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Veröffentlicht am 25.04.2022

Der unaufhaltsame Zerfall einer Familie

Das Versprechen
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Das Buch erzählt von dem Zerfall der weißen Familie Swart vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Südafrika, angefangen 1986 als noch Apartheid herrschte bis zum Jahr ...

Das Buch erzählt von dem Zerfall der weißen Familie Swart vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Südafrika, angefangen 1986 als noch Apartheid herrschte bis zum Jahr 2018 und wurde mit dem Booker Preis 2021 ausgezeichnet.
Die Geschichte ist in vier Abschnitte unterteilt und beginnt mit dem Tod der Mutter Rachel. Die einzelnen Familienmitglieder gehen sehr unterschiedlich mit diesem Verlust um, aber schnell wird klar, dass es keinen richtigen Familienzusammenhalt gibt. Zwischen den einzelnen Abschnitten vergehen immer 9-10 Jahre und jeder von ihnen ist geprägt von den jeweils vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Zuständen im Land. Vielleicht hat mir deshalb der zweite Abschnitt am besten gefallen, im Jahr 1995 war das Apartheidsregime Vergangenheit, Nelson Mandela war Präsident und das ganze Land zur Versöhnung bereit. Hier hatte ich wirklich das Gefühl eine unterhaltsame Familiengeschichte erzählt zu bekommen. Leider konnte sich die Begeisterung nicht halten, wie die gute Stimmung im Land verschwand auch mein Interesse wieder und das hing vor allem mit dem äußerst gewöhnungsbedürftigen Schreibstil zusammen. Es handelt sich um einen unablässigen Erzählstrom, bei dem nichts voneinander abgegrenzt ist. Wörtliche Rede, tatsächliche Handlung oder innere Monologe wechseln ohne Satzzeichen miteinander ab, selbst Perspektiven verändern sich mitunter innerhalb eines Satzes. Es benötigt schon einiges an Konzentration, um hier den Faden nicht zu verlieren. Vieles wird nur indirekt erzählt, so erfährt man manche Teile der Handlung nur aus zweiter Hand, eben durch Gedanken oder Gespräche. Die allermeisten Charaktere bleiben leider nur an der Oberfläche und gerade die weiblichen Figuren werden doch sehr dümmlich und hohl dargestellt. Eine Ausnahme ist die jüngste Tochter Amor, aber auch bei diesem Charakter fehlte mir der Zugang, mir ist nie so ganz klar geworden, warum sie so ist wie sie ist.
Am stärksten ist die Sprache, es gibt mitunter wunderbare Formulierungen.
"Jetzt steigt jemand von der anderen Seite den Hügel hinauf. Eine menschliche Gestalt kommt näher, gewinnt langsam an Kontur, Alter, Hautfarbe und Geschlecht, streift eines nach dem anderen über wie Kleidungsstücke, bis sie schließlich einen schwarzen Jungen vor sich sieht, dreizehn Jahre alt, wie sie, in zerfetzten Hosen und löchrigem T-Shirt, mit kaputten takkies an den Füßen."
Oft ist diese Darstellungsweise noch mit einem leicht ironischen oder humorvollen Unterton durchsetzt und das ist auch der Grund, weshalb das Buch von mir noch 3 Sterne bekommt. Ansonsten hat die Geschichte meine (vielleicht zu hohen) Erwartungen leider nicht erfüllen können.

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Veröffentlicht am 07.04.2022

Ein interessanter Ausflug in die spanische Historie

Die Jüdin von Toledo
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Lion Feuchtwanger gehörte zu den einflussreichsten Literaten der Weimarer Republik. In seinen Werken beleuchtete er immer wieder das schwierige Leben der Juden in den verschiedensten Jahrhunderten. Er ...

Lion Feuchtwanger gehörte zu den einflussreichsten Literaten der Weimarer Republik. In seinen Werken beleuchtete er immer wieder das schwierige Leben der Juden in den verschiedensten Jahrhunderten. Er war einer der Ersten, die die Gefahr durch Hitler und die NSDAP erkannten und ging während der NS-Zeit ins Exil, zuerst nach Frankreich, später dann in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1958 lebte.

