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Veröffentlicht am 09.05.2022

Jüdischsein in Deutschland

Nicht ohne meine Kippa!
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Klappentext von der Verlagsseite:

Mit Chuzpe gegen den Hass

Ohne Kippa geht Levi Ufferfilge nicht aus dem Haus. Tagtäglich bestreitet er mit dem kleinen Stück Stoff auf dem Kopf seinen Alltag. Doch das ...

Klappentext von der Verlagsseite:

Mit Chuzpe gegen den Hass

Ohne Kippa geht Levi Ufferfilge nicht aus dem Haus. Tagtäglich bestreitet er mit dem kleinen Stück Stoff auf dem Kopf seinen Alltag. Doch das Sichtbarsein als Jude bleibt nicht ohne Folgen: Antisemitische Anfeindungen, Beleidigungen und kuriose Begegnungen aller Art. Eine erhellende wie schockierende Erzählung über das Jüdischsein in Deutschland heute.

Levi Ufferfilges »Käppchen«, wie seine Großmutter liebevoll zu sagen pflegt, ist sein ständiger Begleiter. Die Kippa ist nicht nur sein liebstes Kleidungsstück, sondern sie erinnert ihn auch an die Zugehörigkeit zum Volk Israel, seiner Religion, seiner Kultur und daran, dass stets etwas über ihn wacht. Damit gehört er zu den wenigen Deutschen, die sichtbar als Juden zu erkennen sind. Dass es immer noch gefährlich sein kann, seinen Glauben so offen zu zeigen, hat auch er zu spüren bekommen. Ob im Zug, beim Einkaufen oder auf der Straße, oft muss er als Dauer-Interviewpartner, als Zuhörer und Tröster herhalten und ist Projektions- und Angriffsfläche für allerhand Klischees über Juden.

Manchmal ist es schwer, das auszuhalten. Doch Levi Ufferfilge lässt sich die Freiheit nicht nehmen, seine jüdische Identität offen zu zeigen. Damit ist er auch seinen Schülerinnen und Schülern ein Vorbild. Er lebt vor, wie man Religion, ihre Rituale und Traditionen, mit einem modernen Leben zusammenbringen kann und trägt damit dazu bei, das großartige jüdische Erbe wiederzuentdecken.
Autoreninfo von der Verlagsseite:

Levi Israel Ufferfilge, geboren 1988 im nordwestfälischen Minden, hat Jüdische Studien und Jiddistik studiert. Nach seiner Promotion ist er heute als Schulleiter der Jewish International School – Masorti Grundschule in Berlin tätig. Über seine Erfahrungen als sichtbarer Jude schreibt er auf Twitter unter dem Hashtag #juedischinschland und auf Facebook, wo seine Anekdoten eine große Leserschaft haben.
Erster Satz:

Schauen Sie sich den Buchdeckel noch einmal genau an.
Meinung:

Levi Israel Ufferfilge hat mir sehr deutlich gemacht, was Jüdischsein in Deutschland bedeutet. Es gibt immer mehr antisemitische und rassistische Vorfällt in Deutschland und jede neue Tat ist eine Tat zu viel. Es ist erschreckend, dass wir nichts aus der Vergangenheit gelernt haben und uns so verhalten.

Ufferfilge schildert diese Vorfälle sehr genau. Durch seinen humorvollen Schreibstil, der keineswegs die Vorkommnisse ins Lächerliche zieht, ist es sehr anschaulich und unterhaltsam. Gelinde gesagt, ich musste mich Fremdschämen. Wieso ist es so unbegreiflich und so schwer vorstellbar, dass man Juden, die Kippa tragen sieht? Wieso muss man das kommentieren? Warum muss man sie anfeinden? Es geht mir nicht in den Kopf hinein und bei wirklich jeder Szene im Buch habe ich den Kopf geschüttelt. Nicht weil ich es nicht glauben konnte, sondern weil ich es einfach unmöglich fand.

Levi Israel Ufferfilge erzählt auch viel aus dem jüdischen Leben und nicht nur über Anfeindungen. So ist dieses Buch nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Deutschland, sondern auch mit dem jüdischen Leben hier. Um Letzteres zu verdeutlichen, erzählt er immer wieder von seiner Familie und macht so vieles verständlicher.

Beim Lesen der zweihundertundacht Seiten habe ich viel gelernt und nicht nur vom jüdischen Leben, sondern auch jüdische Worte, die wir hier selbstverständlich nutzen.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und ich schwankte bei jeder Seite zwischen Fassungslosigkeit und Traurigkeit. Ein Buch, das jeder gelesen haben soll.

