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Veröffentlicht am 13.09.2021

Phillip P. Peterson in Bestform

Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit
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Der Roman „Paradox“ von Phillip P. Peterson erscheint mir von allen Büchern, die ich vom Autor bisher gelesen habe – Vakuum, Transport –, am Ausgereiftesten zu sein. Dies liegt in meinen Augen daran, dass ...

Der Roman „Paradox“ von Phillip P. Peterson erscheint mir von allen Büchern, die ich vom Autor bisher gelesen habe – Vakuum, Transport –, am Ausgereiftesten zu sein. Dies liegt in meinen Augen daran, dass dem Roman eine überzeugende Figurenauswahl und -charakteristik zugrunde gelegt wird, die verschiedenen Beziehungsverhältnisse der Protagonisten gut zur Geltung kommen und sich die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander auch weiter entwickeln, sie also nicht allzu statisch daherkommen. Das habe ich in anderen Büchern von Peterson, wo die Action und Spannung stärker im Vordergrund stand, deutlich vermisst. Doch auch „Paradox“ startet fulminant. Die Sonde Voyager 2 geht auf rätselhafte Weise am Rande des Sonnensystems verloren und der Wissenschaftler David Holmes, der später in der Privatwirtschaft beim Projekt Helios angeheuert wird, erforscht diese Anomalie. Zeitgleich kommt es auf der ISS bei einem Andockmanöver mit einem Modul zu einer Katastrophe, die an den Film „Gravity“ erinnert und bei der der Kommandant Ed Walker seinen Mut und seine Führungsqualität beweist. Nach Einführung der verschiedenen Figuren und dem furiosen Beginn wird dem Leser das Projekt Helios und die Mission nähergebracht, für die Ed, David, Wendy und Grace als Mitglieder rekrutiert werden. Wir begleiten die vier beim Training, das sehr detailliert und treffend in allen Facetten geschildert wird, erleben Beziehungskrisen zwischen Ed und David, die einander zu Beginn sehr unähnlich sind, und erhalten Einblick in eine Art (unternehmens-)politische Intrige, als es um die Frage geht, ob die Crew harmonisch und passend zusammengesetzt wurde. Was mir sehr gut gefallen hat, war die Beschreibung der Abläufe des Trainings, der zahlreichen technischen Details und wissenschaftlichen Hintergründe der Mission sowie die differenzierte Schilderung des Startvorgangs der Rakete. Und auch die vier Hauptfiguren finde ich gut gezeichnet: Ed erscheint zunächst grobschlächtig, direkt, selbstbewusst und wagemutig, David hingegen eher sensibel, ängstlich, zurückhaltend und etwas scheu, wird dann aber immer ehrgeiziger und selbstbewusster sowie souveräner. Auch das Verhältnis zwischen Ed und David verbessert sich mit der Zeit. Wendy ist im Team die ruhige, stets freundliche und ausgeglichene, harmonisierende Kraft, sie tritt oft als Mittlerin auf. Grace bleibt zu Beginn des Buchs eher blass, später wird sie dann unmittelbare Konkurrentin von Ed, agiert rebellisch und etwas selbstsüchtig sowie forsch, bevor sie dann merkt, dass sie mehr als Teamplayerin agieren muss. Richtig spannend wird es dann nochmals auf den letzten 100 Seiten, als die Crew entdeckt, was es mit dem Verschwinden der Sonden auf sich hat und das Rätsel gelöst wird.

Fazit: Eine gut durchdachte Story, mit einem furiosen Beginn und herausragendem Ende sowie einem gemächlicheren Mittelteil, der mit viel Details zur Raumfahrthintergründen aufwartet, und einem gut aufeinander abgestimmten Figurenensemble

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.09.2021

"Orange is the new black" in Russland

DAFUQ
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Anja demonstriert und landet für 10 Tage im Arrest. Trauriger Alltag in Russland, in diesem Werk gut geschildert und aufbereitet. Die Autorin lässt dabei sicherlich auch viele eigene Erfahrungen einfließen. ...

Anja demonstriert und landet für 10 Tage im Arrest. Trauriger Alltag in Russland, in diesem Werk gut geschildert und aufbereitet. Die Autorin lässt dabei sicherlich auch viele eigene Erfahrungen einfließen. Das gefällt und lässt das Geschilderte sehr authentisch und realistisch wirken. Wer sich Einsichten in das Leben in Russland erhofft, wird mit diesem Buch nicht enttäuscht, Themen wie Alkoholismus, Korruption, Polizeiwillkür, Drogensucht, Homosexualität, Feminismus und Sexismus sowie das Männer-Frauen-Rollenverständnis werden durchaus am Rande erwähnt. Detailliert werden die Abläufe in der Polizeidienststelle und im Gericht, die Aufnahmeprozedur in der Haftanstalt sowie der Alltag dort beschrieben. Was mich erstaunt hat: Die Ordnungshüter wirken bis auf einzelne Ausnahmen insgesamt recht nett, verständnisvoll sowie korrekt. Beschwerden der Häftlinge werden ernst genommen, Anträge werden weitergegeben und schnell bearbeitet. Dennoch gibt es einzelne schwarze Schafe, unter deren Willkür die Häftlinge zu leiden haben. Auch die Mitinsassinen verhalten sich Anja gegenüber freundlich und offen. Als sie in ihrer Zelle ankommt, wird munter small-talk über die Haftgründe geführt, Scharade folgt, man bietet Anja sogar Tee an. Die Atmosphäre wirkt insgesamt wohlig warm, nur der psychische Zustand von Anja verschlechtert sich zusehends. Doch darauf komme ich weiter unten zurück.

Im Zentrum der Handlung steht Anja, ihren Gedanken und Gefühlen folgen wir vor allem als Leser. In eingeschobenen Rückblicken erfahren wir auch etwas über ihre Vergangenheit, vor allem über ihre verschiedenen Jugendsünden, ihre schwierige Dreiecksbeziehung mit Sonja und Sascha sowie über das Beziehungsverhältnis zu ihren Eltern, besonders das zu ihrem Vater. Neben Anja bekommen die Mitinsassinnen Irka und Maja noch viel Raum in dem Roman; am Beispiel von Irka wird uns eine gescheiterte Existenz vorgeführt, sie ist ein Opfer, abhängig von Tabletten und Alkohol, die sich sogar dafür prostitutiert und auch Misshandlung erlebt hat. Maja erscheint dem Leser hingegen als eine Art „Barbie-Püppchen“, die in sich selbst mit Schönheitsoperationen investiert, von ihren merkwürdigen geschäftlich-romantischen Beziehungen zu Männern erzählt und dabei ein absurdes Männerbild und Frauenrollenverständnis offenbart.

Der erzählerische Höhepunkt des Romans ist für mich aber die Darstellung der Verschlechterung des psychischen Zustands von Anja; spätestens im letzten Viertel des Romans, als sie allein in ihrer Zelle sitzt, weil die anderen Insassinnen bereits entlassen wurden, tritt ihr labiler innerer Zustand immer deutlicher zutage. Immer stärker fühlt sie sich der Willkür der sog. „Diensthabenden“ ausgeliefert, sie scheint das Zeitgefühl zu verlieren. Meisterhaft wird erzählt, dass Anja plötzlich Zusammenhänge entdeckt, wo keine sind, wie sie mystische Gedankengänge entwickelt, sie nimmt merkwürdige Zufälle wahr, sie erlebt Stimmungsschwankungen, Grübeleien, assoziative Erinnerungsketten, innere Angespanntheit, Manie und Größenwahn. Ihre Wut gipfelt letztlich sogar in der Vorstellung eines Mords. Und ich finde plausibel, dass man in einer solchen Situation von Isolation solche depressiv-psychotischen Gedanken entwickelt, zumal Anja bereits im Vorfeld, als ihre Mitinsassinnen noch anwesend waren, in Form von Halluzinationen dem Leser zu erkennen gibt, dass es ihr psychisch nicht gut geht.

Fazit: Ein Roman, der einen Einblick in das heutige Russland gewährt, vor allem in den Haftalltag von Arrestierten und darin, welch psychische Belastung ein solcher Aufenthalt für den/die Betroffene(n) sein kann.

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Veröffentlicht am 08.09.2021

Nile - eine labile Persönlichkeit

ATME!
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„Atme!“ möchte man dem Leser zurufen, sobald er das Buch durchgelesen hat, denn dieses erzeugt eine so unglaublich packende Atmosphäre, dass man beim Lesen keine Pause einlegt. Ich hatte es an einem Tag ...

„Atme!“ möchte man dem Leser zurufen, sobald er das Buch durchgelesen hat, denn dieses erzeugt eine so unglaublich packende Atmosphäre, dass man beim Lesen keine Pause einlegt. Ich hatte es an einem Tag durch. Selten hat für mich ein Titel so gut zu einem Buch gepasst wie dieser. Denn atmen muss auch die Protagonistin Nile in regelmäßigen Abständen, wenn sie von Panik überwältigt wird, weil sie sich solche großen Sorgen um ihren Partner Ben macht, der plötzlich spurlos verschwunden ist, als sie aus der Umkleidekabine kommt, nachdem sie ein Kleid für die bevorstehende Hochzeit anprobiert hat. Der Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, zunächst habe ich mich auf die sorgenvollen Gedanken von Nile eingelassen, die Ben sucht, dann war ich irgendwann irritiert darüber, was für absurde Ideen Nile dabei entwickelt. Ratlos und suchend raste ich durch die nächsten Seiten, als sie Bens baldige Ex-Frau Florence aufsucht und diese um Hilfe bittet, diese aber ein für Nile nicht durchschaubares Spiel treibt. Flo hat ein Geheimnis und als Nile es durchschaut, kommt es zu Gewalt. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt war ich verunsichert, ob Nile vielleicht eine falsche Wahrnehmung der allgemeinen Situation hat und ob ich ihr als Leser „auf den Leim gegangen bin“, weil ich mich zu sehr auf ihre Perspektive eingelassen habe. Mit Nile stimmt etwas nicht, das spürt man als Leser und genau in der Mitte des Buches weiß man dann auch warum. Ihr ist etwas widerfahren, was sie labil hat werden lassen. Und dieser Vorfall bestimmt noch immer ihr Leben, er hat sie psychisch krank werden lassen. Sie hat ihn verdrängt, doch es holt sie wieder ein, es lässt sie instabil werden, ihre Wahrnehmung ist nicht mehr zuverlässig. Und dieses Wissen hat mich als Leser in der zweiten Buchhälfte skeptisch und misstrauisch werden lassen. Ich wusste nicht mehr, was ich Nile glauben kann, und gleichzeitig tat sie mir so leid. Sie hätte Hilfe benötigt, bekam aber keine. Und durch den Verlust von Ben und durch ihre Sorgen um ihn gerät sie immer mehr in einen psychotischen Zustand, sie hat Wahnvorstellungen, erlebt einen Realitätsverlust. Für den Leser löst sich auf den letzten Seiten ein großer Teil des Rätsels, einige Rekonstruktionsarbeit des Geschehens bleibt auch dem Leser überlassen, doch Nile bleibt in ihrer psychisch kranken Welt gefangen.

Dieser Roman ist erzählerisch grandios und sehr spannend gestaltet, als Leser ist man gefesselt, man wird emotional „durchgerüttelt“, denn immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen. Die Darstellung des inneren Zustands von Nile ist überzeugend und gelungen. Das wirklich einzige, was nicht direkt für mich plausibel war: Wie konnte Nile mit Ben bei ihrer Vorgeschichte so einfach im Bett landen?

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Veröffentlicht am 30.08.2021

Intensiver Psycho-Schlagabtausch

SCHWEIG!
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In dem Thriller „Schweig!“ von Judith Merchant wird ein intensiver Psycho-Schlagabtausch zwischen der jüngeren Schwester Sue und ihrer älteren Schwester Esther zelebriert. Beide Schwestern sind dabei als ...

In dem Thriller „Schweig!“ von Judith Merchant wird ein intensiver Psycho-Schlagabtausch zwischen der jüngeren Schwester Sue und ihrer älteren Schwester Esther zelebriert. Beide Schwestern sind dabei als Kontrastfigur angelegt, sie leben jeweils in ganz unterschiedlichen Welten, Esther mit ihrer vierköpfigen Familie in einer Wohnung in der turbulenten Stadt, Sue zurückgezogen und allein sowie kinderlos und frisch von ihrem Partner Robert getrennt, in einer Villa am Waldrand. Kurz vor Weihnachten treffen sie aufeinander und sie haben sich eigentlich nichts zu sagen. Für beide ist es eine lästige Pflicht der Beziehungspflege, und das wird plausibel und nachvollziehbar erzählt. Esther besucht Sue unter dem Vorwand, dass sie sich Sorgen um sie macht. Immer wieder wird von ihr ein Vorfall auf dem letztjährigen Weihnachtsfest als Begründung für die Besorgnis angedeutet, über den wir als Leser erst nach und nach etwas erfahren. Sue hingegen will die übergriffige und neugierige Esther einfach nur loswerden. Dafür ist sie sogar bereit, sie anzulügen. Doch Esther durchschaut die Lüge, kehrt zu Sue zurück, nachdem sie zwischenzeitlich zu ihrem Mann Martin und den Kindern zurückkehren wollte. Als Sue ihr die Tür nicht öffnet, bricht sie sogar in ihr Haus ein. Der Psychokrieg steuert nun auf einen Höhepunkt zu: Es kommt zu einer Aussprache zwischen beiden, Sue beschließt in die Offensive zu gehen und Esther offen ihre Meinung zu sagen, scheinbar zum ersten Mal. Dabei wird klar, wie gut Sue ihre Schwester kennt und in der Lage ist, sie gänzlich zu durchschauen. Und die bis dato wenig selbstreflektierte Esther scheint daraufhin tatsächlich Einsicht zu zeigen, sie will sich ändern, sie stellt sogar kurzzeitig ihr eigenes Leben in Frage. Doch dann taucht plötzlich Martin bei Sue auf.

Was den Roman so besonders macht und ihm überhaupt erst große und atemberaubende Spannung verleiht, ist meiner Meinung nach die sehr gute erzählerische Gestaltung der Perspektiven. So wählt die Autorin für beide Schwestern jeweils die Ich-Perspektive, die einander abwechseln. So sind wir jeweils an die Sicht einer Figur gebunden und folgen mal den Gedanken und Gefühlen der einen mal der anderen Schwester und wir sehen als Leser auch, welche Bewertungen beide Schwestern jeweils übereinander treffen. Dabei wird z.B. deutlich, wie stark Esther Sue nach den ihr selbst vertrauten Maßstäben bewertet, also nach dem, was sie selbst für normal hält. Sie ist wenig selbstreflektiert und hinterfragt eigene Wertungen überhaupt nicht. Als Leser fühlt man sich vor allem zu Beginn des Romans wie eine Art Mediator. Man hört sich beide Seiten an und weiß nicht, was stimmt; das, was Sue über Esther erzählt, oder das, was Esther über Sue berichtet. Beispiel: Ist Sue nun wirklich depressiv oder stempelt Esther Sue nur als krank ab? Das personale Erzählen im Wechsel verhindert eine übergreifende Sicht auf beide Figuren und das ist für mich große Erzählkunst. Nur aus ihrem Verhalten sowie ihren Dialogen lassen sich Rückschlüsse darüber ziehen, welche Schwester wohl näher an der Wahrheit liegt. Als Hilfsangebot wird dem Leser nach einem Drittel des Romans auch noch die Perspektive von Martin dargeboten. Ab diesem Zeitpunkt wird dem Leser klar, dass Esther tatsächlich keine einfache Person ist, auch Martin wird von ihr eingeengt und kontrolliert, er wünscht sich mehr Freiheit. Allerdings zeigt sich auch, dass Sue kompromisslos agiert, wenn es darum geht, sich an ihrer großen Schwester zu rächen. Hinzu kommt, dass Esther ein Kindheitstrauma erlebt hat, das ihr Verhalten möglicherweise sogar in gewisser Weise verstehbar werden lässt. Darüber wird in einzelnen eingeschobenen Rückblick-Kapiteln berichtet. Was mich etwas ratlos zurückgelassen hat, ist lediglich das Ende des Romans. Nach einem Zeitsprung von einem Jahr folgen wir zunächst den Gedanken von Sue und dann denen von Esther. Für mich waren die Gedanken der jüngeren Schwester dabei nicht plausibel, nach allem, was sie mit ihrer Schwester erlebt hat und was sie zuvor über sie gedacht hat.

