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Veröffentlicht am 13.09.2019

Netter Familienroman - mehr nicht!

Die Shakespeare-Schwestern
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Die drei „Shakespeare“-Schwestern um die es geht heißen Bianca (eine Randfigur aus „Othello“), genannt Bean; Cordelia (die jüngste der drei Schwestern aus „King Lear“), genannt Cordy und Rosalind (aus ...

Die drei „Shakespeare“-Schwestern um die es geht heißen Bianca (eine Randfigur aus „Othello“), genannt Bean; Cordelia (die jüngste der drei Schwestern aus „King Lear“), genannt Cordy und Rosalind (aus „As you like it“/“Wie es euch gefällt“), genannt Rose. Rose ist mit 33 die Älteste. Sie lebt zu Beginn des Romans als einzige der Drei im amerikanischen Heimatort Barnwell (mit einer Mischung aus Liebe und Hass von den Schwestern „Barney“ genannt) und ist Dozentin für Mathematik. Sie ist diejenige die ihre Eltern am meisten sieht und muss nun eine schwere Entscheidung treffen: soll sie mit ihrem Verlobten Jonathan nach England ziehen, weil dieser eine Stelle in Oxford bekommen hat?
Bean (30) ist die mittlere Tochter, die jahrelang einen Bürojob in New York hatte und nun rausgeworfen wurde, weil sie bei der Firma, bei der sie gearbeitet hat Geld gestohlen hat. Völlig verschuldet und desillusioniert kehrt sie nach Barnwell zurück. Dort flirtet sie zunächst mit dem neuen Pastor und mit ihrem ehemaligen Lehrer…
Auch Cordy kehrt nach Jahren der Rastlosigkeit und des ziellosen Vagabundierens zurück in ihre Heimat. Mit 27 ohne Collegeabschluss will sie kellnern und sich überlegen wie sie das Kind, das in ihrem Bauch heranwächst, großziehen soll.
Sie alle vereint aber überdies noch ein gemeinsames Schicksal: ihre Mutter ist an Brustkrebs erkrankt.
Der Vater, ein Shakespeare-Philologe, hat dem allen vor allem Ratschläge und einen unerschöpflichen Vorrat an Zitaten des Barden entgegenzusetzen.

Das Buch heißt im Original „Weird Sisters“, was die drei Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ bezeichnet. Dies ist vom Wortspielcharakter ziemlich passend, denn das englische Wort „weird“ heißt ja merkwürdig, komisch. Sie sind auch irgendwie komisch, diese drei Schwestern, die nicht so recht wissen was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Einzig das Lesen scheint für sie – so wie auch für ihre Eltern – essentiell und der feste Anker in ihrem Leben zu sein. Auf das Lesen, auf die Literatur können sie sich immer verlassen, egal welche Art von Hurrikane sie in ihrer realen Existenz gerade bedroht. Das ist ein tröstlicher und schöner Gedanke: die Literatur rettet einen über alle Krisen hinweg.