Fazit

Ein Buch, das einen auch nach dem Lesen nicht loslässt und zum Nachdenken anregt.

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.11.2021

Ein echter Pageturner

Die Kampagne
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Mit "Die Kampagne" ist Sam Bourne wieder ein packender Politthriller mit Maggie Costello als Protagonistin gelungen. Wie auch in seinen vorherigen Thrillern scheut er sich nicht brisante Themen anzusprechen. ...

Mit "Die Kampagne" ist Sam Bourne wieder ein packender Politthriller mit Maggie Costello als Protagonistin gelungen. Wie auch in seinen vorherigen Thrillern scheut er sich nicht brisante Themen anzusprechen. Dieses Mal me-too, die Macht von Social Media und sehr aktuell die Machenschaften im Wahlkampf.

Mit Natasha Winthrope hat er eine undurchsichtige Protagonistin geschaffen die nicht mit offenen Karten spielt. Immer mehr verstrickt sie sich in Lügen, so dass Maggie Costello sich fragt, ob sie nur für deren Machenschaften missbraucht wird. Denn Natascha Winthrope, eine erfolgreiche Anwältin wurde in ihrer Wohnung vergewaltigt. Als das mögliche Vorgehen der Tat immer mehr in Frage gestellt wird engagiert sie Maggie Costello, die ist sich zunächst sicher dass Natascha Winthrope in eine Falle gelockt wurde, aber immer mehr verstrickt sich ihre Mandantin in Widersprüche so dass Maggie Costello alles in Frage stellt.

Sunburn gelingt es bis zum Schluss die Spannung aufrecht zu erhalten um gerade die aktuellen Themen metoo und die Intrigen im Wahlkampf machen das Buch so spannend. Hinzu kommen die kurzen Kapiteln, die einen immer dazu verführen, dass man weiterlesen möchte. Ein wahrer Page-Turner.

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  • Handlung
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  • Spannung
Veröffentlicht am 27.09.2021

Ein Roadtrip der besonderen Art

Nur kurz leben
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Klappentext von der Autorenseite

Richie hat genug und klaut vierzehntausend Euro und ein Auto. Zu spät bemerkt er, dass er in dem Auto nicht alleine ist und ein ungeplanter Road Trip beginnt.

Richie ...

Klappentext von der Autorenseite

Richie hat genug und klaut vierzehntausend Euro und ein Auto. Zu spät bemerkt er, dass er in dem Auto nicht alleine ist und ein ungeplanter Road Trip beginnt.

Richie hat die Schnauze voll.
Immer hat er sich an die Regeln gehalten, das Leben gab ihm trotzdem nichts. Er beschließt, es selbst in die Hand zu nehmen und seinem Leben ein bisschen auf die Sprünge zu helfen: er beklaut eine Tankstelle und flüchtet mit gut vierzehntausend Euro sowie einem geklauten Auto Richtung Süden.
Dumm nur, dass auf der Rückbank des Autos Leon schläft …

Eine Geschichte über Selbstliebe und Freundschaft und darüber, dass es manchmal auch okay ist, wenn es nicht so läuft, wie man immer dachte, dass es laufen würde.

Autoreninfo von der Autorenseite:

Catherine Strefford, 1987er Dorfkind, lebt mit ihrem Mann, unter der Herrschaft zweier Katzen, in Schwerte.

Sie liest, gestaltet und schreibt Bücher. Am liebsten schreibt sie über das Menschsein und die Entwicklung dieser Menschen. Sie verabscheut Happy Ends und mischt Genres wie andere die Zutaten für Cocktails.

Tee ist ihr Kaffee, Twitter ihr Pausenhof und Kekse durchaus ein angemessenes Hauptnahrungsmittel.

Erster Satz:

Von Kopf bis Sohle durchschnittlich.

Meinung:

Zunächst Catherine Strefford hat den Preis im vergangenen Jahr verdient gewonnen. Über die knapp 150 Seiten ist mir der selbstzweiflerische und liebe Chaot Richie richtig ans Herz gewachsen. Ich war ja erst noch zweifelnd, wird mir ein Roman über einen jungen Mann gefallen, aber schon die ersten Seiten haben mich gefangenen genommen und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ein echter Pageturner, den ich sicherlich nicht das letzte Mal gelesen habe.

Richie berührt einen direkt. Mit seiner Vergangenheit, die alles andere als einfach war und seiner Angst vor Nähe. Er geht unter die Haut und auch heute noch, drei Wochen nach dem Lesen, denke ich noch über Richie nach. Alleine auf die Idee zukommen einen Tankstellenraub zu begehen und dann noch direkt ein an der Tankstelle stehendes Auto als Fluchtwagen zu nutzen, ist schon irre und weiß Gott nicht durchdacht. Aber etwas durchdenken tut Richie selten, nur wenn es um seine verkorkste Beziehung geht. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass er den Teenager auf der Rückbank nicht sieht. Ein wahnwitziges Roadmovie beginnt.

