Profilbild von Zauberberggast

Zauberberggast

Lesejury Star
offline

Zauberberggast ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Zauberberggast über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.09.2019

Der letzte Schattenschnitzer: ein romantisches Buch!

Der letzte Schattenschnitzer
0

Mit der Überschrift ist nicht etwa gemeint, dass dieser Fantasyroman auch nur im Entferntesten etwas mit der Pseudo-Romantik einer schnulzigen Fernsehromanze zu tun haben könnte. Hier ist die gleichnamige ...

Mit der Überschrift ist nicht etwa gemeint, dass dieser Fantasyroman auch nur im Entferntesten etwas mit der Pseudo-Romantik einer schnulzigen Fernsehromanze zu tun haben könnte. Hier ist die gleichnamige Epoche gemeint und damit die der Düsternis, der Doppelbödigkeit und des Unbelebten, das durch Magie zum Leben erweckt wird. Die Romantiker interessierten sich für die Dinge hinter den Dingen und so auch für Schatten, wie man an der berühmten Geschichte von „Peter Schlehmil“ (die im „Schattenschnitzer“ auch zitiert wird) sehen kann. Diese Thematik, die verschachtelte Geschichte und auch die vielen Perspektiven- und Schauplatzwechsel machen das Buch „romantisch“ und damit extrem gehaltvoll.

Die Geschichte, die erzählt wird, ist so gruselig wie phantastisch: es geht um Schatten als eigene Entitäten, die ihr Dasein zunächst mit dem Menschen zusammen fristen und nach deren Tod eigenständig werden. Es gibt den Limbus, den Ort an dem die Schatten wohnen. Ein Rat der Schattensprecher hat die Aufgabe, das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten zu halten und einen Krieg zwischen Menschen und Schatten zu verhindern. Es gibt also Schatten, die gegen die Menschen kämpfen und sich von ihnen ablösen wollen oder aber, wie im Falle des „Schattensprechers“ Jonas Mandelbrodt, (zunächst) ihre Verbündeten sind: Gut vs. Böse, das alte Lied auch hier neu eingespielt. Madelbrodt ist der Hauptakteur des Buches, um ihn herum wird die Geschichte aufgezogen. Der Junge ist in der Lage mit Schatten zu kommunizieren und ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Diese gefährliche Gabe, die von anderen Schattenmagiern häufig zum Negativen gebraucht wird, bringt ihn bald in die Bredouille: er und seine Familie sind nicht mehr sicher… Dann gibt es noch Carmen Maria Dolores Hidalgo, das „Mädchen ohne Schatten“, das auch von der Schattenwelt instrumentalisiert wird. Jonas erfährt, dass der Rat der Schattensprecher den Tod von Jonas und Maria beschlossen hat, denn sie werden als Anomalien betrachtet und dürfen deshalb nicht weiterleben. Ein(e) Bösewicht(in), der (die) alles daran setzt die Schattenmächte zu beherrschen darf natürlich auch nicht fehlen…

Es vermischt sich in diesem Roman auch Realhistorie mit Fantasy. George Ripley, ein Alchemist aus dem 15. Jahrhundert, hat der heutigen Welt ein gefährliches Erbe hinterlassen: das „Eidolon“. Es gab diesen bedeutenden Alchemisten aus England tatsächlich, das Eidolon ist natürlich eine Zutat des Autors. Auch anderen historischen Figuren wird die Schattenwelt als Grund ihres Untergangs zugeschrieben: Giordano Bruno, Kaspar Hauser etc. sowie zahlreiche Hexenverbrennungen. Auch John Dee, Alechmist der Königin Elizabeth, (der Protagonist aus „Die Gebeine von Avalon“), kommt zwischendurch zu Wort indem immer wieder Passagen aus seinem „Alchimia Umbrarum“ als Zwischentexte eingestreut werden.