Leider muss ich sagen dass die Geschichte sehr viel unnötig Konstruiertes hat, was oftmals gestelzt und unnatürlich wirkt. Zunächst muss man hier die seltsame pluralisierende Erzählsituation eines auktorialen „Schwestern-Erzählers“ erwähnen, der immer aus der „Wir“-Perspektive berichtet, auch wenn es um das Innenleben einer einzelnen Schwester geht. Dies wirkt als seien die Schwestern eine Schicksalsgemeinschaft, die zwar aus Individuen besteht, im Grunde aber ein Wesen ist. Die eingeflochtenen Shakespeare-Zitate, die den Protagonisten zu jeder erdenklichen Situation passend herausrutschen, wirken stellenweise ebenfalls sehr bemüht – außer vielleicht beim Vater selbst – und das obwohl die Frauen als Töchter eines Shakespeare-Forschers ihr ganzes Leben lang von ihnen berieselt wurden. Ansonsten ist die Dreier-Konstellation natürlich typisch und häufig in der Literatur – natürlich auch bei Shakespeare – zu finden. Anfangs tat dieses Bemühte dem Lesespaß – jedenfalls bei mir – kaum Abbruch. Mit der Zeit aber geht einem die pathetische Erzählweise und der belehrende Unterton, der leider auch durch die Shakespeare-Zitate kommt, ein wenig auf die Nerven.
Dann ist auch die Geschichte selbst nicht gerade innovativ: die Schwestern kehren – bis auf eine – an einem schicksalhaften Moment zu ihren Wurzeln zurück und alle drei müssen ihr Leben neu ordnen. Natürlich ist es dabei die Sesshafte, die die Flügel ausstrecken wird und die beiden anderen, die umhergewandert sind, erkennen als zurückgekehrte verlorene Töchter dass sie in der Heimat alles finden was sie immer gesucht haben.
Obwohl der erste Teil sehr retrospektiv und handlungsarm erschien hat mich der Roman gefesselt und mich am „Schicksal“ der Schwestern teilhaben lassen. Leider nahm der Plot im zweiten Teil nur wenig an Fahrt auf. Alle Konflikte die sich im ersten Teil entwickelt haben wurden zwar aufgelöst, ich hätte mir aber ein paar mehr spektakuläre Wendungen und Plot-Verschnörkelungen gewünscht. Stattdessen gab es zum Ende hin einige Längen und Momente, in denen man als hoffender Leser denkt: das kann sich doch jetzt nicht wirklich so „platt“ auflösen. Der Roman selbst ist sicher keine Hochliteratur und dadurch dass ständig der größte Literat aller Zeiten heraufbeschworen wird merkt man leider auch, wie trivial die ganze Geschichte im Gegensatz zu seinen unsterblichen Worten dann doch erscheint.
Dennoch: es ist ein netter (langer) Familienroman, den ich nicht bereut habe zu lesen.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Fantasy-Ethno-Öko-Thriller-Romance-SciFi

Der Ruf des weißen Raben
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Die Handlung von „Der Ruf des weißen Raben“ löste in mir als Leser eine gewisse Unruhe aus. Ständig ist man mit Zeitsprüngen (Vorzeit/Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) und unterschiedlichen Ich-Ausprägungen ...

Die Handlung von „Der Ruf des weißen Raben“ löste in mir als Leser eine gewisse Unruhe aus. Ständig ist man mit Zeitsprüngen (Vorzeit/Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) und unterschiedlichen Ich-Ausprägungen bzw. Bewusstseinsstufen der Charaktere (Mythische Vorzeit-Lehrerin/Jüngeres Ich/Älteres Ich) konfrontiert, die einem die vollste Konzentration abverlangen. Diese doch sehr diffuse Handlungsführung kontrastiert auf eine merkwürdige Weise mit der sehr einfach gehaltenen Prosa und den ständig auftretenden semantischen Wiederholungen der Autorin, die, wenn sie sich einmal für eine Vokabel oder ein sprachliches Bild entschieden hat, selten davon abweicht (so sind die Zedern in diesem Buch omnipräsent, Myra empfindet jedes Mal dieses „seltsame Ziehen“ wenn sie die Zeiten wechselt, man muss dazu immer „bei Kräften bleiben“ und auch die Murmeltiere und Streifenhörnchen tauchen ständig auf und pfeifen oder huschen). Ein bisschen mehr semantische Variation hätte ich mir gewünscht. Die Naturbeschreibung ist ansonsten sehr anschaulich ausgefallen.

Zu den Charakteren ist zu sagen, dass sie alles in allem an der Oberfläche bleiben und selten greifbar werden. Vor allem die Protagonistin Myra wirkt gelegentlich fehl am Platz und Marionettenhaft, ihre Motivation und ihre Beweggründe sind nicht wirklich erkennbar. Sie bleibt oberflächlich und wirkt auf mich auch nicht sonderlich sympathisch, weil sie wenig „Ecken und Kanten“ hat. Chad hingegen versprüht einen gewissen menschlichen Charme, aber auch er wird aber für meinen Geschmack nicht befriedigend charakterisiert. Die Liebesgeschichte der beiden hätte ich mir auch etwas tiefgehender gewünscht, so wird zwar von Anfang gesagt, dass sich beide auf unerklärliche Weise zu einander hingezogen fühlen und am Ende des Romans wird auch klar warum. Dennoch wirkt die Lovestory zuweilen sehr aufgesetzt.

