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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.04.2021

Spannender Fall mit einer große Portion Literaturliebe

Finderlohn
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Fast wäre es komplett an mir vorbeigegangen, dass Stephen King seinem Charakter Bill Hodges nochmal auf Ermittlungstour schickt. Und das wäre sehr schade gewesen! Denn in diesem kurzweiligen Roman steckt ...

Fast wäre es komplett an mir vorbeigegangen, dass Stephen King seinem Charakter Bill Hodges nochmal auf Ermittlungstour schickt. Und das wäre sehr schade gewesen! Denn in diesem kurzweiligen Roman steckt nicht nur ein spannender Fall, sondern auch eine große Portion Literaturliebe.

Hodges seht hier nicht im Vordergrund, sondern der kluge und sehr sympathische Teenager Pete, der eine fast unglaubliche Entdeckung macht. Neben einem Haufen Geld, das seine Familie mehr als dringend gebrauchen kann findet er bisher unveröffentlichte Werke des großen amerikanischen Autors John Rothstein. Mit der Zeit lernt Pete Rothsteins Werk lieben und würde es am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Aber da sein Fund aus einem Verbrechen stammt weiß er nicht, wie er das anstellen soll. Und es gibt noch jemanden der Rothsteins Werk liebt, ja sogar besessen davon ist. Nämlich Morris Bellamy, der Mörder Rothsteins und Dieb der Notizbücher. Bellamy ist ein gelungener Bösewicht. Er wirkt eigentlich gar nicht wie ein kaltblütiger Mörder, sondern eher wie ein unheimlicher Pechvogel, der einfach oft missverstanden wird. Dass er wirklich nicht zu unterschätzen ist, zeigt er aber später noch zur genüge...

Mir hat vor allem die Story „Junge findet Schatz“ gefallen und das großartige Drama, das sich daraus entwickelt. Dabei ist Pete genau die richtige Mischung aus klug, rechtschaffend und tough ohne dabei zu glatt und zu perfekt zu wirken. Dass es dann auch noch um Literatur geht, war ein weiteres Schmankerl. Toll fand ich auch, wie King es mit einer kleinen, wenig Raum einnehmenden Nebenhandlung schafft, dass man unbedingt Mind Control, den nächsten Teil der Hodges-Reihe lesen will, in dem der Mercedes-Killer Brady Hartsfield wieder eine größere Rolle spielt. Und einen Bezug zum Vorgängerband gibt es ebenfalls. Dabei ist Finderlohn ein in beide Richtungen abgeschlossener Fall und ließe sich auch einzeln lesen. Obwohl hier nichts offen bleibt kann ich mir aber nicht vorstellen, dass jemand Finderlohn liest, ohne danach absolut neugierig auf Mind Control zu sein.

Einziger winziger Kritikpunkt war für mich, dass ich Hodges und Anhang hier gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Für mich wäre es auch mit einem andern Cop oder Ex-Cop eine runde Geschichte gewesen. Allerdings hätte so die Brücke zu Teil drei gefehlt.

Dieses Buch ist genau das Richtige, wenn man dem Alltagsstress für ein paar Stunden entkommen will. Locker und leicht geschrieben, spannend und unterhaltsam. Fans von Stephen King kommen genauso auf ihre Kosten wie Krimi-Liebhaber. Für mich ein klasse Buch, das auch das Potential hat den ein oder anderen Lesemuffel zu begeistern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Distanz und Nähe

Aller Liebe Anfang
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Vor allem der Schreibstil von Judith Hermann macht diesem Roman aus. Kurze Sätze. Keine wörtliche Rede. Alles ist knapp, kurz und kühl aber im Text steckt trotzdem viel Emotion. Als Leser ist man nah bei ...

