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Veröffentlicht am 26.11.2017

Unbedingt lesen!!!

13 Stufen
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Allgemeines:

13 Stufen ist auf Deutsch im Penguin Verlag erschienen und hat 392 Seiten. Kazuaki Takano ist dem deutschen Leser durch seinen überaus erfolgreichen Roman Extinction bekannt, mit dem er monatelang ...

Allgemeines:

13 Stufen ist auf Deutsch im Penguin Verlag erschienen und hat 392 Seiten. Kazuaki Takano ist dem deutschen Leser durch seinen überaus erfolgreichen Roman Extinction bekannt, mit dem er monatelang auf den Bestsellerlisten stand. Kazuaki schreibt zudem Drehbücher und lebt in Amerika und Japan. 13 Stufen ist bereits 2001 in Japan erschienen und wurde 2017 ins Deutsche übersetzt. In Japan wurde dieser Roman preisgekrönt.

Inhalt:

„Ein unschuldig wegen Mordes zum Tod Verurteilter soll hingerichtet werden. Der ehemalige Gefängnisaufseher Kihara und der auf Bewährung entlassene Jun’ichi erhalten den Auftrag, den wahren Täter zu finden. Für das ungleiche Ermittlerduo beginnt damit nicht nur ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, sondern beide müssen sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Bestsellerautor Kazuaki Takano erzählt eine fesselnde Geschichte voller unerwarteter Wendungen und falscher Fährten bis hin zum furiosen Showdown. Am Beispiel der in Japan noch angewandten Todesstrafe stellt er die Frage nach Schuld und Reue, nach dem Recht auf Vergeltung. Dabei erzeugt seine vielschichtige Erzählweise eine außergewöhnliche Spannung, die den Leser bis zur letzten Seite nicht loslässt.“ (Quelle: Verlagsgruppe Random House)

Meine Meinung:

13 Stufen kommt mit einem sehr ähnlichen Cover wie Extinction daher, was sicherlich den Wiedererkennungswert beeinflussen und den Leser, dem Extinction gefallen hat, auch zu diesem Buch greifen lassen soll. Keine schlechte Wahl, wie ich finde.

Der Beginn des Buches ist bedrückend:

„Die Todesboten erschienen um neun Uhr morgens. (…) Zuerst hörte er den dumpfen Knall der Eisentür. Die Luft vibrierte wie bei einem Erdbeben, die Atmosphäre in der Zelle änderte sich schlagartig. Das Tor zur Hölle hatte sich aufgetan, und nackte Angst, die zur absoluten Regungslosigkeit verdammte, brach sich Bahn.“ (S.7)

Wer nun glaubt, er habe einen blutrünstigen Thriller vor sich, wird enttäuscht sein. Aber nicht für lange. Dieses Buch ist sehr viel besser: ein literarischer Krimi. Sabine Mangold hat hervorragend übersetzt, die Sprache hebt sich wohltuend ab von der gängigen Krimiliteratur. Warum 13 Stufen als Roman und nicht als Krimi oder Thriller eingestuft wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil von allem etwas zu finden ist in diesem tollen Buch.

Der Plot ist ebenso ungewöhnlich wie genial: Ein Ermittlerteam, bestehend aus einem auf Bewährung entlassenen Sträfling und dessen Gefängniswärter, soll eine Straftat verfolgen und ermitteln. Da fragt man sich als Leser natürlich, ob das gut gehen kann. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Gefängnisaufseher nicht Kihara heißt, wie es auf der Verlagsseite und im Klappentext steht. Das hat mich zunächst sehr verwirrt!) An die japanischen Namen muss man sich gewöhnen, aber da die Anzahl der Personen übersichtlich bleibt, ist das schnell gelungen.

Die Protagonisten:

Ryõ Kihara: Kandidat in der Todeszelle, ist sich nicht sicher, ob er schuldig oder unschuldig ist; glaubt letzteres
Jun’ichi Mikami: auf Bewährung entlassen, trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum
Nangõ: Gefängnisaufseher und Gefangenenversteher

Das Schicksal dieser drei Personen ist aufs Engste miteinander verwoben, sehr klug gemacht, sehr spannend.

