliche Sehnsuchtsobjekt Evies ist – und bleibt bis in die Gegenwart – mehr die wenig ältere Suzanne, aus völlig anderen Lebensverhältnissen; nur die Mädchen sind es, denen sie permanent Beachtung schenkt. Wirklich thematisiert wird das nicht, obwohl wir keine traditionelle ältere, sondern eine junge, aktuelle Autorin lesen. Das nachzuvollziehen fällt mir auch an anderer Stelle schwer: "Arme Mädchen. Die Welt mästet sie mit der Verheißung von Liebe. Wie dringend sie sie brauchen, und wie wenig die meisten von ihnen je bekommen werden. Die klebrig süßen Popsongs, die Kleider, die in den Katalogen mit Wörtern wie "Sonnenuntergang" und "Paris" beschrieben werden. Dann werden ihnen die Träume mit brutaler Kraft weggenommen; die Hand, die an den Knöpfen der Jeans zerrt, dass niemand hinsieht, wenn der Mann im Bus seine Freundin anbrüllt." S. 151 Diese Einschätzung Evies zum Weltbild von Mädchen GENERELL bleibt bei ihr von der Jugendlichen zur Erwachsenen stabil, wird auch von der Autorin an keiner Stelle zur Diskussion gestellt – die Frauen bei Cline wollen gefallen, sie verdrängen, was nicht dazu passt, ordnen ihre Bedürfnisse unter, verleugnen ihre Befürchtungen: „Mädchen verstanden sich darauf, diese enttäuschenden weißen Stellen auszumalen.“
„Und nun war ich älter, und die auf Wunschdenken beruhenden Requisiten künftiger Ichs hatten ihr Tröstendes eingebüßt.“ S. 141. Im Alter resignieren die Frauen – ernsthaft erwachsen werden sie nicht (ich scheue den überbenutzten Begriff der „Emanzipation“).

Fazit?
Der Schreibstil der Debüt-Autorin hat mich schnell durch die Geschichte gleiten lassen, sie kann toll mit Worten umgehen und ist fantastisch in bildhafter Sprache, wobei es teils etwas zu viel davon gibt. Ich würde mir ein anderes Buch mit einem anderen Thema von ihr wünschen. Dafür, dass in „The Girls“ permanent (Selbst-) Beobachtung und Analyse betrieben werden, ist mir das Buch zu unreflektiert.



Empfehlung als Folge- oder Alternativromane:

Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin". Auch ein gehypetes Buch, dem sogar noch 3 weitere folgen sollen. Hier jedoch finde ich die beiden heranwachsenden Mädchen glaubwürdig gezeichnet, auch wenn ich gerade bei Elena nicht nachvollziehen kann, warum sie sich selbst dauernd klein macht. Sie ist als Person schlüssig für mich.


Und dazu, warum mich die mir zu deutliche Ausschlachtung eines echten Verbrechens stört (Krimis/Thriller hingegen lese ich!!!): Jan-Philipp Reemtsma: Im Keller

Veröffentlicht am 15.09.2016

Cozy-Krimi um Mops „Holmes“ als Ermittler (und ein paar Menschen)

Mopsfluch
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Mops Holmes darf mit seinen Eltern seinFrauchen Marlene zu ihrer Schwester nach Frankreich begleiten, denn deren heißgeliebter wertvoller Zuchtstier ist spurlos verschwunden.
Als menschliche Verstärkung ...

Mops Holmes darf mit seinen Eltern seinFrauchen Marlene zu ihrer Schwester nach Frankreich begleiten, denn deren heißgeliebter wertvoller Zuchtstier ist spurlos verschwunden.
Als menschliche Verstärkung fahren Frauchens beste Freundin Jackie und deren Lebensgefährte mit, Detektiv Waterson.
Waterson und Holmes haben zusammen bereits vorher ermittelt – ich kannte keinen der anderen Fälle vorher und auch, wenn darauf gelegentlich angespielt wird, war das kein Problem bei der Lektüre.

Da Holmes ein Mops ist, „spricht“ er in Worten nur mit anderen Tieren – bei Menschen bellt er zustimmend oder versucht auf andere Art, sie auf etwas aufmerksam zu machen. Selbst bei den Tieren hilft diese Fähigkeit jedoch nicht immer, wie er anhand der Herde des Zuchtstiers feststellen darf: „Nach etwa einer halben Stunde hatte ich mir ein Bild vom Täter machen können: Er war groß-klein, blond-braun-schwarzhaarig, dick-dünn und fuhr ein blau-grün-schwarz-rotes Auto. Super, Kühe taugten als Zeugen etwa soviel wie Menschen.“ S 43.

Bald jedoch überschlagen sich in dem einsamen Ort die Ereignisse: auf dem Zaun des benachbarten Hotels hängt eine Leiche (blutiger wird es nicht, Details beschränken sich darauf, dass dem Dorfpolizisten schlecht wird; daher Einordnung als „Cozy-Krimi“), das Telefon fällt aus, es gibt Ressentiments gegen die Deutschen und zu allem Übel verschwindet plötzlich noch Holmes' Mama Nelly.

Sabotiert jemand das Hotel? Kam der Tote auf den Zaun durch Mord oder Selbstmord? Was bedeuten die seltsamen Gerüche im Hotelzimmer des Toten? Und wo ist der Stier, wo ist Holmes‘ Mama?

Ich hatte mir eine leichte Lektüre versprochen mit niedlichen Akteuren und nur eher „hygienischem“, wenig brutalen Verbrechen und genau das bekommen (sieht man einmal vom Geruch im Kuhstall ab oder der Tatsache, dass natürlich nur ganz böse Menschen einen Mops ängstigen würden). Gut gelöst fand ich, dass die Tiere ausschließlich untereinander sprechen können und mit den Menschen eher so interagieren, wie man das als Tierbesitzer gerne empfindet („ich war mit dem Hund draußen und wir haben uns unterhalten“). Ja, das ist sehr vermenschlicht und niedlich (und passend für die entsprechende Stimmung als Leser). Somit hätte ich 4 von 5 Punkten gegeben, wäre ich nicht wirklich reichlich genervt gewesen von den vielen Fehlern in meiner Ausgabe, beim nervigen „Francois“ statt „François“ angefangen über oft mehrfache Wortwiederholungen innerhalb weniger Sätze bis hin zu weiterem an Patzern ; auch Sprache/Satzbau waren mir teils zu einfach (das allein hätte aber immer noch 4 Punkte bedeutet). Das wäre jedoch für mich kein generelles Argument gegen die Autorin, wie auch die Leseprobe vom ersten Band (im Anhang) belegt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

„Nachts wirken alle Dinge schlimmer“ – spannend, aber bitte nicht den Klappentext lesen

Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken
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Jenny Milchman hat mit „Night Falls (Du kannst dich nicht verstecken) – im US-amerikanischen Original „As Night falls“ – einen Thriller abgeliefert, den ich immerhin so spannend fand, dass er für mich ...

Jenny Milchman hat mit „Night Falls (Du kannst dich nicht verstecken) – im US-amerikanischen Original „As Night falls“ – einen Thriller abgeliefert, den ich immerhin so spannend fand, dass er für mich als Pageturner wirkte. Das liegt zum einen an dem über lange Strecken ab dem Beginn als „Kammerspiel“ angelegten Szenario, in dem der Roman bis auf die Rückblenden im einsam gelegenen Wohnhaus der Familie Tremont spielt, die aus den Eltern Sandy und Ben und der fünfzehnjährigen Teenager-Tochter Ivy besteht. Zum anderen liegt die Wirkung an einem Motiv, das meiner Erfahrung nach besonders US-amerikanische Bücher und Filme gerne und häufig aufgreifen: es geht im Buch um die direkte Bedrohung einer Familie durch Verbrecher, in diesem Falle durch die beiden entflohenen Strafgefangenen Nick und Harlan.

