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Veröffentlicht am 17.01.2022

So gefährlich der Nebel

So eiskalt der Tod
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„So eiskalt der Tod“ von Robert Bryndza ist der 2. Fall von Privatdetektivin Kate Marshall, allerdings ist die Kenntnis des Vorgängerbands „So blutig die Nacht“ nicht nötig, es werden alle relevanten Informationen ...

„So eiskalt der Tod“ von Robert Bryndza ist der 2. Fall von Privatdetektivin Kate Marshall, allerdings ist die Kenntnis des Vorgängerbands „So blutig die Nacht“ nicht nötig, es werden alle relevanten Informationen des ersten Falls, die man zum Verständnis benötigt, erwähnt. Auch handelt es sich eher um einen Krimi als um einen Thriller, im Zentrum steht nämlich vor allem die Ermittlungsarbeit und die Zeugenvernehmung. Das Spannungsniveau würde ich in diesem Krimi als durchschnittlich beschreiben, es ist zwar alles gut und logisch gestaltet, das Puzzle des Falls setzt sich nach und nach zusammen, doch es gibt für mich zu wenig „Thrill-Elemente“, die überraschenden Wendungen fehlen weitestgehend. Und am Ende hätte ich mehr erwartet, das „Auflösungs-Kapitel“ umfasst lediglich 10 Seiten. Nicht zuletzt wirkt einiges im Laufe des Buches auch etwas konstruiert, so fand ich z.B. verwunderlich, dass alle Befragten immer so bereitwillig Auskunft gaben.
Im Zentrum steht die Aufklärung des Tods von Simon Kendal, der bei einem Tauchgang von Kate Marshall und ihrem Sohn Jake tot aufgefunden wird. Die Gerichtsmedizin stuft den Tod sehr schnell als Unfall ein, und da kommt Kate mit ihrem Partner Tristan Harper ins Spiel. Diese werden von der Mutter des Opfers damit beauftragt, weitere Nachforschungen anzustellen. Und schnell stoßen die Privatdetektive bei ihren Ermittlungen dabei auf Ungereimtheiten.
Auch wenn das Spannungsniveau durchschnittlich ist, bietet der Krimi aber durchaus auch einiges Positives. Hier ist vor allem die Charakterzeichnung der beiden Hauptfiguren zu nennen, die Tiefe aufweist. Kate ist trockene Alkoholikern und kämpft immer mal wieder gegen ihr Verlangen an, zudem führt sie eine problematische Mutter-Sohn-Beziehung zu Jake, was aus der Vorgeschichte mit dem Vater von Jake herrührt, die im ersten Band thematisiert wird. Tristan hingegen ringt mit seinem Outing als Homosexueller gegenüber seiner unsensiblen Schwester, die bald heiratet. Was ebenfalls gelungen ist, ist die Darstellung der Detektivarbeit im Unterschied zur Polizeiarbeit. Dadurch ergibt sich einmal eine andere Perspektive auf die Aufklärung eines Falls. Und für mich war es spannend, die Verschiedenheit von Polizei- und Detektivarbeit sowie die Konkurrenzsituation zwischen beiden Ermittlerteams als Leser vor Augen geführt zu bekommen, zumal Kate als ehemalige Polizistin auch Insider-Wissen beisteuert. Was ich beim Lesen ebenfalls als gut empfand, war die Länge der Kapitel. Sie sind angenehm kurz, so dass man immer dazu animiert wird, noch ein weiteres knappes Kapitel nachzulegen. Bei der erzählerischen Gestaltung ist positiv hervorzuheben, dass wir als Leser unterschiedliche Perspektiven einnehmen, dazu zählt nicht nur die Sicht von Tristan und Kate, sondern auch die von Täter und Opfer. Dadurch ergibt sich ein facettenreiches Bild.

Fazit: Ein Thriller, der eher Krimi ist und ein durchschnittliches Spannungsniveau aufweist, dafür aber handwerklich und auch sprachlich gut gemacht ist, was insbesondere an der Figurenzeichnung und der erzählerischen Gestaltung deutlich wird.