Der Titel des Buches lässt sich aus dem japanischen System der Justiz herleiten. Es braucht 13 Schritte bis zum Vollzug der Todesstrafe, 13 Beamte müssen nach gründlicher Prüfung entscheiden, ob ein Todesurteil vollstreckt werden wird (vgl. S. 38).

Fazit:

Unbedingt lesen!!!

Veröffentlicht am 22.11.2017

Einzigartig, märchenhaft, orientalisch, fantastisch, moralisch, besonders. Lest es.

Amrita
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Auf Instagram habe ich euch heute ein Bild von Amrita – Am Ende beginnt der Anfang gezeigt. Dieses märchenhafte Buch erscheint morgen, am 21.08.2017. Es verbirgt viel mehr als die wunderschön gestaltete ...

Auf Instagram habe ich euch heute ein Bild von Amrita – Am Ende beginnt der Anfang gezeigt. Dieses märchenhafte Buch erscheint morgen, am 21.08.2017. Es verbirgt viel mehr als die wunderschön gestaltete Oberfläche bereits verspricht. Aber lest selbst!


Allgemeines:

Amrita – Am Ende beginnt der Anfang erscheint am 21.08.2017 als gebundenes Buch bei Dressler, also in der Verlagsgruppe Oetinger. Autorin Aditi Khorana hat auf 320 Seiten diesen Einzelband erschaffen. Der originale Titel lautet The Library of Fates, was auch inhaltlich sehr zu passen scheint, und mich sogar noch ein wenig neugieriger gemacht hat.

Manchmal faszinieren Bücher mich, weil sie einzigartig sind. Und das trifft eindeutig auf Amrita zu. Ich kann mich an der besonderen Gestaltung dieses Buches kaum sattsehen. Hach, es ist orientalisch zauberhaft und möchte einfach gelesen werden.

Inhalt:

„Dein Schicksal ist ein Buch, das du selbst schreibst! Das Leben von Amrita, 16-jährige Prinzessin des Königreichs Shalingar, ändert sich auf einen Schlag, als der Despot Sikander Shalingar erobert. Gemeinsam mit der Sklavin und Seherin Thala gelingt Amrita die Flucht und beide machen sich auf den Weg, die »Bibliothek aller Dinge« zu finden, um das Schicksal der Welt zu ändern und schließlich zurück in die Vergangenheit zu reisen: an den Punkt, wo das Unheil begann. Doch was, wenn der einzige Weg, ihren Vater und ihr Land zu retten, bedeutet, dass Amrita sich selbst und ihre große Liebe opfern muss?“ (Quelle: Dressler)

Meine Meinung:

Amrita ist ein wahrhaftig besonderes Buch. Um das zu begründen, muss ich mit dem Nachwort der Autorin anfangen. Dieses Nachwort solltet ihr unbedingt lesen. Und danach eventuell noch einmal das ganze Buch. Denn Autorin Aditi Khorana positioniert sich. Sie ist mutig und spricht Wahrheiten aus. Wahrheiten über gewisse politische Entwicklungen. Sinnbilder, für die dieses Buch metaphorisch stehen könnte. Ich habe Amrita danach wirklich mit ganz anderen Augen gesehen. Khorana erschafft Mut und Gedanken.

Besonders und einzigartig macht dieses Buch die märchenhafte Gestaltung. Immer wieder lesen wir Geschichten, Märchen oder Parabeln, die einzigartig sind, und uns nach Shalingar entführen. Khorana spinnt die Geschichte von Protagonistin Amrita um diese orientalischen Märchen herum. Und nach und nach wird dem Leser klar, dass alle Märchen wahr sind. Und hinter all diesen Märchen verbirgt sich auch eine tiefere Botschaft und ebenso eine tiefere und übertragbare Wahrheit. Man muss sie nur finden und nicht über sie hinweglesen.

Amrita ist dabei eine Protagonistin, die eine große Entwicklung durchmacht. War sie zunächst abgeschottet von der Außenwelt, lernt sie diese gemeinsam mit dem Leser kennen und verstehen. Im Laufe der Geschichte wird sie zu einer wahrhaftig starken Heldin. Begleitet wird sie von Thala, einem Orakel. Auch diese Protagonistin ist besonders. Sie wirkt zunächst undurchschaubar, wächst aber mit fortschreitender Handlung immer mehr ans Herz. Inhaltlich finde ich es beeindruckend, dass Amrita, anders als man durch den Klappentext denken könnte, im Mittelpunkt der Geschichte steht. Keine unrealistische Liebesgeschichte, um die herum die Handlung konstruiert worden ist. Nein, einfach Amrita. Ihr Leben, ihr Schicksal und ihre Geschichte. So fliegen die Seiten beim Lesen nahezu dahin.