Die Grundaussage des Romans ist wie bei nahezu allen Ethno-Naturgeschichten sicher ehrenvoll: der Mensch hat den Sündenfall der Naturzerstörung begangen und begeht ihn weiterhin. Die alten Kulturen haben es sich zur Aufgabe gemacht dies zu verhindern indem sie die „Alten“ und die – dem modernen Menschen nicht mehr präsenten – Naturgewalten anrufen und um deren Hilfe ersuchen. Das natürliche „Gleichgewicht“ der Kräfte muss wieder hergestellt werden. Die Plotline dass Myra die Auserwählte ist und es jetzt „richten“ soll, ausgerechnet Myra, deren Eltern ursprünglich Einwanderer aus Deutschland sind, Myra, die Journalistin aus der Großstadt Victoria, wirkt auf mich sehr konstruiert. Da hat die ebenfalls aus Deutschland stammende Autorin etwas zu viel Autobiographisches in den Roman gepackt. Ich hätte es besser gefunden wenn Chad – in seiner Eigenschaft als Kanadischer Ureinwohner – diese Funktion des Gesandter bzw. Retters gehabt hätte, aber das wäre vielleicht zu unspektakulär gewesen.

Die indianische Mystik ist in diesem Roman sehr gut beschrieben, die Autorin weiß von was sie spricht. Die Fantasy-Elemente beschränken sich im Wesentlichen auf die Zeitreisen (für die Indianer sind alle Zeiten stets präsent und deshalb ist es für sie keine Fantasy, sondern Teil der universellen Wirklichkeit), die Myra macht. Allerdings kann nur Myra so in die Vergangenheit reisen, wie sie es tut und das macht alles in wenig fragwürdig.

Es gibt fast wie in der klassischen Novelle ein Falkenmotiv, nämlich den Talisman, der so etwas ist wie der „Stein der Weisen“. Um ihn und um sein Haben bzw. Nicht-Haben dreht sich die gesamte Story. Natürlich gibt es auch einen Bösewicht mit Allmachtsphantasien, Morris, der vor nichts zurückschreckt um diesen Talisman (der Myras Mentorin Runa in der Vorzeit vermacht und von mehreren Schamanen mit magischen Kräften und Weisheit aufgeladen wurde) zu besitzen.

Alles in allem hat der Roman für mich Stärken und Schwächen, die sicher vermeidbar gewesen wären. Ein gutes Buch für Zwischendurch, aber auch nicht mehr.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Der letzte Schattenschnitzer: ein romantisches Buch!

Der letzte Schattenschnitzer
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Mit der Überschrift ist nicht etwa gemeint, dass dieser Fantasyroman auch nur im Entferntesten etwas mit der Pseudo-Romantik einer schnulzigen Fernsehromanze zu tun haben könnte. Hier ist die gleichnamige ...

Mit der Überschrift ist nicht etwa gemeint, dass dieser Fantasyroman auch nur im Entferntesten etwas mit der Pseudo-Romantik einer schnulzigen Fernsehromanze zu tun haben könnte. Hier ist die gleichnamige Epoche gemeint und damit die der Düsternis, der Doppelbödigkeit und des Unbelebten, das durch Magie zum Leben erweckt wird. Die Romantiker interessierten sich für die Dinge hinter den Dingen und so auch für Schatten, wie man an der berühmten Geschichte von „Peter Schlehmil“ (die im „Schattenschnitzer“ auch zitiert wird) sehen kann. Diese Thematik, die verschachtelte Geschichte und auch die vielen Perspektiven- und Schauplatzwechsel machen das Buch „romantisch“ und damit extrem gehaltvoll.

Die Geschichte, die erzählt wird, ist so gruselig wie phantastisch: es geht um Schatten als eigene Entitäten, die ihr Dasein zunächst mit dem Menschen zusammen fristen und nach deren Tod eigenständig werden. Es gibt den Limbus, den Ort an dem die Schatten wohnen. Ein Rat der Schattensprecher hat die Aufgabe, das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten zu halten und einen Krieg zwischen Menschen und Schatten zu verhindern. Es gibt also Schatten, die gegen die Menschen kämpfen und sich von ihnen ablösen wollen oder aber, wie im Falle des „Schattensprechers“ Jonas Mandelbrodt, (zunächst) ihre Verbündeten sind: Gut vs. Böse, das alte Lied auch hier neu eingespielt. Madelbrodt ist der Hauptakteur des Buches, um ihn herum wird die Geschichte aufgezogen. Der Junge ist in der Lage mit Schatten zu kommunizieren und ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Diese gefährliche Gabe, die von anderen Schattenmagiern häufig zum Negativen gebraucht wird, bringt ihn bald in die Bredouille: er und seine Familie sind nicht mehr sicher… Dann gibt es noch Carmen Maria Dolores Hidalgo, das „Mädchen ohne Schatten“, das auch von der Schattenwelt instrumentalisiert wird. Jonas erfährt, dass der Rat der Schattensprecher den Tod von Jonas und Maria beschlossen hat, denn sie werden als Anomalien betrachtet und dürfen deshalb nicht weiterleben. Ein(e) Bösewicht(in), der (die) alles daran setzt die Schattenmächte zu beherrschen darf natürlich auch nicht fehlen…