Vor allem der Schreibstil von Judith Hermann macht diesem Roman aus. Kurze Sätze. Keine wörtliche Rede. Alles ist knapp, kurz und kühl aber im Text steckt trotzdem viel Emotion. Als Leser ist man nah bei Hauptcharakter Stella. Man hat Teil an ihren Gedanken, Gefühlen, Ängsten und Zweifeln. Es passiert gar nicht viel im Laufe der Geschichte. Und trotzdem fängt alles irgendwann an bedrohlich zu wirken. Die leere Straße, die unbekannten Nachbarn und vor allem das schon fast als Stillleben beschriebene Haus und der Garten. Stillstand, Bewegungslosigkeit, sich Fügen. Das scheint Stellas Leben zu sein. Immer wieder gibt es Fragen danach wie es so gekommen ist und ob sie glücklich ist. Aber noch nicht einmal Stella selbst scheint darauf eine Antwort zu finden. Sie scheint seltsam distanziert von ihrem eigenen Leben. Hermanns minimalistischer Stil unterstreicht Stellas Feststecken und Zweifeln und ihre diffuse Angst so gut, dass es fast unheimlich ist. Da ist ein dahingesagter Satz der kleinen Ava und man bekommt fast Gänsehaut.

Nach den ersten Sätzen war ich eher wenig begeistert. So trost- und emotionslos wirkte alles. Aber die Geschichte entwickelte dann gerade dadurch ihren Sog. Wer sich nicht ganz sicher ist, ob Aller Liebe Anfang das Richtige ist, dem würde ich auf jeden Fall eine Leseprobe empfehlen.

Einziger Kritikpunkt war für mich das Ende, das mich leider weniger begeistert hat. Für mich war es nicht ganz stimmig und irgendwie seltsam. Ich hatte das Gefühl irgendetwas essentielles verpasst zu haben. Vielleicht habe ich das ja auch.

Den Stil von Aller Liebe Anfang fand ich interessant und mal eine schöne Abwechslung. Auch die Länge des Romans war passend. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Sprachlich steckt erstaunlich viel in diesem Buch. Wenn man will, kann hier viel entdecken. Auf Dauer wäre mir die Schreibe gleichzeitig zu anstrengend und zu glatt, aber hier hat alles gepasst. Und in Zukunft werde ich sicher nochmal zu einem „Hermann“ greifen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Ich bin nicht warm geworden mit diesem Roman

Pfaueninsel
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Eine Insel auf der Havel voll von exotischen Pflanzen auf der die Königen flanieren und auf der es Zwerge, Riesen und andere außergewöhnliche Gestalten gibt. Soweit die Beschreibung, aufgrund derer ich ...

Eine Insel auf der Havel voll von exotischen Pflanzen auf der die Königen flanieren und auf der es Zwerge, Riesen und andere außergewöhnliche Gestalten gibt. Soweit die Beschreibung, aufgrund derer ich mir ein buntes Spektakel und kurzweilige Unterhaltung vorgestellt habe. Ich lang ein bisschen daneben.

Der Tenor der Pfaueninsel ist fast ausschließlich traurig. Die Geschwister Marie und Christian – beide Kleinwüchsig – kommen als Kinder auf die Pfaueninsel. Eigentlich werden sie hierher abgeschoben, da im 19. Jahrhundert niemand etwas mit Kleinwüchsigen anfangen konnte. Außer vielleicht ein König als Unikum auf seiner Lustinsel. Die beiden kennen es nicht anders, aber besonders die sensible Marie trägt schwer daran, nicht dem Ideal zu entsprechen, vermeintlich fehlerhaft zu sein und nichts dagegen tun zu können.

Vieles was im Roman beschrieben wird ist berückend: Das Fernweh. Der Umgang mit den Kleinwüchsigen und andern Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Auch der Umgang mit der Insel, die je nach belieben der Könige, der Gärtner und der aktuellen Mode komplett verändert wird. Die künstlichen Wege und Sichtachsen, die vermeintliche Perfektion, das Mehr und Mehr nach dem gestrebt wird. Man sträubt sich beim lesen gegen den Raubbau, der an diesen natürlich schönen Ort und seinen Bewohnern betrieben wird. Das Leid der dort ausgestellten Tiere war schwer zu ertragen. Aber auch das Leid Maries, für die die Insel genauso zum Gefängnis wird, wie die Käfige für die Tiere. Das Buch ließ mich fast gänzlich bedrückt zurück. Für eine wirklich traurige Geschichte fehlte mir aber die Verbindung zu den Charakteren. Ich konnte Maries Tatenlosigkeit nicht nachvollziehen. Auch ihre Gedanken waren mir teilweise wenig verständlich. Maries große Liebe Gustav war von Anfang an kein Sympathieträger und alle anderen Charaktere blieben eher blass. Auch hat sich mir nicht erschlossen, warum Hettche an mehreren Stellen der eher ruhigen Geschichte mit stark sexualisierten Szenen daherkommt.

Sprachlich fand ich den Roman eher sperrig. Hier und da verwendet Hettche unglücklich verschachtelte Satzkonstellationen die den Lesefluss stören. Sie sollen wohl ein wenig die Sprache des 19. Jahrhunderts untermalen, waren mir dafür aber nicht konsequent genug eingesetzt und so eher störend. Immer wieder werden reale geschichtliche Ereignisse eingestreut, Philosophen werden zitiert und diskutiert.

Für einen einzigen Roman war mit alles zu bedrückend und zu lethargisch. Nur die Insel scheint sich zu verändern. Ihre Bewohner entwickeln sich kaum. Dafür, dass nicht so viel passiert, hätten dem Roman ein paar Seiten weniger gut getan. Die geschichtlichen Details hätte ich nicht gebraucht, dafür hätte Hettche detailreicher auf Marie und Christian und ihr Leben eingehen können.

Leider konnten mich weder die Geschichte, noch die Sprache der Pfaueninsel mitreißen. Vielleicht liegt es daran, dass ich etwas ganz anderes erwartet habe. Ich bin einfach nicht warm geworden mit diesem Buch.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Absolut gelungen

Der goldene Handschuh
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Eine Milieustudie? Ein Krimi mit realem Hintergrund? Die Biografie eines Mörders? Ein Roman mit Ekelpotential a la Feuchtgebiete, nur besser geschrieben? Was genau ist Der goldene Handschuh eigentlich? ...

Eine Milieustudie? Ein Krimi mit realem Hintergrund? Die Biografie eines Mörders? Ein Roman mit Ekelpotential a la Feuchtgebiete, nur besser geschrieben? Was genau ist Der goldene Handschuh eigentlich? Ich kann es euch sagen: Es ist ein tolles Buch.

Heinz Strunk beschreibt einfach großartig. Sein Erzählstil ist nüchtern, fast schon abgebrüht. Egal was passiert, nichts wird beschönigt, nichts ausgelassen, kein Mitleid gezeigt. Dadurch, dass er Honkas schlimme Vergangenheit und seine schrecklichen Taten im gleichen Ton beschreibt fühlt man mit ihm und findet ihn gleichzeitig abstoßend. Dass Strunks Sprache auch sehr bildlich ist, erhöht den Ekelfaktor nicht unerheblich. Aber es passt einfach alles so gut zusammen. Von Anfang an ist man mit drin in Milieu. Aber was heißt schon Milieu? Durch zwei Nebenhandlungen zeigt Strunk, dass auch Menschen mit mehr Lebensglück, Geld und Intelligenz in genau die gleiche Umgebung geraten können wie Honka – in den goldenen Handschuh. Am besten am Roman haben mir gerade die Passagen im Handschuh selbst gefallen. Strunks Beschreibungen der Leute dort ist großartig und auf eine voyeuristische Art total interessant. Die Säberalmas, die Schimmligen, die Luden und die Säufer. Die internen Hierarchien und ungeschriebenen Regeln. Dabei beweist er erstaunlich viel Humor. Auch wenn ich hin und wieder nicht wusste, ob ich lachen oder mich ekeln soll. Aber ich habe mich erstaunlich schnell „eingewöhnt“. Über den goldenen Handschuh hätte ich noch ewig weiterlesen können.

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist, dass der Fokus nicht auf den Morden selbst liegt. Man weiß ja eigentlich von Anfang an auf was alles hinausläuft, aber dass Strunk sich dann viel mit Honkas Gedankenwelt, seinem Leben und seinen Gefühlen beschäftigt gibt dem ganzen eine unerwartete Richtung.

Ansonsten war die Länge des Romans annähernd perfekt. Nichts wurde überstrapaziert, es kam keine Langeweile auf und es kam nichts zu kurz. Über das Klientel im Handschuh hätte ich wie gesagt durchaus noch mehr lesen können, aber es passte auch so sehr gut. Das Einzige, was für meinen Geschmack zu umfangreich ausfiel, waren die Schilderungen über Hamburg und den Hamburger Hafen.

Ich musste mich beim lesen hin und wieder daran erinnern, dass das hier KEINE reine Fiktion ist. Sondern so oder so ähnlich wirklich passiert ist. Das wollte bis zuletzt nicht so ganz in meinen Kopf und hat mich wohl am meisten beschäftigt.

Da ich das schon von verschiedenen Rezensenten gehört habe: Ich wollte das Buch an keiner Stelle weglegen und ich musste mich auch nicht zwingen weiterzulesen. Ja, man braucht etwas mehr Ekeltoleranz als bei anderen Romanen, aber es lohnt sich! Sprachlich und von der Umsetzung ist Der goldene Handschuh einfach ein großartiger und absolut lesenswerter Roman. Dazu noch das absolut gelungene Cover. Eine klasse Leistung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Grandiose Mischung aus Familienepos und Krimi

Der schwarze Falter
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Obwohl Ruth Rendell eine unheimlich erfolgreiche und sehr produktive Schreiberin war, kannte ich bisher nicht mehr als ihren Namen. Dass sie zudem noch unter dem Pseudonym Barbara Vine 14 weitere Romane ...

Obwohl Ruth Rendell eine unheimlich erfolgreiche und sehr produktive Schreiberin war, kannte ich bisher nicht mehr als ihren Namen. Dass sie zudem noch unter dem Pseudonym Barbara Vine 14 weitere Romane geschrieben hat, war mir völlig unbekannt. Der schwarze Falter war ein simpler Flohmarktfund. Ein simpler Flohmarktfund allerdings, der mich nicht mehr losgelassen hat.

Dieser Roman lebt von seinen grandiosen Charakteren. Zum einen Gerald Candless: Er ist ein erfolgreicher Romanautor und Vater von Sarah und Hope. Einerseits ist er der liebevollste Vater der Welt, andererseits ist er zu seiner Frau Ursula kalt und abweisend. Ursula selbst wirkt sehr passiv. Sie musste schon viele emotionale Verletzungen erfahren, die sie zu der Person gemacht haben, die sie ist, eigentlich aber gar nicht sein will. Für Sarah und Hope gibt es nichts größeres als ihren Vater. Sie sind dementsprechend versnobt und verwöhnt aber auch klug und emotional. Das Schöne an alldem ist, dass jeder Charakter einen durchweg sympathischen und einen unsympathischen Zug hat. So fällt es schwer, sich auf eine Seite zu schlagen und man fühlt mit jedem einzelnen mit.

Der Roman beginnt mit Gerald Candless Tod und gewissen Ungereimtheiten, die daraufhin in seiner Biografie auftauchen. Irgendetwas ist in seiner Vergangenheit passiert, das ihn dazu brachte ein komplett neues Leben zu beginnen. So wird der Roman zu einer Mischung aus kriminalistischer Spurensuche und Familienstudie. Im Rückblicken schildert Vine Passagen aus Geralds und Ursulas Leben. Diese sind perfekt durchdacht. Sie Enthüllen immer genau die richtige Menge, halten die Spannung hoch und verraten dem Leser viel darüber, wie es zu den seltsamen Verhältnissen der Familienmitglieder untereinander kam. Diese Mischung aus Emotion und Spannung hat mich komplett gefesselt. Ich konnte dem Roman kaum aus der Hand legen. Und Vine wartet praktisch bis zur letzten Seite, bis sie endlich alles aufklärt.

Barbara Vine hat einen eleganten Schreibstil. Er passt zum Intellektuellen Candless-Clan, ist aber gleichzeitig einfühlsam und unaufgeregt. Ganz großartig fand ich, dass jedes Kapitel mit einem Zitat aus einem von Gerald Cadless fiktiven Romanen beginnt. Das macht die Geschichte nochmal ein ganzes Stück lebendiger.

Ich kann für diesen Roman eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Die Charaktere sind großartig und blieben mir noch lange im Kopf. Es ist unheimlich fesselnd und das nur durch ein simples Familiengeheimnis und die Frage Warum?. Zudem noch ein wunderbarer Schreibstil, dem man anmerkt, dass die Autorin genau weiß was sie tut. Einfach klasse.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere