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Yolande

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Veröffentlicht am 24.09.2020

Der Wahnwitz des Krieges

Eine Frage der Zeit
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Inhalt (Klappentext):

Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte: 1913 beauftragt Kaiser Wilhelm II. drei norddeutsche Werftarbeiter, ein Dampfschiff in seine Einzelteile zu zerlegen und am Tanganikasee ...

Inhalt (Klappentext):

Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte: 1913 beauftragt Kaiser Wilhelm II. drei norddeutsche Werftarbeiter, ein Dampfschiff in seine Einzelteile zu zerlegen und am Tanganikasee südlich des Kilimandscharo wieder zusammenzusetzen. Der Monarch will damit seine imperialen Ansprüche unterstreichen. Zur gleichen Zeit beauftragt Winston Churchill den exzentrischen, aber liebenswerten Oberstleutnant Spicer Simson, zwei Kanonenboote über Land durch halb Afrika an den Tanganikasee zu schleppen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, liegen sich Deutsche und Briten an seinen Ufern gegenüber. Keiner will, aber jeder muss Krieg führen vor der pittoresken Kulisse des tropischen Sees. Alle sind sie Gefangene der Zeit, in der sie leben, und jeder hat seine eigene Art, damit fertig zu werden.

Meine Meinung:

Das Buch beginnt mit dem Kapitel Nachspiel. Anton Rüter, einer der drei Werftarbeiter, taucht völlig erschöpft und derangiert irgendwo in Afrika auf. Woher er kommt und was mit ihm passiert ist bleibt unklar, auch der genaue Zeitpunkt wird nicht genannt. Eigentlich ein guter Einstieg, den danach beginnt die chronologische Erzählung dieser kuriosen, aber auf Tatsachen beruhenden Geschichte. Auch die handelnden Personen sind meist historisch belegt. Der Start ist sehr gemächlich. Die drei Arbeiter, die mehr oder weniger freiwillig auf diese Mission gehen, werden sehr ausführlich vorgestellt und auch der Dampfer, der diese ungewöhnliche Reise antritt, wird detailliert beschrieben. Die Geschichte geht ihren Gang, nimmt aber nie so richtig Fahrt auf. Die Werftarbeiter, die recht unbefangen in Ost-Afrika eintreffen, sind zunächst irritiert über das Leben dort und wie die Kolonisten ihren europäischen Lebensstil unverändert unter den afrikanischen Verhältnissen fortführen wollen. Schockiert sind sie über den Umgang mit der einheimischen Bevölkerung, aber so nach und nach arrangieren sie sich mit den gegebenen Umständen. Am intensivsten und stärksten empfand ich den Teil der Geschichte, als der Krieg ausbricht und seinen ganzen Wahnwitz und Irrsinn zeigt. Die unbeteiligten Arbeiter werden zwangsrekrutiert, aus Handelspartnern und Nachbarn werden Feinde, die es zu vernichten gilt. Lagen gestern noch das belgische und das deutsche Boot einträchtig nebeneinander im Hafen, wird heute das eine durch das andere gnadenlos beschossen und versenkt.

Der englische Kapitän Geoffrey Spicer Simson wird als lächerlicher Mann dargestellt. Er war wohl ein ziemlich exzentrischer Zeitgenosse, aber hier hat mir der Umgang des Autors mit dem Charakter nicht gefallen, ich empfand ihn als respektlos. Von der Erzählung über den Transport der beiden englischen Kanonenboote von England an den See habe ich mir ebenfalls mehr versprochen. Es werden zwar ein paar Schwierigkeiten geschildert, aber das Ganze wird recht unspektakulär abgehandelt. Ich habe im Nachgang auf Wikipedia die Geschichte der HMS Mimi und HMS Toutou gelesen und dieser Eintrag las sich spannender als das ganze Buch.

Der Fokus von Capus lag mehr auf dem Irrsinn eines Krieges, der tausende von Kilometern von den eigentlichen Schauplätzen entfernt ausgetragen wird. Das hat das Buch gut rübergebracht, war mir persönlich aber zu wenig.

Fazit:

Die Geschichte plätschert so vor sich hin, viele Schicksale bleiben ungeklärt und vage. Schade, ich hätte mir mehr Abenteuer erhofft.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.09.2020

Wo ist das Glück?

