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Veröffentlicht am 26.09.2022

Eine bemühte Rekonstruktion

Isidor
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Der Roman ist eigentlich eine Biografie über ein jüdisches Leben aus der Familiengeschichte der Autorin Shelly Kupferberg. Anhand von Dokumenten, Briefen u.ä. konstruiert sie das Leben des Juden Isidor, ...

Der Roman ist eigentlich eine Biografie über ein jüdisches Leben aus der Familiengeschichte der Autorin Shelly Kupferberg. Anhand von Dokumenten, Briefen u.ä. konstruiert sie das Leben des Juden Isidor, der unter dem Nationalsozialismus in Deutschland leiden musste. Die Erzählung wechselt aus der Ich-Perspektive Isidors zur Perspektive der Autorin, die über den Prozess der Rekonstruktion und Imagination berichtet. Diesen Wechsel fand ich unglücklich eingefädelt, er hat den Lesefluss gestört. Da ich einige (AutBiografien und Romane aus dieser Zeit kenne, die die Verfolgung im NS-Regime thematisieren, meine ich, eine gute Vergleichsfolie zu haben. Sicher muss beachtet werden, dass Shelly Kupferberg nur im engsten Sinne rekonstruieren kann und das Geschehen nicht selbst miterlebt hat, dennoch ist mir diese Distanz bei der Lektüre allzu deutlich präsent geblieben. Das Leben des Wiener Urgroßonkels wird größtenteils in Anekdoten verarbeitet, die mich offen gesagt gelangweilt haben. Bei anderen (jüdischen) Autoren wie Karl Jakob Hirsch, wird eine spezifische Perspektive zum Zeitgeschehen geöffnet und literarisch anspruchsvoll und zugleich lesenswert von den Lebensumständen berichtet. Dies hat mir in "Isidor" gefehlt. Die pathetischen und zugleich schwülstigen Ausdrücke im Zusammenhang mit den schrecklichen Erfahrungen des Urgroßonkels wirken wie Floskeln, die die Brutalität dieser Zeit leider nicht adäquat wiedergeben können. Wer ganz konkret eine Biografie zu einer einzelnen Perspektive innerhalb der Judenverfolgungen im Nationalsozialismus lesen möchte, der kann vielleicht etwas mit dem Buch anfangen, für mich war es nichts.

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Veröffentlicht am 27.05.2022

Bemüht

Die Paradiese von gestern
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Ella und René verbringen ihren ersten Urlaub nach der Wende in Südfrankreich. Dort stranden sie auf einem Schloss, in dem sie auf zwei seltsame Figuren treffen, die Gräfin des Schlosses sowie ihren Diener. ...

Ella und René verbringen ihren ersten Urlaub nach der Wende in Südfrankreich. Dort stranden sie auf einem Schloss, in dem sie auf zwei seltsame Figuren treffen, die Gräfin des Schlosses sowie ihren Diener. Die beiden können dort nächtigen. Durch einige Umstände verlängert sich ihr Aufenthalt und ein Kontakt zu den Schlossbewohnern wird aufgebaut. Der Roman mit seinen gut 550 Seiten gibt uns ein sehr umfassendes Bild vom Schlosshotel der Madame de Violet und ihrem Diener Vincent sowie dem Pärchen aus Deutschland. Die Beziehung des noch jungen Paares verändert sich durch ihren Urlaub und auch die Entscheidungen und die Pläne der Schlossbewohner geraten im Laufe der Handlung ins Wanken. Leider sind mir bis zum Schluss alle Figuren recht unsympathisch geblieben, am meisten mochte ich wohl die Figur des Dieners, der trotz seiner starren Bedienstetenfunktion noch den interessantesten und angenehmsten Charakter hatte. Obwohl die Protagonisten im Buch eine Reise durchmachen, scheint sich diese am Ende doch kaum in ihren Handlungen niederzuschlagen. Die Kapitel sind sehr ausufernd, wir lesen seitenweise von Begegnungen und Geschehnissen, die für den Roman nicht von Belang sind und deren Sinn sich mir nicht erschloss. Die Erzählstimme scheint etwas sprunghaft zu sein. Zudem werden die Gedanken der Figuren künstlich aufgebauscht, aus normalen Dingen werden scheinbar komplexe Gedankengebilde geformt. Dialoge werden fast immer künstlich angeleiert und kratzen meist nur an der Oberfläche. Das ganze Geschehen erscheint mir bemüht inszeniert und fast durchweg kontingent zu sein. Dies scheint vor allem im ersten Teil durchaus ein adäquates Stilmittel zu sein, in diesem Sinne fungiert beispielsweise Ella als hauptsächlicher Katalysator für ein überhaupt stattfindendes Geschehen. Allerdings fehlt dem Roman darüber hinaus jegliche Handlungsmotivation. Die Figuren scheinen auf der Stelle zu stehen. Der Roman war mir insgesamt viel zu bemüht, die Empfindungen und Gedanken pathetisch hochstilisiert. Positiv hervorzuheben sind die sehr schöne Sprache sowie einige tolle Beschreibungen von Landschaften und Wahrnehmungen.

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Veröffentlicht am 16.04.2022

Ungenutztes Potential

Der Flussregenpfeifer
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Nach einem wahren Vorbild: Oskar Speck möchte 1932 mit einem Faltboot von Ulm nach Zypern paddeln. Bei seiner Reise spielen neben den abzusehenden Schwierigkeiten auch politische und persönliche Komponenten ...

Nach einem wahren Vorbild: Oskar Speck möchte 1932 mit einem Faltboot von Ulm nach Zypern paddeln. Bei seiner Reise spielen neben den abzusehenden Schwierigkeiten auch politische und persönliche Komponenten eine Rolle. Die Nationalsozialisten wollen aus ihm einen deutschen Helden machen. Und dann gibt es da noch seine Liebe, bei der er gar nicht auf ein Wiedersehen zu hoffen vermag. Am Ende kommt natürlich alles ganz anders. Der Romanstoff an sich hat die Kapazitäten zu einem wirklich tollen Abenteuerroman, das, was der Autor Tobias Friedrich in seinem Debütroman letztlich daraus gemacht hat, finde ich sehr enttäuschend. Da es sein erster Roman ist und der Autor scheinbar sehr ambitioniert (siehe Vorwort) an den Stoff herangegangen ist, tut es mir umso mehr leid. Doch tatsächlich habe ich mich durch die ersten hundert Seiten gequält und das Buch dann abgebrochen. Der Schreibstil gefällt mir gar nicht, da die zum Teil sehr schwierigen Situationen fast verklärt dargestellt werden. Die Dialoge sind eigentlich ganz okay, aber zum Abschluss eines Gespräches oder eines Kapitels geschehen oft Dinge, die kryptisch angedeutet werden, obwohl eigentlich recht klar ist, was gemeint ist. Dadurch wirkt das Ganze künstlich aufgebauscht. Die Handlung schreitet nicht wirklich voran. Durch die vielen Zeitsprünge und Figurenwechsel wird man über den Ausgang des Abenteuers teilweise gespoilert - was sicherlich Geschmackssache ist, aber ich mag so etwas gar nicht - und man bleibt nie lang genug bei einem Geschehen, um es wirklich erfassen zu können. Die Unwägbarkeiten, denen Oskar gegenübertritt, scheint er nie wirklich ernst zu nehmen. Er bleibt allerdings als Charakter auch sehr blass, weshalb man kaum mit seiner oder einer anderen Gefühlswelt in Kontakt kommt. Gegebenfalls hätte die Handlung im Laufe des Romans an Spannung zugenommen, allerdings blieb sie die ersten hundert Seiten, also etwa ein Fünftel des Buches, konstant. Das Lesen hat mir keinen Spaß gemacht, daher habe ich mich entschlossen, an dieser Stelle abzubrechen. Wenn jemand gerne eine etwas verklärtere Abenteuerfahrt auf 500 Seiten miterleben will, und wenig Wert auf den Realitätsanteil des Geschehens legt, der kann es gut und gerne mal mit dem Roman versuchen. Für mich war das leider nichts.

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Veröffentlicht am 25.01.2022

Ein Abenteuerroman

Die Schule der Redner
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Leon, ein Neffe des Fürsten Rudolf von Habsburg, wird wegen einer Liebelei mit Rudolfs Zukünftiger an dessen Hof eingekerkert und kann schließlich fliehen. Mit dabei hat er ein wertvolles Manuskript zur ...

Leon, ein Neffe des Fürsten Rudolf von Habsburg, wird wegen einer Liebelei mit Rudolfs Zukünftiger an dessen Hof eingekerkert und kann schließlich fliehen. Mit dabei hat er ein wertvolles Manuskript zur Redekunst. Dieses soll er an der "Schule für Redner" in Sankt Gallen abliefern. Über Umwege gelangt er schließlich an sein Ziel und sieht sich auch dort mit Intrigen konfrontiert.
Der Schreibstil ist flüssig und man taucht schnell in die Geschichte ab. Leon durchlebt verschiedene Etappen, die sich nach und nach aneinanderreihen, was beizeiten den Eindruck hinterlässt, man trete als Leser auf der Stelle. Die einzelnen Erlebnisse sind spannend und detailreich beschrieben. Nach und nach erfährt man mehr über die Hintergründe der Schrift und entlarvt die gut konstruierten Lügner und Betrüger.
Mein großer Kritikpunkt an der Geschichte ist der fehlende historische Bezug. Es werden einige mittelalterliche Größen in den Raum geworfen, wie Hartmann von Aue oder Trismegistos, über die historischen Hintergründe erfahren wir leider nichts. Die Sprache stimmt auf vielen Ebenen nicht mit der mittelalterlichen Lebenswelt überein. Wir lesen Ausdrücke wie "Was für ein Scheiß" etc. Auch einige historische Ungereimtheiten fallen auf.
Es geht in diesem Roman auch nicht um mittelalterliches Geschehen, stattdessen lesen wir eine - wenn auch sehr gut erzählte - Abenteuergeschichte eines Jungen mit Fantasyaspekten. Wer auf "Herr der Ringe"-ähnliche Szenarien steht, wird hier seine Freude haben. Wer einen historischen Roman erwartet, wie ihn der Klappentext und das Cover suggerieren, wird leider enttäuscht.

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Veröffentlicht am 28.04.2022

Ein wenig verstörend..

Die dunklen Geheimnisse von Heap House
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Clod gehört zu den Iremongers, einer mächtigen Familie, die über einer Art Mülldynastie stehen. Doch Clod ist ein wenig anders als seine Verwandten, denn er kann Dinge hören. Eines Tages stößt das Waisenmädchen ...

Clod gehört zu den Iremongers, einer mächtigen Familie, die über einer Art Mülldynastie stehen. Doch Clod ist ein wenig anders als seine Verwandten, denn er kann Dinge hören. Eines Tages stößt das Waisenmädchen Lucy zu den Iremongers und die zwei begegnen sich. Auch Lucy ist anders als die anderen um sich herum, denn sie passt sich den besonderen Vorschriften und Regeln nicht an.
Was zuerst einmal sehr spannend und innovativ klingt, entwickelt sich zu einem der merkwürdigsten Bücher, die ich je gelesen habe.
Ich konnte bis zum Schluss nicht erkennen, was das Buch will. Soll es witzig sein? Dystopisch? Mystisch? Geheimnisvoll? Abenteuerlich? Spannend? Es war von allem etwas und von allem nichts. Allein der Humor muss mir komplett entgangen sein. Aber ohne die Story theoretisch witzig finden zu können, ist sie einfach nur skurril. Es geschehen so viele ekelhafte, abstoßende und zutiefst verstörende Dinge, die im Hinblick darauf, dass es sich um ein Kinder-/Jugendbuch handeln soll, einfach nur grenzwertig sind. Es gibt Mädchen, die gerne in Brustwarzen von Männern kneifen und sie umdrehen. Löffel, die scheinbar drogenähnlichen zerkleinerten Stadtmüll enthalten. Menschen werden dazu gezwungen, Spritzen zu bekommen (ok, das ist nichts Neues), aber die Beschreibung davon ist noch abstoßender, als es allein die Tatsache des Zwanges ist.
Ein zutiefst verstörendes Buch, dessen Spannung stellenweise auf der Strecke bleibt. Nach einem Drittel habe ich es quergelesen. Die Geschichte hinter den Dingen scheint sich aufzulösen - allerdings gibt es dafür noch Teil 2 und 3. Das einzig wirklich Gute an dem Buch sind die schaurig-schönen Illustrationen. Die Buchbeschreibung klingt verglichen mit dem Inhalt recht harmlos und zudem ansprechend, weshalb ich mich für die Lektüre entschieden habe. Leider besteht der innovativ klingende Stoff größtenteils auch nur aus bekannten Motiven, die an Bücher wie "Schöne neue Welt" erinnern. Ich empfand die Lektüre als zutiefst deprimierend, da ich die Geschehnisse in ihrer allegorischen Bedeutung als nicht witzig empfand. Die Atmosphäre des Buches ist gut geschildert, daher kann ich das Buch ab frühestens 16 Jahren (!) empfehlen, wenn man dystopische Romane mag.

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