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Veröffentlicht am 03.04.2022

Mehr als nur ein Krimi

Nebeltage
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Der Titel “Nebeltage” von Kaja Malankowska lässt einen nicht sofort an einen Krimi denken. Ich war auch gar nicht auf der Suche nach besonders spannender Lektüre, hatte ich doch in letzter Zeit so einige ...

Der Titel “Nebeltage” von Kaja Malankowska lässt einen nicht sofort an einen Krimi denken. Ich war auch gar nicht auf der Suche nach besonders spannender Lektüre, hatte ich doch in letzter Zeit so einige Thriller gelesen. Stattdessen war ich bei der Auswahl meines nächsten Romans erneut dem Prinzip “welterlesen“ gefolgt und hatte beschlossen, dass meine literarische Reise nach Polen gehen sollte. Dank meines neuen Auswahlverfahrens habe ich wieder einmal eine wahre Perle gefunden, die ich sonst wahrscheinlich nie entdeckt hätte.
Die Krimihandlung ist schnell erzählt:
Eine junge Frau wird ermordet aufgefunden. Für Nachbarn und die wenigen Freunde ist das mehr als überraschend, war das Mordopfer doch eine unauffällige, nette Person. Spuren führen in allerlei Richtungen, verlaufen meist jedoch im Sand. Bis hierhin solide Krimiunterhaltung, lesenswert und gut erzählt.
Was mich aber wirklich begeistert hat, ist wie die Autorin auf fast knapp 700 unterschiedliche Themen, die die polnische Gesellschaft (und nicht nur diese) bewegen, mit der Krimihandlung verflicht. Sexismus bei der Polizei wird ebenso verhandelt wie allgemeine Fremdenfeindlichkeit, psychische Krankheiten und fanatische Religiosität. In all diese Richtungen führen Spuren, denen Kommissar Marcin Sawicki, Macho mit Eheproblemen, und seine neue ehrgeizige, undurchschaubare Kollegin Ada Rochniewicz folgen.
Ein Krimi so hervorragend geschrieben, dass sogar die polnische Literaturpreisträgerin Olga Toarczuk eine Lesempfehlung gegeben hat. Ein Gesellschaftsroman so spannend, dass man ihn nicht aus der Hand legen kann.

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Veröffentlicht am 27.03.2022

Kochender Killer

Der grillende Killer
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Dieses Jahr möchte ich noch mehr als zuvor der Devise unseres Blogs „welterlesen“ folgen und mit Autoren aus möglichst vielen Ländern um die Welt reisen. Bisher habe ich durch dieses Auswahlprinzip schon ...