Es vermischt sich in diesem Roman auch Realhistorie mit Fantasy. George Ripley, ein Alchemist aus dem 15. Jahrhundert, hat der heutigen Welt ein gefährliches Erbe hinterlassen: das „Eidolon“. Es gab diesen bedeutenden Alchemisten aus England tatsächlich, das Eidolon ist natürlich eine Zutat des Autors. Auch anderen historischen Figuren wird die Schattenwelt als Grund ihres Untergangs zugeschrieben: Giordano Bruno, Kaspar Hauser etc. sowie zahlreiche Hexenverbrennungen. Auch John Dee, Alechmist der Königin Elizabeth, (der Protagonist aus „Die Gebeine von Avalon“), kommt zwischendurch zu Wort indem immer wieder Passagen aus seinem „Alchimia Umbrarum“ als Zwischentexte eingestreut werden.

Die „Schattenfresser“ erinnern sehr an die „Dementoren“ aus „Harry Potter“, genau wie die Siegel, mit denen die Welt der Schatten geschützt ist an die Horkruxe erinnern. Auch andere Anleihen bei Fantasy-Geschichten sind durchaus zu finden (irgendwie erinnert mich die ganze Atmosphäre ein wenig an den „Schrecksenmeister“ von Walter Moers). Aber das stört ja nicht, denn Autoren haben sich immer überall bedient und Intertextualität ist schließlich ein Wert an sich.

Dass auch aus der Erzählperspektive des Schattens (mit Du-Anrede der Leser) von Jonas Mandelbrodt erzählt wird fand ich bereits in der Leseprobe sehr speziell und durchaus begrüßenswert.

Die Zitate zum Thema Schatten am Beginn jedes Kapitels finde ich sehr anregend und informativ, auch die graphische Gestaltung des Buches sowie des Schutzumschlags lässt bibliophile Herzen höher schlagen. Die Hobbit Presse wird ihrem eigenen Standard hier absolut gerecht (danke auch für das schöne beigelegte Lesezeichen). Ein Abschlusslektorat täte dem Buch aber dennoch gut, immerhin fehlen bei manchen Wörtern die letzten Buchstaben oder es ist einer zuviel.

Christian von Aster erzählt eloquent, geheimnis- und anspruchsvoll, so dass der Leser stets mit voller Konzentration bei der Sache sein sollte. Leider ist der Autor aber letztlich etwas klüger als seine Geschichte, die vielleicht ein wenig zu arabeskenhaft und ambitioniert daherkommt und ihrem eigenen hohen Anspruch in letzter Konsequenz nicht ganz gerecht werden kann. Die Geschichte wird zum Schluss sehr esoterisch, der letzte Teil des Buchs ist recht dicht gewebt, so dass man leicht den Überblick verlieren kann. Ich fand dass es dann zum Ende auch immer pathetischer wurde und das hat mich sehr gestört. Die Auflösung-den Überraschungseffekt-fand ich gut.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Einstein wird ins Rollen gebracht

Einsteins Versprechen
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Ja, das Schema ist altbekannt: mehr oder weniger junger Mann (meist Schreiberling, Büchermensch oder Wissenschaftler), der ein relativ langweiliges, eintöniges Leben fristet und immer ein wenig zu wenig ...

Ja, das Schema ist altbekannt: mehr oder weniger junger Mann (meist Schreiberling, Büchermensch oder Wissenschaftler), der ein relativ langweiliges, eintöniges Leben fristet und immer ein wenig zu wenig Geld verdient wird plötzlich mit einem „Geheimnis“ konfrontiert, dessen Auflösung meist Menschenleben und viele zurückgelegte Meilen kostet. Natürlich darf die mysteriöse Fremde nicht fehlen, die nach einer spröden Anfangsphase beginnt mit dem Protagonisten zusammenzuarbeiten (vielleicht auch zu schlafen). Erst im Verlauf des Buches wird sich herausstellen, auf welcher Seite sie wirklich ist oder was sie mit dem „Geheimnis“ zu tun hat.

