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Veröffentlicht am 06.09.2019

Genialer Historienroman

Falken
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"Falken" bzw. "Bring up the Bodies" ist das beste Buch, das ich über die Tudors gelesen habe - getoppt werden kann es allenfalls noch von seinem Nachfolger, der noch nicht erschienen ist und der die Trilogie ...

"Falken" bzw. "Bring up the Bodies" ist das beste Buch, das ich über die Tudors gelesen habe - getoppt werden kann es allenfalls noch von seinem Nachfolger, der noch nicht erschienen ist und der die Trilogie um Thomas Cromwell komplett machen wird.
Ich muss sagen die Intensität und Nüchternheit, mit der die physisch und psychisch brutalen Vorgänge rund um die Hinrichtung von Anne Boleyn geschildert werden, sucht sicher ihresgleichen. Ein derat visuelles Leseerlebnis ist mir in einem historischen Roman eigentlich noch nicht untergekommen.
Während "Wolf Hall" viel Cromwell-zentrierter und gemächlicher daherkommt, geht es nun im Wesentlichen um die Zeit, in der Heinrich VIII seine Beziehung zu Anne Boleyn zu legitimieren versucht. Es geht um seine "Trennung" von Katharina von Aragon, die Annäherung an Anne und deren Aufstieg zur Königin von England. Die Ablösung Heinrichs von der katholischen Kirche, die in der Gründung der Anglikanischen Kirche gipfelt, ist dabei nicht wirklich vordergründig. Vielmehr geht es um den royalen Menschen und menschlichen Royal Heinrich, der einfach nur verzweifelt ist, weil er keinen männlichen Erben bekommt. Die Zukunft in Form seiner Töchter Mary und Elisabeth, die beide - wie der Leser ja bereits weiß - einmal England als selbstständige MonarchINNEN regieren werden, steht bereits am Horizont und lässt das Verhalten des strauchelnden Königs Heinrich nur noch verzweifelter und absurder erscheinen. Besonders wenn man bedenkt, dass vor allem Elisabeth England wie kaum ein anderer Souverän England prägen und das berühmte "Goldene Zeitalter" bestimmen wird... Jedenfalls wird der Aufstieg und Fall der Anne Boleyn in "Bring Up the Bodies" durch die Augen Thomas Cromwells - des bürgerlichen Emporkömmlings - gefiltert.
Natürlich wissen wir alle, was passieren wird, aber dennoch jagt es einem beim Lesen einen Schauer über den Rücken. Die Klarheit der Worte trifft auf die Grausamkeit der Vorgänge und konfrontiert den Leser mit einem Innuendo, das man nicht so schnell wieder vergisst...
Auch weniger Geschichtsinteressierte werden von diesem wahnsinnig intensiven Historienroman gepackt werden, den ich nur wirklich jedem empfehlen kann!

Veröffentlicht am 06.09.2019

Schiller auf dem Weg zu sich selbst

Die Stunde der Räuber
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Udo Weinbörner hat sich der Herausforderung gestellt, einen historischen Roman über eine historische Persönlichkeit zu schreiben. Will man sich einer solchen Persönlichkeit nähern und ihre Lebensgeschichte ...

Udo Weinbörner hat sich der Herausforderung gestellt, einen historischen Roman über eine historische Persönlichkeit zu schreiben. Will man sich einer solchen Persönlichkeit nähern und ihre Lebensgeschichte in eine erzählende Form bringen, muss man zunächst Wissen anhäufen. Quellenstudium heißt die Devise. Ist die Person, die erzählerisch abgebildet werden soll auch noch Schriftsteller oder Künstler, muss man sich das Werk ganz genau anschauen, am besten auch noch das der Zeitgenossen.

In dieser Disziplin zu reüssieren ist sicher nicht eine der leichtesten Übungen, zumal die Persönlichkeit, über die im vorliegenden Fall geschrieben wurde keine geringere ist als Friedrich Schiller, der neben Goethe größte Dichter und Dramatiker der Deutschen.