Oft musste ich über Richie den Kopf schütteln. Aber immer wieder sieht man, dass er nicht so ich ich-bezogen ist, sondern ein selbstloser junger Mann, der einfach zu viel Mist in seinem Leben erlebt hat. Gerade die Reise, die er mit Leon unternimmt, obwohl er einfach nur abhauen will und seine Schulden begleichen will, ist so toll, dass man ihn einfach lieb haben muss.

Catherine Strefford stellt Richie zunächst als Versager dar, abgebrochenes Studium, mehrere Jobs gleichzeitig um über die Runden zu kommen und in einer Bruchbude wohnend, dazu chronisch pleite. Aber ich sehe ihn nicht so, er hat viel Pech gehabt und steht sich auch oft selbst im Weg, aber er hat ein gutes Herz. Dann ist da noch Leon, der Junge auf dem Rücksitz und seine Reaktion fand ich im ersten Moment irritierend, als er erkennt, dass er entführt wurde. Aber nach einer Weile wurde mir sein Grund für die Reaktion da und da habe ich mich gefragt, würde ich auch so reagieren.

Ihr gelang es immer wieder während der ganzen Handlung mich zum Nachdenken anzuregen und je mehr die Seiten dahinflogen, hoffte ich, dass die beiden, das finden, was sie suchen. Auch das Ende war für mich stimmig, auch wenn sich manche, wohl ein anderes gewünscht hätten. Aber es wäre einfach zu kitschig gewesen.

Fazit

Ein rundum tolles Debüt über einen aberwitzigen Roadtrip, der mich sehr gut unterhalten hat, mit Charakteren, von denen ich gerne auch in Zukunft noch mehr lesen würde.

  • Einzelne Kategorien
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.09.2021

Einfach vertrauen

Zwischeneinander
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Klappentext von der Autorenseite

Was, wenn die Liebe vor einem steht, aber man nicht bereit dafür ist?

Richie setzt alles daran, seinem eigenen Glück im Weg zu stehen. Doch muss er wirklich erst sich ...

Klappentext von der Autorenseite

Was, wenn die Liebe vor einem steht, aber man nicht bereit dafür ist?

Richie setzt alles daran, seinem eigenen Glück im Weg zu stehen. Doch muss er wirklich erst sich selbst lieben, um von anderen geliebt werden zu können? Die Beziehung mit Maxi kann Richie nur anfangs genießen, denn unentwegt wartet er auf das Ende, von dem Richie sicher ist, dass es früher oder später kommen wird. Keine Liebe ist wie die andere und nichts Neues kann wachsen, so lange das Herz und die Seele noch mit dem Unkraut der Vergangenheit bewuchert sind.
Aber erkennt auch Richie das früh genug?

Der zweite Roman mit Richie, bekannt aus „Nur kurz leben“, ausgezeichnet mit dem 1. Platz des tolino media Newcomerpreis 2020.

Autoreninfo von der Autorenseite

Catherine Strefford, 1987er Dorfkind, lebt mit ihrem Mann, unter der Herrschaft zweier Katzen, in Schwerte.

Sie liest, gestaltet und schreibt Bücher. Am liebsten schreibt sie über das Menschsein und die Entwicklung dieser Menschen. Sie verabscheut Happy Ends und mischt Genres wie andere die Zutaten für Cocktails.

Tee ist ihr Kaffee, Twitter ihr Pausenhof und Kekse durchaus ein angemessenes Hauptnahrungsmittel.

Erster Satz:

“Bitte, bitte, bitte.” Stella umklammert Richies Arm, der seinen Kopf stützt, während er liest.

Meinung:

Ein Jahr lang musste der Leser auf Richie warten, bis man endich erfährt wie es mit ihm und seinen Leben weiter geht. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten, diesen wundervollen jungen Mann wieder zu erleben und Catherine Strefford hat mich mit “Zwischeneinander” nicht enttäuscht.

Dieses Mal ist es eine andere Art von Roadtrip, wir erfahren einiges aus Richies Vergangenheit, wie es so weit kommen konnte, dass er eine Tankstelle ausraubte und wieso er nicht vertrauen kann. So zusagen eine Zeitreise in die Vergangenheit und es ist alles schlüssig erklärt. Ich hätte Richie gerne des Öfteren angestupst und ihm gesagt, dass Maxi ein guter ist und er vertrauen soll. Denn wer hätte nicht gerne einen wie Maxi an seiner Seite.