Dieses Jahr möchte ich noch mehr als zuvor der Devise unseres Blogs „welterlesen“ folgen und mit Autoren aus möglichst vielen Ländern um die Welt reisen. Bisher habe ich durch dieses Auswahlprinzip schon einige interessante Autoren entdeckt, die ich sonst wahrscheinlich übersehen hätte. Den Roman „Der grillende Killer“ habe ich zunächst in erster Linie ausgewählt, weil Chang Kuo-Li aus Taiwan kommt und ich meines Wissens noch nie einen taiwanesischen Autor gelesen habe. Gut, auch der Title „Der grillende Killer“ hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Auch wenn sich dann schnell herausstellt, dass der Killer eher ein bratender Killer ist. Wenn er nicht gerade als Scharfschütze unterwegs ist, versorgt er nämlich die Einwohner und Touristen von Manarolo mit gebratenem Reis. Zugegebenermaßen hat die Übersetzerin sich beim Titel des Krimis einige dichterische Freiheit gestattet, und das ist auch gut so, der bratende Killer, so vermute ich, wäre allein des Titels wegen ein Ladenhüter geworden.
Der grillende Killer ist also der taiwanesischer ehemaliger Fremdenlegionär Alex, der sich nun seinen Lebensunterhalt abwechslungsweise als Koch und Scharfschütze verdient. Doch plötzlich ist er nicht mehr Schütze, sondern Ziel.
Gleichzeitig beschäftigen in Taiwan Kommissar Wu in seinen letzten Arbeitstagen vor seiner Pensionierung mit Mord im Militärmilieu. Dort möchte man aber lieber glauben, dass es sich um Selbstmorde handelt.
Bald schon stellt sich heraus, dass zwischen den Ermittlungen in Taiwan und den Vorfällen in Italien eine Verbindung besteht. Spielt eine hübsche junge Offizierin etwa eine Rolle?
Insgesamt spannende Krimiunterhaltung. Mir persönlich war es teilweise zu viel Information zu verschiedenen Waffen, aber das muss bei einem Scharfschützen-Krimi wohl so sein. An manchen Stellen fand ich den Krimi etwas „lost in translation“, obwohl mir, wie erwähnt, der Titel sehr gut gefiel. Vielleicht liegt das daran, dass die deutsche Übersetzung eine Übertragung der englischen Übersetzung aus dem Chinesischen ist und dadurch des öfteren ein bisschen vom Original verloren wurde. Besonders an einer Stelle fiel mir das auf, in der es um chinesische Stäbchen (kuaizi) und die Etymologie des Wortes ging: „Daher verwendeten sie ein anderes Wort: kuaizi. Klingt wie ‚schnell‘, nicht wahr?“ Bei einer Übertragung aus dem Original, hätte der/die Übersetzer*in sicher versucht, in irgendeiner Weise darauf hinzuweisen, dass „kuai“ im Chinesischen „schnell“ bedeutet. Ohne dieses Wissen, ergibt der oben genannte Satz für den Leser, der des Chinesischen nicht mächtig ist, wohl eher weniger Sinn.
Dennoch ein spannender Krimi, der auch eines gewissen Humors nicht entbehrt. Für Krimifans, die ein Faible für Waffen haben, ganz große Leseempfehlung. Alle anderen werden durchaus auch spannende, vergnügliche Lesestunden verbringen.

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Veröffentlicht am 26.03.2022

Tag des Umbruchs

Zukunftsmusik
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Es ist der 11. März 1985. Sowjetische Radiosender spielen Chopins Trauermarsch. Untrügliches Zeichen für die Bürger, dass jemand aus dem Politbüro gestorben ist. Es wird der Tag des Umbruchs sein, der ...


Es ist der 11. März 1985. Sowjetische Radiosender spielen Chopins Trauermarsch. Untrügliches Zeichen für die Bürger, dass jemand aus dem Politbüro gestorben ist. Es wird der Tag des Umbruchs sein, der Tag, an dem Michail Gorbatschow das Amt des Generalsekretärs übernimmt, der Tag, der letztendlich das Ende des Kalten Kriegs einläutet.
Doch die Protagonisten des Romans wissen das nicht. Auf engem Raum leben Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin in einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung mit fünf weiteren Mietparteien irgendwo in Sibirien, weit weg von Moskau. Große Hoffnungen auf Veränderung haben sie alle nicht, auch wenn sie ihren kleinen Träumen in ihrem Alltag nachhängen. Katerina Poladjan erzählt von ihren Protagonisten so warmherzig, dass sie einem alle ans Herzen wachsen, wie schrullig sie auch sein mögen. Fast schon möchte man den Tag mit ihnen in der Kommunalka verbringen. Man wird beim Lesen bzw. Hören dieser Geschichte fast ein wenig nostalgisch, auch wenn man diesen im Westen aufgewachsen ganz anders erlebt hat. Am 11. März 1985 wussten wir alle noch nicht, welche positiven Veränderungen dieser Tag bringen würde, welche Möglichkeiten sich insbesondere Deutschland und Europa eröffnen würde. Gerade deswegen stimmt es gerade traurig, dass die Zukunftsmusik von 1985 inzwischen fast schon eine Weise aus alten Tagen ist.
Eine wunderschöne Geschichte einer großartigen Autorin, hervorragend von Ulrich Noethen vorgetragen.
Uns bleibt im Moment nur zu hoffen, dass wir ganz bald einen Tag wie den 11. März 1985 erleben.

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Veröffentlicht am 19.03.2022

Interessanter Einblick in eine andere Welt

Ultraorthodox
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Orthodoxe Juden, Amish People, Mennoniten und andere Glaubensgemeinschaften, die ihre Leben stark nach den Regeln der heiligen Schrift ihres jeweiligen Glaubens üben auf uns Außenstehende eine gewisse ...