Amrita ist ein fantastisches Buch für alle Altersgruppen. Ich würde nicht unbedingt von Fantasy sprechen, weil dieser Begriff dem Inhalt nicht gerecht wird. Die von Khorana erdachten Elemente sind keine klassischen. Ihre Elemente sind etwas Besonderes, ich kann es nicht anders ausdrücken und muss es als fantastisch benennen. All diese Fantastik muss und soll in die reale Welt übertragen werden. Und das macht Amrita so wertvoll. Ich kann an dieser Stelle nur erneut auf das Nachwort verweisen, von dem ich euch allerdings nichts verraten möchte. So etwas sollte jeder selbst entdecken.

Fazit:

Einzigartig, märchenhaft, orientalisch, fantastisch, moralisch, besonders. Lest es.


#ownvoices

Veröffentlicht am 19.11.2017

Ein Buch, das sowohl spannend als auch beklemmend ist

Mudbound – Die Tränen von Mississippi
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Allgemeines:

Hillary Jordans Roman Mudbound – Die Tränen von Mississippi ist bereits 2009 in Amerika erschienen. Jordan hat sieben Jahre an diesem Buch geschrieben, das gleich nach Erscheinen hoch gelobt, ...

Allgemeines:

Hillary Jordans Roman Mudbound – Die Tränen von Mississippi ist bereits 2009 in Amerika erschienen. Jordan hat sieben Jahre an diesem Buch geschrieben, das gleich nach Erscheinen hoch gelobt, mit namhaften literarischen Preisen ausgezeichnet und in mittlerweile 15 Sprachen übersetzt wurde.

Mudbound ist von Netflix verfilmt worden und hat am 17.11.2017 weltweit Premiere gefeiert. Das Buch ist am 02.11.2017 bei Piper Pendo als Paperback erschienen, umfasst 375 Seiten und kostet 15 Euro.


Inhalt:

„»Mudbound ist gigantisch!« The Guardian

Mississippi, 1946: Laura McAllan ist ihrem Ehemann zuliebe aufs Land gezogen, der als Farmer einer Baumwollplantage Fuß fassen will. Doch ihr ist die Umgebung fremd, und auf Mudbound gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Unterstützung erhalten die McAllans durch die Jacksons, ihre afroamerikanischen Pächter. Die aufgeweckte Florence Jackson hilft Laura, wo sie nur kann. Aber auch wenn der Alltag sie an ihre Grenzen treibt und sie für gewöhnlich nicht auf den Mund gefallen ist, würde sie es nicht wagen, ihre Stimme zu erheben und Missstände anzumahnen. In diese angespannte Situation geraten zwei junge Kriegsheimkehrer: Florences Sohn Ronsel und Lauras Schwager Jamie. Deren Freundschaft wird zu einer Herausforderung für beide Familien, und so lassen Missgunst und Ausgrenzung die Stimmung bald kippen …“ (Quelle: Piper Verlag)

Meine Meinung:

Mudbound wurde bereits vor dem Erscheinen in Zeitschriften, Magazinen und im Buchhandel beworben, sodass ich zunächst dachte, dieses Buch will ich in keinem Fall lesen. Denn Werbeaktionen, auf deren Grundlage man ein Buch kauft, haben mich meistens im Nachhinein enttäuscht. Und wenn dann noch, wie bei Mudbound, ein Film zum Buch Grund für das massive Bewerben ist, bin ich mittlerweile besonders misstrauisch. Dieses Mal aber muss ich meine früheren Erfahrungen beiseite legen. Mudbound entspricht so gar nicht den gängigen Klischees von Südstaatenromanen.

