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Veröffentlicht am 17.07.2019

Konnte mich weder erzählerisch noch atmosphärisch überzeugen

Der Garten über dem Meer
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Die Prämisse des Buches hat mich gereizt: ein Sommerhaus am Meer, ein Einblick in das Leben in Spanien vor dem Bürgerkrieg und der Diktatur, das Ganze berichtet durch einen eher unbeteiligten Beobachter. ...

Die Prämisse des Buches hat mich gereizt: ein Sommerhaus am Meer, ein Einblick in das Leben in Spanien vor dem Bürgerkrieg und der Diktatur, das Ganze berichtet durch einen eher unbeteiligten Beobachter. Ich dachte ein wenig an "The Enchanted April" - eine atmosphärische Geschichte, die uns die Schicksale und Hintergründe der Personen allmählich aufdeckt. Leider hat mich der vielbeschworene Zauber nicht erreicht.

Erzähler ist hier der Gärtner des Sommerhauses, der den üppigen Garten mit Hingabe und Können pflegt, in Trauer um seine früh verstorbene Frau gefangen ist und die Geschehnisse recht lakonisch berichtet. Das Haus gehört einem jungen wohlhabenden Paar, das die Sommermonate dort mit einem Kreis von Freunden verbringt. Über sechs Jahre hinweg berichtet uns der Gärtner von diesen Freunden, aber auch ihrem Umkreis.

Zu Beginn ist alles denkbar heiter, eine Gruppe Leute mit zu viel Geld und zu viel Zeit amüsiert sich recht oberflächlich und teils recht albern. Das Personal hat seine eigenen Querelen und der Gärtner beobachtet und berichtet uns. Es sind viele Personen, es werden auch immer mehr und die meisten davon blieben mir völlig fremd. Das war für mich der eine große Nachteil der Geschichte - wir erfahren die Charaktere aus der Distanz, manche tauchen Jahr für Jahr nur als vorbeischwebende Namen auf. Nur vereinzelt konnten sie mich etwas anrühren, die meisten blieben mir so weit entfernt, daß auch die Geschehnisse mich nicht berühren konnten.

Die Methode, alles über den Gärtner zu erfahren führt zudem zu für mich etwas seltsamen Konstrukten. Er beobachtet einiges, aber das meiste wird ihm zugetragen, vom Hauspersonal, von Nachbarn, von Dorfbewohnern, von anderen Angestellten usw. Das führt dazu, daß sich alle möglichen Leute umgehend zum Gärtner hingezogen fühlen und ständig bei seinem Häuschen auftauchen, um ihm ihre Seele zu entblößen oder ihm alles Mögliche über andere Menschen zu erzählen. Das ist unglaubwürdig und ging mir auch ein wenig auf die Nerven. Einmal sagt auch jemand: "Und wie kommt es, dass ich Ihnen das alles erzähle?" - Ja, genau das habe ich mich beim Lesen auch immer gefragt. Das Konstrukt hakt für mich schlichtweg.

Im Nachwort wird erwähnt: "Das eigentliche Element dieses Romans, das ist die Luft zwischen den Informationen, das ist seine Atmosphäre voller Schwingungen und Halbtöne." Ja, vieles wird nicht gesagt, vieles ergibt sich aus dem Zusammenhang, was an sich ganz interessant ist. Leider führt dies in Zusammenhang mit der o.e. Distanz zu den Figuren dazu, daß die Geschehnisse an mir vorbeiflossen. Von der Atmosphäre hatte ich mir ebenfalls mehr erwartet, auch wenn Haus und Garten durchaus reizvoll vor dem geistigen Auge auferstehen und die sich verändernde Stimmung über die Jahre gut eingefangen wird. Die "Luft zwischen den Informationen" führt an vielen Stellen zu nichtssagenden banalen Dialogen. Banal fand ich hier vieles. Auch stilistisch war dies nicht mein Buch. Ich habe es inspiriert vom sprachlich fulminanten "Nada" gelesen. Hier ist der Schreibstil aber leider so gar nicht bemerkenswert, oft nahezu flach und auch wieder: banal.

Insofern kann ich mich dem Lob für dieses Buch nicht anschließen. Die vielversprechenden Elemente waren für mich nicht gelungen umgesetzt, ich war nicht sonderlich berührt und auch nicht sehr beeindruckt.