Der Roman "Die Stunde der Räuber. Der Schiller-Roman. Erster Teil" ist als Ganzes bereits im Schiller-Gedenkjahr 2005 erschienen und wurde nun im Rahmen einer Taschenbuchausgabe in zwei Bänden neu aufgelegt, Teil 2 erscheint im Jahr 2020. Der Autor hat neue Szenen hinzugefügt und wohl einiges umgearbeitet.

Wir lernen “Fritz” als sehr jungen Mann kennen, der gerade dabei ist das Elternhaus unfreiwillig zu verlassen. Herzog Carl Eugen von Württemberg will ihn als Eleven für seine “Militärische Pflanzschule”. Er soll also eine militärische Beamtenlaufbahn auf Gnaden des Herzogs einschlagen, wofür dieser im Gegenzug absolute Dankbarkeit und Unterwerfung einfordert. Die Fürstenwillkür oder überhaupt der Absolutismus der Mächtigen, den Schiller in seinen Werken anprangern wird, kommt hier zum Tragen. “Gedankenfreiheit” wird zum Schlüsselwort in Schillers Innenwelt, denn in der Außenwelt wird diese systematisch unterdrückt.

Zum Glück gibt es die Mitschüler und einen wohlgesonnenen Lehrer, die Literatur in der Schule zirkulieren lassen. So war es dem jungen Schiller möglich die älteren Zeitgenossen, Lessing, Goethe und Klopstock und auch den großen Shakespeare zu lesen und zu verinnerlichen.

Langsam aber sicher wird Schiller zum Schriftsteller, der neben der Ausbildung schreibt, auch um nicht an den widrigen Umständen zu zerbrechen. Die Geschichte des Schriftstellerkollegen Schubart zeigt was passiert, wenn man sich mit Worten gegen die Mächtigen auflehnt. Sein Schicksal wird für Schiller zum Antrieb und Damoklesschwert zugleich.

Das Freundschaftsideal des “Sturm und Drang”, das Schiller rigoros praktiziert, wird beschrieben. Dann seine relativ kurze Zeit als Militärarzt, seine ersten Schritte auf Freiersfüßen in Richtung des anderen Geschlechts, seine desolate wirtschaftliche Situation. Letztlich steuert die Handlung auf den Höhepunkt des ersten Teils zu: Schillers heimlicher Ausflug nach Mannheim, die Aufführung der “Räuber” und damit sein erster Erfolg als Dramatiker, die Ernüchterung ob der finanziellen Lage und schließlich der Weggang aus Württemberg.

Viele Begebenheiten sind wirklich gut erzählt und man hat durchaus das Gefühl, man hat Teil an etwas Großem, dass man einen Schlüsselmoment in Schillers Persönlichkeitsentwicklung hautnah mitbekommt. Sehr lebendig ist die Szene, in der Schiller den Herzog imitiert und zuhört, als über die Weltpolitik (hier: der amerikanische Unabhängigkeitskrieg) diskutiert wird.

Seinem Charakter kommt man vor allem im Zusammenspiel mit seinen Freunden durchaus nahe. Wenn er für seine Werke um Anerkennung bei seinen Mitschülern buhlt, so kommt sein Geltungsdrang, seine mangelnde Kritikfähigkeit und auch seine Verletzlichkeit heraus. Auch wenn Schiller sich von seinem Freund Scharffenstein abwendet, gibt es einen Moment tatsächlicher zwischenmenschlicher Interaktion.

Schön fand ich auch das erste Aufeinandertreffen mit Goethe bzw. die Auseinandersetzung also Abarbeitung Schillers am 10 Jahre älteren Goethe, der schon ein großer Name war. Auf seiner Abschlussfeier treffen sie aufeinander. "Goethe schien kaum hinzuhören, wirkte unbeeindruckt vom zeremoniellen Stumpfsinn seiner Umgebung (...) Ein großer Geist ist wahrhaft frei, dachte Schiller, fast ein wenig neidisch." (S. 173) Dass es zwischen den beiden eine “Freundschaft” gegeben haben soll, diesen Mythos will Weinbörner demontieren, im zweiten Teil dann, denn erst dann spielt der “Antipode” in Weimar eine Rolle jenseits der Rezeption seiner Werke.