Ort der Handlung ist Mississippi im Jahr 1946. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, das Leben beginnt, wieder in normalen Bahnen zu laufen. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonisten, die Kapitel sind jeweils mit ihren Namen überschrieben, was die Orientierung beim Lesen sehr erleichtert. Jeder von ihnen nimmt die Menschen und Geschehnisse um sich herum vollkommen anders wahr. Man merkt schnell, dass das geradezu nach Konflikten schreit. Hinzu kommt die (leider auch heute noch aktuelle) Thematik des Rassismus.

Jordan gelingt es großartig, jedem Charakter ihres Romans Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie lässt jeden seine eigene Sprache sprechen, seine eigenen Gedanken zu seiner Rolle in der Gesellschaft, seine Vorurteile und Meinungen formulieren. Dem Leser erschließt sich so ein stimmiges Bild des großen Ganzen, ohne dass er dazu gedrängt wird. Man muss einfach eine Haltung zu den Geschehnissen entwickeln, merkt man doch, wie ähnlich die Gesellschaft in Bezug auf die hochaktuelle Flüchtlingsthematik den Protagonisten in Mudbound ist.

Ronsel, Sohn der afroamerikanischen Pächter auf Henrys Farm, kehrt aus dem Krieg in sein Heimatdorf zurück:

„Wieder zu Hause, welch ein Jubel! Affe, Schwarzgesicht, Nigger. Ich hatte für mein Land gekämpft und bei meiner Rückkehr festgestellt, dass es sich kein bisschen verändert hat. Schwarze saßen noch immer hinten im Bus, mussten die Hintertür benutzen, pflückten Baumwolle für die Weißen und bettelten um Verzeihung. […] Und die schwarzen Soldaten, die gefallen waren, waren eben tote Nigger.“ (S. 169)

Anders als Harper Lee in Wer die Nachtigall stört erzählt Jordan von einer anderen, späteren Zeit in den Südstaaten. Sie gibt ihren Charakteren mehr Tiefe, lässt sie stärker über Recht und Unrecht nachdenken. Dieses ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass Lees Roman bereits 1960 erschien, einer Zeit, die von politischem Umbruch geprägt war, einer Zeit, in der Rassismus oft nur hinter vorgehaltener Hand thematisiert wurde. Zudem setzt Lee einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt und lässt ihre Handlung in den 1930er Jahren spielen. Beide Romane sind wichtig und ergänzen einander wunderbar. Auffallend ist zudem, dass die Cover beider Bücher sehr ähnlich gestaltet sind. Ich vermute, dieses geschah nicht unabsichtlich.

Fazit:

Ein Buch, das sowohl spannend als auch beklemmend ist. Denn es führt uns vor Augen, wie Emanzipation im Kleinen funktionieren kann und wie es gelingt, sich nicht alles gefallen zu lassen und seine Würde zu bewahren. Es zeigt aber auch sehr drastisch, dass auch Zivilcourage nicht immer ein gutes Ende nimmt. Was mich außerdem beeindruckt: Jordan hat sich unglaublich gut mit den 1940er Jahren in Amerika auseinander gesetzt.

Veröffentlicht am 18.11.2017

Man liebt oder hasst es

Der Insulaner
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Allgemeines:

Henning Boëtius hat ein faszinierendes Leben. Er hat Germanistik studiert, geriet dann aber in eine große Lebenskrise und hatte zeitweise sogar keinen festen Wohnsitz. Er wuchs auf Föhr und ...

Allgemeines:

Henning Boëtius hat ein faszinierendes Leben. Er hat Germanistik studiert, geriet dann aber in eine große Lebenskrise und hatte zeitweise sogar keinen festen Wohnsitz. Er wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Seine ersten Erfolge hatte er mit Veröffentlichungen beim Eichbornverlag. Außerdem übersetzt er Bücher aus dem Norwegischen.

Der Insulaner ist am 11.09.2017 als gebundenes Buch bei btb erschienen und umfasst 956 Seiten.

Inhalt:

„Der Insulaner“ ist das eindrückliche Porträt eines bewegten Lebens, einer fast schon versunkenen Zeit, einer ganzen Welt. Und nicht zuletzt: eine einzigartige Liebeserklärung an die Kunst und an das Meer.

Als der Schriftsteller B. sich wegen eines Tumors am Gehirn operieren lassen muss, fürchtet er seine Erinnerung für immer zu verlieren. Doch dann wird die Operation für ihn zu einem langen Gang durch die verschlungenen Pfade seines Lebens. […]“ (Quelle: Verlagsgruppe Random House)

Meine Meinung:

Das folgende Zitat zeigt sehr schön, was das Rahmenthema dieses Buches ist:

„Als B. aufwachte, schien die Sonne auf das herabgelassene Rouleau. […] Er hatte schlecht geschlafen, war mehrmals von einem regelmäßigen dumpfen Pochen geweckt worden, das an den Herzschlag eines Menschen erinnerte. Jetzt fragte er sich, ob es sein eigener Herzschlag gewesen war, ob er dies alles nur träumte, ob er immer noch in Wahrheit schlafen würde. Vielleicht war alles nur ausgedacht, sein ganzes Leben.“(Der Insulaner, S. 139)

Protagonist ist der Schriftsteller B., da fragt man sich natürlich sofort, ob nicht Boëtius selber gemeint ist. Legt er hier einen autobiografisch geprägten Roman vor? Mit ihren stattlichen 956 Seiten macht die Geschichte viel her und man nimmt sich als Leser ebenso viel vor…

Aufmerksam geworden bin ich auf Der Insulaner durch das Cover. Es hat mich an eine Landschaft in Skandinavien erinnert und ich wollte dieses Buch unbedingt lesen. Fast enttäuscht war ich dann, als ich feststellte, dass der Autor Deutscher ist. Aber die Enttäuschung hielt nicht lange an. Boëtius erzählt wirklich gut.

Der Insulaner ist in acht große Kapitel untergliedert, deren Überschriften Metaphern für die Lebensstationen des Schriftstellers B. darstellen. Das erste und letzte Kapitel bilden eine Art Rahmen: Sie umschreiben Start und Ziel von Bs. merkwürdiger Reise – denn merkwürdig ist sie, zumindest was die Orte betrifft, an denen er auf jemanden trifft, dem er sein Leben erzählt. Man reist mit B. an Orte, in denen die Gebäude zunächst normal, bei näherem Hinsehen aber abgetakelt und wie Ruinen wirken. B. spricht mit einem (vermutlich) imaginären Psychologen, der als Konstante bei all seinen Erinnerungen eine Rolle spielt. Die Erinnerungen wiederum werden realistisch und packend erzählt, die Zwischensequenzen reißen mich als Leser immer wieder aus der Geschichte und verunsichern mich: Ist das nun alles wahr, was B. erzählt und erinnert, oder halluziniert er? Man wabert mit ihm geradezu durch sein Hirn. Wie gut, dass es gegen diese Verunsicherung den Klappentext gibt. Er informiert den Leser darüber, dass B. sich einer Operation am Gehirn unterziehen muss und währen der Narkose sein Leben an ihm vorbeizieht. Vor diesem Hintergrund fällt es einem leichter, dem Erzählstrang zu folgen, ohne ihn wäre man über längere Zeit aufgeschmissen. Hier hat ein Klappentext, anders als in vielen anderen Büchern, eine wirklich sinnvolle Funktion.

Inhaltlich ist dieses Buch eine großartig erzählte Geschichte eines kleinen Jungen und seiner Liebe zum Meer und ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte, die in den 1940er Jahren beginnt und in der Jetztzeit endet.

Fazit:

Boëtius‘ Roman gefällt mir sehr. Abgesehen von einigen wirren Formulierungen des operierenden Arztes im ersten Kapitel, die eigentlich in ihrer Skurrilität schon wieder witzig sind, habe ich Der Insulaner sehr gerne gelesen. Man braucht aber wirklich ein gutes Durchhaltevermögen. Und bei diesem Buch gilt: Man liebt oder hasst es. Dazwischen gibt es nichts.

Veröffentlicht am 16.11.2017

Ein Buch zum Nachdenken und Genießen.

Cold Spring Harbor
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Allgemeines:

Richard Yates lebte von 1926 bis 1992. Er gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Wie bei vielen berühmten Autoren wurde sein Werk erst nach seinem ...