Veröffentlicht am 03.02.2019

Eher Manifest als Entdeckungsreise

Der Wald
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Gut, es mag am irreführenden Klappentext liegen, aber ich hatte mir von diesem Buch etwas anderes erwartet. Eine Entdeckungsreise wird angekündigt und " Peter Wohlleben lässt uns den Zauber der Natur ...

Gut, es mag am irreführenden Klappentext liegen, aber ich hatte mir von diesem Buch etwas anderes erwartet. Eine Entdeckungsreise wird angekündigt und " Peter Wohlleben lässt uns den Zauber der Natur wiederentdecken und vermittelt ein tiefes Verständnis vom Leben und Zusammenleben der Bäume." Nachdem ich "Das geheime Leben der Bäume" vom gleichen Autor mit viel Vergnügen gelesen habe, erhoffte ich mir auch hier ein informatives und unterhaltsames Buch darüber, wie der Wald so "funktioniert", wie alles zusammenspielt - eine Entdeckungsreise eben. Diese Information findet sich in einem Kapitel auch - allerdings ist dieses Kapitel schon in "Das geheime Leben der Bäume" recyclet worden und so gab es da nichts Neues für mich.

Sonst berichtet Wohlleben sehr ausführlich über sich und seinen Werdegang, was wesentlich kürzer möglich gewesen wäre und drängt sich auch sonst im ganzen Buch immer ein wenig zu sehr in den Vordergrund. Dann erklärt er im Buch alles, was seiner Ansicht nach in der Forstwirtschaft und dem Umgang mit den Wäldern falsch gemacht wird. Er hat gute, nachvollziehbare Meinungen (gerade bei der ganzen verlogenen Jagdpraxis), aber ich wollte etwas über den Wald erfahren und kein Manifest lesen. Dieses Buch ist anscheinend auch als "Der Wald - ein Nachruf" erschienen, was wahrheitsgemäßer auf den Inhalt hinweist. So enthält das Buch einfach nicht das, was man erwartet, wenn man es kauft und die etwas arrogante Art, in der Wohlleben seine (wie gesagt: mit meinen durchaus übereinstimmenden) Meinungen vertritt, die Abwertung aller anderen, die leichte Heldenstilisierung, wenn er von seinen diversen Auseinandersetzungen mit Behörden uä berichtet - das las sich alles nicht besonders angenehm. Dabei hat er an sich einen sehr angenehmen Schreibstil und wenn er über die Zusammenhänge der Natur schreibt oder auch unterhaltsam von seinem Experiment mit Wald-Survival-Trainings berichtet, dann ist das lesenswert.

Letztlich ist in diesem Buch nicht enthalten, was angekündigt wird und so war es enttäuschend. Für mich wären es eigentlich nur zwei Sterne gewesen, aber unabhängig vom irreführende Klappentext sind hier tatsächlich gute Meinungen und Hintergründe enthalten. Vielleicht sollte man bei der sehr starken Vermarktung von Wohlleben und seinen Büchern ein wenig darauf achten, daß die Texte sich nicht wiederholen und nicht angekündigt wird, was gar nicht im Buch enthalten wird. So wird es hier gerade zu der Art von Kommerz-Hype, den Wohlleben doch laut seiner Texte gerade nicht schätzt.

Veröffentlicht am 22.01.2019

Langatmig und ungeordnet

Das Haus der Hildy Good
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Die Grundidee von "Das Haus der Hildy Good" ist interessant: die Icherzählerin ist eine Alkoholikerin, die dies aber selbst ganz anders sieht. Dadurch, das wir alle Geschehnisse aus Sicht von Hildy erfahren, ...

Die Grundidee von "Das Haus der Hildy Good" ist interessant: die Icherzählerin ist eine Alkoholikerin, die dies aber selbst ganz anders sieht. Dadurch, das wir alle Geschehnisse aus Sicht von Hildy erfahren, sind diese subjektiv gefärbt. Das ist (größtenteils) gut gemacht und es ist lesenswert, wie Hildy an ihrem Eigenbild der erfolgreichen Geschäftsfrau, die nur ab und an mal ein Weinchen trinkt, festhält. Aus Nebensätzen, eingestreuten Informationen entblättert sich nach und nach die Wirklichkeit. Das hat mir gut gefallen.

