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Veröffentlicht am 20.06.2021

Gefühlvoll, gefühlvoller, Elja Janus

Der hellste Teil der Nacht
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Direkt zu Beginn begleitet der Leser die Autorin Melinda, Adas Pseudonym, bei einem Radiointerview zu ihrem neusten Buch. Kurz darauf verfasst der Bestsellerautor Simeon einen nicht gerade netten Post ...

Direkt zu Beginn begleitet der Leser die Autorin Melinda, Adas Pseudonym, bei einem Radiointerview zu ihrem neusten Buch. Kurz darauf verfasst der Bestsellerautor Simeon einen nicht gerade netten Post auf Instagram über sie, weshalb Ada ihn anschreibt und zur Rede stellt. Im Laufe der Zeit entspinnt sich ein wirklich schöner Dialog zwischen den beiden. Im ersten Drittel des Buches ist nur dieser Chatverlauf abgedruckt. Dadurch lernt man die Protagonisten auch nur durch den Chat kennen, so wie das jeweilige Gegenüber. Während sich die beiden schreiben, öffnen sie sich immer mehr, doch sie geben auch nicht alles von sich preis. Und nach einigen Monaten steht auch die Frage nach einem Treffen im Raum.

Ab diesem Zeitpunkt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt und man begleitet abwechselnd die beiden Autoren in ihrem Leben. Als Leser fragt man sich, was bei ihrem ersten Treffen geschehen ist. Zeitgleich erhält man ein noch viel umfassenderes Bild der beiden Protagonisten, da hier auch die Vergangenheit von ihnen angesprochen wird, wie bei Ada z. B. ihre langjährige Beziehung, die vor kurzem in die Brüche ging. Aber darüber hinaus gibt es noch viel mehr zu erfahren, was mich mit jeder Seite immer mehr berührt hat. Der Leser begleitet Ada und Simeon nicht nur während sie vertrauter werden und sich verlieben, sondern auch ihre Charakterentwicklung über ihre Kindheit bis heute. Vor allem Ada habe ich nicht zu jedem Zeitpunkt nachvollziehen können, aber je mehr man über die Protagonisten erfahren hat, desto mehr konnte ich sie verstehen. Besonders bei Ada hab ich oft die Stirn über ihr Verhalten gerunzelt, einige Seiten später aber zustimmend genickt.

>>Ich will die Antwort sein, wenn du dir beim nächsten Mal die Frage stellst, wer zuletzt etwas getan hat, einzig und allein, um dich glücklich zu machen.<<, Simeon, 93%

Was diese Geschichte besonders macht, den Leser gefangen nimmt und mitfühlen lässt, ist der Schreibstil von Elja Janus. Den Chat fand ich aufgrund von Adas Geschriebenen manchmal etwas holprig, aber als danach in den Kapiteln fortlaufender Text folgt, taucht man durch den Schreibstil erst richtig tief in das Geschehen ein. Die Autorin kann die Gefühle der Protagonisten auf sehr feinfühlige und bildhafte Weise so gut in Worte fassen, dass man sie als Leser direkt fühlt. Elja Janus kann Emotionen so gut mit Worten beschreiben, für die es eigentlich nicht genügend und passende Worte gibt.

Das Ende hat mir sehr gut gefallen, weil es gut zur Geschichte passt. Besonders Simeons Schicksal hat mich sehr berührt, weshalb ich am Ende bei seinen Worten ein paar Tränen in den Augen hatte. Ein Buch, das noch lange für Herzklopfen sorgt und nachhallt.

>>Er wollte ihr sagen, […] dass Lesen kein Wettbewerb war, sondern dass es nur um die Liebe ging, die man beim Lesen zwischen den einzelnen Buchstaben hiterließ.<<, Simeon, 37%

Fazit:
„Der hellste Teil der Nacht“ beinhaltet eine wirklich schöne Geschichte und ich habe das Gefühl, dass meine Rezension nicht annähernd beschreiben kann, wie ich mich beim Lesen gefühlt habe oder warum ich dieses Buch so sehr liebe. Elja Janus hat einen wunderschönen und bildhaften Schreibstil, der die Gefühle der Protagonisten sehr gut transportiert. Dadurch wurde die Erzählung rund um die Autoren Melinda und Simeon lebendig und berührend. Definitiv eine Geschichte fürs Herz!
4,5 von 5 Sternen

Veröffentlicht am 20.06.2021

Fantasievolle Bücherliebe

Das Antiquariat der Träume
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Auf einer Rundreise lernt Johan Lina kennen, doch die gemeinsame Zeit währt nur kurz, denn die Fähre sinkt und es ereignet sich somit ein riesiges Schiffsunglück mit vielen Toten. Johan will nicht glauben, ...