Allgemeines:

Richard Yates lebte von 1926 bis 1992. Er gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Wie bei vielen berühmten Autoren wurde sein Werk erst nach seinem Tod in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Yates war ein exzellenter Beobachter des Alltagslebens mit all seinen Facetten, das in all seinen Romanen beherrschendes Thema ist. Er hält der Gesellschaft auf nüchterne und unspektakuläre Art den Spiegel vor. Das macht sein Werk so wertvoll. Cold Spring Harbor erschien 1986 auf Englisch und ist sein letzter Roman. Auf Deutsch erschien es zunächst als gebundenes und im September 2017 als Taschenbuch. Es umfasst 234 Seiten.

Inhalt:

„Ein Roman über Väter und Söhne, Mütter und Töchter, die Liebe und die Fehler der Jugend. Meisterhaft und mit nur wenigen Pinselstrichen gelingt es Richard Yates, »einem der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts« (FAZ), psychologische Fallstricke, Lebenslügen und Selbstbetrug im Amerika der 1940er-Jahre aufzudecken – und dabei doch immer auch ein Herz für seine Figuren zu haben.“ (Quelle: Verlagsgruppe Random House)

Meine Meinung:

Ich habe schon einige Bücher von Yates gelesen: Zeiten des Aufruhrs, Elf Arten der Einsamkeit und Eine strahlende Zukunft. Allen Büchern ist gemeinsam, dass sie Beziehungen zwischen Menschen, Mann und Frau, Müttern und Söhnen, Vätern und Töchtern, Müttern und Töchtern und Vätern und Söhnen in der amerikanischen Gesellschaft thematisieren. Das hört sich unspektakulär an. Ist es aber nicht. Yates legt immer den Finger in die Wunde, deckt schonungslos auf, was schief läuft in der amerikanischen Gesellschaft. Er schildert beiläufig Alltagsszenen, die in ihrer Banalität jedem bekannt sind, in seinen Romanen aber immer zu Eskalationen führen. Dieses geschieht fast unbemerkt, das nimmt den Leser gefangen.

„Alle Sorgen wegen Evan Shephards rüpelhaften, pubertären Verhaltens waren überstanden, als er 1935, mit siebzehn, für Automobile entflammte. Das unablässige Schikanieren schwächerer Jungen, die plumpen Beleidigungen gegenüber Mädchen, seine stümperhaften, peinlichen Bagatelldelikte – nichts davon spielte mehr eine Rolle, außer als unangenehme Erinnerung.“ (S. 7)

So beginnt Cold Spring Harbor.

Yates erzählt die Geschichte einer Kleinfamilie. Er früherer Berufssoldat, der gerne mehr darstellen möchte als er ist. Sie, eine verblühte Schönheit, die desillusioniert vom Leben psychische Erkrankungen entwickelt und der Sohn, vermeintlich geläutert. Die Shepards repräsentieren die amerikanische Mittelstandsfamilie der 1940 Jahre. Materiell haben sie nichts auszustehen, emotional aber scheint es nicht rund zu laufen. Geschildert wird Alltägliches, das Leben plätschert so dahin. Veränderungen geschehen unmerklich und nicht immer zum Guten. Das Leben der Familie ist eigentlich immer schon schwierig, aber keiner will es sehen. Die Mentalität des Wegduckens wird in Cold Spring Harbor eindrucksvoll beschrieben. Gleiches gilt für die weitere Handlung: Ein Familienleben beginnt zunächst zu bröckeln… Im Fokus steht der Lebensweg des Sohns der Familie, Evan. Wer will nicht nur das Beste für sein Kind? Wir werden sehen, wie das klappt.

Berichtet wird aus der Perspektive des auktorialen Erzählers. Diese Erzählperspektive unterstreicht den nüchternen Erzählstil Yates‘. Er schreibt wirklich kein Wort zu viel, alles ist wichtig und das, was zunächst nicht wichtig erscheint, wird wichtig! Truman Capote, Ernest Hemingway – an diese großen Schriftsteller kommt Yates locker ran.

Fazit:

Yates schreibt über den amerikanischen Alltag wie er sich in den 1940er bis 1980er Jahren darstellt. Alles ist übertragbar in die heutige Zeit, bei Weitem nicht nur in Amerika. Und alles ist hochaktuell! Kein Buch, wenn man Spektakuläres erwartet, sondern ein Buch zum Nachdenken und Genießen.