Die Jüdin von Toledo erzählt die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Jehuda Ibn Esra und seiner Tochter Rachel, die im 12. Jahrhundert in Toledo, der Hauptstadt Kastiliens, lebten. Jehuda ist der Geldbeschaffer und Kronrat Königs Alfonso VIII. Es ist die Zeit der Kreuzzüge und der Reconquista, die südliche Hälfte Spaniens gehört noch zum muslimischen Reich (al-Andalus). Auch die jüdische Bevölkerung wird nur geduldet und obwohl der König ein großes Misstrauen gegenüber Jehuda hegt und lieber heute als morgen in den Krieg gegen die Ungläubigen ziehen will, profitiert sein Königreich von dem wirtschaftlichen Sachverstand des Juden und dem herrschenden Frieden. König Alfonso nimmt sich die Tochter Jehudas zur Nebenfrau und zwischen ihm und Rachel entsteht eine große Liebe und Leidenschaft, wodurch er sich völlig von seiner Ehefrau Leonor zurückzieht. Diese brennt deshalb vor Eifersucht und sie versucht, die Kriegsleidenschaft ihres Mannes zu entfachen, weil sie glaubt, dadurch würde er die Liebe zu Rachel vergessen. Sie sät Misstrauen gegenüber den Entscheidungen Jehudas und sucht sich Unterstützer, die den "Heiligen Krieg" ebenfalls befürworten. Schließlich gelingt es ihr und Alfonso bricht den Friedensvertrag mit dem Emir von Sevilla. Obwohl die spanischen Ritter in der Unterzahl sind, stürzen sie sich in die Schlacht gegen die Muslimen und werden bei Alarcos vernichtend geschlagen. Die bestürzte Bevölkerung Toledos sucht einen Sündenbock für diese fatale Niederlage, es gehen Gerüchte um, die Juden hätten den Moslems die Kriegspläne verraten. Leonor facht diese Geschichten noch an und ihr Racheplan gelingt. Rachel und ihr Vater werden vom Mob ermordet. Alfonso wendet sich nun endgültig von Leonor ab. Durch den Verlust seiner Geliebten und die wirtschaftlich verheerenden Auswirkungen des Krieges wandelt sich der König, er schließt einen neuen Friedensvertrag mit den Muslimen und führt sein Land zu neuer Blüte.
Trotz seiner etwas altertümlichen Sprache lässt sich das Buch sehr gut lesen. Es wird zwar als Liebesgeschichte angepriesen, aber meiner Meinung nach ist es vielmehr ein interessanter und informativer Ausflug in die spanische Historie. Trotz der Glaubenskriege leben Christen, Juden und Muslime in Spanien noch Seite an Seite und profitieren von den verschiedenen Kulturen. Aber die Verachtung gegenüber den anderen ist immer spürbar, es schwelt unter der Oberfläche. Jede Gruppe fühlt sich den Andersgläubigen gegenüber moralisch und intellektuell überlegen und angefacht durch christlichen Klerus kommt es schließlich zur Katastrophe. Eigentlich kann man sich nur an den Kopf greifen, aber wie die aktuellen Ereignisse zeigen, hat die Menschheit bis heute nichts dazugelernt.
Die Geschichte hat mir gut gefallen, es gibt zwar ein paar Längen und gerade zu Beginn sollte man konzentriert lesen, um die ganzen Beziehungen und Scharmützel zwischen den einzelnen Herrscherhäuser und Landstrichen zu verstehen. Es hat mir richtig Lust gemacht, mich näher mit der spanischen Historie zu beschäftigen und was will man von einem Buch mehr erwarten. Ich denke, es wird nicht mein letztes Buch von Lion Feuchtwanger gewesen sein. Ein sehr empfehlenswerter Historienklassiker.