Leider ist das Buch aber ausgesprochen langatmig. Unwichtige Details werden ausführlich beschrieben, da wird (kein Textbeispiel, dient nur der Anschauung) nicht mal eine Tasse Tee gemacht, es wird das Wasser aufgesetzt, die Schranktüre geöffnet, der Tee hinausgeholt, in die Kanne gelöffelt, die genaue Herdtemperatur erwähnt, usw. Das Buch hätte auf die Hälfte der Seiten verzichten können und meines Erachtens dadurch nur gewonnen. Zehn Seiten am Stück beschreiben ausführlich den Kauf und die Dressur eines Pferdes, sowie ein stattfindendes Turnier. Eine Bootsfahrt mit Hummerfischern wird zu einer kleinen Vorlesung über die Hummerfischerei. Der Fund einer Wasserleiche wird mit dreiseitigen Ausführungen über den Prozeß des Ertrinkens und der Verwesungserscheinungen unter Wasser eingeleitet. Für das Verständnis des Buches sind diese Informationen nicht erforderlich, und während ich gut präsentierte Hintergrundinformationen durchaus zu schätzen weiß, waren diese hier an allen Stellen zu lang und unnötig. Dadurch wird das Lesen eher zur Aufgabe, als zum Spaß. Durchgehalten habe ich nur, weil mich Hildys Entwicklung interessierte.

Eingebettet ist Hildys Geschichte in ein Panorama der neuenglischen Kleinstadt, in der sie wohnt und als Maklerin arbeitet. Zu Anfang ist dies alles etwas vignettenhaft - Parties, Hausbesichtigungen, Unterhaltungen mit Handwerkern, die reiche neue Familie an Ort...das alles zieht an uns vorbei, von Hildy mit teilweise schön trockenem Humor berichtet. Teilweise ist dies unterhaltsam, teilweise belanglos. Gerade die detaillierten Kindheits- und Jugenderinnerungen Hildys habe ich irgendwann nur noch überflogen. Nach und nach kristallisieren sich die Verbindungen der erwähnten Leute hinaus und die diverse Erzählstränge finden sich zu einer Geschichte zusammen. Auch das eine gute Idee. Bestreut wird das Ganze unnötigerweise mit einer kleinen halb-übersinnlichen Note und dem Verweis von Hildy, daß sie von einer der in Salem als Hexen verurteilten Frauen abstammt. Relevant für die Geschichte? Nein. Unterhaltsam? Nicht sonderlich.

Dies ist neben dem zu ausführlichen Schreibstil für mich das zweite Problem des Buches. Es wird dies und das eingesprenkelt, aber ohne wirklich Relevanz und Einprägsamkeit. Viele interessante Themen (Hildys Beziehung zu ihrem Ex, die Probleme mit den erwachsenen Töchtern) werden angedeutet und ich hätte gerne mehr darüber gelesen (und dafür weniger über Pferdedressur oder Hummerfang), aber dies versickert in der ungeordneten Themenvielfalt.

Nachdem der Großteil des Buches recht gemächlich dahinplätschert, wird dann zum Finale recht viel aufgeboten. Für meinen Geschmack zu viel. Es kommt zu plötzlich, es ist, wie gesagt, zu viel und paßt nicht zum Rest des Buches. Und während die Unsicherheit über den tatsächlichen Ablauf vieler Dinge durch Hildys Erzählerperspektive an sich gut ist, wird es mir schlichtweg zu viel, wenn am Ende seitenlang etwas berichtet wird, von dem man dann nicht sicher ist, ist es Traum, ist es Halluzination, ist es passiert?

Die Langwierigkeit, die Unentschlossenheit und das übertriebene Ende haben dazu geführt, daß die an sich gute Idee durch schlechte Umsetzung zumindest für mich verdorben wurde.

Veröffentlicht am 11.07.2021

Zähe Klischeeansammlung

Der blutrote Teppich
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Ich war schon lange auf diese Krimi-Serie gespannt, in der es um Kriminalfälle im Hollywood der 1920er geht. Schon die Titelbilder sind ein Traum, herrlich einprägsam und markant. Als ich diesen Band zufällig ...

Ich war schon lange auf diese Krimi-Serie gespannt, in der es um Kriminalfälle im Hollywood der 1920er geht. Schon die Titelbilder sind ein Traum, herrlich einprägsam und markant. Als ich diesen Band zufällig günstig ergattern konnte, griff ich also gleich zu.

Leider war das Buch für mich eine Enttäuschung. Das lag hauptsächlich an zwei Punkten. Zunächst fiel mir auf, wie klischeehaft alles war. Der Privatdetektiv Hardy Engel ist genau so, wie man diese Privatdetektive der 20er und 30er aus wirklich jedem Buch, Film oder Theaterstück kennt. Desillusioniert, pleite, versoffen, nach außen hin abgebrüht und natürlich mit einer Schwäche für schöne Frauen. Das, was er denkt und sagt, ist ebenfalls Klischee pur, manchmal krümmt man sich beim Lesen geradezu, weil alles so unoriginell ist. Das wäre noch zu verschmerzen gewesen, ein gewisser Wiedererkennungswert kann Vorteile haben und immerhin hat er mit seiner deutschen Herkunft und seinem Weltkriegstrauma eine etwas originellere Facette. Dann wird ihm aber mit Polly eine Co-Ermittlerin zur Seite gestellt, bei der noch tiefer in die Klischeekiste gegriffen wird. Polly arbeitet die 08/15-Checkliste des kapriziösen, kecken Geschöpfes brav ab und ist damit nicht nur unfassbar nervig, sondern auch unfassbar vorhersehbar. Als sie ein Chili kocht, hätte ich die nächsten Zeilen genau so erwartet, wie sie dann auch präsentiert werden - das gab’s alles schon so oft. Und natürlich kreisen Hardys Gedanken sofort genauso um Polly wie es in jedem, wirklich jedem Buch, Film oder Theaterstück der Fall ist, in dem eine Frau und ein Mann eine gemeinsame Aufgabe angehen. Störend fand ich zudem mehrere Sätze, die vom Satzbau schlichtweg falsch sind. Sie lasen sich, wie schlecht aus dem Englischen übersetzt, was in einem auf Deutsch verfassten Buch verwunderlich ist.

Inmitten dieser Klischees plätschert der Fall dann gemächlich vor sich hin. Ermittelt wird ein wenig nebenbei, dazu noch oft dilettantisch, aber mit glücklichen Zufällen gesegnet - da weiß der Hausmeister eines Wohnblocks auch gerne mal spontan aus dem Kopf die neue Adresse eines Gesuchten, welche dieser - sonst extrem auf Geheimhaltung bedacht - in dem Fall eben mal fröhlich ausgeplaudert hat. Da alle möglichen Leute an der Ermittlung beteiligt sind, erfahren wir alle Fakten auch gleich mehrfach und werden Zeuge kleinerer öder Revierkämpfe. Ich hatte von Anfang an Mühe, in die Geschichte hineinzukommen, ab Seite 100 las ich nur noch in der Hoffnung, daß es irgendwann besser werden würde, ab Seite 150 war mir der Fall ebenso gleichgültig wie die Klischeecharaktere und irgendwann habe ich dann aufgegeben.

Lobenswert sind die Hintergrundinformationen, die auf sorgfältige Recherche und Begeisterung für das Sujet schließen lassen. Dieses Eintauchen in die Hollywoodwelt der 1920er hat mich ein wenig bei der Stange gehalten, allerdings trägt die umfangreiche Verwendung von Fakten und Namen zur Langatmigkeit des Buches bei. Ich breche selten ein Buch ab, aber diese zähe Klischeeansammlung konnte mich nicht annähernd begeistern.

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Veröffentlicht am 18.05.2021

Unangenehmer Schreibstil, Geschichte tritt zu sehr auf der Stelle

Hotel Weitblick
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Der Klappentext des Buches verspricht: „ein bitterböser Roman über das Leistungsdenken“ und einen „entlarvenden Blick auf die erlernten Handlungsweisen unserer Gesellschaft“ und deren „zutiefst beunruhigende ...

Der Klappentext des Buches verspricht: „ein bitterböser Roman über das Leistungsdenken“ und einen „entlarvenden Blick auf die erlernten Handlungsweisen unserer Gesellschaft“ und deren „zutiefst beunruhigende Ursprünge“. Die Handlung beschreibt ein dreitägiges Assessment Center, auf dem ein Geschäftsführer für eine Werbeagentur gefunden werden soll. Dies sprach mich an, ungesunde Firmenkulturen und ihre zerstörerische Wirkung habe ich in meinen Jahren bei zwei der sog. „Big Four“ zu Genüge erlebt. Ich freute mich auf einen psychologisch raffinierten Blick hinter die Kulissen sowohl solcher Veranstaltungen und Firmen als auch der selbsternannten Leistungsträger.