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Veröffentlicht am 16.01.2022

"Minenfelder im Gedächtnis"

Der Erinnerungsfälscher
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Auf dem Weg zurück von einer Podiumsdiskussion in Mainz erfährt Said Al-Wahid, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er entschließt sich mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen zu fahren und den nächsten Flug ...

Auf dem Weg zurück von einer Podiumsdiskussion in Mainz erfährt Said Al-Wahid, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er entschließt sich mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen zu fahren und den nächsten Flug nach Bagdad zu nehmen. Auf der Reise in seine alte Heimat, dem Irak, erinnert sich Said an verschiedene Begebenheiten aus seinem Leben, die ihn geprägt haben. Davon erzählt Abbas Khider in seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“, durchaus mit trockenem Humor, und es wird deutlich, dass Said Probleme hat, sich genau zu erinnern. Er leidet unter Gedächtnisstörungen, vermutlich eine Form von Verdrängung als eine psychische Konsequenz des traumatischen Erlebten. So konstruiert er selbst die Zusammenhänge zwischen seinen unverbundenen Erinnerungsfetzen. Immer wieder kommt es zu „Assoziationsketten“, die ihn in die Vergangenheit führen. Dabei wird vor allem deutlich, was für einen schweren Weg Said hinter sich gebracht hat, bevor er in Deutschland sein privates Glück gefunden hat. Auch wird deutlich, dass Said eine ganz andere Lebenswelt kennen gelernt hat. Anhand der Schilderungen wird einem als Leser erst bewusst, wie gut es einem eigentlich in Deutschland geht, v.a. wenn man hier groß geworden ist, ohne schwerwiegendere traumatische Erfahrungen durchlebt zu haben. Gleichzeitig wird spürbar, dass Said sein eigenes Heimatland fremd geworden ist; in Bagdad angekommen, verspürt er keine Emotionen, sondern eine innere Leere. Auch das offene Ende des Romans, über das man noch lange nachdenkt, empfand ich als gelungen. Als besonderes Highlight, das mich zum Nachdenken anregte, habe ich den intertextuellen Bezug zur Novelle „Die Taube“ von Patrick Süskind wahrgenommen, in dem das Thema „Traumata“ ebenfalls eine Rolle spielt. Darin ist die Hauptfigur Jonathan Noel ist eine völlig verunsicherte Persönlichkeit mit Lebensangst. Vergleiche zu Said drängen sich förmlich auf. Und Abbas Khider wird nicht zufällig diesen Titel erwähnt haben, doch das Anstellen weiterer Reflexionen hierzu überlasse ich jedem einzelnen. Ich komme stattdessen zurück auf die bereits erwähnten „Assoziationsketten“ und auf die Frage, welche Erfahrungen Said genauer schildert:
[AB HIER SPOILERWARNUNG] Ausgehend von seinem deutschen Reisepass, den er aus Misstrauen den deutschen Behörden gegenüber immer bei sich trägt, erinnert sich Said beispielsweise an das sehr bürokratische Verfahren seiner Einbürgerung, das er mit allen damit in Zusammenhang stehenden unlogischen Regelungen genau beschreibt. Als Leser erhält man dabei einen sehr guten Einblick in bürokratische Absurditäten und kann nachempfinden, wie verunsichert man sich als Fremder in Deutschland fühlen mag, sobald man mit offiziellen Formalitäten konfrontiert wird. Auch erhalten wir einen Einblick in Saids Kindheit, seine Beziehung zu seiner Mutter, die so gut wie nie lachte, wird thematisiert. Wir erfahren, dass sein Vater als Landesverräter hingerichtet wurde und seine Familie mit Ausgrenzungserfahrungen zu kämpfen hatte. Seine Schwester starb bei einem Bombenattentat, wie wir später erfahren. Beim Anblick von Polizei rücken „Erinnerungsbrücken“ an Polizeikontrollen wieder in Saids Bewusstsein, er begegnete nicht nur Ressentiments von Seiten der Polizei, sondern erlebte auch Rassismus. Die Begegnung mit einem Nazi bei einem Kneipenbesuch wird ebenfalls geschildert. Weiterhin berichtet Said von Besuchen im Heimatland und davon, wie dieses Land im Chaos versinkt, weil bewaffnete Milizen die Kontrolle übernommen haben. Er beschreibt auch seine mehrjährige Fluchtroute, die ihn von der Stadt Amman in Jordanien, über Ägypten und Libyen bis nach Athen geführt hat. Nicht zuletzt bleibt auch das Thema der Religion natürlich nicht ausgespart. Said, der nicht religiös erzogen worden ist, macht klar, dass es zwischen den Arabern große Unterschiede gibt, was die Ausübung der religiösen Praxis angeht. Am Beispiel eines Mitschülers geht er dann auch darauf ein, dass Antisemitismus bei einzelnen Fanatikern ein großes Problem sein kann.
Letztlich kann das Schicksal von Said exemplarisch für das anderer Flüchtlinge in Deutschland stehen und das macht diesen Roman für mich so interessant. Man erhält einen Einblick in die Lebenswelt und in die Erfahrungen eines Flüchtlings aus dem Irak, und das aus der Feder eines Autors, der eine ähnliche Lebensgeschichte wie Said aufweist. Einige biographische Überschneidungen zwischen der fiktiven Figur Said und Abbas Khider gibt es nämlich. Und hier stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie autobiographisch geprägt der vorliegende Roman eigentlich ist. Das kann nur der Autor beantworten. Auf jeden Fall leistet der Roman einen Beitrag dazu, Empathie gegenüber Flüchtlingen entwickeln zu können.

Fazit: Ein Roman, der dem Leser/ der Leserin einen interessanten Einblick in die Biographie und in die Gefühls- sowie Erlebniswelt eines irakischen Flüchtlings gibt, der zum Nachdenken anregen kann und der einen Beitrag dazu leistet, Empathie gegenüber Flüchtlingen zu entwickeln bzw. beizubehalten.

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Veröffentlicht am 15.01.2022

Ein solider Krimi-/Thriller-Mix

Das Stahlwerk
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Auf Christian Piskulla bin ich durch seinen Thriller „Pacific Crest Trail Killer“ aufmerksam geworden, der mich sehr begeistern konnte. „Das Stahlwerk“ ist sein Debutroman und er ist für mich kein reiner ...

Auf Christian Piskulla bin ich durch seinen Thriller „Pacific Crest Trail Killer“ aufmerksam geworden, der mich sehr begeistern konnte. „Das Stahlwerk“ ist sein Debutroman und er ist für mich kein reiner Thriller, sondern vielmehr eine Mischung aus Kriminalroman und Thriller, denn viel inhaltlichen Raum – mehr als die Hälfte des Romans – nimmt die Ermittlungsarbeit ein. Die Handlung spielt in dem Stahlwerk der (fiktiven) Germania Metall Union in Duisburg im Jahr 1942. Im Werk werden innerhalb weniger Monate zehn Beschäftigte brutal ermordet, Polizei und Werkschutz sind mit der Aufklärung des Falls überfordert, deshalb heuert der Generaldirektor Hermann von Kessel den Zwangsarbeiter Jarek Kruppa als Mördersucher an. Kruppa hat vor seiner Gefangennahme in Polen als Kommissar gearbeitet.
Auf den ersten rund 200 Seiten werden in erster Linie die Tatorte besichtigt und Zeugen vernommen, dabei taucht man als Leser ein in die Welt des Stahlwerks und saugt dessen Atmosphäre auf, es geht hinein in dunkle Hallen, in tiefe Keller und lange Tunnel. Die Beschreibung der Örtlichkeiten ist sehr detailliert und bildhaft, man fühlt sich als Leser, als sei man direkt vor Ort. Auch die Funktionen des Stahlwerks werden genau beschriebenen, Produktionsabläufe erläutert, die Gefahr der Tätigkeit mit heißem Stahl wird gut spürbar. Die so erzeugte Stimmung ist richtig gut gelungen und verdient auf jeden Fall Anerkennung. Nach rund 200 Seiten kommt es dann zu einer unerwarteten Wendung, plötzlich werden die Kapitelabschnitte kürzer und die Perspektive des Mörders tritt hinzu. Nun steht die Verfolgung bzw. Flucht des Mörders im Zentrum der Handlung, ein Katz- und Maus-Spiel beginnt. Ab diesem Zeitpunkt tauchen also Thriller-Elemente auf und die Spannung steigert sich deutlich, zum Finale – den letzten 40 Seiten – zieht die Dramatik dann nochmals gut an. Das konnte mich durchaus überzeugen, auch wenn ich die ersten rund 200 Seiten als weniger packend empfunden habe.
Die Figuren, die den Roman tragen, sind ebenfalls sehr gelungen gestaltet. Jarek Kruppa erscheint als guter Zuhörer und Beobachter sowie genialer Analytiker, er ist ein „Arbeitstier“, das erstaunlich schnell in der Lage ist, sich einen Überblick über den Fall und das ganze Werk zu verschaffen. Und besonders sympathisch fand ich seinen Helfer vom Werkschutz: Schöppke. Von ihm entsteht vor dem geistigen Auge direkt ein Bild, ein richtiger Malocher, um keinen Spruch verlegen, dem Alkohol nicht abgeneigt, in der Belegschaft bekannt und beliebt. Besonders amüsant fand ich Schöppkes witzige Schlagabtausche mit Jarek und anderen Arbeitern, auch der grobschlächtige Malocher-Sprech lässt eine authentische Atmosphäre entstehen.

Fazit: Eine Mischung aus Krimi und Thriller, startet zwar erst nach rund 200 Seiten richtig und bietet insgesamt wenig Überraschendes, kann aber mit einem spannenden Finale aufwarten und verfügt über sympathische Figuren und eine tolle, authentische Atmosphäre.

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Veröffentlicht am 14.01.2022

Eine Maschinenintelligenz erwacht

Das Erwachen
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Was wäre, wenn jemand einen Cyberkrieg auslöst? Und was wäre, wenn im Rahmen eines solchen Kriegs eine Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickelt und die Welt im Chaos versinkt? Um genau diese Themen ...