Ein Paukenschlag ist schließlich der Showdown am Ende des zweiten Buchs, die Auseinandersetzung mit dem Herzog, kurz bevor Schiller Württemberg den Rücken kehrt.
Der Autor baut hier und da “witzige” Szenen oder Elemente ein, also eine Art von “comic relief”, das dem Leser zur Aufheiterung dienen soll. Zum Beispiel als Schiller, dem Pathos ergeben, weil er sich von seinen Freunden unverstanden fühlt, Shakespeare zitiert und die Freunde finden: “Das ist genialisch! [...]” “Das ist aus Hamlet , antwortete Schiller [...]” (S.152) Oder wenn Christophine ihren Bruder schimpft, weil er sein Zimmer nicht aufgeräumt hat, obwohl doch die ganze Welt nunmehr bei ihm vorbeischaut. Solche Szenen oder die sehr humorvoll gezeichnete Figur “Kronenbitter” lockern die Handlung, die doch einen ernsten Grundton hat, etwas auf.

Immer dann, wenn Schiller zweifelt oder verzweifelt, zeigt er sich dem Leser von seiner verletzlich-menschlichen Seite. Wie zum Beispiel, wenn er müde und psychisch am Ende um das Leben eines seiner Patienten bangt. "Er schrie, sprang auf, griff nach allem, was auf dem Tisch lag. [...] Er war allein mit sich und seinen Ängsten." (S. 245). Selbstzweifel und Verlorensein in der Welt - das alles ist nicht das, was man vom großen Schiller gemeinhin so kennt.

Auch am absoluten Höhepunkt des Buches, der Aufführung von Schillers Räubern, erlebt man nicht den triumphierenden Genius, der restlos davon überzeugt ist dass sein Stück - auch nach der Umarbeitung - ankommt, nein, er zweifelt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Ekstase des Publikums alle Bedenken im Jubelgeheul erstickt.
Ich ziehe meinen Hut vor dem Autor, es ist ihm gelungen trotz der Vielzahl an Sekundärliteratur und zeitgenössischen Quellen das Wichtigste herauszukristallisieren und dem Leser einen neuen Blickwinkel auf Schiller zu eröffnen. Sehr gut finde ich auch, dass wichtige Namen, Schlagworte und Werke fett gedruckt sind, so fallen sie einem beim Lesen gleich ins Auge. Zitate sind erfreulicherweise kursiv gesetzt.

Die Kritik, die ich trotz allem habe, bezieht sich auf die mangelnde "Erklärung" von Szenarien (also dass viele Namen und Orte sowie Institutionen nicht erklärt werden), das hohe Erzähltempo und vor allem die raschen Szenenwechsel, die ohne größere Absätze erfolgen.
Es ist für mich eher ein “biographischer Roman” als alles andere, das tatsächlich erlebte Leben gibt die Handlung vor und es erfolgen wenige Seitenblicke, fiktive Spielereien (wie z.B. die Jesuitenszene - wobei genau dieses Thema für mich eher abschreckend ist) oder Inneneinsichten in Schillers Psyche.

Man sollte also schon ein Grundinteresse für den Menschen Schiller mitbringen, wenn man das Buch lesen möchte. Aber: wie könnte man nicht? Schiller war einfach ein sehr vielschichtiger, interessanter Charakter und Weinbörner vermag es diese Tatsache zu unterstreichen.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Über das Glückspotenzial von Scherben

Ein neues Blau
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Im märchenhaften Prolog lernen wir die Schale, die erstmals mit dem für Friedrich II. produzierten "neuen Blau" bemalt wurde, kennen, die sich leitmotivisch durch die Handlung ziehen wird.
Der ...

