Profilbild von amirasbibliothek

amirasbibliothek

Lesejury-Mitglied
offline

amirasbibliothek ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit amirasbibliothek über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.03.2021

Meega Cliffhanger!

Eve of Man (I)
0

Ich war sooo gespannt auf das Buch! Es versprach, eine neue Art von Dystopie zu sein, die Idee hat mich an den Film "Children of Men" erinnert. Meine größte Hoffnung war, dass die Umsetzung mich hier ebenfalls ...

Ich war sooo gespannt auf das Buch! Es versprach, eine neue Art von Dystopie zu sein, die Idee hat mich an den Film "Children of Men" erinnert. Meine größte Hoffnung war, dass die Umsetzung mich hier ebenfalls überzeugen würde.

Ich muss sagen, dass die ersten Seiten nicht so leicht waren. Mir hat die Perspektive nicht gefallen: Ich-Perspektive der Protagonistin und diese ist erst sechszehn. Der Schreibstil ist ihr angepasst worden und wirkte auch authentisch, aber eben von der Denkweise auch sehr jugendlich. Mit viel Pathos! Besser wurde es, als sich mit den Kapiteln ein Wechsel der Perspektive zu Brams Sicht entwickelt hat. Ein Format, das sich für dystopische Jugendbücher gut eignet. Ich komme aber immer noch nicht über den Gedanken hinweg, dass bei der Thematik eine erwachsenere Aufmachung nicht geschadet hätte.

Auf das ein oder andere Klischee hätte man definitiv verzichten können und über den Konstruktionscharakter muss gar nicht erst gestritten werden.

Aber über all dem steht die Spannung, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Bis zum allerletzten Satz. Diese liegt darin begründet, dass alles vorhanden ist, was eine gute Dystopie braucht: Ein ernsthaftes Problem, eine zerrüttelte Welt und/oder Gesellschaft, glaubwürdige technische Neuerungen oder ein anderes kulturelles Konzept, das aber trotzdem von unserer Realität nicht zu weit entfernt ist und Charaktere, mit denen sich mitzufiebern lohnt.

Es war definitiv keine Welt, in der ich mich wohlgefühlt habe, aber es gab immer etwas zu entdecken und vor allem könnte man vom Plot und den Strukturen dieser Gesellschaft ausgehend große philosophische Debatten starten. Und der Cliffhanger am Ende hat dann noch mal einen richtigen Spannungskick gegeben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2021

Spaltet die Gemüter!

Die Tribute von Panem X
0

Was soll ich sagen? Das war eine seltsame Reise. Es ist wahrscheinlich immer mit einem Gefühl der Ernüchterung verbunden, wenn man eine Reihe, die man in frühen Jugendzeiten anfängt und feiert, als Erwachsene ...

Was soll ich sagen? Das war eine seltsame Reise. Es ist wahrscheinlich immer mit einem Gefühl der Ernüchterung verbunden, wenn man eine Reihe, die man in frühen Jugendzeiten anfängt und feiert, als Erwachsene fortsetzt. Diesem Phänomen war ich hier leider ausgesetzt. Es hat etwas gedauert, bis ich in das Buch reingekommen bin. Es mag an der neuen Situation liegen. Panem zu einer anderen Zeit, beginnend im Kapitol, keine Spur von Katniss. Aber das glaube ich weniger. Darauf war ich ja eingestellt.

Ich führe es auf den Schreibstil zurück. Er wirkte hemmend auf mich, wenig vertraut. Mein erster Gedanke war, dass es an der Übersetzung liegt. Ich habe aber gerade nachgeschaut und festgestellt, dass es dieselben Übersetzer sind wie damals. Wenn also Suzanne Collins ihren Stil nicht verändert hat, sind die Voraussetzungen gleich. Bleibt wohl nur noch die Erklärung durch meine eigene Veränderung. Der Stil hat mich besonders bei den vielen Liedtexten gestört. Hätte man die nicht im Original lassen können?