Das Lesen fiel mir leider von Beginn an schwer, denn die Autorin tut alles, um ihren Text möglichst unübersichtlich zu machen. Lange, vor Kommata wimmelnde Sätze, der völlige Verzicht auf Anführungszeichen (ganz oben auf meiner Liste unerfreulicher Stilmittel) und häufig auch auf notwendige Fragezeichen. Dazu abrupte Perspektivwechsel und gleichlautende Erzählstimmen. Solche Stilmittel sind für mich bei Büchern eher ein Warnzeichen, weil sie auf mich den Eindruck machen, daß hier Unkonventionalität und Tiefgang suggeriert werden sollen, und der Textinhalt mich häufig enttäuscht. Es war nicht anregend oder erfreulich, sich durch diesen unübersichtlichen Text zu arbeiten und er lohnte die Mühe jedenfalls für mich nicht, auch wenn es zwischendurch gelungene und treffende Sätze gibt.

Wie bereits erwähnt, klingen die fünf Erzählstimmen völlig gleich. Während der Seminarleiter sich wenigstens inhaltlich ein wenig abhebt, versinken die vier Teilnehmer in einem Einheitsbrei, so daß ich sie – bzw. ihre Hintergrundgeschichten & Probleme – kaum auseinanderhalten konnte. Es wird sehr tief in die Klischeekiste gegriffen. Die einzige Frau der Runde ist natürlich auch diejenige, deren psychische Probleme dazu führen, daß sie im mittleren Alter plötzlich ein Kind möchte, als ob bei Frauen alles auf einen Kinderwunsch hinführt. Sie ist auch diejenige, die sich ihre zukünftige Führungstätigkeit vorwiegend so ausmalt, daß sie die Agentur hübsch kuschelig einrichten möchte, mit Pflanzen, gemütlichen Sesseln etc., außerdem ist ihre Designerhandtasche ein wichtiges Identifikationsobjekt für sie. Auch die Männer entsprechen den gängigen Klischees, die uns zudem innerhalb der ersten Seiten schon auf dem Silbertablett serviert werden. Ein Teilnehmer berichtet uns von seiner Freude über seine Familie und ich war gespannt, wie wir nun allmählich die Maske des begeisterten Familienvaters fallen sehen werden. Auf der nächsten Seite erklärt er uns schon, daß ihm seine Familie auf die Nerven geht. In dieser Manier ist eigentlich alles über das Innenleben der Protagonisten bereits gesagt, bevor es richtig losgeht. Die Hoffnung, daß sich Weiteres allmählich enthüllt, erfüllt sich nicht.

Das Buch tritt fast überwiegend auf der Stelle, wiederholt die bereits gemachten Punkte immer wieder, ob nun in zähen Unterhaltungen, langatmigen Gedankengängen in Bandwurmsätzen oder Träumen. Die Konflikt zwischen Teilnehmern und Seminarleiter, bzw. den einzelnen Teilnehmern ist vom Anfang da, wird schnell auf plumpe Art hochgeschraubt und richtet sich dann ebenfalls in der Endlosschleife ein.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind – das kann man ohne Spoilergefahr schreiben, denn auch das wird schon auf den ersten Seiten dargelegt – die NS-Erziehungsprinzipien, damals niedergelegt von Johanna Haarer und noch bis in die 1980er als Ratgeber erhältlich. Wenn man bedenkt, daß das Buch 2020 spielt und die Protagonisten in ihren 30ern/40ern sind, also zu einer Zeit aufwuchsen, in der sich die Erziehung extrem gewandelt hat, ist dieser Aufhänger für mich nicht realistisch. Hätte das Buch zwei Jahrzehnte zuvor gespielt, wäre es glaubhafter gewesen. So aber konnte ich nur ziemlich befremdet den Kopf schütteln. Es gibt im Buch ein paar psychologisch gut dargestellte Momente, aber größtenteils war es mir zu plump und klischeebeladen. So waren also leider weder der Stil, noch der Inhalt, noch die Protagonisten mein Fall.

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