„Einsteins Versprechen“ ist ein Buch nach genau diesem Schema-F und trotzdem: es hat mich sehr unterhalten, auch wenn sich manche Erwartungen bzw. Befürchtungen im Laufe des Lesens erfüllt haben. Ja, ja, die „spektakuläre“ Schnitzeljagd durch Europa und Amerika mit den mysteriösen Hinweisen und Morden und der arme Javier (so heißt die Hauptperson) mittendrin! Dann geht es auch noch um Albert Einstein, einen Mann, dessen Theorien und Leben ihm zwar oberflächlich bekannt sind, aber dass er jetzt plötzlich eine Biographie über ihn fertigschreiben soll, weil deren Verfasser um die Ecke gebracht wurde ist eine Situation, die latente Beunruhigung bei dem 40jährigen Journalisten verursacht.

Formeln und Frauen: die beiden wichtigen Eckpfeiler in Einsteins Leben sind es auch in diesem Buch. Da werden genealogische Linien verfolgt, die Mitwirkung von Frauen an seinem Werk beleuchtet und schließlich die bekannteste aller physikalischen Formeln neu interpretiert. Das klingt spannend, ist es auch, zumindest für mich und die meiste Zeit. Gelegentlich wähnt sich der Leser aber auch als Zuschauer eines schlechten Theaterstücks, das hanebücherne Theorien, etwas Sexappeal und allzu stromlinienförmige Charaktere einmal verquirlt und in Romanform ausspuckt. Wie gesagt: gelegentlich. Die meiste Zeit habe ich mich amüsiert und wollte wissen wie es weitergeht, wer hinter dem ganzen Spießrutenlauf um Einstein steckt und wo das Ganze terminiert. Die Zeit, ein wichtiges Element bei Einstein, vergeht schnell und so auch die Lektüre.

Obwohl der Roman von zwei Autoren verfasst wurde, fällt an keiner Stelle auf dass der Schreibstil divergiert, da muss ein guter Lektor am Werk gewesen sein. Besonders schön fand ich die Zitate am Anfang jedes Kapitels und auch die angenehme Kürze derselben (natürlich endet fast jedes Kapitel mit einem spannenden Cliffhanger). Ich vergebe 3 Sterne, auch wenn es sich hier um banale „Unterhaltungswissenschaftsverschwörungstheorienschnitzeljagden-literatur“ à la Dan Brown handelt. Allerdings amüsant und – nicht zuletzt durch die vielen eingestreuten Fakten – sogar ein wenig lehrreich.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Schöner Krimi mit fader Auflösung

Bretonische Verhältnisse
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Bei Krimis bin ich sehr wählerisch, denn ich mag nur solche, die nach klassischem Muster aufgebaut sind und ohne blutrünstige Detailschilderungen auskommen. Von Thrillern und soziopathischen Serienkillern ...

Bei Krimis bin ich sehr wählerisch, denn ich mag nur solche, die nach klassischem Muster aufgebaut sind und ohne blutrünstige Detailschilderungen auskommen. Von Thrillern und soziopathischen Serienkillern halte ich deshalb gebührenden Abstand. Nur altmodische „Whodunits („Wer-hat-es-getan-Krimis“) mit einem Ermittler und vielen möglichen Verdächtigen, die sich auf einem begrenzten Areal (Region, Stadt, Hotel, Landhaus) tummeln bzw. dieses entern, kommen für mich in Frage. Meistens passiert am Anfang und zur Mitte hin ein Mord und die – meist sehr gut auscharakterisierte individualistische – Ermittlerfigur befragt die Verdächtigen und trägt Kenntnisse zur Geschichte der Ermordeten zusammen, um auf das Motiv und letztlich den Täter zu kommen. So mag ich das und deshalb hab ich mich bei lovelybooks.de zum ersten Mal für eine Leserunde beworben, wo ein gewisser „Kommissar Dupin“ seine ermittlerische Premiere in „Bretonische Verhältnisse“ von Jean-Luc Bannalec erleben durfte. Der Vorstellungstext ließ genau so einen altmodischen Krimi erwarten, wie ich sie gerne lese.