Fazit: Ein fesselnder Psychothriller mit einer ausgefeilten Figurencharakteristik und spannender erzählerischer Gestaltung

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Veröffentlicht am 29.08.2021

Ein klassischer "Blockbuster"

Transport
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In seinem Roman „Transport“ spielt Phillip P. Peterson mit der Idee, dass die Menschheit ein Artefakt entdeckt, mit dessen Hilfe man das Universum bereisen kann. Die Grundidee ist nicht neu: „Stargate“ ...

In seinem Roman „Transport“ spielt Phillip P. Peterson mit der Idee, dass die Menschheit ein Artefakt entdeckt, mit dessen Hilfe man das Universum bereisen kann. Die Grundidee ist nicht neu: „Stargate“ lässt grüßen. Doch natürlich entwickelt der Autor eine eigene Vorstellung dieser Grundidee. Problem bei dem Artefakt, dessen Herkunft und genaue Funktionsweise man nicht kennt: Man weiß leider im Vorfeld nicht, wo man herauskommt und welche Lebensbedingungen am Zielort herrschen. Dies hat die ersten Testpersonen ins Verderben geführt und aufgrund dieser Gefahr werden zehn Häftlinge rekrutiert, denen man verspricht bei zehn erfolgreichen Einsätzen ihre Todesstrafe zu erlassen, wenn sie bereit sind, ihr Leben zu riskieren. Von den Häftlingen steht Russel Harris im Zentrum des Romans, ihm und seinen Gedanken folgen wir als Leser, von ihm erfahren wir am meisten. Er ist der Sympathieträger, mit ihm fiebern wir mit. Die anderen Figuren bleiben blass und werden nur kurz und oberflächlich vorgestellt. Sie dienen teilweise auch nur dazu, die verschiedenen Spielarten des Umkommens zu schildern. Das muss man mögen und darf sich davon nicht zu sehr abschrecken lassen. Eine weitere Ausnahme der vielen blassen Figuren ist höchstens noch die einzige Frauenfigur im Roman, die mit Harris auch eine Beziehung eingeht: Elise.

Grundsätzlich bleibt die Charakterzeichnung aber eine Schwäche des Romans und man darf auch keine anspruchsvolle erzählerische Gestaltung erwarten. Die Handlung wird strikt linear erzählt, Nebenhandlungen gibt es nicht, das Erzähltempo ist hoch, wird dynamisch vorangetrieben, große psychologische Tiefe bei den Figuren darf man nicht erwarten. Dafür bietet der Roman aber Spannung und Action ähnlich wie ein klassischer Blockbuster im Kino. Man möchte wissen, ob die Figuren überleben, wo sie materialisiert werden, ob sie zurückkehren, was sie erlebt haben. Man ist neugierig auf die Beschreibung der außerirdischen Welten und möchte auch mehr über die Hintergründe, Funktionsweise, Herkunft des Artefakts und ihrer Erbauer wissen. Man muss also letztlich wissen, worauf man sich bei „Transport“ einlässt, dann wird dem Leser ein kurzweiliges Lesevergnügen bereitet. Bei mir war es während des Lesens so, dass drei Viertel des Romans mich in den Bann ziehen konnten, das Ende jedoch ließ mich etwas enttäuscht zurück und hat mich nicht überzeugt. Ich hätte mir stattdessen gewünscht, dass man auf fremden Welten mehr über die Erbauer des Artefakts erfährt, mehr Spuren vorhanden sind, Puzzleteile zu einem größeren Bild zusammengefügt werden. Kurzum: Ich hätte mir eine kreativere Hintergrundgeschichte gewünscht. Russel bekommt nach meinem Empfinden zu viel Bedeutung zugewiesen.

Fazit: Ein Roman, der Action und Spannung bietet, aber keine große Erzählkunst darstellt.

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