Auf einer Rundreise lernt Johan Lina kennen, doch die gemeinsame Zeit währt nur kurz, denn die Fähre sinkt und es ereignet sich somit ein riesiges Schiffsunglück mit vielen Toten. Johan will nicht glauben, dass auch Lina, deren Leiche nie gefunden wird, ums Leben gekommen ist. Er forscht jahrelang nach ihr, zieht sich aus seinem früheren Leben zurück und eröffnet in einem kleinen Dorf ein Antiquariat mit angeschlossenem Literaturcafé.

Seit dem Unglück erscheinen Johan immer wieder Protagonisten seiner Lieblingsbücher. Von Gregor Samsa, Sherlock Holmes bis Pippi Langstrumpf sind viele unterschiedliche Charaktere dabei, die ihn beraten und auf der Suche nach Antworten zur Seite stehen. Diese Gespräche finde ich unglaublich gut gemacht. Mir sind nicht alle Figuren aus den Büchern bekannt, aber bei den anderen haben ihre gewählte Ausdrucksweise und ihre Ansichten sehr gut zum jeweiligen Charakter gepasst. Die Dialoge mit Johan sind sehr inspirierend und hilfreich. Lange Zeit ist dem Leser und Johan selbst nicht klar, ob die Protagonisten auf irgendeine Art und Weise real oder ein Krankheitsbild von Johans Trauma, hervorgerufen durch den Schiffsunfall, sind. Auch die Fragen was mit Lina geschehen ist und ob Johan sie loslässt und beginnen kann zu trauern, ist bis zum Ende präsent und gibt dem Buch, neben der schriftstellerischen Atmosphäre, viel Spannung.

》Bücher können einen Menschen und die ganze Welt verändern, sie können einen zum Lachen und zum Weinen bringen, sie können einen verzaubern und sogar eine Seele retten, davon bin ich überzeugt.《, Johan, S. 62

Nicht nur die auftauchenden Buchfiguren fügen der Geschichte den Zauber von Büchern bei. Auch Johans Leidenschaft für Bücher und seine Tätigkeit im Antiquariat und Literaturcafé geben die Bücherliebe wieder. Der Schreibstil, die Idylle Schwedens und die gemütliche Atmosphäre tragen zur Magie dieser Geschichte bei. Ich habe mir immer wieder sehr viele Zitate über die Liebe zu Büchern markiert.

Einzig ein paar Kapitel im Mittelteil, als Johan kurzzeitig nach Stockholm zurückkehrt, haben mir nicht unbedingt zugesagt, da sie nicht weiter zum Verlauf der Geschichte beitragen und die magische Atmosphäre der erscheinenden Protagonisten fehlt. Auch der Epilog kommt nach dem ausschweifenden und wunderschönen Schreibstil plötzlich sehr nüchtern mit einem auktorialen Erzähler daher. Nichtsdestotrotz hat mir das Ende der Geschichte gut gefallen.

》Eine gute Geschichte, eine brillante Idee und ein tief empfundenen Gefühl haben immerwährende Gültigkeit, sie verlieren nichts, sie sind wie exquisiter Wein und werden mit der Zeit immer reifer und wertvoller, allerdings – und das ist er Unterschied zu gutem Wein - erst sobald man sie genossen hat. Sie reifen im Herzen.《 Herr Dvalinsson, S. 240



Fazit:
„Das Antiquariat der Träume“ ist eine magische Geschichte über Johan, dem die Protagonisten seiner Lieblingsbücher erscheinen, und die innige Liebe zu Büchern generell. Durch die Dialoge mit den Buchfiguren, dem Antiquariat und Literaturcafé zeigt dieses Buch die traumhafte Magie der Bücher und ihren Erzählungen.

Veröffentlicht am 15.06.2021

Herzensbuch!