Was wäre, wenn jemand einen Cyberkrieg auslöst? Und was wäre, wenn im Rahmen eines solchen Kriegs eine Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickelt und die Welt im Chaos versinkt? Um genau diese Themen geht es in dem Thriller „Das Erwachen“ von Andreas Brandhorst. Die Hauptfigur Axel Krohn stößt auf ein Computerprogramm namens Mephisto, das von der NSA entwickelt wurde, und löst durch sein unvorsichtiges Agieren einen weltweiten Cyberkrieg aus, indem er den Code einer Waffe namens „Infiltrator“ freisetzt. Dieser Code ist die Initialzündung dafür, dass eine MI, eine sog. Maschinenintelligenz, erwacht. Die NSA will ihn daraufhin aus dem Verkehr ziehen, setzt zwei Agenten auf ihn an und will gleichzeitig vertuschen, dass sie etwas mit Mephisto zu tun hat. Auf seiner Flucht vor der NSA erhält Axel Krohn Unterstützung von Giselle Leroy, Angestellte von Living Magic, einer Firma, die die NSA bei der Entwicklung des Programms unterstützt hat, und zeitgleich Whistleblowerin. Sie gehört zu einer internationalen Gruppe um Edward Snowden namens Veritas, die Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Datenmissbrauch enthüllt. Weitere Unterstützung erhält Axel Krohn von einem weiteren Hacker namens Dark Rider. Neben der NSA sind auch Coorain Coogan, Mitarbeiter der Strategic Cyberforce Advanced Response (SCAR), sowie Michael Rossmann, Hauptkommissar der deutschen Polizei, hinter Axel Krohn her. Sie arbeiten zusammen, agieren unabhängig von der NSA und sie verfolgen eigene Interessen. Sie wollen Krohn vor der NSA schützen. Im Buch geht es also v.a. um ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Krohn, Leroy und den genannten Verfolgern, und das innerhalb einer Welt, die im Chaos versinkt. Später geht es dann darum, dass die zum Bewusstsein erwachte Maschinenintelligenz mit ihrem vermeintlichen Schöpfer Axel Krohn in Verbindung treten möchte, weil sein Name im Quellcode von Infiltrator steht.
Auch die politische Ebene wird vom Autor in die Handlung einbezogen. Während die Welt ins Chaos stürzt und die Maschinenintelligenz immer mehr Kontrolle gewinnt, versucht Viktoria Jorun Dahl als neu ernannte UN-Sonderbeauftragte für Maschinenintelligenz Gegenmaßnahmen zu ergreifen und in diesem Zusammenhang eine Expertengruppe zusammenzustellen.
Und als ob das noch nicht reichen würde, integriert Andreas Brandhorst neben den genannten drei Handlungssträngen, zwischen denen munter die Perspektive gewechselt wird, auch noch sogenannte Streiflicht-Kapitel, in denen die Mission der Mars Discovery knapp angerissen wird (hierzu existiert ein Folgeband). Denn auch auf dem Raumschiff erlangt die Maschinenintelligenz die Kontrolle über alle Systeme.
Man könnte nun befürchten, dass die komplexe Handlung den Leser überfordert, doch das ist nicht der Fall. Andreas Brandhorst nimmt sich viel Raum – manchmal sogar etwas zu viel –, um die Handlungsstränge zu erzählen, man verliert als Leser nie den Überblick über das Geschehen oder die Figuren, das Erzähltempo ist nicht sonderlich hoch. Teilweise hätten die Kapitel noch etwas Straffung vertragen, einige Darstellungen geraten sehr ausführlich, auch Wiederholungen sind nicht selten. Insbesondere die Schilderung der Fahrt nach Rom gerät in meinen Augen zu lang. Dies führt dazu, dass die Spannungskurve nicht dauerhaft auf hohem Niveau bleibt, sondern sie schwankt, sie ebbt mal ab, dann steigt sie wieder an. Der zeitliche Abstand zwischen der ersten Kontaktaufnahme mit der MI, die sich genau in der Mitte des Buchs ereignet, und der zweiten Kontaktaufnahme war nach meinem Empfinden zu groß. Denn die Kommunikation zwischen der MI und der Menschheit ist das Highlight des Buchs, und diese Passagen, bei deren Gestaltung der Autor einen wirklich richtig guten Job gemacht hat, hätten kürzer aufeinanderfolgen müssen und sie hätten nach meinem Geschmack auch ausführlicher ausfallen können.
Das Buch hat darüber hinaus immer dann seine Stärken, wenn es um philosophische Fragen geht, die Brandhorst gekonnt aufwirft. Sie regen beim Lesen zum Nachdenken an, was mir gut gefallen hat: Wie würde eine Welt aussehen, in der eine MI die von Menschen gemachten Probleme löst und Krankheiten heilt? Wie positioniert sich eine MI zur Gottesfrage? Was ist eigentlich Leben? Und wie definiert man Leben angesichts des Vorhandenseins einer MI? Ist biologische Intelligenz die Grundlage für Maschinenintelligenz? Ist die Menschheit nur ein evolutionärer Zwischenschritt? Auch die Annahmen des Autors zur evolutionären Entwicklung einer Maschinenintelligenz fand ich spannend.

Fazit: Ein vielschichtiger Thriller, der interessante Fragen zum Thema einer Maschinenintelligenz aufwirft und der über eine nur schwankende Spannungskurve verfügt, weil ihm eine Straffung an den richtigen Stellen fehlt.