Um es vorwegzunehmen: Ich habe mich schließlich, und keinesfalls zu spät, an den Stil gewöhnt und wollte das Buch nicht aus der Hand legen. Nebenbei bemerkt: Das liegt nicht zuletzt daran, dass es haptisch so angenehm anzufassen ist. Größtenteils führe ich es aber auf die Spannung, die das Buch aufgrund seiner besonderen Perspektive aufbaut, zurück.
Coriolanus ist weiß Gott kein Sympathieträger. Nicht einmal zu Beginn, als man hofft, dass der Kapitolssprössling durch Lucy Gray humanistische Qualitäten dazugewinnt. Und eben auch, weil man den zukünftigen Coriolanus aus den alten Büchern kennt, wollte ich die ganze Zeit wissen: Was ist die Geschichte dieses Mannes? Wie ist der alte weiße Mann aus dem Jüngling hier hervorgegangen?

Die Protagonistin, Lucy Gray, ist in meinen Augen nicht so sehr gelungen. Ich konnte mich nicht an sie klammern, obwohl man in einem Jugendbuch einen sympathietragenden Anker sucht. In dieser Welt habe ich ihn nicht gefunden. Lucy verkörpert sich widersprechende Eigenschaften. Sie ist aufrichtig und auf der anderen Seite weiß sie, welche Mittel sie anwenden muss, um zu erreichen, was sie will.
Diese Einschätzung ist aber hochgradig subjektiv. Eine Freundin von mir hat zu Lucy Gray einen Zugang gefunden.
Dass die beiden erst 16 sind, hat in mancher Hinsicht einer Wiederholung des erhabenen Gefühls von damals im Wege gestanden. Jetzt muss ich zurückschauen, damals habe ich vorausgeblickt.

Die Liebe, die einem in diesem Buch begegnet, damit meine ich die anziehende und geschlechtliche, hat mir ebenfalls zu grübeln aufgegeben. Es ging so schnell und war so einfach gestrickt. Aber schließlich kommt es zu dem großen Moment... Und da habe ich gedacht, dass ich selten so eine realistische Quittung der Gefühle bekommen habe wie am Ende dieses Buches. Ein reiner Gefühlscocktail. Nichtsdestotrotz wirkte es für mich in einem Großteil der Geschichte sehr kindisch, wie Zwischenmenschliches behandelt wird. Damit meine ich, dass es sich vorwiegend an eine jugendliche Adressatengruppe zu richten scheint, obwohl es ja vorwiegend die Jugendlichen von damals sind, denen dieses Buch in die Hände fällt.

Was dagegen sehr erwachsen wirkte, war der philosophische, politische, staatstheoretische Diskurs, der aufgeworfen wird. Darüber war ich überrascht. Wenn man es als Leser annimmt, dann bekommt man hier ausreichend Stoff zum Nachdenken. Gibt es den Naturzustand á la Hobbes wirklich? Das ist die Frage. Leider bleibt der Gedanke hier nicht komplett roh, sondern wird gewissermaßen vorgekaut.

Eine Freundin hat versucht, einen aktuellen Bezug zu den Hungerspielen zu finden und den z.B. in der TV-Show ums Dschungelcamp gefunden. Aber der Haken in dem Vergleich liegt in der Freiwilligkeit der Schausteller. Ihr kam es aber um die Inszenierung an. Das Vergnügen, das aus dem Leid anderer geschöpft wird. Ich denke, dass man gar nicht in so spezielle Teilgruppen gehen oder in die Vergangenheit reisen muss, um den Realitätsbezug zu erfassen. Einen Stichwort, den ich dazu im Raum lassen möchte, lautet: Post-Kolonialismus.

Für alle bisherigen Panem-Fans gibt es aber auch eine Menge zu erfahren: Wie die Entwicklung der Hungerspiele vonstatten gegangen ist, was es mit der Evolution der Spotttölpel auf sich hat, was die weißen Rosen bedeuten oder woher Tigris stammt.
Das Buch lässt einen also keinenfalls kalt. Diese Zerissenheit war übrigens auch der Anlass für die Einführung von halben Catookies. Während es eine Freundin von mir zum baldigen Abbruch bewegt hat, hat es die andere in Begeisterung versetzt und mich in der Mitte stehen lassen.
Abschließend möchte ich noch einige Fakten nennen, die mir aufgefallen sind:

1. Katniss taucht als Name eines Krauts auf, bestimmt nicht von ungefähr.

2. Das Buch fühlt sich sehr gut in der Hand an, mit dicken Seiten und einem pappenen Umschlag. Ist dafür aber auch sehr anfällig. Sorry, Lara!