Im märchenhaften Prolog lernen wir die Schale, die erstmals mit dem für Friedrich II. produzierten "neuen Blau" bemalt wurde, kennen, die sich leitmotivisch durch die Handlung ziehen wird.
Der Roman selbst, der hauptsächlich in Berlin spielt, besteht aus einer Rahmenhandlung, die im Jahr 1985 stattfindet und einer Haupthandlung, die auf Lilis Leben ab dem Jahr 1919 zurückblickt. In der Rahmenhandlung besucht die Gymnasiastin Anja die mittlerweile um die 70jährige Lili, denn sie wurde von einem Bekannten einer ihrer Lehrer darum geben, bei dessen Mutter als "Gesellschafterin" anzuheuern. Ein Aufeinandertreffen der Generationen, ein Sujet, das in vielen aktuellen Romanen als Aufhänger benutzt wird. Beide erzählen ihre Geschichte, die eine steckt noch in den ersten Kapiteln, die andere geht Richtung Epilog. Natürlich "lernen" beide Generationen voneinander, auch hier ist es so, wobei der jüngere Part naturgemäß ein bisschen mehr lernt, vielleicht sogar eine Orientierung im Leben zu finden. Die Jüngere findet sich in der Geschichte der "Alten" wieder - eine Spiegelung! Scherben und psychische Probleme spielen im Leben beider Frauen eine wichtige Rolle…

Das mag alles ein wenig Klischeehaft klingen, ist es zum Teil auch, aber solche retrospektiv erzählten Romane brauchen einen Rahmen, einen Gegenwartsbezug, wie sollen sie sonst funktionieren? Ich hätte die umrahmende Handlung nicht in dieser Ausführlichkeit gebraucht, zumal ich Anjas flapsigen Tonfall sehr konstruiert finde (wer denkt und redet denn so? Auch bestimmt kein Teenager Mitte der 1980er Jahre...)

Die Lebensgeschichte von Lili ist dann wirklich filmreif und schön erzählt, so dass sie mich mit der Rahmenhandlung versöhnt hat. Hier werden alle möglichen Themenbereiche verhandelt und in Lilis Biographie eingearbeitet. Herkunft spielt eine große Rolle. Das Judentum des Vaters Jakob Cohen (später: Kuhn), sein beruflicher Aufstieg als Teehändler, der Bezug zu Japan, die Freundschaft zu Takeshi, die Liebe zu Charlotte, ihr Verlust, dann die durch die Wirtschaftskrise bedingte Rezession, die dazu führt, dass es der Familie wirtschaftlich schlechter geht.
Im Fokus steht natürlich Lilis eigene Entwicklung, ihr Interesse für Kunst, ihr behütetes Aufwachsen mit Takeshi und ihrem Vater als Haupt-Bezugspersonen, Religionsunterricht beim Rabbi, das Kennenlernen der Familie von Pechmann (sie hat es wirklich gegeben), die Ausbildung auf der Burg Giebichenstein u.a. bei Marguerite Friedlaender (ebenfalls eine historische Persönlichkeit) und die berufliche Tätigkeit als Porzellanmalerin der Preußischen Porzellanmanufaktur, das Töpfern, das Fliegen, die Liebe. Die Schrecken der NS-Diktatur und ein bescheidenes, aber glückliches Leben im Exil in den USA, das aber nur kurz angeschnitten wird. Lilis schwere persönliche Verluste, die sie zu der Frau gemacht haben, auf die Anja treffen wird.

Zu Genre und Personal:
Lili stammt aus "gutem Hause", ihre Familie hat es zu etwas gebracht. Ihr Lernimpuls wird unterstützt, dennoch ist sie später als Frau Pionierin in ihrem Gebiet. Die Familie des Direktors der späteren KPM, von Pechmann, die Lili Tür und Tor zu ihrer Berufung öffnet, bildet eine Schicht ab, die an der äußersten Spitze der damaligen Gesellschaft steht. Auch sonst haben wir es in diesem Buch eher mit einem privilegierten, adeligen und gebildeten Personal zu tun. Lilis Lehrerin an der Burg Giebichenstein, Marguerite Friedlaender, ist eine angesehene Künstlerin, bis sie ins Exil gehen muss. Auch Adam ist Arzt und stammt aus einer wohlhabenden Familie. Ein Gesellschaftsroman ist "Ein neues Blau" also nur bedingt, denn er bildet nur einen kleinen Teil der Gesellschaft ab, nämlich jenen, der es sich leisten konnte, sich auf das Schöne zu fokussieren, Kunst zu kaufen, etc. oder selbst wohltätig zu sein, wie die von Pechmanns. Auch Anjas Eltern in der Rahmenhandlung gehören der "High Society" Berlins an.
Der historische Hintergrund des zunehmenden Antisemitismus angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten bildet den Rahmen für Lilis Biographie. Dennoch ist es kein historischer Roman. Ich würde das Buch also am ehesten als Bildungsroman bezeichnen, denn Lilis Entwicklung steht im Vordergrund.

Lili ist Halbwaise (ihre Mutter Charlotte starb, als Lili 6 Jahre alt war), sie fühlt sich dadurch und ohne richtige Religionszugehörigkeit nur als unperfekter, halber Mensch. Dennoch: In ihrer Nichtzugehörigkeit ist sie ein Ganzes, sie ist sozusagen ein Individuum, das aus vielen unterschiedlichen Teilen besteht - so wie der Weg in ihrem Garten oder ihre getöpferten Werke. "Ihr Halbsein macht sie aus. Aber strebt nicht jeder Mensch nach Ganzwerdung?" (S. 135) Was ist der "Kleber", der die Teile (Scherben) verbindet? Das ist eine der Kernfragen des Buches und ob Scherben "Glück" bringen, im übertragenen Sinne.

Manchmal verwendet Tom Saller seine Symbolik und Metaphorik schon etwas plakativ - und wie war das mit den Zufällen? "Gibt es Zufälle? In Romanen schon, im wirklichen Leben nicht. Oder ist es umgekehrt?" (S. 170)

Schön finde ich, dass sich der Roman strukturell an Erich Kästner - dem er, neben Robert Walser, auch gewidmet ist - orientiert. Wie in Kästners "Fabian" steht an jedem Kapitelanfang eine kursivierte Kurzzusammenfassung des Inhalts. Beide Autoren erzählen sehr "realistisch" beobachtend mit humorvollem aber gleichzeitig nachdenklichen Unterton - Tom Saller versucht es ihnen gleichzutun.

Alles in allem ist "Ein neues Blau" ein warmherziger Roman mit liebenswerten Charakteren (Wie toll ist Takeshi denn bitte? - Um mal Anjas Sprachduktus zu verwenden) und einer erzählenswerten fiktiven Lebensgeschichte aus dem 20. Jahrhundert, die sich sicher auch für eine Verfilmung gut eignen würde. Man lernt nebenbei viel über Porzellanherstellung und die Geschichte des Tees bzw. japanische Teezeremonien, manchmal haben diese Stellen fast schon "Sachbuchcharakter". Ein Spannungsbogen kommt bei alledem nicht so richtig auf, aber ich denke das ist auch nicht die Intention des Autors gewesen.

Ich möchte noch was zum Cover sagen: ich finde es wunderschön! Hier wird versucht die junge Lili mit ihrem treuen Begleiter Hund "Hund" abzubilden, sie natürlich in das Titelgebende Blau gekleidet. Es strahlt die Wärme aus, die auch die Prosa von Tom Saller ausstrahlt, wenn er Lilis Geschichte erzählt.


Veröffentlicht am 28.08.2019

Geheimnisvoll, spannend und intensiv!

Drei
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"Ein Roman, der Sie um den Schlaf bringen wird."
Diese Aussage, die die hintere Klappe des Buches ziert, ist absolut korrekt gewählt vom Diogenes-Verlag, denn als ich es gelesen habe, habe ich ...