Beyond the Sea
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Estellas Vater ist vor zwei Jahren verstorben, weshalb sie nun mit ihrer Stiefmutter Vee, die Estella nicht ausstehen kann, und deren kranke pflegebedürftige Mutter zusammen lebt. Vee macht Estella immer ...

Estellas Vater ist vor zwei Jahren verstorben, weshalb sie nun mit ihrer Stiefmutter Vee, die Estella nicht ausstehen kann, und deren kranke pflegebedürftige Mutter zusammen lebt. Vee macht Estella immer nieder, kommandiert sie herum, gibt ihr kaum Taschengeld, von dem sie aber auch ihr Essen zahlen muss, und verlegt ihr Zimmer in eine kleine Kammer. Vee ist Alkoholikerin und wie sie Estella behandelt, indem sie sie immer beschimpft und angiftet, ist schon psychische Misshandlung. Estella hält nur durch, bis sie in wenigen Monaten zum Schulabschluss das Erbe ihres Vaters ausbezahlt bekommt und ein neues Leben beginnen kann. Nun kehrt plötzlich Vees kleinerer Bruder Noah heim und, abgesehen von ihrer besten Freundin, scheint hier jemand zu sein, der sich für Estella interessiert.

Ich bin Fan davon, wenn sich Liebesgeschichten langsam entwickeln. Estella antwortet auf Noahs Fragen von Anfang an erschreckend ehrlich. Sie weiß, dass sie ihm vielleicht nicht trauen kann, dass er loyal zu seiner Schwester ist und Vee ihr das Leben noch mehr zur Hölle macht, als eh schon. Aber da ist dieser junge Mann, der sich für ihre Probleme und Wünsche zu interessieren scheint, deshalb ist sie direkt und offen. Noah versucht Estella wirklich zu helfen, obwohl er anfangs auf mich sehr aggressiv und von Gewalt besessen scheint. Mit der Zeit lernte auch ich ihn lieben, wobei er sein dunkles Geheimnis immer noch versteckte, aber Estella und ich sind überzeugt, dass er ein gutes Herz hat. Ich liebe es, wie er Estella stets mit kleinen Gesten aufzumuntern versucht.

Das Buch wird überall mit den Worten „Wer Jane Eyre mag, wird dieses Buch lieben! Ich habe jede Sekunde davon genossen.“ der bekannten Autorin Samantha Young beworben. Dies war der ausschlaggebende Grund dafür, dass ich diese Geschichte lesen wollte und ich kann jetzt schon vorwegnehmen: Sie hat Recht! Ich liebe das Buch „Jane Eyre“ und war sehr gespannt, wie „Beyond the Sea“ ihm ähneln würde. Zunächst liest sich die Geschichte mit Estellas böser Stiefmutter eher wie ein Märchen, aber irgendwann werden die Parallelen immer klarer. Alleine das große düstere Haus hoch oben auf den Klippen der irischen See, trägt zum Gothic-Roman bei. Die düstere Stimmung im Haus und Estellas bedrückendes Gefühl darin erwecken den Anschein, dass es dort spuken könnte. Estellas Leben bietet ein paar Parallelen zu Jane Eyres, wie ihre gewünschte Flucht vor tyrannisierenden Verwandten, ihr Sammeln von Erfahrungen bezüglich Liebe und ihr starker Glaube, den Noah auf den Prüfstand stellt, da er selbst nicht mehr glauben kann. Es gibt weiterhin einige Elemente aus dem klassischen Roman, die eine Rolle in „Beyond the Sea“ spielen, aber die Geschichten selbst sind eigenständig.

Nach zwei Drittel des Romans, als sich einiges schon zusammenspitz und zum Ende hindeutet, meint Noah, dass er nicht gut genug für Estella sei, dass sie ihn nicht mehr haben wollen würde, wenn sie wüsste, wer er wirklich wäre. Ich mag dieses klischeehafte Verhalten von Bad Boys nicht. Zuerst kommen die Protagonisten sich immer näher und wenn sie sich beide schon viel zu sehr verliebt haben, kommt der männliche Part mit dieser Aussage an. Rückblickend kann ich verstehen, warum Noah das gesagt hat und was er damit meinte. Dabei ist Noah überhaupt nicht der typische Bad Boy, auch wenn er ganz am Anfang so scheint; er wird eher von anderen so gezeichnet und sieht sich deshalb auch so. Schlussendlich hat mir das Ende dann gefallen. Es hat sich so einiges geklärt und für Estella zum Besseren gewendet. Der Schluss hat mich sehr überwältigt und berührt. Die Geheimnisse, die aufgedeckt wurden, sind wirklich erschütternd und meine Augen haben sich mit Tränen gefüllt.