3. Einige Seiten sind mit Tabellen der Tribute bedruckt, die immer wieder aktualisiert werden- unnötige Platzverschwendung, wenn ihr mich fragt.

4. Am Ende eines jeden Kapitels gibt es einen fiesen Cliffhanger, die man von der Autorin gewohnt ist.

5. Highbottom erinnert mich an Professor Snape aus Harry Potter. Von Anfang an hatte ich Hoffnung auf das Gute in ihm.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.06.2021

Psychologisch interessant, kriminalistisch nicht so besonders wie sein Ruf

Schuld und Sühne
0

Zuerst möchte ich sagen, dass ich das Buch als Hörbuch gehört habe. Ob das eine gute Entscheidung war? Das musst du natürlich selbst entscheiden, es ist aber gar nicht so einfach, eine passende Vertonung ...

Zuerst möchte ich sagen, dass ich das Buch als Hörbuch gehört habe. Ob das eine gute Entscheidung war? Das musst du natürlich selbst entscheiden, es ist aber gar nicht so einfach, eine passende Vertonung zu finden. Ich habe eine gefunden, mit der ich mich gut arrangieren konnte. Denn ihr könnt euch sicher denken, dass es min. ein Monatsvorhaben ist. Ich glaube, ich war zwei beschäftigt. Mit einer nervigen Stimme sicher kein spaßiges Vergnügen. Wer das Buch aber intensiv lesen möchte, dazu gehört meiner Meinung nach auch, sich Bemerkungen am Rand zu machen, der sollte es lieber gleich selbst lesen. Ich habe viel mitbekommen, aber manchmal bin ich auch mit den Gedanken abgeschweift.
Ganz ehrlich: Es ist kein Klassiker, den ich bedingungslos weiterempfehle oder den man meiner Meinung nach gelesen haben muss. Es gilt als der Ur-Krimi. Ich bezweifle das. Das fängt schon dabei an, dass es eher ein Psychothriller ist, der aufzeichnet, wie die Gewissensbisse den Mörder auffressen. Da der Erzähler auktorial ist, können die einzelnen Figuren bis in die hintersten Ecken durchleuchtet werden. Was in ihnen vorgeht, wissen die Leser*innen sofort. Es geht also nicht per se um die Ermittlungen, sondern darum, ob Raskolnikow ungestraft davonkommt.
Eine andere Besonderheit des Romans sind die vielen gesellschaftlichen Themen, die mitmischen, allen voran die Theorie über die Polarität der Menschheit in Große und weniger wertvolle. Aber das hat mich persönlich jetzt nicht sonderlich inspiriert, weil ich die Theorie nicht für tragfähig und deswegen auch für bedeutungslos halte. Zu sehen, dass Raskolnikow daran scheitert, sie zu bestätigen, hat mich keineswegs überrascht. Es ist wohl eher eine Ermessenssache, dass manche Morde aufgrund deren (positiver) Wirkung in den Hintergrund geraten und ungestraft davon kommen. Die meisten von uns, wenn sie sich die Taten vor Augen führen, werden sie aber doch wohl trotzdem verurteilen. Vielleicht bin ich da aber auch zu optimistisch. Man sollte den Roman auch nicht aus dem räumlichen und zeitlichen Kontext seiner Entstehung heben. Für mich klang es jedenfalls an manchen Stellen ziemlich aus der Luft gegriffen. Das durchgängige geisteswissenschaftliche Geplätscher (Die Hinzunahme vieler verschiedener Diskurse von Politik über Philosophie bis hin zu Psychologie) erinnert stark an Dostojewski erinnert stark an seinen Kollegen Tolstoi. Von beiden russischen Autoren habe ich bis jetzt nur ein Werk gelesen, weswegen es schwer fällt, die Beobachtungen zu verallgemeinern. Aber Tolstoi konnte mich besser unterhalten. Bei ihm habe ich mehr Witz vorgefunden und in der Düsternis der gläsernen Figuren (beide schaffen es, dass man sich in die verschiedensten Personen hineinversetzen und ihre Schwächen erkennen kann) ist auch mehr Wärme übrig geblieben. Schwierig machen es einem beide, was die Namen angeht, besonders für den ungeübten. Wer bitteschön hat sich das russische Namensystem ausgedacht?
Das Ende von Schuld und Sühne war auch gar nicht mein Fall. Wenn ich ihm auch lassen muss, dass es gar nicht mal so einfach ist, am Ende die Frage zu beantworten, ob er denn nun gerecht gestraft wurde oder nicht. Fast alle Diskussionen im Buch haben mit dieser Schlüsselfrage irgendwie zu tun, weswegen ich schon sagen würde, dass es sich als Schullektüre eignete, wenn es nicht so dick wäre. Sprachlich ist es auch gut lesbar. Aber genauso gut kann man meiner Meinung nach auch Das Parfum von Süsskind oder Der Prozess von Kafka lesen. Auch Der Richter und sein Henker von Dürrenmatt wären thematisch eine gute Alternative. Das einzige Argument, das für mich für Dostojewski sprechen würde, wäre die besondere psychologische Innensicht und die auktoriale Erzählhaltung. Vielleicht sollte ich noch mehr von ihm lesen, um ein besseres Urteil zu fällen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2021