Dieses entsetzliche Glück
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Inhalt (Klappentext):

Hollyhock, eine Kleinstadt irgendwo in Virginia: von hier kommen sie, von hier fliehen sie, hierhin kehren sie zurück, manche für immer. Fünfzehn Menschen, fünfzehn Leben, die miteinander ...

Inhalt (Klappentext):

Hollyhock, eine Kleinstadt irgendwo in Virginia: von hier kommen sie, von hier fliehen sie, hierhin kehren sie zurück, manche für immer. Fünfzehn Menschen, fünfzehn Leben, die miteinander verbunden sind. Da sind Robert und Amy, die vor einem Jahr eine Vereinbarung getroffen haben: sie dürfen beide mit anderen schlafen, was Robert gar nicht will. Da ist Aiko, die glücklich sein könnte mit Alex, der eine Zuversicht ausstrahlt, die sie von ihrem Bruder Kenji kennt, doch das Glück will sich nicht einstellen. Da ist Dan, dessen Ehe in die Brüche ging und der ahnt, dass auch die seiner Schwester Amy auf der Kippe steht. Da ist Kenji, der sich als Schriftsteller versucht, und Lucy, die sich zu ihrer eigenen Überraschung in eine Frau verliebt. Und da ist Basil, der ein Geheimnis mit sich trägt, von dem in Hollyhock niemand etwas ahnt.

Meine Meinung:

Ich bin kein großer Freund von Kurzgeschichten und Erzählbänden. Ich möchte gern in eine Geschichte eintauchen, der Entwicklung oder dem Lebensweg eines Charakters folgen. Deswegen war ich zu Beginn der Lektüre dieses Buches hin- und hergerissen. Die wunderbare Sprache und der Erzählstil von Annette Mingels haben mich sofort überzeugt und so nach und nach haben sich auch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten verdichtet. Der gemeinsame Kosmos ist Hollyhock, eine Kleinstadt im Südosten der USA und somit ergeben sich zwangsläufig Verbindungen und es war immer wieder spannend, wie sich die Meinungen und Blickwinkel auf die verschiedenen Charaktere von Geschichte zu Geschichte ändern konnten. Keine der Erzählungen ist sonderlich spektakulär, erzählt wurde meist alltägliche Begebenheiten, mitunter etwas skurril, aber mit der Zeit ergaben die einzelnen Puzzlestücke ein Gesamtbild. Der Buchtitel zeigt, dass die Protagonisten nicht immer ein erfülltes und glückliches Leben führen. Meist haben sie nur eine "lauwarme Existenz", wie der Schriftsteller Kenji im Buch etwas ungnädig über seinen Vater urteilt. Aber wie jedes menschliche Wesen sind sie auf der Suche. Der Suche nach dem manchmal "entsetzlichen" Glück, auch wenn es nur darin besteht, wenn Basil heimlich durch das Fenster im Elternhaus seines Kindheit- und Jugendfreundes Kenji späht, den er heimlich liebt und deswegen die größtmöglichste Distanz zwischen ihm und sich legen musste.

Fazit:

In beeindruckender Weise hat die Autorin die Fäden zwischen den Geschichten und den Menschen darin verknüpft, ein großartiges und wunderbares Leseerlebnis.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.08.2020

Wespennest

Die letzte Geliebte
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Inhalt:

Das Jahr 1923 ist angebrochen. Das Land wird regiert von einem Präsidenten, der es nicht so genau nimmt mit Anstand und Moral. Skandale erschüttern die politische Elite – aber an der Westküste ...

Inhalt:

Das Jahr 1923 ist angebrochen. Das Land wird regiert von einem Präsidenten, der es nicht so genau nimmt mit Anstand und Moral. Skandale erschüttern die politische Elite – aber an der Westküste hat man andere Probleme. Vor allem Privatermittler Hardy Engel, dessen neuester Auftrag ihn mitten hineinführt in den Sumpf von Hollywoods Geheimnissen. Und diesmal stinkt die Sache wirklich zum Himmel. »Finden Sie heraus, was Will Hays für Dreck am Stecken hat. Ich will diesen Heuchler zu Fall bringen!« – Mit diesem Satz beginnt für Hardy Engel sein bislang schwierigster Fall. Will Hays: oberster Boss von Hollywood, der Saubermann des Filmgeschäfts. Aber Engel weiß nur zu gut: gerade die mit den weißesten Westen haben am meisten zu verbergen. Und tatsächlich: Ex-Politiker Hays pflegt nicht nur regen Kontakt zum Ku-Klux-Klan, der gerade rasanten Zulauf erlebt und immer brutaler agiert. Es gibt auch eine junge, geheimnisvolle Frau, über die er seine Hand hält. Ist sie Hays’ Geliebte? Oder deckt er einen anderen, noch mächtigeren Mann, dessen Verhältnis mit ihr nicht auffliegen darf? Als Engel und seine Gefährtin Polly anfangen, tiefer zu graben, wird klar: Hier geht es um eine Affäre, die höchste politische Kreise betrifft. Wer ist der mächtige Mann im Schatten? Gibt es nur die eine mysteriöse Geliebte? Engels Gegenspieler schrecken jedenfalls vor nichts zurück. Und die erste Leiche lässt nicht lange auf sich warten …

Meine Meinung:

Dies ist bereits der dritte Teil um den deutschstämmigen Ermittler Hardy Engel und wie auch schon in den vorherigen Bänden schont der rechtschaffene Privatdetektiv weder sich noch andere. Ursprünglich engagiert um dunkle Flecken auf der Weste des mächstigsten Mannes von Hollywood, Will Hays, zu finden und aufzudecken, sticht Engel in ein Wespennest von Korruption, Fremdenhass, Erpressung und Vertuschung, deren Auswirkungen bis in allerhöchste Kreise reichen und deren Handlanger auch vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken. Der Autor Christof Weigold hat wieder sehr ausführlich und gut recherchiert und aus realen Begebenheiten und Personen, gemischt mit fiktiven Charakteren, einen spannenden und unterhaltsamen Krimi geschrieben. Beschrieben wird ebenfalls das Wiedererstarken des Klu-Klux-Klan, der eigentlich schon totgesagt war und durch den Stummfilm "The Birth of a Nation" von 1915 neu gegründet wurde. Dies zeigt deutlich, welch starken Einfluss das neue Medium "Film" damals auf die Menschen hatte und man kommt nicht umhin, Parallelen zum heutigen Medium "Internet" zu ziehen. Die Szenen aus dem Umfeld des Klu-Klux-Klan sind beklemmend und ungeschönt, so dass ich stellenweise schon etwas schlucken musste. Auch der Blick hinter die glitzernden Kulissen der Traumfabrik Hollywood ist erschreckend und ernüchternd. Ruhm und das große Geld standen, und stehen wahrscheinlich immer noch, im Vordergrund, so dass man auf menschliche Schicksale keine Rücksicht nehmen kann oder will. Ob diese große Verschwörung, die Weigold auch schon in den ersten beiden Bänden thematisierte, der Wahrheit entspricht, sei mal dahingestellt. Der sympathische Hauptprotagonist und seine nicht minder sympathischen Sidekicks Polly und Buck lohnen auf jeden Fall die Lektüre. Ich hoffe sehr, dass dies nicht der letzte Ausflug ins Hollywood der 1920er Jahre war.

Fazit:

Sehr unterhaltsam und spannend, trotz der etwas ungeschönten und brutalen Szenen rund um den Klu-Klux-Klan. Ein sehr informativer und gut recherchierter Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.08.2020

Fugitive Red

Seitensprung
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Die Geschichte fängt ganz harmlos an. Der Ich-Erzähler Jack Harper ist unzufrieden mit seinem Leben und seiner Ehe. Sein früherer Traum einer Musikerkarriere hat sich zerschlagen, nun arbeitet er als mittelmäßig ...