Fazit:
„Beyond the Sea“ ist eine unglaublich schöne Geschichte! Ich mag die langsame Entwicklung der Liebesgeschichte und die Parallelen zum Klassiker „Jane Eyre“. Estellas und Noahs Geschichte hat mich besonders am Schluss sehr erschüttert und berührt. Definitiv ein Herzensbuch!

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Veröffentlicht am 19.11.2020

Authentisch und berührend

All das Ungesagte zwischen uns
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Das erste Kapitel ist quasi ein Prolog, denn wir lernen Morgan als Jugendliche kennen, als sie mit ihrem Freund Chris, ihrer Schwester Jenny und deren Freund Jonah zu einer Party fährt. Sie findet heraus, ...

Das erste Kapitel ist quasi ein Prolog, denn wir lernen Morgan als Jugendliche kennen, als sie mit ihrem Freund Chris, ihrer Schwester Jenny und deren Freund Jonah zu einer Party fährt. Sie findet heraus, dass sie schwanger ist und im zweiten Kapitel befinden wir uns in der Gegenwart, als Morgan eine 16-jährige Tochter hat. Der Anfang der Geschichte war zunächst etwas komisch, da man das Gefühl hatte sich im Kreis zu drehen, weil nun Morgans Schwester Jenny ungewollt schwanger wurde. Dann geschieht jedoch der tödliche Unfall und das Leben von Morgan und Clara wird aus der Bahn geworfen. Danach wird der Titel „All das Ungesagte zwischen uns“ zum Programm, denn Morgan und ihre Tochter Clara reden kaum über ihre Trauer, ihre Geheimnisse und Claras neuen Freund Miller. Sie entfernen sich immer mehr und durch einige Geschehnisse und Missverständnisse wird die Situation zwischen Mutter und Tochter richtig festgefahren. Die Geschichte konzentriert sich auf die Trauer von Morgan und Clara und deren Mutter-Teenager-Beziehung und es ist schön, sie während ihrer Entwicklung zu begleiten. Auch wenn das Buch dabei nie sehr viele Wendungen bereithält, ist es trotzdem mehrfach überraschend und fesselnd.

>>Wenn etwas Schreckliches passiert, hat man erst mal das Gefühl, man wäre von einer Klippe gestürzt. Aber wenn ein bisschen Zeit vergangen ist, wird einem klar, dass man nicht von einer Klippe gestürzt ist, sondern in einer endlosen Achterbahn sitzt, die gerade ihren tiefsten Punkt erreicht hat. Und dann fährt sie sehr lange Zeit auf und ab.<<, Jonah, S. 2014

Die Geschichte wird durch Morgan und Clara in zwei Ich-Perspektiven geschildert. Dadurch erfährt man ihre Gedanken und Gefühle, wodurch ich stets nachvollziehen konnte, warum sie so handeln. Auch wenn manches doch sehr extrem war und ich einige Szenen übertrieben fand, z. B. als Clara sehr bockig wurde, konnte ich trotzdem verstehen, dass der Tod und all die Geschehnisse danach dazu geführt haben können. Dadurch hat mich Colleen Hoover immer wieder in eine andere Stimmung versetzt. Ich war traurig, wurde wütend, verspürte Frust, hab aber auch oft gelächelt und war verliebt, wenn z. B. mal wieder der ein paar Monate alte Sohn von Jenny auftauchte und all die negativen Gefühle von den Protagonisten zur Seite schob. Oder auch wenn sich Clara mit Miller getroffen hat, weil ihr die Beziehung mit ihm so unglaublich gut tut. Miller ist intelligent und wusste in der schweren Zeit mit Clara umzugehen. Aber auch Jonah oder Millers Großvater waren gutmütige und rundum tolle Figuren, die ich ins Herz geschlossen habe.

Colleen Hoovers Schreibstil war wieder gewohnt gefühlvoll und ein bisschen poetisch. Sie kann alles nachvollziehbar zur Situation beschreiben und nutzt immer wunderschöne Worte, weshalb ich mir einige Zitate markiert habe. Die Emotionen spitzten sich zum passenden Ende zu, das ich schön und sehr berührend finde.

>>Manchmal sagt er Dinge, die sich anfühlen, als würden sie durch meinen Brustkorb direkt in mein Herz dringen und nicht erst den Weg durch die Ohren nehmen.<<, S. 394


Fazit:
„All das Ungesagte zwischen uns“ wird nach einem schlimmen Unfall schon fast zu viel zwischen den Protagonisten Morgan und ihrer Tochter Clara. Colleen Hoover hat hier eine sehr gefühlvolle, authentische und emotionsgeladene Geschichte über eine Mutter-Teenager-Beziehung geschrieben, die manchmal überraschen kann und auf die Entwicklung der Charaktere setzt.

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Veröffentlicht am 15.10.2020

Taffe Frau in den Wirren Ende des 19. Jahrhunderts

Die Hafenschwester (1)
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An Marthas 14. Geburtstag erkrankt ihre kleine Schwester und stirbt. Auch ihre Mutter überlebt kurz darauf die Krankheit nicht. Nun muss Martha Geld verdienen um die verbliebene Familie über die Runden ...

An Marthas 14. Geburtstag erkrankt ihre kleine Schwester und stirbt. Auch ihre Mutter überlebt kurz darauf die Krankheit nicht. Nun muss Martha Geld verdienen um die verbliebene Familie über die Runden zu bekommen, also beginnt sie am Krankenhaus als Schwester zu arbeiten, da es dort auch in der Ausbildung schon einen Lohn gibt.

Diese Aspekte des Arbeitslebens, die damals vorherrschten, wurden gut involviert. Vor allem der Hafenarbeiterstreik 1896 wurde anschaulich thematisiert. Gewerkschaften, finanzielle Not und auch das vermehrte Aufkommen der Sozialdemokratie bestimmten die Tage der Hansestadt. Neben politischen Themen nahm auch die Rolle der Frau einen wichtigen Aspekt in diesem Buch ein. Marthas beste Freundin Milli zum Beispiel war durch ihren Stiefvater gezwungen, Prostituierte zu werden. Obwohl sie ebenfalls aus dem ärmlichen Gängeviertel stammt, sank deren Ansehen nochmals rapide. Auch die vorherrschende Stellung von Männern und sexuelle Übergriffigkeiten, die damals vorherrschten, wurden thematisiert. Obwohl man schon weiß, dass die Bildung damals von der Geschellschaftsschicht abhing und die Frauen keine Rechte hatten und an den nächsten männlichen Verwandten gebunden waren, konnte man es in diesem Buch hautnah spüren. Als Leser kann man sich direkt in das Geschehen und die Buchfiguren hineinversetzen. Das Leben von damals wurde sehr realitätsnah dargestellt, weshalb ich oft wegen der Ungerechtigkeit oder Unterdrückung aufs Neue geschockt und empört war.

>> Jetzt begriff er, dass es keine Gabe, sondern eine Waffe war. Und ebenso wenig wie man eine abgefeuerte Pistolenkugel zurückhalten konnte, vermochte man, einmal ausgesprochene Worte zurückzunehmen. Sobald man sie abgefeuert hatte, waren Tatsachen geschaffen. Entweder verfehlte man, oder man traf.<< Paul, S. 320

Nebenbei kam jedoch nie das eigene Schicksal der Protagonistin zu kurz. Marthas Sorgen und Ängste, ihre Bedenken wurden immer durch ihre Arbeit, ihren alkoholabhängigen Vater und kleinen Bruder bestimmt. Trotzdem hat sie sich nie unterkriegen lassen. Martha ist eine taffe Frau, die zunächst für sich und ihre Familie, später auch für die Rechte der Frauen gekämpft hat.


Fazit:
Die ersten Seiten von "Die Hafenschwester" habe ich eigentlich nur zum Spaß meiner Schwester vorlesen wollen, aber die Geschichte hat mich direkt gepackt, sodass ich es mir von ihr ausleihen musste. Ein toller historischer Roman über Martha, die sich in den Wirren von Gesellschaft, Krankheiten, geschlechtsspezifische Ungleichheit, schlechten Arbeitsbedingungen und Sozialdemokratie nicht unterkriegen lässt.

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