Damit komme ich direkt zum zweiten wichtigen Charakter in “Zwischeneinander” und ja ich hab Maxi lieb gewonnen. Einfach ein toller Typ und ich habe ihn immer wieder für seine Geduld mit Richie bewundert und dass er an sie beide glaubt. Was tat er mir zwischendurch Leid. Maxi mit seiner Leidenschaft für Lakritz, mit seiner Ruhe bei seiner Teenagertochter, mit seinem Verständnis für Richie, bei all der Unsicherheit die Richie immer hatte. Ach Maxi ist einfach eine coole Socke.

Dann ist da noch Stella, Richies beste und älteste Freundin. Sie kennt ihn am besten und weiß auch weshalb Richie es so schwer hat mit Beziehungen. Sie macht ihm immer wieder Mut und dennoch schafft es Richie nicht.

Aufgeteilt ist “Zwischeneinander” in drei Teile. In einem Teil vor Leon, einem Teil in Richies Kindheit und Jugend und dann in der Zeit nach Leon. Die beiden ersten Teile sind wunderschön miteinander verknüpft und Himmel, ich hätte Holger am liebsten den Hals umgedreht. Sorry, ja er hat Probleme zu erkennen, welche sexuelle Orientierung er hat, aber Richie hat etwas Besseres verdient. Das hatte er dann auch mit Maxi, die beiden waren so süß miteinander.

Lach, ich schwärme von dem Buch. Das passiert mir immer wieder, wenn mich ein Buch begeistert, deshalb ist dieses Mal eine etwas andere Besprechung. Selten hat mich ein Buch so berührt wie dieses, denn ich kann Richie so gut verstehen. Vertrauen zu fassen, wenn man immer wieder verletzt wird ist so schwierig, aber manchmal kommt irgendwo ein Maxi her.

Einen Moment hat mir Catherine Strefford einen Schreckmoment eingejagt und ich dachte, tue es ja nicht. Mir liefen kalte Schauer über den Rücken und ich bekam Gänsehaut.

Der Schreibstil ist wieder so herrlich locker wie bei “Nur kurz leben” und ich habe jede Seite genossen. Wie auch der erste Band werde ich diesen hier noch mehrmals lesen und “Zwischeneinander” gehört eindeutig zu meinen Highlights des Jahres. Viel zu schnell ging die Zeit mit Richie, Maxi und Stella vorbei und ich hoffe so auf ein Wiedersehen mit dem Trio.

Fazit

“Zwischeneinander” von Catherine Strefford ist eine sehr gelungene Fortsetzung von “Nur kurz leben”, die ein echter Pageturner ist und mir Richie sehr viel näher gebracht hat. Einfach mal vertrauen, Richie. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 14.09.2021

Anstand in dunkler Zeit

Julius oder die Schönheit des Spiels
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Klappentext von der Verlagsseite:


Wimbledon, 1937.

Das legendäre Daviscup-Match zwischen Deutschland und den USA. Nicht nur die Sportwelt hält den Atem an, als Julius von Berg den Ball vor tausenden ...



Klappentext von der Verlagsseite:


Wimbledon, 1937.

Das legendäre Daviscup-Match zwischen Deutschland und den USA. Nicht nur die Sportwelt hält den Atem an, als Julius von Berg den Ball vor tausenden von Zuschauern in den blauen Himmel wirft. Aufgewachsen auf einer Burg über dem Rhein, hat er sein Tennistalent im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre zur Reife gebracht; ein internationaler Star, auf dem alle Blicke ruhen. Gebannt verfolgt Julie, seine Ehefrau, das Geschehen auf dem Rasen – ebenso wie die NS-Größen in der Nachbarloge, denn es steht so viel mehr auf dem Spiel als der greifbare Sieg. Selbstbestimmung oder Mitläufertum? Ruhm oder Schande? Unten, auf dem Centre Court, trifft Julius eine folgenschwere Entscheidung …

Julius oder die Schönheit des Spiels erzählt davon, was Menschen ausmacht, und erinnert – bei allem Eintauchen in eine andere Zeit – leise daran, dass Begriffe wie Anstand und Haltung zeitlos sind.


Autoreninfo von der Verlagsseite:


Tom Saller, geboren 1967, hat Medizin studiert und arbeitet als Psychotherapeut. 2018 erschien sein Debütroman Wenn Martha tanzt und wurde umgehend ein Bestseller, Ein neues Blau knüpfte 2019 an den großen Erfolg an. Tom Saller lebt in Wipperfürth, einer kleinen Stadt im Bergischen Land.