Die Geschichte fängt ganz harmlos an. Der Ich-Erzähler Jack Harper ist unzufrieden mit seinem Leben und seiner Ehe. Sein früherer Traum einer Musikerkarriere hat sich zerschlagen, nun arbeitet er als mittelmäßig begabter Immobilienmakler. Auch mit seiner Frau Maria gibt es Probleme. Sie haben schon seit Jahren keinen Sex mehr und sind zu einer Zweckgemeinschaft geworden, die sich um den gemeinsamen Sohn Jonah kümmert, der nicht als Scheidungskind aufwachsen soll. Ein Bekannter als alten Musikerjahren erzählt Jack von der Dating-Seiten "Discret Hookups", auf der sich meist verheiratete Menschen zu einem unverbindlichen Seitensprung verabreden können. Trotz moralischer Bedenken meldet sich Jack bei dieser Seite an und beginnt einen heißen Flirt-Chat mit einer Frau, die sich "Fugitive Red" nennt, was übrigens der englische Originaltitel des Buches ist. Jack lebt durch diese positive Bestätigung förmlich auf und als "Fugitive Red", die eigentlich Sophie heißt, ein Treffen vorschlägt, ist er einverstanden. Allerdings plagt ihn auch das schlechte Gewissen seiner Frau gegenüber, er ist kein skrupelloser Fremdgänger. Als Jack zu der Verabredung geht, wird eine aberwitzige Spirale von Tod und Gewalt in Gang gesetzt, an der er fast zu zerbrechen droht.

Die Geschichte ist sehr spannend und wird durch die aberwitzige Zuspitzung immer dramatischer. Durch die Ich-Perspektive ist der Leser immer bei den Gedanken von Jack, der wahrlich kein gefestigter, aber durchaus sympathischer Charakter ist. Auf dem Höhepunkt der Ereignisse scheint ihm sich die Waage der Gunst wieder zuzuwenden und ich war fast ein wenig enttäuscht durch die unspektakuläre Entwicklung, aber der Autor bietet noch einen sensationellen Twist auf, der aus dem an sich schon guten Thriller einen sehr guten macht. Chapeau, das war sehr überraschend und gelungen und macht mich doch sehr neugierig auf weitere Bücher des Autors.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.07.2020

Schwere Zeiten

Ich bleibe hier
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Inhalt (Klappentext):

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger ...

Inhalt (Klappentext):

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

Meine Meinung:

Der Erzählton war für mich zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Die Ich-Erzählerin Trina schreibt eine Art Brief an ihre Tochter Marica und erzählt ihre Lebensgeschichte. Der Ton ist nüchtern und erscheint teilweise emotionslos, aber mit der Zeit wird klar, dass Trina, so wie ihre ganze Familie oder vielleicht auch der Menschenschlag ihrer Region, ihre Gefühle schwer zeigen kann und lieber versucht, auch nach harten Schicksalschlägen, alles mit sich selbst auszumachen und nach vorne zu blicken. Es sind schwere Zeiten, die Trina erlebt. Die Südtiroler, die sich eigentlich mehr zu Österreich, bzw. Deutschland gehörig fühlen, werden durch die Faschisten unter Mussolini zwangs-italianisiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Ein Fakt, der mir bisher nicht bekannt war. Durch den Pakt mit Hitler wurden sie vor die Wahl gestellt - ihre Heimat verlassen, um ihre deutsche Identität zu behalten oder dazubleiben und ihr Deutschsein quasi aufzugeben. Eine Riss, eine unheilbare Wunde, die sich durch die Gemeinschaft zog und auch vor Familien nicht halt machte. Erstaunlicherweise wurden hier Hitler und die Nazis sogar als das kleinere Übel betrachtet.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt Trinas Jugend und junges Erwachsensein, mit all den zuvor geschilderten Schwierigkeiten. Im zweiten Abschnitt erzählt Trina ihre Erlebnisse aus dem Krieg, unbeschönigt und erschreckend, aber mit klaren Worten. Diesen Teil empfand ich am intensivsten. Zuletzt geht es um den Kampf gegen den Staudamm und die Vertreibung der Dorfbewohner. Schonungslos wurden wirtschaftliche Interessen einiger Wenige vor die Rechte und Befindlichkeiten der betroffenen Bevölkerung gestellt. Man merkt Trina die Zermürbung an, sie gibt zwar nicht auf, aber der Tonfall ist nicht mehr so eindringlich, so dass die Geschichte leider auch ein wenig an Intensität verliert.

Der Autor Marco Balzano erläutert in einem sehr guten und informativen Schlusswort seine Beweggründe, diese Geschichte, die wahre und historisch belegte Hintergründe hat, zu erzählen.

Fazit:

Eine berührende und gut erzählte Geschichte, die leider am Ende ihre Intensität etwas verliert, trotzdem sehr beeindruckend und lesenswert.

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  • Handlung
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