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Veröffentlicht am 11.03.2022

Leider viel zu melodramatisch

Der Junge, der vom Frieden träumte
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Die Geschichte handelt von dem jungen Palästinenser Ahmed, der es durch seine mathematische und naturwissenschaftliche Begabung schafft, aus dem ewigen Kreislauf von Hunger und Gewalt zu entfliehen.

Die ...

Die Geschichte handelt von dem jungen Palästinenser Ahmed, der es durch seine mathematische und naturwissenschaftliche Begabung schafft, aus dem ewigen Kreislauf von Hunger und Gewalt zu entfliehen.

Die Autorin Michelle Cohen Corasanti ist eine US-amerikanische Jüdin. Sie wuchs in einem streng religiösen Elternhaus auf und kannte nichts von der palästinensischen Geschichte. Als sie zum Studium nach Israel ging, lernte sie dort die arabischen Israelis kennen und war entsetzt über die Lebensumstände dieser unterdrückten Bevölkerungsgruppe. Als die erste Intifada ausbrach kehrte sie in die USA zurück. Dort lernte sie einen jungen palästinensischen Doktoranden kennen, der ihr viel aus seinem Leben erzählte.

Es handelt sich hier um ein Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung doch ziemlich unter dem Radar lief. Die Situation in den israelisch besetzten Gebieten aus der Sicht der Palästinenser zu erzählen, ist meines Erachtens wichtig und notwendig, damit es für einen Außenstehenden möglich ist, sich ein genaueres Bild zu machen. Ich habe schon Bücher der israelischen Seite gelesen und da stellt sich doch vieles anders dar. Leider ist es der Autorin aber nicht gelungen, einen anspruchsvollen Roman zu schreiben. Schon die Entscheidung, die Geschichte aus der Ich-Perspektive des jungen Palästinensers Ahmed zu schreiben, finde ich eher unglücklich. Meiner Meinung wäre hier ein neutraler Erzähler vielleicht die bessere Wahl gewesen. So rutscht die Geschichte leider oft ins Melodramatische, stellenweise Kitschige ab. Auch die Sprache war mir für dieses ernste Thema zu schlicht geraten. Ist es am Anfang noch hinnehmbar, da es sich um einen kleinen Jungen handelt, so wird es später immer ärgerlicher. Dabei ist die Kernbotschaft des Buches so wichtig: Durch brutale Unterdrückung und die Verhinderung von Wohlstand und Bildung schafft man nur Hass und radikale Gegenwehr. Ich hatte schon vor der Lektüre Zweifel, da der Titel schon einen Hang zum Kitsch vermuten lässt. Leider wurden meine Erwartungen bestätigt. Schade, denn diese Problematik hätte mehr Niveau verdient.

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Veröffentlicht am 07.03.2022

Bröckelnde Fassaden

Kleine Paläste
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Das Buch hat einen etwas ungewöhnlichen Einstieg. Die Mutter Sylvia erzählt selbst von ihrem Tod, in dessen Folge ihr Sohn Hanno nach langer Zeit in sein Elternhaus zurückkehrt, um sich um seinen demenzkranken ...