Die „Schattenfresser“ erinnern sehr an die „Dementoren“ aus „Harry Potter“, genau wie die Siegel, mit denen die Welt der Schatten geschützt ist an die Horkruxe erinnern. Auch andere Anleihen bei Fantasy-Geschichten sind durchaus zu finden (irgendwie erinnert mich die ganze Atmosphäre ein wenig an den „Schrecksenmeister“ von Walter Moers). Aber das stört ja nicht, denn Autoren haben sich immer überall bedient und Intertextualität ist schließlich ein Wert an sich.

Dass auch aus der Erzählperspektive des Schattens (mit Du-Anrede der Leser) von Jonas Mandelbrodt erzählt wird fand ich bereits in der Leseprobe sehr speziell und durchaus begrüßenswert.

Die Zitate zum Thema Schatten am Beginn jedes Kapitels finde ich sehr anregend und informativ, auch die graphische Gestaltung des Buches sowie des Schutzumschlags lässt bibliophile Herzen höher schlagen. Die Hobbit Presse wird ihrem eigenen Standard hier absolut gerecht (danke auch für das schöne beigelegte Lesezeichen). Ein Abschlusslektorat täte dem Buch aber dennoch gut, immerhin fehlen bei manchen Wörtern die letzten Buchstaben oder es ist einer zuviel.

Christian von Aster erzählt eloquent, geheimnis- und anspruchsvoll, so dass der Leser stets mit voller Konzentration bei der Sache sein sollte. Leider ist der Autor aber letztlich etwas klüger als seine Geschichte, die vielleicht ein wenig zu arabeskenhaft und ambitioniert daherkommt und ihrem eigenen hohen Anspruch in letzter Konsequenz nicht ganz gerecht werden kann. Die Geschichte wird zum Schluss sehr esoterisch, der letzte Teil des Buchs ist recht dicht gewebt, so dass man leicht den Überblick verlieren kann. Ich fand dass es dann zum Ende auch immer pathetischer wurde und das hat mich sehr gestört. Die Auflösung-den Überraschungseffekt-fand ich gut.

Veröffentlicht am 06.09.2019

"Murmeltier" mal anders!

Die Insel der besonderen Kinder
0

Jakob ist ein ganz normaler amerikanischer Teenager, der ein wenig schüchtern ist und sich ansonsten wenig Sorgen um die Zukunft machen muss, weil er durch die Drogeriemarkt-Dynastie seiner Familie finanziell ...

Jakob ist ein ganz normaler amerikanischer Teenager, der ein wenig schüchtern ist und sich ansonsten wenig Sorgen um die Zukunft machen muss, weil er durch die Drogeriemarkt-Dynastie seiner Familie finanziell abgesichert ist und dies auch wahrscheinlich immer sein wird. Sein Leben gerät aus den Fugen als sein 85jähriger Großvater Abraham, genannt Abe, auf geheimnisvolle und brutale Weise ums Leben kommt und ihm als Vermächtnis seine geheimnisvollen letzten Worte hinterlässt: er soll den Vogel suchen, hinter dem Grab, die Schleife, 3. September 1940.

Nach vielen Psychotherapien beschließt Jacob mit seinem Vater – der Hobby-Ornithologe ist – auf eine kleine Insel neben Wales aufzubrechen, auf der sein Großvater als polnischer Flüchtling vor den Nazis Teile seiner Jugend verbracht haben soll. Dort nehmen die Ereignisse ihren Lauf: Jacob trifft auf Miss Peregrine und ihre Flüchtlingskinder, die aussehen wie die mysteriösen Kinder mit besonderen Fähigkeiten auf den Fotografien seines Großvaters. Sie sind in einer Zeitschleife gefangen und erleben den 3. September 1940 immer und immer wieder, um nicht den Bomben der Deutschen zum Opfer zu fallen. Immer mehr gerät Jacob in ihren Sog und erfährt bald, dass auch er etwas „Besonderes“ ist…