Erster Satz:


Der alte Mann passte nicht.


Meinung:

Ein Buch über Tennis? Das muss ich lesen, war mein erster Gedanke und ich bin froh darüber, dass ich es getan hat. Geht es nun mal nicht nur über Tennis, sondern auch über die Zeit des Nationalsozialismus und was es bedeutet in dieser Zeit anständig, respektvoll und fair zu sein.

Tom Saller entführt uns ins Rheinland zu Julius von Berg, einen jungen Mann aus einem Adelsgeschlecht, der ein unheimliches Talent für Tennis. Er kann ein Spiel lesen und lebt Tennis. Wort wörtlich er lebt Tennis. So sehr, dass er sich nichts sehnlicher vorstellen kann, als Tennisspieler von Beruf zu werden. Für die damalige Zeit, den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Unding. Seine Eltern bevorzugen eine juristische Ausbildung, die ihr Sohn, dann letztendlich in Berlin auch antritt, aber noch lieber steht er auf den Tennisplatz von Rot-Weiß Berlin.

Mit Julius von Berg hat Tom Saller einen Charakter geschaffen, der ganz nah an Gottfried Freiherr von Cramm ist, den deutschen Tennisbaron. Wie er ist Julius völlig dem Tennis verschrieben und Tennis bedeutet für ihn nicht nur gewinnen, sondern auch die Schönheit des Spiels, Anstand, Fairness und Respekt. Gerade letzteres wird nach der Machtergreifung 1933 immer schwieriger und Julius von Berg muss erkennen, dass es schwierig wird sich an die Werte seiner Kindheit zu halten, wenn die Politik etwas ganz anderes fordert.


Ich bin begeistert von dem jungen Mann und wie Tom Saller ihn dargestellt hat. Er zeigt ihn in all seinen Facetten und seinen Gedanken. Sei es in der Kindheit, wo er schon von den Mitschülern gehänselt wird, weil er anders ist, in der Jugend, wo er verstärkt sich um sein perfektes Tennis kümmert oder seine Anfangsjahre in Berlin. Saller bringt einen Julius nah, ohne einen alles auf dem Silbertablett zu servieren, man muss öfters zwischen den Zeilen lesen, um alles zu erfassen.


Julius bewahrt auch Anstand und Respekt seinen Gegnern gegenüber, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und ihn für ihre Zwecke vereinnahmen wollten. So wird das Tennismatch auf dem Center Court im Davis-Cup gegen die USA zu einem Stellvertreterkrieg.

Eingebettet ist dieser Charakter in eine wunderbar leicht zu lesende Handlung mit drei Erzählsträngen. Das hört sich im ersten Moment, vielleicht kompliziert an, aber das ist es gar nicht. Man kann sie sehr gut auseinander halten.


Der eine Erzählstrang handelt von Julius in den Jahren 1909 bis 1937 und erzählt seine Tenniskarriere, sein Leben und die drohende Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Dieser Teil wird direkt aus Julius Perspektive in der Ich-Form erzählt, so ist man ihm auch direkt ganz nah und man bekommt hautnah mit wie er seinen jüdischen Mitspielern zur Flucht verhilft, wie er sich in einen Mann verliebt und wie er in Gefahr kommt.


Der zweite Erzählstrang handelt wieder von Julius, allerdings aus der Jahr 1938. Hier gibt es uns seine Gedanken wieder und all dies wird in Präsens geschrieben. Sehr direkt, deutlich und auch erschütternd.


Der dritte Erzählstrang spielt im Jahr 1984 wieder in Wimbledon und hier ist nun Julius von Bergs Finalgegner der Erzähler. Gerade das erste Auftreten von ihm hat mich begeistert, wie er einschritt und erkennt, dass sich nicht viel verändert hat zu der Zeit von damals. Jedenfalls nicht, wenn es um die Sexualität geht.


Alle drei Erzählstränge zusammen ergeben ein gutes Bild von Julius von Berg und dem Geschehen damals.


Als besonders habe ich es empfunden, dass auf von der Stimmung her schöne Kapitel traurige gekommen sind. Wobei die schönen Kapitel länger waren und die traurigen immer sehr kurz gefasst waren. Ein tolles Stilmittel und hat für mich dieses Buch zu etwas besonderen gemacht.


Fazit


“Julius und die Schönheit des Spiels” von Tom Saller ist ein wundervoller Roman mit historischem Hintergrund über was es bedeutet auch in dunklen Zeiten an seinen Werten Anstand, Fairness und Respekt festzuhalten.

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