Das Buch hat einen etwas ungewöhnlichen Einstieg. Die Mutter Sylvia erzählt selbst von ihrem Tod, in dessen Folge ihr Sohn Hanno nach langer Zeit in sein Elternhaus zurückkehrt, um sich um seinen demenzkranken und pflegebedürftigen Vater Carl zu kümmern. Hanno ist von dieser Aufgabe schnell überfordert, schließlich ist der Vater der Grund, weshalb er sein Zuhause gemieden hat. Dann gibt es die Nachbarin Susanne, etwa im gleichen Alter wie Hanno. Sie lebt nach dem Tod ihrer Eltern allein und beobachtet tagtäglich das Nachbarhaus und seine Bewohner durch ein Fernglas. Die Familien waren früher lose befreundet, man lud sich ein, die Kinder spielten zusammen. Aber es gab einen Bruch, ein Geschehen in der Vergangenheit, dass nun so langsam an die Oberfläche kommt.
Es gibt zwei Zeitebenen, die abwechselnd erzählt werden. Dazwischen kommt auch immer wieder die Geisterstimme der toten Mutter zu Wort.
Susanne und Hanno stehen dabei im Vordergrund. Im Grunde sind beide gescheiterte Existenzen, die in ihrem Leben nicht zurecht kommen. Man erfährt einiges aus dem Leben der Familien, dabei hilft auch immer der Geist von Hannos Mutter, die aus einer dritten Perspektive die Geschehnisse kommentiert. So nach und nach bröckelt die Fassade der ach so perfekten
„kleinen Paläste“ und zum Vorschein kommt teilweise Erschreckendes.
Ich fand das Buch ziemlich deprimierend. Es ist die Geschichte verlorener Leben. Die kunstvolle Sprache und die Neugier auf den Auslöser der Misere konnten mich zwar bei der Stange halten, doch obwohl die Protagonisten ausführlich und nah beschrieben werden, konnte ich mich nicht so richtig für sie begeistern. Für mich war es zu viel der Reduktion auf dieses eine Ereignis.
Auch die Geisterstimme fand ich ziemlich schräg. Ich verstehe durchaus den literarischen Kniff, aber allein die Vorstellung, dass die toten Verwandten immer um uns herum sind und uns weiter beobachten, finde ich doch sehr gruselig.
Alles in allem ist eine Geschichte, die zeigt, dass hinter den perfekten Fassaden der Häuser so mancher Abgrund lauern kann. Das Buch konnte mich hauptsächlich sprachlich überzeugen, deshalb reicht es nur für 3 Sterne.

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Veröffentlicht am 25.02.2022

Ein Klassiker - neu erzählt

Tell
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„Klassiker sind verstaubt und langweilig“, Vorurteile, die aber in vielen Fällen durchaus ihre Berechtigung haben.

Joachim B. Schmidt hat es aber geschafft, aus dem uralten Stoff der Tell-Sage einen modernen ...

„Klassiker sind verstaubt und langweilig“, Vorurteile, die aber in vielen Fällen durchaus ihre Berechtigung haben.

Joachim B. Schmidt hat es aber geschafft, aus dem uralten Stoff der Tell-Sage einen modernen und mitreißenden Roman zu schreiben. Kurze, ständig wechselnde Ich-Perspektiven werfen die verschiedensten Blickwinkel auf die jeweilige Situation und auch auf den Charakter Tells, der sich so nach und nach herausschält, ohne dass er zunächst selbst zu Wort kommt. Dabei wirkt die Geschichte in keiner Weise so hektisch, wie diese Erzählweise vielleicht vermuten lässt. In Vorbereitung auf dieses Buch habe ich die klassische Bühnenversion von Friedrich Schiller gelesen, der sich relativ eng an die mittelalterliche Vorlage von Tschudi gehalten und die Tell-Legende mit dem Rütli-Schwur und somit der Gründung der Ur-Schweiz verbunden hat. Diese politische Dimension hat Schmidt hier zwar nicht völlig, aber doch relativ außer Acht gelassen. Er erzählt mehr von der brutalen und menschenverachtenden Besatzung der Schweiz durch die Habsburger und dies teilweise äußerst drastisch, aber wahrscheinlich realistisch. Das ist ziemlich harte Kost und nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Auch ich musste so manches Mal das Buch zur Seite legen. Tell ist ein schwieriger und unnahbarer Charakter, nicht unbedingt sympathisch, aber so nach und nach entwickelt sich ein Verständnis für ihn und sein Verhalten. Das Buch liest sich flott und, obwohl die Geschichte in den Grundzügen natürlich bekannt ist, spannend wie ein Krimi. Es ist eine großartige Geschichte über Unterdrückung und Rache, aber auch Familie, Liebe und Gemeinschaft. Prädikat: Äußerst lesenswert!

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