Orthodoxe Juden, Amish People, Mennoniten und andere Glaubensgemeinschaften, die ihre Leben stark nach den Regeln der heiligen Schrift ihres jeweiligen Glaubens üben auf uns Außenstehende eine gewisse Faszination aus oder wecken zumindest unsere Neugier, nicht zuletzt weil ihre Kleidung irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Für uns ist es schwer, diesen Lebensstil nachzuvollziehen. Wie kann es sein, dass Menschen 2022 bereit sind, auf vieles zu verzichten, was für uns selbstverständlich ist? Wie ist es möglich, dass sie an Dinge glauben, die durch die moderne Wissenschaft längst widerlegt sind?
Nach Deborah Feldmann erzählt uns nun Akiva Weingarten in seinem Buch „Ultraorthodox – Mein Weg“ wie er in den USA bei den strenggläubigen „Satmar“ aufwuchs, wie seine Zweifel an dem ihm in die Wiege gelegten Weg immer größer wurde und wie er schließlich seine Religionsgemeinschaft verließ. Sollte man das Buch überhaupt noch lesen, wenn man das Buch von Deborah Feldmann oder den darauf basierenden Film kennt? Unbedingt. Beide Lebensläufe sind trotz einiger Parallelen individuell, jedoch definitiv gleichermaßen interessant. Beide zeigen, dass es nicht immer leicht ist, alles, an das man bisher geglaubt hat, hinter sich zu lassen. Da Frauen und Männer jedoch innerhalb der Satmarer Chassiden ein relativ getrenntes Leben führen, fand ich es interessant durch Akiva Weingarten nun auch die männliche Perspektive kennenzulernen. Heute hat sich Akiva Weingarten vom chassidischen Glauben verabschiedet und ist in vielem auch ein Kritiker von dessen Lehren. Vom jüdischen Glauben hat er sich jedoch keineswegs abgewendet, vielmehr bemüht er sich als Rabbiner um einen aufgeschlossenen Glauben. Das Buch ist auch keine einseitige Abrechnung mit dem Chassidismus und gerade deshalb für uns Leser*innen eine bereichernde und aufschlussreiche Lektüre.

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Veröffentlicht am 17.03.2022

Neues Leben, neues Glück?

Das gekaufte Leben
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Bei Clemens Freitag läuft es nicht rund. Freunde hat er nicht viele und bei den wenigen, die er hat, ist er auch noch verschuldet. So richtig kriegt er sein Leben seit dem Tod seiner Eltern nicht auf die ...

Bei Clemens Freitag läuft es nicht rund. Freunde hat er nicht viele und bei den wenigen, die er hat, ist er auch noch verschuldet. So richtig kriegt er sein Leben seit dem Tod seiner Eltern nicht auf die Reihe. Welch glücklicher Zufall, dass ein gewisser Götz Dammwald nicht nur sein Haus samt Boot und Bootshaus am See verkauft, sondern als Zugabe gleich noch seine Freunde und seinen Job mit dazu.
Mit dem bis dahin unangetasteten Erbe seiner Eltern kauft sich Clemens Freitag vermeintlich ein besseres Leben als sein bisheriges.
Und zunächst sieht alles auch hervorragend aus: Luxuriöses Haus am See, unkomplizierte Freunde, die ihn sogleich in ihre Clique aufnehmen und angenehmer Job mit ausgesprochen reizender Kollegin.
Clemens Freitags neue Leben ist wirklich wunderbar. Da kann man schon mal ignorieren, dass jemand im See statt eines Fisches einen Finger an der Angel hatte.
Doch langsam schleichen sich bei Clemens Freitag Zweifel ein. Dammwalds Gehalt ist zwar nicht schlecht, doch wie konnte er sich so ein Lebensunterhalt leisten? Warum glauben ehemalige Feriengäste, das Haus am See wäre abgebrannt? Und wieso würde jemand überhaupt ein so perfektes Leben verkaufen?
Ein absolut empfehlenswerter Roman, der nahezu unmerklich immer mehr an Spannung aufnimmt und sich mehr und mehr zu einem Krimi entwickelt.

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