"Ein Roman, der Sie um den Schlaf bringen wird."
Diese Aussage, die die hintere Klappe des Buches ziert, ist absolut korrekt gewählt vom Diogenes-Verlag, denn als ich es gelesen habe, habe ich dem Titel alle Ehre gemacht und bin um 3 Uhr ins Bett, weil ich es nicht aus der Hand legen konnte. Der Lesedrang war unbeschreiblich stark.
"Drei" ist ein Buch, das den Leser in Gedanken weiterbeschäftigt, wenn man es gerade nicht liest. Es hat eine unbeschreibliche Kraft, die wie ein Sog ist. Man will immer wieder in die Welt von Oana, Emilia und Ella abtauchen um endlich zu erfahren, wie diese drei Leben zusammenhängen. Man will, ja man muss als Leser einfach wissen, welches Geheimnis in diesem Buch steckt, dessen Titelbild passenderweise eine liegende, dem Betrachter mit dem Rücken zugewandte Frauengestalt zeigt, umgeben von einem mysteriösen Grün.

Die Struktur dieses Romans von Mishani, der selbst als Literaturwissenschaftler über den Kriminalroman forscht, ist das eigentlich Originelle. Es wird die Geschichte dreier Frauen erzählt, die alle auf denselben Mann treffen: Gil. Im Laufe der Erzählung wird klar, was die vier Personen verbindet. Darauf näher einzugehen verbietet das Gebot der Geheimhaltung, das bei diesem Buch angewendet werden soll ("Über dieses Buch darf man eigentlich nichts verraten."), sind es doch die überraschenden Wendungen, die das Leseerlebnis von "Drei" ausmachen.

Was sehr positiv ist: Mishanis Erzähler verwendet Zeitangaben. Anhand der jüdischen Feiertage kann der Leser sich orientieren, in welcher Jahreszeit die Erzählung gerade angelangt ist, auch Monate werden genannt. Das finde ich sehr angenehm, man kann dadurch die Zeitspanne der Geschehnisse gut einordnen. Generell spielt die Handlung in der Gegenwart, Computer, Laptops (Online-Dating) und die Verwendung von Smartphones bzw. Anwendungen wie WhatsApp und Skype sind allgegenwärtig.

Mishani ist ein männlicher Autor, der ein weibliches Buch im besten Sinne geschrieben hat. Er erzählt weibliche Protagonisten, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen. Ob es die frisch geschiedene Lehrerin und alleinerziehende Mutter eines Jungen ist, die in Israel fremde und einsame Lettische Altenpflegerin oder die wieder studierende Mutter dreier kleiner Mädchen, der alles über den Kopf wächst: Als Leser können wir ihre Verletzlichkeit, ihre Unsicherheiten und auch ihre Stärke in diesen fragilen Lebenssituationen mit Händen greifen. Einfühlsam und empathisch ist diese Erzählweise, dabei aber auch nüchtern und auf gewisse Weise distanziert. Durch diese eindringliche Schreibweise erinnert mich Mishani an Zeruya Shalev, die ebenfalls aus Israel ist und die ich sehr mag.

Sehr erhellend fand ich auch das Interview mit Dror Mishani am Ende des Buches. Es klärt über die Intention des Autors auf und beantwortet einige Fragen, die sich dem Leser sicher gestellt haben. Eine Frage wird allerdings weder im Roman, noch durch das Interview geklärt. Welche das ist, würde vielleicht zu viel verraten, aber sie fängt mit "W" an.

Trotz der offenen Frage: dieses Buch ist wirklich sehr gut gemacht und das Lesen ein absolutes Erlebnis! Man sollte sich allerdings nicht zu viel anderes vornehmen, wenn man vorhat damit anzufangen.