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Veröffentlicht am 12.01.2022

Bronsky auf erzählerischen Abwegen

Der Zopf meiner Großmutter
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Eines vorweg: Ich mag Bronsky-Bücher sehr, aber dieses gehört leider nicht dazu. Nachdem ich „Scherbenpark“, „Baba Dunja“ und „Das Geschenk“ gelesen hatte, nahm ich mir „Der Zopf meiner Großmutter“ vor. ...

Eines vorweg: Ich mag Bronsky-Bücher sehr, aber dieses gehört leider nicht dazu. Nachdem ich „Scherbenpark“, „Baba Dunja“ und „Das Geschenk“ gelesen hatte, nahm ich mir „Der Zopf meiner Großmutter“ vor. Im Zentrum steht dabei eine Familie aus (vermeintlichen) Kontingentflüchtlingen, bestehend aus Margarita Iwanowna, Kurzform Margo, ihrem Mann Tschingis und ihrem verwaisten Enkel Maxim, den sie großziehen. Dabei wird Margo als tyrannische und rassistische Großmutter mit Münchhausen-Stellvertreter-Symptom überzeichnet, die ihren Enkel regelrecht quält. Der Ton bleibt durchweg humorvoll trotz der Ernsthaftigkeit des Themas: typisch schwarzer Humor, typisch Bronsky eben. Das muss man mögen. Die Autorin schafft es, die schlechten Charaktereigenschaften der Oma deutlich hervortreten zu lassen, ohne dabei jedoch allzu ernst zu werden. Stattdessen ist der Stil humorvoll, satirisch-bissig, mit Augenzwinkern, man findet wieder einmal viele lustige Vergleiche und Sprachschöpfungen. Das erzählerische Talent von Bronsky tritt erneut zu Tage, ihre eigenwillige Sprache wird wieder deutlich. In anderen Büchern von ihr mochte ich das sehr, doch dieses Mal trägt sie mir zu dick auf. Es ist ein Balanceakt, den Erzählton so hinzubekommen, ohne dass er zu sehr in Richtung Übertreibung und Klamauk abdriftet. Hier ist der Autorin das nicht gelungen, ganz anders als in anderen Büchern von ihr. Anders als im Klappentext beschrieben, empfand ich die Oma auch nicht als hart-herzlich, sondern lediglich als hart. Wo bitte ist denn ihr weicher Kern? Auch ist der Inhalt der Geschichte insgesamt obskur, es wird mir auch mit zu vielen Klischees gearbeitet. Auch wenn am Ende des Buches etwas klarer wird, warum die Oma so ist, wie sie ist, empfand ich dennoch kein Mitleid mit ihr. Was mich auch gestört hat, war, dass die Handlung recht ereignislos gestaltet wurde. Es passiert einfach zu wenig und es bewegt einen als Leser zudem zu wenig. Nicht nur, dass die geschilderte Liebesgeschichte zwischen Nina und Tschingis völlig ohne Emotion daherkommt, ich finde es auch problematisch, dass man als Leser die ganze Zeit die kindliche Perspektive von Maxim einnimmt. An vielen Stellen habe ich diesen Erzählstandort wie einen Filter empfunden, durch den nicht alles durchdringt. Das mag zwar handwerklich gut gemacht sein, aber es lässt die Handlung nicht immer nachvollziehbar werden (z.B. auf S. 180). Auch das Ende wird mir viel zu verworren erzählt. Ich rate jeden Bronsky-Fan lieber auf ein anderes Buch von ihr zurückzugreifen. Dieses Werk kann nicht überzeugen.

Fazit: Eine obskure Geschichte mit vielen Klischees, in der der Inhalt nach meinem Gefühl zu sehr in Richtung Klamauk abdriftet und in der die Figuren zu sehr überzeichnet sind. Das Ende ist verworren. Keine Leseempfehlung!

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