Nach der Lektüre des Klappentextes hatte ich erwartet Schauer und Grusel zu empfinden beim Lesen des Romans. Diese Erwartung hat sich nur sehr bedingt bestätigt. Das Buch spielt zwar mit Fantasyelementen (Zeitreise, außergewöhnliche Begebenheiten etc.), ist aber vom Gruselfaktor her kein Stephen King-ähnlicher Roman. Er changiert gekonnt zwischen dem sachlichen Erzählstil des Ich-Erzählers und dem Eindruck der bizarren Geschichte, die dieser erlebt. Wie Jacob aus seinem eintönigen Leben wird auch der Leser aus der Geschichte rausgerissen, um einen Blick auf die Fotos zu werfen, dieselben Fotos, mit denen auch Jacob konfrontiert ist. Dies schafft eine enge Verbindung zwischen Leser und Ich-Erzähler, mit dem er quasi gemeinsam auf die Suche nach den „besonderen Kindern“ und ihrer Betreuerin geht. Das macht den Roman multimedial, man kann ihn sowohl visuell als auch durch den Text begreifen. Intertextuell ist er durch die Referenz auf die Werke Ralph Waldo Emersons, die Jacob helfen, den Sinn der letzten Worte seines Großvaters nachzuvollziehen.

Alles in allem ist dieses Buch spannend, mystisch und gelegentlich auch beunruhigend, weil es den Leser dazu herausfordert, Schein und Sein nicht als Entsprechungen zu sehen. In der Welt, in die Jacob eintritt ist nichts wie es scheint, nicht mal auf die Konstante „Zeit“, die bisher berechenbar schien, ist mehr Verlass.

Im Roman geht es auch um die Angst und ihre Etikettierung sowie um die Frage: Heilt die Zeit alle Wunden oder eben doch nicht? Bei Abraham, der noch im hohen Alter von den „Monstern“ aus seiner Vergangenheit verfolgt wurde, scheint dies nicht der Fall zu sein, während die Kinder von Miss Peregrine durch ihr „Immer-wieder-erleben“ des gleichen Tages mit der Zeit abgestumpft sind und den Bombenangriff nur noch als alltägliches Schauspiel erleben. Auch Emmas Gefühlen, die in Abraham Zeit ihres Lebens verliebt gewesen ist, scheint die Zeit nichts anzuhaben-im Gegenteil: durch Jacobs Erscheinen wird alles wieder aufgewühlt.

Ich finde diesen Roman sehr spannend und empfehle ihn allen, die gerne den Dingen auf den Grund gehen, nichts für selbstverständlich nehmen und als Leser abenteuerlustig sind. Dieses Buch und seine Geschichte(n) kann man nicht so schnell vergessen und man fragt sich beständig: kann es eine Parallelwelt in der Zeit wirklich geben. Werden Zeitreisen irgendwann möglich sein- oder: sind sie es etwa längst?

Zum Schluss ist noch zu sagen, dass der Roman wohl in erster Linie jugendliche Leser ansprechen soll. Nicht nur der Protagonist und die im Titel erwähnten „Kinder“ sind jung, sondern auch der Sprachstil ist einfach zu erfassen und somit für junge Leser besonders geeignet. Es ist eine „Coming-of-Age“-Initiationsgeschichte, die hier erzählt wird.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Einstein wird ins Rollen gebracht

Einsteins Versprechen
0

Ja, das Schema ist altbekannt: mehr oder weniger junger Mann (meist Schreiberling, Büchermensch oder Wissenschaftler), der ein relativ langweiliges, eintöniges Leben fristet und immer ein wenig zu wenig ...

Ja, das Schema ist altbekannt: mehr oder weniger junger Mann (meist Schreiberling, Büchermensch oder Wissenschaftler), der ein relativ langweiliges, eintöniges Leben fristet und immer ein wenig zu wenig Geld verdient wird plötzlich mit einem „Geheimnis“ konfrontiert, dessen Auflösung meist Menschenleben und viele zurückgelegte Meilen kostet. Natürlich darf die mysteriöse Fremde nicht fehlen, die nach einer spröden Anfangsphase beginnt mit dem Protagonisten zusammenzuarbeiten (vielleicht auch zu schlafen). Erst im Verlauf des Buches wird sich herausstellen, auf welcher Seite sie wirklich ist oder was sie mit dem „Geheimnis“ zu tun hat.