Französische Krimis, da fällt einem sofort Georges Simenon ein! In der Tat erinnert Bannelec an den Altmeister was die Herausarbeitung des Französischen angeht. Die Bretagne als Handlungsort hat einen ganz eigenen Charme, den man fast einzigartig nennen möchte. Felsklippen, salzige Meeresluft, mediterranes Atlantikklima und eigenbrötlerische, aber ehrliche Menschen, die sich dem rauen und einfachen Leben, das von viel poetischem Zauber durchsetzt ist und deshalb viele Künstler in ihre Region gelockt hat, angepasst haben.

Mit dem – wie sollte es anders sein – schrulligen Pariser Kommissar Dupin lernen wir die Bretagne und ihre Menschen aus der Sicht einer Person kennen, die nie ganz Bretone sein wird und sich dennoch dem eigentümlichen Charme der Region nicht entziehen kann. Die Sichtweise des staunenden Außerstehenden, „Zugereisten“ also, den seine Sekretärin Nolwenn immer wieder an die Eigenheiten ihrer bretonischen Heimat erinnern muss.

Der Krimi spielt im Hotel- und Kunstmilieu. Der 91jährige Hotelbetreiber Pennec wurde ermordet-warum, das ist hier die Frage. Sehr schnell wird klar, dass die Kunstwelt, die mit dem Tourismus in Pont Aven und Umgebung seit Anfang des 20. Jahrhunderts unmittelbar verknüpft ist, etwas damit zu tun haben muss. Da ich den zukünftigen Lesern die Spannung nicht verderben möchte, verrate ich jetzt nicht zu viel von der Handlung. Nur so viel: es wird früh klar, dass es eine überschaubare Reihe von Verdächtigen gibt – ob Bannalec sich aus diesem Pool bedient oder auf eine externe Erklärung zurückgreifen wird? Ich bin von der Auflösung des Verbrechens jedenfalls überrascht gewesen, allerdings nicht positiv. Die Erklärung für den Mord ist so offensichtlich, dass es eigentlich keinen Spaß macht. Mir fehlt die Raffinesse, der „Aha“-Moment in der Plotgestaltung. Bezeichnend ist dafür am Ende der Satz Dupins: „Wie Sie sagen, am Ende war es kein komplizierter Fall, Monsieur le Préfet. Und das Wichtigste: Der Fall ist gelöst.“ (S. 296) Hm: da frag ich mich doch: soll ein „klassischer“ Krimi nicht genau das liefern: einen „komplizierten“ Fall und einen Ermittler, der diesen trotz seiner Schwierigkeit aufzulösen weiß? Nun ja, ich denke letztlich ist auch das Geschmackssache.

Von seiner Erzählstruktur (4 Ermittlungstage = 4 Kapitel) ist „Bretonische Verhältnisse“ für mich sehr ansprechend. Man steht mit dem Ermittler auf, vergisst mit ihm zu essen um dann letztlich doch ausgehungert ein Bistro aufzusuchen (dabei lernt man ganz nebenbei bretonische Spezialitäten kennen), führt Telefonate, trifft Verdächtige, erkennt die Schönheit der Bretagne um zum Schluss eines jeden Kapitels/Tages todmüde „mit ihm“ ins Bett zu fallen. Dadurch wird versucht ein Gefühl von „Echtzeit“ beim Leser zu erzeugen (man ist bei der ganzen Ermittlung „dabei“ und kann sich selbst ein Bild machen, Kommissar spielen), was ich auf jeden Fall auf der positiven „Haben“-Seite verbuchen möchte. Ich mag die Charakterisierung der Figuren, vor allem die der Frauen (Madame Lajoux, Nolwenn, Madame Pennec, Madame Cassel). Bannalec hat irgendwie ein Händchen dafür individuelle Frauenfiguren zu erfassen, wobei mir die Männer Stromlinienförmiger erscheinen.

Der Debütroman Bannalecs und erste Fall Dupins ist im Großen und Ganzen gelungen. Die Kriminalhandlung ist klassisch und dennoch abwechslungsreich, das Setting liefert bezauberndes Lokalkolorit und die Thematik ist außerdem informativ. Nur die Auflösung und das Verbrechen an sich sind nicht ganz nach meinem Geschmack, ich hätte wie gesagt da einfach „mehr“, etwas anderes erwartet.