Man kann gut eintauchen!

180 Seconds - Und meine Welt ist deine
0

Vorweg: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und fand die Vertonung sehr gut gelungen. Die Stimme passt gut zu der Protagonistin und man konnte sehr gut zuhören. Auch die männlichen Charaktere hat sie ...

Vorweg: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und fand die Vertonung sehr gut gelungen. Die Stimme passt gut zu der Protagonistin und man konnte sehr gut zuhören. Auch die männlichen Charaktere hat sie gut gesprochen. Manchmal ist mir die Protagonistin aber dann doch auf die Nerven gegangen und wenn ich jetzt zurückdenke, habe ich dann auch immer die Stimme der Sprecherin im Ohr. Jetzt weiß ich nicht, ob es dann die vorgelesenen Gedanken Allisons allein oder in Verbindung mit der Stimme waren, die mich nervten. Feststeht: es liegt nicht nur an der Stimme. Die ist eigentlich nicht nervig, kaut aber den manchmal selbstmitleidigen und wankelmütigen Zug in Allisons Charakter vor. Beim Lesen wäre ich vermutlich zu ähnlichem Ergebnis gekommen, hätte die Sätze aber selbst im Kopf betonen müssen, deswegen vorgekaut. Nervig war die Protagonistin, nicht die Sprecherin.

Wovon ich nach der Lektüre ebenfalls eindeutig genug fürs Leben habe, sind Kosenamen. Ich bin ohnehin etwas empfindlich, was diese angeht, aber die Häufigkeit und Arten, wie sie hier vorkommen, haben mir den Rest gegeben.
Um zu etwas Positivem zu kommen: Ich fand die Idee hinter der Geschichte sehr originell und muss auch nach dem Lesen sagen, dass es in der Flut an New Adult-Romanen, die uns seit den letzten Jahren überrollt, seine eigene Note wahrt. Wir haben hier nicht den typischen Bad Boy, sondern einen richtig netten Kerl, in den ich mich wirklich verlieben könnte. Aber dass es sich dabei um einen Star handelt, hätte man getrost weglassen können.

Das führt mich zu einem weiteren Punkt, bei dem ich nicht ganz weiß, was ich davon halten soll. Viele Follower zu haben, wurde zu Anfang dieses Romans als etwas anzustrebendes hervorgehoben, weswegen bei mir die Alarmglocken angingen: Eindeutig die falsche Message, dachte ich mir. Mit der Zeit wurde diese Aussage aber relativiert, weil auch die Schattenseiten des High Lifes dargestellt wurden und die Medienpräsenz für Positives eingesetzt wurde. Ohne diesen Teil hätte die Geschichte irgendwann keinen Sinn mehr ergeben. Trotzdem bin ich am Ende wieder zu meinem anfänglichen Urteil zurückgekehrt. Es wird der Eindruck suggeriert, wir alle bräuchten Social Media, um Gutes zu tun und beliebt zu werden. Hmm, schwierig. Und dann denke ich wieder: so ist es doch wirklich. Die Autorin beschreibt nur die Realität.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich sehr schnell lesen/ hören lässt. Es ist leicht geschrieben und vermittelt eine sehr mollige Atmosphäre, die sich gut für den Dezember eignet, weil es ebenfalls von dieser Zeit handelt. Es bedient alle Emotionen, ist aber zum Teil auch sehr traurig. Leider kommt auch dieser Roman nicht ohne ein verwaistes Mädchen aus, aber so wie hier wurde die Situation noch nie gelöst. Ich bin ein Fan von Simon, dem schwulen Adoptivvater!
Über die Plausibilität der Ereignisse am Ende könnte man streiten und auch über den Konstruktionscharakter einiger Konflikte. Aber auf so was stellt man sich bei dem Genre New Adult doch ohnehin am Anfang ein, oder nicht?