„Einsteins Versprechen“ ist ein Buch nach genau diesem Schema-F und trotzdem: es hat mich sehr unterhalten, auch wenn sich manche Erwartungen bzw. Befürchtungen im Laufe des Lesens erfüllt haben. Ja, ja, die „spektakuläre“ Schnitzeljagd durch Europa und Amerika mit den mysteriösen Hinweisen und Morden und der arme Javier (so heißt die Hauptperson) mittendrin! Dann geht es auch noch um Albert Einstein, einen Mann, dessen Theorien und Leben ihm zwar oberflächlich bekannt sind, aber dass er jetzt plötzlich eine Biographie über ihn fertigschreiben soll, weil deren Verfasser um die Ecke gebracht wurde ist eine Situation, die latente Beunruhigung bei dem 40jährigen Journalisten verursacht.

Formeln und Frauen: die beiden wichtigen Eckpfeiler in Einsteins Leben sind es auch in diesem Buch. Da werden genealogische Linien verfolgt, die Mitwirkung von Frauen an seinem Werk beleuchtet und schließlich die bekannteste aller physikalischen Formeln neu interpretiert. Das klingt spannend, ist es auch, zumindest für mich und die meiste Zeit. Gelegentlich wähnt sich der Leser aber auch als Zuschauer eines schlechten Theaterstücks, das hanebücherne Theorien, etwas Sexappeal und allzu stromlinienförmige Charaktere einmal verquirlt und in Romanform ausspuckt. Wie gesagt: gelegentlich. Die meiste Zeit habe ich mich amüsiert und wollte wissen wie es weitergeht, wer hinter dem ganzen Spießrutenlauf um Einstein steckt und wo das Ganze terminiert. Die Zeit, ein wichtiges Element bei Einstein, vergeht schnell und so auch die Lektüre.

Obwohl der Roman von zwei Autoren verfasst wurde, fällt an keiner Stelle auf dass der Schreibstil divergiert, da muss ein guter Lektor am Werk gewesen sein. Besonders schön fand ich die Zitate am Anfang jedes Kapitels und auch die angenehme Kürze derselben (natürlich endet fast jedes Kapitel mit einem spannenden Cliffhanger). Ich vergebe 3 Sterne, auch wenn es sich hier um banale „Unterhaltungswissenschaftsverschwörungstheorienschnitzeljagden-literatur“ à la Dan Brown handelt. Allerdings amüsant und – nicht zuletzt durch die vielen eingestreuten Fakten – sogar ein wenig lehrreich.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Lauwarm wie die Frühlingsluft…

Hyddenworld
0

gestaltete sich für mich im Großen und Ganzen auch das Leseerlebnis von „Hyddenworld“.

Zunächst hatte ich große Anfangsschwierigkeiten in das Buch zu finden, erst nach ca. 150 Seiten habe ich in einen ...

gestaltete sich für mich im Großen und Ganzen auch das Leseerlebnis von „Hyddenworld“.

Zunächst hatte ich große Anfangsschwierigkeiten in das Buch zu finden, erst nach ca. 150 Seiten habe ich in einen angenehmen Lesefluss hineingefunden. Woran mag das liegen? Vielleicht an meiner mangelnden Fähigkeit mich auf die Geschichte einzulassen? Möglich ist es, denn das In- und Nebeneinander von mystischem Überbau (Beornamund, Imbolc), der versteckten, für den modernen, von der Natur entfremdeten Menschen nicht mehr erfahrbare Welt der „Hydden“ und der realen Welt, in der sich das Wissenschaftlerehepaar Foale, der Riesengeborene „Exil-Hydde“ Jack und die Familie von Clare und Katherine finden bzw. immer wieder verlieren hat zunächst Verwirrung und Unruhe in mir ausgelöst. Nach einer Zeit habe ich aber wie gesagt in die Geschichte hineingefunden und sie auch in mich aufnehmen können.