Veröffentlicht am 26.08.2019

„Ein arbeitsloser Detektiv“ oder wie Anthony Horowitz ein "reales" Verbrechen aufklärte

Ein perfider Plan
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Dieses Buch in ein Genre zu stecken ist schwierig. Ich würde am ehesten sagen, es handelt sich um einen „semi-fiktiven pseudo-autobiographischen Kriminalroman mit satirischen Zügen“. Die Handlung ist schnell ...

Dieses Buch in ein Genre zu stecken ist schwierig. Ich würde am ehesten sagen, es handelt sich um einen „semi-fiktiven pseudo-autobiographischen Kriminalroman mit satirischen Zügen“. Die Handlung ist schnell erzählt: es geht darum, dass der Ich-Erzähler, reale Autor und Protagonist Anthony Horowitz (ein renommierter britischer Schriftsteller und Drehbuchautor) von einem Ex-Kriminalpolizisten und jetzigem Polizeiberater – den er von den Serienprojekten, an denen er arbeitet, kennt – namens Daniel Hawthorne dazu überredet wird, ein Buch über ihn und die Ermittlungen in seinem aktuellen Fall zu schreiben. Soweit, so einfach. Ist es aber alles irgendwie so gar nicht, denn Hawthorne erweist sich als äußerst unangenehmer Zeitgenosse mit Hang zu Alleingängen und autoritären Auftritten, die Horowitz an seine Grenzen bringen. Die krude, unzugängliche Persönlichkeit Hawthornes tragen im Übrigen dazu bei, dass er mehrfach überlegt das Buch und Hawthorne fallen zu lassen. Das Dumme ist nur, ihn interessiert es ebenfalls brennend, wer der Mörder ist und so wird Horowitz selbst zum Co-Ermittler in diesem Fall, über den er ja eigentlich nur schreiben sollte.
Der Fall an sich ist mehr als skurril und der berüchtigte schwarze britische Humor, mit dem alles irgendwie unterlegt scheint, führt dazu, dass einem beim Lesen oftmals das Lachen in der Kehle erfriert. Es geht um Diana Cowper, die Mutter des aufstrebenden britischen Hollywoodstars Daniel Cowper, die an dem Tag, an dem sie ihre eigene Beisetzung in einem Londoner Beerdigungsinstitut plant, ermordet wird. Schnell kommt ein Vorfall aus ihrer Vergangenheit ans Licht, der für ein Motiv herhalten könnte...
Das Buch ist sehr Dialoglastig und manche Szenen scheinen wirklich wie aus dem Drehbuch zu einer Krimikomödie entsprungen. Die Reibungen zwischen dem ungleichen Ermittlerpaar Hawthorne/Horowitz entbehren nicht einer gewissen Komik. Besonders köstlich und von humoristischer Brillanz ist beispielsweise die, als sich Horowitz zu einer Projektbesprechung mit zwei berühmten Regisseuren (ich verrate jetzt hier mal nicht, um wen es sich handelt) trifft.
Zu Lektorat und Übersetzung ist zu sagen, dass beides, wie nicht anders zu erwarten vom Insel-Verlag, hervorragend ist. Einen kleinen Wortfehler/Dopplung in einem Satz habe ich allerdings gefunden (S. 307).
Auch sehr schön finde ich, dass dieses Hardcover ohne Schutzumschlag auskommt und die Titelei geprägt ist. Beides war ebenfalls bei den Sherlock-Holmes-Büchern von Horowitz der Fall, weshalb latente Verwechslungsgefahr besteht. Allerdings hebt sich das Rot deutlich vom Schwarz der Holmes-Bände ab und auch die auf dem Titel abgebildete, typische englische Telefonzelle machen dem Leser unmissverständlich klar, dass das Buch nicht im London des 19. Jahrhunderts spielt. Die Zeit der Handlung ist 2011.
Mein Fazit: ein sehr lesenswerter Kriminalroman, mit einer ungewöhnlichen und kaum vorhersehbaren Handlung, der für meinen Geschmack allerdings etwas mehr „cosy“ und weniger „bloody“-morbide-skurril hätte ausfallen können.