Wenn ich hier von einem Motiv spreche, dann, weil es genretypisch bei entsprechenden Werken gerne fast jede Art von Gewalt für die Gegenwehr rechtfertigt bis hin zur Selbstjustiz – und auch, wenn an dieser Stelle natürlich auch deutsches Recht die Option zu Notwehr gibt, selbst zur sogannten erweiterten (also um zum Beispiel Familienmitglieder zu schützen), wirken diese Darstellungen auf die meisten von uns im deutschsprachigen Raum doch gerne recht überzogen. Milchman spart hier nicht an Brutalität – die Eindringlinge sind knallhart bestrebt, ihre Macht mit allen Mitteln durchzusetzen (Entwarnung: KEINE sexuellen Übergriffe) – aber ihre Protagonisten sind für mich dadurch glaubwürdig, dass sie eben keine Selbstjustiz-Bestrebungen aufweisen, sondern schlicht ums nackte Überleben kämpfen und man ihre Abwägungen mitbekommt, welche ihrer Maßnahmen zu welchen Gegenmaßnahmen auf Seiten der Verbrecher führen könnten, so dass vieles nachvollziehbar verworfen wird, um zu keiner weiteren Gefährdung beizutragen.

Der Spannungsbogen wird durchgängig gehalten ab Beginn, da man bereits nach wenigen Seiten schon mitlesen kann, wie der Ausbruch aus dem Gefängnis vorbereitet und dann auch durchgeführt wird, als vier Gefangene zu einem Außen-Arbeitseinsatz gebracht werden. Darüber hinaus gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, zu einer Familie, bei der die Mutter einen, sagen wir sehr speziellen, Fokus auf den kleinen Sohn legt. Der Zusammenhang erschließt sich bald, aber die weiteren Hintergründe werden erst allmählich offenbar.

Was ich gut finde: Verbrecher Nick wird nicht als an sich gestörte Persönlichkeit dargestellt – die Autorin beschreibt hingegen, inwieweit durch das Fehlen von gezogenen Grenzen in seiner Vergangenheit sein Charakter geformt wurde (keine Entschuldigung durch „traurige Kindheit“ oder „Veranlagung“), das ist einmal etwas angenehm anderes.

Wermutstropfen
Das Buch hätte bei mir besser abschneiden können, wenn ich nicht einige Schwächen gesehen hätte.
Gerade zu Beginn verwendet die Autorin einige Bilder, die wohl sprachlich anspruchsvoller sein sollen, aber auf mich eher befremdlich wirken, z.B. „Harlans Gesicht passte zum Rest seines Körpers. Seine Nase erinnerte an die eines Nagetiers, war grob geformt und einfach mitten in sein Gesicht gedrückt. Seine Augen waren ebenso wenig fein geschnitten, sondern rund wie Münzen und ziemlich ausdruckslos. Sein Mund erinnerte an die weit geschwungene Biegung eines Flusses.“ Der Text wirkt gerade zu Beginn durch ähnliche Stellen auf mich etwas zu sperrig.

Achtung, Spoiler-Alarm: der Klappentext enthält den Hinweis, dass Sandy einen der Männer kenne – so bitte nicht. Da das meist vom Verlag kommt, kann die Autorin natürlich nichts dafür, also habe ich mich bemüht, das nicht mit zu bewerten. Und: ich sehe nicht, wie etwas möglich gewesen sein soll zum Thema „dritter Mann“.

Spannung von Beginn an und Kammerspiel-Szenario bei nachvollziehbaren Überlegungen der Familie führen damit bei mir zu 3,5 von 5 Punkten – trotz der genannten Schwächen



Als Folgebuch empfehle ich Anna Snoekstra: "Ihr letzter Sommer" - zum Thema Familie und Auswirkungen