Was ich da lesend inhalieren konnte war aber leider ein bisschen anders, als es die vielversprechende Plotzusammenfassung erwarten ließ. Natürlich, eine Fantasy-Geschichte in der die Grenzen zwischen den Welten, Menschen und fantastischen Figuren verschwimmen hat der Leser wie versprochen durchaus bekommen. Aber inwiefern haben wir es hier mit besonders guter, innovativer Fantasy zu tun? Ich jedenfalls konnte keine Anzeichen dafür finden dass dieses Buch mehr ist als – eher auf Jugendliche abzielender – Mainstream, in dem Schwarzweißdenken herrscht, ein Teenager (mit für ihn bestimmtem jungem Mädchen) eine bedeutende Queste zu erfüllen hat und gegen die dunkle Seite der Macht kämpfen muss um die Welt zu retten. Der Autor beherrscht zwar sein Handwerk (der Roman ist in einer erzählerisch schönen Weise verfasst worden), aber am Inhaltlichen hätte er durchaus etwas mehr arbeiten können.

Die Idee den Zyklus der Jahreszeiten ins Spiel zu bringen und entsprechende symbolische Anleihen in die Geschichte einzuweben ist nett, aber auch nicht mehr. Nach einiger Zeit ist die Überpräsenz von Erwachens-Metaphorik sogar etwas penetrant, so dass der wissende Leser die Augen verdrehen mag und sich denkt: „Ja, alles in diesem Band hat mit Frühling, Jugend und Neubeginn zu tun, wir haben es kapiert!“

Die Hauptfigur Jack bleibt für mich eine schemenhafte Figur, einzig Arthur Foale vermag als verzweifelt an seine „Wahrheit“ glaubender verschrobener Wissenschaftler etwas an Tiefgang zu gewinnen. Die Liebesgeschichte zwischen Jack und Katherine finde ich auch mehr als anstrengend und eben für eine jugendliche Leserschaft (ach, die beiden gehören zueinander…) konzipiert wirkend.

Das Lektorat des Buches lässt leider – wie schon vielfach von meinen Vorschreibern angemahnt - zu wünschen übrig, obwohl sich der Verlag bei der Gestaltung (Cover, Satz, Grafik) viel Mühe gegeben hat. Das ist schade und es bleibt zu hoffen, dass im endgültigen Verkaufsexemplar die Fehler ausgemerzt wurden.

Insgesamt ist "Hyddenworld" ein ambitioniertes Buch, das seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden kann.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Schöner Krimi mit fader Auflösung

Bretonische Verhältnisse
0

Bei Krimis bin ich sehr wählerisch, denn ich mag nur solche, die nach klassischem Muster aufgebaut sind und ohne blutrünstige Detailschilderungen auskommen. Von Thrillern und soziopathischen Serienkillern ...

Bei Krimis bin ich sehr wählerisch, denn ich mag nur solche, die nach klassischem Muster aufgebaut sind und ohne blutrünstige Detailschilderungen auskommen. Von Thrillern und soziopathischen Serienkillern halte ich deshalb gebührenden Abstand. Nur altmodische „Whodunits („Wer-hat-es-getan-Krimis“) mit einem Ermittler und vielen möglichen Verdächtigen, die sich auf einem begrenzten Areal (Region, Stadt, Hotel, Landhaus) tummeln bzw. dieses entern, kommen für mich in Frage. Meistens passiert am Anfang und zur Mitte hin ein Mord und die – meist sehr gut auscharakterisierte individualistische – Ermittlerfigur befragt die Verdächtigen und trägt Kenntnisse zur Geschichte der Ermordeten zusammen, um auf das Motiv und letztlich den Täter zu kommen. So mag ich das und deshalb hab ich mich bei lovelybooks.de zum ersten Mal für eine Leserunde beworben, wo ein gewisser „Kommissar Dupin“ seine ermittlerische Premiere in „Bretonische Verhältnisse“ von Jean-Luc Bannalec erleben durfte. Der Vorstellungstext ließ genau so einen altmodischen Krimi erwarten, wie ich sie gerne lese.

Französische Krimis, da fällt einem sofort Georges Simenon ein! In der Tat erinnert Bannelec an den Altmeister was die Herausarbeitung des Französischen angeht. Die Bretagne als Handlungsort hat einen ganz eigenen Charme, den man fast einzigartig nennen möchte. Felsklippen, salzige Meeresluft, mediterranes Atlantikklima und eigenbrötlerische, aber ehrliche Menschen, die sich dem rauen und einfachen Leben, das von viel poetischem Zauber durchsetzt ist und deshalb viele Künstler in ihre Region gelockt hat, angepasst haben.

Mit dem – wie sollte es anders sein – schrulligen Pariser Kommissar Dupin lernen wir die Bretagne und ihre Menschen aus der Sicht einer Person kennen, die nie ganz Bretone sein wird und sich dennoch dem eigentümlichen Charme der Region nicht entziehen kann. Die Sichtweise des staunenden Außerstehenden, „Zugereisten“ also, den seine Sekretärin Nolwenn immer wieder an die Eigenheiten ihrer bretonischen Heimat erinnern muss.

Der Krimi spielt im Hotel- und Kunstmilieu. Der 91jährige Hotelbetreiber Pennec wurde ermordet-warum, das ist hier die Frage. Sehr schnell wird klar, dass die Kunstwelt, die mit dem Tourismus in Pont Aven und Umgebung seit Anfang des 20. Jahrhunderts unmittelbar verknüpft ist, etwas damit zu tun haben muss. Da ich den zukünftigen Lesern die Spannung nicht verderben möchte, verrate ich jetzt nicht zu viel von der Handlung. Nur so viel: es wird früh klar, dass es eine überschaubare Reihe von Verdächtigen gibt – ob Bannalec sich aus diesem Pool bedient oder auf eine externe Erklärung zurückgreifen wird? Ich bin von der Auflösung des Verbrechens jedenfalls überrascht gewesen, allerdings nicht positiv. Die Erklärung für den Mord ist so offensichtlich, dass es eigentlich keinen Spaß macht. Mir fehlt die Raffinesse, der „Aha“-Moment in der Plotgestaltung. Bezeichnend ist dafür am Ende der Satz Dupins: „Wie Sie sagen, am Ende war es kein komplizierter Fall, Monsieur le Préfet. Und das Wichtigste: Der Fall ist gelöst.“ (S. 296) Hm: da frag ich mich doch: soll ein „klassischer“ Krimi nicht genau das liefern: einen „komplizierten“ Fall und einen Ermittler, der diesen trotz seiner Schwierigkeit aufzulösen weiß? Nun ja, ich denke letztlich ist auch das Geschmackssache.

Von seiner Erzählstruktur (4 Ermittlungstage = 4 Kapitel) ist „Bretonische Verhältnisse“ für mich sehr ansprechend. Man steht mit dem Ermittler auf, vergisst mit ihm zu essen um dann letztlich doch ausgehungert ein Bistro aufzusuchen (dabei lernt man ganz nebenbei bretonische Spezialitäten kennen), führt Telefonate, trifft Verdächtige, erkennt die Schönheit der Bretagne um zum Schluss eines jeden Kapitels/Tages todmüde „mit ihm“ ins Bett zu fallen. Dadurch wird versucht ein Gefühl von „Echtzeit“ beim Leser zu erzeugen (man ist bei der ganzen Ermittlung „dabei“ und kann sich selbst ein Bild machen, Kommissar spielen), was ich auf jeden Fall auf der positiven „Haben“-Seite verbuchen möchte. Ich mag die Charakterisierung der Figuren, vor allem die der Frauen (Madame Lajoux, Nolwenn, Madame Pennec, Madame Cassel). Bannalec hat irgendwie ein Händchen dafür individuelle Frauenfiguren zu erfassen, wobei mir die Männer Stromlinienförmiger erscheinen.

Der Debütroman Bannalecs und erste Fall Dupins ist im Großen und Ganzen gelungen. Die Kriminalhandlung ist klassisch und dennoch abwechslungsreich, das Setting liefert bezauberndes Lokalkolorit und die Thematik ist außerdem informativ. Nur die Auflösung und das Verbrechen an sich sind nicht ganz nach meinem Geschmack, ich hätte wie gesagt da einfach „mehr“, etwas anderes erwartet.