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2021

Realitätsnah mit Potential für mehr Tiefgang

Wo du nicht bist
0

Es fällt nicht schwer, in die Geschichte reinzukommen und in ihr zu verweilen. Im Grunde fliegt man nur so durch die Seiten, weil der Schreibstil sehr leicht ist und es alles in allem ein nur sehr kurzes ...

Es fällt nicht schwer, in die Geschichte reinzukommen und in ihr zu verweilen. Im Grunde fliegt man nur so durch die Seiten, weil der Schreibstil sehr leicht ist und es alles in allem ein nur sehr kurzes Lesevergnügen ist. Für meinen Geschmack zu kurz. Jetzt muss man natürlich zu Gute halten, dass es nach einer wahren Begebenheit geschrieben wurde. Um Dramatik aufzubauen, so steht es im Nachwort, musste einiges dazugedichtet werden, was ich nicht weiter schlimm finde, sondern im Sinne eines solchen Romans in der Natur der Dinge inbegriffen. Von mir aus hätte es ruhig noch mehr sein können!

Es ist nämlich so, dass vieles ruckartig eingeläutet wird, oder der Vorhang wird immer halb vorgehalten, um Privatsphäre zu generieren, wo nicht einmal der Leser eindringen kann. Gerade in der Kennlernphase der beiden Protagonisten hätte ich mir das aber sooo gewünscht. Diese Distanz hat natürlich den Effekt, dass sie die Geschichte glaubwürdiger und wie einen Tatsachenbericht erscheinen lässt, als sei es ein Zeitzeugenbericht, was es ja schon irgendwie ist. Aber eine richtige emotionale Nähe konnte ich so leider nicht aufbauen.

Trotzdem hat mich die Geschichte keineswegs kalt gelassen. Die Nüchternheit der Erzählung hat die Atmosphäre der Zeit bestimmt gut transportiert. Ich finde es super, dass sich die Autorin dazu entschlossen hat, dieses Schicksal für die Nachwelt festzuhalten. Wäre es eine rein fiktionale Geschichte, hätte ich gesagt, dass die "Idee" richtig gut ist. Eine Eheschließung mit einem Verstorbenen...

Was mich auf jeden Fall gefesselt hat, waren die vielen Details (Straßennamen und historische Fakten) und das Highlight waren auf jeden Fall die aufgeführten Quellen (Fotos und Heiratsurkunde). Ich hätte mir davon noch viel mehr gewünscht, aber vielleicht war das nicht möglich. Das hat einem dann doch einen Kloß im Hals verursacht, zu sehen, wie wirklich das alles war.

Eine Sache ist mir noch bezüglich der Perspektive aufgefallen. Der Erzähler wirkt in der ersten Hälfte neutral zu sein (vielleicht mit Tendenz zu Irmas Sicht), aber dann gibt es auf einmal eine Wendung: Er wird zum personalen Erzähler aus Erichs Sicht, um dann wieder Irma zu schwenken, mit personalen Anteilen. War es schon die ganze Zeit aufgefallen. Das passt schon irgendwie, da es an die Empathie der Leser appelliert. Aber dass es so stark auffällt, sollte eigentlich nicht sein. Es offenbart den Backstage Bereich, der den Lesern eigentlich verborgen bleiben sollte.

Ein weiterer Punkt sind einige Tippfehler, die das Lektorat übersehen hat. Das passiert, aber es ist einige Male vorgekommen.

Als Letztes möchte ich noch ansprechen, wie schön ich es fand, dass die beiden Zeitstränge parallel verliefen und sich weiterentwickelt haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich darüber jemals verwirrt war und die Zeiten nicht zuordnen konnte.
Also insgesamt ein gutes Buch, dass aber doch noch weiter in die Tiefe hätte gehen können.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere